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GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18
Kingsley Shacklebolt Lucius Malfoy Narzissa Malfoy OC (Own Character) Severus Snape Sirius "Tatze" Black
21.01.2020
23.05.2020
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191.102
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23.05.2020 4.361
 
Vielen Dank für die Reviews!
Kingsley ist ja in keinem besonders guten Zustand. Mal sehen, ob sich in diesem Kapitel irgendetwas ändert …

Ich wünsche Euch allen ein schönes Wochenende!
LG
Moana



Alte Freundschaft




Hogwarts, Mai 1986


Eigentlich gehörte er nicht zu jenen Menschen, die sich allzu leicht für andere erwärmen konnten, und obwohl er seit einigen Jahren als Lehrer arbeitete, hatte er auch Kindern nie etwas abgewinnen können. Er tat diese Arbeit, um Dumbledore im Auge zu behalten. Der hatte ihn vor vier Jahren als Tränkelehrer eingestellt. Vermutlich aus schlechtem Gewissen. Severus verzog seine schmalen Lippen zu einem spöttischen Lächeln. Ja, der Schulleiter von Hogwarts hatte einsehen müssen, dass er versagt hatte. Zwar hätte der alte Mann das niemals öffentlich eingestanden, aber Severus wusste es besser, denn schließlich war er es gewesen, der Dumbledore damals von dem geplanten Angriff auf die Potters erzählt hatte. Doch der Direktor hatte seine Warnung in den Wind geschlagen. Letztlich war die Hilfe aus einer für Severus völlig überraschenden Richtung gekommen. Ausgerechnet die Rechte Hand des Dunklen Lords hatte ihn ernst genommen und sich für die Potters eingesetzt. James Potter hatte das freilich nichts genützt. Doch Lily und Harry waren noch am Leben. Die wohnten inzwischen in einem kleinen Haus in London. Allerdings nicht allein. Black war vor etwa zwei Jahren bei ihnen eingezogen. Severus seufzte. Damit hatte er rechnen müssen. Eine Frau wie Lily blieb eben nicht lange allein und Black hatte sich nach dem Tod seines Freundes sehr intensiv um dessen Witwe und Sohn gekümmert. Ihm würde also wieder einmal nichts anderes übrigbleiben, als Lilys neue Liebe zu akzeptieren. Es ging ihr gut und das sollte ihm genügen.

Severus’ Blick wanderte wieder zu seinem rothaarigen Schüler, der sich zu der jungen Ravenclaw umdrehte hatte, die in der Reihe hinter ihm saß. Bill Weasley war es tatsächlich gelungen, seine Sympathie zu gewinnen. Der Junge war nicht nur klug, sondern hatte bereits häufig sein beachtliches Talent als Tränkebrauer unter Beweis gestellt. Außerdem verfügte er über eine schnelle Auffassungsgabe. Eigenschaften, die Severus durchaus zu schätzen wusste. Inzwischen gestand er sich offen ein, dass er den ältesten Spross von Arthur und Molly Weasley mochte. Daher fiel es ihm auch jetzt wieder schwer, Bill zu ermahnen. Doch er hatte einen Ruf zu verlieren, den er sich in den vergangenen vier Jahren hart erarbeitet hatte.

„Mister Weasley, gibt es etwas, was Sie uns mitteilen möchten?“

Der Junge, den man schon allein wegen seiner beachtlichen Körpergröße inzwischen wohl eher als jungen Mann bezeichnen musste, drehte sich zu ihm um und zeigte zumindest einen Hauch von Reue. „Tut mir leid, Sir, aber ich fürchte, es gibt nichts, was ich Ihnen mitteilen möchte.“

Nur mit Mühe gelang es Severus, ein Lächeln zu unterdrücken. Jeder andere Schüler wäre vor Scham oder Angst stumm geblieben. Doch Bill sah ihm direkt in die Augen und antwortete ihm auf diese ruhige, ja beinahe lässige Art.

„Würde mir Miss Raeburn wohl dasselbe sagen?“ Severus hob eine Augenbraue und blickte zu der Ravenclaw, auf deren Wangen sich eine leichte Röte ausgebreitet hatte.

„Davon gehe ich aus, Sir.“

„Davon gehen Sie aus, ja? Ich gehe davon aus, dass Sie mir sagen können, was beim Brauen des Abschwelltranks beachtet werden muss.“

„Natürlich, Sir.“ Bill nickte. „Zwischen den einzelnen Zugaben der Zutaten müssen exakt zweiundvierzig Sekunden abgewartet werden. Anschließend wird nur einmal gerührt.“

„Korrekt.“ Alles andere hätte ihn allerdings auch verwundert. Bill war ihm bisher noch keine Antwort schuldig geblieben. „Was geschieht, wenn ich mich nicht an diese Vorgehensweise halte?“

„Der Trank beginnt zu klumpen und ist nicht mehr zu gebrauchen.“

„Auch das ist korrekt. Zehn Punkte für Gryffindor. Ich würde es allerdings begrüßen, wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit von nun an meinem Unterricht widmen und nicht Miss Raeburn.“

„Dann will ich mal nicht so sein.“ Bill hob die Schultern, ließ es sich allerdings nicht nehmen, der Ravenclaw noch einmal einen bedauernden Blick zuzuwerfen.

„Überspannen Sie den Bogen nicht, Mister Weasley“, drohte Severus, weil er sich dazu gezwungen sah.

„Bestimmt nicht, Sir.“

„Gut. Dann können wir ja fortfahren.“ Severus richtete seinen Blick auf die Klasse, die das Gespräch aufmerksam und mit offenen Mündern verfolgt hatte. Hastig begannen nun alle Schüler, in ihren Büchern zu blättern und ihre Pergamentrollen zu glätten. „Schreiben Sie sich die Regeln für das Brauen des Abschwelltrankes auf! Und schreiben Sie sich bei dieser Gelegenheit gleich alles hinter die Ohren!“

Sofort kratzten Federn über Pergament. Nur Bill Weasley machte keine Anstalten, sich irgendetwas zu notieren. Als Severus ihn daraufhin mit einem scharfen Blick bedachte, zuckte der Junge nur mit den Schultern. „Ich kann mir das merken.“

Daran hatte er keinen Zweifel. Dennoch konnte er dieses Verhalten nicht dulden. „Schreiben Sie es sich auf, Mister Weasley!“

Zwar rollte Bill nicht mit den Augen, aber man sah ihm an, dass er es gern getan hätte. Severus lachte in sich hinein. Doch erst als sein Schüler ebenfalls die Feder zur Hand nahm und zu schreiben begann, wandte er sich zufrieden ab.

***


London, Mai 1986


Es war still in der Wohnung. Nur von draußen drangen die Motorengeräusche der Autos und Busse zu ihm herein. Doch in den Zimmern blieb alles ruhig. Via war noch immer nicht nach Hause gekommen. Vermutlich hinderte Mera sie daran. Wahrscheinlich hatte sie sogar recht damit. Ihm war bereits aufgefallen, dass seine Freundin in den letzten Jahren die ihr so eigene Lebensfreude und Fröhlichkeit verloren hatte. Noch ein Mensch, den ich auf dem Gewissen habe, schoss es Kingsley unwillkürlich durch den Kopf. Er hatte Via zugrunde gerichtet. Ausgerechnet sie! Am Ende hatte sie ihm noch nicht einmal widersprochen. Gestritten hatten sie auch nicht mehr. Sie hatte alles nur noch hingenommen.

Kingsley ließ sich auf einen Stuhl am Küchentisch sinken und vergrub das Gesicht in den Händen. Wie hatte er nur zulassen können, dass es so weit kam? Warum hatte er Via nicht schon früher weggeschickt? Er hatte dabei zugesehen, wie sie zerbrach. Dabei liebte er sie doch. Sie hatte ihm jahrelang beigestanden, war ihm nicht von der Seite gewichen, hatte ihn unterstützt oder ihm die Meinung gesagt, wenn sie sein Tun für falsch hielt. Er hatte immer geglaubt, nichts könnte sie erschüttern. Doch er hatte sich geirrt. Wieder einmal. Via war stark, aber auch sie vermochte nicht alles zu ertragen, was er ihr aufbürdete. Mera hatte gut daran getan, sie mitzunehmen. Aber wie sollte er ohne Via weiterleben? Er vermisste sie mehr als er in Worte fassen konnte. Sein Innerstes fühlte sich ohne sie ebenso leer an wie die Wohnung.

Kingsley hob den Kopf und sah sich um. Eigentlich sollte er etwas essen, doch er hatte keinen Hunger. Ihm war der Appetit schon vor Jahren vergangen, aber bisher hatte er sich immer dazu gezwungen, wenigstens eine Kleinigkeit zu sich zu nehmen. Inzwischen brachte er nicht einmal mehr das über sich. Mera hatte recht: er war nicht mehr er selbst. Er hatte sich verloren.

„Was gedenkst du dagegen zu tun?“ hätte Ville hin gefragt.

Was gedachte er dagegen zu tun? Zu Lucius gehen? Ihn um Hilfe bitten? Aber wie sollte Lucius ihm helfen? Er wusste doch gar nicht, warum er sich fühlte, wie er sich fühlte. Wie ein Fremdkörper. Was sollte Lucius daran ändern?

Ein Teil von ihm sehnte sich allerdings nach einem Gespräch mit seinem Freund. Wie damals, im Raum der Wünsche. Warum hatte er zugelassen, dass diese Freundschaft zerbrach? Genügte es nicht schon, dass er Henry und schließlich sogar Ville verloren hatte? Lucius lebte noch. Lucius war ihm nicht genommen worden.

Kingsley stand auf, ging ins Wohnzimmer und setzte sich dort an den Schreibtisch. Aus der Schublade zog er eine Pergamentrolle. Er würde Lucius einen Brief schreiben und ihn einladen. Und dann würde er versuchen, wieder zu sich selbst zu finden. Der Kampf gegen den Dunklen Lord war schließlich noch nicht vorbei. Sie mussten die übrigen Horkruxe suchen und zerstören. Die Zeit drängte. Er hatte schon viel zu viel davon sinnlos verstreichen lassen. Damit musste jetzt Schluss sein! Entschlossen griff er zur Feder und begann zu schreiben.

***


„Gute Nacht, Großer!“ Sirius wuschelte Harry noch einmal durch das schwarze Haar und stand auf. An der Tür angekommen, blickte er sich ein letztes Mal nach dem Jungen um und löschte dann das Licht.

„Schläft er?“ erkundigte sich Lily, als er ins Wohnzimmer zurückkehrte und sich zu ihr aufs Sofa setzte.

„Ja.“ Er legte ihr einen Arm um die Schultern und zog sie an sich heran. „Hat er dir auch erzählt, dass Draco Malfoy ihn zu seiner Geburtstagsfeier eingeladen hat?“

„Hat er.“ Lily seufzte und schmiegte sich noch enger an ihn. „Ich will nicht, dass er zu dieser Feier geht. Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, dass er im Haus der Malfoys ist.“

„Findest du es nicht eigenartig, dass Malfoy seinen Sohn auf eine Muggelschule schickt?“ Seit Monaten zerbrach er sich über diesen Umstand den Kopf. Malfoy war die Rechte Hand des Dunklen Lords gewesen. Doch man hatte ihn nicht dafür bestraft. Nach den zahlreichen Festnahmen in der Halloweennacht hatte man auch Malfoy vernommen. Allerdings war er schon bald aus Mangel an Beweisen wieder nach Hause geschickt worden. Aus Mangel an Beweisen? War das Dunkle Mal denn nicht Beweis genug? Das war seit dem Verschwinden des Dunklen Lords zwar bei allen Todessern verblasst. Dennoch ließen sich die Linien immer noch erkennen. Wie war es Malfoy also gelungen, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen? Und warum ging sein Sohn auf eine Muggelschule?

„Es ist eigenartig“, gab Lily ihm recht. „Sehr eigenartig sogar. Denkst du, wir hätten Harry in eine andere Schule schicken sollen, als wir erfahren haben, wer in seiner Klasse ist?“

„Die beiden haben sich angefreundet. Vielleicht … vielleicht ist es ja eine Chance.“

Lily hob den Kopf und sah ihn an. „Eine Chance? Denkst du, die Malfoys werden ihre Einstellung irgendwann ändern?“

„Offenbar hat sich schon etwas geändert. Ein Abraxas Malfoy hätte seinen Sohn niemals auf eine Muggelschule geschickt. Lucius tut es aber. Vielleicht … vielleicht hat er seine Meinung geändert.“ Gab er sich gerade einem Wunschtraum hin? Spann er sich etwas zusammen? Warum sollte Malfoy seine Meinung über Muggel geändert haben?

„Aber eigentlich ergibt es doch keinen Sinn. Vielleicht steckt ja etwas anderes dahinter.“

Darüber hatte er auch schon nachgedacht. Als er Kingsley erzählt hatte, dass Harrys bester Freund ein Malfoy war, hatte der jedoch kaum darauf reagiert. Das musste freilich nicht viel bedeuten. Seit Ville Jumalas Tod war Kingsley nicht mehr er selbst. Ihm schien alles gleichgültig zu sein.

„Willst du Harry aus der Schule nehmen?“ fragte Sirius und küsste Lily auf die Stirn.

„Wahrscheinlich wäre es klüger.“

„Dann werden wir es tun.“ Wenn es nicht schon zu spät war. Vielleicht hatte Lily recht und es steckte ein perfider Plan dahinter. Der Dunkle Lord hatte Harry töten wollen, war jedoch gescheitert. Was, wenn Lucius Malfoy beenden wollte, was sein Herr und Meister begonnen hatte? War es nicht unverantwortlich, Harry länger in Dracos Nähe zu lassen?

„Er wird es nicht verstehen.“

„Wir werden uns irgendetwas einfallen lassen, damit er es versteht.“

„Ich wüsste nicht, wie das gehen sollte. Die beiden verstehen sich wirklich gut.“

Sirius nickte. „Ich weiß.“ Wie gern hätte er Kingsley um Rat gefragt! Doch der war nur noch ein Schatten seiner selbst.

„Wir hätten sofort reagieren müssen, als wir davon erfahren haben.“ Lily lehnte ihre Stirn gegen Sirius’ Brust. „Wir hätten niemals zulassen dürfen, dass sie sich anfreunden.“

„Draco scheint ein netter Junge zu sein.“

„Vielleicht hat sein Vater ihn manipuliert. Oder unter den Imperius gestellt“, überlegte Lily.

Sirius runzelte die Stirn. „Denkst du das wirklich?“ Lucius mochte ein Todesser sein, aber ein solches Vorgehen wollte er ihm nicht unterstellen.

„Ich weiß nicht, was ich denken soll.“

„Die Sache mit dem Imperius ließe sich testen“, überlegte Sirius.

„Wie?“

„Ich bringe Harry morgen zur Schule und hebe in Dracos Gegenwart jeden Zauber auf, der vielleicht über ihn gesprochen worden sein könnte.“

Lily sah ihn erneut an. „Ja, das ist eine gute Idee.“

„Ich glaube zwar nicht, dass Draco wirklich unter einem Zauber steht, denn das wäre mir mit Sicherheit aufgefallen, aber wir sollten kein Risiko eingehen.“

„Und wenn er nicht unter dem Imperius steht?“

„Sollten wir die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Malfoy sich geändert hat.“ Plötzlich durchfuhr ihn ein Gedanke. Die Möglichkeit, dass Lucius Malfoy sich geändert haben könnte, ergab in Zusammenhang mit der Tatsache, dass Kingsley einen Informanten innerhalb der Todesser gehabt haben musste, mit einem Mal ein vollkommen neues Bild. Konnte es sein, dass Lucius Malfoy – ? Dass ausgerechnet er – ? War diese Überlegung nicht absurd?

„Sirius?“ Lily musterte ihn aufmerksam. „Was ist?“

Warum war er nicht schon früher darauf gekommen? Warum hatte er diesen Zusammenhang nicht früher hergestellt? Aber vielleicht verrannte er sich auch in etwas.

„Sirius? Was ist denn plötzlich los mit dir?“ Sie klang besorgt.

„Nichts. Ich … ich werde noch einmal mit Kingsley reden.“

„Was soll das bringen?“ Nun wirkte Lily eher gereizt. „Ihm ist doch offenbar alles egal.“

„Er hat einen guten Freund verloren.“

„Und ich meinen Mann. Führe ich mich deshalb so auf?“ Lily löste sich von ihm und richtete sich auf dem Sofa auf. „James’ Tod hat mich auch aus der Bahn geworfen, aber ich wusste auch, dass es irgendwie weitergehen muss.“

Sirius seufzte. „Ich fürchte, das kann man nicht ganz vergleichen.“ Warum verteidigte er Kingsley plötzlich? Hatte er sich nicht unzählige Male über seinen ehemaligen Vorgesetzten geärgert, weil der seit der Halloweennacht vor über vier Jahren keinerlei Interesse mehr gezeigt hatte!

„Wie bitte? Ich weiß, ich habe Kingsley Shacklebolt eine Menge zu verdanken. Ohne ihn wären auch Harry und ich nicht mehr am Leben, aber ich habe James geliebt.“

„Dieser gesamte Einsatz lag in Kingsleys Verantwortung. Er gibt sich die Schuld an Villes und James’ Tod.“

„In gewisser Weise ist er das ja auch. Zumindest was James anbelangt“, bemerkte Lily und verschränkte die Arme vor der Brust. „Er hat uns als Köder missbraucht. Das kannst du nicht leugnen.“

Sirius hob abwehrend die Hände. „Das tue ich nicht, denn ich habe ihm dasselbe vorgeworfen.“

„Trotzdem hast du mitgemacht.“ Lily sprang vom Sofa, in ihren grünen Augen funkelte die Wut.

„Gibst du mir jetzt auch die Schuld?“ Wie hatte es nur soweit kommen können? Warum stritten sie sich denn plötzlich?

„Ja! Nein!“ Lily vergrub das Gesicht in den Händen. „Ich … ich gebe dir nicht die Schuld.“

„Aber Kingsley.“

Sie sah ihn wieder an. „Ja. Ja, denn er hat es in Kauf genommen, dass einer von uns verletzt oder getötet wird.“

„Denkst du, er hat das leichtfertig getan?“ Obwohl er ebenfalls wütend gewesen war, hatte er nie daran gezweifelt, dass Kingsley schwer mit sich gerungen hatte.

„Ich kenne ihn nicht.“ Lily zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nur, dass James noch am Leben wäre, wenn er uns einfach gewarnt hätte, statt uns als Köder zu nutzen. Wenn er uns die Möglichkeit gegeben hätte, rechtzeitig zu verschwinden.“

„Mag sein. Aber dafür säßen die Lestranges und die Carrows und Barty Crouch jr. jetzt nicht in Askaban.“ Natürlich wäre auch ihm lieber gewesen, es hätte keine Toten gegeben – obwohl er in seiner Beziehung mit Lily glücklich war – , aber das Wissen, sich keine Gedanken um weitere Todesserangriffe mehr machen zu müssen, erleichterte ihn ungemein.

„Das weißt du nicht mit Sicherheit. Der Plan hätte auch funktionieren können, wenn wir nicht mehr im Haus gewesen wären.“

Sirius stieß einen genervten Seufzer aus. „Möglicherweise hätte dann jemand Verdacht geschöpft. Oder jemand hätte eure Flucht beobachtet.“ Wer wusste schon, was der Dunkle Lord seinen Todessern aufgetragen hatte? „Wenn du jemandem die Schuld geben willst, dann Peter! Er hat euch an den Dunklen Lord verraten.“ Die Wut darüber, die nun wieder in ihm hochkochte, ließ ihn die Hände zu Fäusten ballen.

„Du hast ja recht.“ Lily biss sich auf die Unterlippe. „Tut mir leid. Ich weiß, ihr habt damals selbst euer Leben aufs Spiel gesetzt.“ Sie krabbelte wieder zu ihm aufs Sofa und gab ihm einen vorsichtigen Kuss auf die Lippen, so als hätte sie Angst, er könnte sie von sich stoßen. „Als du mir den Portschlüssel zugeworfen hast … ich dachte, ich würde dich nie wiedersehen.“

Sirius lächelte schmal. „Das dachte ich auch. Ich war davon überzeugt, der Dunkle Lord würde mich töten.“ Aber der hatte offenbar nur ein Ziel gekannt: Harry.

Sie schlang die Arme um seinen Hals. „Ich bin froh, dass er es nicht getan hat. Ich weiß nicht, wo ich heute ohne dich wäre.“

„Du hättest dein Leben auch ohne mich gemeistert“, behauptete er, obwohl ihn ihre Worte berührten und seine Kehle enger werden ließen.

„Ich hätte mit einem Schlag nicht nur meinen Mann, sondern auch meinen besten Freund verloren.“ Nun waren ihre Tränen nicht mehr zu überhören.

Sirius hielt sie fest an seinen Körper gepresst. „Du hättest es trotzdem irgendwie geschafft.“

„Merlin sei Dank musste ich es aber nicht allein schaffen.“ Sie küsste seinen Hals. „Und was machen wir jetzt mit dieser Geburtstagsfeier?“

Der plötzliche Themenwechsel irritierte ihn. „Lass mich erst noch einmal mit Kingsley reden“, bat er dann allerdings. „Absagen und Harry von der Schule nehmen können wir immer noch.“

***


Malfoy Manor, Mai 1986


Kingsleys Brief überraschte ihn. Während der letzten vier Jahre hatte er seinen ehemals besten Freund nur selten gesehen und gesprochen. Nun, da er das Schreiben in der Hand hielt, überkam ihn das schlechte Gewissen. Hätte er sich nicht mehr um Kingsley bemühen müssen? Warum hatte er dessen Rückzug nicht mehr hinterfragt? Warum hatte er es hingenommen, dass Kingsley den Kontakt einschränkte?

Nach der Halloweennacht war er froh gewesen, dem Dunklen Lord und den Todessern entkommen zu sein. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er sich frei gefühlt. Dabei hatte er schon damals gewusst, dass der Dunkle Lord nicht tot war, dass er wiederkommen würde. Aber er hatte sich nur wenige Gedanken darüber gemacht, wie es Kingsley gehen mochte. Stattdessen hatte er sich hauptsächlich um seinen Sohn und die Firma gekümmert.

Lucius las den Brief ein zweites Mal und ließ ihn dann im Nichts verschwinden. Er wollte nicht, dass Narcissa ihn durch Zufall in die Hände bekam. Kingsleys Rolle in seinem Leben sollte erst einmal ein Geheimnis bleiben. Die Tatsache, dass seine Frau über seine Gefühle für Mera Bescheid wusste, machte ihm ohnehin schon Sorgen. Zwar glaubte er nicht, dass Narcissa ihn eines Tages verraten würde, aber er fragte sie doch, wie sie mit seiner Verbindung zu einer anderen Frau über kurz oder lang umgehen würde. Doch darüber wollte er sich erst einmal keine Gedanken mehr machen. Jetzt ging es um Kingsley.

„Ruby!“

Seine Hauselfe erschien mit einem leisen Plopp vor seinem Schreibtisch. „Ja, Master Lucius?“

„Ich werde zu Kingsley apparieren. Wenn Narcissa fragt, sag ihr, ich hätte noch zu tun.“ Da er seine Frau nicht anlügen wollte, hatte er sich für diese Entschuldigung entschieden.

„Ist etwas geschehen?“ fragte Ruby.

„Ich denke, es ist an der Zeit, die alte Freundschaft wieder aufleben zu lassen.“

Die Hauselfe lächelte. „Ruby findet, das ist eine gute Idee.“

„Ja, das finde ich auch.“ Lucius blickte an sich hinab, um sicher zu gehen, dass er mit seiner Kleidung keine Aufmerksamkeit erregen würde, und machte sich dann auf den Weg.

***


Hogwarts, Mai 1986


Mit verschränkten Armen lehnte Severus an der kühlen Steinwand und beobachtete das Paar, das eng umschlungen in einer Nische stand und sich küsste. Obwohl er die Gesichter nicht sehen konnte, wusste er, um wen es sich dabei handelte. Das rote Haar, das dem jungen Mann inzwischen beinahe bis auf die Schulter reichte, war unverkennbar. Außerdem war es nicht das erste Mal, dass er Bill Weasley dabei erwischte, wie er sich nach neun Uhr im Schloss herumtrieb. Diesmal hatte er offenbar auch noch Clarissa Raeburn dazu gebracht, es ihm gleichzutun. Verdenken konnte er es seinem Schüler eigentlich nicht, denn die Ravenclaw war ein hübsches Mädchen. Dennoch würde er wieder einmal als Spielverderber auftreten.

Severus stieß sich von der Wand ab und trat genau in jenem Moment auf das Paar zu, als sich Bills Hand unter die Bluse seiner Freundin schob. „Was genau soll das werden?“

Abrupt beendeten die beiden ihren Kuss. Die Augen des Mädchens hatten sich vor Schreck geweitet, doch Bill grinste nur. „Ich glaube nicht, dass ich Ihnen das wirklich erklären muss, Sir.“

Entsetzt schlug sich Clarissa die Hand vor den Mund. Offenbar schockierte sie die Dreistigkeit ihres Freundes. „Es tut uns leid, Sir“, stammelte sie dann auch prompt. „Es wird nie wieder vorkommen.“

Severus hob seine rechte Augenbraue und bedachte Bill mit einem strengen Blick. „Mister Weasley, haben Sie noch etwas zu sagen?“

„Nein, Sir. Ich weiß, Sie werden uns eine Menge Punkte abziehen, aber die holen Clari und ich morgen wieder rein.“

Daran zweifelte er nicht. Beide waren mit einem beeindruckenden Verstand ausgestattet, der von allen Lehrern – ihm eingeschlossen – sehr geschätzt wurde. Doch etwas in ihm wollte es Bill diesmal nicht so einfach machen. Der Junge mochte ein heller Kopf sein, der es noch weit bringen würde, aber er überschritt Grenzen und das konnte und wollte Severus ihm nicht mehr durchgehen lassen.

„Fünfzig Punkte Abzug für Ravenclaw“, entschied er, was Clarissa Raeburn in Tränen ausbrechen und Bill den Kopf schütteln ließ. „Gehen Sie jetzt in Ihren Gemeinschaftsraum, Miss Raeburn!“

Sofort eilte sie davon, ohne ihren Freund eines weiteren Blickes zu würdigen. Bill seufzte und wandte sich dann wieder seinem Lehrer zu. „Und wie viele Punkte ziehen Sie mir jetzt ab? Hundert? Zweihundert?“

„Hundert dürften erst einmal genügen“, befand Severus. „Aber ich möchte, dass Sie mir einen Aufsatz schreiben.“

„Einen Aufsatz? Worüber?“ Bill verschränkte die Arme vor der Brust.

„Sie schreiben auf, warum es nicht erlaubt ist, sich nach neun Uhr abends auf den Gängen des Schlosses herumzutreiben. Und Sie schreiben auf, warum es nicht in Ordnung ist, ein junges Mädchen in Schwierigkeiten zu bringen.“

„Ich habe sie nicht in – “, wollte Bill widersprechen, doch er verstummte abrupt. „Wir wollten doch nur unsere Ruhe haben. Können Sie Ravenclaw die Punkte nicht wieder zurückgeben? Es war meine Idee hierherzukommen.“

„Ich weiß. Aus diesem Grund will ich ja diesen Aufsatz von Ihnen haben. Ich bin schon sehr gespannt, was Sie mir mitzuteilen haben. Zwei Rollen Pergament. Bis morgen Abend. Und jetzt kehren Sie in Ihren Gemeinschaftsraum zurück!“ Ohne sich um mögliche Einwände seines Schülers zu kümmern, wandte sich Severus um, dass seine Robe um ihn herumwirbelte, und ging mit ausladenden Schritten davon.

***


London, Mai 1986


Obwohl Kingsley ihm zulächelte, wirkte er alles andere als glücklich. Stattdessen waren seine Augen blutunterlaufen, als hätte er schon seit einigen Nächten nicht mehr geschlafen. Außerdem hatte er deutlich an Gewicht verloren. Seine sonst so beeindruckende Statur schien geschrumpft zu sein. Seufzend legte Lucius ihm eine Hand auf die Schulter und schob ihn energisch weiter in die Wohnung hinein. Dann schloss er die Tür. „Du siehst aus, als könntest du Urlaub brauchen“, bemerkte er.

„Ich bin mir nicht sicher, ob Urlaub helfen würde.“

„Dann sollten wir vielleicht wieder einmal trainieren“, überlegte Lucius. „Wie es scheint, hast du es in den letzten Monaten damit nicht so genau genommen.“

„Gegen dich hätte ich vermutlich wirklich keine Chance mehr.“

„Muss ich jetzt tatsächlich eine Ansprache halten oder hörst du von selbst wieder damit auf?“

Kingsley stieß einen tiefen Seufzer aus. „Via ist weg.“ Langsam wandte er sich ab und verschwand im Wohnzimmer, so dass Lucius ihm folgen musste, um auch weiterhin mit ihm sprechen zu können.

„Was heißt das?“

„Sie hat es nicht mehr ausgehalten. Jetzt ist sie weg.“

„Und was gedenkst du dagegen zu tun?“

Kingsley lachte auf, doch es klang weniger amüsiert als vielmehr verbittert. „Das hätte mich Ville vermutlich auch gefragt.“

„Also darum geht es hier, ja?“ Lucius ließ sich auf das Sofa sinken. „Was genau setzt dir zu?“

„Ville ist tot.“

„Ja.“ Lucius nickte. „Das ist tragisch, aber im Krieg sterben Menschen, Kingsley. Und Ville wusste, dass das geschehen könnte. Du wusstest, dass das geschehen könnte. Aber es war nicht deine Schuld.“

„Warum fühlt es sich dann so an?“

„Wir hatten doch ein Ziel. Wir wollten die Todesser und den Dunklen Lord unschädlich machen.“

„Ja.“

„Und wir sind diesem Ziel ein Stück nähergekommen. Viele Todesser sitzen in Askaban und werden es so bald auch nicht mehr verlassen.“ Lucius hob die Hand, um Kingsleys Einwand im Keim zu ersticken. „Wir werden die Suche nach den Horkruxen wieder aufnehmen, sie finden und zerstören. Und danach werden wir den Dunklen Lord vernichten.“

„Was macht dich so sicher?“

Lucius lächelte, obwohl ihn der Zustand seines Freundes wirklich beunruhigte. Er hatte Kingsley nie zuvor so erlebt. „Wir sind ein gutes Team, schon vergessen?“

„Sind wir das?“ Die Zweifel, die in Kingsleys Frage mitschwangen, versetzten ihm einen schmerzhaften Stich. Doch er wollte nicht aufgeben.

„Ja“, erwiderte er daher schlicht. „Es tut mir leid, dass ich mich nicht früher gemeldet habe. Lass uns wieder gemeinsam kämpfen und es diesmal zu Ende bringen.“

„Du meinst das ernst, oder?“

„Natürlich meine ich das ernst. Ich habe nicht vergessen, was du damals, in Hogwarts, für mich getan hast. Ohne dich hätte ich diese Jahre nicht überlebt. Wenn wir wollen, dass das alles, auch Villes Tod, nicht umsonst war, dann werden wir jetzt kämpfen.“ Lucius beugte sich nach vorne und stützte die Ellbogen auf seine Oberschenkel. „Und Via wird zurückkommen. Sie liebt dich und du liebst sie.“

„Ich hätte sie zerstört, wenn Mera nicht gekommen und sie weggeholt hätte.“ Kingsley rieb sich das Gesicht. „Du hast sie ja nicht gesehen. Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst.“

„Dann hat sie sich offenbar nur ihrem Lebensgefährten angepasst.“

„Ich – “ Kingsley verstummte und blickte an sich hinunter. „Wahrscheinlich hast du recht. Ich konnte einfach nicht mehr und ich bin mir auch jetzt nicht sicher, ob ich noch die Kraft dazu habe.“

Lucius erhob sich und trat auf seinen besten Freund zu. Es war erschreckend, Kingsley so ratlos und hilflos zu erleben. „Vierzig Prozent sind noch da.“

„Diesmal habe ich daran ernsthafte Zweifel.“

„Dann sind es eben nur dreißig. Aber du hast noch Kraft. Du bist noch nicht am Ende.“ Lucius überlegte kurz, dann traf er eine Entscheidung. „Ich habe das übrigens ernst gemeint. Du siehst wirklich aus, als könntest du Urlaub brauchen. Was hältst du von Sizilien? Ich habe dort eine schöne Villa. Du kannst sie nutzen, solange du willst.“

„Meinst du das ernst?“

„Natürlich.“ Lucius lächelte. „Komm zur Ruhe, werde wieder du selbst!“

„Ich bin mir – “

„Vertrau mir!“ unterbrach ihn Lucius. „Ich werde Ruby in die Villa schicken, damit sie alles vorbereitet.“

„Ich muss erst den Urlaubsantrag einreichen und – “

„Dann tu das. Die Villa ist auch in ein paar Tagen noch da.“
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