Das Märchen von der Vogelinsel

KurzgeschichteDrama, Fantasy / P16
18.01.2020
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Vor sehr langer Zeit, da gab es einst eine paradiesische Insel, welche in all ihrer Schönheit ganz allein inmitten eines schier endlosen Meeres lag, in dessen Untergrund sich farbenfrohe Fische und seltsame Seeungeheuer in Ruinen aus längst vergangenen Zeitaltern tummelten. Sie war groß, friedlich, warm und stets grün. Ein wunderschönes wie auch unberührtes Land, welches mit majestätischen Wäldern voller unterschiedlichster Geschöpfe gesegnet war. Durchzogen von uralter Magie, die jeder Sache in diesem besonderen Fleckchen Land innewohnte: Vom winzigsten Grashalm bis zum mächtigsten Baum und vom kleinsten Kieselstein bis zum großen Vulkan, in dessen gewaltigem Schatten sich das Leben auf der ganzen Insel entfaltete.
Wundersame Tiere wandelten durch die magischen Wälder, während unzählige farbenfrohe Vögel gemeinsam mit abertausenden von Feen, welche seit jeher in Eintracht mit der sie umgebenden Natur lebten, unschuldig umherflogen. Diese winzigen, zerbrechlich erscheinenden Wesen mit ihren großen Augen, schönen Zügen und ihren blattdünnen Flügeln, welche wie polierte Kristalle das Sonnenlicht brachen, tanzten und sangen dabei stets fröhlich mit ihren Vogelfreunden, während die allumfassende Seele dieser paradiesischen Insel ebenfalls mitsang.
Diese Insel war wahrlich ein Ort von einzigartiger Schönheit. Und doch war auch dieses auf dem ersten Blick so vollkommene Paradies alles andere als makellos. Denn unter den vielen Geschöpfen, welche diese Insel bewohnten, lebte neben den Tieren und Feen auch ein furchterregender Stamm mächtiger Riesen!
Nun handelte es sich aber nicht gänzlich um die Sorte Riesen, welche einem als Erstes bei diesem groben Begriff in den Sinn kam. Es waren nämlich sogenannte Hörnerriesen. Eine Rasse von sehr haarigen, unglaublich kraftvollen Riesen mit verschiedensten Hörnern oder Geweihen und gewalttätigen, furchterregenden Gesichtern. Allesamt weitaus gefährlicher, weitaus zerstörerischer, als es bereits so einige unter den gewöhnlichen Riesen waren.
Einst in ihrer alten Heimat, einem weitentfernten Kontinent, waren die Hörnerriesen ein an der Zahl sehr großes Volk von gefürchteten Kriegern und Eroberern gewesen, das schreckliches Unheil über die anderen Völker brachte. Sie plünderten und eroberten immer weiter, bis sich dann die anderen Völker eines Tages gegen sie erhoben und sie mithilfe mächtiger Zauberer vertrieben. So flohen die gehörnten Riesen auf ihren Langschiffen in unbekannte Gewässer, bis einige Wenige unter ihnen diese eine Insel fanden, sich auf ihr niederließen und durch Jahrtausende schwerer Inzucht wie auch Isolation immer gewalttätiger und dümmer, aber auch grösser und gefräßiger, wurden.
Mit der Zeit vergaßen die Hörnerriesen ihre eigene Geschichte, Kultur wie auch die Schiffsfahrt ihrer Ahnen. Irgendwann war der grobe Verstand dieser Wesen nur noch in der Lage ausgeklügelte Werkzeuge, Behausungen und Fallen zu bauen. Doch hinderte der begrenzte Verstand dieser gewaltigen Wesen sie keineswegs daran, sich immer weiter auf dieser paradiesischen Insel zu vermehren, während sie sich an dem sie umgebenden Reichtum an Tieren und Pflanzen vollfraßen – Nein, eher half er ihnen dabei prächtig!
Über so einige Generationen hinweg konnte die Insel die steigende Anzahl wie auch den unstillbaren Hunger dieser Kreaturen standhalten. Aber je weiter die Zeit ins Land zog, desto mehr wurden die Hörnerriesen eine nicht mehr lästige, sondern bedrohliche Plage für alles Leben auf der Insel: Sie rissen unzählige Bäume aus, um sich gewaltige Behausungen zu errichten, die weitaus grösser waren als es eigentlich für sie nötig gewesen wäre. Auch für ihre manchmal vorkommenden Kleinkriege, Sportanlässe oder ihre riesigen Festfeuer entrissen sie der Insel Unmengen an Bäumen. Und in ihrer Kurzsichtigkeit überbauten und zertrampelten sie das Land, wodurch es für die Pflanzen schwerer wurde, heranzuwachsen. In ihrem gewaltigen Hunger verschlangen die Hörnerriesen auch alles, dass ihren Weg kreuzte, sodass im Angesicht ihrer Vielzahl wie auch Gefräßigkeit irgendwann mehr Tiere vom Antlitz der Insel verschwanden, als welche geboren wurden. Und gegenteilig zu den Tieren verhielt es sich bei den langlebigen Hörnerriesen, welche sich immer weiter ungebremst vermehrten, so dass auf dem Tod von einen unter ihnen, gleich mindestens zehn jüngere Riesen seinen Platz einnahmen! Diese jungen Hörnerriesen benötigten wiederum ebenfalls Lebensraum wie auch Nahrung und setzten ebenfalls noch mehr Nachkommen in die Welt, welche dann wiederum ebenfalls die langsam sterbende, vor Schmerz förmlich schreiende, Insel belasteten… So ging es weiter und weiter, während die einstig so grüne Insel unter der Herrschaft der Hörnerriesen zunehmend ihren einstigen Reichtum an Leben einbüßte.
Und die Feen? Diese kleinen, schwachen Geschöpfe lebten ein Dasein im Schatten dieser zerstörerischen Unholde. Mit Tränen in den Augen, Trauer im Herzen und grausamen Schmerz in der Seele, mussten diese einst so fröhlichen Geschöpfe dem langsamen Tod ihrer geliebten Insel genauso hilflos mitansehen, wie der verzweifelten Flucht ihrer verängstigten Vogelfreunde. Sie sahen zu, wie die Schönheit aus ihrer kleinen Welt verschwand, ohne nur die kleinste Sache ändern oder gar ausrichten zu können!
Unzählige Male hatten die Feen im Laufe der Jahrhunderte versucht, den Hörnerriesen ins Gewissen zu reden, ihnen ihre Fehler vor Augen zu führen, ihnen Vernunft beizubringen und ihnen zu zeigen, auf was für eine finstere Zukunft sie mit ihrem kurzsichtigen wie auch selbstsüchtigen Verhalten hinarbeiteten. Vergebens. Immer, jedes einzige Mal, vergebens…
Manchmal wurden die Riesen zornig und tobten oder schlugen gar nach ihnen, wenn die Feen das Wort an sie richteten. Manchmal brachen sie in grölendes Gelächter aus, spotteten herablassend, verleugneten das Offensichtliche. Manchmal beachteten sie die Feen auch nicht einmal. Und manchmal behaupteten sie, ihre zerstörerischen Wege zu ändern, nur um daraufhin nichts zu unternehmen.
So kam dann auch der Tag vor dem die Feen stets gewarnt hatten: Der Tag an dem die einst von Wäldern bedeckte Insel fast völlig abgeholzt war und sich weder ausreichend Früchte noch Tiere für all die vielen, hungrigen Hörnerriesen finden ließen. Nur noch eine Handvoll Bäume wuchs auf der gesamten Insel verstreut und der Gesang von Vögeln, Feen und der Seele der Insel war verstummt.
Als daraufhin der Hunger durch die Reihen der Hörnerriesen wütete, wurde ihnen plötzlich klar, dass die Worte der Feen immer schon der Wahrheit entsprachen. Doch sobald ihnen das klar wurde, erkannten sie auch, dass diese Erkenntnis zu spät eintraf und die Dinge sich nicht mehr ändern ließen. Sie waren verdammt, hatten ihrem eigenen Volk langsam ein tiefes Grab geschaufelt, indem sie mehr von der Insel nahmen, als diese verkraftete. Alle Hoffnung war dahin.
Doch wie es bei allen lebenden Wesen so war, wollten die Hörnerriesen trotzdem unter allen Umständen überleben. Und obwohl ihr Ende unausweichlich war, wollten sie diese Tatsache nicht einsehen und versuchten unter allen Umständen dem Unausweichlichen auszuweichen: Einige gingen ins Meer um schwimmend eine neue Heimat zu finden, fanden stattdessen aber den Tod durch Seeungeheuer und die unbarmherzigen Kräfte des Meeres. Die auf der Insel verbliebenen, begannen die Alten und Schwachen bei lebendigen Leibe zu fressen, was ihr Volk als Ganzes durchaus etwas länger hat überleben lassen. Doch der Hunger war viel zu groß, viel zu viele riesige Mägen verlangten nach Nahrung! So brach dann mit der Zeit ein blutiger Krieg aus, wo verschiedene Gruppen hungriger Hörnerriesen sich aufeinander stürzten, bis nach einer langen Zeit des grausamen Abschlachtens und des schier endlosen Kannibalismus nur noch eine kleine Gruppe übrig blieb.
Als die Feen dies sahen, waren sie im Angesicht all des Elends von tiefer Trauer erfüllt. Doch gleichzeitig verspürten sie einen Funken Hoffnung bei der Aussicht des baldigen Aussterbens dieser schrecklichen Kreaturen… Aber auch mit den Feen wollte das Schicksal es nicht gut enden lassen. Denn als die letzten verbliebenen Hörnerriesen die Feen sahen, beschlossen sie diese mit ausgeklügelten Fallen zu fangen und in den besonderen Bäumen, in deren ausgehöhlten Innern sie lebten, auszuräuchern. Fröhlich rotteten die Hörnerriesen die unschuldigen Feen somit aus, verschlangen diese winzigen Wesen, und erkannten nebenbei, dass Feen köstlich schmeckten!
Nachdem die Feen verschlungen waren, dauerte es aber nicht lange, bis sich auch die letzten Hörnerriesen aufeinander stürzten, bis schlussendlich nur noch einer übrig war. Doch dieser konnte sich seines unrühmlichen Triumphes nicht lange erfreuen, denn während er die Knochen seiner einstigen Freunde abnagte, fing die Erde unter ihm zu beben an.
Der Vulkan brach aus, spie Feuer und Asche, erfüllte die Luft mit Schwefel und ließ flüssiges, brennendes Gestein wie ein hungriges Monster alle Spuren der Hörnerriesen verschlingen, sodass nichts mehr von der finsteren Vergangenheit übrig blieb…
Nach einer gewissen Zeit legte sich der Vulkan wieder zur Ruhe und hinterließ dabei eine völlig neue, leere Landschaft, welche wieder abkühlte und von da an darauf wartete, sich langsam zu erholen. Es dauerte eine Weile, doch irgendwann kehrte wieder das Grün auf die Insel zurück und nachdem eine Ewigkeit vergangen war, wurde dieses Fleckchen Land wieder von majestätischen Wäldern bedeckt, sodass das einstige Paradies in veränderter Gestalt wiedergeboren war und die Schatten der Vergangenheit unter der wiedererwachten Magie und Schönheit begraben wurden.
Durch allerlei Wege, fand das eine oder andere Geschöpf nach einer Weile auch den Weg auf diese nun wieder paradiesische Insel, die jedes Tier von jeder Art offen willkommen hieß. Am meisten fanden dabei unzählige Vögel, die auf magische Art aus allen Himmelsrichtungen vom Wind auf diese Insel getragen wurden, an diesem nun abermals wunderschönen Ort eine neue Heimat.
Mit den vielen Vögeln, von denen es auf der Insel plötzlich mehr denn je gab, erfüllte auch wieder ein zauberhafter Gesang dieses Paradies. Ein Gesang, bei dem die Seele der Insel mit Freuden abermals mitsang!
Irgendwann waren die schrecklichen Hörnerriesen wie leider auch die lieblichen Feen von der Insel vergessen und es war so, als wären seit dem Anfang der Zeit die Vögel mit ihren Gesang die alleinigen Herrscher der Vogelinsel gewesen…
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