Kur(t)zschluss

von Cosmicola
GeschichteFantasy, Freundschaft / P18 Slash
28.01.2020
17.02.2020
23
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Andrea


»Mann, was für ein Mistwetter.«
»Das darf doch nicht wahr sein, gerade war Ruhe und jetzt regnet’s schon wieder!«
»Ich nehm später zur Sicherheit meinen Schirm mit; wenn das nicht aufhört, zu schütten, hält meine Frisur nie.«
»Woah! Schau dir mal an, wie das gießt!«
»Andrea, fährst du mich nachher zu Michelle? Ist zwar nicht weit von hier, aber ich trau dem Wetter nicht.«
Die wetterbezogenen Unmutsbekundungen meiner Schwester haben sich im Laufe der vergangenen Dreiviertelstunde signifikant gesteigert. Tatsächlich war heute von dem vom Wetterbericht angekündigten goldenen Oktoberabschied herzlich wenig zu spüren, doch ich müsste ein Narr sein, um den subtilen Versuch der Manipulation nicht zu erkennen, den Marias letzte Äußerung enthält. Und alle vorherigen im Grunde ebenfalls, denn für gewöhnlich ist Maria nicht empfindlich, was Kälte, Nässe oder Schmutz betrifft. Im Gegenteil, meine Schwester ist die Sorte von Erzieherin, die vom Spielen im Freien in der Regel mindestens so verdreckt nach Hause kommt wie ihre Schützlinge.
Ich pflücke eines der bordeauxfarbenen Kissen von ihrem mintgrünen Sofa und werfe es nach ihr, was sie mit einem spitzen Aufschrei quittiert, da sie sich gerade am Esstisch vor dem Fenster die Fingernägel lackiert und ich ihr um ein Haar mehr Arbeit bereitet hätte.
»Drea!«, blafft sie mich an und kickt das Kissen, das zu ihren Füßen gelandet ist, zurück in meine Richtung.
»Ich fahre dich gern zwei Minuten lang durch Berlin, um dich vor der bösartigen Witterung zu bewahren«, gebe ich zurück, »aber ich werde auf keinen Fall mit zu Michelles Halloween-Party kommen.«
Marias Mundwinkel sacken nach unten. Ihr Dackelblick hätte das Zeug, so manches Herz zu erweichen, doch meines hat mit den Jahren ausreichend Immunität gegen derlei Attacken entwickelt. »Bitte«, sagt sie leise.
»Himmel, Maria, was soll ich dort?«
»Reden! Mit Menschen!«
»Ah, richtig, als Gegengewicht zu den Hamstern und Nashörnern, mit denen ich permanent arbeite.«
»Du bist unmöglich, Andrea Belfiore.«
»Das Kompliment gebe ich so zurück.«
Missgelaunt beginnt Maria, mit den ausgestreckten Fingern in der Luft zu wedeln, damit ihre schwarz-rot gepunkteten Nägel schneller trocknen. »Weißt du was, ich geh zu Fuß.«
Ich muss schmunzeln. »So bringst du unterwegs vielleicht ein paar Leuten Glück, Mariakäfer.«
Ihr Marienkäferkostüm trägt sie bereits, und sie hat ihr auf der rechten Seite längeres Haar kunstvoll mit Gel und Spray zu zwei Fühlern drapiert.
»Das will ich hoffen, nachdem ich bei dir jedes Mal so grandios scheitere.«
»Ich bitte dich, für mich ist es Glück, nicht auf eine Halloween-Party zu müssen.«
»Ganz offensichtlich«, murrt Maria.
Ich hätte ahnen können, dass sie mich so kurz vor einer Feier mit ihrer Clique nicht grundlos zum Kaffeetrinken in ihre Wohnung zitiert. Früher wäre ich direkt nach der Arbeit selbst dafür schwer zu haben gewesen. Für einen Kaffee mit meiner Schwester.
Früher … früher gab es Emil, der meine Freizeit fast vollständig für sich beanspruchte.

Letztlich habe ich Maria doch zu Michelle in die Jacobystraße gefahren, und ohne es bewusst zu merken, habe ich danach den Weg Richtung Wilmersdorf eingeschlagen.
Als mir klar wird, wohin ich unterwegs bin, kann ich die letzten paar Kilometer zu dieser verdammten Unterkunft auch noch fahren. Es ist das dritte Mal, seit Emil fort ist, dass ich mir dieses kasernenartige Haus für Obdachlose von außen ansehe – allerdings das erste Mal, dass ich den Entschluss nicht absichtlich gefasst habe.
Ich wollte wissen, wo solche Leute in Berlin unterkommen können. Wo sie schlafen, wo sie sich selbst und ihre Kleidung reinigen können. Die ganzjährige Notunterkunft in der Lietzenburger Straße ist, wie ich herausfand, zumindest im Bereich der Hygiene die erste Adresse in der Stadt, weshalb ich davon ausgehe, dass Emil diesen Ort regelmäßig frequentiert. Es sei denn, er hält sich mehrere wohlhabende Liebhaber, die er in einer Art Rotationssystem alle paar Tage an den Rande des Wahnsinns treibt, um ihre sanitären Anlagen nutzen zu können. Würde zu ihm passen.
Das heißt … nein. Nein, es würde überhaupt nicht zu ihm passen. Obwohl ich nicht von mir behaupten kann, ihn gut zu kennen, glaube ich, das zu wissen. Es passt eher zu mir, ihm direkt dergleichen zu unterstellen. Ihm völligen Unsinn anzudichten, um mich von ihm zu distanzieren.
Seine Stimme hallt in meinem Kopf wider, heiser und immer wieder unterbrochen von seinem Zittern: »Andrea, wir kennen uns jetzt seit über fünf Jahren. Und ich mache manchmal Witze darüber, dass ich dich gern umbringen würde. Und aus irgendeinem Grund hast du ein Problem mit Händen, mit meinen vor allem … und …« Pause. »Du sollst endlich was über mich erfahren. Deswegen. Du sollst wissen, dass ich …« Pause. »Dass diese Hände tatsächlich jemanden getötet haben.«
Die Nacht vom 29. auf den 30. Oktober. Wenn Emil mehrere Kerle hätte, bei denen er regelmäßig Zeit verbringen könnte – warum hätte er in dieser Nacht in all den Jahren ausgerechnet bei mir sein wollen? Bei einem Menschen, der ihm … ausgesprochen wenig Trost bot. Bei einem Menschen, der ihm niemals zeigte, wie sehr er ihn wollte.
Und dann Emils sexuelle Ausgehungertheit, wann immer ich für längere Zeit abwesend war. Nein. Nein, da gab es nie einen anderen Kerl; das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Und ich … ich will es auch nicht. Ich meine, das zugehörige Kopfkino wäre ekelhaft.
Ich frage mich, wo und mit wem Emil diese Nacht in diesem Jahr verbracht hat. Gleichzeitig will ich es nicht wissen. Ich will überhaupt nichts mehr von Emil wissen. Und zugleich alles, was es zu erfahren gibt. Ich hasse mich für all das, doch ich kann es nicht ändern.
Ich habe auf rechtlich mehr oder weniger unbedenklichen Wegen herausgefunden, dass Emil Kurtz aus Potsdam zu Beginn seines ersten Schuljahres aufgrund von Gewalttätigkeiten seiner Erziehungsberechtigten vom Jugendamt beim Vater seines Vaters untergebracht wurde. Ob die aufgedeckte Gewalt möglicherweise dort ihren Ursprung hatte, scheint nicht überprüft worden zu sein.
Nach dem Tod seines Großvaters wurde Emil in das Potsdamer Konradiheim gebracht, eine Einrichtung für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche. Bis ins Jahr 2001 wurde in diesem Heim nachweislich an fragwürdigen Bestrafungspraktiken festgehalten: Nahrungsentzug, Fesselung an Stühle, Spielverbot und Verbot der Benutzung der Gemeinschaftsduschen. Von 2002 bis 2004 wechselte die Heimleitung häufig, 2006 beauftragte die bis heute amtierende Heimleiterin Ursula Rohm eine unabhängige Journalistin mit der Aufarbeitung der gar nicht so fernen dunklen Vergangenheit des Heims.
Welches Kind hätte dort bleiben oder dorthin zurückgebracht werden wollen? Abgesehen von einem anfänglichen Pflichtprogramm scheint die Suche nach Emil Kurtz im Frühjahr 2000 allerdings ohnehin nirgendwo Priorität genossen zu haben.

Im Nieselregen parke ich unter einer kahlen Birke gegenüber der Notunterkunft, schalte den Motor meines schwarzen BMWs ab und drehe mich nach links, um bessere Sicht auf das große Backsteingebäude zu haben.
Was verspreche ich mir hiervon? Hoffe ich, dass ich live dabei zuschauen kann, wie Emil hinein- oder hinausgeht?
Einmal mehr staune ich darüber, dass mein Kopf den Namen Kurt fast sofort durch den Namen Emil ersetzt hat, kaum dass ich ihn erfahren hatte. Fünfeinhalb Jahre Kurt wurden zu fünfeinhalb Jahren Emil, einfach so.
Was soll es mir bringen, Emil zu sehen? Er hat mir seinen Standpunkt äußerst klargemacht, und er hatte recht: Es würde nicht funktionieren.
Und doch sitze ich hier und starre auf dieses Haus und verstehe mich nicht. Ich könnte die Zeit, die hierfür draufgeht, auch nutzen, um mich auf das Meeting mit Stefania und den Marketingreferenten am Montagmorgen vorzubereiten. Aber nein, ich sitze und starre.
Und mit einem Mal starrt jemand zurück. Ich erschrecke so heftig, dass mein Körper einen albernen Satz auf dem Fahrersitz macht und ich mich intuitiv abschnalle.
Am Fenster steht die mit Abstand heruntergekommenste Gestalt, der ich jemals begegnet bin. Ein älterer Mann, schätzungsweise zwischen sechzig und siebzig. Langes, verfilztes graues Haar, ein ebensolcher und durch Essensreste verunreinigter Bart. Er trägt eine Art Kutte aus einer fleckigen lilafarbenen Decke. Und er scheint von draußen auf mich einzureden.
Misstrauisch lasse ich die Fensterscheibe zur Hälfte herunter, was ich prompt bereue, denn mir schlägt ein schier unerträglicher Gestank nach allen möglichen und unmöglichen Körperausscheidungen entgegen. »Kann ich Ihnen helfen?«, frage ich trotzdem.
»Du«, stößt der Mann aus, »bist ein Ungläubiger! Steig gefälligst aus deinem Gefährt, wenn du mit dem Heiligen sprichst, und erweise ihm Ehrfurcht!«
Scheiße, denke ich, tue ihm aber wie ferngesteuert den Gefallen des Aussteigens. Ich bin hier, um zu sehen, wie Obdachlose leben, nicht wahr? Das da ist einer.
Er weicht zwei Schritte zurück, um mir Platz zu machen.
»Und jetzt?«, frage ich, angewidert den Atem anhaltend.
»Verbeuge dich vor dem Heiligen, Ungläubiger!«, verlangt der Mann. »Und sprich ihn mit Eure Heiligkeit an, wie es sich gehört! Niemand erweist ihm mehr angemessenen Respekt, dem Heiligen. Ich bin der Heilige, und du bist ein Ungläubiger. Erweise mir Respekt, auch wenn der junge Körrt jetzt an einem besseren Ort weilt und Gott nicht mehr wünscht, dass ich zu den Seelen spreche.«
Es fühlt sich an, als würde mein Körper zu Stein erstarren, während mein Magen sich wegen des Gestanks zusammenkrampft und mein Herz mehrere Schläge aussetzt, um meinen Puls dann in ungeahnte Höhen zu treiben. »Kurt?«, wiederhole ich krächzend. »Sie kennen Kurt?«
»Jede Seele kennt Körrt!«, raunzt der Alte mich an. »Ich jedoch ganz besonders, da sprichst du wahr, Ungläubiger.«
»Was ist mit ihm passiert?«, hake ich nach. Wahrscheinlich habe ich diesen zweifelsohne geistig verwirrten Mann schlichtweg falsch verstanden.
»Verbeugen und bitten!«, befiehlt er und verschränkt schwungvoll die Arme, sodass mir ein neuer Schwall Gestank entgegenströmt, der mich zum Würgen bringt.
Das darf nicht wahr sein. Das darf einfach nicht wahr sein. Aus Gründen, die dem rationalen Teil meiner selbst vollständig verborgen bleiben, deute ich eine Verbeugung an, und um die Bockigkeit des Alten nicht abermals zu provozieren, sage ich: »Bitte sagt mir, was Ihr über Kurt wisst, Eure Heiligkeit.«
»Körrt, mein braver Sohn, ist jetzt an einem besseren Ort«, teilt die selbst ernannte Heiligkeit mir erneut mit, und mir wird auf einen Schlag noch übler, während ich mich erschaudernd aufrichte. »Er nahm noch Abschied von mir, denn er ist Gottes Kind.«
Damit wendet sich der Alte um und schlurft Richtung Friedrich-Hollaender-Platz davon. Sein beißender Gestank aber bleibt in meiner Nase haften, und ehe ich begreife, wie mir geschieht, erbreche ich mich auf den Asphalt zu meinen Füßen. Dass ich nicht umkippe, verdanke ich lediglich der Tatsache, dass irgendein geistesgegenwärtiger Teil von mir es geschafft hat, sich an der Wagentür festzuhalten.
Diesmal ist es meine eigene Stimme, die in meinem Gedächtnis erklingt:
»Nicht doch. Ich hatte gehofft, du wärst tot.«
»Und da du bedauerlicherweise nicht tot bist – was hast du getrieben?«
»Stirb, du Penner.«
Ich betrachte die kleine Lache von inhaltslosem Erbrochenen. Es hat zweifellos seine Vorteile, nicht zu frühstücken und auch den restlichen Tag über kaum zum Essen zu kommen. Vorteile, die über den Erhalt einer schlanken Figur hinausgehen.
Dämliche Töle.
Beschissener, verblödeter Straßenköter.
Krepiert einfach.
Gott.
Von irgendwoher tönt die Stimme einer jungen Frau, und ich schnappe etwas wie »Fährt ’nen fetten BMW, aber kotzt hier auf die Straße« auf. Andere junge Menschen lachen. Es ist mir gleichgültig.
Im Moment ist mir sogar gleichgültig, dass die ersten Kritiken zu Kumiko Yadas neuem Roman Von dort und dem Kolibri nach der Buchmesse wenig erbaulich und die Verkaufszahlen bislang ernüchternd sind. Zum ersten Mal in dieser Woche spielt das nicht die geringste Rolle für mich, und ich frage mich, warum es das je getan hat.
Doch diese Gedanken werden vorbeigehen, oder?
Ja, das geht vorbei.
Garantiert geht es vorbei.
Dennoch weiß ich, mit dem Gestank des Heiligen in der Nase und dem Geschmack von Galle im Mund, dass ich mich heute Abend nicht mehr auf das Meeting vorbereiten werde. Ich werde herausfinden, ob in den letzten Wochen irgendwo in Berlin ein junger Obdachloser gestorben ist.
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