Keine Reue, ein Vermissen

GeschichteAllgemein / P12 Slash
Angela Weber Isabella "Bella" Marie Swan
20.01.2020
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Keine Reue, ein Vermissen


i guess the winter makes you laugh a little slower,
makes you talk a little lower about the things you could not show her

- 'A Long December', Counting Crows


Bella liebt es, durch die Wälder des verschneiten Forks zu streifen. Stellenweiße reicht der fluffig-pudrige Schnee fast bis zu ihren Knien und auch wenn sie es nicht wirklich als Anstrengung bezeichnen kann, sich durch das unberührte Weiß zu kämpfen, fühlt es sich an, als würde die Schwerkraft im Winter stärker an ihr zerren, als wäre sie nicht dazu fähig, mit einem energetischen Sprung in einem Baum meterhoch über dem Waldboden zu landen, so mühelos und lässig wie sie es damals an Edward so bewunderte. Sie genießt diese Illusion, stärker an die Erde gebunden zu sein, lehnt sich an einen Baum, berührt dessen raue Rinde mit ihrer Wange und nimmt einen tiefen Atemzug. Natürlich braucht sie keine Atemluft, doch der Geruch von Schnee fasziniert sie, jetzt mit gesteigerten Vampirsinnen nur umso stärker. Er ist ein Bouquet von allzu menschlichen Sehnsüchten, dieser Duft: er verheißt Spaziergänge, bei denen man das Gesicht hinter kratzigen Schals verstecken muss: in der kalten, klaren Reinheit, die ihr die Lungen weitet, liegt schon das Versprechen von heißer Schokolade mit Marshmallows und einer Kuscheldecke neben dem Kaminfeuer.

Die Gemütlichkeit von Dingen, deren Notwendigkeit in diesem Leben für sie nicht mehr existiert, macht ihr die Kehle eng. Sie formt einen Schneeball mit ihren bloßen bleichen kalten Händen, hebt ihn in ihrer Handfläche und schaut und wartet und schaut und wartet wie die weißen Kristalle nicht schmelzen können.

Nein, Bella bereut nichts, keinen der Schritte, die sie zu diesem ihrem zweiten Leben geführt haben.
Doch ein Mangel an Reue muss keinen Mangel an Vermissen bedeuten, und Bella vermisst ein Leben, dass sie nie mit Angela teilen konnte.

Sie weiß nicht, warum sie gerade im Winter so oft an Angela denkt. Vielleicht, weil in Angela eine Wärme ruht, die ihr das kalte Forks erträglicher machte, als es sie aus der Sonne Arizonas hierher verschlug. Weil Angelas ruhiges Lächeln, die verschwörerisch-amüsierten Blicke, die sie manchmal bei Jessicas ausgefalleneren Aussagen austauschten, Bella von Anfang an zu ihr hingezogen hatten. Weil lange Gespräche, im Schneidersitz auf Bellas Bett sitzend, während Schneeregen an die Fensterscheiben schlug, ihr manchmal das Gefühl gaben, dass Edward und Jacob, Vampire und Werwölfe, einfach nur unecht waren und sich das echte Leben hier mit Angela abspielte. Weil bei diesen Nachmittagen ihrer beide Hände oft so nahe beieinander lagen, dass sie sich manchmal jetzt noch fragt, wie ihr Leben nun wohl aussehen würde, wenn sie ihre Hand auf Angelas gelegt hätte.

Doch das hätte sie nie gekonnt, das weiß Bella. Vom Moment an, an dem sie Edward erblickte war das hier vorherbestimmt gewesen, und jeden Tag verbringt Bella in der Sicherheit des unabwendbaren Wissens, dass sie genau hier in gehört. In diese Welt, in diese Existenz, mit Renesme, Edward, Alice, Jacob, den anderen.

Aber während sie auf den Schnee starrt, der weiterhin nicht schmilzt, fragt sich ein Teil von ihr, wie sich Angelas Hand in ihrer angefühlt hätte.

Manchmal schickt ihr die rührend altmodische Angela handgeschriebene Briefe aus Seattle, mit sanften Botschaften über die Bücher, die sie liest, das Studium, das sie erfüllt, und dass sie so froh ist, am College gelernt zu haben, dass man auch Frauen küssen darf und sich der Boden nicht öffnet, um einen in die Hölle hinabzuziehen. Dann streicht Bella mit den Fingerspitzen über die Kugelschreiberbuchstaben, die dem dicken Briefpapier Textur verleihen; dann hält Bella den Umschlug nah vor ihr Gesicht als könne sie sich im altbekannten Blumenduft von Angelas Parfüm vergraben; dann freut sie sich aus tiefstem Herzen für die Freundin, doch sie denkt auch: das hätten wir gemeinsam lernen können.

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Mit einem Lächeln wendet sie sich um. Natürlich hat sie Edward gehört, dessen Schritte so leicht und elegant sind wie immer - genauso wie sie den Herzschlag einer Igelfamilie im Winterschlaf unter dem Laub unter dem Schnee hört und das leise Rascheln als ein Weißkopfseeadler im Waldgewölbe über ihnen seinen Kopf wendet um seine Beute besser erspähen zu können.

„Bella, Liebste. Was geht dir durch den Kopf?“

Sie lächelt weiter, lässt den noch immer festen und kalten Schneeball zu Boden gleiten und greift stattdessen nach Edwards Hand. Kalt in kalt und im Gleichschritt Liebender laufen sie zurück. Inzwischen ist es selten, dass Bella froh ist, dass Edward ihre Gedanken nicht lesen kann, so offen und ehrlich können sie sein. Doch heute und hier, mit dem imaginären Hauch von Angelas warmer Haut in ihrer eisigen Handfläche, ist es die altbekannte Erleichterung, die ihr Lächeln so zärtlich macht.
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