20. Januar: Wir haben immer noch Paris [by littlejolie]

OneshotRomanze / P16
Louisa "Lou" Clark William "Will" Traynor
20.01.2020
20.01.2020
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20.01.2020 4.300
 
Tag der Veröffentlichung: 20. Januar
Zitat: "Treue bindet mich." (Königsfall - Die Geisel)
Titel der Geschichte: Wir haben immer noch Paris
Autor: littlejolie
Hauptcharaktere: William 'Will' Traynor, Louisa 'Lou' Clark
Nebencharaktere: Patrick
Pairings: Louisa/Patrick; Louisa/Will
Kommentar des Autors: Der Oneshot spielt in einem alternativen Universum, indem Will Traynor noch keinen Motorradunfall hatte und in Paris auf Louisa Clark trifft. Während des Schreibens hat es mir so viel Spaß gemacht, wieder in die Welt meines Lieblingsbuchs einzutauchen, dass ich dieser Geschichte vielleicht irgendwann noch ein paar weitere Kapitel hinzufügen werde. :)


Wir haben immer noch Paris


Im Sommer 2007 stand Louisa Clark vor der Bartheke im Café Marquis. Sie hielt das quadratische Tastentelefon fest an ihre Ohrmuschel gedrückt. Im Raum roch es nach Kaffee und aus der gegenüberliegenden Ecke wehte Zigarettenrauch in ihre Richtung.

"Nein, Patrick! Das kannst du nicht machen. So haben wir das nicht abgesprochen. Was ist mit ... Ach egal", Louisa legte auf und beendete somit das Ferngespräch mit ihrem Verlobten. Es ärgerte sie, dafür jede einzelne der überteuerten Minuten bezahlt zu haben. Patrick musste am anderen Ende der Leitung wohl noch immer in das Mikrofon sprechen. Er hatte seine Begründung, warum ein Triathlonwettbewerb in Norwegen statt des geplanten Zwei-Wochen-Urlaubs in New York das perfekte Ziel sei, längst nicht beendet. 3,8 km Schwimmen im eiskalten Wassers eines Fjörds, danach 180 km Radfahren und abschließend ein Marathonlauf von über 42 km. Louisa hätte sich weitaus attraktivere Unternehmungen für ihre Hochzeitsreise vorstellen können.

"Ehe. Gefängnis", seufzte sie frustriert und trank ihren Espresso aus, "Wo ist da heute noch der Unterschied?"

Louisa hatte es wohl mehr für sich geäußert, um dem eigenen Missmut Luft zu lassen, doch ein Mann im maßgeschneiderten Anzug hörte ihr ebenso zu. Genau genommen lauschte er bereits das gesamte Telefonat über dem Beziehungsstreit. Es interessierte ihn, weshalb eine erwachsene Frau mit gestreiften Strumpfhosen in einem französischen Café saß und sich lautstark in Englisch über Reisen nach Norwegen unterhielt. Sie sah ganz offensichtlich bedrückt aus. Will Traynor lächelte. Die Frau in ihren Mittzwanzigern konnte definitiv kein einziges ihrer Gefühle verbergen.

Er gab dem nächstbesten Kellner, dessen Bestellungen schon zu Bergen aus der Schürzentasche herausragten, ein Zeichen. Dieser schien ihn auch ohne Worte zu verstehen - so oft, wie Will in den letzten Wochen das Café an der Rue des Francs Bourgeois besucht und hübschen Frauen ein Getränk ausgegeben hatte. Der Kellner stellte der jungen Dame im geblümten Plisseekleid ein Glas mit Cognac auf den Tresen.

Für einen Moment schien Louisa nicht zu begreifen, weshalb genau der Mann im Anzug sie so plötzlich anlächelte. Sie starrte auf die goldbraune Flüssigkeit vor ihrer Nase, dann zu dem gutaussehenden Geschäftsmann neben ihr. Ein Freigetränk also. Es musste Jahre her sein, seitdem ihr jemand - außer Patrick natürlich - etwas spendiert hatte. "Vielen Dank, aber ich trinke nicht", entgegnete Lou daraufhin so bestimmt, wie man es eben bei einem kostenlosen Cognac konnte. Sie hatte ihrem Verlobten vor ihrer Abreise versprochen, auch in Paris der gemeinsamen Diät - inklusive des strickten Alkoholverzichts - treu zu bleiben. Louisa schob das Trinkglas zurück auf die andere Seite der Bartheke, ließ den Blick jedoch nicht von dem hochprozentigen Getränk ab.

"Heute ist ein guter Tag, um damit anzufangen. Und wenn Sie mich fragen, eignet sich ein Rémy Martin hervorragend dafür", Will Traynor schob das Glas zurück auf seine ursprüngliche Position. Er zeigte das typische Lächeln, von dem er wusste, dass es jeder Frau ein mulmiges Gefühl in der Magengegend bereitete. "Ich heiße William Traynor. Und Sie?"

Aus Höflichkeit streckte er ihr seine Hand entgegen und Louisa ergriff diese langsam. "Ich ... ich bin Lou", sie hoffte, dass er ihre schwitzigen Handflächen nicht bemerken würde, "Das ist eine Abkürzung für Louisa. Ich heiße Louisa Clark."

"Also, Louisa Clark, was machen Sie drei Wochen vor ihrer Hochzeit in Paris?", fragte Will Traynor.

"Woher ...", sie unterbrach sich selbst, "Oh. Aber es ist nicht gerade höflich, die Gespräche seiner Mitmenschen zu belauschen."

Louisa warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu - so wie sie es immer mit Thomas tat, wenn er ihre Tapete mit Wachsmalstiften verzierte - auch wenn Will nicht gerade den Anschein erweckte, dass es ihm sonderlich Leid täte. Er lächelte sogar und Louisa verspürte ein Ziehen in ihrem Magen, welches definitiv nicht von einem Hungergefühl ausgelöst wurde. Sie schüttelte den Kopf und versuchte, die aufkommenden Gedanken zu verdrängen.

"Sie fragen sich, was eine verlobte Frau allein in einem französischen Café macht?", begann Louisa also und bemerkte dabei gar nicht, dass sie noch immer den Kopf schüttelte, "Nun, wie sagt man doch so schön: Man muss noch einmal Paris sehen und danach kann man beruhigt sterben. So ähnlich wird das auch bei mir ablaufen." Louisa seufzte erneut.

Er lächelte noch immer. Will rückte das Cognacglas wieder etwas näher zu ihr und entgegnete: "Das Sprichwort ist mir allerdings fremd." Ein Grübchen hatte sich nun auf seiner rechten Wange gebildet.

"Eigenkreation. Ich erhebe Urheberrecht darauf, wenn Sie es vor ihren Freunden zitieren wollen, um einmal humorvoll zu wirken. Obwohl ... Lassen Sie es lieber. Mein Humor funktioniert nicht bei Menschen mit vollen Spesenkonten."

Louisa wägte tatsächlich ab, doch noch den Cognac anzunehmen. Letztendlich saß sie mit einem attraktiven Fremden in einem französischen Café und hatte rein gar nichts am heutigen Tage zu verlieren - außer dass man sie für verrückt hielt, aber das war eine Frau in gestreiften Strumpfhosen gewöhnt. In ihrer Handtasche vibrierte das Klapphandy. Wahrscheinlich ein eingehender Anruf von Patrick. Oder von ihrer Mutter. Louisa griff nach dem Cognacglas und leerte es in einem Zug aus. Sie hatte ohnehin bereits zu viel Unsinn von sich gegeben, um länger nüchtern bleiben zu können, ohne sich dafür schämen zu müssen. Der Alkohol brannte im Rachen und Lou verzog das Gesicht. Will lachte über das Verhalten der jungen Frau.

"Man muss noch einmal Paris sehen und danach kann man beruhigt sterben?", wiederholte er in einem leiseren Ton und Louisa meinte tatsächlich, dass seine Stimme ähnlich klingen würde, wann immer er etwas zu nackten Frauen in weißen Bettlaken flüsterte. Die Stimmung zwischen ihnen veränderte sich allmählich. Die Blicke blieben länger am Körper des jeweils anderen hängen. Es wurde leiser. Vielleicht lag es an dem Cognac. Oder am Zigarettenrauch, der langsam zu ihnen wehte und Louisas Hals trocken werden ließ. Sie schluckte laut. Ja, es war eindeutig der Alkohol und der Tabakgeruch.

Lou konnte erkennen, dass Will gerade etwas entgegnen wollte - und mit hoher Wahrscheinlichkeit wäre es ein provokativer Kommentar gewesen - doch sein Handy klingelte aufdringlich laut. Die Spannung, die sich gerade noch zwischen ihnen aufgebaut hatte, verflog wie eine Seifenblase. Will entschuldigte sich und eilte aus dem Cafe. Sie sah ihn, mit hektischen Handbewegungen gestikulieren. Er war definitiv aufgebracht.

Als Will zurück kam, griff er eilig nach seinem Herrenmantel, den er über die Stuhllehne gehängt hatte und drückte dem vorbeigehenden Kellner zwei 50-Euro-Scheine in die Hand. "Sie gefallen mir, Louisa Clark", sprach er und ließ das Handy in die Hosentasche fallen, "Kommen Sie morgen um 17:00 Uhr noch einmal in dieses Café. Bestellen Sie sich ein Croissant, einen Kaffee Créme und warten Sie auf mich." Louisa konnte sich nicht helfen, doch jeder seiner Sätze klang wie eine Aufforderung, der man unter allen Umständen nachkommen wollte.
Eine Sekunde später stand Will Traynor bereits auf den unebenen Straßen in Paris. Keine Verabschiedung. Keine Höflichkeitsfloskel. Nur eine Uhrzeit.


xXx



In ihrem Kopf drängten sich zwei äußert penetrante Stimmen aneinander. Zwischen Temporallappen und Parietallappen hörte sie Treenas überraschende Ausrufe, dass sie doch nicht die langweilige Schwester aus der Kleinstadt sei. Im Wernicke-Areal vernahm sie die abschätzigen Vorwürfe ihrer Mutter. Warum wartete eine Frau, die in wenigen Wochen heiraten würde, auf einen anderen Mann? Oh. So viele Gebete würde ihre Mutter gar nicht aussprechen können, wenn sie erfuhr, worauf Louisa sich einließ.

Aber aus einem Grund, den sie selbst nicht so genau einzuschätzen wusste, blieb sie auf dem Metallstuhl sitzen. Da war etwas an Will Traynor, das Lou so zuvor noch bei keinem anderen Menschen bemerkt hatte. War es sein Lächeln, bei dem sich auf der rechten Seite des Gesichtes ein Grübchen bildete? Oder der herausfordernde Blick in seinen Augen? Louisa schüttelte den Kopf über sich selbst und biss von dem Croissant ab, das sie sich vor einer halben Stunde zusammen mit einem Kaffee Créme bestellt hatte.

Es war 16:50 Uhr.

Am Bürgersteig hielt ein schwarzlackierter Maserati. Der Motor heulte laut und auf der anderen Straßenseite begannen Passanten ihre Klapphandys zu zücken, um Fotos in geringer Qualität aufzunehmen. Ein provokativer Spruch über die Länge bestimmter Körperteile und die dazu führenden Komplexe, etwas mit teuren Autos kompensieren zu müssen, lag Louisa bereits auf der Zunge. Dann stieg der Fahrer aus und die Croissant-Krümel blieben schlagartig in ihrer Kehle stecken. Will Traynor stand in einem weiteren, maßgeschneiderten Anzug auf den Fußgängerwegen von Paris. Noch sah er Louisa nicht unter den dunkelgrünen Markisen des Cafés Marquis sitzen.

Schnell winkte Lou eine Kellnerin mit zwei aufgemalten Schönheitsflecken zu sich und bat diese, sich zu ihr zu beugen, damit sie ihr etwas ins Ohr flüstern konnte. "Sehen Sie diesen Mann dort, den vor dem schwarzen Maserati?", die Kellnerin nickte, "Er stellte sich mir mit dem Namen 'William Traynor' vor. Prägen Sie sich sein Aussehen ein und schreiben Sie sich das Kennzeichen auf. Wenn ich in 24 Stunden nicht wieder in diesem Café sitze, benachrichtigen Sie bitte die Polizei. In Ordnung?"

Louisa bemerkte, dass die Kellnerin mit ihren Augen einen Moment zu lange an Will Traynors trainierten Brustmuskeln hängen blieb. "Entschuldigen Sie, aber dieser Mann sieht nicht wie ein Vergewaltiger aus", entgegnete die Servicekraft und Louisa vermeinte, in ihrer Stimme den Anflug von Neid heraushören zu können.

"Das wissen Sie nie! Sie sollten nicht einfach nur vom Äußeren auf den Charakter schließen. Jeder könnte ein Serienmörder sein. Selbst wenn er das Aussehen eines sonnengebräunten Mel Ferrers besitzt", Louisa verfiel schon wieder in einen belehrenden Tonfall, den sie sonst nur Thomas entgegen brachte.

Stellte nur die Frage, warum sie dennoch bereit war, in den schwarzen Maserati zu einem fremden Mann kurz vor der eigenen Hochzeit zu steigen.

"Hören Sie mir überhaupt zu?", fragte Louisa, als die Kellnerin Will Traynor noch immer wortlos anstarrte und keine Anstalten machte, sich das Kennzeichen zu notieren. Die Britin seufzte genervt. Immer diese weiblichen Hormone. Louisa riss ihr den Notizblock, der eigentlich für die Bestellungen der Kunden gedacht war, aus der Hand und reihte in einer zittrigen Schrift Buchstaben und Zahlen aneinander.

Sie stand auf, hob den Zeigefinger wie eine Grundschullehrerin und warf der schwarzhaarigen Kellnerin einen letzten, ermahnenden Blick zu. "Denken Sie daran, was ich gesagt habe." Dann bahnte sie sich einen Weg zu Will Traynor durch die chinesischen Touristengruppen im Café hindurch.

Während des Gehens schob Louisa ihre Sonnenbrille wieder auf den Nasenrücken zurück und versuchte dabei mindestens so viel Selbstbewusstsein ausstrahlen, wie es gerade Will Traynor tat. Höflich hielt dieser ihr die Beifahrertür auf und sie stieg wortlos ein. Louisa bemerkte dabei, dass er in diesem Winkel einen äußerst günstigen Ausblick auf ihren Ausschnitt hatte. "Es ist schön, Sie zu sehen, Clark. Ich hoffe, das Croissant hat Ihnen gefallen." Will lächelte.

"Nun, Clark, erzählen Sie etwas von sich", forderte er sie auf, nachdem sie beide stumm den französischen Verkehr beobachtet und inzwischen die Place de la Bastille passiert hatten. Louisa wunderte sich, seit wann Will Traynor sie lediglich beim Nachnamen nannte.

"Oder aber wir schweigen uns weiterhin an, bis Sie endgültig glauben, dass ich Sie entführen will", fuhr er weiter fort, als Louisa - ganz untypisch für ihre redselige Art - noch immer nichts entgegnet hatte, "Ich hoffe doch, Sie haben der Kellnerin im Marquis das korrekte Kennzeichen meines Wagens notiert."

Schlagartig nahm Louisas Gesicht einen dunklen Rotton an. Sie wollte schon beginnen, sich zu rechtfertigen, musste jedoch für einige Sekunden die Luft anhalten - sonst wären ihre Worte dank des aufgeregten Stotterns mit Sicherheit nicht mehr entzifferbar.
Einatmen. Eins. Zwei. Drei. Ausatmen.

"Lassen Sie es mich erklären", begann Lou, als sie sich ein wenig beruhigt hatte, "Ihr rechtes Ohrläppchen ist gerissen - das ist ein sehr dubios Zeichen." Sie hob beim Sprechen ihren Zeigefinger, um zu unterstreichen, dass sie ihre Worte tatsächlich ernst meinte. "Entführer tragen immer von vorherigen Straftaten Verletzungen davon. Darauf sollte man achten. Und ihr Ohrläppchen weckt Bedenken. Sie sehen eben aus wie die Art von zwielichtigem Mann, vor denen meine Mutter mit einem Kruzifix in der Hand warnen würde. Hat man Ihnen das schon einmal gesagt? Wer spricht bitteschön eine Frau mit gestreiften Strumpfhosen an? Das ist wirklich zwielichtig." Louisa bemerkte selbst, dass sie den richtigen Moment überschritten hatte, ab dem es einfach besser gewesen wäre, aufzuhören und wieder zu schweigen, anstatt weiteren Unsinn zu reden.

"Und wieso sitzen Sie gerade in dem Wagen eines zwielichtigen Mannes? Ohne Ihnen jetzt nahezutreten, aber wenn ich Sie wirklich entführen wollen würde, wäre es dann nicht zu spät für eine Flucht Ihrerseits?" Er konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.

Gute Frage. Warum genau saß Louisa nun in Will Traynors Auto? Lou fiel selbst keine anständige Begründung ein. Ihrem Verhalten nach zu urteilen, war sie eindeutig wahnsinnig geworden.

In diesem Moment dachte Louisa an Patrick, den sie in wenigen Wochen heiraten würde. Sie schüttelte ihren Kopf und versuchte so, die aufkommenden Schuldgefühle zu unterdrücken. Ihre Handtasche begann erneut zu vibrieren. Schnell holte Louisa ihr Handy heraus und drückte den Anrufer weg - so wie auch die vorherigen 13 Male an diesem Tag.

"Also, ich soll etwas von mir erzählen? In Ordnung", begann sie, "Ich heiße Louisa Clark."

"Das sagten Sie bereits", fiel ihr Will ins Wort.

"Ich heiße Louisa Clark", wiederholte sie sich erneut, "Ich bin 26 Jahre alt, und ich studierte hier in Paris vor zwei Jahren. Wenn Sie der Rue Saint-Lazare folgen und dann an der Rue de la Rochefoucauld abbiegen würden, könnten Sie das Gebäude sehen." In wilden Bewegungen versuchte sie, den Straßenverlauf imaginär in der Luft nachzuzeichnen.

"Oh, an der ESMOD also", antwortete Will Traynor, der ihre Beschreibung zu verstehen meinte. Er kannte die Hochschule. Genau genommen war ESMOD in der ganzen Welt bekannt. Kurz betrachtete Will den dunkelblauen Jumpsuit aus Jersey, der Lou viel zu groß war und an den Ärmeln Fransen aufwies. Es wunderte ihn nicht, welche Beweggründe sie dazu gebracht hatten, Mode zu studieren. Aber es passte zu der schrulligen Frau mit den gestreiften Strumpfhosen.

"Und was haben Sie danach gemacht? Mit einem absolvierten Modestudium an dieser renommierten Hochschule müssten Sie doch jetzt mit ganz anderen Dingen beschäftigt sein", fragte Will weiter. Louisa wirkte nicht wie die zukünftige Star-Designerin einer bekannten und überteuerten Modemarke, obwohl ihr Stil ähnlich exotisch ausfiel.

Für einen Moment herrschte Stille in dem Zweisitzer. Lou wollte nicht wirklich von ihrem mittelmäßig bezahlten Job als Näherin in ihrer Heimatstadt erzählen. Vielleicht hatte sie Angst vor dem Blick, den ihr Will zuwerfen würde, wenn sie von ihrem schnöden, tristen Alltag in Stortfold erzählte; schien dieser doch im direkten Kontrast zu Will Traynors luxuriösem Leben im maßgeschneiderten Anzug zu stehen. Vielleicht hatte Louisa einfach Angst davor, verurteilt zu werden, weil sie vor zwei Jahren ihre Berufung aufgab. Patrick mochte eben keine Geschäftsfrauen.

"Wir sind da", unterbrach Will ihre Gedankengänge.

Der Wagen hielt vor einem kleinen Geschäft, dessen Aufschrift in goldenen Lettern auf den neugotischen Fassadenwänden prangte. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in Lous Magen aus. Sie kannte diesen Laden aus einer Zeit, in der ihre Nasenspitze jeden Tag an dem penibel geputzten Schaufenster geklebt hatte. Am liebsten wäre sie auf der Stelle umgedreht, hätte Will sie nicht zielgerichtet mit sich gezogen, noch bevor sie etwas entgegnen konnte.

Louisa sah bereits an der Inneneinrichtung, wie groß das Kontoguthaben des Klientels für gewöhnlich war. Sie fühlte sich wie eine 50-Cent-Suppenterrine im Sternerestaurant fehl am Platz. Die Verkäuferinnen mit ihren perfekt manikürten Nägeln taten ihr Übriges. Langsam schüttelte Lou ihren Kopf, um Will unauffällig zu signalisieren, dass sie schnell wieder hinaus wollte, doch dieser schien die Britin nicht zu bemerken. "Wissen Sie, diese Dame hier hat an der ESMOD studiert", verkündete er laut.

Mit gekonnter Leichtigkeit lenkte Will alle im Raum befindlichen Augen auf sie und Lou fühlte sich noch ein Stück unwohler. Sie sah die kreisenden Fragezeichen in den Blicken der Verkäuferinnen. Diese Frau im dunkelblauen Jumpsuit soll tatsächlich an der ESMOD studiert haben? Louisa hätte es an ihrer Stelle ebenfalls für einen kindischen Scherz gehalten.

"Sie sollten ihrem geschulten Blick vertrauen. Ich will heute ein atemberaubendes Abendkleid an ihr sehen!", fuhr Will Traynor fort und schob Louisa ein Stück weiter in das Geschäft. Mit einer ausladenden Handbewegung deutete er auf die zahlreichen Kleider, von denen sie sich noch nicht einmal ein Einziges von ihrem Jahresgehalt in der Näherei in Stortfold hätte leisten können. "Dann stellen Sie doch einmal Ihr modisches Geschick unter Beweis."

"Sie sind ein sehr, sehr merkwürdiger Mann, Mr. Traynor", murmelte Louisa so leise, dass es lediglich Will selbst verstand.

"Das sollten Sie nicht zu dem Menschen sagen, der gerade bereit ist, ihnen ein teures Kleid zu kaufen", antwortete er. Will hielt ihr ein grünes Paillettenkleid mit ausfallenden Ärmeln zur Begutachtung vor die Nase. Louisa schüttelte ihren Kopf. Zu viel Ausschnitt.

Dann trat auch Lou näher an die ausgestellte Kollektion heran. Nacheinander schob sie jeden Bügel für wenige Zentimeter zur Seite, um einen besseren Blick auf die Kleidungsstücken zu erhalten. "Erst der Cognac. Jetzt das Kleid", sie legte die Art von Pause ein, die Menschen nur brauchten, wenn sie im nächsten Moment auf eine glorreichen Idee stießen, "Mr. Traynor, Sie wollen mir doch nicht ein letztes Geschenk bereiten, ehe Sie mich anschließend in einer dunklen Gasse mit Chloroform betäuben und ermorden?"

"Clark, nehmen Sie einfach die Kreditkarte und seien Sie still."

Im nächsten Moment umringten die Verkäuferinnen Louisa von verschiedenen Seiten aus und schoben sie geradlinig in die Richtung der Umkleidekabinen. Vermutlich hatte das schwarze Stück Plastik, mit dem Will Traynor ganz offen in der Luft herum wedelte, ihre Arbeitsmoral gesteigert.

Als Louisa wieder heraustrat, sah sie ihr Spiegelbild an der gegenüberliegenden Wand. Heute war sie einfach nur eine Frau im roten Satinkleid.


xXx



Der tiefrot gefärbte Himmel erhob sich über dem fließenden Wasser der Seine. Paris war eine wunderschöne Stadt, wenn die Sonne sich senkte und die ersten Straßenlaternen eingeschaltet wurden. Zwei Menschen, die zuvor ein klassisches Streichkonzert hatten, spazierten über den Boulevard des Italiens.

Sie passten ihre Schritte einander in ruhiger Gemächlichkeit an. Ab und zu kicherte die Frau über einen zynischen Kommentar des Mannes neben ihr. Ein Lindenbaum stand am Fußgängerweg und es wirkte, als würden dessen Blüten einen weißen Teppich über den Erdboden legten. Die zwei Menschen blieben stehen und betrachteten, wie die kleinen Blätter durch die Luft segelten.

"Wie fanden Sie das Konzert, Clark?", fragte der Mann. Weitere Blüten fielen auf den Bürgersteig.

"Grausam. Es hat mir ganz und gar nicht gefallen", antwortete Louisa. Ihre Haut kribbelte nach wie vor von der freudigen Aufregung, mit der sie das Streichorchester beobachtet hatte und die Musik klang noch immer in ihren Gehörgängen nach. Sie musste lächeln. Es war ein großartiges Gefühl gewesen, einen Moment lang von Nadel und Garn in Stortfold ablassen zu können.

"Das habe ich auch an ihren Gesichtsausdrücken ablesen können." Will lächelte ebenfalls. Er erinnerte sich an die getrockneten Tränen in Lous Augen, als die Violine in ihrem Solo den letzten Ton spielte. Louisa ahmte die Bewegungen des Dirigenten mit seinem Taktstock in der Luft nach und beide mussten lachen.

"Wollen wir uns nicht endlich duzen, Mr. Traynor?", Lou hakte sich unter seinem Arm ein, "Oder warten Sie. Erzählen Sie mir lieber erst, was sie beruflich machen. Vielleicht überlege ich es mir danach noch einmal, wenn sich herausstellt, dass Sie die Steuergelder mit ihren Hedgefonds hinterziehen."

"Gar nicht mal so weit davon entfernt. Es sind Immobilienfonds. Wollen Sie mich jetzt immer noch duzen?" Er reichte ihr die Hand, wie er es bereits zuvor im Café Marquis getan hatte.

Sie nickte. "Louisa."
"Ich weiß", Will grinste und griff nach der von ihr ausgestreckten Hand, um dieser einen Kuss entgegen zu hauchen.
"William."

Sie setzten sich auf eine Bank, die von den Blüten des Lindenbaumes bedeckt waren. "Ich will noch etwas länger Zeit mit einer Frau im roten Satinkleid verbringen", sagte Will und legte einen Arm um Lou, die zufrieden vor sich hin lächelte.

Inzwischen hatte sich die brandrote Sonne dem Horizont ein weiteres Stück genähert. Die Atmosphäre, welche zwischen den beiden Menschen und dem Lindenbaum lag, ließ sich nicht mit Worten beschreiben - vielleicht in einer gewissen Weise melancholisch. Man entsann sich an vergangene Sonnenuntergänge und an die Personen, mit denen man diese betrachtet hatte.

"Louisa, was willst du?", fragte Will so plötzlich, dass Lou kurz zusammenzuckte. Sie hatte im Halbschlaf die Augenlider gesenkt und begriff nun die gesagten Wort nicht: "Was ich will?"

"Vom Leben. Hast du gar keine Träume mehr? Was wollte denn die 24-jährige Louisa Clark, nachdem sie ihr Mode-Studium an der ESMOD Paris abgeschlossen hatte?", antwortete Will und fing ein Lindenblütenblatt im Fall auf, das er ihr ins Haar steckte.

Louisa überlegte einen Moment. Genau genommen kannte sie die Antwort bereits seit dem Besuch der kleinen Boutique im Stadtzentrum: "Ich wollte schon immer ein eigenes Geschäft eröffnen. Seit ich drei Jahre alt war und meine Mutter mir schwarz-gelb gestreifte Strumpfhosen schenkte, träumte ich davon. So ein kleiner Laden mit goldener Aufschrift. Wie das L'Artisan Parfumeur, gegenüber von dem Café, in dem wir uns kennenlernten - nur eben mit Kleidern."

"Warum tust du es dann nicht?" Es war nur eine Frage, doch ihre Wirkung ließ die Zeit für Louisa stehen. Lindenblüten hielten in ihrem Fall inne. Sie schwebten wirr im Raum-Zeit-Kontinuum. So wie auch Louisa selbst. "Ich weiß es nicht."

Will schüttelte den Kopf und betrachtete das runde Gesicht der Frau neben ihm engstirnig, ehe er leise sprach: "Dafür weiß ich es! Du bist von deinem Verlobten abhängig. Selbst, was deine Träume angeht." Er nahm sich wieder das Recht heraus, mit arrogantem Zynismus über ihr Leben zu urteilen.

"Das stimmt nicht. Ich bin nicht von Patrick abhängig", widersprach sie, doch ihre Stimme klang hohl und so ganz kaufte sich Louisa ihre eigenen Wort selbst nicht ab.

"Zumindest nicht in allen Aspekten.", fuhr sie fort, "Gut, was den Sex betrifft schon. Aber sonst nicht." Sie räusperte sich. Und weil ein kritischer Blick von Will Traynor folgte, überkam sie das innere Bedürfnis, sich bestätigen zu müssen: "Wirklich."

Der herausfordernde Blick kehrte zurück zu Wills kantigen Gesichtszügen. Kein gutes Zeichen. Er lächelte und das Grübchen auf der rechten Wangen war wieder zu sehen. "Du musst nicht von ihm abhängig sein, selbst beim Sex nicht."

Will lehnte sich weiter über ihren Oberkörper und der Arm, der zuvor locker um Louisas Schulter gelegen hatte, wanderte zu ihrer Hüfte.

"Nein, Will. Das ist nicht richtig", antwortete sie erstickt. Ihre Lippen hatte sie fest zusammengepresst, um nicht doch die falschen Worte auszusprechen. Louisa schob ihn von sich, doch auch dies glich nur einem halbherzigen Versuch.

"Was hält dich fest? Woran bist du gebunden?", fragte Will und überbrückte den Abstand, den Louisa erst zuvor versucht hatte aufrecht zu erhalten.

"An die Treue. Treue bindet mich."

"Dann lass sie nur für diesen Tag gehen", flüsterte er. Sanft berührten seine Lippen ihren Handrücken. Will küsste jeden einzelnen ihrer Knöchel, bis er an ihrem Ringfinger angelangt war. Er begann, Louisas Verlobungsring mit den Zähnen von seiner ursprünglichen Position zu ziehen. "Denk daran, wenn du dich unglücklich fühlst: Du hast immer noch Paris."

Was genau taten seine Lippen an der Stelle über ihrem Dekolletee? Oh, okay.


xXx



Louisa fühlte sich so benommen, dass sie glaubte, gerade erst aus einem Traum erwacht zu sein. Sie spürte die ersten Sonnenstrahlen des Tages auf ihrer Haut. Der Nebel über dem River Ivel war bereits am frühen Morgen verschwunden und im Garten spielte Thomas ausgelassen mit den Fröschen aus dem Teich.

In ihren Hände hielt Louisa eine Postkarte, auf deren Vorderseite man helle Lindenblüten gedruckt hatte und auf der Rückseite sah die junge Frau eine schwungvolle Handschrift. Bedächtig fuhr Lou mit den Fingerkuppen darüber.

Denk daran, wenn du dich unglücklich fühlst. Sie konnte nach all den Jahren nach wie vor seine Stimme in ihrem Gehörgang vernehmen. So leicht, wie es auch seine Küsse auf ihrer Halsbeuge waren.

"Wir haben immer noch Paris", flüsterte Louisa leise. Sie hauchte einen Kuss auf die Postkarte - genau auf die Stelle, auf die der Name des Absenders geschrieben stand. Dann schob sie das Stück Karton zurück in die Schublade ihres Schreibtisches. Dort stand bereits das leere Flacon des Parfüm Papillon Extrême, das sie sich am Abend vor ihrer Abreise im L'Artisan in Paris gekauft hatte.

3 Monate später heiratete sie Patrick.





~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~ Lulas Nachwort ~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~


Nach einigen Komplikationen kommt dieses Kapitel nun doch endlich online.
Ich kenne das Buch nicht, doch hat mir dieser Oneshot trotz dessen gefallen. Er hat eine gewisse Leichtigkeit und obwohl ich das Fandom nicht kenne, komme ich trotzdem gut mit und habe keine Probleme dem Handlungsverlauf zu folgen.

Eure lula-chan
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