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Im Fadenkreuz - Wenn der Jäger zum Gejagten wird

GeschichteDrama, Familie / P6 / Gen
OC (Own Character) Ran Mori Shinichi Kudo
31.01.2020
04.05.2021
10
14.842
 
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11 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
04.05.2021 2.060
 
Happy Birthday, Shinichi Kudo und Conan Edogawa!

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Epilog: Der Anfang vom Anfang

Shinichi war nervös.
Er drehte immer wieder eine Runde um das Sofa, bis es seinen Kindern zu bunt wurde.
"Dad, setz dich endlich hin! Du machst uns noch ganz hibbelig!"
"Ich kann nicht."
Ran fackelte nicht lange. Als ihr Ehemann an ihr vorbeilief, packte sie ihn und zerrte ihn auf den Platz neben sich.
"Wir wissen ja, dass du nervös bist, aber es bringt nichts, wenn du uns wahnsinnig machst. Wir sind selber auch nervös."
Shinichi seufzte und lächelte sie verlegen an.
"Tut mir leid."

Shinichi schlug die Beine übereinander und verschränkte die Arme vor der Brust, um seine Zappeligkeit zumindest ein bisschen unter Kontrolle zu bekommen, und es funktionierte.
Er starrte auf den Telefonhörer, der auf dem Salontischchen lag und den niemand anfassen durfte, bis es klingelte.

Bis es klingelte...

Shinichi wippte nervös mit dem Fuss.
Er wartete auf den Anruf von Yusaku Kudo.
Er hatte ein Buch geschrieben und es seinem Vater gegeben, nachdem seine Kinder hellauf davon begeistert waren, bevor sie das dritte Kapitel überhaupt zu Ende gelesen hatten. Yusaku, der ebenfalls beeindruckt vom Werk seines Sohnes war, hatte versprochen, es seinen Verlegern zu geben.

Jetzt wartete die ganze Familie auf den Anruf, der ihnen sagen würde, ob Shinichi Kudo den Weg des Schriftstellers einschlagen konnte oder nicht. Nur weil die Kinder die Story gut fanden, hiess das schliesslich noch lange nicht, dass es den Verlegern und dann der breiten Leserschaft auch gefiel.

Shinichi erinnerte sich an sein letztes Telefonat mit seinem Vater, das inzwischen drei Wochen zurücklag.
Yusaku war stolz auf seinen schreibenden Sohn und überhäufte ihn mit Tipps und Tricks. Yukiko freute sich darüber, dass er endlich den gefährlichen Beruf an den Nagel gehängt hatte, und versuchte bei jedem Anruf, ihn für die Schauspielerei zu begeistern. Ran war ebenfalls heilfroh darüber, auch wenn sie inzwischen oftmals fand, dass Shinichi auch mal an die frische Luft gehen sollte. Und die Kinder waren glücklich, ihren Vater in Sicherheit zu wissen und jederzeit griffbereit zu haben, wenn sie ein Problem oder eine Frage hatten.
Sie alle hatten sehr unter seiner Abwesenheit und der Ungewissheit gelitten, doch langsam aber sicher verwandelten sich diese Tage in einfache, wenn auch dunkle Erinnerungen.
Alle erfreuten sich bester Gesundheit, auch Shinichis verletzter Oberarm verheilte gut, so dass schliesslich nur noch eine feine Narbe zurückbleiben würde.
Was konnte man sich nach so einer gefährlichen Zeit im Fadenkreuz sonst noch wünschen?

"Dad, halt endlich still, du machst uns alle noch wahnsinnig-!"
In diesem Moment klingelte das Telefon, und alle erstarrten, auch Shinichi.
Es klingelte weiter, bis endlich wieder Bewegung in den Familienvater kam.
Er nahm den Anruf entgegen, und es war tatsächlich sein Vater.


Shinichi Jr. und alle anderen hielten die Luft an und liessen ihren Vater nicht mehr aus den Augen.
Er hörte ruhig zu, bis er sich von ihm verabschiedete und dann den Kopf und die Schultern hängen liess.
Ran erwartete schon das Schlimmste.
"Oh nein, bitte sag uns nicht, dass sein Verleger dein Buch abgeschmettert hat."

Shinichi legte den Telefonhörer zurück auf das Salontischchen und steckte sich beide Hände in die Hosentaschen.
Er seufzte laut.
"Ran, ich hoffe, du hasst mich jetzt nicht."
Die vierfache Mutter starrte ihn an.
"Wie kommst du darauf?", fragte sie, und Shinichi schmunzelte.
"Ich sehe aus wie mein Vater, jetzt mit den gefärbten Haaren sowieso, ich trage wie er eine Brille, und... ich veröffentliche Bücher, wie er. Okay, bisher nur eins, aber immerhin."
Shunsaku jauchzte, sprang auf und seinem Vater schliesslich um den Hals.
"Du bist nach Grossvater der beste Schriftsteller der Welt!"

Shinichi Jr., Reika und Miyuki applaudierten und freuten sich ebenfalls sehr, während Ran grosse Augen bekam.
"Dein Buch wird veröffentlicht?", fragte sie leise. "Wirklich?"
Shinichi grinste verlegen, als er sich aus Shunsakus Umklammerung befreite.
"Ja. Vater erzählte, dass der Verleger zwar zuerst enttäuscht war, weil es nicht meine Biographie war, sondern nur eine fiktive Geschichte, aber dann hätte er das Talent erkannt und die Seiten geradezu verschlungen. Er meinte, der Leserschaft würde es auch so ergehen."

"Sie wären enttäuscht, weil es nicht deine Biografie ist...", murmelte Shinichi Jr. und schaute zu seinem Vater hoch. "Wieso denn das?"
Shinichi steckte sich erneut beide Hände in die Hosentaschen.
"Tja, offenbar wollen alle wissen, wie aus dem Sohn eines weltberühmten Schriftstellers und Japans grösstem weiblichen Star ein frecher Bursche geworden ist, der es schliesslich zum Meisterdetektiv Japans und Sherlock Holmes des neuen Jahrtausends gebracht hat, bevor er seiner Familie zuliebe den Weg eines Groschenromanautors eingeschlagen hat. Sie alle wollen wissen, wie ich mich bereits im Kindergartenalter ins schönste Mädchen Japans verliebt habe, in die Liebe meines Lebens, meine zukünftige Ehefrau und Mutter meiner Kinder. Und dann natürlich, wie ihr meine Welt auf den Kopf gestellt habt."

Shinichi Jr., Reika, Miyuki und Shunsaku grinsten sich an.
"Wir haben Dads Welt auf den Kopf gestellt!"
Ran trat zu Shinichi und schmiegte sich an ihn.
"Ich gratuliere, Herr Schriftsteller, du hast es also geschafft. Wann wird dein Debütroman erscheinen?"
"In zwei Monaten, hat Vater gesagt. Sie wollen das Buch so schnell wie möglich auf den Markt bringen und legen den Turbo ein."
"Wow."
"Und sie fragen schon nach dem nächsten Buch."


"Hey Dad! Wovon wird dein nächstes Buch handeln?"
Die beiden Zwillingspaare umringten ihren Vater, der jedoch eine ziemlich enttäuschende Antwort gab.
"Keine Ahnung."
"Ach komm schon, Dad."
"Nein, wirklich, ich habe keine Ahnung", wiederholte Shinichi. "Ich hatte schon Probleme, die erste Geschichte zu schreiben, und jetzt wieder eine... Uff. Es ist übrigens ganz schön viel Arbeit, das hätte ich echt nicht gedacht. Bei Vater sah es immer so einfach aus..."
"Um was geht’s in deinem nächsten Buch?"

Shinichi liess die Schultern hängen.
"Kinder, bitte. Ich habe wirklich keine Ahnung. Vielleicht finden die Leser meinen Roman grottenschlecht und zerreissen ihn in der Luft. Dann ist die Sache mit einem weiteren Buch sowieso sehr schnell gegessen."
Shunsaku warf einen Blick zu Shinichi Jr., der nickte.
"Das glaube ich nicht. Wir finden dein Buch super, Grossvater hat es auch gefallen, und wenn der Verleger sagt, dass es sich super verkaufen lässt, dann wird das schon wahr sein. Sonst wäre er ja kein Verleger, oder?"
Shinichi liess die Schultern und den Kopf hängen.
Eigentlich hatten sie Recht. Aber worüber sollte er als nächstes schreiben? Ein Krimi durfte es auf keinen Fall sein, er wollte nicht in Konkurrenz zu seinem Vater treten. Schnulzen lagen ihm nicht, die waren todlangweilig. Sein Erstlingswerk würde offiziell als 'Medizinthriller' gelistet werden... vielleicht sollte er in dieser Sparte weitermachen?
Er richtete sich wieder auf und schob die Brille die Nase hoch.

"Technisch gesehen war ich eine Totgeburt..."
Shinichi Jr., Reika, Miyuki und Shunsaku starrten erschrocken zu ihm hoch.
"Was?"
Shinichi seufzte, dann steckte er sich wieder die Hände in die Hosentaschen.
"Das wäre wohl der erste Satz in meiner Biografie. Oder der erste Satz der nächsten Geschichte, sofern ich sie aus der Ich-Perspektive schreibe. Ansonsten wäre es 'Technisch gesehen war [i]er[/i] eine Totgeburt...'"
Die Augen der Kinder begannen wieder zu leuchten.
"Medizinthriller sind wirklich cool, du solltest diesem Genre treu bleiben, Dad. Oder generell dem Thriller."
"Ja, ich stimme meinem kleinen Bruder zu."
"Ich auch."
"Ich auch."
Shinichi schaute zu Ran, die ihn verschmitzt anlächelte.
"Nun ja, ich würde mich zwar schon über eine Liebesgeschichte freuen, aber ein Medizinthriller ist definitiv auch gut."

Shinichi grinste.
"Wenn du meine Muse bist, musst du mich jetzt küssen, sonst gibt’s überhaupt kein weiteres geschriebenes Wort mehr."
"Ach, ich bin deine Muse?", fragte Ran und schlenderte auf ihn zu. "Das ehrt mich natürlich, aber was, wenn ich dich gar nicht küssen will?"
"Dann muss ich darauf hoffen, dass unser verrückter Nachwuchs mich inspiriert."
Shunsaku schüttelte sofort abwehrend beide Hände.
"Besser nicht, Dad, sonst glauben dein Verleger und deine Leser, du hättest nicht mehr alle Tassen im Schrank und lassen dich in die Klapse einweisen."

Shinichi musste lachen.
"Hey, hey, hey. Inspiration ist das eine, Umsetzung was anderes. Nur weil ihr mich vielleicht zu einer verrückten Geschichte inspiriert, heisst das noch lange nicht, dass ich sie dann auch verrückt schreibe."
Sein sechzehnjähriges Ebenbild schaute herausfordernd zu ihm hoch.
"Schon möglich, aber du bist unser Vater, und von irgendwoher müssen wir unsere Verrücktheit ja haben."
"Touché."
Shinichi Jr. und Miyuki kicherten hinter vorgehaltener Hand, und Shinichi seufzte.

"Wir reden über ein zweites Buch, obwohl das erste noch gar nicht im Verkauf ist. Ich denke, wir sollten erst mal abwarten, ob es wirklich ein Bestseller wird, bevor wir auch nur einen Gedanken an ein mögliches zweites verschwenden."
Shunsaku kniff die Augen zusammen.
Mist, sein Vater hatte Recht.
"Stimmt."
"Also kein Wort mehr darüber, okay? Ich möchte erst abwarten, wie sich das Ganze entwickelt."
"Okay."
"Ist gut, Dad."
"Schade, aber gut."
Shinichi seufzte erneut.
"Tut mir leid."
"Wir freuen uns aber trotzdem sehr, dass dein Buch veröffentlicht wird, es ist nämlich wirklich genial."
Der vierfache Vater bedankte sich und liess dann zu, dass sie ihn umarmten.
"Ihr seid meine Lieblingsfans, und das werdet ihr auch immer bleiben, egal wie eure Kritik ausfällt. Aber jetzt kein Wort mehr, ja?"

Die ganze Familie akzeptierte seine Bitte, und so verging die Zeit.
Seine Eltern kamen zu Besuch und Yusaku leitete alles in die Wege, was noch nötig war und erledigt werden musste, und dann endlich, wie versprochen zwei Monate später, stand der Veröffentlichungstermin vor der Tür.
Der Verkauf harzte erst ein bisschen, doch zwei Wochen und ein bisschen Werbung später stellte sich der Erfolg doch noch ein. Wie vorhergesagt waren die Leser erst enttäuscht, dass es nicht Shinichi Kudos Biographie war, doch nachdem sie das verborgene Talent erkannt hatten, kauften sie innert kurzer Zeit die ganze Auflage leer.
Der Ruf nach einer Fortsetzung wurde schnell immer lauter.

Diese ausverkaufte erste Auflage war das Zeichen, auf das die ganze Familie gewartet hatte, es bedeutete, dass er diesen Weg tatsächlich weitergehen konnte. Der Grundstein für eine Karriere als Schriftsteller war gelegt.
Er musste jetzt nur noch die Kraft und das Durchhaltevermögen aufbringen, diesen Weg auch weiterzugehen.
Aber... Würde er das schaffen?

Diese Frage beschäftigte den ehemaligen Detektiv auch drei Wochen später noch, als er, mit Papier und Laptop ausgestattet, vor dem Schreibtisch in der Bibliothek stand.
Würde er das wirklich schaffen?
Shinichi setzte sich hin, faltete die Hände hinter dem Kopf und lehnte sich zurück. Wie machte sein Vater das bloss immer?
Yusaku Kudo veröffentlichte ein Buch nach dem anderen, während er, Shinichi, stundenlang dasass, das leere weisse Blatt Papier oder den Laptop anstarrte und keinen Schimmer hatte, was er eigentlich schreiben sollte. Nannte man das eine Schreibblockade? Oder war das etwa doch schlichtweg fehlendes Talent? War er bloss ein One-Hit-Wonder?

Shinichi stöhnte auf und schloss die Augen. Diese Geschichte über den hochintelligenten Dreijährigen, der schliesslich zur tödlichen Gefahr für seine Familie und seine Umwelt wurde, hatte er sich in den vielen Stunden zusammengereimt. Aber jetzt musste er sich etwas Neues einfallen lassen. Was wollten die Leute denn lesen, ausser Krimis oder Schnulzen?
Das war echt zum Haare raufen!

Nachdem der ehemalige Detektiv eine ganze Stunde lang dasass und nachdachte, hatte er eine Idee. Warum schrieb er nicht einfach die Geschichte, die ganz Japan interessierte und die sich perfekt verkaufen liess?
Im ersten Moment verwarf er sie schnell wieder, da sie doch etwas... speziell war. Doch dann entschied er sich doch wieder um.
Shinichi lächelte und setzte sich auf, dann schob er sich die Brille die Nase hoch und begann, den ersten Satz zu tippen.

[i]"Technisch gesehen war ich eine Totgeburt..."[/i]
Sein eigenes Leben konnte man tatsächlich als Medizinthriller bezeichnen, also warum sollte er diese Geschichte nicht schreiben?

Es war schliesslich der wahre Thriller eines Mannes, der die meiste Zeit seines Lebens im Fadenkreuz verbracht hatte...

Owari
 
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