Wo gehen Ideen hin, wenn sie sterben?

GeschichteFantasy, Schmerz/Trost / P16
24.01.2020
30.03.2020
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Kapitel 6 – Besorgnis


Tenebris hatte eigentlich nur nach Hause auf seine Couch gewollt, doch als er Nemo mit einem Buch in seinen Händen und Kopfhörern in seinen Ohren in dem kleinen Vorgarten vor dessen Wohnung hatte sitzen sehen, war der Wunsch auf ein wenig Zeit alleine sofort verflogen. Viel lieber wollte er Nemo erzählen, was ihm passiert war.
Nemo schien die Anwesenheit seines Nachbarn ebenfalls nicht entgangen zu sein, da er nur Sekunden nachdem Tenebris in seiner Bewegung innegehalten hatte, von seinem Buch aufsah und als er erkannte, um wen es sich handelte, auch die Kopfhörer aus seinen Ohren zog.
»Tenebris«, setzte er zum Sprechen an und erhob sich von der Gartenliege, auf welcher er sich zuvor niedergelassen hatte; das Buch legte er auf dieser ab. »Alles okay? Du siehst ganz blass aus.«
»So sehe ich doch immer aus«, entgegnete Angesprochener, woraufhin Nemo den Kopf schüttelte.
»Du siehst sogar noch blasser als sonst aus«, erklärte er sich und trat an Tenebris heran. Aus seinen Worten und seiner Stimme war herauszuhören, dass er sich Sorgen machte und auch in seinem Gesichtsausdruck spiegelte sich besagte Emotion wieder. »Ist etwas passiert? Möchtest du mit reinkommen? Vielleicht solltest du was trinken, damit du wieder etwas Farbe kriegst.«
Ein wenig überfordert mit Nemos Sorge nickte Tenebris einfach nur und ließ sich dann von seinem Nachbarn, der nun vorsichtig seine beiden Hände auf Tenebris‘ Schultern ablegte und ihn sanft in Richtung seiner Wohnung schob, nach drinnen geleiten.
»Was möchtest du trinken?«, erkundigte Nemo sich, nachdem sie im Flur halt gemacht und sich Nemo seine Schuhe von den Füßen gestreift hatte. »Soll ich dir einen Tee machen? Ich hab auch Saft im Kühlschrank oder-«
»Tee klingt gut, schätze ich«, unterbrach Tenebris den Redeschwall seines Gegenübers und schenkte ihm ein sachtes Lächeln, welches Nemo zumindest ein klein wenig beruhigte. Dass Tenebris so blass war, schien ihm doch tatsächlich ziemliche Sorgen zu bereiten.
»Komm, ich bring dich ins Wohnzimmer«, sprach Nemo und mit einem Nicken gab Tenebris zu erkennen, dass er verstanden hatte. Er folgte Nemo in besagtem Raum und ließ sich dann auf dessen Couch nieder, während Nemo mit den Worten »Dann gehe ich uns schnell Tee machen!« verschwand.
Tenebris indes sah sich neugierig in dem Wohnzimmer seines Freundes um. Es war ein gemütlicher, kleiner Raum, welcher besonders durch hölzerne Möbel in den Farben schwarz und beige gezeichnet wurde. Zahlreiche Bücher befanden sich in einem kleinen Regal links von ihm und kombiniert mit der Tatsache, dass Nemo in seinem Vorgarten gelesen hatte, schloss Tenebris, dass Lesen wohl ein Hobby des anderen war. Einige, wenige Pflanzen schmückten den Raum und eine kleine Lichterkette in Form von Glühbirnen erhellte die Umgebung.
Gegen sein eigenes Wohnzimmer hatte Tenebris nichts gehabt, doch er musste zugeben, dass ihm das von Nemo viel besser gefiel. Es wirkte auf ihn irgendwie … lebendiger.
»Hier«, sprach Nemo, als er den Raum beladen mit zwei Tassen Tee wieder betreten hatte und Tenebris eine davon entgegenstreckte. Dankend nahm er die Tasse entgegen und obwohl er zuvor nicht gefroren hatte, genoss er das warme Gefühl an seinen Fingern. Nemo stellte seine eigene Tasse vor sich auf dem kleinen Tisch ab, ehe er sich im Schneidersitz neben Tenebris niederließ. »Ist dir kalt?«
»Nicht unbedingt, aber … die Wärme lässt mich irgendwie geborgen fühlen. Ich weiß, das klingt komisch«, entgegnete Tenebris leicht verlegen doch Nemo schüttelte auf seine Worte hin nur den Kopf. Seine Finger schlangen sich nun um die Decke, welche auf der Sofalehne neben ihm lag. Vorsichtig legte er Tenebris die Decke um die Schultern, weswegen ein erneutes »Danke« über dessen Lippen kam.
»Also, was ist passiert?«, hakte Nemo zaghaft nach und lehnte sich in das weiche Polster seines Sofas; seinen Blick hatte er auf Tenebris fixiert.
»Ich war am Weltenbahnhof«, begann Tenebris zaghaft zu erzählen. »Ich hatte überlegt, das Reisen in andere Welten auszuprobieren, denn es interessiert mich wirklich, wie es in ihnen aussieht. Aber dann bin ich auf diese Verrückte getroffen.«
»Verrückte?«, entgegnete Nemo überrascht und musste bei den Worten seines Gesprächspartners überraschenderweise sofort an Naima denken.
»Sie wollte unbedingt mit mir in diese Apokalypse-Welt; dabei ließ sie mich kaum zu Wort kommen und ich hatte letztendlich keine andere Wahl, als sie zu begleiten«, sprach Tenebris weiter und erneut machte sich die Sorge auf Nemos Gesichtszügen breit.
»Apokalypse klingt aber nicht sehr friedvoll …«
»Das war die Welt auch nicht. Die Menschen, die dort lebten, wurden einer nach dem anderen zu Monstern und begannen sich gegenseitig aufzuschlitzen und zu zerfetzen. Das war wirklich unheimlich und … ekelig«, erzählte Tenebris und Nemo konnte nicht glauben, dass der andere einen solchen Anblick hatte ertragen müssen. »Und diese Verrückte hat all diese Kreaturen umgelegt, als wäre es nichts. Als wären sie nicht einst Menschen gewesen. Dabei sah es aus, als würde es ihr wirklich Spaß machen und obwohl sie mit Blut befleckt war, wirkte sie immer noch … harmlos.«
Nemo lief es eiskalt den Rücken herunter und auch Tenebris erging es nicht viel anders, als er das alles Revue passieren ließ. Die Erscheinung dieses Mädchens war alles in allem doch ziemlich unheimlich gewesen.
»Erst hat sie mich beschützt, aber dann wollte sie, dass ich ein Messer nehme und mich selber verteidige«, fuhr Tenebris mit seiner Erzählung fort.
»Und? Hast du?«, erkundigte Nemo sich und versuchte dabei den Anflug von Unsicherheit in seiner Stimme zu überspielen. Tenebris war dieser jedoch trotzdem nicht entgangen, weswegen er sich nun Nemo zuwandte und in dessen besorgtes Gesicht blickte.
»Nein. Erschien mir nicht richtig«, gab er zurück und es war kaum zu übersehen, wie Nemo ein Stein vom Herzen zu fallen schien.
»Das ist gut«, wisperte er mehr zu sich selber, doch Tenebris wollte es diesmal nicht dabei belassen. Vorsichtig stellte er seine Tasse Tee nun ebenfalls auf dem kleinen Tisch vor dem Sofa ab, ehe er sich wieder an Nemo wandte.
»Ist bei dir auch alles okay? Du kennst mich doch kaum, aber trotzdem scheinst du dir wirklich ernsthafte Sorgen um mich zu machen«, erkundigte Tenebris sich. Ertappt senkte Nemo den Blick und suchte nun nach den passenden Worten.
»Du bist noch nicht lange hier, Tenebris. So traurig das klingt, aber es gibt noch nicht viel, was dich auszeichnet, was dich definiert. Ich möchte einfach nicht«, setzte Nemo an, hatte offenbar jedoch noch immer nicht die passenden Worte gefunden, die er an seinen Gesprächspartner richten wollte. »Ich möchte nicht … dass dir etwas Schlimmes passiert und du dich zum Schlechten entwickelst. Du sollst wissen, dass du nicht allein bist und ich für dich da bin, wenn es etwas gibt, was dich bedrückt. Du kannst mir alles erzählen, okay?«
Zaghaft nickte Tenebris während er die Decke auf seinen Schultern nun enger um seinen Körper zog.
»I-Ist dir jetzt etwa doch kalt?«, erkundigte Nemo sich, da ihm die Aktion seines Gegenübers nicht entgangen war, doch diesmal schüttelte Tenebris den Kopf.
»Nein, alles gut. Danke, dass du für mich da bist, Nemo«, erwiderte er mit einem sanften Lächeln auf den Lippen, welches Nemo glücklicherweise auch tatsächlich zu erwidern schien.
Tenebris war sich sicher, dass in Nemos Vergangenheit irgendetwas passiert war. Womöglich hatte es mit einer anderen Idee zu tun gehabt, für die Nemo nicht hatte da sein können, weswegen sie sich eben nicht zum Guten entwickelt hatte. Doch … was passierte, wenn sich Ideen zum Schlechten entwickelten? Wurden sie dann wie das Mädchen mit den Katzenohren? Nein, die war zwar nicht ganz richtig im Kopf, doch Tenebris würde sie nicht als durchweg schlechten Menschen einschätzen.
Fürs Erste, würde er nicht weiter nachhaken. Womöglich würde ihm Nemo irgendwann ja von selber erzählen, was in seiner Vergangenheit vorgefallen war.
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