Wie Phönix aus der Asche

von Fin-chan
GeschichteRomanze, Fantasy / P18
Mamoru Chiba / Tuxedo Mask / Endymion Usagi "Bunny" Tsukino / Sailor Moon / Serenity II
28.01.2020
17.10.2020
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140.810
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17.10.2020 6.054
 
Eineinhalb Stunden später lenkte Mamoru seinen Flitzer mit angespanntem Unterkiefer durch Tokios Straßen. Trotz maximaler Auslastung herrschte in seinem Fahrzeug betretenes Schweigen. Es waren ein paar sehr böse Worte gefallen, bevor und nachdem Usako den Kontrollraum verlassen hatte. Ihr plötzliches Auftauchen hatte eine viertelstündliche Feuerpause zwischen den verhärteten Fronten erzwungen. Doch kaum war sie aus dem Raum gewesen, da war das erwartete Inferno der Emotionen über ihn hereingebrochen. Rei wollte ihn zwar jetzt nicht mehr umbringen, aber Schmerzen hätte sie ihm sicher dennoch gerne zugefügt. Sie schrie ihn an und fragte, wie er es hatte mit seinem Gewissen vereinbaren können, dass er nicht ein Wort ihnen gegenüber hatte fallen lassen. Wie er Ami seelenruhig an der Tür hatte abwimmeln können, während Usagi nur wenige Meter entfernt gesessen hatte. Und das war nur die Spitze des Bergs an Vorwürfen, die sie ihm entgegen zu pfeffern wusste.

Und er hatte zurück gefeuert!

All die Wut und Hilflosigkeit der letzten Jahre hatten sich in diesem Moment bahngebrochen.
Sie hatten sie aufgegeben!
Für tot erklärt! Nach allem, was sie für sie getan hatte. Nach allem, was sie für die Welt getan hatte.
Und sie hatten ihm nicht geglaubt.
Bei seiner Suche hatten sie ihn allein gelassen.
Sie hatten kein Recht, ihm Vorwürfe zu machen!
Sie hatten sie schlicht und ergreifend nicht verdient und das alles hatte er ihnen entgegengebrüllt.
Endlich!
Nach drei Jahren konnte er ihnen die Steine entgegenschleudern, die schon so lange schwer auf seiner Seele lagen und ihn bitter hatten werden lassen.
Sie sollten fühlen, was er gefühlt hatte, sie sollten einsehen, dass er allein es gewesen war, der recht gehabt hatte, sie sollten, sie sollten…
Ja, was sollten sie eigentlich? Was wollte er von ihnen?
Als seine Wut langsam verrauchte, hatte er begonnen, wieder klarer zu sehen.
Minako hatte seine Hände in ihre genommen und ihm unter Tränen gesagt, was er hatte hören wollen - dass er im Recht gewesen war, die ganze Zeit über. Dass sie versagt hatten. Und dass sie in diesem Moment nicht mehr begreifen konnte, wie sie jemals hatten akzeptieren können, dass die Person, für die sie einst geschworen hatten, zu sterben, wenn es nötig wäre, nicht mehr unter ihnen weilte. Tatenlos hatten sie sie betrauert. Die ganzen drei Jahre lang. Und das obwohl alles in ihnen sich hätte dagegen sträuben müssen. Ihrer Ansicht nach hätten sie doch fühlen müssen, dass sie noch am Leben war!

Lange hatten sich die Mädchen gegenseitig weinend im Arm gehalten und nachdem jedes wütende, bittere, tieftraurige Wort gesprochen war, das es zu sprechen gab, nachdem alle Vorwürfe vorgeworfen und jede Träne geweint war, legte sich der Sturm langsam wieder, die Dinge konnten wieder etwas ruhiger und nüchterner betrachtet werden und sie waren bereit für seine Geschichte und damit auch für ihre. Mamoru hatte ihre Verzweiflung gefühlt und ganz plötzlich hatte er gemerkt, dass er bereit war, zu vergeben.
Sie hatten schließlich auch gelitten, anders zwar als er selbst, weniger verzweifelt und einsam, aber leicht waren die vergangenen drei Jahre für niemanden gewesen. Das musste er sich eingestehen.
Er hatte berichtet, wie er sie gefunden hatte und was er in der Zwischenzeit bereits alles über sie und ihr Leben erfahren hatte. Sie hatten ihm ruhig zugehört und gelegentlich Zwischenfragen gestellt, wenn sie etwas nicht verstanden hatten oder ihnen noch eine Information gefehlt hatte. Auch die beiden Katzen hatten leise begonnen, sich am Gespräch zu beteiligen. Mamoru konnte sehen, wie mitgenommen auch sie waren. Es musste ihnen ähnlich gehen wie den Sailors. Schließlich hatten die Ausbildung und Leitung der Kriegerinnen und besonders ihrer Prinzessin in diesem Leben stets in ihrer Verantwortung gelegen und auch von ihnen waren in den letzten Jahren keine Bemühungen zu erkennen gewesen, ihn in irgendeiner Form bei seiner Suche zu unterstützen.
Er hatte diesen Umstand zu keinem Zeitpunkt nachvollziehen können und nun, wo er die allgemeine Bestürzung quasi greifen konnte und seine grenzenlose Wut ihm nicht mehr im Weg stand, fragte er sich zum ersten Mal, ob diese ganzen Merkwürdigkeiten – der quasi kollektive Gedächtnisverlust aller ‚Zivilisten‘ in Bezug auf seine Usako, der Umstand, dass er sie nicht orten konnte und die vollkommen unverständliche Bereitschaftslosigkeit des gesamten Sailor-Teams, irgendetwas zu unternehmen, um sie wiederzufinden, möglicherweise in einem Zusammenhang standen.
Unverständnis erntete er noch einmal, als er von Usagis Begegnungen mit dem mysteriösen Schwarze-Augen-Mann berichtete. Er war sich sicher, dass drei der sechs Anwesenden – blond, schwarz- und braunhaarig, ihm in diesem Moment gerne noch einmal an die Gurgel gegangen wären, aber ihre Mitstreiterinnen hatten sie beschworen, ihn ausreden zu lassen und nachdem er versichert hatte, dass sie von da an keinen Moment mehr alleine gewesen war, waren sie scheinbar ein ganz klein wenig besänftigt gewesen.
Er berichtete auch von den bleibenden Schäden, die ihr Körper davongetragen hatte und von ihren Anfällen, denen er einen Zusammenhang mit ihrer Verletzung zuschrieb. Informationen, die alle Anwesenden erschauern ließen.

Trotz ihrer Meinungsverschiedenheiten war er dankbar, dass ihn die Mädchen nicht sofort verraten hatten. Wie merkwürdig musste seiner Usako die Situation vorgekommen sein. Er hatte sie dicht an sich gepresst, kurz nachdem sie in ihre Versammlung geplatzt war, was ihn sicherlich ohnehin in Erklärungsnot bringen würde. Aber hätte sie die Gesichter der Mädchen gesehen… Er war sich sicher, dass sie begriffen hätte.
Ungeachtet aller Bedenken, denen die Sailors zu genüge Ausdruck verliehen hatten, gewann die Sorge um ihre Prinzessin letztendlich die Oberhand.
Er hatte eine Woche bekommen.
Eine Woche Zeit, um ihr die Wahrheit zu offenbaren.
Das musste er irgendwie hinbekommen. Ein erster Schritt sollte noch heute gemacht werden. Luna und Artemis hatten ihre Brosche mit dem magischen Silberkristall, den sie an sich genommen hatten, aus dem Tresor geholt. Vielleicht kam ihre Erinnerung auch bereits in dem Moment zurück, wenn sie ihn in ihren Händen hielt? Er sehnte den Moment der Erkenntnis herbei, wie er ihn fürchtete. Es wäre eine große Erleichterung für alle, wenn sie wieder im vollen Besitz ihrer Fähigkeiten wäre, allein aufgrund der aktuellen Bedrohungslage. Und noch viel mehr – sie hätten ihre Usagi wieder, nicht nur irgendwie sondern so, wie es sein sollte, mit ihrer ganzen Erinnerung – an alles, was sie bereits miteinander durchgestanden hatten, an die tiefe Freundschaft, die sie für ihre Gefährtinnen empfand und die unendliche, ewige Liebe, die sie und ihn schon immer miteinander verbunden hatte. Aber es waren eben leider nicht nur glückliche Erinnerungen, die sie da überrollen würden. Würde sie damit umgehen können? Und würde sie ihm verzeihen können, dass er nicht von Anfang an die Wahrheit gesagt hatte?
Solche und noch viele andere Fragen beschäftigten ihn auf dem Weg zum Festivalgelände. Die vier Inner Senshis saßen bei ihm im Auto. Sie würden den Abend mit ihm gemeinsam beim Yorokobi verbringen, solange die Situation in Tokio es zulassen würde. Haruka und Michiru wären zunächst dabei, auch wenn Usagi ihre Brosche überreicht bekam; würden dann aber später durch Tokio patrouillieren und den Polizeifunk mithören. Zu dieser Aufgabe waren aktuell Setsuna und Hotaru herangezogen worden. Die Vorkommnisse des vorangegangenen Abends waren zu bedenklich, als dass sie sich Nachlässigkeiten erlauben durften. Die anderen Senshi sollten dann kontaktiert werden, sobald es nötig wäre.

In einer Sache waren sich aber alle einig. So lange irgend möglich, sollte Usagi aus allem herausgehalten werden. Keiner wollte riskieren, dass sie irgendeiner unkalkulierbaren Gefahr ausgesetzt werden könnte, zumal niemand einschätzen konnte, inwiefern ihr körperlicher Zustand sich letztendlich auf ihre Konstitution während eines Kampfes auswirken konnte.

Mit seinem VIP-Ausweis genoss Mamoru das Privileg, auf dem Parkplatz, der ansonsten nur noch den Künstlern vorbehalten war, vorgelassen zu werden. Haruka und Michiru waren, wie zu erwarten war, bereits eingetroffen und unterhielten sich angeregt mit einer kleinen sommersprossigen Rothaarigen. Als die fünf Menschen und zwei Katzen zu der kleinen Gruppe aufgeschlossen hatten, wurde sie ihnen als Kiki vorgestellt. Sie hatte sich wohl am Abend zuvor um die Belange von Haruka und Michiru gekümmert, während diese sich auf ihren Auftritt vorbereitet hatten.

„Cool, dass ihr da seid! Das sieht unserer Bunny mal wieder ähnlich. Da sind wir gerade mal eine Woche hier und sie hat schon mit halb Tokio Freundschaft geschlossen.“ Die junge Frau lachte herzlich. „Schade, dass ihr nicht eher kommen konntet. Aber wenn ihr euch beeilt, seht ihr noch ein paar Lieder.“

„Was meinst du?“, fragte Mamoru irritiert.

„Sag bloß, sie hat dir nichts gesagt?“ Kiki zog die Augenbrauen in die Höhe. Dann lachte sie wieder. „Ich weiß gar nicht, warum ihr das immer so unangenehm ist. Dabei ist das so süß… Passt auf!“ Aus der Umhängetasche, die sie quer über ihrer Schulter trug, zog sie einen Geländeplan und einen Filzstift heraus. Während sie mit der einen Hand den Plan entfaltete, zog sie mit ihren Zähnen die Kappe vom Stift und gab Haruka zu verstehen, dass sie sich etwas kleiner machen sollte, dann breitete sie den Plan auf ihrem Rücken aus und kringelte einen bestimmten Punkt auf dem Gelände ein.
„Da müsst ihr jetzt hin! Ich würde euch ja gerne bringen aber die nächsten Künstler werden gleich eintreffen und ich muss sie empfangen.“ Damit drückte sie Mamoru den Plan in die Hand und zwinkerte noch einmal in die Runde.

Stirnrunzelnd betrachtete Mamoru den Kringel. Das war eindeutig eine Bühne. Was machte Usako dort und warum hatte sie ihm nichts davon erzählt? Sechs junge Frauen standen zu beiden Seiten dicht gedrängt neben ihm und lugten skeptisch an seinen Armen vorbei auf die Karte.

„Sag mal, Mamoru, ist es möglich, dass sie selbst auf dieser Bühne steht?“, fragte Ami unsicher.
Richtig! Sie hatte ihm doch letzte Woche erzählt, dass sie selbst auch hin und wieder mit irgendwelchen kleinen Nummern auftreten musste aber seitdem nie wieder etwas in dieser Richtung verlauten lassen… Konnte es sein? Hatte sie ihm tatsächlich verschwiegen, dass sie heute einen Auftritt hatte? Er schaute fragend auf und begegnete den vor Vergnügen blitzenden Augen von Kiki.

„Na los, beeilt euch! Sonst kommt ihr zu spät!“

Sie hatte den Satz kaum zu Ende gesprochen, da war die Gruppe bereits eiligen Schrittes an ihr vorbeigestürmt und auf halbem Weg über das Gelände.
Ihr Ziel lag auf einem etwas abschüssigen Areal nicht weit entfernt vom Strand in einer größeren Mulde. Noch bevor die kleine Bühne in ihr Blickfeld kam, konnten sie Musik und Gesang sowie viele helle, johlende und jubelnde Stimmen vernehmen, die eindeutig jüngeren Menschen zuzuordnen waren. Sehr viel jüngeren Menschen.
Und dann sahen sie sie. Vor mehreren hundert Kindern mit ihren Eltern tanzten da über die Bühne zwei riesengroße Erdmännchen. Und sangen. Dabei wurden sie von einer kleinen Band begleitet.

„Die Erdmännchen, ein starkes Team,
denn sie vergessen keinen.
Einer ist für alle da
und alle nur für einen.
Wache schieben, Baby sitten,
jeder hat `nen Job.
Erdmännchen sind nicht nur süß -
Erdmännchen sind top!“*

Mamoru spitzte sie Ohren. Eins der beiden Säugetiere war der Stimmlage nach zu urteilen definitiv ein Weibchen. War das…? Da fiel sein Blick auf ein Plakat, das auf einem Podest vor einem schmalen Durchgang zwischen ein paar provisorischen Metallzäunen angebracht war. Darauf konnte man eindeutig das Konterfei seiner Liebsten sehen, wie sie in die Kamera strahlte und neben ihr… Sein Blick verfinsterte sich. Denn wer sich hinter dem Erdmännchen-männchen verbarg, wurde nun leider nur allzu deutlich.

„Sing mit Bunny und Tommi!“, las Rei laut die Plakatüberschrift vor, während sie den Durchgang passierten.

„Das ist ja der Wahnsinn! Habt ihr gewusst, dass Usagi singen kann?“, fragte Minako aufgeregt.

„Psssst!!!! Mi-na-ko!“, zischte Rei böse, „Das ist Bunny! Schon vergessen? Wir wollen sie doch langsam an die Wahrheit heranführen, wobei die Betonung auf ‚langsam‘ liegt. Das darf dir ihr gegenüber nicht herausrutschen, verstanden?!“

„Rei hat recht!“ Mamoru sprach mit Nachdruck. Das war tatsächlich die ganze Zeit über bereits eine seiner größten Ängste gewesen. Nun, da die Mädchen Bescheid wussten, war die Gefahr natürlich auch noch um ein Vielfaches höher, dass sich irgendwann einmal irgendjemand verplapperte. „Wir müssen behutsam vorgehen. Sie ist sehr sensibel und ich will nicht riskieren, dass sie sich vor uns zurückzieht.“

„Vor uns oder vor dir?“ Rei verengte die Augen zu schmalen Schlitzen und funkelte ihn wütend an. Okay, diese Wogen waren wohl doch noch nicht so glatt, wie er gedacht hatte. Aber was hatte er auch erwartet? Mit dieser Miko sollte man es sich lieber nicht verscherzen. Sie konnte wirklich nachtragend sein.

Er ließ seinen Blick über die Menge schweifen und konnte unweit der Bühne einen Weißhaarigen mit einer Clownsmaske und in einigem Abstand zu ihm Jace ausmachen, die wachsam die Menschenmenge im Auge zu behalten schienen.

„Oh Gott, was ist denn das für ein gruseliger Clown da vorne?“, fragte Minako nun etwas ängstlich, „Schaut mal, die Kinder laufen alle vor ihm weg.“

Und tatsächlich hatte Shin – zumindest glaubte er, dass es sich hier um den hochgewachsenen Bassisten handeln musste - wohin er auch ging, einen natürlichen Sicherheitsabstand von gut zwei Metern nach allen Seiten weil die Menschen stetig vor ihm wichen. Ihm selbst schien das allerdings gar nicht aufzufallen.

„Das müsste ein Freund sein.“, murmelte Mamoru unsicher, „Ich glaube, er hat eine Art Maskenfetisch…“

Sie bewegten sich weiter nach vorne, als gerade die letzten Klänge des Liedes verhallten und tosender Applaus im Publikum aufbrandete. Die beiden Erdmännchen verbeugten sich mehrmals überschwänglich vor dem Publikum, zuerst nach vorne, dann nach rechts und nach links, wobei sie sich in die Quere kamen und ihre überdimensionalen Köpfe gegeneinander stießen. Beide verloren das Gleichgewicht, schwankten hin und her und landeten schließlich theatralisch und mit großer Geste auf ihren Allerwertesten.
Die Kinder kreischten vor Lachen.
Eins der Erdmännchen nahm seinen Kopf von den Schultern und darunter kam niemand geringerer als Tommi Hill zum Vorschein, heute mit rostroten Haaren, dafür allerdings glattrasiert bis auf ein Paar Kotletten, die er sich stehen gelassen hatte. Was hatte der Typ nur immer mit seiner Frisur?

„Mensch, Bunny, pass doch auf!“, rief er seiner Bühnenpartnerin zu, die daraufhin ebenfalls ihren Kopf absetzte, schmollend die Arme vor der Brust verschränkte und mit einem pelzigen Fuß auf der Bühne aufstampfte.

„Pass du doch selber auf, Tommi!“, rief sie schmollend zurück. Es war deutlich, dass diese Einlage zur Show gehörte.

„Ich habe sehr wohl aufgepasst, du tollpatschiges Erdfrauchen! Schau dir an, was du angerichtet hast! Mein wunderschönes Popofell ist ganz staubig geworden!“ Er drehte sich um, beugte sich vor und hielt ihr seinen dicken Erdmännchen-Hintern hin. Bunny verzog übertrieben angewidert das Gesicht, dann rollte sie die Augen nach oben und hielt sich eine Kralle an ihr Kinn, als würde sie intensiv nachdenken, bevor sie dieselbe Kralle in die Luft hielt, um zu verdeutlichen, dass sie einen Einfall hatte.
Sie zeigte den Kindern ihren Fuß und deutete dann auf Tommis Hintern.

„Soll ich?“, flüsterte sie laut in ihr Headset, wobei sie eine Pfote verschwörerisch neben ihren Mund hielt.

„Jaaaaaaaa!!!!!“, kam es euphorisch aus hunderten kleiner Kehlen.

Mamoru musste schmunzeln. Seine Usako machte das wirklich großartig. Sie wirkte keine Spur aufgeregt und war absolut in ihrer Rolle. Er war ja so unendlich stolz.

Mit ihrem felligen Bein holte sie weit aus und trat dem anderen Mangusten-Tier beherzt in den Podex, woraufhin dieser einen Purzelbaum quer über die Bühne machte.
Dann blieb er sitzen, verschränkte nun selbst die Erdmännchen-Arme vor der Brust, zog einen dicken Schmollmund und begann theatralisch zu jammern.
„Du bist ja so gemein… du… du blöder Flohbeutel!“

Bunny riss empört weit ihren Mund auf, machte ihn aber sofort wieder zu, als Tommi gekünstelt zu schluchzen begann. Sie kniff die Lippen zusammen und in ihrem Gesicht konnte man deutlich das gespielte schlechte Gewissen sehen.

„Oh je, Kinder, da bin ich wohl zu weit gegangen, oder?“

Ein paar Kinder und Minako nickten ergriffen.

„Was kann ich denn da bloß tun?“

„Dich entschuldigen!“, kam es betroffen aus dem Publikum.

Wieder hielt sie eine Kralle in die Höhe.

„Das ist eine tolle Idee! Danke, Kinder!“

Langsam und mit hinter dem Rücken verschränkten Pfoten näherte sie sich verlegen hin und her tänzelnd ihrem Bühnenpartner, der ihr den Rücken zugewandt hatte und noch immer weinte.

„Duuuu, Tommiiii?“ Sie versuchte, um ihn herumzugehen, um ihm ins Gesicht zu sehen, doch er drehte sich immer wieder von ihr weg. Er rutschte einmal um seine komplette Achse, was einige Kinder wieder zum Johlen brachte. „Bitte, Tommi, lass mich ‚Entschuldigung‘ sagen!“, bat sie eindringlich.

Nun verharrte er in seiner Position.
„Ich höre!“, sagte er mit einem bockigen Unterton.

„Es tut mir ehrlich, wirklich ganz, ganz schrecklich leid, dass ich dich getreten habe! Das hätte ich echt nicht machen dürfen! Ich will mich wieder mit dir vertragen! Bitte, Tommi! Nimmst du meine Entschuldigung an?“

Tommi wiegte seinen Kopf hin und her als würde darüber nachdenken. Dann stand er auf und wandte sich ihr zu.
„Was habe ich denn da davon, wenn ich jetzt deine Entschuldigung annehme, hä?“

„Naja“, Bunny trat von einer Pfote auf die andere, „Dann könnten wir zum Beispiel wieder miteinander spielen und singen. Außerdem fühlen wir uns dann beide besser! Wir sind doch Freunde – ein Erdmännchen-Team! Man kann sich immer zanken, aber wenn man sich wirklich lieb hat, dann verzeiht man sich auch hinterher wieder.“

„Hmmm…“ Er tippte sich mit seiner Kralle ans Kinn. „Meinst du damit, dass man mit Liebe auch Türen öffnen kann, die eigentlich fest verschlossen waren?“




„Oh mein Gott, ist das süß!“, schluchzte Minako plötzlich auf. Überrascht und ein wenig erschrocken drehte sich Mamoru zu ihr um und sah, wie ihr schon wieder die Tränen über die Wangen liefen.

„Minako, das geht so nicht!“ Ami schniefte genauso wie ihre Anführerin. „Wir müssen uns zusammenreißen. Was soll sie denn von uns denken?“

Mamoru schüttelte missbilligend den Kopf. Was hatte er sich dabei gedacht, die Mädchen gleich mitzubringen? Eigentlich hätte ihm doch klar sein müssen, dass das nicht gutgehen konnte.

„Jetzt mal ehrlich! Was seid ihr denn für Heulsusen?“, zischte Rei und wischte sich mit einem Taschentuch im Gesicht herum.

„Das sagt gerade die Richtige!“, flüsterte Makoto mit brüchiger Stimme.

Hilfesuchend drehte Mamoru sich zu Haruka und Michiru um, doch die sahen beide mit glasigen Augen, sich fest an den Händen haltend, gebannt auf die Bühne.
Na toll!
Er beschloss, einfach das Beste zu hoffen und richtete seine Aufmerksamkeit nun auch wieder auf das Mädchen… nein, auf die Frau, seiner Träume und ließ sich ganz von ihr in ihren Bann ziehen.




„Genauso!“ Bunny nickte heftig.

„Na gut, ich verzeihe dir! Mir tut es auch leid, dass ich dir die Schuld für meine eigene Blödheit gegeben habe. Kannst du auch mir vergeben?“ Der Erdmann kratzte sich verlegen am Kopf.

„Aber natürlich!“ Die beiden Mangusten umarmten einander.

„Du, Bunny?“

„Jaaa?“

„Ich habe jetzt, ehrlich gesagt, gar keine Lust mehr, ein Erdmännchen zu sein…“

„Hm… ich auch nicht. Willst du vielleicht wieder „Pirat“ spielen?“

„Nein, das hatten wir doch heute auch schon. Viel lieber würde ich jetzt gerne ein paar Türen öffnen.“

„Au ja! Ich auch!“, rief Bunny und wie auf Kommando zogen beide die Reißverschlüsse an ihren Bäuchen herunter. Als beide aus ihren Erdmännchenhüllen stiegen, trugen sie elegante europäische Hofkleidung aus dem 19. Jahrhundert. Die Band begann zu spielen und sie stimmten ein Duett an, zu dem sie tanzten wie in einem Musical.

„…Oft im Leben stand ich schon vor verschlossenen Türen
Doch ich wusste, hinter einer bist du!

Doch mit dir wird es nun wahr (doch mit dir wird es mir klar)
Und ich weiß genau, was immer auch geschieht
Liebe, sie öffnet Türen
Liebe, sie öffnet Türen

Ich traf noch nie jemand', der auch so denkt wie ich

Sind geistig synchronisiert
Wie, schön dass es funktioniert!
Du und ich, wir sind für uns da
Sag Leb wohl (sag Leb wohl), zu dem Schmerz und dem Leid
Jetzt beginnt das Leben wieder neu
Liebe, sie öffnet Türen“**


Es versetzte Mamoru einen Stich mitten ins Herz, zu beobachten, wie seine Liebste mit diesem Typ auf der Bühne interagierte. Sie wirkten unendlich vertraut miteinander und der Inhalt des Songs, den sie da interpretierten, machte es auch nicht besser. Er wusste zwar, dass da nichts war zwischen den beiden (zumindest von ihrer Seite aus), aber ihm wurde einmal wieder deutlich, dass er einen wichtigen Teil ihres Lebens einfach verpasst hatte. Er hatte nicht für sie da sein können, als sie damals schwer verletzt und ohne ihre Erinnerung zu sich gekommen war. Dafür waren es andere gewesen. Und seit dem jeden Tag. Und gerade dieser Kerl, der so viel mehr wusste, als er offenbaren wollte, war ihr zu jedem Zeitpunkt so nah gewesen… Viel zu nah, für seinen Geschmack.

„Wow! Sie hat wirklich singen gelernt.“, hauchte Rei an seiner Seite.

„Das konnte sie früher nicht, das weiß ich genau!“, platzte es aus Makoto heraus, „Könnt ihr euch an die Karaoke-Abende bei Minako erinnern? Ich hab manchmal gedacht, dass die Scheiben springen.“

„Aber sie hat wirklich eine schöne Stimme. Hoch und klar, ohne Schnörkel, vielleicht ein Bisschen kindlich!“, meinte Ami fachmännisch.

„Tommi hat ihr Gesangsunterricht gegeben. Es hat Blut, Schweiß und Tränen gekostet aber das Ergebnis kann sich hören lassen, oder?“

Mit einem hohen Quietschen sprang Ami herum und blickte entsetzt in das Gesicht eines dunkelhaarigen Brillenträgers, der sie ein wenig schüchtern anlächelte.

„Hey Ami, schön, dass du doch Zeit gefunden hast, mit deinen Freunden herzukommen.“

„A-a-a-aron! Heyyyy!!! Wie lange stehst du denn schon hinter mir?“, fragte die Blauhaarige ungefähr eine Oktave über ihrer Normalstimme.
Er zog etwas irritiert die Augenbrauen zusammen.

„Seit jetzt. Warum? Hast du über mich gesprochen?“

„Nein! Ich… ich würde nie über dich sprechen!“, stammelte die Blauhaarige, deren Gesicht sich gerade ins Purpurne verfärbte, sichtlich mit der Situation überfordert.

„Würdest du nicht?“ Aron verschränkte die Arme vor der Brust und wirkte ein wenig enttäuscht.

„Äh, also, ich… Doch!“

Der Dunkelhaarige begann nun schief zu grinsen, während auf der Bühne die letzten Töne des Duettes verklangen.

„Aber sag mal, was verschlägt euch denn zu den Kinderliedern… aaaah, Mamoru! Dich habe ich hier schon viel eher erwartet! Sag bloß, du bist mit Ami bekannt?!“

Mamoru hatte sich gerade erst umgedreht und Arons Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Jetzt kratzte er sich verlegen am Hinterkopf.

„Ja, schon ziemlich lange, ehrlich gesagt.“

„Zufälle gibt es, was?“ Der Brillenträger lächelte etwas verunsichert und fasste sich in den Nacken, als würde er erwarten, dort etwas vorzufinden. Diese Geste war Mamoru bereits öfter an ihm aufgefallen und er fragte sich zum wiederholten Mal, ob er wohl früher einmal eine Langhaarfrisur getragen hatte.

„Ach, DU bist der junge Mann, der unserer Ami seit Tagen im Crown auflauert?“, platzte Minako heraus, die es vor Neugier nun keine Sekunde länger aushalten konnte.

Etwas befangen stellte Ami nun alle der Reihe nach vor. Aron begrüßte sie mit Handschlag, bevor sich das Augenmerk aller wieder auf die Bühne richtete, wo gerade die Abmoderation stattfand und die nächsten Künstler angekündigt wurden.

„Aber… aber wo finden wir denn da jetzt U…Bunny?“, fragte Ami leicht panisch, als hätte sie Angst, dass Usagi von der Bühne wieder ins Nichts entschwunden sein könnte.

„Ach, wegen Bunny seid ihr alle hier?“ Aron zog die Augenbrauen hoch. „Hätte ich mir eigentlich gleich denken können. Kein Mensch kommt wegen mir irgendwohin…“ Mit einem belustigten Funkeln in den Augen, das allein Ami zu gelten schien, verschränkte er schmollend die Arme vor der Brust. „Kommt mit, ich bringe euch zu ihr.“, sagte er dann, nickte in die entsprechende Richtung und setzte sich in Bewegung.

„Du bist aber ein netter Bonus!“, beeilte sich Ami zu sagen und schloss schnell zu ihm auf.

„Boah, habt ihr das gehört? Wie kess!!!“, zischte Minako ungläubig, während die Gruppe sich anschickte, den beiden zu folgen.

„Du weißt doch, wie das mit den stillen Wassern ist, oder?“, flüsterte Rei verschwörerisch zurück.

Minako nickte heftig. „Ja, klar, mit denen ist sie gewaschen!“

„WAS?“ Die Sailor-Kriegerinnen blieben allesamt stehen und starrten Minako an.

„Was? Sagt man das nicht so? Mit allen stillen Wassern gewaschen?“ Sie starrte irritiert zurück.

Mamoru schüttelte amüsiert den Kopf und überholte die kleine Gruppe, um den Anschluss zu Aron und Ami in der Menschenmenge nicht zu verlieren. Eigentlich freute er sich mittlerweile darauf, Usako wieder bei den Mädchen zu wissen. Sie würde sich wohlfühlen und sicher würden sie ihr dabei helfen können, sich wieder ganz zu Hause zu fühlen. Es musste einfach klappen. Eine Woche hatte er, dann würde er sich spätestens offenbaren und er konnte nur hoffen und beten, dass ihre Beziehung bis dahin so gefestigt wäre, dass sie ihm nicht sofort davonlief, wenn sie mit ihrer ganzen, unglaublichen, schmerzvollen Geschichte konfrontiert werden würde.
Eine Woche.
Er musste es schaffen.
Er würde es schaffen.
Ganz sicher.

<3 <3 <3

Tommi Hill genoss das Gefühl von wiederkehrender Routine. Es gab ihm Sicherheit und das war ein hohes Gut in seinem aufreibenden Leben. Gerade nahm er den Platz neben seinem Lieblingshäschen am ‚meet and greet‘ ein und zückte einen Stift, um die ersten Autogrammkarten zu unterschreiben.
Er seufzte wohlig auf. Es war wie immer ein beglückender Auftritt gewesen. Wie sehr sie beide harmonierten war jedes Mal wieder eine wahre Freude. Und im Gegensatz zu seinen anderen Acts, die er als mühsame Arbeit betrachtete, waren die Momente mit ihr auf der Bühne tatsächlich immer das reinste Vergnügen. Er wollte nicht, dass das aufhörte. Er brauchte das... sie. So lange hatte er auf sie verzichtet und nun, da sie wieder in seinem Leben war, wo sie wieder eine Familie waren, war er nicht bereit, seinen Egoismus aufzugeben.
Denn das war es und das wusste er. Es war egoistisch gewesen, sich ihr so lange zu entziehen und genauso egoistisch war es jetzt, sie bei sich behalten zu wollen. Aber das war es ihm wert. Letztendlich war sie das einzige, woran er sich festhalten konnte. Seine einzige Konstante. Die wollte, die KONNTE er nicht so einfach wieder aufgeben. Natürlich gäbe es da auch noch die anderen, die meinten, auch einen Anspruch auf sie zu haben aber zu ihnen wollte er sie nicht zurück lassen. Sie hatte gelitten wegen ihnen. Durch sie war sie angreifbar geworden und wäre beinahe zerstört worden und mit ihr die gesamte Galaxie. Es war ihm durchaus bewusst, dass sie nur ihre Pflicht getan hatten und er war weit davon entfernt, ihnen einen Vorwurf daraus zu stricken, aber es war doch im Prinzip besser für alle beteiligten, wenn sie in diesem Leben von nun an getrennte Wege gehen würden, oder? Immer nur für die Prinzessin zu leben war doch auf Dauer auch sehr anstrengend, wo blieben denn da die eigenen Träume und Wünsche? Zumal seine Power-Prinzessin das doch wirklich nicht nötig hatte… Nehme man zum Beispiel Uranus. Endlich konnte sein Kumpel mit sein/ihrer Liebsten zusammen ein glückliches Leben führen. Warum das nicht genießen? Auch, wenn es schon verdammt lang her war, hatte er noch immer sein/ihr Gejammer im Ohr, wenn er sie/ihn gerade von einem verbotenen Abstecher zum Nachbarplaneten wieder nach Hause gebracht hatte. Er war dabei stets zur Tarnung gebraucht worden. Denn - Tarnung und Täuschung, das hatte er drauf! Und ein Hauch Manipulation.
Der Rest seiner kümmerlichen Fähigkeiten beschränkte sich vorwiegend auf Leihgaben. Eine Tatsache, die er schon so manches Mal verflucht hatte…
Aber dennoch – er hatte es gern getan, damals. Uranus war in Ordnung und guten Freunden ist man schließlich gern behilflich. Und was die anderen anging… Auch sie sollten nun ihr Glück finden können. Serenity hatte ihnen teure Geschenke mitgebracht und ja… Herrgottnochmal, dann sollten sie die eben auch bekommen! Er musste zugeben, dass es ihm nun, nachdem er die letzten drei Jahre mit den Kerlen verbracht hatte, doch etwas schwer fiel, sie wieder gehen zu lassen. Das war wohl auch der Grund gewesen, warum er ihre offensichtlich vom Schicksal vorherbestimmten Begegnungen mit den Mädchen versucht hatte, zu sabotieren. Es gefiel ihm alles so, wie es im Moment gerade war und er mochte die Typen, zugegebenermaßen, schon ganz gern, hatte er früher schon.
Beim Würfeln in der Weinschenke hatten sie so manchen lustigen Abend verbracht, natürlich ohne das königliche Schoßhündchen. Das hätte ihnen mit Sicherheit den ganzen Spaß verdorben mit seinem ätzenden Pflichtbewusstsein.
Dasselbe Pflichtbewusstsein, das sich später ins Gegensätzliche verkehrt und dazu beigetragen hatte, das gesamte Sonnensystem in eine Katastrophe zu stürzen… Pah! Und gerade für DEN hatte er das Moon Castle in Schutt und Asche gelegt. Kaum zu glauben… Er verdrehte innerlich die Augen.

Verstohlen warf er einen Blick zum Hasen hinüber und musste lächeln. Wie immer strahlte sie mit der Sonne um die Wette. Die Augen der Kinder, die sich ihre Autogramme bei ihr abholten, leuchteten und er sah genau, dass da der ein oder andere Vater sein Kind lediglich als Vorwand benutzte, um selbst ein paar Worte mit ihr wechseln zu können. Aber der Wachhund stand wie immer daneben. Stets bereit, einzuschreiten, wenn er der Meinung war, dass ihre Ehre in irgendeiner Form bedroht werden könnte. Erdlinge! Als ob sie das nicht selber könnte! Und wie der aussah! Mit diesem Clownsgesicht würde er noch alle Kinder verjagen. Er hatte genau gesehen, dass vorhin ein kleines Mädchen bei seinem Anblick in Tränen ausgebrochen war. Dass er sich dann in die Hocke begeben hatte, um ihr einen Lolli zu schenken, hatte es wirklich nicht besser gemacht. Wäre der Australier nicht eingeschritten, wäre der Vater des Mädchens wohl auf den Typen losgegangen… Hatte der denn nie Stephen Kings ‚Es‘ gesehen?
Vor ihm räusperte sich plötzlich eine junge Mutter, deren kleiner Sohn sich schüchtern hinter ihrem Bein versteckte.

„Würden sie ‚für Haruto und Akiko‘ darauf schreiben?“

Er schenkte der Frau ein einnehmendes Lächeln, das sie glücklich erwiderte. Sie sah müde aus, aber ihm gefiel, wie sie ihn aus ihren beinahe schwarzen Augen musterte. Sie hatte kinnlange kerzengerade, kastanienbraune Haare. Eine Frisur, die ihren langen schönen Hals gut zur Geltung brachte.

„Gern, Akiko!“, sagte er zwinkernd mit samtener Stimme, während er auf der Autogrammkarte unterschrieb, „Wie schön es ist, wenn das Kind des Herbstes der Frühling selbst ist. Ein sehr philosophischer Gedanke, wie ich finde. Meinen Sie nicht auch? Und was sagst du dazu, kleiner Frühling?“ Er nahm Blickkontakt zu dem kleinen Jungen hinter ihrem Bein auf und der schaute neugierig hervor. „Komm mal her, kleiner Frühling! Da wächst etwas hinter deinem Ohr!“

Der Junge trat mit großen Augen auf ihn zu und Tommi zauberte eine kleine Butterblume hinter dem Ohr des Kindes hervor. Vor Staunen rissen sowohl Mutter als auch Kind die Augen auf und strahlten ihn an.
Aus den Augenwinkeln konnte er genau beobachten, wie sich sein Bunny und der Wachhund vielsagende Blicke zuwarfen, aber das war ihm herzlich egal.

„Ähm… Haruto wird nachher von seinem Vater und dessen Partnerin abgeholt.“ Akiko strich sich verlegen eine Strähne hinter ihr rechtes Ohr. „Könnten sie mir wohl einen musikalischen Act am heutigen Abend empfehlen?“

„Was mögen Sie denn für Musik, schöne Akiko?“

Die Angesprochene schenkte ihm einen tiefen Blick. „Was auch immer Sie auch mögen.“, hauchte sie.

„Dann schlage ich vor, wir treffen uns hier wieder, sagen wir um acht? Heute Abend habe ich etwas Zeit. Dann kann ich Sie ein wenig herumführen.“ Er zwinkerte ihr noch einmal zu und sie nickte glücklich, während sie sich auf die Unterlippe biss.
Er wusste genau, was sie brauchte, konnte in ihr lesen, wie in einem offenen Buch. Sie benötigte dringend einen Schuss Selbstwertgefühl gepaart mit der Erkenntnis, dass sie nicht nur Mutter, sondern auch eine schöne, begehrenswerte Frau war. Und das würde er ihr geben. Vielleicht sogar mehrmals. Er grinste breit.
Unvermittelt wurde er aus seinen nicht mehr jugendfreien Gedanken gerissen, als der kleine Haruto noch einmal das Wort an ihn richtete.

„Ich fand es schön, dass ihr am Ende noch das Lied aus dem Märchenfilm gesungen habt!“

„So? Magst du denn Märchen?“, fragte Tommi freundlich.

„Sei dir bewusst, dass du da gerade mit dem bösen Prinz Hans sprichst!“, meldete sich doch tatsächlich der Clown zu Wort und fand sich dabei wohl sehr lustig.

„Aber nein, er hat doch nur das Lied gesungen, richtig?“ Der goldige Junge schaute ihn fragend an.

„Genau! Ich bin ja auch nicht wirklich ein Erdmännchen, wie du siehst. Ich finde nur das Lied schön, deshalb habe ich es gesungen. Manche Märchen würden überhaupt auch gut ganz ohne einen Prinzen auskommen, oder was meinst du?“

Der Junge überlegte einen Moment.
„Du meinst, weil bei der Eiskönigin sich die beiden Schwestern eigentlich gegenseitig gerettet haben?“

„Ja, genau. Oder kennst du das Märchen von ‚Brüderchen und Schwesterchen‘?“

Der Junge nickte heftig. „Ja, das hat mir Mama letzte Woche aus dem großen Buch vorgelesen.“

„Siehst du? Wäre da der blöde Prinz nicht aufgetaucht, dann würden Brüderchen und Schwesterchen jetzt immer noch glücklich zusammen im Wald leben und hätten ganz viel Zeit zum Spielen. Das wäre doch viel schöner, oder?“

Der Junge sah ihn nachdenklich an.

„Oder nimm ‚Aschenputtel‘! Welches hübsche Mädchen möchte denn im Ernst einen Mann haben, der es allein an seiner Schuhgröße wiedererkennen kann?“

Nun brach die Mutter des Kleinen in schallendes Gelächter aus. „Da ist was Wahres dran! Komm, Haruto, wir wollen Platz machen für die anderen Kinder.“ Sie sah Tommi noch einmal tief in die Augen, bevor sie mit ihrem Sohn in der Menge verschwand.

„Du weißt, dass das so nicht war.“, knurrte ihn der Wachhund an und bekam dafür ein fieses Grinsen. Oh, wie er es liebte, ihn zu foppen.

„Jetzt mal ehrlich, Tommi, hör auf, den Kindern die Märchen zu vermiesen!“, warf ihm nun der kleine Honig-Hase vor.

„Komm schon! Die sind voll von veralteten Rollenklischees. Ich finde, darauf darf man ruhig mal aufmerksam machen.“ Er zuckte die Schultern, während er weiter Autogrammkarten unterzeichnete.

Und Prinzen waren ja generell so in etwa das Überflüssigste, das er sich vorstellen konnte… Er ärgerte sich immer noch maßlos über sich selbst, dass er nach ihrer Ankunft in Tokio so leichtsinnig und naiv gewesen war. Gegen seinen festen Glauben hatten sich die beiden doch tatsächlich gleich am ersten Abend in dieser Millionenmetropole wiedergefunden! Wie groß war denn da bitte die Wahrscheinlichkeit? Er hatte so wenig mit diesem Typen gerechnet, als sie in der Disco angekommen waren, dass er nicht einmal die Möglichkeit in Betracht gezogen hatte, dass es sich bei ihrer Bekanntschaft um IHN handeln könnte. Er hatte sich so gefreut, dass sie endlich mal bereit gewesen war, ein kleines Abenteuer einzugehen und die körperliche Liebe für sich zu entdecken… Wer hätte denn ahnen können, dass es schon wieder DIESER Typ war, der da seinem Häschen an den Honig wollte? Natürlich hätte er ihn erkennen können aber er war ihm doch in seinem Leben nur drei Mal begegnet - und davon war der Kerl beim ersten Mal noch ein kleiner Junge, beim zweiten Mal war es eher eine flüchtige Begegnung im Vorbeirennen und beim dritten Mal war der Typ bereits ziemlich mausetot gewesen und außerdem war das alles schließlich schon so unendlich, unendlich lange her! Wer sollte sich denn da so ein nebensächliches Gesicht gemerkt haben?
Er musste sich dringend etwas einfallen lassen, um ihn wieder los zu werden oder besser gesagt, um seinem Häschen klar zu machen, dass sie ohne den Kerl besser dran war. Natürlich, ohne sie gegen sich selbst aufzubringen. Sie sollte schließlich wieder mit ihm mitkommen. In seinem Kopf begann sich eine Idee zu formen.

„Die Karte ist für meine kleine Tochter Yuna, die ich ganz alleine großziehe!“, hörte er nun einen Mann schätzungsweise um die Ende zwanzig zu Bunny sagen.

„Oh, das ist sicher schwierig!“, antwortete sie mit ehrlicher Anteilnahme, wurde aber sogleich vom Wachhund unterbrochen.

„‘Für Yuna‘ also, der Rest der Informationen war irrelevant!“, brummte der.

„Shin!“, rief Bunny empört, während sie die Karte unterzeichnete und der Vater den weißhaarigen Horrorclown ängstlich musterte.

Tommi musste leise lachen. Dabei war dem Häschen immer noch nicht bewusst, dass die Menschen, die tatsächlich bei ihr ankamen, um sich ein Autogramm zu holen, bereits vorher von Jace ausgesiebt worden waren, der auf Anweisung seines ‚Leitwolfes‘ alle Wesen männlichen Geschlechts aussortierte, die kein Kind im Schlepptau hatten.

Plötzlich wurde der Wachhund irgendwie nervös. Er sah irritiert zu ihm auf.
„Ich muss mal weg! Ian soll meine Position übernehmen.“, sprach er in sein Headset und war verschwunden.

Tommi tauschte einen verunsicherten Blick mit Bunny. Dann besah er sich die Schlange an Menschen, die sich vor dem Stand gebildet hatte und erblickte etwas weiter hinten etwas, das ihn frustriert aufstöhnen ließ.
Alle waren sie da! Sogar diese lästigen Flohbeutel.

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*“Erdmännchen“ von Eddi und Dän (Wer auf der Suche nach einem neuen Soundtrack fürs heimische Kinderzimmer ist und diese beiden noch nicht kennt, sollte sie sich unbedingt einmal zu Gemüte führen )
**Liebe öffnet Tür’n – Soundtrack zu „Die Eiskönigin“ Sorry, ich bin absolut kinderliedergeschädigt aus einem bestimmten fünfjährigen Grund. Gerade die Lieder zu den Frozen-Filmen kann ich alle mitsingen… XD
Wer Lust auf diesen Song hat… https://www.youtube.com/watch?v=S9LRz7qXbmo