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『American Dragon』 || 『Für immer der American Dragon.』

von Rayllum
GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Jacob "Jake" Long / American Dragon Rose / Das Jägergirl
21.01.2020
31.12.2020
51
127.092
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06.11.2020 2.542
 
Energisch schlug Rose Mercers Tagebuch zu. Sie nahm einen langen, zittrigen Atemzug und versuchte, alles zu verarbeiten, was sie gerade gelesen hatte. Es war unmöglich. Es gab so viele Informationen – so viele Offenbarungen –, die in den Seiten des Tagebuchs festgehalten wurden. Rose wusste nicht, wo sie anfangen sollte, nachzudenken. Aber sie wusste, was sie tun musste: Sie hatte einen Verdacht – nein, es war mehr als nur ein Verdacht, es glich einem festen Gefühl –, dass eine Person, die noch am Leben sein könnte, womöglich diese antiken Worte und Gelübde übersetzen könnte. Aber diese eine Person, die im Tagebuch erwähnt wurde, war ein magisches Wesen. Rose würde keinen Zugang zu ihm haben; selbst, wenn sie den hätte, würde sich das Wesen mit Sicherheit sträuben, mit der Großen Jägerin zu sprechen.
     Rose starrte an die Decke. Irgendwo da oben gab es jemanden, der ihr helfen könnte. Es gab Leute in diesem Haus, die ihr bei ihrer Aufgabe helfen konnten. Leute, die ihr den vollen Zugang zur magischen Dimension gewähren konnten, den sie so dringend brauchte, doch es waren Leute, die ihr nie helfen würden: Sie könnte ihnen alles sagen, was sie wusste, könnte ihnen Mercers Tagebuch geben, aber es waren nach wie vor Leute, die ihr niemals helfen würden. Sie wollte es noch nicht einmal Jake sagen – sie hatte Angst, ihm falsche Hoffnungen zu machen und ihn im Stich zu lassen. Lao Shi hasste sie; sie könnte unter dem Einfluss von Wahrheitsserum stehen, und er würde noch denken, dass sie ihn anlog.
     Es gab sonst niemanden in diesem Haus, dem sie vertrauen konnte.
     Außer...
     Irgendetwas zerrte an ihren Nerven. In regelmäßigen Abständen konnte sie drei verschiedene Arten von Fußschritten über ihr hören, und sie hörte immer wieder zwei Stimmen – Lao Shis und eine andere männliche, die gewiss nicht Jake gehörte. Jemand anderes befand sich noch im Haus. Diese Person könnte diejenige sein, die sie brauchte: Jemand, der ihr glaubte und ihr auch den Zugang zur magischen Dimension gewährte. Sie schloss ihre Augen und versuchte, an den Sommer zurückzudenken, der schon lange her war: Es war das erste Mal, an dem sie in New York gewesen war. Sie versuchte, besonders an die Zeiten zu denken, in denen sie den American Dragon gesehen hatte. Sie hatte ihn ständig mit dem Chinese Dragon geschehen – der ganz einfach Lao Shi sein musste –, aber während sie nachdachte, konnte sie ihn sich nicht mit irgendjemand anderem vorstellen.
     Aber dann kam ihr eine Erinnerung an Jake in den Sinn, wie er mit jemand anderem zusammen war. Mit seinem Hund Fu. Sie dachte an das eine Mal zurück, als sie gehört hatte, wie Lao Shi mit jemandem diskutierte, nur um dann festzustellen, dass keiner mit ihm im Raum gewesen war. Es war nicht im Bereich der Unmöglichkeit, dass Fu nicht nur ein Hund war, sondern ein magisches Wesen. Rose hoffte beinahe, dass der Hund tatsächlich nur ein Hund war. Sie dachte nicht, dass sie die Erkenntnis darüber ertragen konnte, wie blind sie gewesen war, um nicht zu merken, dass sich nicht nur zwei Drachen in ihrem Umfeld befanden, sondern auch ein magischer Hund.
     Sie nahm einen tiefen Atemzug. Sie hatte gehört, wie die Tür ins Schloss gefallen war, doch das war bereits eine Weile her. Und sie konnte nicht sagen, wer gegangen war, oder ob sie zurückgekehrt waren. Dennoch sprach sie. „Fu.“ Es klang leise und sanft, aber jedes Wesen in diesem Haus hatte ein Gehör, das tausendmal besser war als ihr eigenes. Wenn Fu im Haus sein sollte und er wirklich bereit war, ihr zu Hilfe zu eilen, dann hätte er sie gehört.
     Und tatsächlich kam ein klickendes Geräusch – von Krallen auf hartem Holz – von den Treppen. Sie lauschte dem ungleichmäßigen Klopfen von Fußschritten, die sich ihr vorsichtig näherten. Bald darauf lugte ein graues Gesicht hinter der Ecke hervor. Dunkle Hundeaugen fokussierten Rose, doch der Hund selbst kam nicht näher.
     Rose festigte ihren Griff um das Tagebuch. Sie versuchte, Kraft von Mercer zu schöpfen – von allem, was er für seinen Jägerclan im Sinn gehabt hatte; von allem, was er für die Welt im Sinn gehabt hatte. Sie musste ihre bisherigen Vorurteile aufsaugen und mit Magie arbeiten, nicht dagegen. Magie würde sie und den Jägerclan retten; Magie würde Jake retten.
     „Hallo“, begrüßte sie den Hund vorsichtig.
     Sie hörte Flüstern hinter sich. Rose wirbelte den Kopf herum und starrte Nicholas und Kyle an, bis ihre Gesichter rot anliefen und sie in Stille verfielen. Dann drehte sie sich wieder zurück zu Fu, der jetzt vollständig im Keller war. Er schien ihr gegenüber misstrauisch zu sein.
     Und sie konnte es ihm wirklich nicht verdenken.
     „Ich muss mit dir reden. Um ehrlich zu sein, brauche ich Hilfe.“
     Fu hockte sich hin und verschränkte die Arme. „Du siehst wirklich sehr hilflos aus“, räumte er ein.
     Rose hätte geschockt darüber sein sollen, einen Hund sprechen zu hören, aber durch ihre Erziehung und die Tatsache, dass sie gesehen hatte, wie Jake sich in den American Dragon verwandelt hatte, gab es nichts mehr, was sie noch schockierte.
     „Blicke können täuschen“, sagte sie undeutlich, bevor sie sich gleich wieder auf das Hauptthema zu sprechen kam. „Es geht um die Prophezeiung.“
     „Ja? Was weißt du davon?“
     „Bist du denn auch bereit dazu, dein Wissen mit mir zu teilen?“, fragte Rose. Es folgte ein Moment der Stille, in dem Fu ihr einen matten Blick zuwarf. „Das hatte ich mir gedacht. Okay, ich werde dir nicht alles erzählen, aber ich merke, dass du mir nicht blind vertrauen wirst.“
     Fu nickte zustimmend und fixierte seine Augen auf das Buch in ihren Händen. Er war sowohl verwirrt als auch neugierig: Es konnte nicht sein, dass sich das Buch bereits bei ihr befunden hatte, als sie sie erstmals hierhergebracht hatten. Sie war dabei zu entkommen.
     „Ich muss meinen Jägerclan retten; du kannst nicht von mir verlangen, dass ich sie alle zum Wohle deiner Drachen opfere.“
     „Du kannst nicht von uns verlangen, dass wir uns zum Wohle deines Jägerclans aufopfern“, konterte Fu grimmig.
     „Gutes Argument“, stimmte Rose zu. Sie wartete einen Moment, bevor sie hervorhob: „Was, wenn wir sie beide retten könnten?“
     „Weshalb würdest du die Drachen retten wollen?“, knurrte Fu, dessen Fell bereits zu Berge stand. Bestimmt verarschte sie sie gerade. Er konnte es nicht wagen, ihr zu vertrauen, nur um anschließend zu merken, dass er getäuscht wurde, und dass seine letzten Hoffnungen in ihn – in Großvater, Haley und all die Drachen, die er liebte – zunichte gemacht worden waren.
     „Das tue ich nicht“, sagte Rose entschlossen. „Aber für mich geht es hier nicht um Drachen. Es geht um ihn.“
     Fu studierte sie. „Du scherst dich wirklich um den Jungen.“
     „Ja.“ Rose schluckte. „Aber ich kann nicht alles für ihn aufgeben. Aber ich dachte, wenn ich vielleicht beide retten könnte, wäre das nicht ganz so schrecklich?“
     „Hmm. Wir sollen euch alle leben lassen, damit ihr weiterhin magische Wesen bis zum Aussterben jagen könnt? Lass mich darüber nachdenken, inwiefern das nicht ganz so schrecklich sein soll.“
     Rose zuckte mit den Schultern. Sie nahm sich einen Moment Zeit, um zu realisieren, dass sie ihm im Gegenzug auch etwas vertrauen musste, wenn sie wollte, dass er ihr traute.
     „Darf ich dir eine Geschichte erzählen?“, fragte sie. „Es ist etwas, was ich selbst erst entdeckt habe, und es ist etwas, das gewiss niemand sonst innerhalb des Jägerclans weiß.“
     Fus Ohren stellten sich auf, und seine Augen funkelten. Rose wusste, dass sie ihn jetzt hatte: Es gab keine Chance mehr, dass Fu sich weigerte, ihr wenigstens zuzuhören.
     „Ich würde gerne eine Geschichte hören“, willigte Fu schnell ein. Er wand sich ein wenig und machte es sich so gemütlich auf dem Betonboden, wie er nur konnte. Dann nickte er und signalisierte ihr, dass sie beginnen sollte.

„Das Gründungsmitglied des Jägerclans war ein Mann namens Mercer. Wie du bereits weißt, ist der Jägerclan so alt wie die Menschheit – wir haben seit Jahrtausenden magische Wesen gejagt. Aber so haben wir nicht angefangen.
     Weißt du, bevor der Jägerclan sich mit der Jagd magischer Wesen befasst hat, wurden sie von der Menschheit als gleichwertig anerkannt. Mercer hat sich in eines von ihnen verliebt – in eine Hexe. Sie haben ein Kind erzeugt – einen Jungen. Aber der Junge wurde von einem bösen Zauberer getötet. Und Mercer hat sich dann geschworen, sein Leben der Befreiung von allem Bösen auf dieser Welt zu widmen – nicht zwangsläufig von allen magischen Wesen, nur denen, die einen schlechten Charakter besaßen. Dann haben Mercer und die Hexe sich daran gemacht, die ersten Orakelzwillinge zu erzeugen.
     Aber das Glück hatte nicht gehalten. Während Mercer – und sein Gefolge, das ihm beigetreten war – einen großartigen Job leistete, die Welt von allem Bösen zu befreien, verspürte die Hexe Langeweile. Mercer hatte sie und seine Töchter von ganzem Herzen geliebt, aber das Bekämpfen des Bösen hielt ihn oftmals von zu Hause fern. Nachdem er fast zwei Wochen lang gewesen war, kehrte er einmal nach Hause zurück, nur um herauszufinden, dass sie sein Zuhause verlassen hatte. Im Haus gab es Beweise für Magie. Die zwei Töchter wurden drinnen zurückgelassen und später von einem Nachbar gefunden.
     Mercer konnte nur zu der Schlussfolgerung kommen, dass ein großes, schreckliches magisches Wesen gekommen war und ihm seine Liebe genommen hatte; die Überreste der Magie kamen dadurch zustande, dass sie versucht hatte, sich gegen einen brutalen Angriff zu verteidigen. Dabei war sie letzten Endes gescheitert, und sie wurde entführt. Er begann, allein nach dem Wesen zu jagen, da er nicht von seinen Männern verlangen konnte, dass sie ihn bei dieser Suche begleiteten. Er war versessen darauf, seine Geliebte sicher wieder nach Hause zu bringen.
     Es hatte drei Jahre gedauert. Die meisten hätten sie für tot erklärt, aber nicht Mercer. Er liebte diese Hexe viel zu sehr, als dass er akzeptieren konnte, dass sie fort war. Er behielt Recht und fand die Hexe. Aber sie wurde nicht gefangen gehalten, wie er eigentlich gedacht hatte. Sie hatte sich in das magische Wesen verliebt und war heimlich durchgebrannt.
     In einem Anfall der Wut schlachtete Mercer den neuen Liebhaber seiner Frau ab, bevor er sich gegen sie wandte und ihr Leben dem Ende gleichmachte. Dann kehrte er ins Dorf zurück, wo seine Männer ihm immer noch treu ergeben waren. Er war nun ein gewandelter Mann, ein verbitterter Mann, aber sie akzeptierten ihn immer noch als Anführer. Er erzählte ihnen, dass er in der Höhle der magischen Wesen gewesen war, und dass diese magischen Wesen auf der Lauer lagen und sich gegen die Menschheit verschworen. Er berichtete den Männern, dass magische Wesen um jeden Preis getötet werden mussten, wenn sie ihre Familie in Sicherheit wahren wollten. Dies wurde im ganzen Land verbreitet, bis magische Wesen nicht mehr länger als gleichgesinnt betrachtet wurden – stattdessen wurden sie nun gejagt und gefürchtet. Mercer benannte seine Gruppe um – ursprünglich waren sie als die Jäger des Bösen bekannt, doch nun nannte er sie den Jägerclan. Und dieser jagte nicht mehr länger das Böse, sondern Magie.“


Rose biss sich auf die Lippe und atmete tief durch. Es gab viel, was sie entdeckt hatte; es gab viel, was sie erst einmal verdauen musste. Alles, was dieses Buch ihr erzählte, widersprach den Werten, mit denen sie aufgewachsen war. Sie bezweifelte, dass sie sich jemals mit den Informationen abfinden würde, die ihr das Tagebuch vermittelt hatte.
     „Wieso erzählst du mir das alles?“
     „Das ist Mercers Tagebuch.“ Sie zeigte ihm die Vorderseite. „Es hat mir alles hiervon erzählt und noch mehr. Ich habe einen Plan, um Jake und mich zu retten. Das Tagebuch beinhaltet alle Antworten. Allerdings liegen diese Antworten in alten Schwüren und Prophezeiungen, die in der alten Sprache verfasst wurden – und die kann ich nicht lesen.“
     „Ich bin nicht so alt“, unterbrach Fu sie. „Ich kann die alte Sprache auch nicht lesen.“
     „Das dachte ich auch nicht.“ Ihre großen blauen Augen wurden riesig und flehend. „Aber du kennst die magischen Wesen. Es muss doch jemanden geben, der alt genug ist, um zu wissen, was es bedeutet. Du kannst sie herbringen und sie es für uns übersetzen lassen.“
     „Warum sollte ich das für dich tun?“, fragte Fu. „Wie soll ich glauben, dass du mich nicht täuschst?“
     „Du musst mir vertrauen!“, schrie Rose verzweifelt. Sie konnte diese Gelegenheit nicht verlieren; sie würde nur eine Chance haben, und das hier war sie. „Ich kann dir nicht garantieren, dass es funktioniert, oder dass wir die Ergebnisse bekommen, die wir wollen, aber verdammt, wir müssen es versuchen. Ich kann ihn nicht töten, aber ich kann auch nicht meine Familie töten!“
     Fu versuchte, ihr Gesicht zu lesen. Er erinnerte sich an die Worte der Orakelzwillinge: Vertraue ihr. Er wusste nicht, wieso er ausgerechnet sein Vertrauen in das Jägergirl setzen musste, aber er war ernsthaft davon überzeugt, dass sie die Wahrheit sagte.
     „Ich würde dir gerne helfen“, sprach er in einer müden Stimme. „Aber ich kenne niemanden, der so alt ist.“
     „Ich glaube, ich schon“, sagte Rose eifrig. „Mercer erwähnt in seinem Tagebuch, dass die Hexe und ihr Liebhaber ein Kind hatten, und dass die Hexe, bevor sie gestorben ist, das Kind mit Langlebigkeit gesegnet hat, sodass sie allen von der Welt erzählen kann, die einst existiert hat; diese Welt, von der sie hofft, dass sie wieder existieren kann. Ich glaube, das Kind lebt noch.“
     „Und wie finden wir das Kind?“
     „Mercer hat eine Beschreibung dieser Tochter hinterlassen. Sie klingt sehr markant. Wenn ich dir die Beschreibung vorlese, dann erkennst du sie wahrscheinlich wieder.“
     Fu nickte. „Also dann. Hören wir es uns an.“
     Rose blätterte ein paar Seiten im Tagebuch durch, bevor sie sich auf einen Abschnitt konzentrierte. „Sie war ein schönes Kind, nehme ich an. Sie sah genauso aus wie ihre Mutter – braune Haare und braune Augen. Sie war nur von der oberen Hälfte aus menschlich. Die untere Hälfte bestand aus acht grotesken Spinnenbeinen. Sie haben dieses Monstrum Veronica getauft.“ Rose blickte auf. „Kennst du sie?“
     Fus Kinnlade fiel herab, seine Augen verdrehten sich nach innen. Und dann wurde er ohnmächtig.
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