Das Paarthurnax-Dilemma

GeschichteAllgemein / P12
20.01.2020
19.02.2020
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Das leise Knirschen vertrauter Schritte auf frisch gefallenem Schnee riss ihn aus seiner Meditation.

Mit einem Brummen, das tief in seiner geschuppten Brust wiederhallte, blickte Paarthurnax zu seinem Besucher auf und neigte leicht den Kopf.

Drem Yol Lok, dovahkiin“, grüßte der alte Drache ruhig und streckte seine Flügel, um sie dann erneut sauber gefaltet an den Körper zu legen.

Kyr‘ad deutete eine Verbeugung an und erwiderte die Begrüßung. „Drem Yol Lok, alter Freund. Es … ist eine Weile her.“

Paarthurnax grollte belustigt. Vielleicht nach dem Empfinden der kurzlebigen vodov – für einen seiner Art waren ein paar Monate allerdings nicht mehr als ein sanftes Kräuseln im endlosen Strom der Zeit. Doch in seinen Jahren des Exils auf dem Hals der Welt hatte er gelernt, das Zeitempfinden der Sterblichen zumindest im Ansatz zu begreifen, und so brummte er zustimmend.

„Es ist wahrlich zu lange her, dass Ihr und ich zuletzt die Gelegenheit zu einem tinvaak hatten…“, merkte er an und senkte den Kopf etwas, um mehr auf Höhe des Dunkelelfen zu sein.

Besagter Dunkelelf seufzte tief und lehnte sich an die steinerne, halb zerstörte Wortwand, auf der Paarthurnax Platz genommen hatte. Er wirkte … bedrückt, als würde er eine Last tragen, die bei keinem ihrer vorherigen Gespräche dagewesen war. Unleserliche Emotionen huschten über sein Gesicht, zu schnell, als das der alte Drache auch nur den Versuch unternehmen könnte, sie zu entziffern.

Paarthurnax schwieg und wartete geduldig darauf, dass Kyr’ad anfangen würde, zu sprechen. Der Jüngere suchte ihn nicht zum ersten Mal auf. Sie hatten seit ihrem ersten Treffen unzählige Gespräche geführt – über die dov, über die Macht der Stimme und ihre für Sterbliche unbegreifbare Bedeutung für die Drachen, aber auch über Schicksal und Prophezeiungen. Vor allem letzteres Thema schien dem Dunkelelfen einiges an Unbehagen zu bereiten, auch wenn Paarthurnax nicht wusste, warum.

Manchmal jedoch schien Kyr’ad auch einfach nur jemanden zu brauchen, mit dem er reden konnte, und der nicht über ihn urteilen würde.

Erneut begann es zu schneien, doch noch immer machte der Dunkelelf keine Anstalten, etwas zu sagen. Stattdessen zog er seinen Umhang enger um sich und richtete den Blick in den wolkenverhangenen Himmel. Schneeflocken sammelten sich auf seinen Schultern, in den Falten seiner zurückgeschlagenen Kapuze und in seinen silbernen Haaren. In seinen Augen lag eine wehmütige Sehnsucht, die Paarthurnax nur zu gut verstand.

Der alte Drache schnaubte leise und musterte Kyr’ad. Irgendetwas schien ihn zu belasten. Er hatte den Dunkelelfen nie als besonders redselig empfunden, aber das er einfach nur schwieg, war ungewöhnlich. Normalerweise kam der Jüngere recht schnell auf das zu sprechen, was ihn hierher führte – sei es die Suche nach Antworten oder einfach nur nach jemandem, der ihn vielleicht besser verstand als jeder andere.

Los pah bek, dovahkiin?“, fragte er schließlich leiser, als es ihm so mancher zugetraut hätte. „Was belastet Euch, mein Freund?“

Für einen langen, langen Moment schien es, als würde Kyr’ad nicht antworten. Doch dann seufzte er tief und senkte den Kopf. „Manchmal fragte ich mich, ob ich den richtigen Weg gewählt habe…“, wisperte er, und Paarthurnax musste sich anstrengen, um ihn zu verstehen.

Verunsichert, auch wenn er es nicht zeigte, betrachtete der Drache seinen Besucher und gab ein tiefes Brummen von sich. „Ich fürchte, ich verstehe nicht ganz…“

Der Dunkelelf verschränkte die Arme und zog schützend die Schultern hoch, als würde er sich verstecken wollen. „Ich…“ Er stockte, und für einen kurzen Augenblick lang unendliche Trauer in seinen Augen. Dann holte er tief Luft und schien sich zu sammeln.

„Ich habe getan, was von mir erwartet wurde“, sagte er schließlich tonlos, während sein Blick ins Leere ging. „Ich habe getan, was diese verdammte Prophezeiung mir aufgetragen hat. Alduin stellt keine Gefahr mehr dar. Ob er wirklich tot ist, weiß ich nicht. Alles, was ich sicher weiß, ist, dass ich seine Seele nicht aufgenommen habe.“ Er schloss die Augen und schien erneut tief durchzuatmen. „Um ehrlich zu sein, bin ich ganz froh darüber.“

Paarthurnax senkte den Kopf noch etwas weiter und versuchte, aus dem Gesichtsausdruck des Anderen schlau zu werden. Doch er war nie sonderlich gut darin gewesen, die subtileren Emotionen der vodov zu lesen. „Bedauert Ihr seinen Tod, dovahkiin?“, fragte er überrascht. Oder deutete er das falsch?

Kyr’ad warf ihm einen nachdenklichen Blick zu. „Vielleicht“, antwortete er leise. „Ich habe Alduin nur als Monster kennengelernt, das einzig und allein nach Macht und Herrschaft strebte. Aber … ich bezweifle, dass er so geschaffen wurde. Irgendetwas hat ihn zu einem Wesen gemacht, das seine Bestimmung vergessen hat. Und solange ich nicht weiß, was ihn verändert hat, werde ich es nicht wagen, mir ein abschließendes Urteil über Alduin zu bilden.“

Paarthurnax fühlte, wie seine Augen sich unwillkürlich vor Erstaunen weiteten. „Hmmm…“, grollte er und legte den Kopf schief. „Eine interessante Sichtweise…“ Und eine Sichtweise, die er selbst teilte. Alduin hatte einst eine klare Bestimmung gehabt. Bormah hatte ihn nicht ohne Grund erschaffen. Alles musste irgendwann einmal enden, auch Mundus selbst, und als Gott der Zeit war es seine Aufgabe gewesen, dafür zu sorgen, dass dies geschah.

Was genau seinen ältesten Bruder von dessen Pfad abgebracht hatte, wusste Paarthurnax nicht. Wahrscheinlich würde niemand jemals die Wahrheit erfahren.

Schließlich schüttelte der alte Drache den Kopf und steckte seine Flügel. Es brachte nichts, solch trüben Gedanken hinterherzuhängen. „Daar los ni pah, tol hi ahkon, uv?“ Nein, da war noch mehr, dessen war sich Paarthurnax sicher.

Kyr’ad lachte bitter in sich hinein. „Ihr kennt mich zu gut, alter Freund…“, murmelte er und blickte erneut in den wolkenverhangenen Himmel. Geduldig wartete Paarthurnax, bis er weitersprach.

„Eigentlich … eigentlich ist es vorbei. Alduin ist besiegt. Die Prophezeiung ist erfüllt. Und dennoch…“ Der Dunkelelf schluckte. Seine Finger gruben sich hart in die Leder- und Kettenpanzerung, die ihn schützte. „Dennoch…“ Ruckartig blickte er wieder auf und wandte sich Paarthurnax zu. Rasende Wut brannte in seinen Augen und ließ sie wirken, als würden blutrote Flammen tief in ihrem Inneren flackern. „Und dennoch ist es nie genug!“

Er schien um Beherrschung zu ringen. Vorsichtig senkte Paarthurnax den Kopf und berührte mit seiner Schnauze die Schulter des Jüngeren. „Drem, dovahkiin Drem“, murmelte er, kam jedoch nicht umhin, sich zu fragen, was genau seinen Besucher so erzürnt hatte.

Kyr’ad gab ein tiefes Grollen von sich, das genauso gut von Paarthurnax selbst hätte kommen können, wäre es lauter gewesen, gehorchte jedoch und atmete tief durch. Langsam beruhigte er sich wieder, und das wutentbrannte Flackern in seinen Augen ließ nach. Dennoch war er noch immer aufgewühlt.

Paarthurnax wartete ungeduldig, jedoch ohne sich seine Unruhe anmerken zu lassen, bis Kyr’ad eine Hand hob und ihm sanft über die weicheren Schuppen seiner Schnauze und das Horn zwischen seinen Nüstern strich. „Kogaan, alter Freund“, wisperte er beschämt. „Ich hätte nicht derart die Beherrschung verlieren dürfen.“

„Sagt mir, was Euch bedrückt, dovahkiin“, bat Paarthurnax so ruhig, wie er konnte, und unterdrückte die brennende Wut in seinem Inneren. Wer auch immer dafür verantwortlich war, dass Kyr’ad so aufgebracht war, würde bezahlen müssen.

„Ich…“ Der Dunkelelf schien nach Worten zu suchen. „Ihr erinnert Euch an die beiden verbliebenen Mitglieder der Klingen, von denen ich erzählte, geh? Delphine und Esbern?“

Der alte Drache nickte nur – etwas, das er sich in seiner Zeit auf dem Hals der Welt angewöhnt. Er hatte den Eindruck gewonnen, dass es seinen Besuchern ein wenig von ihrer Ehrfurcht nahm, wenn er die üblichen Gesten der vodov nachahmte.

Kyr’ad seufzte. „Ich glaube nicht, dass sie schlechte Menschen sind…“, sagte er langsam, als wäre er unsicher, wie er seine Gedanken und Gefühle formulieren sollte. „Nach allem, was geschehen ist … ich verdanke ihnen viel. Ich weiß nicht, ob ich ohne sie soweit gekommen wäre. In jedem Fall hätte meine Jagd nach Alduin länger, viel länger gedauert. Wie viele Leben wohl dadurch gerettet werden konnten?“

Paarthurnax spürte, dass sein Besucher auf diese Frage keine Antwort erwartete – aber vermutlich hatte er Recht. Wäre es Alduin erlaubt gewesen, noch länger seine alten Anhänger um sich zu scharen, dann hätte ganz Keizaal, früher oder später sogar der Rest von Nirn, darunter gelitten.

„Und trotzdem…“ Der Dunkelelf schloss die Augen und zog seinen Umhang enger, als der Schneefall stärker wurde. Der Wind frischte auf und peitschte heulend um die kantigen, schroffen Felsspitzen um sie herum. „Trotz allem sind sie nicht bereit, über ihren Horizont zu blicken. Für sie sind die dov das Böse in Gestalt, und nichts und niemand wird sie davon abbringen.“

Kyr’ad schluckte erneut und blickte zu Paarthurnax auf – und auch, wenn noch immer Wut in seinen Augen glomm, wie halb erloschene Kohlen… Darunter lag so viel Schmerz. Der Drache ahnte, was geschehen war.

„Sie fordern Euren Tod…“, wisperte Kyr’ad mit brechender Stimme, und bestätigte damit Paarthurnax‘ Vermutung.

Der alte Drache seufzte tief und wandte den Kopf ab. Er wusste, dass es noch immer solche gab, die ihm das, was er getan hatte, als er noch Alduins Stellvertreter gewesen war, nicht verziehen hatten. Genauso wenig, wie er sich selbst verziehen hatte. Vielleicht würde er das nie können.

„Ich bin alt, dovahkiin…“, brummte er schließlich und ließ seinen Blick in den wolkenbedeckten Himmel schweifen. Der Schnee fiel immer dichter, und verbarg die atemberaubende Aussicht, die sein Hort auf diesem Berg normalerweise bot. „Ich … habe viele Dinge getan, für die ich den Tod verdiene, und auch, wenn ich mein Möglichstes gegeben habe … für manche Taten lässt sich keine Wiedergutmachung leisten.“

Er wandte sich wieder seinem Besucher zu und erwiderte dessen Blick aus seinen milchig blauen Augen. „Wenn dies mein Ende sein soll, dann sei es so…“

Kyr’ad jedoch erbleichte und wich kopfschüttelnd zurück. „Ich … ich würde niemals…“ Allein der Gedanke schien ihm Übelkeit zu bereiten.

Paarthurnax legte den Kopf schief und gab ein fragendes Grollen von sich. Er … wollte nicht sterben, aber ein Tod durch die Hand des Drachenblutes wäre ehrenhaft. Ein würdiger Abschluss seines langen Lebens, und eine angemessene Strafe für all die Verbrechen, die er begangen hatte, bevor er sich gegen seinen ältesten Bruder gewandt hatte.

Der Dunkelelf schluckte trocken, bevor er den Blick senkte. „Ich … bin kein Mörder…“, wisperte er schließlich beinahe unhörbar. Doch in seiner Stimme lag etwas, das Paarthurnax aufhorchen ließ.

Beyrovin. Schuld.

Und ein ungesagtes ‚Nicht mehr‘.

Kyr’ad atmete tief durch und fuhr sich mit einer Hand durch das Gesicht. „Die Klingen … für sie ist die Welt nur schwarz und weiß… Drachen sind böse, Drachentöter sind gut. Und für sie ist das Drachenblut – für sie bin ich – nichts weiter als der perfekte Drachentöter. Ein Werkzeug.“ Das letzte Wort spuckte er förmlich aus, als wäre es etwas Giftiges, das er so schnell wie möglich loswerden wollte.

Der alte Drache schwieg für einen langen Moment und versuchte, sich seine Worte zurechtzulegen. „Warum kommt Ihr damit zu mir, dovahkiin?“, fragte er schließlich. Als sein Besucher nur schweigend die Stirn runzelte, schüttelte er den Kopf. „So meinte ich das nicht, dii fahdon. Ihr wisst, dass Ihr auf meinem strunmah, meinem Berg, immer willkommen sein werdet. Aber…“ Paarthurnax musterte den Anderen nachdenklich. Er verstand nicht, warum der Dunkelelf ihm dies erzählt hatte. „Wenn ich Euch richtig verstehe, wärt Ihr der Aufforderung der dovahdaan nie gefolgt. Ich würde nur gerne wissen, warum – und warum Ihr mir überhaupt davon berichtet…“

Ein winziges Lächeln schlich sich auf Kyr’ads Gesicht, und auch, wenn Paarthurnax sich nichts anmerken ließ, atmete er innerlich auf. „Ich … nun ja…“ Verlegen rieb er sich den Hinterkopf. „Ich brauchte einfach jemanden, der mir zuhören würde, während ich mich über ihre Blindheit aufrege…“, murmelte er schließlich leise und strich erneut über Paarthurnax‘ Schnauze, ohne sich um die unzähligen dolchartigen Zähne zu scheren, oder darum, dass der alte Drache ihn mit einem einzigen Bissen zerteilen könnte, wenn er denn wollte.

Das Vertrauen, dass der Dunkelelf ihm entgegen brachte, erstaunte Paarthurnax immer wieder. Kyr’ad hatte – zumindest bis sie sich das erste Mal getroffen hatten – keinerlei Grund gehabt, anzunehmen, dass Drachen irgendetwas anderes außer grausame, wenn auch intelligente Bestien waren. Doch sobald er über sein anfängliches Misstrauen hinweggekommen war, hatte er den alten Drachen stets als einen Freund behandelt.

Etwas, das Paarthurnax seit langer, langer Zeit nicht mehr erlebt hatte.

„Außerdem…“, fügte Kyr’ad hinzu und riss ihn damit aus seinen Grübeleien, „außerdem wollte ich, dass Ihr es wisst. Ich würde das Leben eines Freundes nie für einen bloßen Verbündeten wegwerfen, egal, wie nützlich dieser gewesen sein mag oder noch sein wird.“

Sein Gesicht verhärtete sich, und wieder trat jener feurige Schimmer in seine Augen, der mehr als alles andere verriet, dass der Dunkelelf vor ihm kein bloßer Sterblicher war. „Wer auch immer mich zu einer solchen Wahl zwingen will, ist es nicht wert, dass ich ihn grah-zeymahzin nenne.“

Sein Besucher verstummte und suchte Paarthurnax‘ Blick. „Ich wollte, dass Ihr es wisst…“, wiederholte er leise.

Paarthurnax hielt den Blick des Anderen für einen unendlich erscheinenden Moment. Womit hatte er das verdient? Einen Freund, der so loyal und unerschütterlich war, dass er bereit war, zwei seiner nützlichsten Verbündeten zu verlieren? Und das für jemanden wie ihn, der jede Strafe verdient hätte?

Doch letztendlich würde er auf diese Frage keine Antwort finden, und ihm blieb nichts anderes übrig als Kyr’ad zu danken.

Kogaan…“, brummte Paarthurnax schließlich und legte all seine Dankbarkeit in dieses eine Wort, in der Hoffnung, dass Kyr’ad verstehen würde. Sein Echo hallte durch die eisige Luft zwischen ihnen beiden. Die Schneeflocken, aufgewirbelt durch all die Emotionen – und damit auch all die Macht –, die Paarthurnax mit diesem Wort ausdrückte, tanzten um sie herum und schirmten sie vom Rest der Welt ab.

Kyr’ad lächelte nur erneut und wirkte zum ersten Mal seit dem Beginn ihres Gespräches, als würde er sich entspannen, als würde ihm eine gewaltige Last von den Schultern genommen werden. „Dafür nicht, dii fahdon“, gab er mit belegter Stimme zurück. „Dafür nicht.“

Erneut legte sich Schweigen über Paarthurnax‘ Hort.

„Sagt mir, alter Freund…“, wisperte Kyr’ad nach einer Weile gedankenverloren und wechselte so das Thema, „glaubt Ihr, dass wir von unserer Vergangenheit bestimmt werden? Dass wir dazu verdammt sind, ihre Wunden und Sünden mit uns herumzutragen? All die Fehler, die wir gemacht haben?“

Der Drache legte nachdenklich den Kopf schief. Diese Frage … hatte er sich selbst oft genug gestellt – in den langen Jahren seines Exils, wenn er in den klaren, sternenübersäten Nachthimmel Nirns geblickt hatte und sich nichts mehr gewünscht hatte, als seine Flügel zu strecken und durch die Lüfte zu gleiten wie in jenen Tagen, als die Welt noch jung gewesen war.

„Unsere ustiid, unsere Vergangenheit, macht uns zu dem, der wir sind, dovahkiin“, sagte er schließlich leise. „Wir können sie nicht hinter uns zurücklassen, denn sie holt uns immer wieder ein. Aber ebenso wenig dürfen wir sie vergessen.“

Paarthurnax blickte nach oben, ohne sich um die zahllosen Schneeflocken zu kümmern, die auf ihn herunterfielen – doch der Himmel war hinter schweren, grauen und weißen Wolken verborgen. Oft haderte er mit dem, was er während Alduins Herrschaft über Himmelsrand getan hatte. Als Stellvertreter seines ältesten Bruders war er … nicht unschuldig gewesen an dem, was die Menschen von Keizaal hatten erleiden müssen. Ein Teil von ihm sehnte sich nach dieser Zeit. Der Drang zu herrschen und zu dominieren war allen dov zu Eigen. Es war ein untrennbarer Teil ihrer Natur, den sie ebenso wenig aufgeben konnten wie das Fliegen.

Und doch… Paarthurnax hatte gelernt, diesen Teil von sich zu kontrollieren. Es war … alles andere als einfach, selbst für einen dovah, aber wenn er eines war, dann geduldig. Und stur, so wie alle seine Brüder.

„Ich werde mir nicht anmaßen, nachzufragen, welche Last Ihr mit Euch tragt, dovahkiin, denn es steht mir nicht zu“, fuhr der alte Drache fort und blinzelte zu dem Dunkelelfen hinunter. „Aber ich … habe eine Ahnung davon, was Ihr fühlt. Auch ich habe Dinge getan, für die ich keinen Stolz empfinde. Aber ich kann die Vergangenheit nicht ändern. Faal rahlo do tiid los alunrinis.“

„Wir können nur aus ihr lernen…“, murmelte Kyr’ad müde und erwiderte seinen Blick aus blutroten Augen, in denen dieselbe Erschöpfung lag, die auch Paarthurnax in seinen Knochen spürte – nicht körperlicher, sondern geistiger Natur.

Geh…“, brummte Paarthurnax. Nach einem kurzen Moment des Zögerns breitete er einen Flügel aus und schirmte seinen Besucher so vor dem stetig stärker werdenden Schneefall ab. Dann senkte er den Kopf und gab ein zufriedenes Grollen von sich, als Kyr’ad erneut eine Hand auf seine Schnauze legte. „Aber wir müssen es nicht allein tun. Ich werde hier sein, falls Ihr jemals darüber reden wollt.“

Der Dunkelelf lächelte erneut, und diesmal glühte in seinen Augen keine Wut, sondern eine merkwürdige Art von Wärme. „Zu’u mindok…“, gab er sanft zurück. „Danke. Für alles.“

Schweigen breitete sich aus, während beide ihren eigenen Gedanken nachhingen. Paarthurnax war sich nicht sicher, was in Kyr’ad vorging, doch er war mehr als dankbar für dessen Gesellschaft und Akzeptanz. Wahre Freundschaft war unter den dov schwer zu finden – sie alle waren nicht nur Brüder, sondern auch Konkurrenten. Und die Graubärte verehrten ihn zu sehr, als dass sie versuchen würden, ihm ihre Freundschaft anzubieten. Für die Mönche war er ein respektierter Lehrer und der Großmeister ihres Ordens. Sie schätzten seinen Rat und seine Weisheit, hielten jedoch eine gewisse Distanz.

Doch Kyr’ad war anders. Anders und ungewohnt, aber er bot auch etwas, dass der alte Drache weiter erforschen und vertiefen wollte. So Bormah wollte, würden sie noch viele Jahre und Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte Zeit haben, ihre Freundschaft zu stärken und zu festigen.

Doch schließlich schüttelte er den Kopf und wandte seine Aufmerksamkeit wieder Kyr’ad zu, der seinen Blick schmunzelnd erwiderte. „Was werdet ihr den Mitgliedern der dovahdaan antworten, wenn sie Euch fragen, ob Ihr ihrer Forderung nachgebt?“ Diese Frage interessierte ihn brennend, obwohl er nicht – oder eher nicht mehr – daran zweifelte, dass der Dunkelelf sie zurückweisen würde.

Kyr’ads Lächeln wurde finsterer, doch seine blutroten Augen funkelten belustigt. „Ich denke, es wird Zeit, dass sie lernen, warum man einen dovah lieber nicht verärgert, egal in welcher Gestalt er erscheint…“





Drem Yol Lok – wörtl. Frieden, Feuer, Himmel (Begrüßung)

dovahkiin – Drachenblut

vodov – wörtl. Nicht-Drachen; sinngemäß: intelligente Wesen, die keine Drachen sind; höflicher als joore – Sterbliche

tinvaak – Gespräch, Unterhaltung

dovah/dov – Drache/Drachen

Los pah bek, dovahkiin? – Ist alles in Ordnung, Drachenblut?

Bormah – wörtl. Vater; Bezeichnung der Drachen für Akatosh, den Gott der Zeit

Daar los ni pah, tol hi ahkon, uv? – Das ist nicht alles, was Euch belastet, oder?

kogaan – danke

geh – ja

Keizaal – Himmelsrand

dii fahdon – mein Freund

dovahdaan – wörtl. Drachengarde; gemeint sind die Klingen

grah-zeymahzin – wörtl. Kampfgefährte; sinngemäß in etwa Verbündeter

Faal rahlo do tiid los alunrinis. – Der Lauf der Zeit ist unveränderbar.

Zu’u mindok. – Ich weiß.
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