Nenn mich, wie du willst (Akt II: Das Rätsel)

von KyaStern
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18 Slash
Chris Miller Gavin Reed RK800-51-59 Connor RK900 Tina Chen
22.01.2020
09.02.2020
13
72089
2
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Ich habe mich erst spät für ein Splitting entschieden. Ihr findet Reviews zu den ersten Kapiteln immer noch unter Akt I. Ein Teil der Vorworte ist auch "retrospektiv".

Titel: Nenn mich, wie du willst Arbeitstitel: Nenn es, wie du willst/Nenn mich Neun
Akt: (2/4) + Epilog
Autor: KyaStern
Genre: Charakterstudie, Freundschaft, Romanze und Drama/Schmerz/Trost, #KeineRomKom! #Miscommunication, #Worldbuilding
Pairings: Gavin/Neun
Warnung: findet ihr spezifisch für jedes einzelne Kapitel
Generell:
Autor schreibt zu lange Kommentar --> bitte scrollen zu "Viel Spaß beim Lesen!" falls es stört.
Stilwarnung:  Übernutzung von Kommas und Gedankenstrichen/Semikolon und andere Satzzeichen kommen vor, sehr viel Show-Don't-Tell aber Dialog lastig, Diskussionen, Pop Culture Anspielungen, Experimente mit Klangsprache und seltenen stilistischen Mitteln, gelegentlich Songtexte mit Übersetzung...

Altersbeschränkung 18Slash wegen:
- Drogenkonsum/Sucht, psychische Erkrankung(/geistige Gesundheit), Trauma/Gewalterfahrungen und Lebenserfahrungen der Charaktere werden thematisiert (teils auch im Subtext/zwischen den Zeilen)
>> Charaktere sind nicht immer nett miteinander, sondern teils echt unfair (düsteres Weltbild)
-Sex ziemlich explizit angedeutet, aber nicht beschrieben
-extreme Verwendung von Schimpfwörtern
-Diskussion über Sexualität und Sexuelle Handlungen und andere Themen, die für Minderjährige nicht geeignet scheinen/unsachgemäße Repräsentation von (Cyber-)Stalking
-recht provokantes Missachten von Recht, Gesetz und teils Menschenrechten (s. Briefgeheimnis & Privatsphäre)/Gesellschaftskritik/Diskussionen über kritische Themen
-Gewalt (teils recht explizit) und Rassismus gegen Androiden (Darstellung von Radikalen Handlungen und Charakteren), gegen Ende wird es ziemlich düster auch im politischen Klima von DBH (Akt 3)

Kapitel: 11a/19+2 (für Akt II) (geplant ca. 40 + Epilog)
Kapitelname: Ein ganz normales Date
Wortanzahl: 6.135
Warnung: Schimpfwörter/Ausdrucksweise, Rassismus/Androidenhass, Verharmlosung von illegalen Aktivitäten, Neun!, Gewalt gegen Minderjährige („Rückblende“)

(Übernutzung von Kommas und Gedankenstrichen, Pop Culture Referenzen, Hintergrundgeschichten)

Kommentar:

Tatjana, du hast mein letztes Kapitel ja ziemlich in den Himmel gelobt, also wollen wir mal schauen, ob ich den Standard halten kann? (Deiner Rückmeldung wurde – wie immer – fast entgegengefiebert.)

Yocebo, du (und Schwarzleser) hättet fast keine Widmung mehr bekommen... (Upload war für heute morgen geplant, ich habe euch beinah vergessen/übersehen... *Sorry*) Aber sehr liebes Review mit tollen Ansätzen. Es gibt dieses Kapitel auch wieder ein wenig Lucifer.

(Ich habe ein kleines Genre-Problem der Story! Sie will sich nicht in Kategorien/Schubladen einordnen lassen! Es ist eindeutig eine „Romanze“ + „Freundschaft“, allerdings mutet das viel zu... harmlos an, für manche Thematiken. Es ist kein wirklicher „Thiller“ oder „Abenteuer“, auch wenn ich „Abenteuer“ in der Hinterhand behalte. „Drama“ auf jeden Fall, aber es hat auch Ansätze von „Tragödie“ und „Hurt/Comfort“ *Es ist zum Haare ausreißen! Die Geschichte wirkt in der Kurzbeschreibung aus wie eine happy-go-lucky-Liebesdrama/Slow-Burn-Aktion!*)

Wir starten einen neuen Akt und somit ein neues Kapitel der Beziehung. Es wird Kapitel 11a und 11b geben, weil sie denselben Tag beschreiben, aber inhaltlich und vom Ton eine Trennung bedurften, sonst wirken sie nicht.

Diesmal weniger Action geladen, jedoch... emotional ist das falsche Wort... reflektiert? Auf jeden Fall werden ein paar Fragen beantwortet.

'Fire Breahter' von Laurel gibt sich die Ehre als Soundtrack für die beiden Kapitel, jedoch gibt es keinen Songtext. Das ist einfach der Ton dieses Abschnittes und – vielleicht – auch das, was beim Schreiben auf meiner Playlist lief...

Milde OC-Warnung für Statisten


Viel Spaß beim Lesen!

- - -

Gavin manipuliert unruhig an seinem Schlüsselbund, während er sich davon abhält die Digitalanzeige seiner Mikrowelle zu kontrollieren.

Die Art, wie Lucifer auf der Mikrowelle sitzt und mit dem Schwanz vor den leuchtenden Ziffern hin und her wackelt, macht ihn wuschig.

„Ich weiß, wie spät es ist. Danke!“, fährt er die Katze an.

'Nicht in diesem Tonfall!', scheint der unbeeindruckte Blick aus Katzenaugen – dämonisch verengten Schlitzen – sagen zu wollen. 'Du wirst dich unterstehen, so mit mir zu reden...!'

Mit einem Sprung landet Satan perfekt auf dem Laminatboden und setzt sich neben Gavins Schuhe. Das könnte eine Drohung – 'Ich pisse dir wieder rein!' - oder eine Aufforderung – 'Zieh sie an!' - sein, doch Gavin versteht dieses Tier nicht. Es ist ungemein eigenen...

Und könnte eine Diät gebrauchen...

'Kein Tunfisch mehr für dich...!', teilt er ihr telepathisch mit, während sie ihm die Schuhe vor die Füße schleift. Sie passen zwar nicht zu der Farbe seiner Lederjacke, doch Lucifer ist so eindringlich, dass er sie einfach anzieht.

Es ist das ausgetragene Paar, welches er immer anzieht, wenn er viel auf den Beinen sein muss. (Sie hat ihm schon unzählige mal rein gepinkelt und die einzelnen Schuhe an die unmöglichsten Orte geschleppt. Einmal lag einer unter seinem Kopfkissen, ein anderes mal hing es gerade noch über seinem Balkongeländer.)

Wären für ein Date nicht die Ausgehschuhe – Es sind eigentlich Tanzschuhe... Tina hat ihn damals nach dem Rausschmiss hingeschleppt. - angemessen?

Er ist ein nervöses Frack und lässt sich seine Schuhe von einer Katze aussuchen...

Es klingelt und klopft nicht an der Tür. Sie springt einfach auf, auch wenn nur er – und Mrs. Fleming – über die Sicherungskarte Zutritt haben sollten...

„Ich bin pünktlich.“, sind Neuns erste Worte, während er etwas, dass wie eine Schlüsselkarte anmutet, einsteckt. Der fragende Augenbraue wird ignoriert und dafür Lucifer begrüßt, die sich um Neuns Beine windet und fast seine Jeans hochklettert.

Gavin reibt sich die Schläfe.

„Ein wenig zu spät...“, kommentiert er und beobachtet Neun dabei, wie er die Höllenkatze auf den Arm nimmt und kuschelt, als sei sie ein Stubenkätzchen.

„Dein Aufzug funktioniert nicht.“, lautet die Ausrede und Lucifer schmiegt ihren Kopf an das heutige Bandshirt, welches sich unter dieser furchtbaren Regenjacke zeigt.

„Tut er schon ewig nicht-“, will Gavin die Ausrede entkräften, bis ihm etwas auffällt. „Bist du je übers Treppenhaus hoch gekommen?“

Katze und Neun schauen ihn unschuldig an, als wüssten sie nicht, was er gerade denkt...

„Ich bin es einmal runtergelaufen, als du mich rausgeschmissen hast...?“ Das schiefe Grinsen hilft Neuns Fall überhaupt nicht.

Gavin verschränkt die Arme vor dem Oberkörper.

Das Lächeln verliert etwas an Intensität und er setzt Lucifer ab; scheint aber noch ein Ass im Ärmel zu haben.  

„Ich habe-“ Die abgeknickte Blume, welche er aus der Jacke hervorzaubert, beeindruckt Gavin überhaupt nicht. „Ach, vergiss es. War sowieso Leos dumme Idee...“

Er lässt die Rose fallen und Gavins Katze schnappt sie sich.

'Stehen Katzen auf Blumen?!', fragt er sich, weil Lucifer total begeistert von der Geste ist und Neun ein wenig - verknallt - anhimmelt.

Beide Männer ignorieren die Rose – sie existiert nicht! - und Neun reibt sich verlegen den Hinterkopf, als er fragt: „Hast du Kaffee aufgesetzt?“

Gavin hat das Bedürfnis, sich eine Hand gegen die Stirn zu schlagen. Wie ist er an diesen Kerl geraten? (Ach, ja! Es war alles Tinas Schuld... Blödes Casino...!)

„Nein?“, meint er und muss sich wirklich fragen, ob Neun noch nie auf einem normalen Date war. „Normalerweise geht man Kaffee trinken und unterhält sich...“ Gavin erwischt sich dabei, wie er mit den Händen gestikuliert. „...in einem Cafe.“

Neun – und Katze... 'Du kommst nicht mit!' - schauen wenig begeistert.

„Muss ich?“ Stahlblaue Augen wechseln vielsagende Blick mit Lucifer, doch er seufzt und fügt hinzu: „Normal ist so kompliziert...“

Er wendet sich von seiner Verbündeten ab und an Gavin. Mit leicht schief gelegten Kopf fragt er, was Gavin vorschwebe.

Das ist wohl das größte Entgegenkommen, was Gavin erwarten kann...

„Bei meinem Revier gibt es ein ziemlich gutes-“, schlägt er vor, wird aber mit einem scharfen „Nein.“ unterbrochen.

„Okay...?“, rudert Gavin zurück und versucht sich zu erinnern, wo er ansonsten schon guten Kaffee getrunken hat. Sämtliche Ort, an denen er mit 'Lex war, fliegen raus.

„Wir könnten mein Motorrad nehmen und...“, bietet er an, weil alles, was etwas taugt, am anderen Ende der Stadt liegt. „...wir fahren irgendwo hin.“

Der Gedanke gefällt ihm. Auch wenn es dann mehr ein Motorrad-Date als ein Kaffee-Date wäre, entspricht das vielleicht mehr Neuns Wohlfühlzone.

Er spielt irgendein GTA/Hitman-Schrott, also sollte er Spaß am Motorradfahren haben-

„Du glaubst doch nicht, ich würde auf deine Höllenmaschine aufsteige...“, lehnt Neun ab und Gavin kann gar nicht anders, als beleidigt zu sein.

„Ich fahre gut.“, verkündet er mit absoluter Überzeugung. Er hatte noch nie einen Unfall gebaut und selbst Tina liebt es, ab und an mitzufahren. „Stell dich nicht so an. Ich habe sogar einen zweiten Helm!“

Ihm liegen noch ganz andere Sachen auf der Zunge – eines davon 'Wenn du mir nicht ein bisschen entgegen kommen kannst, dann lassen wir das. Verpiss dich einfach.' -, doch der Ausdruck in Neuns Augen lässt ihn zögern.

Sie wirken plötzlich farblos und sehr weit weg.

„Hast du Angst...?“, fragt er, weil er diesen Blick nicht kennt.

Neun schüttelt den Ausdruck aus seinem Augen.

„Nein!“, sagt er zu schnell und merkt es selbst. „Nein...“ Seine Sprechgeschwindigkeit bleibt jedoch noch immer dieses halbpanische Rasen, das Gavin bisher nur einmal gehört hat. „Ich steige nicht mehr auf Motorräder...“

Es klingt wie 'Ich steige nicht mehr auf Motorräder in der Realität.' Gavin ist immer noch etwas bitter und kann Neuns Angst – es scheint wirklich Angst zu sein... - nicht nachvollziehen, lässt es aber gut sein. Die Emotion, welche sich in ausdrucksstarken Augen spiegelt, ist immun gegen Logik und Überredung.

'Warum vertraust du mir nicht?'

„Muss ich wirklich ein Auto leihen?“, gibt Gavin mit einem Seufzen nach.

„Ich fahre auch nicht Auto, wenn ich nicht muss?“, antwortet Neun, obwohl er vielmehr mit Lucifer – oder seinen Schuhen – zu sprechen scheint.

Diesen dummen Spruch kann Gavin sich dann doch nicht verkneifen. „Wie kommst du eigentlich von A nach B, wenn du nicht fährst?“

„Ich habe zwei gesunde Füße...“, kontert Neun mit einem herausfordernden Blick. „Außerdem ist der Spalt zwischen Dächern meist nicht allzu breit.“

„Du verarscht mich doch...“, meint Gavin. 'Springt über Dächer und bricht in Wohnungen ein, aber steigt nicht in ein Auto?!'

(Aber in eine Limosine...)

„Es gibt Bus und Bahn...?“, erwidert Neun mit einem Schulterzucken. „Ich nehme an, für ein Kaffee-Date muss irgendwie Kaffee involviert sein?“

„Das drückt das Wort aus...“, stimmt Gavin zu, weil er mental noch an der absoluten Anlehnung, Auto – oder Motorrad... - zu fahren, hängen geblieben ist. „Oder Tee?“

Begeisterung – bei Neun und Lucifer, die gar nicht will, dass sie die Wohnung verlassen – sieht anders aus.

„Eiscreme ginge auch?“, bietet Gavin erneut an, weil er wieder mit einem Kleinkind statt einem Erwachsenen zu reden scheint. „Solange man sie bezahlt...“

„Ich habe eine Idee...“, wirft Neun ein und seine Augen funkeln wieder. Er ist halb aus der Tür und Gavin muss sich beeilen, um nicht abgehängt zu werden.

„Muss ich dann später eine Kaution stellen?“, hakt er nach, während er die Treppe runter sprintet.

Das Genuschel klingt wie „Warum habe ich diesem Mist zugestimmt?“, doch Gavin überhört es ganz dezent. Neun wartet unten am Eingang des Treppenhauses, bis er aufgeholt hat. „Komm einfach mit. Die U-Bahn fährt in 12 Minuten...“

„Wie sollen wir das schaffen-?“, erhebt Gavin Einspruch, doch Neun packt ihn einfach an der Hand und zieht ihn mit. „Wenn du noch lange quatscht, dann bestimmt nicht.“

- - -

Obwohl Gavin Neun an den verrücktesten Orten getroffen hat, war er selten wirklich mit ihm unterwegs. Neun hat Orte vorgeschlagen und Gavin hat ein Rätsel bekommen, um diesen Ort zu finden.

Sie sind einmal nachts gemeinsam U-Bahn zum Hauptbahnhof – zum Internet-Cafe – gefahren. Im Tageslicht ist es jedoch etwas anderes...

Neun benimmt sich ungemein seltsam. (Sogar seltsam für Neun.)

Wenn er sich den Kragen des Rollkragenshirts über die untere Hälfte des Gesichts zieht und die Kapuze seiner Regenjacke – für die es viel zu warm ist – aufsetzt, sieht er aus wie überdramatischer Teenager – oder ein Scifi-Bandit aus einer seltsamen Mischung aus Western und Apokalypsen-Survivaldrama... - und Gavin ist wirklich kurz davor, zwei Meter Platz zwischen ihnen zu lassen und jedem zu erzählen, dass er diese Person nicht kennt...

Als sie endlich aussteigen und den Bahnsteig verlassen, setzt Neun endlich die Kapuze ab und man kann sein Gesicht wieder sehen...

Die Gegend kommt Gavin irgendwie bekannt vor. Erst als er das große Aquarium sieht, weiß er auch, weswegen. Vieles sieht anders aus im Tageslicht.

Neun nimmt den Begriff 'Kaffee-Date' wirklich sehr wörtlich. Neben dem Haupteingang gibt es einen Starbucks Cafe. Zwischen all den Androiden, die Kaffee zubereiten, gibt es eine junge Mitarbeiterin, die das Chaos beaufsichtigt und sich bei den Kunden entschuldigt, wenn etwas schief geht. Gavin reiht sich automatisch in die Schlange ein, welche sie bedient.

Er bestellt sich einen der teuren Eiskaffees, während Neun noch immer mit der Auswahl beschäftigt scheint. Bevor Gavin jedoch zahlen kann, knallt Neun eine schwarze Kreditkarte auf den Tresen – 'Ist das eine American Express-Card?!' Er kann den Namen, der drauf steht so schnell nicht lesen... - und bestellt sich einen einfachen schwarzen Kaffee. „Geht beides auf mich.“

Gavin merkt, wie die junge Frau Neun auf einmal ansieht. Vielleicht wäre ein Android doch besser gewesen...

„Kann ich Ihnen einen Blaubeermuffin anbieten?“, fragt sie und Neun zwinkert ihr zu, bevor er ablehnt. Er zieht seine Karte durchs Gerät und wartet mit Gavin außerhalb der Schlange auf ihre Bestellung.

Ein Android ruft Gavins Namen auf, damit sie sich die Getränke abholen können – sein Name ist so offensichtlich falsch geschrieben, während auf Neuns Becher gar nichts steht -, und drückt Neun eine Papiertüte in die Hand.

„Wir haben nichts weiter bestellt.“, sagt Neun, doch Gavin sieht die Handynummer mit dem X auf der Tüte.

„Chefin sagt, geht aufs Haus.“

Gavin hat plötzlich keine besondere Lust mehr, sich hier einen Tisch zu suchen...

„Wollen wir ins Aquarium?“, fragt er und ist schon halb aus der Tür.

„Gott sei dank!“, antwortet Neun. „Ich dachte, ich war zu subtil!“ Ein Blick auf die Papiertüte und er drückt sie Gavin in die Hand. „Ich hoffe, du magst Muffin.“

„Der ist für dich...“, antwortet Gavin ein wenig angepisst. Sie stellen sich am Eintrittsschalter an. „Sie hat mit dir geflirtet.“

„Und ich habe gesagt, dass ich keinen Muffin will...“, kontert Neun und reicht auch diesem Verkaufandroiden seine Karte. Sein Finger liegt schon wieder über dem Namen.

„Woher die plötzliche Spendier-Laune?“

„Dir kann man es auch nie recht machen...“, mault Neun und steckt seine Karte in die Hosentasche. „Willst du nun, dass ich zahle oder nicht? Wenn ich uns gratis Zugang verschaffe, bekomme ich eine weitere Cop-Predigt.“

Statt zu antworten, packt Gavin den Muffin aus und beißt rein.

In der Eingangshalle gibt es große Übersichtstafeln, welche die verschieden Wege durch das Aquarium aufzeigen, und Androiden, welche Führungen anbieten. Familien mit Kindern oder Kinderwagen, junge Paare (auch ohne Kinderwagen) und Kaffee oder Eiskaffee –

Gavin und Neun waren wohl nicht so kreativ, wie sie dachten...

- und überforderte Mütter, die nach Kindern brüllen, tummeln sich und wuseln durcheinander. Scharren von Schülern – begeisterte Grundschüler und genervte Teenager - auf Wochenendausflug warten auf Lehrer, Lehrandroiden und einander. Gefühlte hundert Leuten kreischen, kichern und reden kreuz und quer.

Eine scharfe Stimme – sie übertönt wirklich alles - verkündet, dass jeder, der sich auch nur den geringsten Fehltritt zukommen lässt, bis zum Ende des Schuljahres – was noch einige Wochen entfernt ist... - nachsitzt.

Gavin erkennt die Stimme und verschlugt sich fast an dem Muffinstück. Vice – mit streng zurückgesteckten Haaren und im perfekten Hosenanzug – hat eine Gruppe Jugendlicher mit blauen Schleppen im Visier. „Im Aquarium wird nicht demostriert. Das könnt ihr später draußen machen!“

(Sie würde persönlich dafür sorgen, dass sie alle perfektes Benehmen an den Tag legen oder sie könnten sich darauf einstellen, jeden wichtigen Namen des Unabhängkeitskrieges und der Gründerväter mit den entsprechenden Geburtsdaten auswendig zu lernen und für jeden einzelnen einen Aufsatz von mindestens 5.000 Wörtern zu schreiben. Wer sein Recht auf freie Meinung und Versammlungsfreiheit ausleben möchte, der soll wissen, wer für diese Rechte gekämpft hat!

Da sie jedes Wort todernst zu meinen scheint, erzittern die Halbstarken vor ihr und Gavin bedauert sie fast ein wenig. Plötzlich nimmt er Vice den Superschurken von Gotham City ab...)

Er glaubt Amy und Sarah in der Gruppe zu sehen und ist dankbar, dass Neun die Kapuze aufsetzt und sich unauffällig in den nächsten Raum davon stiehlt.

„Ich glaube, ich habe dich noch nie essen sehen...?“, merkt Gavin vor dem nächsten Becken an, während er den restlichen Muffin verdrückt. Er zielt mit der Tüte, wie mit einem Basketball, auf den Mülleimer und trifft.

Ein Haufen Kinder im Umkreis feiern ihn wie einen Helden für den Wurf, doch die Mütter schauen missbilligend.

„Transport macht mein Gehirn langsam.“, meint Neun, doch Gavin erkennt den Schwachsinn als das, was er ist. „Jetzt zitierst du Sherlock.“

„Ich esse nicht, wenn ich keinen Hunger habe...“ Neun zuckt mit den Schultern und nimmt einen Schluck aus seinem Kaffeebecher. Er verzieht das Gesicht und schaut den Kaffee böse an, bevor er ihn Gavin in die Hand drückt. „Und manchmal vergesse ich es...?“

„Warum holst du dir einen Kaffee, wenn du ihn nicht magst?“, kann Gavin bloß fragen, auch wenn er sich nicht über einen zweiten beschwert...

„Ich bevorzuge meinen Koffein meist in Kombi mit mehr Taurin...“, bekommt er zur Antwort, was wohl auf Energiedrinks hindeuten soll...

'Du hast also den Zucker vergessen', denkt Gavin nur spöttisch. 'Du trinkst Gummibärchensaft.'

Ob das eine gute Angewohnheit ist – der Viertel-Dollar flitzt schon wieder hyperaktiv zwischen Fingern hin und her -, bezweifelt Gavin...

Neun navigiert sie durch die verschiedenen Räume – weicht Kinderhorden geschickt aus – und zeigt Gavin besondere Aquarien, auch wenn er nicht ganz versteht, was an manchen so toll sein soll. Die Riesenschildkröte und die Zitteraale versteht er –

Rotznasen werden an Glasscheiben platt gedrückt. Ein Junge schubst ein kleines Mädchen, das wohl die jüngere Schwester ist... Die Mutter zischt beide an, als sie von ihrem Smart Phone aufblickt.

-, aber die kleinen Zierfische...?

(Eine imaginäre Lucifer beschwert sich, dass man die nicht mal essen könnte... Gavin ist scheinbar ein Katzenmensch durch und durch.)

Neun fängt eine Kinderhand, die an die Scheibe klopft, ab. Scheibenklopfer liefert sich ein Wettstarren mit eisblauen Augen und die Mutter weiß nicht, ob sie sich entschuldigen oder Neun zusammenfalten soll.

„Trichogaster lalius“, sagt Neun zu dem Kind und deutet auf die Fische, welche in zwei handbreit Wasser umher schwimmen.

„Hübsch...“, meint Gavin trocken um sein Date davon abzuhalten, sich mit einem Fünfjährigen anzulegen.

„Sie sind ziemlich faszinierend.“, antwortet Neun und Gavin weiß nicht, ob er mit dem Jungen oder doch mit ihm spricht. „Sie kommen zum Atmen an die Wasseroberfläche und können daher in Sauerstoffarmen Gewässern überleben.“ Passender Weise zeigt einer der Fische gerade das Verhalten. „Sie sind sehr territorial. Sie hetzen ein andere Männchen zu Tode, wenn sie in ihre Revier eindringen.“

„Okay...?“, sagen Scheibenklopfer und Gavin gleichzeitig.

„Ich habe mal den Fehler gemacht, zwei männliche Betta splendens in einem Aquarium zu halten.“, erzählt Neun weiter. „Wusstest du, dass in Thailand noch immer Fischkämpfe stattfinden?“

Die Mutter scheint das für ein ungeeignetes Thema für einen kleinen Jungen zu halten, doch überraschender Weise kommentiert ihr Sohn – Neuns Gesichtsausdruck scheint etwas damit zu tun zu haben -, dass Fischchen nicht miteinander kämpfen sollen. Das würde er den Thailändern sagen!

Neun lacht. „Nicht nur Fische sollten nicht miteinander kämpfen...“

Als der Junge zu seiner kleineren Schwester läuft und ihr zeigt, wie die Fische zum Atmen an die Oberfläche kommen, schaut die Mutter Neun plötzlich ganz anders an. Eine Last scheint von ihren Schultern zu fallen, weil ihre Kinder sich fünf Minuten vertragen.

Sie schaut auf ihre verschränkten Finger, da Gavin nach Neuns Hand greift, bevor sie lächelt und beginnt ihren Kinder die Infotexte neben den verschiedenen Becken vorzulesen und die Tiere zu zeigen.

„Du hast also Fische...?“, fragt er, doch die Antwort ist ein „Nein...“ und ein sehnsüchtiger Blick auf die Wasserbecken voll mit Pflanzen, Fischen und Steinen.

„Wenn deine Fische sich gegenseitig umbringen, deutet das darauf hin, dass du vielleicht deine Finger von eigenen Tieren lassen solltest...“, sagt Neun mit einem Seufzer. „Außerdem ist ein Aquarium unhandlich.“

„Unhandlich? Ich dachte, es gibt keine genügsameren Haustiere?“, meint Gavin und genießt es, einfach nur Neuns Hand zu halten. Da etwas zu tief nostalgisches von den blauen Augen Besitz ergriffen hat, stupst er ihn mit dem Ellbogen an.

„Man kann ein Aquarium so schlecht unter den Arm klemmen, wenn man schnell raus muss.“, antwortet Neun sachlich. „Hundert Kilogramm Wasser sind unhandlich.“

Gavin fühlt sich daran erinnert, sein Zeug – gedemütigt, wütend und so schnell er kann – in eine Sporttasche zu stopfen und sich Wochen lang zu streiten, wann er den Rest abholen darf, um dann schließlich einen Pappkarton in den Arm gedrückt zu bekommen, während Larry ihn ängstlich anschaut, ob er sich nicht doch noch eine fängt.

Unter Elijahs verzweifelten Zureden packt er all sein Hab und Gut in einen Rucksack, drückt seinen Cousin ein letztes mal, bevor er das beschissene Haus verlässt...

„Ich ruf dich an, sobald ich ein Handy habe...“


Er lässt das Thema fallen.

Neun kann zu jedem Fisch in jedem Becken etwas erzählen. Es ist niedlich, wie seine gespielte Gleichgültigkeit die Faszination, die in jedem Wort liegt, kontrastiert.

Er bewegt sich, als würde die ganze Ausstellung ihm gehören. Gavin hört gebannt zu und er ist nicht der einzige. Einige Besucher des Aquariums bleiben stehen und lauschen seinen Ausführungen. Kinder – wenn sie sich vorwagen - stellen Fragen zu bestimmten Fischen und Neun beginnt mit einer Horde Grundschulkinder über Haie zu streiten. Erwachsene lachen, als zur  Sprache kommt, wie viele Zähne Haie haben, und jemand wirklich einwirft, sie wäre jetzt ein Hai und würde nie wieder Zähne putzen!

Eine Mutter teilt ihm danach mit, wie schön sie es findet, dass es endlich wieder menschliche Führungen gäbe. Die meisten scheinen wirklich davon auszugehen, dass Neun hier arbeitet, auch wenn er ein furchtbares 'Knights Of The Black Death'-Shirt unter einer weißen Regenjacke trägt.

Danach spricht er leiser. Gavin hat absolut nichts dagegen, wie dicht Neun steht, um ihn unzählige Fakten – nach denen er gar nicht gefragt hat – ins Ohr zu flüstern, während er an dem zweiten Kaffee nippt.

Ein Seitenblick auf die Infotafel offenbar jedoch noch etwas weiteres...

„Du weißt, dass du den kompletten Text teils Wort für Wort runter ratterst?“, merkt er an und Neun schaut ganz verwirrt.

„Tue ich...?“, fragt er und schaut die Zeilen – auf die Gavin deutet - an. „Ich muss ihn schon mal gesehen haben...“

„Gesehen?“, wiederholt Gavin skeptisch. „Du hast ihn gesehen und kannst den Text Wort für Wort auswendig?!“

„Ja...?“, ist weder Antwort noch wirklich Frage.

„Falls du ein Roboter bist...“, kommentiert Gavin halb im Spaß. „...und du wurdest in die Vergangenheit geschickt, weil ich in der Zukunft den Widerstand anführe und ein anderer Killerroboter auf meinen Fersen ist-“

Neun unterbricht ihn. „Das ist der Plot von Terminator, oder?“

„Nein...“, korrigiert Gavin und grinst. „Von Terminator 2“

Darauf scheint auch Neun keine Antwort zu finden. Er ist sprachlos.

„Würdest du mir sagen, wenn du ein Terminator wärst...?“, fragt Gavin.

Obwohl es ein Scherz ist, ergänzt eine innere Stimme bei dem Blick in dieses perfekt symmetrische Gesicht und diese überirdischen Augen: '...und Elijah dich schickt?'

Auch ihm ist aufgefallen, dass Neun manchmal... zu gut ist, um wahr zu sein...? ('Was will so jemand mit mir?')

„Okay...?“, stimmt Neun halbherzig zu. „Und über solchen Quatsch redet man normalerweise bei einem normalen Date?“

Wiederum ist er dann manchmal auch dümmer, als man bei der Intelligenz annehmen sollte...

Er setzt sich auf eine der Bänke in der Halle mit dem Haifischbecken; Gavin setzt sich daneben und trinkt seinen Kaffee aus. Obwohl sich so viele Leute hier aufhalten, kann man ungemein intim miteinander reden. Der Lärm macht anonym.

„Übers Wetter können wir ja schlecht sprechen...“, beantwortet Gavin, der selbst vergessen hat, über was man bei ersten Dates redet. Sie schauen beide die Decke des Aquariums an; den riesigen Bogen, welchen die Scheibe macht, sodass man die Unterwasserbewohner von unten beobachten kann...

Der Hai schwimmt vorbei und Gavin wünscht sich kurz, es wäre wieder Nacht und sie allein. Das Wasser, das blaue Licht, der Anblick und die Tiere sind nachts viel besser.

Er war seit Jahren auf keinem klassischen Date mehr.

Da ist die Kette von zwanglosen Bekanntschaft nach 'Lex, die Jahre mit ihm – sie waren zusammen und doch nie viel auf Dates – und davor einige kürzere Beziehungen und Gefummel, um überhaupt herauszufinden, wer man eigentlich ist.

Gavin geht auf die Vierzig zu und weiß noch immer nicht, wer er ist, noch wer er eigentlich sein möchte... Er weiß nur, wer – was – er auf keinen Fall werden will...

„Wie läuft es im... Job?“, fragt er, um einen Anschein von Normalität zu wahren. Es ist lächerlich. Er weiß noch nicht einmal, was Neun wirklich tut, um sein Geld zu verdienen.

Etwas, wofür er einen teuren Computer und ein spezielles Smart Phone braucht und sich dann unzählige Stunden im Internet herumtreibt...  Bei dem man schnell denken und ein perfektes Pokerface besitzen und gleichzeitig gut genug im Anzug aussehen muss, obwohl man sich offensichtlich am Wohlsten in den immer gleichen Klamotten fühlt. Karten, Münzen, Zaubertricks und eine spezielle Menschenkenntnis...

„Meine PokerPartnerin ist ein Geniestreich.“, antwortet Neun mit einem selbstgefälligen Haifisch-Grinsen, obwohl der wahre Beckenbewohner – er schwimmt an der Scheibe vorbei - doch eine eindrucksvollere Fratze hinbekommt. „Jeder ist so beschäftigt damit, ihr ins Dekolletee zu fallen, dass niemand auf mich achtet...“

Das wird sein Grinsen sogar noch größer...

„Und wer es doch tut, der ist von meinem guten Aussehen... oder dem Maßanzug? ...entweder so eingeschüchtert, dass er mir nicht mal in die Augen schaut...“ Gavin kann den Blick in diese Augen sehr gut halten. „...oder mich beeindrucken will... Es ist furchtbar, wie oberflächlich sie sind. Ich erzähle eine Lüge und sie erzählen mir drei!“

Leider ist das eine... menschliche Schwäche und Eigenart? Selbst Gavin ist dem guten Anblick, den Neun immer macht – egal was er trägt und wenn es fleckige Shirts sind... - nicht ganz immun, auch wenn er sich langsam daran gewöhnt haben sollte...

'Soll ich dich oder sie bedauern?', fragt er sich und beschließt, einfach den... Ausblick zu genießen, solange er kann. 'Du scheinst es ja zu genau für dich auszunutzen...'

Weil Neuns Äußerung seinen „Job“ schon wieder so illegal anmuten lässt, wechselt Gavin lieber das Thema.

(Er weiß jetzt nicht mal mehr, ob er es eigentlich wissen wollen sollte...

'Don't tell. Don't ask. Oder?'

Haben nicht unzählige Individuen dafür eingestanden, dass er offen mit seiner Sexualität sein darf...?)

„Auf dem Revier läuft es-“

„Wenn du jetzt gut sagst, dann gehe ich.“, unterbricht Neun ihn. „Deine Kollegen sind ein Haufen Idioten und du bist niedergestreckt worden.“

Er klingt ehrlich ungehalten.

„Du weißt, was Schweigepflicht bedeutet?“, erinnert er Neun und bekommt nur ein Augenrollen zur Antwort.

„Dexter hat auch so etwas angemerkt...“, motzt Neun, als er wieder beginnt mit seiner Münze zu spielen.

„Wer ist Dexter?!“, möchte Gavin beton beiläufig wissen und Neuns Lächeln wird vielleicht ein wenig verlegen.

Vielleicht ist er lernfähig...

„Die K.I., die euer digitales Archiv und eure Daten sichert...?“, antwortet er und es klingt wie ein Frage. Gavin wusste nicht einmal, dass das DPD eine K.I. besitzt.

„Dexter?“, wiederholt er.

„Die Pathologen haben es benannt.“, rattert Neun überschnell runter, wobei er den gängigen Fehler macht, einen Rechtsmediziner mit einem Pathologen gleichzusetzen. „Der eine-“ Er unterbricht sich, scheint sich gedanklich zu überschlagen, schaut dann aber Gavin an und überlegt es sich anders. „Nicht so wichtig.“

„Eine K.I. ...und die wissenschaftlichen Mitarbeiter haben es 'Dexter' getauft...“, fasst Gavin zusammen. Wer kommt auf die Idee, eine K.I. nach einem Psychopathen, der als Blutspurenanalyst arbeitet, zu benennen? „Wie in der Serie?“

„Eher 'rechts'...“, kommentiert Neun. „Der eine Android heißt 'Sinistra'. Sie sind also sehr kreativ...“

„Das ist schwerer, als gedacht...“, meint Gavin, weil sie schon wieder in peinliches Schweigen verfallen. Ein weiterer Wurf und sein Kaffeebecher landet geübt im nächsten Mülleimer.

Da liegt etwas sehr weiches in blauen Augen, als Neun fragt: „Schlechtes Date...?“

Gavin entscheidet sich dafür, ehrlich zu bleiben. „Die Unterhaltung stockt etwas...“

Ex-Scheibenklopfer und kleine Schwester rennen direkt vor ihren Füßen entlang und steigen unter dem Schmunzeln ihrer Mutter auf eine Bank, um größer zu sein, während sie nach oben gucken.

(Elijah hat sich teils auf einen Stuhl gestellt, um an Chloes Platine zu arbeiten, statt sie auf einen Stuhl zu setzen oder auf den Arbeitstisch zu legen...)

„Hast du Geschwister?“, fragt Neun als er die beiden Kinder beobachtet.

Gavin schaut, was sie für einen Schabernack anstellen, doch versteht nicht, wie Neun auf die Frage kommt. „Warum...?“

„Du benimmst dich wie ein Einzelkind, aber...“, antwortet er und sieht dann Gavin an. „...dein Blick gerade...“

„So etwas ähnliches.“, weicht Gavin aus und beobachtet den Jungen dabei, wie er scheinbar nach den Fischen – den Sternen – greift. „Ich und mein Cousin.“ Er verschränkt seine Finger krampfhaft miteinander. Er redet nicht über Elijah.

Er hat sich seit Jahren nicht mehr gemeldet. Kein Wort mehr, seit Gavin plötzlich diese seltsame Schweigepflichtserklärung unterschreiben musste. Funkstille seit er als CEO seiner eigenen Firma zurückgetreten ist.

Gavin hatte erwartet, ihn öfter statt überhaupt nicht mehr zu sehen...

„Wir waren als Kinder unzertrennlich.“

Ein silberner Viertel-Dollar wird Gavin in die Hand gedrückt. Perplex starrt er Neun an.

„Jetzt nicht mehr...?“, fragt Neun. Die Geste ist ungemein aufmerksam, auch wenn Außenstehende es nicht verstehen mögen.

„Ich will nicht darüber sprechen.“, blockt Gavin trotzdem direkt ab, auch wenn sich seine Finger um die Münze schließen. Wie Neun - ...sein Freund...? - es zu oft tut, dreht er den Spieß um, in der Absicht, das Gespräch zu beenden. „Was ist mit dir?“

„Ich...?“, wiederholt Neun und seine Augen behalten die Hand mit dem Silbertaler im Blick. „Warum denkst du, nenne ich mich Neun?“

'Das ist doch ein Scherz...?!'

„Nicht dein Ernst...“, bringt Gavin seinen Zweifel zum Ausdruck.

„Es war furchtbar. Wir sahen wirklich alle gleich aus. Es war, als hätte ich nicht einmal einen eigenen Namen.“, erzählt Neun und Gavin beginnt zu realisieren, dass es wohl wirklich der Wahrheit entspricht. 'Neun Stück... Was für eine Scheiße?!'

Stahlblaue könnten auch transparent sein, während Neun Blickkontakt aufbaut.

„Die erste, richtige Entscheidung, die ich je getroffen habe, war es abzuhauen. Beim ersten Versuch habe ich mich fast dreizehn Stunden in einem Kofferraum versteckt.“, fährt er fort. „War nur semi-erfolgreich, weil man mich zurückgebracht hat, aber beim zweiten habe ich mich nicht mehr umgedreht.“

Die Geschichte mutet seltsam an. Das klingt fast, als ob Neun in einer Sekte aufgewachsen sei...

„Ich bin ausgebrochen und habe es nie bereut...“, endet er und es irritiert Gavin, wie offen Neun darüber spricht. Als sei das eine ganz normale Erfahrung.

Als würden alle Kinder irgendwann von zu Hause abhauen oder von dort ausbrechen...

„Phuck...“, rutscht es Gavin raus. „Acht Geschwister...?“

„Mehr...“, ergänzt Neun mit einem manischen Grinsen. „Es waren allein acht vor mir. Müssten siebzehn oder achtzehn das letzte mal gewesen sein...“ Neun zählt es wirklich an einzelnen Fingern ab und flüstert Namen zu schnell vor sich her, sodass Gavin nichts versteht. „Nicht, dass wir alle unter einem Dach gelebt hätten, wir...“

(Gavin denkt wirklich gerade an eine Sekte, die als Gemeinschaft hinter einem unüberwindbaren Zaun lebt und eine Horde von Kindern, die in einem Garten spielen...)

Neun sucht das richtige Wort und Gavin bietet an: „Dein Erzeuger war fleißig?“

Das findet er amüsant. Neun greift nach seiner Hand – klaut ihm den Viertel-Dollar, aber lässt sie nicht wieder los – und legt ihm bei „Trifft es genauso gut, wie jedes andere Wort.“ den Kopf auf die Schultern.

Er schüttelt sich vor Lachen, auch wenn ein anderes Gefühl mitschwingt. Kurz kann Gavin nicht anders, als mit einzustimmen, doch es dauert nicht lange, bis das Gelächter schwindet.

„Wann bist du von Zuhause weg?“, fragt Gavin und fährt ihm mit der Hand durch die Locken – dieses verdammte Gel! -, da der Kopf weiterhin auf seiner Schulter ruht.

„So schnell ich konnte.“, lautet die Antwort und der Kopf schnellt mit einem entsetzten Gesichtsausdruck hoch. „Mir ist gerade aufgefallen, dass es mittlerweile mehr als doppelt so viele sein könnten. Scheiße...“

Der Gedanken scheint Neun wirklich zu treffen.

'Fast zwanzig Kinder...' Gavin selbst kann den kalten Schauer bei dem Bild nicht unterdrücken. 'Vielleicht Vierzig oder mehr. Bei den älteren Geschwister vielleicht schon eigene Kinder... Es würde nicht mal auffallen, wenn einer fehlt...'

Sich vorzustellen, dass in irgendeiner Stadt – und Gavin ist davon überzeugt, dass es nicht Detroit ist – oder in einem Dorf – im Garten hinter dem Zaun - fast jeder aussieht wie Neun...

Es ist jedoch eine Schande, dass diese Augen – dieses Kinn, diese Locken... - nicht weiter vererbt werden...

(Der Versuch, sich ein genetische Abbild – oder einen Mini-Neun – vorzustellen, lässt Gavin fast in kalten Schweiß ausbrechen. Imaginärer Mini-Neun springt mit einer Taucherbrille und Schnorchel ins Haifischbecken und schreit dem Personal zu, dass er doch nur schwimmen geht. Ob nicht jemand fangen mit ihm spielen möchte...? „Daddy, schau mal, wie toll ich tauchen kann!“

Er hat es sich anders überlegt.

Neun darf niemals Kinder zeugen...)

Ein Mini-Elijah sitzt mit einem Lötkolben über die Werkbank seines Vaters gebeugt, erzählt irgendetwas über Schaltkreise, während Gavin versucht, ihn dazu zu überreden, mit ihm draußen einen Ball auf dem Korb am Garagentor zu werfen. Natürlich weigert er sich vehement, senkt sich aber mit dem Lötkolben die langen Haare an, weil er sie nicht zusammengebunden hat...

„Mein Cousin ist gar nicht mein Cousin.“, sagt Gavin, bevor er es richtig durchdacht hat.

„Was?“

Gavin schluckt, hält Neuns Hand fest und gesteht: „Mein Onkel ist eigentlich mein Vater.“

Von allen Reaktionen, die Gavin erwartet hat, war es nicht die, dass Neun einfach den Kopf schief legt, ihn aufmerksam betrachtet und ihn stumm auffordert, fortzufahren. Er hört zu.

„Nicht das er oder meine Tante es je zugegeben hätten... Es wurde totgeschwiegen.“, probiert Gavin etwas in Worte zu fassen, was er nicht einmal Tina erzählt hat.

„Elijah...“

Die Neugier seines Cousins – Bruders – war schon immer sein Fallstrick. Er konnte es nie akzeptieren, keine Antworten zu erhalten. Stattdessen fing er an, Bücher zu wälzen, die Umgebung wahnsinnig zu machen und Schulserver zu hacken... Verschlossene Schränke zu durchsuchen;
Tür und Schubladen, die besser geschlossen blieben, und Umschläge, die besser niemand zu Gesicht bekam, zu öffnen. Auf Unterlagen und Urkunden, die verborgen lagen, zu stoßen...

„...hat es raus bekommen. Wir waren ungefähr sechzehn.“

Vor seinem inneren Auge kann er beobachten, wie Elijah seinem jüngeren Selbst die Geburtsurkunde in die Hand drückt. Er spürt erneut den Schock und die Wut darüber, Jahre lang wie jemand zweiter Klasse in diesem Haus – bei Tante und Onkel – gelebt zu haben, obwohl sein Onkel auch sein Vater war. Elijahs Umarmung, als er Gavin „Brüderchen“ nennt... Die Erinnerung ist verschwommen. War Elijah wirklich so glücklich? „Ich habe es gewusst! Ich hatte Recht!“ Als wäre die Nachricht, das beste, was ihm je passiert ist...

Die Wut überlagert alles.

„Meine Mum hat mich ganz allein groß gezogen, weißt du?“, sagt er zu Neun und doch spricht er eigentlich mit Elijah. „Nach ihrem Tod habe ich bei ihm gewohnt und er hat nicht einen Ton gesagt. Nicht ein nettes Wort... Er war nie... ein Vater für mich.“

„Auch nett...“ Neuns zynischer Unterton zerschneidet die Luft und zieht Gavin in die Gegenwart. Doch frostige Augen tauen auf, sobald er hinzufügt: „Sie klingt nach einer taffen Frau.“

„Das war sie...“, meint Gavin und versucht sich an ihr Gesicht zu erinnern. Er erinnert den Zorn auf seinen Onkel/Vater besser. „Ich war fuchsteufelswild.“ Ein Wort folgt dem anderen. „Ich habe ihn zur Rede gestellt.“

„Was ist passiert?“, fragt Neun, als würde er es nicht ahnen. Blaue Augen erklären der Welt den Krieg. Er würde für einen jungen Gavin in die Schlacht ziehen...

„Er hat ausgeholt und mir eine gescheuert.“, sagt Gavin, als sei das die logische Konsequenz. Seine Hand wandert automatisch zu seiner Narbe. „Hat mir die Brille zertrümmert und die Nase gebrochen... und hatte dann auch noch die Frechheit, mir vorzuwerfen, dass ich undankbar wäre.“ Er imitiert automatisch den selbstgerechten Tonfall, den er sein Erzeuger damals an den Tag legte. „'So lange ich unter seinem Dach wohnen würde,...', hat er gesagt. 'Würde ich nicht so mit ihm reden.'“ Sein Lachen ist absolut humorlos. „Schließlich habe er mich die ganzen Jahre durchgefüttert.“

Neun drückt seine Hand fast schmerzhaft.

„Was hast du getan?“, will er wissen.

„Ich habe meinen Rucksack gepackt und dafür gesorgt, dass ich nicht mehr unter seinem Dach wohne.“

„Ich bringe ihn um...“ Und Gavin glaubt ihm jedes Wort. Neun spricht mit solcher Kälte, dass Gavin ihm zutraut, es wirklich zu tun... „Ich finde heraus, wer er ist, und nehme sein Leben systematisch auseinander, sodass er sich wünscht, er wäre tot-“

„Du wirst nichts dergleichen tun.“, stellt Gavin klar.

Sein Onkel/Vater interessiert ihn nicht. Gavin fürchtet, was jemand wie Neun für Elijah bedeuten könnte...

Diese – Neuns - Wut ist nicht überwältigend wie Gavins eigene. Sie ist eine eisige Klinge, die geschärft und geschliffen wird, bis er sie jemanden in die Brust treiben.

Neuns alternatives Ich - die Version seiner Selbst, die er sich geschaffen hat - ist ein Hitman. Jemand, der den Thrill der Jagd in einer Parallelvirtualität genießt. Ein Auftragskiller, für den die Mission an erster Stelle steht, wenn er sich in seinem Handeln gerechtfertigt fühlt.

Gavin bedauert sein eigenes Äquivalent – wenn es dort einen Gavin gibt... - in diesem Universum. Glücklicherweise lebt Neun das - diese Seite von sich - in einem Spiel statt in der Realität aus. Niemand hätte eine Chance gegen jemanden wie Neun. Jemand mit so viel Talent, würden sie – die Polizei – niemals kriegen.

„Er-!“, will Neun protestieren, doch Gavin unterbricht ihn scharf: „Du wirst meine Familie in Ruhe lassen!“

Es könnten auch die Augen einer Katze sein... Er besitzt denselben Starrsinn, der auch in Lucifers Augen blitzt, wenn sie mit einer Maus – ihrem Essen – spielt.

Gavin akzeptiert das „Aber-!“ nicht.

Keine Katze, ein Tiger... Ein schwarzer Panther...

Der größte Fisch im Aquarium wirft einen Schatten.

'Ein weißer Hai.'

„Neun“, besteht Gavin darauf. „Versprich es.“

„Ich...“, weicht Neun aus, auch wenn etwas Kälte es ebenfalls tut.

„Neun!“

„Okay!“, faucht Neun. „Ich verspreche es!“

Gavin glaubt ihm kein Wort. „Was?“

„Ga-vin~“, mault er, doch das macht den Blick weicher. „Ich verspreche, deinen Vater-“

„Oder meine restliche Familie!“, wendet Gavin ein, damit es keine Schlupflöcher gibt. Schlechte Passwörter sind eine Aufforderung, diese zu knacken. Schlechte Versprechen unterliegen gewiss derselben Logik.

„...oder deine restliche Famile...“, spricht Neun ihm nach. „...nicht ausfindig zu machen. Sie existieren für mich nicht und ich werde nicht recherchieren...“

Sein Gesichtsausdruck ist so unzufrieden, dass Gavin fast nachgibt, doch wenn er Neun jetzt einen Finger reicht, wird er die ganze Hand nehmen. „Oder sie stalken!“

„Ga-vin!“ Der Protest ist kurzlebig. Neun merkt, dass Gavin hier keine Kompromisse eingehen wird. „Oder sie – wie du es nennst... - zu stalken.“ Mit Zähneknirschen wird ergänzt: „Auch wenn sie es verdient hätten... Zufrieden?“

„Geht.“, nickt Gavin es ab.

„Du bist nie zufrieden, oder?“, wirft Neun ihm vor, während er aufsteht. Er gestikuliert mit den Händen – ohne Münze – und es sieht ein wenig aus, als würde er kapitulieren - seine Hände heben und eine weiße Fahne schwenken.

„Du machst mich wahnsinnig.“, klingt nicht wie Kritik oder eine Mahnung oder wie ein Schlussstrich. Es ist ein Kompliment. „Weißt du das?“

Es ist wahrscheinlich nicht klug, jemanden wie Neun noch mehr den Verstand zu rauben... Jemand, der einen so fixieren kann, als sein man der einzige Mensch auf der Welt, sollte man nicht in den Wahnsinn treiben.

Neuns Aufmerksamkeit und sein Verständnis von Beziehung wird nie normal sein. Er hat einen furchtbaren Hang, Grenzen zu überschreiten und Regeln zu missachten. Wenn das schlecht ausgeht...

„Scheiß auf normal!“, verkündet Gavin, als er alle Bedenken über Bord wirft und Neun die Hand reicht.

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