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WARUM WIRD DAS NICHT FERTIG?! - Ein Essay über Ragequitting, Motivationsprobleme und das falsche Mindset.

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P12 / Gen
18.01.2020
18.01.2020
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18.01.2020 1.226
 
Gemeinde.
Wir sind heute hier zusammengekommen um den Tod vieler guter Ideen zu betrauern, die von unmotivierten Autoren liegengelassen wurden. Ihr Opfer soll uns stets eine lehre sein, denn nur ein fertiges Manuskript ist überhaupt ein Manuskript, ganz ungeachtet seiner Qualität.

Und damit eure Ideen nicht auch in den ewigen Dornröschen-Schlaf fallen, habe ich hier und heute mal meine ganz persönliche Anleitung zum Zeug fertig bekommen für euch aufgeschlüsselt - denn man will ja nicht immer nur frustriert sein, oder?
Film ab.

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Die Probleme mit dem fertigwerden erschöpfen sich in einigen beinahe nachvollziehbar wirkenden Gedankengängen, die sich gegenseitig Brennstoff liefern. Hier eine kurze Aufschlüsselung:

1. Schreiben ist echt erschöpfend.
2. Nach spätestens fünf Kapiteln hat man das nagende, hintergründige Gefühl, dass die ganze Geschichte eigentlich in die Tonne könnte. Sie ist es doch eigentlich auch gar nicht wert, oder?
3. Es ist sowieso alles so viel, niemand weiß wie viele Seiten das werden und wie viel Zeit soll drauf gehen, bis das alles fertig ist?
4. Schon nachdem man die ersten paar Kapitel noch einmal überarbeitet hat, werden die Zweifel stärker. Eigentlich ist das alles zu flach, zu unbedeutend, zu unlustig und das wird sowieso niemand lesen wollen.
5. Man wendet sich stattdessen einer anderen Idee zu, die ja sowieso von Anfang an viel besser geklungen hat.
6. Vorher aber noch einen motivierenden Kaffee.
7. Vielleicht noch eine Runde zocken um sich auch im Kopf frei für die neue Geschichte zu machen.
8. Gleich fängt ja auch meine Serie an…
9. F*ck my Life.

Merkt ihr selbst, wa?
Das ist ein Hamsterrad. Denn vorausgesetzt ihr wendet euch tatsächlich mit frischem Enthusiasmus der neuen Idee zu - wird sich exakt dieses Szenario wiederholen. Es wird sich solange im Kreis drehen bis ihr daran zweifelt ob das Schreiben euch überhaupt liegt. Womöglich braucht ihr ein neues Hobby? Vielleicht der Musik zuwenden, oder dem Zeichnen?
Falscher Ansatz.
GANZ falscher Ansatz.
Denn das eigentliche Problem liegt in einem Natürlichen Teil des Prozesses begründet:

Es ist der erste Entwurf.

Und wie schon Stephen King wusste, ist jeder erste Entwurf absoluter Schrott. BS. Firlefanz. Er kann nicht gut sein, denn es ist der erste. Wie die erste Fahrstunde, der erste Kuss, das erste Mal gegen die Tür rennen … es wird immer erst besser, wenn man übt.
Natürlich steigen auch die ersten Versionen im Niveau an, keine Frage. Das ändert aber nichts daran, dass sie Schrott sind.
Gutes Beispiel:
Virtual Riot hat einen Dubstep Drop in 10 Minuten geschrieben. Der war viel besser als alles das was ich in einer Woche hätte hinbekommen können, weil er nun einmal ein Profi ist - aber ganz nüchtern und Technisch betrachtet war der Drop trotzdem Schrott. Wenn auch echt guter.
Und doch, dieses Beispiel zählt. Musik ist auch eine Geschichte, nur das Medium wechselt.
Anyway: Mit dem ersten Entwurf ist noch nichts gesagt, nichts entschieden, keine Vollendung erreicht. Er ist wie der Rohbau eines Hauses. Da fehlt eigentlich alles. Keine Fenster, keine Türen, keine Farbe. Er ist klumpig, hässlich und grau. Aber ohne Rohbau geht es nicht.
Hier also meine persönliche Vorgehensweise um aus dem Kreislauf des ewigen Scheiterns auszubrechen:

1.) Habt einen losen Plan für die Geschichte, wie sie sein soll. Ein ungefährer Ansatz. Niemand muss die wilden Kritzeleien zu sehen bekommen, aber ihr braucht eine Richtung auf der ihr aufbauen könnt. Ihr müsst in diesem Moment verstehen, dass eure Idee die beste ist, die jemals jemand hatte - und das sie nur darauf wartet umgesetzt zu werden. Teile davon für eventuell unvorhergesehene Verbesserungen umstrukturieren kann man immer noch.

2.) Unterteilt die Geschichte in Kapitel. Immer. Und legt einen eigenen Ordner für all das an. Macht auf keinen Fall ein Generaldokument. Es wird euch in Versuchung bringen doch mal eben die anderen Kapitel zu überarbeiten, weil ihr gerade nicht weiter kommt. Und das wird euch zurück ins Hamsterrad bringen.

3.) Setzt euch kleine Ziele. Für geschrieben Seiten, Wörter, Silben, No-Nut-November, was-weiß-ich. Sorgt dafür, das ihr euch selbst mit ausreichend Erfolgsgefühlen zuschüttet, während ihr schreibt. Das hilft, die Motivation beizubehalten wenn es mal eng wird. Alles weitere kommt jedes mal wenn ihr den Ordner mit den zig einzelnen Kapiteln öffnet die ihr bisher schon geschrieben habt und denkt »Yes. Du bist schon echt weit gekommen.«

4.) Fangt nicht mit dem Revidieren der einzelnen Kapitel an, bis das gesamte Manuskript fertig ist. Schreibt einfach. Rechtschreibfehler, schlechte Formulierungen, zu lange Sätze, etc. machen den selben Job wie hervorragende, spitzfindige Federführung. Vorerst.
Aber solltet ihr euch sofort ans überarbeiten begeben, lest ihr euch eure eigene Geschichte madig bevor sie richtig begonnen hat. Und sie kann ja auch wirklich nicht gut sein, wenn man sie SO OFT überarbeiten muss, wie ihr gerade, nicht wahr?
Das dämpft die Motivation ganz leicht.
Deswegen: Hinterher.
Eine Ausnahme bilden selbstredend Logiklöcher. Die sind zu beheben bevor sie Schaden anrichten können.

5.) Habt keine Angst davor, dass ihr euch von euren Lieblingen trennen müsst, wenn alles fertig geschrieben ist. Soweit sind wir ja noch nicht. Außerdem werdet ihr genug Zeit damit verbringen alles zu revidieren. Hinterher werdet ihr froh sein, wenn es endlich fertig geworden ist. Froh und sehr, sehr stolz.
Vorher kommt allerdings der Rotstift.

6.) Und vor dem Rotstift kommt der Kaffee. Macht euch einen bevor ihr anfangt. Ist besser so, vertraut mir.

7.) Mit Rotstift meine ich vor allem einen digitalen. Nordet euch auf eine kritische Denkweise ein. Das ist am einfachsten wenn ihr euch einfach vorstellt, das ein guter Freund euch - als hervorragende Autoren - um schonungslose Kritik an seinem Werk gebeten hat. Nehmt euren Kaffee, eure Lieblings-Tastatur und wunderbar untermalende unaufdringliche Musik - und krittelt so verdammt viel daran rum, bis ihr eurem Freund ein vollendet rundgeschliffenes Werk präsentieren könnt.
Netterweise schenkt er euch das dann, schließlich habt ihr soviel dafür gearbeitet, ne?

8.) Fertig? Glückwunsch.
Das war Teil 1.
Jetzt gebt das gesamte Zeug jemandem, der das alles noch nie gesehen hat, zu lesen.
Man selbst wird nämlich irgendwann Betriebsblind. Ohne Feedback geht es nicht.
Aber ich meine keinen Lektor sondern … einen Bekannten. Außer natürlich ihr kennt einen Lektor, der ist dann wohl vorzuziehen.
Lasst diese Person das alles lesen und notieren was ihr nicht gefällt.

9.) Jetzt seht ihr also eine unangenehm lange Liste mit Feedback. Die Person hat den gesamten Roman gelesen um diese Punkte aufzuschlüsseln.
Das ist furchtbar, nicht? SO VIEL SCHLECH-
Moment.
Er hat den ganzen Roman gelesen?

War also offenbar doch ganz gut. Nur nicht perfekt.
Naja, kein Wunder. Nichts ist nach der zweiten Revision Perfekt. Aber mit dem Feedback könnt ihr arbeiten.

10.) Sobald ihr zufrieden seid, könnt ihr all das hochladen und euch an »Bitte,bitte schreibschnellweiter« Reviews erfeuen. Und nein, die kommen auch wenn das ganze als richtiges Buch erscheint. Macht euch keine Hoffnungen.
Aber so oder so: es ist ein fertiger Roman.
War doch gar nicht so komplex, oder?




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Sou. Das hier ist der erste von einigen Guides aus meiner To-do-list. Ich hatte immer extreme Probleme damit, bis ich da drauf gekommen bin, haha. Vielleicht klappt dieses Prozedere für euch ja auch.
Alles nur eine Frage der Konzentration. ;)

Ansonsten, wenn was unklar ist oder so: ihr wisst wohin man die Reviews, bzw. PN schreibt.
Biete mich auch nach wie vor als Beta fürs Worldbuilding bzw. Plotstopfen an. ^.^ Abgesehen von Horror, Slash und Harry Potter :D

Haut rein und viel Erfolg ~
lg
Unicorn out.
 
 
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