Morgenröte

von Ilcuvi
OneshotDrama / P12
Leo Roland
18.01.2020
18.01.2020
1
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Hier ist eine kurze Szene an Leos letztem Tag morgens im Bett (sie spielt also in der letzten Folge der 3. Staffel "Das Vermächtnis").
Dieser Oneshot bildet mit Morgengrauen und Morgendämmerung eine kleine Trilogie, ist aber auch völlig unabhängig davon zu lesen.
Es hat lange gedauert, bis ich endlich zu diesem letzten Teil gekommen bin, aber wie sagt Leo so schön, als ihn seine Freunde im Krankenhaus abholen: "Besser spät, als nie".


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Morgenröte

Es war schwer, den Kopf zu heben, um aus dem Fenster zu sehen. Es schien nur eine kleine Bewegung, aber sie war schwierig und unglaublich anstrengend.
Doch Leo wollte unbedingt sehen, wie die Nacht langsam verschwand und der Morgen herauf zog. Seine Kraft ließ stetig nach. Wenn er es heute nicht schaffte, hinaus zu blicken, würde er kein weiteres Mal die Gelegenheit dazu bekommen, das spürte er deutlich.
Der Himmel war noch sehr dunkel, blaugraue Nacht, aber hinter den Bäumen und dem See, wo der Horizont liegen musste, konnte er sehen, dass die Dämmerung schon begonnen hatte. Er konnte einen dünnen Streifen Morgenrot hervorblitzen sehen. Ein Zeichen, dass trotz der Dunkelheit ein neuer Tag schon im Anbruch war.
Leo ließ den Kopf wieder in sein Kissen sinken und schloss die Augen. Schon der kurze Moment des Kopfhebens hatte ihn sehr erschöpft. Sein Körper hatte fast keine Kraft mehr. Er lag nur da, auf seinem Bett, schwer, nutzlos, müde, kaum mehr zu gebrauchen. Seine Nase juckte, aber das Kratzen an der eigenen Nase war zu einer anstrengenden Aufgabe geworden. Die Vorstellung, sich sogar aufzurichten und hinzusetzen, war völlig absurd.
Und doch... Er hatte den Morgen anbrechen sehen. Er hatte wieder einen Schimmer der Welt außerhalb seines Zimmers erhaschen können. Er wollte so gerne noch einmal dort draußen sein! Andere Luft atmen! Freiheit spüren!
Der Krebs hatte seinen Körper kaputt gemacht. Der Krebs würde ihn bald sterben lassen. Aber er hatte sich fest vorgenommen, den Krebs nicht über sein Leben entscheiden zu lassen. Der Krebs sollte nicht bestimmen, wo er starb, oh nein! So lange er lebte, würde er ihm die Stirn bieten und selbst entscheiden! Es war ein plötzlicher Entschluss, aber Leo war sich sofort ganz sicher: Er würde nicht in diesem Bett sterben, sondern draußen!
Eine leise Stimme in seinem Kopf verspottete ihn: Du schaffst es kaum, nach draußen nur zu blicken, und willst deinen ganzen Körper dorthin bewegen? Wütend biss er die Zähne zusammen. Ja, er würde das schaffen! Er war stärker als der Krebs.
Er atmete einmal tief durch. Aber erst später. Noch ein bisschen ausruhen vorher. Noch nicht an die Anstrengung denken. Vor allem: Es war noch zu früh. Er musste seinen Freunden noch Lebewohl sagen. Brauchten sie ihn nicht auch noch?

Er öffnete die Augen und versuchte, Emmas Gesicht zu sehen, das neben ihm auf einem zweiten Kissen lag. Eigentlich konnte er gerade nur ihre Umrisse erahnen, aber sie war ihm so vertraut, dass er meinte, auch ihre Gesichtszüge zu erkennen, ihre geschlossenen Lider, ein Lächeln, das ihren Mund umspielte.
Leo lächelte auch. Emma. Er liebte sie so sehr. Sie war so ein wundervolles und starkes Mädchen, auch wenn sie das selbst nicht erkannte. Er musste es ihr noch einmal sagen, bevor er starb. Unbedingt! Sie musste es vielleicht noch einmal ganz deutlich hören, damit sie es eines Tages selbst glauben konnte. Für sie würde der Abschied von ihm am schwersten werden, weil sie eine andere Art von Liebe verband.
Die Liebe. Ihm fiel Toni ein. Toni, der in Valerie verliebt war oder es zumindest mal gewesen war. Er sollte sie wieder treffen, um der Liebe eine neue Chance zu geben. Das musste Leo seinem Freund auf jeden Fall noch sagen! Seine und Emmas Liebesgeschichte würde bald enden, aber eine neue konnte beginnen.
Apropos Geschichte: Hugo sollte sich trauen, seine Geschichte auch anderen zu erzählen. Nein, nicht seine Geschichte, ihre Geschichte. Sie konnte anderen Mut machen und Hugo war ein guter Erzähler, der sein Talent nutzen konnte. Leo beschloss, seinen Freund noch einmal dazu zu ermutigen.
Und sein bester Freund? Jonas? Der würde seinen Weg finden, das wusste er. Es war seltsam, als 1. Anführer abgelöst zu werden, vielleicht schon abgelöst worden zu sein, aber er war dankbar, weil er das Gefühl hatte, Jonas würde seine Sache gut machen und ihr Club, ihre Freundschaft, würde auch nach seinem Tod weiter bestehen. Dennoch bereitete sein bester Freund ihm Sorgen. Es schien, als belastete ihn etwas, über das er mit niemandem sprechen konnte. Nicht einmal mit Leo schien er es teilen zu wollen. Er musste ihm helfen.

Die Schwärze im Zimmer war schon ein wenig gewichen. Der Morgen brach an. Sein letzter Morgen. Leo fühlte es jetzt ganz deutlich. Sein Körper war am Ende. Aber es gab doch noch so viel zu tun!
Wahrscheinlich war das immer so. Wenn man lebendig war, suchte man sich neue Aufgaben. Doch er musste heute loslassen. Jetzt musste er sich auf die allerwichtigsten Dinge konzentrieren. Nur dafür hatte er noch Zeit. Das Allerwichtigste. Seine Familie und seine Freunde. Sich von ihnen verabschieden zu müssen, tat so weh!
Abschied. Es gab viele Dinge, die er nicht noch einmal erleben wollte. Dunkle Nächte und manchmal Tage, die voller Angst, Verzweiflung, Schmerz und Trauer gewesen waren. Es gab viele Dinge, die er am liebsten immer wieder erleben wollte. Helle Tage und manchmal Nächte, die voller Leben, Glück, Freiheit und Liebe gewesen waren. Und dann gab es die Menschen, von denen ein Abschied eigentlich unmöglich war, weil sie ihm wichtiger waren als alles andere. Und trotz all der Zeit, die er gehabt hatte, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, tat es immer noch unfassbar weh, sich von ihnen verabschieden zu müssen und sie allein zu lassen.
Eine Träne bahnte sich den Weg seine Wange herunter. Eine zweite folgte. Komm schon, sprach er sich selbst zu, und hob seine schwerfällige Hand, um die Tränen wegzuwischen.
Seine roten Bänder streiften dabei über seine Haut und sein Blick blieb auf ihnen hängen. In der Dunkelheit wirkten die roten Bänder schwarz. Seine gewonnenen Schlachten.
Und jetzt hatte er doch verloren. Aber es fühlte sich gar nicht so an. Er hatte gekämpft bis zuletzt und würde bis zu seinem letzten Atemzug kämpfen. Er hatte so viel gewonnen, seit dem der Krebs in ihm wütete, so wertvolle und gute Erfahrungen, so unglaublich wichtige Menschen, so viel richtig genutzte Lebenszeit.
Er wollte noch weiter leben, aber gerade jetzt im Moment fühlte es sich so an, als wäre sein Leben vollständig. Das war ein neues Gefühl. Leo wunderte sich über sich selbst. So schien es irgendwie okay, dass es jetzt zu Ende ging. Die schwindende Kraft seines Körpers ließ es leichter werden. Das Gefühl, dass die anderen ohne ihn zurecht kommen würden. Der Gedanke, dass andere, seine Mutter, Alex, Benito, vor ihm gegangen waren. Die Gewissheit, seine letzte Zeit gut genutzt zu haben. Wie hatte Benito immer gesagt? Es ist nicht schlimm, zu sterben; es ist nur schlimm, sein Leben nicht zu leben.

Emma neben ihm seufzte im Schlaf. Leo schmunzelte und lauschte einem Moment ihrem friedlichen Atmen. Dann schaute er noch einmal die Bänder an seinem Handgelenk an, die ihn mit seinen besten Freunden verbanden.
Er war so dankbar, dass sie bei ihm waren. Und er wusste, dass sie ihn nicht vergessen würden. Nach seinem Tod würden sie die Bänder weiter tragen. Vor allem aber würden sie weiter leben. Es würde schwer werden für sie, aber sie würden es schaffen.
Ein paar Dinge mussten noch getan und gesagt werden, damit sie für ihre Zukunft bereit waren. Dafür würde Leo sorgen. Und dann? Dann musste er sterben.
"Aber ich habe mein Leben gelebt", murmelte er. Seine Stimme war nur ein Flüstern, aber er spürte, dass es wahr war. "Ich habe es gelebt."
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