Guardian angel stay with me

von AnjaAve
GeschichteFamilie, Tragödie / P18
Jimmy John
30.01.2020
17.10.2020
20
42.142
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17.10.2020 2.315
 
Paddy und Angelo werden nach dem Mittagessen von Joey abgeholt. Ich begrüße auch ihn mit einer Umarmung. Seitdem die beiden Jungen hier sind, fühle ich mich wieder ganz gut auf den Beinen. Trotzdem lehne ich ihr Angebot ab, sie zu begleiten. Selbst wenn ich nur zuschauen würde, wäre das dann doch noch zu anstrengend. Und außerdem will ich John im Moment nicht unbedingt über den Weg laufen. Das würde mich nur wieder unnötig durcheinander bringen und ich bin echt froh, dass es mir grad wieder so gut geht.
Also verabschiede ich mich erstmal wieder von den Geschwistern. Joey nimmt beide Gitarren und Paddy nimmt Angelo seine Bongos ab. Mit der anderen Hand, nimmt er seinen jüngeren Bruder an die Hand und so machen sie sich zu dritt auf den Weg zur Innenstadt.
Wieder in der Wohnung setzt sich Meike zu mir. Ich lehne meinen Kopf an ihre Schulter und sie legt ihren Arm um mich.
„Ich hab schon immer bewundert, wie gut du mit Kindern umgehen kannst. Sie lassen dich regelrecht strahlen. Selbst jetzt…“, sagt sie nach einem Moment, in dem wir nur geschwiegen haben.
„Sie sind mir wirklich sehr ans Herz gewachsen!“, gebe ich lächelnd zu.
„Ich mag das Leben auf dem Hausboot. Auf engstem Raum mit so vielen Leuten. Klar wird es auch mal anstrengend, aber da hält jeder zusammen!“, füge ich noch hinzu und höre Meike schmunzeln.
„Klingt fast so, als wärst du ein Teil der Familie geworden", meint sie anschließend lächelnd.
„Ja… irgendwie schon… aber trotzdem könnte ich im Moment nicht dorthin zurück. Ich habe alles kaputt gemacht mit John", ich seufze und lasse deprimiert den Kopf hängen.
„Das weißt du doch gar nicht. Rede mit ihm. Immerhin ist er hierher gefahren. Er war ja wahrscheinlich überhaupt nur ein paar Stunden in Köln", versucht mir meine Schwester Mut zu machen.
„Natürlich ist er gefahren. Sonst hält keiner so eine lange Autofahrt durch. Ganz alleine. Höchstens vielleicht James. Aber der ist ja grade in Irland…“, ich mache eine Pause und denke an ihn.
Was er wohl grade macht? Wie wohl jetzt alles wäre, wenn er nicht gegangen wäre? Wären wir ein Paar? Wäre er mit mir hier in Leipzig?
„Und ohne Patricia wird es schwierig für den Rest der Familie. Da war es nur logisch, dass die ganze Familie hierher kommt… und ohne John als Fahrer kannst du das vergessen“, rede ich weiter.
„Was macht Jimmy denn in Irland?“, fragt Meike neugierig und lenkt mich so von John ab.
Sie kann ja nicht wissen, was zwischen James und mir vorgefallen ist.
„Er will… sich selbst finden. Er musste einfach mal raus. Für ihn… ist das alles nicht so einfach. Er… ist einfach etwas anders… ein… ja, ein Freigeist", versuche ich ihr zu erklären.
„Und ein Sturkopf“, füge ich lächelnd noch hinzu. Meike schmunzelt ebenfalls.
„Ganz wie sein Vater?“, fragt sie, doch ich bin schon längst wieder in Gedanken versunken.
„Hm? Ja… irgendwie schon“, antworte ich schließlich.
Vielleicht ist das ja das Problem bei den beiden.
Meine Gedanken werden erneut unterbrochen, als Meikes Handy klingelt. Beide schauen wir überrascht auf das Display. Herr Krüger, Polizei.
Ich nicke und meine Schwester nimmt den Anruf entgegen.
„Herr Krüger, das kommt jetzt überraschend. Was ist denn los?“, beginnt sie das Gespräch.
„Warten Sie, ich gebe Ihnen meine Schwester. Sie sitzt grade neben mir“, damit reicht sie ihr Telefon an mich weiter.
„Hallo?“, sage ich.
„Hallo Frau Höchst. Ich hoffe, es geht Ihnen den Umständen entsprechend gut. Wir haben gestern nach Ihrer Aussage ein paar Verdächtige ausfindig machen können und würden gerne eine Gegenüberstellung machen. Natürlich nur, wenn Sie sich dazu in der Lage fühlen…“, ich bin ziemlich überrumpelt von dieser Aussage.
„Ich ähm… wann wäre das denn?“, frage ich, statt eine Antwort zu geben.
„So zeitnah wie möglich. Natürlich müssten Sie dazu hier zu uns nach Leipzig aufs Präsidium kommen…“, ich schlucke den Kloß herunter, der sich in meinem Hals gebildet hat.
Das ist das Richtige. Wenn es eine Chance gibt, dass diese Mistkerle ihre gerechte Strafe bekommen, muss sie genutzt werden.
„Ich bin schon in Leipzig. Wir sind bei Freunden untergekommen…“, erkläre ich dem Polizisten.
„Heißt das, Sie würden das machen?“, fragt er direkt nach einer eindeutigen Zustimmung. Ich atme einmal tief durch.
„Ja. Ich werde es tun. Solange die Verdächtigen mich nicht sehen", sage ich und bemühe meine Stimme so fest wie möglich klingen zu lassen.
„Natürlich. Das steht gar nicht in Frage. Nur Sie können die Verdächtigen sehen, nicht umgekehrt. Haben Sie einen Zettel zur Hand? Dann gebe ich Ihnen eine Wegbeschreibung durch…“, seine Aussage beruhigt mich gleich wieder etwas.

Wenig später machen Meike und ich uns also auf den Weg. Sie hinterlässt Michael und Sabine eine Nachricht, falls die beiden vor uns wieder in der Wohnung sein sollten.
Wir fahren mit der Straßenbahn in die Innenstadt und finden ohne Probleme den Weg zum Präsidium. Dort werden wir vom wachhabenden Polizisten begrüßt und an Herrn Krüger weitergereicht. Ohne viel Zeit zu verlieren, erklärt er uns, wie das Ganze ablaufen wird. Dabei setze ich mich auf seinen  Stuhl, da mich das relativ viele Laufen doch ziemlich geschafft hat. Warum bin ich nur so schwach, verdammt! Es ist ja nicht so, als hätte ich plötzlich all meine Muskeln verloren. Vor ein paar Tagen habe ich noch die Kelly-Geschwister übers Hausboot gejagt und nun das.
Wenig später sitze ich hinter der Scheibe, durch die ich in den Vernehmungsraum schauen kann, in dem die Verdächtigen in einer Linie aufgestellt werden. Ich erkenne die drei Männer sofort, was Herrn Krüger sichtlich freut, in mir jedoch erneut die Erinnerungen an den Abend wieder aufleben lässt. Meike sieht es mir dieses Mal allerdings direkt an und nimmt mich in den Arm. Sie spricht mir gut zu und hält mich fest, als ich beginne zu zittern und die Schmerzen wiederkehren. Herr Krüger lässt uns allein, um sich um die Verdächtigen zu kümmern, kehrt anschließend jedoch zu uns zurück und entschuldigt sich umfassend.
Ich habe mich in der Zeit Dank Meike wieder halbwegs gefangen.
„Ist schon gut. Sie können ja nichts dafür. Und das hier war wichtig", sage ich mit schwacher Stimme. Herr Krüger lächelt gequält.
„Wenn Sie wollen, können Sie sich hier noch etwas ausruhen“, meint er, doch ich schüttle nur den Kopf.
„Lass uns zurück zu Michael gehen. Ich will mich hinlegen“, sage ich zu Meike und sie nickt verstehend.
Gemeinsam verabschieden wir uns von Herrn Krüger. Vor dem Präsidium strahlt uns die Sonne entgegen.
„Lass uns da lang gehen. So ist es noch kürzer bis zur Haltestelle", meint Meike und zeigt in eine kleine Seitenstraße.
Ich folge ihr und konzentriere mich dabei einfach nur auf das Laufen.
Hinter der Seitenstraße öffnet sich ein Platz und plötzlich stehen wir dem Doppeldeckerbus der Kelly Family gegenüber. Maite und Barby jagen gerade Angelo einmal quer über den Platz. Der Jüngste ist allerdings viel zu flink, als dass die beiden Mädchen wirklich eine Chance hätten. Paddy und John sitzen auf einer Bank und spielen auf ihren Gitarren. Patricia und Joey sind nicht zu sehen. Ich bleibe wie angewachsen stehen und will umkehren, da hat Angelo mich auch schon entdeckt und kommt zu mir gerannt.
„Linda!“, ruft er dabei so laut, dass sich auch Paddy und John zu uns umdrehen.
Maite und Barby kommen kurz nach Angelo bei mir an und umarmen mich stürmisch. Ich bin etwas überrumpelt, doch Meike hält meinen Arm fest, sodass ich nicht das Gleichgewicht verliere.
„Komm, tanz mit uns", fordert mich Maite auf und führt demonstrativ eine wunderschöne Drehung auf.
Angelo ahmt seine Schwester etwas weniger formvollendet nach und bringt mich damit zum Lächeln.
„Geht es dir besser? Ich dachte, du wolltest dich ausruhen", fragt mich Paddy.
Er und John haben mittlerweile zu uns aufgeschlossen. Ich meide Johns Blick.
„Nicht wirklich. Ich war grade für eine Gegenüberstellung bei der Polizei. Jetzt bin ich aber wirklich ganz geschafft und muss mich so bald wie möglich hinlegen“, erkläre ich Paddy.
„Was ist eine Gegenüberstellung?“, fragt Maite neugierig.
„Das ist, wenn sich jemand mehrere Leute anschaut, um jemand bestimmtes zu finden", erklärt John seiner kleinen Schwester geschickt, ohne den Vorfall zu erwähnen.
„Suchst du denn jemanden?“, fragt Maite weiter.
Hilflos schaue ich nun doch John an.
„Ich hab dir doch erzählt, dass ein paar Männer Linda wehgetan haben. Wir haben sie doch danach im Krankenhaus kennengelernt. Und nach diesen Männern hat die Polizei jetzt gesucht“, übernimmt er weiterhin, wofür ich ihm sehr dankbar bin.
„Und werden die jetzt bestraft?“, will Maite weiter wissen.
„Ganz bestimmt", sagt John lächelnd.
„Gut so!“, meint Barby und ihre Schwester stimmt ihr zu.
„Ich würde dir nie wehtun. Wir alle nicht", sagt Angelo und nimmt meine Hand.
Ich hocke mich hin und schließe ihn fest in meine Arme.
„Das weiß ich doch“, sage ich leise zu ihm und streiche durch seine Locken.
Ich begegne Johns Blick und sehe noch immer die gleiche Traurigkeit in ihm. Schnell schaue ich wieder woanders hin. Ich sehe, wie Maite und Barby uns zögernd bei unserer Umarmung zusehen.
„Na kommt schon her", fordere ich die Mädchen auf und schon wird eine Gruppenumarmung daraus.
Mir wird dabei leicht schummrig und ich hätte sicher das Gleichgewicht verloren, wenn mich nicht sechs Arme festgehalten hätten. Als sie sich allerdings wieder von mir lösen, gerate ich heftig ins Schwanken und habe Probleme mich aufzurichten. Sofort hält Meike mich wieder fest und hilft mir. Ich spüre, wie meine Beine zittern und mir ihren Dienst versagen. Ich klammere mich an meiner Schwester fest, doch sie kann mich kaum halten.
Sofort ist John zur Stelle. Er hält mich fest und nach einem kurzen Blick zum Bus hebt er mich hoch. Ich bin zu schwach, um zu protestieren.
„Macht uns den Weg frei. Ich bringe sie nach oben. Kathys Bett", weist John seine Geschwister an.
Ich lasse alles über mich ergehen und klammere mich schließlich sogar richtig an ihm fest, als er mit mir auf dem Arm die Treppe nach oben steigt. Ich spüre seine Anstrengung, doch er hält mich sicher fest, bis er mich sanft auf dem freien Bett von Kathy ablegt. Als er gehen will, halte ich instinktiv seine Hand fest. Er sieht mich einen Moment an. Ich sehe wieder die Traurigkeit in seinen Augen. Dann löst er meine Hand von seiner und geht. Einfach so.
Einen Moment später tauchen Patricia und Meike neben mir auf.
„Du meine Güte! Was ist denn passiert?“, fragt Patricia und nimmt meine Hand.
„Es war einfach zu viel für sie. Wir waren bei der Polizei wegen einer Gegenüberstellung. Der Weg dorthin, der Stress, die Erinnerungen… und dann sind wir auch noch hier auf euch alle gestoßen. Ich hatte ja keine Ahnung, dass euer Bus gerade hier stehen würde. Dann das Wiedersehen mit John, die stürmischen Begrüßungen der Kinder…“, mit besorgter Stimme klärt Meike sie auf.
„Sie braucht einfach nur Ruhe. Sie ist sehr schwach seit… unserem Besuch beim Grab", den letzten Teil flüstert sie.
„Ist schon gut, Meike. Ich komm schon damit klar… ich bin nur so schlapp…“, wende ich ein.
„Na dann lassen wir dich mal in Ruhe. Können wir noch was für dich tun? Brauchst du irgendwas?“, ich schüttle nur den Kopf.
Patricia drückt lächelnd meine Hand, dann lassen beide mich allein und binnen weniger Minuten bin ich meiner Müdigkeit erlegen.

Als ich meine Augen öffne, sehe ich, wie Paddy grade scheinbar wieder geht.
„Hey", sage ich leise und sofort dreht er sich zu mir um.
Schnell ist er bei mir und ich mache ihm Platz, damit er sich neben mich setzen kann.
„Du bist ja doch wach“, meint er lächelnd.
„Es gibt Abendbrot. Ich wollte nur schauen, wie’s dir geht und ob du mitessen willst“, erklärt er mir. Ich lächle ihn warm an und nehme seine Hand.
„Nimm es mir nicht übel, aber ich würde lieber noch etwas liegen bleiben. Der ganze Trubel… das ist im Moment nichts für mich“, sage ich leise und merke, wie trocken mein Hals mal wieder ist.
Sofort reicht mir Paddy eine Wasserflasche, die ich lächelnd entgegennehme. Nach ein paar Schlucken geht es mir gleich besser.
„Ich versteh schon. Ich sag den anderen einfach, dass du noch schläfst", meint Paddy schließlich und steht wieder auf.
Lächelnd schaue ich ihm hinterher. Er ist wirklich ein toller Junge. Hoffentlich wird er immer so warmherzig und hilfsbereit bleiben.
Seufzend lege ich mich wieder bequemer hin und schließe erneut die Augen.
Ich werde wieder wach, als der Geruch von Kräutertee an meine Nase dringt. Verschlafen richte ich mich auf. Patricia trägt ein Tablett mit einer großen dampfenden Tasse Tee und einer kleinen Schale Suppe.
„Ich dachte, viel mehr würdest du eh nicht essen. Paddy hat mir erzählt, wie wenig du heute Mittag gegessen hast. Du musst aufpassen, sonst kommst du nicht wieder zu Kräften", meint sie besorgt.
Dann fordert sie mich auf, zur Seite zu rutschen. Sie setzt sich neben mich und wir unterhalten uns locker, während ich trinke und esse. Tatsächlich leere ich sowohl die Tasse als auch die Schale. Sichtbar zufrieden stellt Patricia das Tablett neben das Bett.
„Du bleibst heute Nacht hier. Deine Schwester ist schon zu euren Freunden zurückgefahren. Wir passen schon auf dich auf und bringen dich morgen zurück. Wir… müssen morgen auch zurück nach Köln. Vater geht es nicht gut. Er fragt wohl ständig nach uns… es war ja nicht geplant, dass wir alle wegfahren…“, ich nicke verstehend.
„Danke", sage ich leise, dann lege ich meinen Kopf an ihre Schulter.
„Das ist doch selbstverständlich. Schließlich gehörst du jetzt zur Familie", meint Patricia und mir wird ganz warm ums Herz.
„Deine Schwester ist übrigens sehr nett", sagt sie nach etwas Schweigen.
„Sie hat mit uns noch gemeinsam gegessen“, fügt sie noch hinzu.
Ich bin zu müde, um noch wirklich was zu erwidern. Sie merkt das und verlässt mein Bett, damit ich genug Platz hab, um mich bequem hinzulegen.
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