Feuernacht

von Mellyn
OneshotRomanze, Schmerz/Trost / P12
Inej Ghafa Kaz Brekker/Rietveld
21.01.2020
21.01.2020
1
1148
2
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Er hört sie nicht, wusste jedoch genau, dass sie vor seinem Fenster saß und ihn beobachtete.
„Du kannst auch durch die Tür kommen, Phantom“, begrüßte er sie, als er ihr das Fenster öffnete.
„Viel zu langweilig“, winkte sie ab. „Warum sollte ich kommen?“ Dann hatte sie seine Nachricht also bekommen. Für Kaz´ Geschmack verbrachte sie zu viel Zeit in Wylans Haus, doch mit dem Verhau konnte er ihr keine wirkliche Alternative bieten.
„Ich habe etwas für dich“, sagte er und blickte auf seine Uhr. Wenn Specht und Anika pünktlich waren, blieb ihm noch etwas Zeit. Mit einem leisen Ächzen stützte er sich auf seinen Stock und stand auf. Heute war sein Bein besonders schlimm. Hoffentlich wurde der Weg zum Dach keine Folter.
Inej legte den Kopf schief und sah ihn an. „Ich wollte dir eigentlich noch etwas zeigen, aber auf das Dach zu gehen wäre jetzt eine schlechte Idee, oder?“ Sie zeigte auf sein Bein.
Erstaunt sah er sie an und verfluchte sich, dass er seine Gesichtszüge nicht besser unter Kontrolle hatte. Konnte sie jetzt etwa schon Gedanken lesen?
„Das ist nicht so schlimm“, log er und sah ihr an, dass sie ihm nicht glaubte. Sie wusste, wie er aussah, wenn sein Bein wehtat. „Ich wollte sowieso hoch.“
Ihrem Stirnrunzeln entnahm er, dass sie nichts von seinem Plan ahnte. Gut so.
„Na dann“, sagte sie skeptisch und lief geräuschlos zur Tür, während Kaz hinterherhumpelte.
Auf der Leiter nach oben musste er sich konzentrieren. Inej kletterte dicht vor ihm und er versuchte, ihre Nähe zu ertragen. Dass sein Bein stechende Schmerzen in seinen Kopf sandte, half nicht weiter. Er musste sich ermahnen, einen Schritt vor den anderen zu setzen, eine Hand vor die andere.
Inej war vor ihm oben und schwang sich elegant durch die Luke. Kaz konnte nicht umhin, sie für ihre fließenden Bewegungen zu bewundern.
Sie streckte ihm eine Hand hin, um ihm zu helfen und er wollte sie gerade ignorieren, als ihm klar wurde, dass ihm ein wenig Hilfe nicht schaden würde. Langsam reichte er ihr seine behandschuhte Hand und mit einem Ruck zog sie ihn hoch zu sich. Er spürte ihre Wärme durch das schwarze Leder, stand so nah bei ihr, dass er ihren Atem auf seinem Hals spürte, während sie ihn mit ihren großen schwarzen Augen ansah. Wenn er sich nur ein bisschen zu ihr beugen würde…Nein. Nicht solange er diese Handschuhe trug. Nicht solange die Erinnerung an Jordies toten Körper jede Berührung unterbrach.
Er stolperte an ihr vorbei, ließ ihre Hand los und atmete tief durch. Nicht jetzt. Die klare Nachtluft half ihm, in die Gegenwart zurückzukehren. Jetzt, diese Nacht, dieses Dach, gehörten ihm und Inej. Die Erinnerung an seinen Bruder hatte hier nichts verloren. Kaz würde ihm keinen Platz geben.
Er ließ seinen Blick über Ketterdam schweifen. Diese Stadt hatte ihm so viel genommen, und doch konnte er sie nicht verlassen. Leise trat Inej neben ihn, ohne ihn zu berühren. Ein Teil von ihm rief danach, sie wegzustoßen, bevor das Wasser wiederkam und er ertrank, doch ein anderer, lauterer Teil schrie danach, sie zu sich zu ziehen, um… ja, um was zu tun? Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass sie zu nah war und viel zu weit weg, als sie an seinem Ärmel zupfte und in die Dunkelheit zeigte.
„Da vorne“, sagte sie und er erkannte einen roten Feuerschein in der Nacht. „Ich habe mich noch gar nicht richtig dafür bedankt, dass du meine Eltern gefunden hast.“
Verblüfft sah er sie an. Er hatte es für sie getan, nicht für Geld oder ein Geheimnis, nur für sie. Und sie war geblieben, das reichte ihm.
„Sieh genauer hin“, forderte sie ihn mit einem Nicken auf. Er rief sich zur Ordnung und schaute wieder zu dem Feuer. Es brannte sich irgendein Haus. Es war Pekka Rollins´ Haus, in dem er als Jakob Hertzoon gelebt hatte.
„Ich weiß nicht, was genau er dir angetan hat, aber er verdient es sicherlich“, sagte Inej.
Kaz war sprachlos. Er wusste, dass sie wusste, was er mit Rollins´ Leben angestellt hatte und trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, schätzte er diese Geste. Wie sie das mit dem Haus herausgefunden hatte, wollte er gar nicht wissen. Er wandte ihr sein Gesicht zu und versuchte, all seine Dankbarkeit in ein Lächeln zu legen. Inej lächelte zurück und griff vorsichtig nach seiner Hand. Er zog sie zurück und Inejs Enttäuschung verwandelte sich in Überraschung, als er seine Handschuhe auszog und mit dem Stock neben sich fallen ließ. Der Schmerz in seinem Bein war schon vergessen.
Vorsichtig näherte er seine Hand ihrem Gesicht. Eine Haarsträhne hatte sich aus ihrem Zopf gelöst und der Wind blies sie ihr ins Gesicht. Ganz sanft strich er sie ihr langsam von der Wange hinters Ohr. Ihre Haut war warm, warm. Kaz verbannte jeden Gedanken an Jordie. Inej war hier, Inej lebte und Inej sah ihn einfach nur an.
Ruckartig nahm er seine Hand runter. War das Enttäuschung in ihren Augen?
„Ich habe auch ein Geschenk für dich“, sagte er mit leiser rauer Stimme. Er trat hinter sie, legte seine Hände an ihre Schultern, die, Ghezen sei Dank, von ihrer Jacke bedeckt waren, und drehte sie etwas weiter.
Die Turmuhr schlug. In der Dunkelheit flackerte ein zweites Feuer auf. Anika und Specht hatten ihren Job gut gemacht. Inejs Schultern sackten unter Kaz´ Händen leicht nach vorne und er hielt sie aufrecht. Im Schein der Flammen konnte er ihre leuchtenden Augen sehen.
„Die Menagerie“, flüsterte sie. Er lächelte unbeholfen und sie drehte sich um.
Wieder stand sie nah vor ihm, doch die Übelkeit kam noch nicht einmal, als sie seine bloßen Hände vorsichtig in ihre nahm.
„Danke.“ Sie hätte nicht sprechen müssen, ihre Augen sagten ihm alles.
Langsam, sodass er sich jederzeit zurückziehen konnte, legte sie ihm ihre Hände auf den Rücken und zog ihn an sich. So nah war er ihr zuletzt gewesen, als er sie blutend auf ein Schiff getragen hatte, doch jetzt war alles anders. Er wehrte sich nicht, ließ sich darauf ein und nahm sie zögerlich in seine Arme. Er wusste nicht, wer von ihnen beiden die Grenze schließlich überwand, doch dann drückte er sie an sich. Ihr Kopf lag an seiner Brust und er war sich sicher, dass sie sein Herz hämmern hörte, so wie er ihres durch die Stoffschichten rasen spürte.
Vorsichtig senkte er den Kopf und Inej hielt den Atem an, bis er schließlich mit seinem Gesicht ihre Haare berührte. Konnte er weitergehen, die letzte Lücke schließen, ohne sie wegzustoßen?
In einer letzten Bewegung legte er seinen Kopf in ihre Halsbeuge. Sie atmete scharf ein und er erinnerte sich an das, was sie ihm über sich erzählt hatte. Es war auch für sie nicht leicht und doch schmiegte sie sich an ihn, als wäre es nicht das erste Mal, dass sie sich umarmten, sich so nah waren.
Er schloss die Augen und genoss ihre warme, weiche Haut an seinem Gesicht, ihren lebendigen Körper an seinem, bevor seine Lippen ihr Ohr streiften und sie erschauderte. Kurz fragte er sich, ob er etwas falsch gemacht hatte, doch es fühlte sich so gut, so richtig an, mit ihr in seinen Armen hier auf dem Dach zu stehen und die zwei Häuser brennen zu sehen, die ihrer beider Leben zerstört hatten. Zum ersten Mal seit vielen Jahren war Kaz glücklich.
„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“, raunte er Inej ins Ohr.
Review schreiben