Glasperlenspiel

von Kezi
GeschichteAllgemein / P18
21.01.2020
21.01.2020
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Jeder Mensch auf  dieser Welt glaubt, er kenne jede Fassade und Geschichte der anderen Menschen in ihrer Peripherie. Sei es von der Zeit als sie noch im Nachwuchsalter waren, wo sie Spielwaren und selbst DNA in Form von Spucke miteinander teilten. Durch jene beiden Faktoren, wussten diese plötzlich, was den Gegenüber ausmacht und wie er entsprechend handelt.

Oder sei es von der Schule aus, wo man die ersten Geheimnisse und Liebesgeständnisse austauschte. Wo Lernen und eine glänzende Karriere zu erträumen einen höheren Wert hatte als eine Zukunft mit Alkohol und Drogen. Oder letztendlich von der Umgebung aus, wo man mit Geschwistern Gegenstände und Momente geteilt hatte, die man wohl niemals vergessen könnte. Sie hatten sowohl ihre gute Wichtigkeit als auch ihre negative.

Aber wenn wir ehrlich zueinander sind, so wissen wir doch auch, dass wir aneinander überhaupt nicht kennen. Wenn wir mal zählen würden, wie oft die Menschen gesagt haben, „Danke das du da bist.“, „Ich mag dich sehr.“, dann würde wohl nicht eine Hand vollzählig sein. Uns ist bewusst, dass sie das Vermögen haben, zu sprechen, zu denken oder zu handeln. Ihr Hippocampus und ihre Lappen im Gehirn sind so weit ausgebildet, dass sie diese Möglichkeiten auf Kommunikation und Entwicklung vollbringen können, ganz egal auf welche Art und Weise.

Doch schlussendlich kann man sagen, dass wir nur unser eigen Fleisch und Blut kennen. Nicht die eine Freundin, aus der Kindheitszeit oder den Freund aus der Nachbarschaft. Nicht den Lehrer aus den letzten Jahren oder die Verwandten aus dem Umkreis. Keinen, in der Öffentlichkeit, kennen wir gut genug, sodass wir über ihn etwas aussagen könnten. Egal, wie lange wir streben, es wäre nicht genug; es wird niemals vollständig richtig sein.

Doch wissen wir selber dann auch, was richtig ist; was für uns gut u. o. schlecht ist? Wenn der Dozent diese Hypothese in den Saal geworfen hätte, würden mindestens die Hälfte der Studenten diese bejahen, aufstehen und sich aus dem Staub machen, denn laut ihnen wäre diese Anmerkung „bescheuert“. Können wir aber wirklich wissen, was gut und schlecht für uns ist? Wenn ja, warum haben wir dann nicht das Bedürfnis den Menschen dort draußen das zu beweisen?

Warum versuchen wir immer noch uns hinter Fassaden zu verstecken und zu hoffen, dass einer/eine den einen Schlitz in der Maske sieht, der uns zu der endlosen Freiheit führen könnte? Wie ein hoffnungsloses Spiel, dass das Schicksal der Welt bestimmen soll. Der Hauptcharakter erhofft sich durch eine Nebenrolle eine Unendlichkeit. Als würde Superman hoffen, dass ein Bürokaufmann ihm seine Superkräfte verleiht.

Menschen, die wissen was sie wollen. Menschen, die nach ihrem Sinn suchen. Menschen, die nach Sicherheit und Deckung streben. So viele Gruppen in einer Terra. Wie verschiedene Rassen, die sich selber nicht sehen.
Erfundene Fassaden, die reichlich mehr Bedeutung erhalten als die Träume und der Charakter der Leute selbst.

Eine Vergangenheit, die vielversprechender ist als die eigentliche Gegenwart. Ein schwarzer Himmelskörper mit einer weißen versteckten Ewigkeit.

„Steigen Sie nun endlich in den Wagen ein!“

Erschrocken darüber angesprochen zu werden , rüttelte Ecem sich wieder auf und fand sich an einem Ausgang des Gerichtssaals wieder. Es herrschte eine etwas abgekühlte und nebelige Witterung, welche sowohl den wenigen Personen in ihrer Peripherie als auch ihrer Persönlichkeit zu schaffen machte. Sie spürte die, sich vervielfältigende, Gänsehaut an ihrem ganzen Leib. Wie ein Parasit, welcher sich nach einem einzigen Kontakt in dem sämtlichen Körper breit machte. Er verletzte sie aus einem unbekannten Grund.

Stiche aus allen Seiten, brennende Markierungen und nicht geringer werdende Schmerzen. Alles in einem Pack, hatte das junge Mädchen überfallen und ließ nicht locker. Um sich selbst jedoch etwas Ruhe und Entspannung zu gönnen, wanderte ihr Blick kurz nach oben und sie fing automatisch an zu lächeln.

Hätte sie doch bloß noch die Möglichkeit den bildhaften und atemberaubenden blauen Himmel uneingeschränkt wie sie es wollte zu betrachten, so würde sie keine Zeit verlieren und sich in diesem wie ein Stern im Nachthimmel verlieren. Sie liebte die Natur, wie sie die Unendlichkeit liebte.

Ein frischer Windzug und die Träumerin fand sich wieder auf dem festen und Zinn überfüllten Boden wieder. Zunächst blickte sie auf ihre Kleidung hinunter. Halb-verschmutzte, graue Töne positionierten sie gewiss in einen Häftlingsanzug. Ein Häftling mit der Nummer 579. Nur noch Zahlen definierten die Idealisten und nicht ihr Name und Charakter. Sowie die grauen Handschließen, die ihre kleinen, zerbrechlichen Handgelenken einschnürten. Was für ein Antlitz das wohl auf die anderen darstellte? Mörderin, grauenhaft, Blut oder womöglich sogar Inhuman?

Ihre kleinen schwarzen Stiefel hatten keine Schnürsenkel. Wie damals in der Grundschulzeit, wo sich Reißverschlüsse als praktisch erwiesen und Schnürsenkel sich als totales Chaos entpuppten. Damals in der begehrenswerten Vergangenheit waren noch Schuhe binden das größte Problem und nicht die Entscheidung um Leben oder Tod. Entscheidungen und Konsequenzen. Wie nah doch diese beiden divergenten Begriffe eigentlich sind. So nah und doch so fern. Wie der Mond und die Sonne. Zwei im Prinzip verschiedene Welten, dessen Grenzen so unsichtbar und doch so drakonisch sind.

Was wenn uns die Realität genau so uninteressant und schwach vorkommt; wir mit unsere falschen Terra zufriedener sind als wir denken? Also versuchen wir uns nur noch einzuordnen, ohne zu wissen, dass wir nicht mehr als ein Stück Metall von hundert Milliarden sind?

„Wird das hier noch was oder muss ich mir weitere Stunden noch meinen Arsch abfrieren?“