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『American Dragon』 || 『Für immer der American Dragon.』

von Rayllum
GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Jacob "Jake" Long / American Dragon Rose / Das Jägergirl
21.01.2020
31.12.2020
51
127.092
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24.10.2020 2.430
 
Rose verspürte ein tiefes Ziehen in der Magengrube. Ihr gesamter Körper fühlte sich plötzlich so schwer an, und doch war er so leer. Ihre Hände handelten wie von selbst und ahmten seine Haltung nach – sie hielt sie direkt über dem Material, sodass sie ihn nicht direkt berührte, aber ganz kurz davor war. Sie starrte auf seine Hände – jene Hände, die sie in einem anderen Leben gehalten und geschätzt hatte. Ihre Augen wanderten zu den Schwielen in seiner Handfläche, und sie dachte an all die Narben, die sie auf seinem Körper ausfindig gemacht hatte. Und auf einmal realisierte sie, dass alles, was mit ihm passiert war, durch all die Lasten kam, die sein Körper mit sich herumschleppte.
     Sie wandte ihren Blick von den Händen ab – von den Händen, die eben noch erst Krallen gewesen waren – und ließ ihn nach oben wandern, in die tiefbraunen Augen des Jungen, den sie liebte. Diese tiefen braunen Augen, die sie so leicht denen eines Drachen zuordnen konnte; wieso hatte sie das bislang nur nicht gesehen? Sie sah auf sein schwarzes und grünes Haar und erkannte darin eine schwarze und grüne Mähne. Es gab beinahe schon unheimliche Ähnlichkeiten, wie sie nun wusste – nun, da sie einen Drachen und seine doppelte Identität begreifen konnte.
     Rose untersuchte Jake und konnte ihn als den American Dragon sehen. Sie konnte ihn sich als dieses fantastische Biest vorstellen, als würde er direkt vor ihr stehen, was er gewissermaßen auch tat. Dieser Gedanke kam hart und schnell auf sie zugeschossen. Der American Dragon stand vor ihr, denn der American Dragon war Jake; sie war in denjenigen verliebt, den sie ins Grab bringen sollte. Der Gedanke traf sie wie ein körperlicher Schlag – Rose spürte, wie ihre Knie nachgaben. Ihre Beine gaben nach, und sie sank langsam zu Boden, mit immer noch ausgestreckten Armen, als könnte sie ihn irgendwie halten.
     „Wie?“, hauchte Rose. Es war weder eine Frage an Jake noch an sich selbst, sondern mehr eine Frage an das Universum. Wie konnte das ihnen nur zustoßen? Warum – von allen Leuten auf dieser Welt, in die sich dieser verdammte Drache hätte verwandeln können, von allen Leuten auf dieser Welt, die sie hätte lieben lernen können – musste es Jake Long sein?
     Jake ahmte ihre Pose nach und ging auf die Knie, sodass er sich auf Augenhöhe mit ihr befand. Seine Mimik sah so zerrissen aus, wie sie sich ihre eigene vorstellte. Rose rutschte bis zur Mitte ihres Rohres zurück, zog die Knie an ihre Brust und schlang die Arme um ihre Beine, um sich zusammenzureißen.
     Sie konnte es jetzt gerade nicht ertragen – und sie würde es auch niemals ertragen können. Obwohl sie wusste, dass sie stark war – zumal sie es sowieso immer sein musste –, hatte sie nie gelernt, wie sie mit dieser Art von Emotion am besten umzugehen hatte. Sie bezweifelte, dass irgendjemand in der Lage wäre, diese Art von Schmerz zu erdulden. Etwas krallte sich an ihrem Herzen, an ihrem Kopf fest. Als das Jägergirl konnte sie nicht einfach so in den Krieg marschieren und den American Dragon töten, so wie sie es immer versucht hatte. Denn so sehr sie auch versuchte, sich die beiden als zwei verschiedene Wesen vorzustellen, so war sie immer noch das Jägergirl und Rose zugleich. Sie bestand nicht aus zwei verschiedenen Menschen – wenn Rose Jake liebte, dann tat es auch das Jägergirl; wenn das Jägergirl das wahre Gesicht des American Dragon kannte, dann tat es auch Rose.
     Und doch konnte sie den American Dragon nicht opfern – sie selbst konnte sich nicht Jake opfern. Sie hatte einen gesamten Clan, der sein Leben von dem ihren abhängig machte. Sie konnte sie nicht enttäuschen oder sie einfach sterben lassen, nur weil sie einen Jungen liebte; und das so sehr, dass sie es nicht ertragen konnte, ihn sterben zu lassen – insbesondere nicht durch ihre eigenen Hände.
     Sie sprang fast hoch, als sie warme Hände an ihrem Rücken spürte. Sie lugte hinter ihrer Armbeuge hervor und sah, dass Jake in ihr Gefängnis eingedrungen war und versuchte, sie zu sich heranzuziehen, ihr Trost auf die einzige Weise zu spenden, die ihm gelang – durch Körperkontakt. Obwohl er ihr vor noch vor wenigen Nächten einige süße Worte zugeflüstert hatte, konnte Rose nicht erwarten, dass seine Stimme ihr durch all das half. Außerdem, wenn er in der Lage wäre, mit ihr zu sprechen, was würde er sagen? Er hatte keine größere Erklärung über das Universum als sie; er konnte ihr nicht sagen, wie sie es hierhergeschafft hatten.
     Sie ließ nicht zu, dass Jake sie in eine Umarmung zog. Stattdessen drehte sie sich direkt zu ihm. Rose legte die Hände auf seine Wangen und versuchte, sich einzuprägen, wie seine Augen in diesem Licht glänzten, wie sein dunkles Haar plötzlich grün wurde. Sie beugte sich vor und gab ihm einen bittersüßen Kuss auf die Lippen.
     Bevor sie eine unmögliche Entscheidung traf.
     „Ich kann dich nicht am Leben lassen.“
     Etwas in ihr schrie auf, als sie diese Worte aussprach; irgendetwas in ihr begann, zu schreien und zu wüten, ihr zu sagen, dass sie falsch lag. Sie sah Jake direkt in die Augen und teilte ihm mit, dass sie ihn töten würde. Sie würde Jake töten – und etwas an diesem Gedanken war sehr surreal. Irgendetwas an dieser ganzen Situation war lächerlich – und zwar nicht auf eine amüsante, sondern vielmehr auf eine hysterische Art.
     Seine Augen kniffen sich zusammen, bis sich Fältchen in den Augenwinkeln bildeten. Sie sah, wie seine Augen ganz feucht und glasig wurden, und spürte, wie ihr das Gleiche widerfuhr. Rose schluckte und hielt ihre Emotionen mit aller Macht zurück. Später würde es für sie genug Zeit geben, um zu fühlen, aber jetzt gerade musste sie hart und stark sein – sie musste so sein, wie es der Große Jäger von ihr erwartete. Sie musste ein wahres Jägergirl sein.
     Das einzige Problem war nur, dass Rose sich nicht mehr so sicher war, ob sie das überhaupt noch konnte, jetzt da ihre beiden Leben aufeinander gekracht waren.
     „Jake“, hauchte sie seinen Namen, woraufhin er zusammenzuckte. „Bitte verstehe das nicht falsch. Es geht hier nicht um dich und mich – wenn dem so wäre, wäre das Resultat so viel anders. Aber es geht hier nicht um uns. Es geht um all diejenigen, um die ich mich kümmern muss; um all die Mitglieder des Jägerclans, die sich darauf verlassen, dass ich gewinne und ich damit ihre Leben retten kann. Sie haben es nicht verdient zu sterben.“
     Rose blickte zu 88 und 89, die nach wie vor so taten, als würden sie schlafen. Doch sie hatten sich auf die andere Seite gedreht, sodass ihre Gesichter zu ihr und Jake geneigt waren. Sie hielten sich schon mal bereit, ihr zu helfen, sollte irgendetwas geschehen. Irgendwie wusste sie, dass dem nicht so war. Trotz allem, dem sie jetzt gegenüberstanden, vertraute sie Jake immer noch voll und ganz. Irgendwie glaubte sie nicht daran, dass er sie jemals wirklich verletzen könnte.
     Jake schien nichts zu sagen zu haben. Er gab ein unterlegenes Schulterzucken von sich, aber begriff sofort. Er fragte sie, ob er es verdiente zu leben, ob sie wirklich das Leben des Jägerclans mehr schätzte als sein eigenes. Rose wollte gar nicht über die Antwort auf diese Frage nachdenken – sie hatte Angst davor, herauszufinden, dass sie das Leben von einer Million Menschen nicht mehr schätzte als sein eigenes.
     „Jake.“ Sie hielt ihre Arme auf, und er zog sie nah zu sich heran. Beide genossen die Umarmung, aber sie wussten genauso gut, wie vergänglich sie eigentlich war. Roses Herz hämmerte regelrecht wegen der Dinge, die sie ihm sagen wollte; die sie ihm offenbaren wollte. „Ich liebe dich, aber ich kann es nicht.“
     Rose spürte, wie er sich bei ihren Worten anspannte.
     „Ich schwöre dir, das tue ich wirklich“, wimmerte sie und spürte, wie ihr verräterische Tränen in die Augen stiegen. „Aber ich... ich kann sie nicht einfach dazu verdammen.“
     Jakes Umarmung festigte sich. Sie spürte seinen heißen Atem an ihrem Ohr, der ihr Schauer über den Rücken jagte. Ihr Magen zog sich zusammen, als sie seine Stimme erahnte, und sie war keineswegs enttäuscht. Seine Worte waren diesmal stärker – nicht so kratzig, aber sie schienen beinahe greifbar zu sein.
     „Ich liebe dich auch, aber ich habe auch Verantwortungen.“
     Rose löste sich vollständig aus seiner Umarmung, und augenblicklich vermisste sie das Gefühl, wie sein Körper an ihrem lehnte, ihn atmen zu fühlen.
     „Also was?“ Sie war stolz, dass ihre Stimme nicht bebte, dass sie nicht den Schwächen nachgab, die als Teenagermädchen dazukamen.
     Jake stand auf, und sie kam ebenfalls auf die Beine. Sie wollte es nicht so ausschauen lassen, als hätte er einen Vorteil ihr gegenüber. Ihre Blicke trafen sich, und sie erkannte seine aufgezwungene Härte.
     „Das bedeutet Krieg“, beschloss sie mit schrecklicher Gewissheit.

Andrew hielt an, und sein Brustkorb hob sich hörbar an. Er nahm sich einen Moment, um sich wieder zu fassen und seine Umgebung zu beobachten. Das Jägergirl war noch immer nicht gefunden worden, und der Große Jäger wurde zunehmend nervös, mit jedem Moment, in dem sie weg war; es war bereits zu einer Selbstmordmission geworden, sich überhaupt noch dem Hauptquartier zu nähern. Der Große Jäger zwang einfach seine schon erschöpften Krieger wieder zurück auf die Straße, zurück zu jenem Blutbad und jener Bestrafung, die seiner wahnsinnigen Anstrengung entsprang, sie zu finden. Nicht, dass Andrew es sich nicht erhoffte, dass sie nicht gefunden wurde – er wusste, dass dem einfach so sein musste. Der Große Jäger hatte soeben die Neuigkeit der Prophezeiung in allen Stufen des Jägerclans verkündet und seine Mitglieder auf dieselbe Raserei getriezt, die er empfand.
     Andrew schaute in den Mond; er hoffte, dass Rose in Sicherheit war. Er hoffte, dass er sie schon bald finden würde. Er blickte auf die Straße unter ihm und robbte die Feuertreppe hinunter. Dieser Teil der Stadt wurde bereits von den anderen übergegangen, aber mittlerweile war schon der Großteil der Stadt auseinandergenommen worden, und es gab immer noch keine Spur. Inzwischen hatten die magischen Wesen jeglichen Anschein auf einen Kampf aufgegeben und sich stattdessen in ihre Verstecke geflüchtet. Obwohl der Jägerclan gut darin war, diese versteckten Taschen voller magischem Abschaum zu finden, war der Rückzugsort dieser Kreaturen diesmal echt gut – es gab nicht die kleinste Spur von ihnen.
     Dem Jägerclan blieb niemand mehr, den sie hätten verhören können.
     Andrew kam auf die Straße und suchte nach Lebenszeichen. Es gab keine – um knapp vier Uhr am Morgen war die Stadt, die niemals schlief, meist still. Er hörte ein Schlurfen hinter sich – womöglich war sie doch nicht so still, wie er gedacht hatte. Zum Angriff bereit, drehte er sich um, aber wer da auch immer hinter ihm stand, hatte ihn schneller zu Fall gebracht, als er es überhaupt verarbeiten konnte. Er spürte, wie er gegen das kalte Material des Gebäudes hinter ihm gedrückt wurde. Er blickte in die Augen seines Angreifers und war überrascht, Rose vorzufinden.
     „Oh, Gott sei Dank!“, rief er und verzichtete für einen kurzen Moment auf seinen Anstand, bevor er das ahnungslose Mädchen in eine Umarmung zog. „Es war die Hölle, nach dir zu suchen. Wo sind 88 und 89?“
     „In Sicherheit. Ich schicke sie so bald wie möglich zu dir.“ Sie verzog keine Miene.
     „Zu mir schicken? Bring sie einfach her. Komm schon, Jägergirl. Ich muss dich wieder zurück zum Großen Jäger bringen – du verstehst nicht, wie die letzten Tage gewesen sind.“
     Rose schüttelte den Kopf, packte das Ende ihres Zopfes und fing an damit herumzuspielen. „Genauso wenig wie du. Hör zu, da wo ich gewesen bin... ich kann nicht jetzt sofort gehen.“
     „Bullshit. Das kannst du nicht machen. Der Große Jäger hat allen von der Prophezeiung erzählt, und die anderen sterben bei der Suche nach dir!“
     „Es gibt einfach ein paar Dinge, um die ich mich kümmern muss!“, fauchte Rose. „Horch mich nicht aus.“
     Andrew wurde ruhig, und er spürte, wie etwas in ihm bebte, als er die Härte ihrer Worte empfing.
     „Ich brauche einige Dinge von dir. Je eher du es tust, desto schneller kann ich zurückkehren.“
     „Was auch immer du brauchst“, schwor Andrew.
     „Ich brauche die erste Prophezeiung, und ich brauche den ursprünglichen Schwur des Jägerclans; nicht den, den wir jetzt aufsagen, sondern den in der alten Sprache. Und ich möchte, dass du es genau übersetzt.“
     „Das sind ziemlich harte Anforderungen“, merkte Andrew an, der sich Sorgen darum machte, wie er in der Lage sein würde, so etwas zu tun.
     „Dessen bin ich mir bewusst. Aber da ich es nicht allein tun kann, muss ich darauf bauen, dass du es schaffen kannst.“ Sie machte eine Pause, neigte den Kopf zur Seite und sah ihn an, bevor sie sich selbst korrigierte. „Ich vertraue dir wirklich.“
     „Wirst du mir verraten, was vor sich geht?“, fragte Andrew.
     „Das werde ich, sobald ich es weiß. Jetzt gerade habe ich nur diese wilde Vorahnung. Ich weiß nicht, wo sie hergekommen ist, oder ob es überhaupt funktioniert, aber ich muss mich darauf verlassen.“
     „Eine Vorahnung wovon?“
     Rose schüttelte nochmals den Kopf. „Das kann ich nicht sagen. Die Dinge haben sich jetzt geändert, und ich weiß nicht, was ich sonst deswegen unternehmen kann, außer zu beten, dass es funktioniert.“
     „Inwiefern geändert?“, wollte Andrew wissen, doch das Jägergirl wich bereits vor ihm zurück.
     „Ich werde dich übermorgen Nacht wieder hier antreffen. Enttäusche mich nicht.“
     Und dann war sie weg.
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