『American Dragon』 || 『Für immer der American Dragon.』

von Rayllum
GeschichteRomanze, Angst / P16
Jacob "Jake" Long / American Dragon Rose / Das Jägergirl
21.01.2020
24.10.2020
40
99.185
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21.01.2020 2.514
 
„Jake.“
    Keine Antwort.
    „Jake.“
    Der Junge drehte sich auf die Seite, aber vernahm die Stimme nicht.
    „JAKE!“
    Er schlief einfach weiter.
    Fest entschlossen, diesmal die Aufmerksamkeit ihres Bruders auf sich zu richten, flüsterte Haley: „Mund des Drachen.“ Sie atmete durch, spürte das Feuer tief in ihrem Bauch. Wohlwissend, dass es Jake nicht verletzen würde – obwohl er in seiner Menschengestalt war –, ließ sie es frei. Das Feuer traf ihn mitten ins Gesicht. Ein zuckersüßes Lächeln umspielte ihre Lippen, und sie wartete, dass er sie anschrie. Doch stattdessen öffnete er nur ein Auge.
    „Was...“ Er hatte nicht einmal genug Energie, um diese Frage wie eine Frage klingen zu lassen.
    „Mommy sagt, du musst mir Essen machen. Sie meinte, sie wird gegen vier mit Daddy zurück sein.“
    „Mach dir dein eigenes Essen.“ Er zog die Decke bis zu seinem Hals hoch, Haley ignorierend.
    „Aber... Aber Mommy sagte, du sollst das machen“, beharrte Haley.
    Jake öffnete seine Augen und starrte sie geradewegs an. „Haley, du bist verdammt nochmal elf Jahre alt. Also mach dir dein eigenes Essen.“
    „Ausdruck, Jake!“ Seine Schwester schnappte nach Luft.
    „Es ist mir scheißegal!“
    „Jake, ich habe Hunger“, fuhr sie fort. „Bitte, ich hätte gerne etwas zu essen.“
    „Geh verfickt nochmal aus meinem Zimmer. Ich kann dir kein verschissenes Essen machen. Mach’s dir doch selbst.“
    „Jake“, wimmerte Haley; Tränen stiegen in ihren Augen auf. Warum verhielt sich ihr großer Bruder nur so? Wann war Jake denn so gemein geworden? „Bitte –“
    „HALEY!“, brüllte Jake. Er hatte sich im Bett aufgesetzt, wodurch die Decke von seiner nackten Brust fiel. „VERDAMMT, ICH HABE EINFACH KEINE ZEIT! VERPISS DICH!“
    Dieses Mal wehrte sich Haley nicht, bedrängte ihn nicht weiter. Sie stürmte aus seinem Zimmer, geradewegs in ihr eigenes. Dabei schloss sie sehr leise die Tür hinter sich, um ihn nicht erneut zu stören. Sie lehnte sich mit dem Rücken dagegen und verarbeitete die Szene in ihrem Kopf. Jake und sie waren noch nie wirklich klargekommen. Ihr Altersunterschied – sechs Jahre, um genau zu sein – hatte sie schon gegeneinander aufgebracht, seitdem er in die Pubertät gekommen war. Und jedes Mal, wenn Jake und sie eine ihrer belanglosen Streitereien hatten, hörte sie oft, wie ihre Mutter zu ihrem Vater sagte, ‚sie würden sich so nahe stehen, wenn sie erst einmal erwachsen sind‘.
    Aber trotz ihrer regelmäßigen, lauten und eher kindischen Streitereien hatte Jake sie immer geliebt. Und Haley hatte ihn immer geliebt. Sie hatte nicht einmal daran gezweifelt, dass ihr großer Bruder alles tun würde, um sie zu beschützen; dass er immer für sie da sein würde. Noch nie hatte sie sich gefragt, ob er ihr jemals wehtun würde, denn sie wusste ganz genau, er würde es nicht tun. Manchmal ging er ein bisschen zu weit mit seinen Beleidigungen oder machte auch einen Fehler, aber er versuchte immer, es gerade zu biegen. Immer zur Stelle zu sein.
    Doch so wie er sie angeschrien hatte, hatte er ihr wirklich Angst gemacht. Und er hatte auch kein bisschen wie Jake geklungen. Er klang wie ein Wahnsinniger. Sie hatte das Gefühl, dass Jake kein Stück gezögert hätte, sie im wahrsten Sinne des Wortes hinauszuschmeißen, hätte sie sein Zimmer nicht verlassen. Sie krümmte sich zusammen, wollte nicht glauben, dass Jake ihr wehtun würde. Aber er hätte es tun können. Sie spürte die Tränen auf ihren Wangen. Sie wollte ihre Mommy dahaben. Das alles wäre nicht passiert, wenn Mommy zu Hause gewesen wäre.
    Allerdings war seine Stimme nicht das Einzige, was ihr in seinem Zimmer Angst gemacht hatte.
    Als er sich aufgesetzt hatte und man mehr von seinem Gesicht sehen konnte, verspürte Haley einen wirklichen Hass auf ihren Großvater. Denn wer außer ihm hätte Jake in diese Lage bringen können? In ihrem Kopf ging sie wieder das durch, was sie gesehen hatte. An beiden Seiten seiner Rippen waren lange, tiefe Schnitte zu sehen; eine fiese Bisswunde war auf seiner Brust und demnach auch an seinem Rücken, als hätte ihn etwas an der Schulter gepackt. Sein ganzer Oberkörper war quasi ein einziger blauer Fleck. Sie hatte nicht nur Angst vor Jake, sondern auch um ihn.
    Haley musste zugeben, dass sie sich Sorgen um ihn machte. Immerhin war er der American Dragon und in einen großen Teil an Problemen und Feinden verstrickt, wie beispielsweise dem bösen Magier Pandarus, den berüchtigten Großen Jäger und der Dunkle Drache, der gefährlichste von allen. Als der American Dragon hatte Jake sehr viele Verantwortungen und Pflichten. Man erwartete viel von ihm. Haley war froh darüber, dass sie wohl niemals irgendeinen Drachentitel tragen würde. Sie würde nur ein ganz normaler Drache sein; schlicht und einfach. Sie würde Jake und denjenigen aushelfen, die sie brauchten, wenn es darauf ankam, aber sie würde niemals die Beschützerin von irgendetwas sein. Außer Jake geschähe etwas Schlimmes. Und nun hatte sie Angst, dass dem so war. Was auch immer Jake letzte Nacht erwischt hatte – sie hoffte, dass er es besiegt hatte.
    Ein Klopfen zerrte sie aus ihren tiefen Gedanken.

„Hales?“ Jakes Stimme war inzwischen ruhig; ganz leise und kratzig.
    „Ja, Jake?“ Sie war stolz darauf, dass er nicht im Geringsten wütend klang.
    „Äh, möchtest du mit nach unten kommen? Ich mache meine eigene Pizza.“
    Sie wusste, dass dies ein Friedensangebot war. Er hasste es, alles zu kochen, was mehr Aufwand erforderte als es einfach nur in die Mikrowelle zu stecken. Manchmal konnte es sogar schon dauern, bis man ihn dazu überreden konnte, den Ofen zu benutzen. Aber wenn man ihn dazu überreden konnte, konnte er wirklich gute Pizza machen. Haley lächelte und öffnete die Tür. „Mit Salami?“
    „Jap.“
    „Und Würstchen?“
    „Jo.“
    „Was ist mit Pilzen?“
    „Wenn wir welche dahaben, ja.“
    „Und extra Käse?“ Sie nahm seine Hand, und während sie ihren siebzehnjährigen Bruder mit in die Küche schleifte, fühlte sie sich so viel jünger als elf.
    „Haley, tu das, was du auf der Pizza haben willst, auf die Arbeitsplatte, okay? Ich fange dann mal an, den Teig zu machen.“
    „Okay!“ Während Jake damit anfing, die Kruste vorzubereiten und alles mit Mehl bedeckte, begann sie die Arbeitsplatte zu füllen: Tomatensauce, zwei verschiedene Sorten, Pilze, Würstchen, Salami, grüne Paprika, Speck und ein bisschen Schinken fanden dort schnell ihren Platz. Wortlos überreichte Jake ihr einen Käsereiber. Und während sie so dastand und den Käse rieb, starrte sie ihn an.
    Er hatte seine alte rote Jacke übergeworfen und den Reißverschluss bis nach oben gezogen, obwohl es draußen extrem heiß war. Als er den Teig knetete, konnte sie gebrochene Knöchel erkennen. Ihr Magen drehte sich um. Als Drache wusste sie, dass sie in ihrer Drachengestalt schneller heilte, und dass sich Verletzungen, die sie sich dann zuzog, auf ihre menschliche Gestalt übertrugen. Doch Haley wusste auch, dass sie sich nicht so gut übertragen ließen. Was auch immer in ihrem anderen Körper geschah, würde nicht mehr ganz so schlimm sein, wenn sie erst einmal wieder in ihrer menschlichen Form waren. Sie konnte nicht anders, als das Gesicht zu verziehen, als ihr dämmerte, wie sich Jake als Drache zu diesem Zeitpunkt gefühlt haben musste.
    „Hales, ich glaube, das ist genug Käse.“
    Sie starrte auf ihren Haufen. „Ich möchte einen gefüllten Rand“, beschloss sie.
    „Okay, aber trotzdem glaube ich, dass das reicht. Fang schon mit den anderen Zutaten an.“ Die zwei arbeiteten in vollkommener Stille zusammen. Er zog den Teig auseinander; sie bereitete die Zutaten vor und schaute dabei in seine Richtung.
    Während er sich dehnte, zuckte er oft schmerzvoll zusammen. Sie fühlte sich mies – dass sie ihn geweckt und sein Angebot angenommen hatte, Pizza zu machen. Er hätte immer noch im Bett bleiben sollen. Er war nicht zu Hause, als sie ins Bett gegangen war, und sie war lange aufgeblieben, um heimlich ihr Buch lesen zu können. Und sogar einfache Tätigkeiten, wie den Pizzateig zu kneten, brachten ihn um. Das sollte nicht so sein. Sie kannte Jake. Er hatte einen strikten Trainingsplan, der ihn an die Grenzen seiner Fähigkeiten und noch vielem mehr brachte.
    „Jake?“
    „Was?“ Er war beschäftigt damit, ihren gefüllten Rand vorzubereiten, bevor er mit der Tomatensauce weitermachte.
    „Was ist letzte Nacht mit dir passiert?“ Sie hielt ihren Atem an, in der Hoffnung, dass der wütende Jake nicht wieder zum Vorschein kam.
    „Nichts, okay? Es war nur etwas, worum ich mich kümmern musste. Für Großvater.“
    „Aber Jake, du bist verletzt. Ich habe dich doch heute Morgen gesehen.“
    „Haley, lass es. Mir geht’s gut. Ich heile schon. Und mir werden wahrscheinlich noch schlimmere Dinge passieren, ehe ich meine Pflichten an das nächste Kind weitergebe.“ Sie öffnete ihren Mund, aber er ahnte bereits, was sie als Nächstes sagen würde, und unterbrach sie: „Erzähl bloß Mom nichts davon.“
    „Ich hätte es ihr schon nicht gesagt“, protestierte Haley, und das war die Wahrheit. Mom würde es verstehen. Zwar wäre sie nicht glücklich darüber, aber sie würde sich um Jakes Wunden kümmern und hoffen, dass ihrem Sohn nicht noch mehr geschah. Mom hatte akzeptiert, dass Jake sich verletzen würde und sie da sein musste, um ihm zu helfen, doch Dad würde es nicht verstehen. Dad würde überängstlich werden und Jake niemals wieder aus dem Haus lassen.
    „Oder Dad.“ Jake schichtete die Zutaten auf der Pizza und schob diese anschließend in den Ofen. „Ich meine es ernst, Haley.“ In seiner Stimme lag eine Schärfe, die Haley nicken ließ.
    Er zerrte sich selbst wieder die Treppe hoch, geradewegs in sein Bett, und als der Timer für die Pizza anging, rührte er sich noch nicht einmal. Haley schob die Pizza selbst heraus und rief Fu, nachdem sie sie ein bisschen abkühlen gelassen hatte.

Fu kam einige Minuten später an und versuchte bereits eifrig, nach der Pizza zu greifen. Auf Jakes Pizzen konnte man einfach nicht verzichten. „Nein.“ Haley hielt ihn auf. „Wir müssen reden.“
    Sie trug die Pizza nach oben in ihr Zimmer und schaute dabei zu Jake. Er war völlig weggetreten und hatte sich auf seinem Bett ausgebreitet. Er hatte nicht einmal die Energie, sie mit seinem Schnarchen auf die Palme zu bringen. Sie schloss seine Tür und stellte die Pizza auf ihrem Schreibtisch ab.
    „Also, was ist so dringend?“, fragte Fu.
    „Jake. Ich mache mir Sorgen um ihn“, gestand Haley.
    „Kleines, beruhige dich. Er ist der American Dragon, er wird nun mal in Schwierigkeiten geraten“, versicherte Fu ihr. „Das wird schon wieder.“
    „Fu...“ Haleys Augen füllten sich mit Tränen. „Es geht ihm alles andere als gut.“
    „Dann kriegt er nun mal eine Beule oder einen blauen Fleck. Dann ist er nun mal müde. Das gehört alles mit dazu. Sobald er erst einmal erwachsen ist und nicht mehr zur Schule gehen muss, wird das alles einfacher für ihn.“
    Haley packte Fu und zerrte ihn in Jakes Zimmer. Dieser hatte seine Jacke ausgezogen, nachdem er wieder ins Bett gekrochen war, und sie sah, dass sein Rücken genauso schlimm aussah wie seine vordere Seite; mehrere Bissspuren, Kratzer und blaue Flecken zierten ihn.
    „Was zur Hölle ist mit ihm passiert?“, fragte Fu mit geweiteten Augen.
    „Solltest du das nicht wissen? Er war letzte Nacht noch draußen und hat was für Großvater erledigt.“
    Fu schüttelte den Kopf. „Wir haben Jake gestern gar nicht gesehen. Großvater hatte sich mit einem alten Freund in der magischen Welt getroffen, also habe ich das getan, was... äh... Fu eben so tut. Jake war die ganze Nacht allein. Seine einzige Aufgabe war es, sich eine gute Mütze Schlaf zu holen.“
    „Er hat aber gesagt, dass er etwas für Großvater erledigen sollte“, wiederholte Haley. „Was hat ihm das angetan? Wieso hat er gelogen?“
    Fu kroch näher an den schlafenden Jake heran, aus Angst, den Jungen zu wecken. Er machte etwas, was Haley nicht ganz ausmachen konnte. Doch als Fu sich wieder zu ihr umdrehte, war sein Gesicht kreidebleich. Sie hatte ihn noch nie so gesehen. „Haley, ruf sofort deine Eltern an. Sag ihnen, sie sollen nach Hause kommen, damit sie ein Auge auf dich haben. Dann rufst du Großvater an und sagst ihm, er soll so schnell wie möglich vorbeikommen.“
    „Fu, was ist los?“
    „Haley!“, blaffte Fu sie an, ehe er einer seiner Falten in kreisenden Bewegungen entlangfuhr. „Geh einfach.“ Sie sah noch, wie er einen Zaubertrank hervorzog, bevor sie zum Telefon rannte.
    Großvater kam einige Minuten vor ihren Eltern an. „Also, hier ist die Geschichte“, sagte er schnell, „du konntest Jake nicht aufwecken, also hast du mich angerufen. Verstehe ich das richtig?“
    „Ja.“ Sie nickte. Ihr Magen fühlte sich komisch an. Irgendetwas stimmte nicht. Irgendetwas stimmte ganz gewaltig nicht. Dieser Verdacht bestätigte sich, als Großvater den Notruf wählte, anstatt irgendein bezauberndes, magisches Heilmittel zu verwenden. Das war eine ihrer Hauptregeln. Drachen rufen niemals einen normalen Doktor, zumal es Dinge in ihrem Körper gab, die ganz anders tickten als bei normalen Menschen.

Drei Tage später konnte Haley das erste Mal hören, wie die Worte ‚Crystal Meth‘ und ihr Bruder im selben Satz genannt wurden. An diesem Tag hatte sich ihre Mutter mit ihr zusammengesetzt und ihr alles erklärt. Jake hatte bereits seit drei Monaten diese Drogen genommen. Und da er ein Drache war, hatten die Nebenwirkungen Chaos mit seinem Körper angestellt. Manche betrafen Jake genauso sehr wie normale Menschen, einige taten es nicht, und andere wiederum waren ganz anders. Die nächsten zwei Monate – Juli und August – sollte Jake in einer Rehabilitationsklinik unterkommen, die nur 20 Minuten mit dem Auto entfernt war. Und sobald das Schuljahr abgeschlossen war, konnte man überlegen, ob man ihn aufs College schicken sollte.
    „Wird er wieder?“, wimmerte Haley.
    Susan strich durch das Haar ihrer Tochter. „Aber ja doch, Süße. Es mag erst einmal etwas gruselig wirken, aber wenn er nach Hause kommt, wird alles wieder beim Alten sein.“
    „Auch wenn er dann nicht mehr bei uns leben wird?“
    „Dein Großvater hat gefragt, ob er ihn bei sich aufnehmen kann, und ehrlich gesagt konnte ich da nicht Nein sagen. Es hat wahrscheinlich mit dem Druck zu tun, der mit seinen Problemen als Drache zusammenhängt, und Jake wird sich freier fühlen, er selbst zu sein, wenn er bei Großvater lebt, anstatt es immer vor seinem Vater verstecken zu müssen.“
    „Warum erzählen wir es nicht einfach Dad?“, fragte Haley. „Würde es die Dinge nicht vereinfachen und uns wieder zu einer Familie machen, anstatt dass er weg ist?“
    „Weißt du Haley, ich habe darüber nachgedacht, aber was, wenn dein Vater es nicht gut aufnimmt? Es würde die Dinge nur noch verschlimmern. Fürs Erste wäre es besser, es geheim zu halten. Okay?“
    Haley nickte. „Okay.“