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Ein neues Leben

GeschichteFantasy, Freundschaft / P18 / Gen
29.01.2020
21.03.2021
14
87.851
27
Alle Kapitel
78 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
 
29.01.2020 4.121
 
Ich grüße euch zu einer neuen Geschichte von mir. Vorab eine Warnung. Die Story basiert lose auf dem ersten Kinofilm der Drachenzähmen leicht gemacht Trilogie. Allerdings ist der Verlauf anders als im Film.
Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen.



Berk wurde mal wieder von Drachen heimgesucht, die alles Essbare mitnahmen, was nicht niet- und nagelfest war. Lange dauerte der Angriff der geflügelten Wesen nicht. Der Schaden war allerdings immens. Zahlreiche Häuser waren niedergebrannt oder so schwer beschädigt, dass sie unbewohnbar waren. Hicks hatte alle Hände voll in der Schmiede zutun. Um dem Zorn und der Prügel seines Vaters zu entgehen, hatte der Junge Grobians Rat befolgt und war in der Schmiede geblieben, um beschädigte Waffen zu reparieren. Auch wenn der Fünfzehnjährige, in den Augen des gesamten Dorfes, schmächtig und schwach war, so hatte er doch ein Händchen für die Schmiedekunst entwickelt. „Hicks mein Jung, wie sieht es aus?“, fragte Grobian, der gerade in die Schmiede zurückkehrte. „Drei Schwerter und 2 Streitäxte, dann bin ich fertig und alle Waffen sind für den nächsten Drachenangriff wieder einsatzbereit“, antwortete Hicks, der gerade ein Langschwert am Amboss ausbesserte. „Das ist sehr gut Hicks“, lobte ihn der alte Schmied. Das Lob seines Mentors war ein Ritterschlag für den Jungen. War Grobian doch gefühlt der Einzige, der ihn mit Respekt behandelte und der in ihm ein Stammesmitglied und keine Schande sah. Hicks gute Laune verschwand schlagartig, als sein Vater in der Schmiede auftauchte. „Hallo Vater“, sagte der junge Wikinger tonlos. „Wie sieht es mit den Waffen aus?“, dröhnte Haudrauf in rauem Ton. „Bis zum Mittag sollten alle Waffen wieder einsatzfähig sein“, antwortete der Braunhaarige ausdruckslos. „Geht das nicht schneller? Du weißt doch, wir brauchen diese Waffen zur Verteidigung, gegen die fliegenden Bestien!“, donnerte das Stammesoberhaupt ungeduldig. „Vater, wir können hier auch nicht mehr als arbeiten. Grobian schmiedet neue Waffen und ich bessere die Beschädigten aus“, entgegnete Hicks patziger als er es wollte. Haudrauf gefiel der Ton seines Sohnes ganz und gar nicht, weswegen er ihm eine kräftige Ohrfeige verpasste. Der Junge ging benommen zu Boden. „Haudrauf, das geht zu weit!“, entfuhr es Grobian wütend. Das Stammesoberhaupt sah seinen langjährigen Freund verwundert an. Er wusste, dass der Schmied ihm nie Wiederworte geben, oder gar seine Autorität in Frage stellen würde. „Grobian, was ist denn in dich gefahren?“, wollte Haudrauf wissen. „Ganz einfach, ich werde nicht daneben stehen und zuschauen, wie du Hicks verprügelst, wegen einer Tatsache. Wir können hier nicht mehr als arbeiten. Und nun geht eine Stunde verloren, weil Hicks nicht ganz bei Sinnen ist. Deinetwegen wohl gemerkt“, erwiderte der blonde Wikinger bestimmt. Haudrauf schnaubte kurz, ließ die Sache aber auf sich beruhen und verließ die Schmiede. „Alles klar mein Jung?“, fragte Grobian besorgt und half Hicks auf die Füße. „Es geht, könnte schlimmer sein“, antwortete der Junge und rieb sich über die stark gerötete Wange. Er machte sich nichts aus den Ausbrüchen seines Vaters. Er war es gewohnt für alle der Prügelknabe zu sein.


Gegen Abend verließ Hicks die Schmiede. Er wollte nach Hause. Auf dem Weg dorthin, begegneten ihm Astrid, Rotzbakke, Fischbein, Raffnuss und Taffnuss. „Hey Oberloser, wie geht es dir? Das Dorf heute mal nicht in Schutt und Asche gelegt?“, fragte Rotzbakke abfällig, was die anderen zum Lachen brachte. Es regte den stämmigen Wikingerjüngling allerdings ziemlich auf, dass sich Hicks scheinbar nicht an seiner Schikane zu stören schien. „Hey du Drachenzahnstocher, ich habe dich gerade beleidigt!“, fauchte Rotzbakke wütend. „Na und. Das tust du doch ständig. Deine Beleidigungen sind doch mittlerweile so abgedroschen, dass man sich nur noch lustig darüber machen kann. Denk dir doch mal ein paar Neue aus. Oh, verzeih mir bitte Rotzbakke. Ich habe doch glatt vergessen, dass das Denken bei dir ja reine Glückssache ist“, erwiderte der braunhaarige Junge trocken, was den Effekt umkehrte und Rotzbakke nun der Dumme war. Sofort ging er auf Hicks los. Der schmächtige Wikinger versuchte sich instinktiv zu schützen, hatte aber den wuchtigen Schlägen Rotzbakkes nicht viel entgegenzusetzen. Die andern schauten kurz zu, wie Hicks vermöbelt wurde. „Sag mal Astrid, sollte Hicks nicht deine Streitaxt ausbessern?“, erkundigte sich Raffnuss. Der blonden Schildmaid fiel es wie Schuppen von den Augen und sie zerrte Rotzbakke von Hicks weg. „Danke Astrid“, keuchte dieser schmerzerfüllt und erhob sich. „Das habe ich nicht aus Freundschaft zu dir getan. Ich hatte einfach nur Mitleid, außerdem musst du meine Streitaxt noch ausbessern“, erwiderte Astrid kühl. Hicks zuckte bloß mit den Schultern und sprach: „Wie du meinst.“ Ohne sich noch einmal zu seinen Altersgenossen umzudrehen, setzte er seinen Weg zur Häuptlingshütte fort.


Zu Hause wurde Hicks bereits von seinem Vater erwartet. „Was ist dir denn passiert?“, wandte sich Haudrauf an Hicks, als er seinen Sohn sah. Er erwartete keine Antwort, denn er wusste, dass Hicks von irgendwem Prügel bezogen hatte. „Das Übliche Vater. Das Übliche“, erwiderte der Junge bloß. „Wegen heute Morgen. Es tut mir leid mein Sohn. Ich hätte dich nicht Ohrfeigen sollen“, kam es nach einer kurzen Pause von Haudrauf. Hicks hörte sofort, dass die Entschuldigung seines Vaters viel zu hölzern klang, um echt zu sein. „Ist schon in Ordnung Vater. Ich war dir gegenüber respektlos und hatte es nicht anders verdient“, entgegnete der junge Wikinger diplomatisch. Das Stammesoberhaupt nickte zufrieden, die scheinbare Einsicht seines Sohnes gefiel ihm. Gemeinsam aßen die beiden zu Abend. Da Hicks im Laufe der Jahre gelernt hatte zu Schauspielern, fragte er seinem Vater ein Loch in den Bauch, über die Arbeit des Stammesoberhauptes. Vom „Interesse“ seines Sohnes begeistert, erklärte ihm Haudrauf alles nach bestem Wissen und bemerkte dabei nicht, dass sein Gegenüber mit seinen Gedanken ganz woanders war. Etwa eine Stunde später sagte der Junge seinem Vater gute Nacht. „Du gehst heute aber früh ins Bett“, meinte das Stammesoberhaupt. „Ich habe Grobian versprochen, morgen schon eine Stunde vor Sonnenaufgang bei ihm zu sein und ihm dabei zu helfen neue Waffen fürs Dorf zu schmieden. Der nächste Drachenangriff kommt bestimmt bald. Und dafür sollten wir gerüstet sein, um die Biester in die Flucht zu schlagen“, entgegnete Hicks energisch. Haudrauf war vom Kampfgeist seines Sohnes angenehm überrascht und wünschte ihm eine gute Nacht. „Vielleicht ist Hicks ja doch zu etwas zu gebrauchen“, dachte der stämmige Wikinger.


Kaum dass Hicks in seinem Zimmer war, kramte er unter dem Bett das Drachenhandbuch und einige Notizzettel hervor. Heimlich hatte er angefangen die Drachen zu studieren. Er war fasziniert von den geflügelten Wesen. Bei vielen Angriffen hatte der Junge beobachtet, dass die Drachen nicht planlos agierten. Effizient und intelligent schienen sie ihre Angriffe zu vorzubereiten und durchzuführen. Immer wieder verglich Hicks, seine Beobachtungen mit den Fakten im Drachenhandbuch und stellte die Erkenntnisse der Wikinger in Frage. So notierte er auch jetzt wieder seine Beobachtungen. Der Junge wusste, dass er ein gefährliches Spiel spielte. Sollte sein Vater diese Aufzeichnungen finden, würde man ihn verbannen oder direkt töten. Aber Hicks hatte eine Vorliebe für sein gefährliches Spiel entwickelt. Wusste er doch, dass er nicht wirklich viel zu verlieren hatte. Irgendwann übermannte ihn die Müdigkeit und er ließ seine Aufzeichnungen wieder im Versteck verschwinden. Schnell fand sich Hicks im Land der Träume wieder, oder besser gesagt, im Land der Alpträume. Immer wieder träumte er von seiner Verbannung oder anderen Dingen, die ihm angetan wurden. Anderthalb Stunden vor Sonnenaufgang wachte Hicks schweißgebadet auf. Er hatte davon geträumt, den Drachen geopfert zu werden. Der Gedanke daran, ließ den Jungen erschaudern. Da an Schlaf nicht mehr zu denken war, beschloss Hicks sich frisch zu machen und schon zur Schmiede zu gehen.  


Wie Hicks es erwartet hatte, schlief Grobian noch. Der Junge heizte die Esse an und begann an Astrids Axt zu arbeiten. „Oh man, was hat Astrid bloß mit ihrer Axt gemacht? Wollte sie Felsen damit spalten?“, stöhnte der Junge, als er die Waffe genauer unter die Lupe nahm. Das Axtblatt war vollkommen zerkratzt, der Stiel wies Risse auf und die Schneiden waren stumpf und mit tiefen Kerben übersäht. Langsam erhitzte er das Blatt der Axt und begann vorsichtig die Kerben  auszubessern. Durch die Hammerschläge aus der Werkstatt wurde Grobian wach. Er beschloss nachzusehen, wer da in seiner Schmiede war. Es überraschte ihn wenig, als er Hicks sah. „Guten Morgen mein Jung. Du bist aber früh dran. Auch für deine Verhältnisse“, meinte Grobian und gähnte. „Morgen Grobian. Ich konnte nicht mehr schlafen. Alpträume“, antwortete der Junge. „Na dann erzähl mal mein Jung, das befreit“, sprach der alte Schmied und hörte seinem Lehrling zu. Hicks redete sich seinen Frust von der Seele. Es tat ihm gut, über seine Probleme zu sprechen. „Und Haudrauf hat dich im Traum wirklich den Drachen geopfert?“, hakte Grobian nach. „Ja das hat er. Er nannte es ein „notwendiges Opfer zum Wohle des gesamten Dorfes“. Doch sein Blick sagte etwas anderes“, antwortete der Junge niedergeschlagen. „Ach, mach dir da keinen Kopf drum Hicks. Haudrauf mag sein wie er will, aber er würde dich niemals einem Drachen opfern“, entgegnete der Schmied und schaute sich die Arbeit seines Lehrlings an. „Die gehört doch Astrid, oder?“, erkundigte er sich, um das Thema zu wechseln. „Ja, genau Grobian“, erwiderte Hicks. „Weißt du was Hicks. Schmiede die Axt fertig und dann machst du dir nen schönen Tag mit Astrid. Ich weiß, du magst sie sehr“, frotzelte Grobian grinsend. „Das geht doch nicht. Hier ist doch noch so viel Arbeit“, meinte der Jüngling und wurde rot. „Schnick schnack, Arbeit. Das Leben besteht aus mehr als nur Arbeit. Du nimmst dir den Rest des Tages frei und machst dir einen schönen Tag mit Astrid. Ich glaube sie mag dich auch“, sprach Grobian. „M-meinst du… w-wirklich?“, stotterte der Junge unsicher. „Aber klar doch. Du bist doch fast so gutaussehend wie ich“, antwortete Grobian und warf sich in Pose, was seinen Rücken bedenklich knacken ließ. „Das solltest du besser nicht machen, wenn du dich nicht vorher aufgewärmt hast“, meinte Hicks und lächelte leicht. „Ich glaube, da hast du recht mein Jung“, lachte der Schmied.


Gut drei Stunden, hatte Hicks an Astrids Streitaxt geschmiedet. Er hatte alle Kerben beseitigt, die Kratzer geglättet, das Axtblatt frisch poliert und die Waffe mit einem neuen Griff aus Eichenholz versehen und das untere Griffstück mit Leder umwickelt. „Ich hoffe Astrid sagt ihre verbesserte Axt zu“, dachte sich der Junge und machte sich auf die Suche nach der blonden Schildmaid. Er fand sie etwas außerhalb des Dorfes, beim Schießtraining. Hicks machte sich frühzeitig bemerkbar, um nicht von einem Pfeil getroffen zu werden. „Was willst du Hicks?“, fragte Astrid und legte den Langbogen bei Seite. „Ich möchte dir deine Axt bringen“, antwortete der Junge verlegen und reichte der Schildmaid die Waffe. Sie nahm die Streitaxt entgegen und probierte sie sofort aus. Hicks schaute ihr bewundernd eine Weile zu. „Und? Wie liegt sie in der Hand?“, wollte er neugierig wissen. „Das ist eine hervorragende Arbeit Hicks. Sie liegt viel besser in der Hand als vorher“, antwortete Astrid sichtlich begeistert. Sie ging auf Hicks zu und umarmte ihn aus Dankbarkeit. „A-a-astrid, da gibt es e-etwas, dass ich dir s-s-sagen möchte“, kam es, nervös stockend, vom Jüngling. „Was denn?“, fragte die Wikingerin locker und löste die Umarmung. Hicks atmete einige Male tief ein und aus und nahm seinen ganzen Mut zusammen. Vorsichtig nahm er Astrids Hand und stotterte: „Ich….ich……ich habe mi…mich in di…dich ver…ver…verliebt.“ Die Schildmaid zog ruckartig ihre Hand zurück und nahm zwei Schritte Abstand zu ihrem Gegenüber. Der Jüngling sah, wie sich die Mundwinkel des Mädchens zu einem Grinsen verzogen. Schließlich begann sie zu lachen. Hicks spürte einen Stich im Herzen. Er spürte, dass er es verbockt hatte. Es dauerte einige Minuten, bis Astrid sich eingekriegt hatte. „Oh man Hicks, der Witz war gut. Ich habe dir das sogar für einen Augenblick abgekauft“, lachte sie und wischte sich eine Lachträne weg. Als sie das traurige Gesicht des Jünglings sah, wurde ihr klar, dass er es tatsächlich ernst gemeint hatte. Aus der gerade empfundenen Freude, wurde augenblicklich Wut. Astrid holte aus und verpasste Hicks einen Faustschlag in die Magengrube. Benommen vom Schmerz, ging der Junge in die Knie und rang hustend nach Atem. „Wie kannst DU es wagen, DICH in MICH zu verlieben?!? Ich würde dir nicht mal eine Chance geben, wenn du der letzte Mann auf der Erde wärst!“, schrie sie ihn an. Hicks‘ Augen füllten sich mit Tränen. Der seelische Schmerz, war deutlich schlimmer als der physische Schmerz. Astrid holte aus und verpasste, dem am Boden liegenden Jüngling, einen kräftigen Fußtritt. Wieder zuckte Hicks vor Schmerz zusammen. Er hoffte, dass sie einfach nur gehen würde, aber er wurde enttäuscht, denn es folgten noch vier weitere, genauso kraftvolle Tritte. Verschwommen sah er, wie die Schildmaid für einen weiteren Tritt ausholte. Hicks versuchte sich mental auf den Schmerz vorzubereiten. Stattdessen hörte er, wie Astrid schmerzerfüllt aufschrie und zu Boden ging. Sie hielt sich den Kopf und schaute, schäumend vor Wut, über dem am Boden liegenden Jungen hinweg. „Sag mal spinnst du Raffnuss? Du kannst mir nicht einfach einen Stein an den Schädel schmeißen!“, brüllte die Schildmaid und hielt sich den Kopf. „Sie bloß zu, dass du Land gewinnst, du miese Stück Drachenscheiße! Hicks hat dir nie etwas getan, also lass ihn in Ruhe, oder ich mache dich persönlich einen Kopf kürzer“, schrie Raffnuss und kniete sich zu Hicks hin. Astrid nahm ihren Bogen und ihre Axt, warf ihrer Kameradin einen vernichtenden Blick zu und verschwand in Richtung Dorf. „Danke Raffnuss“, presste der Jüngling hervor. „Da nicht für. Ich frage besser gar nicht erst, wie es dir geht. Kannst du aufstehen?“, sprudelte es aus dem Mädchen heraus. Hicks versuchte sich vom Boden abzudrücken, aber ein heftiger Schmerz durchzuckte seinen Körper. Raffnuss sah, dass der Junge nicht aus eigener Kraft aufstehen, geschweige denn ins Dorf gehen konnte. Ohne zu zögern, half sie Hicks auf die Beine und stützte ihn, so gut es ging. „Ich bringe dich erstmal zu Gothi“, meinte die junge Frau fest entschlossen.


Der Weg zu Gothis Hütte gestaltete sich als schwierig. Hicks musste immer wieder kurze Pausen einlegen, um zu Atem zu kommen. Raffnuss machte sich ernsthafte Sorgen um ihn, wusste sie doch, dass Astrid eine starke Kämpferin und Hicks nun mal weniger kräftig gebaut war. „Komm Hicks, es ist nicht mehr weit“, sprach das Mädchen aufbauend. Hicks versuchte sich aufzurappeln, auch wenn es ihm sehr schwerfiel. Eine knappe halbe Stunde dauerte es, bis die beiden Gothis Hütte erreicht hatten. Die Stammesälteste bekam einen Schreck, als sie Hicks sah. „Er wurde von Astrid zusammengeschlagen und mehrfach in die Rippen getreten“, gab Raffnuss Auskunft und half dem Jungen sich auf einen Hocker zu setzen. Gothi deutete Hicks an, sein Wams auszuziehen. Mühsam quälte sich der Jüngling aus seiner Oberbekleidung. In Raffnuss loderte blinde Wut auf, als sie die Blutergüsse sah. „Ich gehe schnell los und hole Grobian“, zischte das Mädchen leise und rannte los. Derweil untersuchte die Stammesälteste den jungen Wikinger.


Als Raffnuss mit Grobian Gothis Hütte erreichte, bandagierte diese bereits Hicks‘ Oberkörper. Danach warf sie etwas Sand aus und begann einige Zeichen auf den Boden zu kritzeln. Grobian stellte sich hinter die Dorfälteste und dolmetschte: „Okay, Gothi sagt, dass Hicks einige Prellungen und zwei gebrochene Rapp- autsch Rippen hat, aber keine inneren Verätzunge-“, Gothi unterbrach ihn erneut, in dem sie ihm einen Schlag mit ihrem Stab verpasste. „Hey, deine Schrift war auch schon mal besser, du Kräuterhexe“, verteidigte sich der Schmied und ging in Deckung, um nicht ein drittes Mal den Stab der alten Dame zu spüren. Gothi stampfte energisch mit dem Stab auf und deutete erst auf Hicks und dann auf die weiteren Symbole. Augenblicklich wurde Grobian wieder ernst und übersetzte wieder die Gedanken der Heilerin. Er räusperte sich kurz und fuhr dann fort: „Hicks hat zwei gebrochene Rippen, aber keine inneren Verletzungen. Er soll sich jetzt erstmal schonen und darf mindestens acht Kno-“, Gothi warf ihm einen entrüsteten Blick zu, worauf er sich sofort korrigierte: „Wochen keine schweren Arbeiten verrichten“, erklärte Grobian. „Was?!? Das geht doch nicht! Ich bin in den Augen des Dorfes schon jetzt ein Nichtsnutz, wenn ich auch noch acht Wochen herumliege, bin ich endgültig unten durch“, empörte sich Hicks und sprang vom Hocker auf. Sofort ging er durch den Schmerz wieder in die Knie. „HICKS!“, entfuhr es Raffnuss entsetzt. Sie half ihm auf und verfrachtete ihn wieder auf den Hocker. Die Stammesälteste sah ihn ernst an und schüttelte den Kopf. „Hicks, du weißt, dass du nicht mit Gothi verhandeln kannst. Wenn sie sagt, dass du dich schonen musst, dann solltest du das auch tun. Ansonsten fesselt sie dich ans Bett“, meinte Grobian einfühlsam zu seinem Lehrling und rieb sich verstohlen den Kopf. „Bitte Hicks, du musst dich schonen. Und wenn dir einer blöd kommen sollte, dann bring ich ihn oder sie einfach um“, fügte Raffnuss mit einem besorgten Blick hinzu. „Warum hast du dich eigentlich vorhin für mich eingesetzt?“, wollte der Jüngling wissen. „Weil ich dich mag“, antwortete das Mädchen und schaute Hicks dabei tief in die Augen. Er konnte sehen, dass sie die Wahrheit sagte. „So und nun bringen wir dich nach Hause“, ordnete Grobian an und half Hicks in sein Wams. Vorsichtig zog der Schmied seinen Lehrling auf die Füße. Raffnuss und Grobian konnten sehen, dass es Hicks deutlich widerstrebte nach Hause zu gehen. Sie beide konnten sich den Grund denken. Aber es half nichts und das wusste der Junge auch. Haudrauf war besorgt, als er sah, dass sein Sohn gestützt heimkam. „Was ist dir denn passiert?“, erkundigte sich das Stammesoberhaupt. „Er hat Astrid gestanden, dass er sich in sie verliebt hat. Deswegen hat sie ihn brutal zusammengeschlagen“, antwortete Raffnuss, noch bevor Hicks reagieren konnte. Haudrauf war schockiert. Grobian war ebenfalls entsetzt, hatte er doch mit allem gerechnet, aber nicht damit, dass sein Schützling wegen diesem Liebesgeständnis, so übel zugerichtet wurde. „Hilf Hicks bitte hoch Raffnuss. Und pass bitte auf, dass er sich hinlegt“, bat das Stammesoberhaupt. „Jawohl Haudrauf“, erwiderte das Mädchen fest. Etwa dreißig Minuten später als Hicks, von den Ereignissen des Tages überwältigt, in den Schlaf gesunken war, kehrte Raffnuss zurück. „Würdest du mir bitte sagen was passiert ist?“, richtete sich Haudrauf an das Mädchen und die Schildmaid erzählte, so ausführlich wie möglich, was sie gesehen und mitbekommen hatte. „Das Gör nehme ich mir mal zur Brust“, dachte Grobian, als sie ihre Erzählung beendet hatte und er verabschiedete sich von seinem Freund und von Raffnuss. „Ich schaue noch mal nach Hicks, bevor ich nach Hause gehe“, meinte das Mädchen und verschwand in den ersten Stock. Leise warf sie einen Blick in das Zimmer des Jungen und sah, dass er schlief. Genauso leise, wie sie gekommen war, verschwand sie wieder.


Zwei Wochen waren seit der Prügelattacke vergangen. Raffnuss war tierisch sauer, weil Astrid fast straffrei aus der Sache rauskam. Das bereitete auch Grobian Unmut. Und zu allem Überfluss, häuften sich die Drachenangriffe und die Vorräte gingen zu neige. Kurz um, das gesamte Dorf stand kurz davor den Aufstand zu proben. Haudrauf berief eine Sitzung ein, um Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Alle Segelexpeditionen, mit dem Ziel, das Drachennest zu finden, verliefen erfolglos. Im Verlauf der Sitzung kamen etliche Vorschläge zusammen, die allesamt nichts taugten, da sie alle auf roher Gewalt fußten. „Wir könnten ja versuchen die Drachen mit einem Menschopfer zu besänftigen“, kam es irgendwann von Kotzbakke. „Einen Versuch wäre es wert“, meinte der lange Hein. „Blödsinn Menschenopfer. In den letzten drei Jahren sind zwölf unserer Leute durch die Drachen getötet worden und trotzdem haben die Angriffe nicht abgenommen. Außerdem haben wir seit hundert Jahren keinen Menschen mehr geopfert“, entgegnete der kahle Torsten vehement. „Torsten hat recht. Außerdem, wen sollten wir denn opfern?“, meinte Sven der Schwertschwinger, einer der gefürchtetsten Schwertkämpfer von Berk. „Na ja, wir könnten Hicks opfern“, schlug Kotzbakke vor. „Hast‘de Lack gesoffen Kotzbakke!?! Ich werde doch nicht zulassen, dass diese fliegenden Bestien meinen Sohn fressen!“, donnerte Haudrauf. „Oh, auf einmal so väterlich? Du sagst doch selbst, dass er ein Taugenichts ist, Haudrauf“, entgegnete Kotzbakke herablassend. „Ob Taugenichts oder nicht. Er ist immer noch mein Fleisch und Blut und ich liebe ihn, also nächster Vorschlag!“, polterte das Stammesoberhaupt. Erneut brach eine hitzige Diskussion unter den Männern und Frauen aus und es lief wieder und wieder darauf hinaus, Hicks den Drachen zu opfern. Der Streit endete in einer Abstimmung. Zum Entsetzen des Stammesoberhaupts, entschied sich das Dorf tatsächlich dafür, Hicks zu opfern. „Haudrauf, hau auf den Tisch! Sag was! Mach einen Vorschlag, aber lass nicht zu, dass sie deinen Sohn den Drachen zum Fraß vorwerfen“, forderte Grobian seinen alten Freund energisch auf. „Was soll ich denn tun? Das Dorf hat entschieden und du kennst das Gesetz“, erwiderte Haudrauf gebrochen. Der Schmied kannte das Gesetz genau und wusste, dass sein Freund und Stammesoberhaupt, nichts tun konnte.


Am nächsten Morgen weckte Haudrauf seinen Sohn. Hicks war misstrauisch, weil sein Vater auffällig freundlich zu ihm war. „Sag mal Sohn, was hältst du davon, wenn wir heute zusammen mit Grobian Fischen gehen?“, fragte das Stammesoberhaupt beim Frühstück. „Das wäre wirklich schön“, antwortete der Junge. Und es war die Wahrheit. Nach dem Frühstück begaben sich Vater und Sohn zur Schmiede, wo Grobian die beiden bereits erwartete. „Moin mein Jung, moin Haudrauf“, grüßte der Schmied. Und wieder erkannte Hicks, dass etwas an der Situation falsch zu sein schien. Aber er tat es bloß als dummes Gefühl ab. Die Dreiergruppe verbrachte eine schöne Zeit gemeinsam an einem kleinen See. Hicks genoss das Ganze sichtlich. Er fühlte sich zurückversetzt in die Zeit, als er sieben Jahre alt war. Das Idyll wurde jäh gestört, als Kotzbakke in Begleitung seines Sohnes Rotzbakke auftauchte. Sofort stürzte sich Rotzbakke auf Hicks und fesselte ihn. „Was hat das zu bedeuten?“, wollte der schlanke Junge wissen, während er versuchte, die Schmerzen zu unterdrücken. „Das Dorf hat darüber abgestimmt, dass du den Drachen geopfert wirst“, antwortete Kotzbakke. Hicks schaute abwechselnd zwischen seinem Vater und Grobian hin und her. „War mein Traum eine Prophezeiung“, dachte sich der Jüngling. Hicks schaute seinem Vater in die Augen. Er erkannte die Liebe und Trauer eines Vaters, der seinen Sohn nicht retten kann. Rotzbakke verband Hicks die Augen und wollte ihn wegschaffen. „Hast du noch ein paar letzte Worte, bevor wir dich verfüttern“, spottete der stramme Wikingerjunge mit einem fiesen Grinsen. „Danke, dass ihr mir noch ein paar schöne Stunden gegeben habt“, sprach Hicks. Die Worte des Jungen trafen Haudrauf und Grobian bis ins Mark. In jedem einzelnen Wort lag Liebe. Das Stammesoberhaupt schaute zum Schmied. Der schüttelte bloß den Kopf. „Ich werde euch begleiten“, wandte sich Haudrauf an die Jorgensons. „Ganz wie du meinst“, erwiderte Kotzbakke und zuckte mit den Schultern. „Wir müssen los“, ließ dieser verlauten.


Hicks zählte wegen der Augenbinde seine Schritte. Er wusste nicht, wo man ihn hinbrachte, vermutete aber, dass er die Augenbinde nur trug, damit er nicht zurückfand. „Hicks, ich mach die beiden platt, dann kannst du flüchten“, flüsterte Haudrauf ihm ins Ohr. „Nein Vater. Ich kenne das Wikingergesetz. Ich möchte nicht, dass du in Schwierigkeiten gerätst“, erwiderte der Junge. Jeder weitere Versuch seitens des Stammesoberhauptes wurde von dem Jüngling verneint oder ausgeschlagen. Schließlich erreichte der kleine Trupp sein Ziel. Eine Höhle auf der Nordseite der Insel, von der es hieß, dass Drachen drin hausten. Haudrauf ließ nun seinen Gefühlen freien Lauf und drückte seinen Sohn noch einmal fest an sich. „In den letzten acht Jahren, war ich ein miserabler Vater. Ich war viel zu streng zu dir und habe dir viel zu wenig gezeigt, wie sehr ich dich liebe. Aber das Schlimmste ist, ich werde es nicht wieder gut machen können“, sprach das Stammesoberhaupt leise. „Ich vergebe dir Vater. Ich liebe dich“, erwiderte Hicks mit brüchiger Stimme. Haudrauf konnte seine Tränen nun nicht mehr zurückhalten. „Es wird Zeit“, forderte Kotzbakke mit belegter Stimme. Nun schien auch ihm sein Vorschlag mit dem Menschenopfer an die Nieren zu gehen. „Ich werde Hicks ein Stück weit in die Höhle führen“, kam es von Rotzbakke. Hicks ergab sich in sein Schicksal, allerdings fürchtete er, dass Rotzbakke noch eine letzte Gemeinheit für ihn hatte. Zu seinem Leidwesen hatte der Junge mit seiner Vermutung Recht. Hinter einer Biegung zog Rotzbakke einen Dolch und zerschnitt Hicks die Oberbekleidung. „Wa-was soll da-das?“, stammelte der schmächtige Junge ängstlich. „Ganz einfach. Wenn die Drachen dich nicht fressen, wird die Kälte dir den Garaus machen“, lachte der kräftige Wikingerjüngling hämisch und verschwand aus der Höhle. „Du linker Hund. Sollen die Götter dich strafen“, dachte Hicks und hoffte inständig, dass Geopferte auch noch Bitten an die Götter stellen konnten. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen und tastete sich immer tiefer in die Höhle hinein. „Hoffentlich ist der Drache so gnädig, mir einen schnellen Tod zu gewähren“, ging es ihm durch den Kopf. Plötzlich spürte Hicks eine Präsenz. Er wusste, dass er nicht allein war. Er konnte ihn deutlich in seiner Nähe spüren. Den Drachen.



Ich hoffe dieses erste, recht düstere Kapitel hat euch trotzdem irgendwie gefallen.
Über ein Review würde ich mich riesig freuen.

Liebe Grüße

Euer Fuchs
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