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I want to feel Alive again

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
Bill Simone Trümper / Kaulitz Tom
19.01.2020
14.11.2020
6
12.716
 
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19.01.2020 2.415
 
Hallo und einen wunderschönen Sonntagabend allerseits!

Ich freue mich sehr, dass Ihr zu meiner neuen Geschichte gefunden habt. Nach langem Hin und Her habe ich mich nun doch endlich dazu entschieden, das erste offizielle Kapitel hochzuladen und Euch zu präsentieren. Ich muss gestehen, ich bin ein wenig aufgeregt, da ich diese Geschichte schon vor langer Zeit begonnen habe, doch eine Ewigkeit wieder zur Seite gelegt hatte. Aber nun habe ich mich doch wieder daran gewagt und bin so gespannt, was Ihr davon haltet.

Ich habe vor, alle zwei Wochen ein neues Kapitel hochzuladen (was sich doch aus zeitlichen Gründen immer mal ändern kann), doch ich versuche regelmäßig zu posten.

Und nun wünsche ich Euch viel Vergnügen beim Lesen und bis hoffentlich ganz bald!

In Liebe,

Herzenskiller :)



I want to feel Alive again




Kapitel 1 - Der Anfang



„Bill, bitte! Gib ihm wenigstens eine kleine Chance!“, schwer seufzte sie auf und ließ sich auf einen der freien Küchenstühle sinken. Traurigkeit umhüllte sie erneut und ließ ihre bis gerade noch straffen Schultern kraftlos nach unten sinken. Ihr Blick lag auf seinem Gesicht, doch der Angesprochene erwiderte nichts, sah sie nicht einmal mehr an.

„Wie soll das denn weitergehen? Wie lange willst du dich noch verschließen?“, sie seufzte und stand auf, straffte wieder ihre Schultern und ging wenige Schritte auf ihren Sohn zu. „Du wurdest nicht als einziger verletzt Bill. Uns allen wurde schrecklich weh getan und ein Teil genommen, doch trotzdem stehen wir … stehe ich noch hier und versuche um dich zu kämpfen.“ Sie sah ihm einige Sekunden stillschweigend ins Gesicht, bevor sie sich schweren Herzens umdrehte, einen Zettel aus ihrer Tasche kramte und diesen auf den leeren Küchentisch legte. Sie drehte sich erneut um und presste die Lippen aufeinander, um danach tief Luft zu holen und das Brennen in ihren Augen zu mindern. „Bitte, denk noch mal drüber nach.“ Sie wandte sich von ihm ab und wenige Sekunden später hörte man, wie die Tür leise ins Schloss fiel.

Er nahm den Blick von seinen verkrampften Händen und ließ diesen stattdessen durch den Raum schweifen. Ihm war kalt und sein Herz pumpte unaufhörlich gegen seine Brust. Er wollte das nicht. Er wollte nicht so sein. Er wollte sich nicht so fühlen, und doch schien es ihm unmöglich, es jemals wieder zu ändern.

Tief atmete er ein und lehnte sich mit geschlossenen Augen gegen die Küchentheke hinter sich. „Ich kann es nicht.“, seine Stimme war leise und zerbrechlich. Es schien ihm, als hätte er sie seit diesem Tag für immer verloren.

Er öffnete wieder die Augen und ließ die angehaltene Luft endlich aus seiner Lunge entweichen. Seine Augen blieben an dem kleinen Blatt Papier kleben, welches auf dem Tisch lag. Langsam stieß er sich von der Theke ab und ging mit leisen Schritten auf den kahlen Tisch zu, den Blick durchgehend auf das Stück Papier gerichtet. Er nahm es zwischen Daumen und Zeigefinger und betrachtete es eine Weile.

Psychologische Praxis „Sydän ja sielu“, Hamburg

– Psych. Psychotherapeut Tom Koskinen.

„Blicke nicht zur verschlossenen Tür, sondern komme der Offenen entgegen.“


Er verdrehte die Augen und presste die Lippen aufeinander. Wieso sollte ihm irgendein fremder Psychodok eher helfen können, wenn er es noch nicht einmal bei seinen engsten Verwandten zuließ, näher an ihn heran zu kommen? Er brauchte und wollte keine Hilfe. Es war einfach besser so wie es jetzt war. Er war immerhin keine zwölf Jahre alt mehr, nein, er war ein erwachsener Mann und stand mit beiden Beinen im Leben. Er konnte zwar nicht behaupten, er sei glücklich, aber er hatte einen sicheren Job, eine eigenes Dach über dem Kopf und konnte für sich selbst sorgen.

Entschlossen zerknüllte er das Stück Papier in seiner rechten Hand, warf es blind in den Mülleimer und ging ohne diesem weitere Beachtung zu schenken in das geräumige Wohnzimmer. Er ließ sich aufs Sofa fallen, schaltete den Fernseher ein und starrte regungslos auf den grellen Bildschirm.

Auch wenn er es nicht wollte, so kreisten seine Gedanken unaufhörlich und ließen ihn einfach nicht zur Ruhe kommen – wie jeden Abend, wenn er unglaublich müde war und einfach nur schlafen wollte. Diese Gedanken hielten ihn stundenlang wach und raubten ihm den brauchbaren Schlaf. Am nächsten Tag war er meist vollkommen gerädert und hatte dunkle Ringe unter den Augen.



Gähnend erwachte er am nächsten Morgen ungewöhnlicherweise auf dem Sofa. Irritiert schaute er sich um und stellte fest, dass der Fernseher aus war. Noch immer sichtlich irritiert, erhob sich der 29-Jährige von den Polstern und machte sich mit wackeligen Beinen auf den Weg ins Badezimmer, um seine Blase zu entleeren und seinem müden Verstand mit ein wenig kaltem Wasser auf die Sprünge zu helfen. Mit den Händen stützte sich der Blonde auf den Waschbeckenrand und lehnte sich seinem Spiegelbild entgegen. Er starrte in ein braunes Augenpaar, welches eigentlich ihm gehörte und doch war es so, als würde er einer fremden Person gegenüberstehen.

Tief sog er Luft in seine Lungenflügel und schloss für einen kurzen Moment die Augen, um diese danach wieder zu öffnen und den Blick abzuwenden. Er war genervt von sich selbst. Er war es leid, tagtäglich diesem Gesicht entgegenzublicken. Er war es leid, immer und immer wieder erinnert zu werden. Immer wieder diese Bilder vor dem inneren Auge vorgeführt zu bekommen. Er hatte es satt und doch würde er nichts daran ändern.


Frisch geduscht und angezogen saß Bill nun am Küchentisch und trank seinen Kaffee wie jeden Morgen schwarz. Er musste wach werden und scheinbar verfehlte dieser seine Wirkung heute in keinem Fall. Seine Augen huschten hin und her, die Stille im Raum wurde unerträglich und letztendlich blieben sie an einem ganz bestimmten Fleck am Boden kleben.

~ ~ ~

Der weilen stand Tom noch unter der heißen Dusche und genoss das angenehm warme Wasser. Er fühlte sich gut und ausgeglichen, auch wenn die letzten Tage alles andere als entspannt für ihn abliefen.

Denn es war nicht so, dass seine eigentliche Leidenschaft nicht auch manchmal an seine Nerven zerrte. Es war nicht immer leicht, wenn man jeden Tag sein bestes gab, um einem anderen Menschen zu helfen, dessen Sicht auf gewisse Dinge zu verändern; zu zeigen, dass es auch anders geht. Dass es eben ein „Danach“ geben kann. Und manchmal war Tom der einzige, mit denen diese Personen offen und ehrlich sprechen konnten. Und ja, da kamen auch manchmal Schicksalsschläge ans Licht, mit denen man absolut nicht gerechnet hat.  

Doch Tom war kein Mensch, der anderen Vorwürfe oder Fehler an den Kopf warf. Nein, denn dazu hatte er die menschliche Psyche nicht studiert. Er wollte Menschen helfen, den richtigen Pfad zu finden und wieder auf die Beine zu kommen. Er wollte ihnen ihr verloren geglaubtes Lächeln zurückbringen.

Trotz seiner anfänglichen Müdigkeit schlenderte Tom zufrieden in die Küche und machte sich einen Kaffee mit viel Milch und einem Stück Zucker. Ein kurzen Blick warf er der weilen in den Kalender, um seinen heutigen Tagesablauf zu studieren. Vor einigen Tagen hatte er einen Anruf einer sehr bestürzten, jedoch herzensvollen Frau bekommen. Sie stellte sich als die fürsorgliche Mutter eines wohl baldigen neuen Patienten heraus. Heute stand noch ein kurzfristiger Termin mit ihr aus, um ein wenig mehr über ihren Sohn zu erfahren.

Tom hatte sich bald, nachdem er seinen Kaffee ausgetrunken und die Arbeitstasche gepackt hatte, in sein Auto gesetzt und sich auf den Weg zu seiner Praxis gemacht. Als er durch die Tür kam wurde er mit einem quietschigen „Guten Morgen“ von seiner Sekretärin Frau Evers oder auch einfach Lina, begrüßt. Das Verhältnis zu seinen Arbeitskollegen innerhalb der Praxis war schon fast familiär oder sagen wir, auf freundschaftlicher Basis. Aber genau das machte Toms Person aus, er war ein offener und freundlicher Mensch, der durch seine Art sehr schnell von anderen ins Herz geschlossen wurde. Seine Familie bedeutete ihm alles, immerhin haben sie ihm all das, seinen Traum, erst wirklich möglich gemacht und dafür wird er ihnen immer unendlich dankbar sein.

Er erwiderte Linas Begrüßung mit einem grinsenden „Morgen“ und ging in sein Arbeitszimmer schrägstrich Büro, das klang ihm beides irgendwie so abgehoben und schick, da würde er es doch eher mit Quatschraum oder Gedankenzimmer betiteln. Na, wie auch immer. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr und stellte fest, dass der Termin mit Frau Kaulitz bereits in einer Stunde war.


 
Tom saß den Blick auf den Computerbildschirm gerichtet, an seinem hellen Holzschreibtisch und hob den Blick, als es kaum hörbar an der Tür klopfte. Mit einem „Herein“ wurde die Tür aufgeschoben und eine Frau mit aschblondem Haar und dunklen Augen betrat den Raum. Man bemerkte sofort, wie unsicher sie war und es ihr wohl auch ein wenig unangenehm zu sein schien, überhaupt hier zu sein. Aber wahrscheinlich lag das an den Vorurteilen, mit denen einige eine psychologische Praxis betraten.

Um der Blonden diese Unsicherheit zu nehmen, stand Tom auf und ging mit einem freundlichen Lächeln um den Schreibtisch herum. „Guten Morgen!“, er reichte ihr die Hand, welche sie sofort nahm, „Danke, Ihnen auch einen guten Morgen.“, sie lächelte schief. „Hier“, er schob einen der zwei Stühle vor dem Tisch zurück, „Setzen Sie sich doch, Frau Kaulitz.“

Mit einem leisen „Danke“ nahm die ruhige Frau Platz und Tom ließ sich ebenfalls wieder auf seinem gepolsterten Stuhl nieder. Er lehnte sie nach vorne und blickte ihr offen ins Gesicht. „So, wir hatten ja vor einigen Tagen telefoniert.“, die Angesprochene nickte bejahend und mit einem Mal schien alles aus ihr herauszubrechen.

„Ich... ich weiß einfach nicht mehr was ich machen soll! Ich komme einfach nicht mehr an ihn heran“, mit hektischen Augen blickte sie überall hin, nur nicht in das Gesicht des anderen. „Ich meine, zu Anfang haben wir es ja noch verstanden, aber jetzt ist es schon fast ein Jahr her und er verschließt sich komplett.“, sie seufzte auf und schaute auf ihre ineinander geflochtenen Hände, schwieg einen Moment lang. „Ich meine, die ganze Familie hat gelitten, uns allen wurde furchtbar weh getan.“, sie hielt wieder inne und atmete tief ein. Es schien ihr wirklich schwer zu fallen, darüber zu sprechen.

Tom beobachtete sie ganz genau, doch wartete er noch ab und sprach sie nicht an. Ihr Atem wurde lauter und man sah ihr an, wie sie mit sich rang. „Aber er … er scheint das überhaupt nicht wahrzunehmen. Wissen Sie“, nun sah sie doch auf und blickte mit traurigen Augen in die des jungen Psychotherapeuten.

„Er hat einen schweren Unfall gehabt und … und er war nicht allein. Sie wollten nach Paris fahren – ja fahren, nicht fliegen. Das wäre ja auch zu einfach gewesen!“, sie verdrehte bedrückt die Augen und ließ den Blick wieder zu ihren Händen gleiten. „Sie ist noch am Unfallort verstorben. Bill hat es schwer verletzt überlebt, lag sogar im künstlichen Koma. Wir waren so unendlich dankbar, dass wenigstens er es geschafft hat, doch gleichzeitig hat uns Laurens Tod den Boden unter den Füßen weg gerissen.“

Tom schwieg und war erstaunt und traurig zugleich, über das was ihm erzählt wurde. Erneut hob sie den Kopf, „Wissen Sie, wir waren so erleichtert und froh, dass Bill noch am leben ist. Aber nun ist es fast so, als hätten wir ihn trotzdem verloren, als wäre einzig allein nur seine Hülle übrig geblieben. Ich …“, die dunklen Augen füllten sich mit Tränen, „Ich vermisse ihn so sehr.“

Ihre Stimme brach und stumme Tränen liefen ihre Wangen hinab. Hastig wischte sie diese weg und schaute nach unten.

„Entschuldigen Sie, ich“, doch Tom unterbrach sie mit einem sachten Kopfschütteln und begegnete ihrem trüben Blick mit einem tröstenden Lächeln, „Frau Kaulitz, Sie brauchen sich für nichts zu entschuldigen. Deswegen sind Sie doch hergekommen, oder nicht? Weil Sie Hoffnung haben?“

Schluckend nickte sie und wischte sich erneut über die Augen. „Wissen Sie, Frau Kaulitz. Es ist immer sehr schwer mit so einem harten Schicksalsschlag umzugehen und den Alltag wieder zu meistern. Deshalb bewundere ich es umso mehr, dass Sie trotz allem so sehr um Ihren Sohn kämpfen.“

Sie nickte erneut. „Ich kann Ihnen zwar leider nicht versprechen, dass es mir gelingt Ihren Sohn wieder zurück ins Leben zu holen, aber was ich Ihnen wirklich versprechen kann ist, dass ich mein Bestes geben werde und genauso hart kämpfe, wie Sie es schon die ganze Zeit über tun!“

Und da, tatsächlich zogen sich ihre Mundwinkel ganz leicht nach oben. Es war kaum sichtbar, dennoch konnte er einen Hoffnungsschimmer darin erkennen. „Ich hoffe nur, dass er es auch zulässt.“, hauchte die Blonde und begegnete Toms Blick dieses Mal offener und nicht mehr ganz so bestürzt. „Ja, das hoffe ich auch. Aber diese Entscheidung muss er allein und bewusst für sich treffen. Sich dem zu stellen, was man am liebsten für immer vergessen möchte, erfordert viel Mut und Kraft.“

Sie nickte verstehend, „Ich weiß es ja, aber manchmal habe ich das Gefühl, es geht nicht anders. Aber ja, Sie haben recht, erzwingen kann man nichts. Vielleicht meldet er sich ja bald bei Ihnen. Ihre Nummer hat er jedenfalls schon, also von der Praxis meine ich.“, sie grinste schief und beide schwiegen sie für einige Augenblicke, bevor sich Tom irgendwann von seinem Platz erhob und um den Tisch herum lief, um sich von der sorgsamen Mutter zu verabschieden. Sie bedankte sich noch einmal bei dem 33-Jährigen, bevor diese endgültig die Praxis verließ.



Als Tom sich nach Feierabend auf dem Weg nach Hause machte – und das war ziemlich spät – dachte er nochmal an das Gespräch mit Frau Kaulitz zurück. Bei dem, was diese ihm anvertraut hatte, wünschte er sich wirklich sehr, einen baldigen Anruf von Bill zu erhalten.

~ ~ ~

Gelangweilt lagen seine Augen auf dem grellen Bildschirm, doch was dort geschah verfolgten diese nicht. Im Gegenteil, mit dem Kopf war er ganz woanders und der zerknüllte Zettel in seiner Hand trug einiges dazu bei. Er hatte das kleine Stück Papier schon einige Male auseinander gefaltet nur um es danach erneut zu einem Ball zu zerknüllen.

„Bill, bist du soweit?“

Der 29-Jährige verdrehte genervt die Augen und seufzte leise. „Jaaa, hab's dir rüber geschickt.“

Das waren meist auch die einzigen Worte, die er mit seinen Arbeitskollegen oder gar Jan wechselte. Er hatte keine Lust auf diese scheinheiligen Fragen sowie Antworten von wegen – Wie geht’s dir?; Oh, das freut mich aber! – denn sie waren sowieso niemals ernst gemeint.

Niemand wollte wissen, wie es ihm wirklich erging. Es reichte meist ein aufgesetztes Lächeln und ein „Mir geht’s super, danke und selbst?“ und derjenige war zufrieden, fragte niemals nach dem Warum.

Ja.

Warum war man glücklich? Warum ging es einem gut? Warum stellte man tagtäglich diese Frage, wenn es doch sowieso niemanden interessierte?

Warum?
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