Kur(t)zschluss

von Cosmicola
GeschichteRomanze, Freundschaft / P18 Slash
Engel & Dämonen
28.01.2020
30.06.2020
76
167.888
15
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30.06.2020 2.688
 
Andrea


»Emilio, an dieser Blickkontakt-Problematik müssen wir zweifellos noch arbeiten.«
»Hngggg«, macht Emil erstickt, während er sein Gesicht an meine Brust drückt. »Du bist gemein zu mir.«
»Ich bin gemein zu dir?« Schmunzelnd küsse ich ihn auf den Kopf. »Offen gesagt hatte ich nicht den Eindruck, dass du in der letzten Stunde den Eindruck hattest, ich hätte mich dir gegenüber gemein verhalten.«
»Hff.« Emil hebt den Kopf und blinzelt mich mit geröteten Wangen an. »Woah, Andrea.«
Was ich in der vergangenen Stunde mit meinen Händen, meinen Lippen, meiner Zunge und Emils Körper gemacht habe, kann er nach wie vor nicht vollständig fassen. Und hätte ich mir vor einem Dreivierteljahr vorgestellt, dass es mich vollkommen erfüllen könnte, Emil über eine Stunde hinweg auf unterschiedlichste Weise zum Höhepunkt zu bringen, hätte ich mir erfolgreich eingeredet, mich selbst anzuwidern. Ich widere mich tatsächlich an. Wenn ich an den Menschen denke, der ich damals war. Demnach kann ich Emil seine noch immer präsente Überforderung nicht verdenken.
Während ich sein erhitztes Gesicht betrachte, kommt mir eine Frage in den Sinn, die ich mir schon oft, Emil aber noch nie gestellt habe. Ich streichle seine Wange, bis er sich erneut an mich schmiegt, und beschließe, die Frage jetzt nachzuholen: »Emil, wie hast du bemerkt, dass Frauen kein Thema für dich sind? Und wann?«
»Boah!«, stößt er aus, als hätte ich ihn gebeten, einen Vortrag über Zellbiologie zu halten. »Das ist jetzt aber ein ernster Abschluss für diesen Abend.«
»Ist es? Warum? Und wenn, soll es eben so sein – du hast dich vor genau einer Woche meinetwegen geprügelt; das war für meinen Geschmack schon reichlich ernst. Somit führen wir nur ein neues Ritual ein.«
»Also, geprügelt ist übertrieben«, sagt Emil. »Außerdem hab ich immer noch das Gefühl, dass du irgendwie auf die Vorstellung stehst. Na ja, und ernst ist es, weil – das war an einem 29. Oktober. In so einer Nacht, weißt du, wegen Rainer. Meiner ersten solchen Nacht. Da war ich dreizehn.«
»Dreizehn«, wiederhole ich perplex.
»Mhm.« Ich fühle Emil in meinen Armen in sich zusammensinken und festige meinen Griff um ihn. »Weißt du, ich wollte – ich wollte irgendwie näher bei jemandem sein, als das mit Ida, Meike und Schrubber möglich war. Ich kann es nicht richtig erklären. Das Mädchen war älter als ich, sechzehn, und alle sagten mir, sie würde mich süß finden, obwohl ich ein totaler Hänfling war. Ronja. Sie hing tagsüber mit fünf Punks ab, mit denen Schrubber oft Alkohol und anderen Kram getauscht hat, mit unseren Nachbarn sozusagen, aber nachts ging sie nach Hause. Und dann bin ich einfach mit ihr mitgegangen, es war nicht schwierig. In ihrem Zimmer hingen – Überraschung – lauter Poster von Kurt Cobain. Und sie war keine Jungfrau mehr und wusste genau, was ich tun musste, also war das auch nicht schwierig. Ich glaub, besonders gut war es nicht für sie, aber trotzdem nicht so beschissen wie für mich. Für mich war es … Weißt du, ich hatte damals noch gar keine Vorstellung, wie es sein sollte, aber auf gar keinen Fall so. Plötzlich hatte ich das Bild von einem Scheibenwischer im Kopf, auf der Frontscheibe von Rainers altem Golf. So eine hilflose, unmotivierte Automatik. Ksch-ksch. Ksch-ksch. Ich hab das hingekriegt, aber ich fand Ronja ungefähr so attraktiv wie eine Autoscheibe, obwohl sie echt hübsch war. Gut gerochen hat sie auch. Bis dahin hatte ich über so was nicht nachgedacht, aber da fing es an. Und ich wusste natürlich, dass es Kerle gibt, die auf Kerle stehen. Und mir dann immer wieder unauffällig irgendwelche Jungs anzuschauen und zu merken, dass ich wohl so einer bin, so einer, der auf Kerle steht – das war dann auch nicht weiter schwierig. Überhaupt nichts von dem Kram war schwierig für mich. Ein paar Wochen später ging ich mit einem älteren Jungen mit, der auch regelmäßig seine Zeit mit den Punks verbracht hat. Wir nannten ihn Flickflack; seinen eigentlichen Vornamen mochte er nicht. Er hat mir ziemlich viel beigebracht und ich hab ein bisschen für ihn geschwärmt, aber irgendwann hat er Stress mit seinen Eltern bekommen und sich nicht mehr bei uns anderen blicken lassen. Erst wollte ich ihm nachlaufen, aber Ida hat mir das ausgeredet. Und, na ja, ähm. Nach Flickflack hatte ich ziemlich viele. Ehrlich gesagt wurde das zu meiner Masche, um regelmäßig saubere Badezimmer benutzen zu können. Aber immer mit Gummi. Von Anfang an. Und nie mit ungepflegten Kerlen oder für Geld oder so ein Scheiß. Und dann, ab dem Frühjahr 2008, gab es nur noch einen für mich.«
Ich presse Emils Körper an mich und wir schweigen lange. Seine Geschichte hat mir ein unangenehmes, geradezu schmerzhaftes Gefühl in den Magen gepflanzt. Nicht, weil ich ihn für seinen sexuellen Werdegang verurteilen würde. Nicht, weil ich mich schon wieder in sinnloser Selbstgeißelung zu ergehen drohe. Sondern weil …
»Für dich war das schwerer«, flüstert Emil schließlich. »Das weiß ich, Andrea.«
Nickend starre ich an die Schlafzimmerdecke und fühle mich im Vergleich zu Emil feige, obwohl ich auf objektiver Ebene weiß, dass es keinen Grund dafür gibt. Nicht in Bezug auf mein jugendliches Ich, das an Panik grenzende Angst vor der Hölle und den Händen seines Vaters hatte und darüber hinaus an nichts mehr zu denken wagte, wenn es um seine eigene Sexualität ging.
»Das kann man gar nicht vergleichen«, fügt Emil hinzu. Manchmal habe ich das Gefühl, er kann meine Gedanken hören. »Dass du überhaupt so früh so offen gelebt hast, ist beeindruckend nach allem, was deine Familie im Allgemeinen und dein Vater im Besonderen mit dir gemacht hat. Den religiösen Wahn kann man vielleicht noch halbwegs abschütteln, obwohl diese Dämonenaustreibungsscheiße schon richtig heftig war, aber das andere, das – das war Missbrauch. Ich würde es sogar als Vergewaltigung bezeichnen, auch wenn unser Rechtssystem das nicht tut. Und was die mit dir gemacht haben, was er mit dir gemacht hat, war nicht deine Schuld, Andrea.«
Ich nicke abermals. Emil hat recht. Nachdem meine Eltern bei dem Unfall im März 2001 ums Leben gekommen waren, habe ich kein Geheimnis mehr aus meiner Homosexualität gemacht, und von den Händen abgesehen hatte ich zu keiner Zeit ein Problem damit, mich Männern körperlich zu nähern, sobald ich mich von den beängstigenden religiösen Vorstellungen meiner Kindheit und Jugend gelöst hatte.
»Du bist wunderschön, Andrea Belfiore«, raunt Emil. Er richtet sich auf, beugt sich über mich und lehnt seine Stirn an meine. »Ich liebe dich.«
»Ich liebe dich.« Ich lege die Hände auf seinen Rücken, schließe die Augen und atme seinen Duft ein.
Minutenlang verharren wir in dieser Haltung. Mein Körper entspannt sich ebenso wie mein Geist, und das unangenehme Gefühl in meinem Magen löst sich auf.

»Ich stell mir grad vor, wie es gewesen wäre, wenn ich mit dreizehn mit zu dir gegangen wäre«, murmelt Emil irgendwann. »Zu der Zeit … hättest du mich vielleicht gemocht. Oder eher: zugeben können, dass du mich magst.«
Ich muss lächeln und öffne die Augen wieder, und Emil löst sich minimal von mir, damit wir uns ansehen können. »Da war ich siebzehn, Emil.«
»Na und? Ein Jahr älter als Ronja und Flickflack und genauso alt wie Meike und Schrubber. Ich hab fast immer mit älteren Leuten rumgehangen.«
»Mit dir ins Bett gegangen wäre ich trotzdem nicht.« Ich staune über meine ausgesprochen gute Laune. »Selbst wenn du es noch so gern gewollt hättest, von mir war zu dieser Zeit keinerlei Initiative zu erwarten, schon gar nicht gegenüber einem Dreizehnjährigen.«
»Dann ein Jahr später«, befindet Emil. »Nachdem ich mal wusste, worauf ich stehe, konnte ich ziemlich hartnäckig sein. Ich hätte garantiert schon mit vierzehn gewusst, dass ich dich will. Boah, ich hätte dich so was von verfolgt.«
Ich lache. »Immerhin waren zu dem Zeitpunkt meine Eltern nicht mehr da. Ich hätte deine Anwesenheit zwar Maria erklären müssen, doch das wäre mit Sicherheit das geringste Problem gewesen.«
Emil lacht ebenfalls und reibt seine Wange an meiner Schulter. »Uh, so ein nerviger kleiner Straßenköter, der ständig versucht, dich von der Rettung deines Verlags abzuhalten, weil er mit dir kuscheln will.«
»Grausam«, behaupte ich. »Aber … mit achtzehn hätte ich dich garantiert besser behandelt als … später.« Einmal mehr fühle ich mich schuldig. »Zumindest, wenn wir uns früh genug getroffen hätten, da hast du schon recht. Du hättest mich nicht anlügen müssen und das in dem Alter wahrscheinlich ohnehin nicht glaubwürdig geschafft, und ich hätte ganz sicher nicht behauptet, dich nicht ausstehen zu können.«
Emil nähert sich meinem Gesicht wieder und küsst mich so intensiv, dass der Raum sich um mich dreht. »Wir haben uns früh genug getroffen, dass unser Leben jetzt giga ist«, erklärt er mir dann lächelnd.

Ein Leben, das großartig ist – giga, wie Emil sagt –, führe ich inzwischen wahrhaftig. Obwohl ich durch die Veränderungen in der Verlagsleitung gewisse finanzielle Abstriche machen muss. Und obwohl ich mich allmählich an den Gedanken heranwage, demnächst eine Kleidergröße mehr zu brauchen. Eine. Zu mehr bin ich nicht bereit, und mehr ist dank meines derzeitigen Bewegungspensums auch nicht zu befürchten. Würden Emil und ich nicht derart viel in der Gegend herumlaufen, hätte ich schon jetzt ein Problem, denn regelmäßig mit Emil und Zeus zu essen, bleibt bei meiner Veranlagung nicht ungestraft. Mit Sex allein könnte ich eine gravierende Gewichtszunahme nicht abwenden.
Ich weiß nicht, wie sich das später entwickeln wird. Ich weiß nur, dass meine Prioritäten sich verschieben. Noch fühle ich mich mit all den Veränderungen relativ entspannt.
Mein Vertrauen darauf, dass Elisabeth und Stefania die bisherige Linie des Verlags weiterführen, ist ungebrochen. Es gelingt mir besser als erwartet, sie nicht allzu intensiv im Auge zu behalten. Wichtige Entscheidungen treffen wir weiterhin gemeinsam, und mit Gewissheit hat keine der beiden Interesse daran, Belfiore zu einem reinen Mainstream-Verlag umzufunktionieren, obwohl wir uns an die Verkaufszahlen von Durchs Schlüsselloch gewöhnen könnten.
Martin Hildebrandt befindet sich auf dem Weg der Besserung und wird auch weiterhin die Gabe besitzen, Romanzen, die den Nerv sehnsüchtiger Frauen treffen, mit tiefschürfenden historischen Stoffen zu verknüpfen. Er hat mir aus dem Krankenhaus heraus eine überdimensionierte Schachtel kostspieliger Pralinen geschickt, die Emil und Zeus begeistert an nur einem Abend verschlungen haben – zum Dank für die gelungenen Lesungen auf der LBM. Obwohl weit größere Verlage ihn mit Kusshand in die Riege ihrer Starautoren aufnehmen würden, kommt ein Wechsel für Hildebrandt nun endgültig nicht mehr infrage.

»Andrea?«, murmelt Emil schläfrig, als wir aus dem Bad zurückkehren und uns ins frisch bezogene Bett legen. »Ich hab Zeus heute Morgen gefragt, ob wir was wegen dem Trinkgeld machen können. Wegen des Trinkgelds, mein ich. Ich meine, weil – weil es immer mehr Gäste gibt, die mir mehr geben als Hella. Ich find das nicht okay; Hella hat viel mehr Erfahrung als ich. Ich weiß gar nicht, was die alle mit mir haben.«
Ich zögere eine Sekunde. »Das kann ich dir erklären, glaube ich.«
»Ja?«, fragt Emil zweifelnd.
»Ja.« Ich schiebe die Hand unter sein T-Shirt und streichle seinen Bauch. »Es liegt nicht daran, dass du fachlich besser wärst, das ist es nicht. Du stehst Hella allerdings auch garantiert in nichts mehr nach. Und du bist – präsenter. Für Hella war das in der Taverne von Anfang an ein Übergangsjob, etwas für ein paar Jahre. Jetzt ist sie so gut wie fertig mit ihrem Studium und damit auch mit ihrem Job bei Zeus. Das heißt natürlich nicht, dass sie nicht weiterhin gut darin ist, aber wer feine Antennen hat, merkt unterschwellig, dass das bei dir anders aussieht. Du hast keine weiterführenden Pläne, zumindest keine, die dich von der Taverne wegführen. Falls dir das Einsprechen des Hörbuchs so gut gefällt, dass du mehr in diese Richtung machen möchtest, werden Zeus und ich uns schon einig. Zur Not esse ich sogar ein Stück Pralinentorte, wenn ich dich dafür ausleihen darf – und wenn es mir niemand übel nimmt, dass ich mich danach übergebe. Jedenfalls: Du befindest dich immer im aktuellen Moment. Die Taverne ist dir wichtig und du steckst da einige Hingabe rein. Menschen schätzen diese Aufmerksamkeit, auch wenn sie auf bewusster Ebene keine Ahnung davon haben.«
Erstaunt blinzelt Emil mich an. »Aber es ist trotzdem unfair. Hella macht ihren Job auch toll, und ich will, dass wir unser Trinkgeld in eine Spardose werfen und es dann durch zwei teilen. Zeus sagt, das ist okay, wenn Hella einverstanden ist, aber mit Studenten, die später immer nur für ein paar Stunden kommen, fangen wir das besser nicht an, das wäre zu chaotisch.« Erneut blinzelt Emil, dann grinst er mich breit an. »Das mit der Torte fände ich aber grausam. Dir ging es echt dreckig nach dem Riesenstück an Marias Geburtstag, und dich mit so einem Meisterwerk zum Kotzen zu bringen, würde Zeus nicht gefallen. Hängen wir lieber noch ein paar Bilder von nackten Statuen auf.«
»Meinetwegen«, antworte ich belustigt. »Oder wir überlassen die Entscheidung ganz einfach Zeus.«
»Okay.« Emil kichert, ehe er mit einem Mal ernst wird. Seine vorherige Schläfrigkeit fällt von ihm ab. »Andrea, letzte Woche, nachdem das mit Thomas war – da hat Zeus mich gefragt, ob mir so was öfter passiert, dass mich Leute von früher anpöbeln, weil sie nicht damit klarkommen, dass es mir jetzt besser geht als ihnen. Das ist wieder so eine Situation, wo ich nicht weiß, ob es okay ist, dass wir drüber reden – aber irgendwie lässt es mir keine Ruhe.«
Überrascht betrachte ich Emil. »Das ist …«
»… krass, oder? Es wirkt so schlicht und einfach, aber für Zeus ist es ungewöhnlich.«
»Das ist es, ja.«
»Zeus ist inzwischen ziemlich oft anders als früher. Ich fürchte bloß, dass ich ihn nicht danach fragen kann, weil – das ist nichts Bewusstes, glaub ich.«
Ich nicke langsam. »Das glaube ich auch. Ähnlich, wie er gar nicht zu bemerken scheint, dass er dich fast permanent bei irgendetwas beobachtet.«
Emil stutzt, dann richtet er sich auf.
Ich tue es ihm gleich.
»Dir ist das auch aufgefallen«, bläst er aus.
»Es ist schwer zu übersehen«, bestätige ich. »Ich habe das früher schon gelegentlich bemerkt, doch momentan kommt es auffällig häufig vor.«
»Aber das ist nichts Sexuelles, Andrea«, erklärt Emil eilig. »Echt nicht. Auch nichts Romantisches.«
»Das weiß ich«, beruhige ich ihn. Ich schließe meine rechte Hand um seine linke. »Auch das ist nicht zu übersehen. Du bist auf diese Weise nicht interessant für Zeus. Das ist … irgendetwas anderes. Ich kann mir nur nicht erklären, was. Und ich stimme dir darin zu, dass es unklug wäre, Zeus einfach darauf anzusprechen. Ich vermute, dass es harmlos ist und wir nicht daran zugrunde gehen werden, keine Erklärung dafür zu bekommen.«
Emils Nicken wirkt so erleichtert, dass ich ein Ziehen im Brustkorb fühle. »Zeus hasst es abgrundtief, Tischdecken zu bügeln«, sagt er dann mit vorsichtigem Schmunzeln, »aber er findet es extrem spannend, dabei zuzuschauen, wie ich das mache. Freude darüber, einen anderen leiden zu sehen, kann es nicht sein – ich meine, erstens leide ich nicht, und zweitens ist Zeus überhaupt nicht der Typ dafür.«
»Nein«, erwidere ich nachdenklich. »Das ist er auf keinen Fall. Du sagtest, du seist dir inzwischen sicher, dass er keine Angehörigen hat, zumindest keine, zu denen irgendeine Form von Kontakt besteht. Unschöne familiäre Geschichten können der Grund für vieles sein. Du machst das schon richtig, Emil. Es wäre absurd, zu versuchen, Zeus irgendetwas aufzuzwingen. Selbst wenn ihm nicht alles bewusst ist, was er tut – er ist ein Mensch mit einer so hohen, breit gefächerten Intelligenz, wie ich sie selten gesehen habe. Sich über ihn zu stellen und aktiv an Dingen zu rühren, die er von selbst nicht anspricht, würde nirgendwo hinführen. Vielleicht erfährst du im Lauf der Zeit noch mehr über ihn, vielleicht aber auch nicht. Es ist vernünftig von dir, auch diesbezüglich im Moment zu bleiben und abzuwarten, was passiert.«
Ein weiteres von Emils Talenten. Er kann Menschen voll und ganz so nehmen, wie sie sind.
Erneut nickt er. »Wenn du das auch so siehst, bin ich froh. Ich meine, er – er ist mir total wichtig, aber er ist eben erwachsen und noch dazu mein Chef, und in manchen Sachen stochert man besser nicht rum.«
Ich stutze. »Emil, ich weiß, zu welcher Art von Spruch dieser Satz eine Steilvorlage für Zeus wäre.«
Für zwei, drei Sekunden starrt er mich irritiert an. Dann beginnt er, lautstark zu prusten. »Willst du in mir rumstochern, Andrea? Jetzt gleich? Oder soll ich? Irgendwie bin ich jetzt wieder total wach.«
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