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Ich will dich nicht auch noch begraben

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P16 / Het
Angelina Johnson George Weasley Harry Potter Hermine Granger OC (Own Character) Ronald "Ron" Weasley
23.01.2020
18.03.2020
14
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23.01.2020 1.497
 
„Dann erzählen Sie doch mal, warum sie hier sind, Mr. Weasley“, fragt der Mann, der mir gegenübersitzt. Er hat dunkles Haar, das an den Schläfen bereits ergraut ist, und trägt eine randlose Brille. Ich schätze ihn auf Ende vierzig. In seinem Schoß ruht ein dünner Stapel liniertes weißes Papier. Noch bin ich ein unbeschriebenes Blatt.

„George, bitte. Mr. Weasley ist mein Vater.“

„Also gut, George. Wobei kann ich Ihnen helfen?“

„Ich bin … wegen meiner Frau hier.“

„So, so. Was ist denn mit Ihrer Frau?“

„Nein, nein, ich … Ich habe mich falsch ausgedrückt. Ich bin nicht wegen Angelina hier. Ich bin hier, weil sie mir gesagt hat, dass ich hierherkommen soll.“

„Ich verstehe. Warum sagt Ihre Frau, dass Sie zu mir kommen sollen?“

Ich zögere. Die Worte sind in meinem Kopf, den ganzen Morgen schon. Weil ich sie mir zurechtgelegt habe, aufgeschichtet, wieder abgetragen, verworfen. Nennt man das nicht Satzbau? Ich war nie besonders gut mit Worten. Nein, das stimmt nicht, ich war immer schnell mit Worten, war nie auf den Mund gefallen. Heute ist das anders, ich bin irgendwie … langsamer. Die Grammatik ist es, die mir noch nie gelegen hat. In der Grundschule wurde sie mir beigebracht, durchaus, doch auf der weiterführenden Schule, die ich besucht und auf der ich nie einen Abschluss gemacht habe, wurde auf so etwas kaum Wert gelegt. Dort habe ich andere Dinge gelernt.

Diese Worte in meinem Kopf, ich setze sie hintereinander, doch bevor ich sie aussprechen kann, kippen sie und laufen davon, wie beim Domino. Mein Vater hat von jeher eine Schwäche für Muggelspiele. Gesellschaftsspiele liebt er besonders. Also nicht solche, wie ich sie in meinem Laden verkaufen würde. Allerdings spielt er sie auch nicht mehr besonders oft, seit … seit das passiert ist, weswegen Angelina gesagt hat, dass ich hierherkommen soll.

„Es ist … nicht nur sie. Meine Mutter … Sie sagt dasselbe.“ Der Sessel, der sich weich und angenehm angefühlt hat, als ich mich in ihm niederließ, wird zunehmend unbequemer. Mein rechter Knöchel ruht auf meinem linken Knie, doch ich selber bin nicht ruhig, darum wechsle ich die Position, nun liegt mein linker Knöchel auf dem rechten Knie. Das hier wird nie und nimmer funktionieren.

Der Mann, der mir gegenübersitzt, schweigt. Er will, dass ich weiterrede, doch ich mag meine eigene Stimme nicht hören. Weil sie genauso klingt wie … die desjenigen, wegen dem Angelina und meine Mutter gesagt haben, dass ich hierherkommen soll.

„Ich glaube, ich will nicht reden“, sage ich lahm.

„Das geht nicht nur Ihnen so“, sagt der Mann, der mir gegenübersitzt. „Und es ist auch keine Schande.“

„Ist das so?“ Wieder rutsche ich auf dem Sessel hin und her.

Er nickt. „Manche reden wie ein Wasserfall. Ohne Punkt und Komma, die ganzen fünfzig Minuten durch. Sie wollen gar nicht gehen. Andere sagen kaum ein Wort. Und wenn die Zeit um ist, stürzen sie davon. Manche kommen wieder, manche nicht.“

„Was ist denn besser?“

„Nichts ist falsch. Ich bevorzuge das Reden. Dann muss ich nicht so viel fragen.“

„Deswegen heißt es wohl auch Gesprächstherapie. Ansonsten würde man es ja Schweigetherapie nennen.“

Ein Lächeln huscht über das Gesicht des Mannes, der mir gegenübersitzt. Meine Witze waren auch schon mal besser. Sie sind so schlecht, seitdem … Aber das hatten wir schon.

Die Augen des Mannes, der mir gegenübersitzt, sind von einem warmen Braun. Ein bisschen wie Angelinas, aber heller. Warum fällt es mir bloß so schwer, mir seinen Namen zu merken? Er stand groß und deutlich an der Tür, durch die ich eben getreten bin. Aber er ist mir bereits wieder entfallen.

Ich räuspere mich. „Ich muss mich entschuldigen.“

Der Mann schüttelt den Kopf. „Nein, das müssen Sie nicht.“

Und wieder herrscht Schweigen zwischen uns.

„Wo waren wir?“, frage ich irritiert. Konzentration war noch nie so mein Ding, doch dieser Tage habe ich die Aufmerksamkeitsspanne einer Fliege. Hey, das wäre doch etwas, was ich hier anbringen könnte. „Ich kann mich schwer konzentrieren“, sage ich mit einem schiefen Lächeln. Ich kann nicht wirklich wissen, ob es schief ist, doch ich habe ihn lächeln gesehen in peinlichen oder unangenehmen Situationen. Dies hier ist eine peinliche und unangenehme Situation. Er war immer mein Spiegel. Und ist es noch immer. Nur ist er jetzt unsichtbar. Imaginär. Eigentlich nichts Ungewöhnliches in der Welt, in der ich lebe. Da gibt es viele Dinge, die andere nicht sehen können. Die Muggel nicht sehen können. Thestrale sind nur ein Beispiel. Aber ein schlechtes. Denn die können selbst die meisten Zauberer nicht sehen. Ich kann’s. Seit vier Jahren kann ich es. Ich habe mich immer gefragt, wie sie wohl aussehen und jetzt wünschte ich, ich wäre noch immer ahnungslos.

„Ich sagte, es wäre hilfreich, wenn Leute reden. Weil es nichts Falsches gibt, worüber man reden kann. Wir können auch über das Wetter reden. Alles, was Sie sagen, über weiß Gott was, sagt auch immer etwas über Sie selbst aus.“

Mein Blick geht zum Fenster. Die Sonne scheint. London badet in heller, warmer Frühlingssonne. Ich habe Angst. Nächste Woche ist es schon wieder so weit. „Was Gott sagt, ist mir ziemlich egal.“

„Sind sie nicht gläubig?“

„Ich wurde nicht getauft.“

„Man muss nicht getauft worden sein, um an einen Gott zu glauben. Oder einer Religion anzugehören.“

Ich zucke nur mit den Schultern.

„Was arbeiten Sie, George?“

„Ich bin selbständig. Ich besitze einen Laden.“

„Und was genau ist das für ein Laden?“

Ich überlege kurz. „Zaubereibedarf. Ich verkaufe Zaubertricks.“

„Also so etwas wie ein Spielzeugladen?“

„So ungefähr, ja. Scherzartikel, wenn Sie so wollen. Mein Geschäft zieht eher jüngere Kunden an. Aber nicht nur.“

„Führen sie den ganz allein?“

„Nein, zusammen mit meinem Bruder Fr…, äh, Ron. Mit meinem jüngeren Bruder Ron.“ Bei Merlins Bart, werde ich je …

„Und, wie läuft das Geschäft?“

„Ganz gut. Wieder. Wir waren ein ziemlich erfolgreiches Start-up, aber vor fünf Jahren gab’s einen ziemlichen Einbruch bei den Verkaufszahlen. Wie es in der freien Wirtschaft eben so ist. Doch so langsam geht es wieder aufwärts. Mit dem Geschäft, meine ich. Ja, mit dem Geschäft. Nur mit dem Geschäft.

„Sie sind also verheiratet, George? Sie sind noch recht jung, nicht wahr?“ Der Mann, der mir gegenübersitzt, blättert in dem dünnen Stapel Papier auf seinem Schoß, der von einer Metallspirale zusammengehalten wird. Wie nennt man das nochmal? Ach ja, eine Kladde.

„Ich bin vierundzwanzig.“

„Haben Sie und ihre Frau schon Kinder?“

„Ja. Einen Sohn. Ein Jahr ist er jetzt alt. Das zweite ist auf dem Weg. Aber diesmal wird es ein Mädchen.“

Der Füller des Mannes, der mir gegenübersitzt, macht kratzende Geräusche auf dem Papier. Ich frage mich unwillkürlich, ob er wie Rita Kimmkorn eine Flotte-Schreibe-Feder benutzt, die ihm an meiner statt sagen kann, warum ich hier bin.

„Darum würden Sie einige Leute beneiden.“

Wovon redet er? Ach so, von den Kindern. Von meinem Sohn und meiner noch ungeborenen Tochter. Von meinem Sohn, dessen Namen ich an Tagen wie diesem nicht mal denken kann. Damals dachten Angelina und ich, es wäre eine gute Idee, ihn nach ihm zu benennen. Aber heute bin ich mir nicht mehr sicher.

„Sie sagten eben, mit dem Geschäft gehe es aufwärts. Die Betonung lag auf Geschäft. Und wo stehen Sie dabei, George?“

Aha. Dieser Mann beherrscht seine Legilimentik. Halt. Falsch. Dieser Mann ist ein Muggel. Er kann keine Gedanken lesen und ich wette, er hat dieses Wort noch nie in seinem Leben gehört.

„Wie meinen Sie das?“ Natürlich weiß ich genau, wie er es meint.

„Wenn ich mir den Besitzer eines Ladens für Scherzartikel vorstelle, dann denke ich mir einen Mann, der … lustig ist. Wie ein Clown. Jemanden, der das Leben von seiner heiteren Seite sieht. Sie machen auf mich keinen besonders heiteren Eindruck, George.“

Ein Clown. Falsch. Clowns. Waren wir das nicht immer? Hat man uns nicht immer vorgeworfen, wir würden den Ernst des Lebens nicht erkennen? Immer alles ins Lächerliche ziehen? Ja, so war’s. Wir waren solche Narren … Ich schlucke. „Schätze, das ist der Grund, aus dem ich hierhergekommen bin.“

„Was mich zu meiner Frage zurückführt? Warum sind Sie hier?“

Und wieder renne ich meinen Worten hinterher, sie lassen sich einfach nicht einfangen. Die Dominosteine wirbeln in meinem Kopf, entfachen einen Gedankensturm, ich müsste einfach nur das richtige Wort herauspicken, um einen Anfang zu machen. Mir fällt die Geschichte wieder ein, die Ron mir aus seinem zweiten Jahr in Hogwarts erzählt hat. Die, wie er, Harry und Hermine Ginny gerettet haben, und sich auf einmal in einem Raum befanden, in dem hunderte von Schlüsseln durcheinanderflogen und Harry auf seinem Besen nach dem Richtigen greifen musste. Ich hätte auch sie verlieren können, meine einzige Schwester.

„Tot.“

„Tot?“ Der Mann, der mir gegenübersitzt, sieht mich prüfend an. „Wer ist tot?“

Meine Kehle wird eng, mein Mund ist wie ausgetrocknet. Ich habe nach dem richtigen Wort gesucht und ich habe es gefunden. Doch es fühlt sich so an, als würde es mir noch immer im Halse stecken. Ich bekomme keine Luft, fange an zu schwitzen, zu zittern, zu würgen. Es geht nicht!

Ich springe auf und renne aus dem Zimmer.



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