Für Elias

KurzgeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
21.01.2020
21.01.2020
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Lieber Elias,

wenn ich ganz ehrlich bin, dann weiß ich gar nicht, wie ich diesen Brief an Dich überhaupt beginnen soll, wie ich die Gedanken und Gefühle in mir ordnen und zu Wort bringen kann.
Diese Zeilen zu schreiben, fällt mir so schwer wie wahrscheinlich noch nichts zuvor in meinem Leben, weil es nicht nur eine Reflexion meiner Emotionen ist, sondern zeitgleich auch ein Abschied von etwas, das es in dieser Art und Weise nie mehr wieder zwischen uns geben wird.
Es ist der Abschied von Dir, von einem Freund, der mir so viel bedeutet wie noch nie irgendein anderer, von einer Zeit, die sich tief und unauslöschlich in mich eingebrannt hat. Ein Abschied von der Verbundenheit zwischen uns, von dem Gefühl, dass Du der einzige Mensch auf der Welt warst, der mich bedingungslos angenommen und so haargenau verstanden hat wie noch kein anderer vor Dir.
Mit diesem Abschied, den ich nie für möglich gehalten hätte, niemals gedacht hätte, dass wir uns je entfremden könnten, dass ausgerechnet Du mich so betrügen und mich plötzlich nicht mehr verstehen würdest, setze ich einen endgültigen Schlussstrich unter eines der vermutlich schönsten und aufregendsten Kapitel, die das Buch meines Lebens je geschrieben hat.
Du, Elias, warst immer der Mensch, der mir am allernächsten war, mein Seelenverwandter, der auch ganz ohne jedes Wort gewusst hat, wie es mir geht, was ich denke, fühle und brauche. Du hast mich so oft aufgefangen, mir Halt gegeben und Mut gemacht, ganz gleich, wie vertrackt und aussichtslos die Lage auch war. Du hast mir das Gefühl gegeben, dass da jemand ist, auf den ich zählen kann, jemand, der sich wirklich in mich einfühlen kann und weiß, was in mir vorgeht.
Auch wenn Du immer nur ein Freund warst, niemals mein Freund, so war ich Dir trotzdem immer verbunden und habe mich Dir so nah gefühlt wie noch keinem anderen Menschen.
Weil Du und ich bis vor kurzem noch dasselbe Schicksal geteilt haben, dieselben Gefühle, Gedanken und Wünsche. Weil Du meine Situation ebenso gut kanntest wie ich Deine – und genau das war es, was dieses Band zwischen uns so besonders gemacht hat.
Von Anfang an war sie da, diese Verbundenheit, schon an dem Nachmittag, als wir uns durch reinen Zufall kennengelernt haben. Ich konnte mich mit Dir identifizieren, genau wie Du Dich mit mir, weil unsere Situationen trotz aller Unterschiede gleich waren, weil wir beide auf der Suche nach demselben Ziel waren.
Trotz des Altersunterschiedes – Du gerade mal fünfzehn und ich einundzwanzig – waren wir von Anfang an auf der berühmten Wellenlänge, teilten dieselben Gedanken und Träume miteinander, über die wir in langen Videochats immer wieder geredet und fantasiert haben.
Du warst und bist so viel jünger als ich – und trotzdem viel reifer und verständnisvoller als die Männer in meinem Alter es waren. Weil Du genau gewusst hast, wie es mir geht und wie ich mich fühle. Und genau das hat unseren Kontakt zueinander von Anfang an besonders gemacht.
Die Zurückhaltung, die wir zu Beginn hatten, wurde schrittweise weniger, wir lernten uns immer besser kennen, wurden uns näher und vertrauter – und irgendwann brach das Eis vollständig und wir gingen über eine Grenze, die ich mir vor Dir mit keinem anderen Mann zugetraut hätte.
Das erste Mal Videochat, der erste, direkte Blickkontakt mit Dir, so schüchtern und unsicher war er – und dennoch der Anfang einer Zeit, die zu etwas ganz Besonderem für mich geworden ist.
Wir öffneten uns, tauschten uns aus über unsere Situationen, führten lange Gespräche über die Liebe und das Leben – und wurden auf diese Weise zu einem Team, das sich selbst blind noch bedingungslos vertrauen konnte.
Wir fingen an, uns gern zu haben, uns zu nähern – und stückchenweise sogar einige Tabus zu brechen, an die ich vor Dir noch nicht einmal zu denken gewagt hätte.
Unser Kontakt wurde inniger und eine tiefe Freundschaft entstand, die ich nie wieder missen und versäumen wollte. Du wurdest zu einem Teil meines Lebens – und ich wiederum zu einem Teil von Deinem.
Und so kam es dann auch irgendwann, dass auf Deiner Seite mehr entstand, dass Du anfingst, Gefühle für mich zu empfinden, die ich Dir nicht erwidern konnte. Und als Du es schließlich ausgesprochen hast, als Du mir während eines Videoanrufes gestanden hast, was Du fühlst, da wusste ich zuallererst gar nicht, wie ich damit umgehen sollte.
Ich mochte Dich sehr, hatte Dich unfassbar tief ins Herz geschlossen – aber die Liebe, die Du empfunden hast, diese Schwärmerei für mich, konnte ich Dir, trotzdessen, dass ich mich sehr geschmeichelt fühlte, nicht erwidern.
Und ehrlich gesagt hatte ich auch Angst, dass es unsere Freundschaft zerstören würde, dass Du die schönen Dinge, die beinahe zu einem Ritual zwischen uns geworden waren, plötzlich nicht mehr wollen würdest.
Eine unbegründete Angst, wie sich herausstellte, denn obwohl Du es immer im Hinterkopf behalten hast, hast Du Dich immer bemüht, mir ein guter Freund zu sein und mich zu unterstützen wo Du nur kannst.
Trotzdessen, dass wir uns noch nie begegnet waren und ich Dich öfter vor den Kopf stieß, etwa, indem ich Dir von meinen Verliebtheiten und Schwärmereien erzählte, bliebst Du als treuer Freund an meiner Seite, hast die Bindung zwischen uns über Deine Gefühle gestellt, weil Du wusstest, warum ich es nicht erwidern kann – und dass vielleicht eines Tages, wenn wir beide bereit sind, unser Traum in Erfüllung gehen kann.
Du hast so viel ertragen und ausgehalten, Dich nie beschwert, wenn ich Dir von meinem Liebeskummer erzählte, sondern immer unsere Freundschaft im Blick behalten. Und durch dieses Verhalten, durch das Zeichen, das Du mir damit geschickt hast, habe ich endgültig begriffen, wie wichtig ich Dir bin – und dass niemals irgendetwas zwischen uns beide geraten darf.
Du hast mir so oft Mut gemacht und so viel für mich getan, mich nach Rückschlägen aufgefangen und mir Kraft gegeben, weiter an die Liebe zu glauben. Weil Du es von Dir selbst kanntest, weil Du wusstest, wie man sich in der Rolle des „Absolute Beginner“ fühlt, der noch nie irgendwelche zwischenmenschlichen Erfahrungen hatte.
Dadurch, sowie vor allen Dingen durch die Tatsache, dass wir beide den gleichen Weg teilten, unsere transsexuelle Vergangenheit, konnten wir uns immer genau ineinander einfühlen, weil wir die Hürden und Schwierigkeiten des anderen aus eigener Erfahrung kannten.
Du hast genauso oft gelitten wie ich, wurdest vor den Kopf gestoßen und angefeindet, warst nah am Abgrund und hast es nur mit letzter Kraft geschafft, Dich noch festzuhalten. Und weil es mir genauso ging, weil ich Deine Ansichten und Meinungen teilte, Deine Erfahrungen verstehen konnte, warst Du genau das, was ich bis dahin immer gesucht hatte: Ein Seelenverwandter, dem ich absolut alles anvertrauen kann.
Deine süßen und in jeglicher Hinsicht einfallsreichen Gesten, wie etwa die rührende Mail, die Du mir zum Geburtstag geschickt hast, oder aber auch das kleine Weihnachtspäckchen, haben diese Seelenverwandtschaft noch weiter gefördert und gefestigt – und allmählich erkannte ich, dass diese verflixte Zahl namens Alter überhaupt keine Rolle spielt, wenn man das teilen darf, was wir geteilt haben.
Ich habe unbewusst damit begonnen, in die Zukunft zu träumen, mir vorzustellen, wie es mit Dir wäre, wenn Du endlich frei bist und es keine Gesetze mehr gibt, die uns davon abhalten, unsere Verbindung zueinander offen zu zeigen.
Und auch dieses Versprechen, dass Du warten und nicht aufgeben wirst, an ebendiese Zukunft zu glauben, hat mir noch weiter Mut gemacht und letztendlich dazu geführt, dass tatsächlich das passierte, was ich bis dahin für unmöglich hielt: Ich empfand ganz plötzlich viel mehr als nur diese „Freundschaft“, mehr als nur das Gefühl, dass Du ein Mensch bist, der mich versteht.
Während eines Videoanrufes war es, als Du über irgendeinen Witz lachtest – und in meinem Herzen plötzlich eine Tür aufging, die bis dahin fest verschlossen war. Du hattest ungewollt etwas in mir berührt – und auf einmal wusste ich, dass ich gerne auf Dich warten will, wenn Du es Dir wünscht.
Direkt gesagt habe ich es Dir nie, mich nie näher damit auseinandergesetzt, warum ich beim Anblick Deines Fotos plötzlich anfange zu strahlen – ganz einfach deswegen, weil ich nicht wollte, dass es passiert, weil ich mir einredete, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.
Und dennoch: Als ich einige Zeit später einen Traum hatte, in dem Du die Hauptrolle gespielt hast, da war mir klar, dass ich es nicht mehr länger leugnen kann und Du wirklich derjenige bist, der es wert ist, auf ihn zu warten.
Dass Dein Versprechen, die Hoffnung auf mich nicht aufzugeben, irgendwann nicht mehr gelten würde, hielt ich nicht für möglich und dachte, alles könnte weiterlaufen wie bisher.
Mein Gefühl für Dich hielt ich fest unter Verschluss, wagte gegenüber niemandem ein Wort zu verlieren, aus Angst, für komisch befunden zu werden, dass ich in meinem Alter etwas für einen fünfzehnjährigen Jungen empfinde.
Ein Junge, ja, das bist Du – und trotzdem schon ein Mann, der es geschafft hat, mir so viel zu geben wie noch keiner, mir Dinge zu zeigen, von denen ich nicht einmal zu träumen wagte und mich durch seine offene, herzliche und liebevolle Art ungeniert um den Finger zu wickeln.
Und bis zu dem Moment wusste ich auch immer, wie weit ich gehen darf, was erlaubt ist und was verboten – und dass ich behutsam und liebevoll mit Dir sein muss, so wie Du es stets mit mir warst.
Ich wollte Dich nie verletzen, nicht vor den Kopf stoßen, weil Du ein unglaublich wertvoller Mensch bist – und ich mir nie verziehen hätte, Dich durch Unsicherheit oder eine zu schnelle Hingabe zu verlieren.
Deswegen habe ich meine Emotionen auch eingeschlossen, sie Dir gegenüber geheimgehalten, um nicht durchschimmern zu lassen, dass jedes Gespräch, jeder Anruf und jede Nachricht von Dir mein Herz insgeheim höher schlagen lässt.
Ich habe Dir vertraut, dem Schicksal vertraut, dass es uns eines Tages ein Happy End bescheren wird, wenn niemand uns mehr schief ansehen kann für das, was wir da empfinden. Und ich glaubte fest daran, dass Du Dein Versprechen hältst, dass Du warten wirst, bis unsere Zeit kommt und wir ohne Angst und Schuldgefühle leben können, was wir spüren.
Gerade die Tatsache, dass wir beide völlig unerfahren waren, von Beziehung keine Ahnung hatten, geschweige denn von Zärtlichkeit und Intimität, war dabei immer ein ganz besonderes Kriterium, das Dich so außergewöhnlich für mich gemacht hat. Und ich glaubte fest daran, dass wir uns eines Tages begegnen, dass wir diese heimlichen Wünsche endlich leben und miteinander entdecken, was Liebe eigentlich ist. Ich glaubte fest daran, dass Du warten wirst, auf mich warten – wenngleich ich Dir immer wieder selbst gesagt habe, dass Du das nicht musst und ich es nicht von Dir verlange.
Bis vor kurzem dachte ich auch nicht, dass sich meine Einstellung dazu ändern könnte, dass ich es Dir gönnen würde, wenn Dein Versprechen doch nicht mehr gilt und Du vorher Erfahrungen sammelst. Ich dachte, ich könnte mich für Dich freuen, könnte Dir vertrauen und auf Deine Geduld und Dein Verständnis bauen.
Doch all das hat sich geändert, wurde schlagartig ungültig, als Du mir in einer SMS ganz stolz von Deinem ersten Kuss berichtet hast. Von etwas, das ich damals in Deinem Alter gerne erlebt hätte, jedoch bis heute niemals die Gelegenheit dazu bekam.
Trotz meines einundzwanzigjährigen Lebens kam es noch nie zu einem solchen Moment, war da noch nie ein Junge, der mir dieses Erlebnis geschenkt hätte. Denn bereits in der Schule hatte ich soziale Schwierigkeiten, tat mich schwer damit, auf andere zuzugehen, geschweige denn, jemandem mein Interesse zu signalisieren oder gar Erfahrungen zu sammeln.
In all der Zeit war da nie jemand, der mich gesehen hätte – noch nicht einmal ein simples Händchenhalten war drin. Ich war außen vor, lebte in meiner Welt, die, begründet auf meinem transsexuellen Hintergrund, immer eine völlig andere war als die meiner Mitschüler.
Ich wurde nicht als das gesehen, was ich war, nicht als das Mädchen wahrgenommen, das sich schwer damit tut, Freundschaften zu finden, sondern stetig nur als „der Junge, der eine Frau sein möchte“.
Ein weiterer Punkt, der unsere Freundschaft so besonders machte, weil es Dir genauso geht, weil Du ähnliche Erfahrungen gemacht und – im Gegensatz zu mir – sogar Mobbing einstecken musstest, nur um sein zu können, wer Du bist.
Diese Sache hat uns noch mehr verbunden als alles andere. Ein Junge und ein Mädchen – beide in das falsche Geschlecht gedrängt, von der Außenwelt nicht ernst genommen und als „Geschlechtswandler“ verschrien.
Genau das, Elias, unser beider Verständnis von Geschlecht, unsere ähnlichen Erfahrungen mit der Ablehnung der Gesellschaft, die stets tolerant tut, es aber nicht ist, stand von Anfang an wie ein Fels in der Brandung zwischen uns, der uns beide so nah zueinander gebracht hat. Der Kampf um das eigene Ich, um das Persönlichste überhaupt, den wir führten und immer noch führen, war einer der Gründe, warum ich von Anfang an Vertrauen zu Dir hatte.
Weil Du mein männliches Spiegelbild warst, der genaue Gegenpol meines Lebens, der schon viel einstecken musste, nur um als das anerkannt zu werden, was er ist: Ein herzensguter und wundervoller Junge, der von der Gesellschaft in eine Rolle gedrängt wurde, die völlig wider seiner Natur ist.
Als „Transe“ hat man Dich oft betitelt, hat nicht verstanden, wer Du bist und was Dich ausmacht. Du wurdest Deines Geschlechts beraubt, genau wie ich, wurdest „Lesbe“ genannt und gehänselt, ebenso wie ich während meiner Schulzeit als „der Schwule“ verschrien war.
Diese prägenden Erfahrungen waren und sind es, die uns beiden zu Kämpfern haben werden lassen, zu zweit verbundenen Seelen, die füreinander einstehen, sich gegenseitig Halt geben und gegen die ungerechte Machtpolitik der Gesellschaft ankämpfen.
Denn niemand – und ich meine wirklich niemand – konnte das je besser verstehen als wir beide, weil wir die Erlebnisse des anderen aus eigener Erfahrung kannten. Denn ebenso wie Du Dich als Mann behaupten musstest, musste ich mich als Frau behaupten. Ebenso wie Du Dich ausgeschlossen und übergangen fühltest, ebenso fühlte ich mich – und auf diese Weise ist das Band zwischen uns immer tiefer geworden.
Weil Du genau dieselben Probleme hattest, gerade was Partnerschaften angeht – und Dir so wie ich geschworen hast, dass nur jemand, der selbst trans ist, das Privileg haben darf, Dich zu lieben und an Deiner Seite zu sein. Genau denselben Entschluss fasste auch ich vor Jahren – und so wäre es im Grunde ein Leichtes gewesen, aufeinander zu warten und dann gemeinsam zu entdecken, was uns all die Jahre vorenthalten wurde.
Du hattest den festen Schwur abgelegt, es nie zu tun, Dich nie auf jemanden einzulassen, der nicht trans ist, weil Du nicht noch einmal so verletzt und gekränkt werden wolltest. Und genau so ging es mir auch. Darum war auch ein bisschen die Hoffnung in mir, dass Dein Versprechen gelten würde, bis du achtzehn bist und wir endlich tun und lassen können, was wir wollen.
Und dann kam dieser erste Knacks. Die SMS von Dir, dass Du Deinen ersten Kuss hattest – mit einer Freundin aus der Schule, einem Cis-Mädchen. Ganz euphorisch warst Du, hast darüber völlig Deinen selbst auferlegten Schwur vergessen, niemanden an Dich ranzulassen, der nicht trans ist.
Und dann küsst Du einfach ein Cis-Mädchen. Brichst damit nicht nur Deinen Schwur, sondern auch Dein Versprechen, abzuwarten, bis wir beide bereit sind. Und genau das war der Moment, in dem ich mich Dir zum ersten Mal fremd fühlte, in dem wir plötzlich nicht mehr auf einer Welle waren – weil Du mir auf einmal etwas voraus hattest, was mir schon mein Leben lang fehlt: Ein simpler, banaler und doch so bedeutsamer Kuss. Der allererste im Leben.
In dem Augenblick hast Du mich zum allerersten Mal verletzt, wenngleich ungewollt – und so sehr ich mich für Dich freuen wollte, schaffte ich es nicht, weil mein Neid und meine Missgunst es verhinderten.
Ich wollte es Dir gönnen, von Herzen gönnen, und konnte es doch nicht, weil da zu viel war, was mich davon abhielt. Mein Neid, dass Du erlebt hattest, was ich in Deinem Alter erleben wollte. Meine Enttäuschung über den Bruch Deines Schwures. Und meine Verletzung darüber, dass wir jetzt nicht mehr gemeinsam diese Erfahrung machen und es entdecken konnten.
Dieser Kuss hat die erste Veränderung zwischen uns eingeläutet und meinem Vertrauen in Dich einen Knacks verpasst. Und dennoch wollte ich Dir gern verzeihen, habe meinen Stolz überwunden und mich mit Dir darüber ausgesprochen, in der Hoffnung, es würde dabei bleiben und wir könnten noch genug zusammen entdecken.
Ich weiß auch noch, wie sehr Du Dich geschämt hast für dieses Fremdküssen, denn an Deinen Gefühlen für mich hatte sich nichts verändert – und Du warst immer noch bereit, auf mich zu warten.
Also habe ich meinen Stolz geschluckt und mich mit Dir versöhnt, nicht ahnend, dass Du mein Vertrauen bald noch wesentlich schlimmer verraten würdest. Indem Du genau das tust, was Du geschworen hast niemals zu tun – und dadurch nicht nur mich, sondern auch unsere Bindung zueinander unwiederbringlich zu zerstören.
Es war ein Samstag in den Ferien, als eine Freundin aus der Schule bei Dir übernachtet hat, das einzige Mädchen, das zu Dir steht und Dich akzeptiert wie Du bist. Ein Samstag, der nicht nur Dein, sondern auch mein Leben für immer verändert hat.
Denn an diesem Samstag hast Du das verloren, was mir bis heute erhalten geblieben ist, was ich nicht geschafft habe, abzuschütteln und zu besiegen: Deine Unschuld. Das einzige Gut, das aus Kindertagen noch übrig war, das ich bis heute mit mir herumtrage, weil es in meinem Leben niemanden gibt, der es mir nehmen könnte.
Du hast mit diesem Mädchen Intimitäten getauscht, hast Dich fallen lassen und abermals völlig vergessen, dass es mich gibt und ich genau damals, als ich in Deinem Alter war, nichts sehnlicher wollte als so etwas zu erleben.
Und durch diese Tat, durch diesen wiederholten, noch wesentlich tieferen Bruch Deines Schwures, hast Du das Band zwischen uns beiden endgültig auseinandergerissen.
Du hast eine Sünde begangen, die keine ist – und sich dennoch für mich so anfühlt, als hättest Du mein abgrundtiefes Vertrauen in Dich mit einem Hammerschlag in tausend Trümmer zersplittert.
Du hast Dein Wort, auf mich zu warten und Dich für mich aufzuheben eiskalt gebrochen und mich damit in einen Abgrund gestoßen, in den ich seitdem immer tiefer falle, ohne jemals den Boden zu erreichen.
Du hast mich verraten, hast Dich selbst verraten – und damit einen Riss zwischen uns verursacht, der sich durch nichts und niemanden mehr kitten lässt. Denn jetzt hast Du mir endgültig etwas voraus, was ich in diesem Leben nicht mehr aufholen kann, hast mir die Chance genommen, es gemeinsam mit Dir zu entdecken und zu erleben.
Und das, Elias, ist der schlimmste Hochverrat, den Du mir antun konntest. Du weißt genau, wie schwer das Thema für mich ist, dass ich mir nichts mehr wünsche als auch endlich zum „Club der Erfahrenen“ zu gehören – und mit jedem Jahr, das verstreicht, immer geringere Hoffnung darauf habe, dass es doch noch passiert.
Du weißt, wie weh es mir tut, keine Ahnung von Nähe zu haben, wie unglaublich dumm ich mir vorkomme, weil all meine Versuche und Bemühungen, es endlich zu ändern, im Sande verlaufen und sich wie Glas zerschlagen. Du weißt, dass diese Tatsache, unser beider Unerfahrenheit, einer der entscheidendsten Faktoren war, der unsere Bindung so besonders gemacht hat.
Und auch, wenn ich keinerlei Recht dazu habe, missgünstig und neidisch zu sein, so möchte ich Dich trotzdem gerne in der Luft zerreißen dafür, dass Du geschafft hast, was mir bis heute nicht gelungen ist.
Du weißt jetzt, wie sich das anfühlt, bist nicht mehr ahnungslos und hast den Moment, jemandem ganz nah zu sein, am eigenen Leib und auf eigener Haut erlebt. Und ich?
Ich stehe immer noch da, wo ich vor Jahren stand, beherrsche weder Flirtfähigkeiten, noch schaffe ich es, wenigstens mal einen Funken an Zärtlichkeit abzustauben. Ich werde zurückgewiesen, vertröstet und ausgegrenzt, wenn ich es versuche, bekomme nicht eine Chance dazu, jemandem zu beweisen, dass ich liebenswert bin.
Und Du tust es einfach so. Völlig ungeplant und kopfüber stürzt Du Dich in diese Sache rein, lässt Dich dort berühren, wo ich Dich immer berühren wollte – und erlebst haargenau das, was mir schon mein Leben lang fehlt. Du tauscht Zärtlichkeiten aus, hinterhältig und egoistisch – und vergisst völlig, wie gerne ich diejenige wäre, die das mit Dir tut.
Das fühlt sich für mich an wie Hochverrat. Der Stich, den Du mir damit versetzt hast, sitzt tief und unauslöschlich in mir fest, genau wie auch die Angst davor, Dich für immer zu verlieren.
Am meisten aber schmerzt der Neid, der grenzenlose Neid darauf, dass es Dir gelungen ist, jemanden zu finden – und wenn nur für dieses eine Mal. Ich vermisse das schon mein Leben lang, weiß überhaupt nicht, wie so eine Berührung, geschweige denn, Intimeres sich überhaupt anfühlt – und würde nichts lieber tun als es endlich zu erfahren und zu dem berühmten „Club der Wissenden“ zu gehören.
Und durch diese Aktion, durch diesen tiefen Bruch meiner Hoffnung, hast Du ein Loch zwischen uns geschlagen, das sich nicht überwinden lässt. Du hast Dich völlig von mir abgewandt, bist mir so fern und fremd als würde ich Dich nicht kennen – und das, obwohl ich bis vor kurzem noch glaubte, so viel von Dir zu wissen wie niemand sonst.
Du warst mein Seelenbruder, Elias. Der Mensch, der wie kein anderer immer wusste, wie ich mich fühle. Der nachvollziehen konnte, wie es ist, völlig ahnungslos zu sein und unter diesem Schmerz der fehlenden Zuneigung zu leiden.
Und jetzt bist Du so weit weg wie ein Traumbild, wie ein Streifen am Horizont, den ich niemals erreichen kann und nicht zu fassen kriege. Du bist nicht mehr der Mensch, der Du warst, nicht mehr der, der mich in meiner Einsamkeit auffangen und halten konnte.
Und so absurd es klingt, scheint es mir, als hättest Du mein Vertrauen einfach skrupellos vergewaltigt, als hättest Du billigend in Kauf genommen, dass wir uns voneinander entfernen. Und das, Elias, kann ich Dir nicht verzeihen. Niemals.
All das, was uns einmal verbunden hat, hat im Bruchteil einer Sekunde seine Bedeutung verloren, ist nur noch ein Splitter im Scherbenmeer unserer einstigen Verbindung, die es so niemals wieder geben wird.
Du hast mir zu viel voraus, bist zu weit entfernt, als dass es mir gelingen würde, Dich noch einmal einzuholen. Und so gern ich es würde, ich kann Dir diesen Verrat einfach nicht vergeben.
Auch wenn Du immer noch ein unfassbar wichtiger Mensch für mich bist und es auch immer bleiben wirst – zwischen uns hat sich zu viel verändert als dass es noch einmal so werden könnte wie es früher war. Du wirst mich nie mehr so verstehen, nie mehr nachfühlen können, was ich vermisse und wie es mir geht.
Egal, wie viele Dinge uns noch verbinden – das, was uns trennt ist viel gewaltiger und mächtiger. Und genau aus diesem Grund, um Dir nicht wehzutun und Dich nicht zu kränken, um Dich zu schützen und zu schonen, muss ich mich von Dir verabschieden.
Ich muss Dich gehen lassen, kann Dich auf Deinem Weg nicht mehr begleiten, weil ich nie mehr so für Dich da sein könnte, wie Du es verdienst. Und darum, mein wundervoller Elias, gebe ich Dich frei.
Du wirst Deinen Weg weitergehen, genau wie ich meinen, wirst eines Tages ganz bestimmt ein großartiger, toller Mann sein und Dein Glück in diesem Leben finden. Gerne hätte ich Dich dabei begleitet, wäre diesen Weg mitgegangen – aber mir fehlt jegliche Kraft dazu.
Darum lasse ich Dich ziehen, wohin immer Dich das Leben führt – und wünsche Dir von ganzem Herzen alles Gute und viel Glück. Ich wünsche Dir, dass Du Deine Ziele erreichst, dass Du Erfolg mit allem hast, was Du Dir vornimmst – und vor allem, dass Du immer ganz genauso bleibst wie Du bist.
Darüber hinaus möchte ich auch Danke sagen, für alles, was Du für mich getan und mir während unserer gemeinsamen Zeit gegeben hast. Das werde ich Dir niemals vergessen. Genauso wenig wie ich Dich vergessen werde.
Auch wenn unsere Wege sich trennen, wirst Du trotzdem immer einen festen Platz in meinem Herzen haben. Und vielleicht bekommen wir eines Tages die Chance dazu, unsere Freundschaft wiederaufzubauen und zu erhalten. Vielleicht begegnen wir uns irgendwann noch einmal, möglicherweise sogar in demselben Chat – und können uns gemeinsam an all das erinnern, was wir hatten.
Es war wunderschön, Elias. All die Zeit mit Dir hat mir mehr gegeben als ich es je beschreiben könnte. Und ich danke Dir von Herzen für jeden einzelnen Augenblick.
Bitte pass immer gut auf Dich auf und lass Dich nicht verbiegen. Du bist ein ganz besonderer, einzigartiger Mensch.
Alles nur erdenklich Gute für Dich. Und sei Dir sicher: Egal, wohin ich auch gehe – ich werde Dich immer ganz nah bei mir tragen. Weil Du der allererste Mann warst, der mich seelentief berührt hat.
Und wenn Du an uns denkst, dann sei bitte nicht traurig. Erinner Dich an all die schönen Momente, die wir hatten und erleben durften. Erinner Dich an die schönen Videochats und Gespräche, an die Nachrichten per SMS – und vor allem an unser Lied, das uns beide so lange begleitet hat. Und sei Dir bitte sicher: Immer wenn ich es höre, werde ich an Dich denken und mich daran erinnern, was für ein besonderer Mensch Du bist. Und was für ein Glück ich hatte, Dich kennenlernen zu dürfen.

Zuletzt möchte ich Dich noch um eine Sache von Herzen bitten: Nämlich, dass Du Dir keinen Vorwurf machst oder Dich schuldig fühlst. Du trägst keine Schuld an dem, was passiert ist. Dass ich nicht verzeihen kann, liegt nicht an Dir. Es liegt ganz allein an mir. Darum quäl Dich bitte nicht. Du hast nichts falsch gemacht. Absolut gar nichts.
Leb wohl, Elias. Ich danke Dir von ganzem Herzen, dass es Dich in meinem Leben gab. Du hast mir so viel gegeben und gezeigt, was ich niemals für möglich gehalten hätte. Und das werde ich Dir nie vergessen, solange ich lebe.
Alles nur erdenklich Gute für Dich. Und ich wünsche Dir von Herzen, dass Du glücklich  wirst. Wie, wann, wo und mit wem auch immer. Lass Dich nicht unterkriegen. Und vergiss bitte nie: In Gedanken werde ich immer bei Dir sein und Dich auf Deinem Weg begleiten.

Mach es gut, mein schöner Engel. Ich hab Dich lieb. Für alle Zeiten.

Deine R.
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