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『American Dragon』 || 『Für immer der American Dragon.』

von Rayllum
GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Jacob "Jake" Long / American Dragon Rose / Das Jägergirl
21.01.2020
31.12.2020
51
127.092
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30.10.2020 2.513
 
Theron stand am Fenster – ein Ort, den er mittlerweile nur noch selten verließ. Er hielt den Blick auf die Straße gerichtet und wartete darauf, dass ihr schlanker Körper und ihr langer, wehender Zopf durch die Eingangstür flaniert kam. Er war sich nicht sicher, was er tun sollte, nachdem das Jägergirl erst mal wieder im Hauptquartier war; er müsste sie bis zum Tod befragen, oder er müsste ihr einfach irgendeine Form der Zuneigung zeigen – etwas, was er niemals jemandem in seinem Leben gezeigt hatte, etwas, wovon er niemals erwartet hätte, dass er es jemals jemandem entgegenbrachte.
     Andererseits hatte er sich in seinem ganzen Leben noch niemanden wie das Jägergirl erträumt. Auch wenn sie zum größten Teil von ihm erschaffen wurde – ihre Körperchemie wurde so verändert und so geformt, dass sie all seinen Wünschen und Bedürfnissen nach einem Schützling entsprach –, so war er dennoch überrascht, wie perfekt sie geworden war; wie stark und sicher sie war. Sie jetzt zu verlieren wäre nicht nur eine Verschwendung, sondern es würde das Ende herbeirufen. Der Große Jäger war nicht bereit für ihren Tod, und er war definitiv nicht bereit, den Jägerclan aufzugeben. Solange es da draußen noch magische Wesen gab, mussten sie gejagt und vernichtet werden.
     Theron stieß einen Atemzug aus, während er auf seine riesigen Hände starrte. Er wusste, dass sie noch am Leben war. Das Jägergirl war zu erfahren, um einfach zu sterben. Jedoch konnte sie verletzt sein. Sie brauchte eine neue Art von Stärke – sie brauchte die Stärke der vorherigen Großen Jäger, die hinter ihr standen. Es war keine Entscheidung, die ihm leichtgefallen war. Er hatte niemals beabsichtigt, ihr all diese Kraft zu geben – diese enorme Kraft und Verantwortung des Jägerclans –, wenn sie noch so jung war. Aber nun lag der letzte Augenblick vor ihnen, und er hatte keine Ahnung, wo seine geschätzte Kämpferin war. Sie brauchte alles, was er ihr geben konnte.
     Der Große Jäger schloss seine Augen und begann, in einem tiefen und monotonen Klang den Schwur des Jägerclans aufzusagen. Es war ein Gelöbnis, welches im Laufe der Geschichte Tausende von Malen aufgesagt wurde. Und zum ersten Mal würde er an eine Frau weitergegeben werden. Er spürte, wie es an seinen Nerven zehrte. Er fühlte sich nicht mehr so mächtig wie noch kurz zuvor. Jetzt war er aus ihm gewichen: Der Titel des Großen Jägers. Sie war nun die Große Jägerin – sie würde die Größte von allen sein.
     Er öffnete wieder seine Augen. Er legte eine Handfläche an die Glasscheibe des Fensters, als würde sie ihm dadurch näherkommen; als würde sie zu ihm zurückkommen. Theron hatte ihr alles gegeben, was er konnte. Nun lag es an ihr, und er wusste, dass sie das Beste daraus machen würde.

Rose atmete unwillkürlich auf. Ihre Augen flogen auf, als sie aus dem unruhigen Schlaf gerissen wurde, in den sie gerade eben erst gefallen war. Jetzt war etwas in ihr. Sie wusste nicht, was es war, aber es strömte durch ihre Adern, durch ihr Knochenmark, durch ihr Herz, durch ihren Verstand. Sie konnte es dort pulsieren fühlen. Es war weniger eine Existenz als vielmehr ein Gefühl.
     Sie ließ zu, dass sich ihr Körper an dieses neue Gefühl gewöhnte. Nach 60 langen Sekunden hatte sie sich dazu entschieden, dass es ihr gefiel.
     „Geht es dir gut?“, flüsterte 88 neben ihr, der sie gehört hatte.
     „Mir geht es bestens.“ Rose streckte sich. Sie fühlte sich fantastisch. Sie fühlte sich göttlich.
     Dieser Vergleich brachte sowohl Überraschung als auch Angst in ihr zum Vorschein. Sie war kein Gott. Sie war ein siebzehnjähriges Mädchen. Zugegeben, sie war ein Mädchen, das viel zu viel gesehen und viel zu viel in ihrer kurzen Lebensdauer getan hatte, aber sie war immer noch nur ein Kind. Sie sah auf ihre Hände hinab und fragte sich, ob sie dieses neue Gefühl begreifen würde, wenn sie nur auf ihre Haut starrte. Und auf wundersame Weise wurde ihr klar, dass sie genau wusste, was sie empfand. Der Meister hatte mit ihr über dieses Gefühl geredet, damals als sie eine Einzelsitzung hatten, in der er ihr beigebracht hatte, was es bedeutete, den Jägerclan anzuführen, und was es eines Tages für sie bedeuten würde, wenn sie erst einmal die Große Jägerin war.
     Dies war ein Gefühl der vergangenen Mitglieder des Jägerclans. Er hatte darüber gesprochen, wie er ihre vereinte, vergangene Stärke und Weisheit gespürt hatte, welche ihn antrieben und leiteten. Sie legte eine Hand auf ihre Brust, konnte ihr schlagendes Herz unter ihrer Handfläche fühlen, und sie realisierte, was es bedeutete. Der Meister hatte offiziell seinen Titel aufgegeben. Nun hatte sie das Kommando; sie hatte die Kontrolle. Die Prophezeiung wurde offiziell dadurch in Bewegung gesetzt, als er ihr diesen Titel überreicht hatte. Sie war überglücklich – das war es, worauf sie ihr ganzes Leben hingearbeitet hatte, immerhin musste sie stets die Beste sein, die Klügste, das kleine Wunderkind des Meisters –, aber ihr Magen zog sich ebenso zusammen. Denn jetzt musste sie Jake bekämpfen und töten. Und das Ganze würde sich in wenigen, qualvoll kurzen Tagen zutragen.
     Aber sie wusste, dass sie stark genug sein würde, um zu gewinnen.
     Sie wusste nicht, ob sie überhaupt gewinnen wollte, ob sie weitermachen wollte, wenn er nicht mehr war, aber sie wusste, dass sie es machen musste.
     „Glaubt ihr, es ist schon vier?“, flüsterte Rose.
     „Wahrscheinlich“, quiekte 89.
     „Nicht, dass man hier unten herausfinden kann, wie spät es ist“, nörgelte 88.
     „Wann hauen wir ab?“, fragte 89, der genau wusste, wie genervt sein Freund von diesem Ort und ihren Käfigen war.
     „Bald“, versicherte ihnen Rose. „Sehr bald schon. Aber wir müssen noch einige Dinge erledigen, und es muss getan werden, ohne dass wir großes Aufsehen erregen. Wenn wir jetzt gehen, wird das bei ihnen nur Misstrauen entfachen. Jetzt gerade brauchen wir Vertrauen.“
     „Vertrauen?“, schnaubte 88. „Vertrauen? Was brauchen wir sie, um uns zu vertrauen? Schau mal, nur weil dieser Drache sich in deinen verdammten Freund verwandelt hat–“
     „Das reicht!“, donnerte Rose. „Das reicht. Glaubt ihr wirklich, dass ich den gesamten Jägerclan verdammen werde, nur weil meine menschliche Gestalt einen Freund hat?“
     Sie verließ ihren Käfig und betrat den von Kyle, wo sie sich über ihn beugte, damit er die Wahrheit in ihren Augen erkennen konnte.
     „Meine erste Pflicht und Priorität ist der Jägerclan – meine Familie. Was auch immer ich tue, ist zum Wohle aller. Daran müsst ihr glauben.“
     Kyle wandte den Blick ab und seufzte schwer. „Es tut mir leid, dass ich an dir gezweifelt habe.“
     Rose nickte und nahm seine Entschuldigung an. „Andrew wartet auf mich; es dauert nicht lang.“
     Langsam ging sie die Kellertreppe hoch, hielt ein Ohr für jegliche Bewegung offen. Obwohl sie neulich niemand bewacht hatte, so machte sie sich doch Sorgen, dass jemand sie beobachtete – insbesondere, wenn dieser Jemand wusste, wer sie war. Sie wusste, dass Lao Shi Jakes Schmerz persönlich genommen hätte. Und doch wurde sie viel öfter allein gelassen, seit sie ihr Gesicht offenbart hatte. Keiner war mehr nach unten gekommen, um sie zu foltern – um genau zu sein, hatte sie niemanden mehr gesehen, seit Jake ihr seine zwei Identitäten offenbart und sie all diese schrecklichen, wahren Worte gesagt hatten.
     Und es war genauso leicht, jetzt zu entwischen und wieder den Weg zu ihrem Treffen mit Andrew zu finden.
     Er war bereits da, als sie ankam – eine Umhängetasche hing an seiner Schulter. Er wartete mit seinen Worten, bis sie direkt neben ihm stand. Während ihrer Unterhaltung hielten sie ihre Stimmen gesenkt; die Straße schien leer zu sein, aber sie wollten nicht das Risiko eingehen, jemanden auf ihre Gegenwart aufmerksam zu machen. Es war schon schwer genug, ihn zu treffen, wenn sie die unzähligen Mitglieder des Jägerclans mied, die die Straßen nach ihr absuchten; sie mussten sich nicht noch zusätzlich über normale Menschen den Kopf zerbrechen.
     „Alles in Ordnung?“, hauchte Andrew.
     „Ja, natürlich. Mir geht es gut“, zappelte Rose nervös. Sie musste wissen, ob er hatte, was sie wollte. Sie musste wissen, ob es für alle einen Ausweg aus der Situation gab, oder ob sie ihre Pläne aufgeben, egoistisch sein und Jake tatsächlich töten musste.
     „Bist du sicher, dass du nicht zum Hauptquartier zurückkommen kannst?“
     „Nein, noch nicht.“
     „Geht es 88 und 89 gut?“
     „Ja“, fauchte Rose. „Hast du das, was ich will?“
     Andrew zögerte. „Es war nicht leicht –“
     „Das war zu erwarten. Bist du da herangekommen?“
     „So gut wie…“
     „Was soll das denn bitte bedeuten?“
     „Es bedeutet Folgendes: Ja – ich bin an die ursprüngliche Prophezeiung und an den ursprünglichen Eid des Jägerclans herangekommen. So gut wie. Aber ich war nicht in der Lage, sie zu übersetzen.“
     „Was meinst du mit irgendwie?“, keuchte Rose. „Und wieso sind sie nicht übersetzt?“
     „Ich musste das Büro des Großen Jägers durchwühlen, um an diese Dokumente zu kommen!“, grollte Andrew. „Er verlässt es mittlerweile kaum noch – ich habe schon meinen Hals riskiert, um sie überhaupt zu nehmen. Ich hatte nur reines Glück, dass es nicht so aussieht, als würde er sie sich jemals angucken!“
     Andrew griff in seine Tasche, und anstelle von zwei Seiten Papier, wovon Rose ausgegangen war, zog er stattdessen ein altes Buch hervor.
     „Das ist Mercers Tagebuch“, verkündete er.
     Voller Ehrfurcht und Bewunderung nahm Rose das Buch aus Andrews Händen. Mercer – das erste Mitglied des Jägerclans; der Anfang von allem.
     Andrew schlug das Buch auf. „Der Großteil des Buchs wurde ins Deutsche übersetzt. Ich meine, es ist definitiv in der alten Sprache verfasst worden, aber wenn du lange genug darauf starrst, wird es sich von selbst übersetzen. Das muss Magie sein – und ich weiß, dass wir gegen jegliche Formen der Magie sind –, aber in diesem Fall müssen wir dankbar dafür sein. Ich habe das Tagebuch überflogen, natürlich hatte ich nicht die Zeit gehabt, es zu lesen. Die Prophezeiung und der Eid des Jägerclans stehen beide hier drin, aber sie lassen sich nicht übersetzen, genauso wie andere antike Eide und Gelübde.“
     Rose versteckte das Buch schnell unter ihrem Hemd; sie war sich darüber im Klaren, dass sie sehr wenig Zeit hatte, um wieder in Jakes Keller zu kommen. Sie hoffte, dass keiner der Drachen nach unten gekommen war, um während ihrer Anwesenheit nach ihren Gefangenen zu sehen.
     „Ich hoffe, dass etwas darinsteht, was dir helfen kann“, sagte Andrew, „und es tut mir leid, dass ich nicht in der Lage war, jemanden zum Übersetzen zu finden. Aber es gibt niemanden, der so alt und immer noch am Leben ist, und wenn ja, dann handelt es sich dabei um magische Wesen, die unseren Augen verborgen sind.“
     Rose nickte verständnisvoll. „Du hast mir Mercers Tagebuch verschafft. Ich wusste gar nicht, dass es existiert. Ich könnte in der Lage sein, damit mehr herauszufinden als nur mit der Prophezeiung und dem Eid. Vielen Dank, Andrew; du hast mir sehr geholfen.“
     Andrew lächelte. „Wann kehrst du wieder mit 88 und 89 zurück?“
     „So bald ich kann; wir wollen unbedingt wieder nach Hause. Ich werde schon bald wieder daheim sein; hoffentlich innerhalb der nächsten zwei Tage.“
     „Ich warte schon darauf, Jägergirl.“
     „Das tue ich auch“, sagte Rose. Sie wusste, dass sie all die Antworten haben würde, wenn sie erst mal wieder zu Hause war. Selbst wenn das bedeutete, dass sie wusste, dass Jake sterben sollte – sie würde sich dann so oder so besser fühlen als jetzt: verhüllt in Ungewissheit, so fühlte sich ihr Kopf gerade an.
     Sie salutierte vor Andrew und rannte durch die Straßen. Dabei ging sie sicher, ein Auge für weitere Mitglieder des Jägerclans offen zu halten, die keinerlei Probleme darin sahen, jegliche Sichtungen dem Großen Jäger mitzuteilen – oder noch schlimmer, sie wieder zu ihm zurückzubringen. Sie schaffte es ohne Probleme zurück in den Keller. Dort fiel sie auf ihren Bauch, und obwohl sie erschöpft war und dringend Schlaf benötigte, begann sie die Worte zu verzehren, die Mercer vor Hunderten und Hunderten von Jahren in sein Tagebuch geschrieben hatte.

„Sie hat es?“
     „Sie hat es.“
     Die Orakelzwillinge blickten von ihrer magischen Kugel auf – wo man die Reflektion des Jägergirls erkennen konnte, wie sie in ihrem zylinderförmigen Gefängnis las – und geradewegs in die Augen der anderen.
     „Dann haben wir es geschafft, Schwester.“
     „Ja.“ Der eine Zwilling nickte mit ihrem blassen Kopf. „Wir haben es geschafft, ihre Träume zu erreichen. Sie weiß, wie sie sich und den American Dragon retten kann – was beweist, dass sie genügend Biss hat, um die notwendigen Schritte einzuleiten.“
     „Das tut sie“, sagte der andere Zwilling mit Gewissheit. „Wir müssen auch hoffen, dass Lao Shi sich an unsere letzten Worte erinnert.“
     Ihre Schwester schürzte die Lippen. „Wir wissen, dass er sich an unsere Worte erinnert. Allerdings hege ich nicht viel Glauben daran, dass er ihr vertraut.“ Sie tippte auf die Kugel, und das Bild wechselte zum schlafenden Fu Dog. Sie kam der Kugel näher und hauchte die Worte in seine Träume. „Vertraue dem Jägergirl; vertraue immer dem Jägergirl.“
     Der Hund zuckte im Schlaf, und sie lehnte sich zurück, zufrieden darüber, dass ihre Magie gewirkt hat. „Fu Dog wird sich um alles kümmern, selbst wenn Lao Shi es nicht tun wird.“
     „Stell dir nur vor, wo wir stehen würden...“, sinnierte der andere Zwilling, „...wenn wir nicht auf die Art kommunizieren könnten. Das Jägergirl würde nicht wissen, wie sie irgendjemanden retten könnte; der Junge hätte nicht von dem Tagebuch erfahren; Fu würde nicht in der Lage, dabei zu helfen, alle zu retten.“
     „Es ist in der Tat ein Segen; die Fähigkeit, Ideen in die Träume anderer zu bringen. Lass uns aber nicht zu hoffnungsvoll werden, Schwester. Es ist noch nicht vorbei.“
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