Wo gehen Ideen hin, wenn sie sterben?

GeschichteFantasy, Schmerz/Trost / P16
24.01.2020
30.03.2020
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Wo gehen Ideen hin, wenn sie sterben?

Kapitel 1 – Die Geburt einer Idee


Wie sieht es im Kopf eines Menschen aus? Schwirren zahlreiche Gedanken umher? Erinnerungen aus längst vergangenen Tagen? Fragen, auf welche man noch keine Antwort gefunden hat? Ideen, die man am liebsten sofort verwirklichen würde? Sind es schöne Gedanken, traurige Gedanken, eine Mischung aus beidem?
Nicht jeder Mensch ist gleich, doch in dieser einen jungen Frau hier scheint ein gigantisches Chaos zu herrschen. Sie besitzt einen Kopf voller Ideen, jedoch auch voller Selbstzweifel – beides liegt unglücklicherweise nah bei einander.
In ihrer Tasche hat sie immerzu ein kleines Notizbuch, sowie einen Kugelschreiber stecken, damit sie die in der Dunkelheit und in den Selbstzweifeln geborenen Ideen niederschreiben und vor den Gedanken in ihrem Kopf beschützen kann. Doch auch der Zauber von Stift und Papier wirkt oftmals leider nicht für immer. Und manchmal da kommt es vor, dass sie nicht einmal stark genug ist, um ihren Stift zu ergreifen und ihre Ideen zumindest niederzuschreiben. Manchmal, da gehen sie verloren – auf die eine oder die andere Art.
Zu Beginn waren inmitten der Dunkelheit nur die Zweifel und die Angst, welche bereits zahlreiche Ideen verschlungen hatten. Doch wie aus dem Nichts materialisierte sich eine menschlich wirkende Gestalt, welche weder Aussehen, noch Charakter, noch einen Namen zu besitzen schien. Sie war nichts weiter als eine winzig kleine Idee. Hatte sie ein Herz, schlug es nicht. Konnte sie atmen, tat sie es nicht. Die Gestalt wusste es nicht, doch ihr stand ein harter Kampf bevor, den sie womöglich nicht überstehen würde.
»Nicht gut genug«, waren die ersten Worte, die an die Ohren der in der Dunkelheit umherschwebenden Gestalt drangen, doch sie zeigte keinerlei Reaktion. Ihre Beine hatte sie an ihren Körper herangezogen, ihre Arme hatte sie um ihre Beine geschlungen. Die farblosen Augen der Gestalt waren nur einen Spalt breit geöffnet und wenn sie überhaupt etwas sahen, dann blickten sie nur ins Leere.
»Warum versuchst du es überhaupt?«, die Finger der Gestalt zuckten, doch für den Augenblick war das die einzige Reaktion, welche sie von sich zu geben schien.
»Wer sollte, das was du tust, schon toll finden?« Es war die Stimme der Angst, deren Worte bedrohlich in der Dunkelheit widerhallten und nun am Körper der kleinen Idee zu nagen begannen und ihn gänzlich auffressen wollten.
»Du kannst nichts«, sprach die Angst. Ihre Stimme war laut und verächtlich, vermutlich gelang es ihr, jeden in die Knie zu zwingen, dem sie sich gegenüber sah. Die Stimme hingegen, die nur Sekunden später durch die tiefste Dunkelheit flog, war leise. Es war die Stimme der jungen Frau und sie wirkte schwach und unsicher, doch sie erreichte die Gestalt, noch bevor diese von der Angst hatte verschlungen werden können: »Sein Name ist Tenebris
Das Leben schien nun in den Körper der Gestalt zu fahren, sein Herz begann zu schlagen und seine Augen öffneten sich. Vor sich erblickte sie jedoch nichts weiter als Dunkelheit.
»Schon wieder ein neuer. Glaubst du nicht auch, dass es langsam aber sicher viel zu viele werden?«, sprach die Angst und brachte die Gestalt dazu, sich verängstigt umzusehen. Wer war diese Stimme, die dort sprach? Und worüber redete sie? Es ging doch nicht etwas um sie?
»Tenebris ist ein ganz gewöhnlicher Junge«, sprach die verunsicherte Stimme weiter und die Gestalt verspürte den Wunsch, sich an den Worten der jungen Frau festzuhalten, denn sie waren inmitten dieser furchbaren Dunkelheit alles, was ihm nicht wehzutun schien. »In einer ganz gewöhnlichen Welt. Mit einem ganz gewöhnlichen Leben
»Zu gewöhnlich, findest du nicht auch? Deine Ideen werden auch immer langweiliger«, entgegnete die Angst und ihre Worte sorgten dafür, dass die Gestalt ein schmerzvolles Stechen in ihrem Herzen verspürte. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass es um sie ging. War sie die Idee? War sie dieser gewöhnliche Junge, in einer gewöhnlichen Welt, mit einem gewöhnlichen Leben? War sie Tenebris?
»Ich bin nicht gut, oder?«, es war die verunsicherte Stimme der jungen Frau, die nun wieder zu sprechen begann und der Gestalt ein schmerzerfülltes Schreien entlockte. »Normal ist nicht gut, oder? Es muss etwas außergewöhnliches sein! Nein … manchmal tut es normal auch
Der Schmerz im Herzen der Gestalt wurde weniger und für einen winzigen Augenblick schien Stille einzukehren.
»Sein Name ist Tenebris. Er ist 18 Jahre alt, für sein alter relativ dünn und er hat eine tiefe, jedoch sanft klingende Stimme«, sprach die junge Frau erneut und die Stimme klang nun näher als all die Male zuvor, weswegen sich die Gestalt suchend umblickte, jedoch trotzdem nichts weiter entdeckte, als endlose Dunkelheit. »Seine Haut ist ganz blass, weil er in der Vergangenheit nicht oft draußen war und seine Zeit lieber in seinem Zimmer als in der Sonne verbrachte
Verwundert sah die Gestalt an sich herab, besah ihre Hände und blickte hinunter bis zu ihren Füßen, als ihr farbloser Körper langsam einen blassen Hautton annahm.
»Er hat schulterlanges, dunkles Haar … Um es genauer zu beschreiben, es ist braun und er trägt es oftmals in einem Zopf«, ertönte erneut die Stimme der Frau und die Gestalt spürte nun wie ihr langsam einige Strähnen von langem, dunkelbraunen Haar ins Gesicht fielen. Zaghaft tastete sie mit ihren Fingern danach und stellte fest, dass es in einem Zopf zusammengebunden war, genauso wie die unsichere Stimme es zuvor gesagt hatte.
»Bin ich … Tenebris?«, entkam es der Gestalt und als sie ihre eigene Stimme vernahm, klang sie genau so, wie die junge Frau sie beschrieben hatte.
»Du hast keine Ahnung, was du mit dem Jungen anfangen sollst!«, setzte nun wieder die Angst zum Sprechen an und wie von selbst schlang die Gestalt Schutz suchend die Arme um ihren nahezu gebrechlich wirkenden Körper. »Du weißt nie, was du mit deinen Ideen anfangen sollst! Du bist genauso nutzlos, wie sie selber es sind!«
Ein erneuter Schrei entrann der Kehle der Gestalt, als nun die Schmerzen begannen, seinen Körper zu zerfressen. Es fing an bei seinen Füßen, breitete sich aus zu seinen Beinen, bis hoch zu seinem Oberkörper. Panisch riss die Gestalt ihren Kopf hin und her; sie schrie vor Schmerzen laut auf, versuchte sich loszureißen, von was auch immer sie gerade festhielt. Sie begann nach Hilfe zu rufen, doch niemand schien sie zu hören. Der Schmerz fraß sich in seine Arme, seine Hände und in seinen Hals. Er kroch in seinen Mund, raubte ihm so die Möglichkeit um Hilfe zu rufen. Er drang in seine Nase und nahm ihm so die Luft zum Atmen und er kroch auch in seine Ohren und schien so die Stimmen, die bis vor wenigen Sekunden noch gesprochen hatten, verstummen zu lassen.
»Tenebris«, ging es ihm durch den Kopf, während zahlreiche Tränen begannen aus seinen farblosen Augen seine Wangen hinab zu laufen. »Bin ich Tenebris?«
Der Schmerz ließ nicht nach, das Atmen fiel ihm schwer, kein Wort mehr drang zu ihm durch. Doch da die junge Frau den Kampf gegen ihre Angst aufgegeben hatte, spielte das ohnehin keine Rolle mehr. Ihre Selbstzweifel hatten mal wieder gesiegt. Sie hatten sich eine weitere ihrer zahlreichen Ideen geschnappt und sie zu sich hinab in die Dunkelheit gezogen. Wo sie irgendwann vergessen werden würden.
Tenebris, er war nur einer von vielen.
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