Mystery Island

GeschichteAllgemein / P18
18.01.2020
18.01.2020
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Es ist sagenumwoben.

Sie stecken in einem Nebel des Nichtwissens. Trinken das Wasser der gnädigen Dummheit und verinnerlichen sie. Sie haben das Glück ohne das Wissen leben zu können.

Ja sie dürfen leben, denn denen, die einmal an diesem Ort waren, ist es nicht mehr vergönnt.

Die meisten erfahren Gnade und kehren nie zurück. Atmen nie wieder, wenn sie die Kammer verlassen. Doch manche ereilt der Fluch des Wissens. Frage einen Biologen, er wird dir sagen, sie sind lebendiger denn je zuvor. Frage einen Menschen des Geistes, einen, der lebt und er wird nicht einmal fragen müssen, wie der Mensch starb. Es ist ihnen ins Gesicht geschrieben.



Mein Name ist Tom Frank. Ich selbst war dort. Ich selbst kann nicht mehr von mir sagen, das Glück greifen zu können.

Ich hatte eine Frau. Sie war schwanger mit meinem Sohn.

Beide hatten Glück.

Ja, ich schäme mich, es so zu sagen. Ich liebe sie aus voller Seele und, ach, wie mir diese schmerzt, bei dem Gedanken, ihr Tod sei etwas Positives gewesen. Ach, wie ich nur wünschte, ich hätte sie nie auf diese Reise mitgenommen. Sie würde leben und sie wäre glücklich. Sie wären auch dann nicht mehr an meiner Seite, denn diese will keiner mehr einnehmen – ich kann es auch niemandem verübeln, ich rotte vor mich hin, konnte nicht einmal mehr lächeln, zu schlafen ist mir nicht mehr vergönnt, beim Schließen meiner Augen jagt mich der Teufel.

Ich war ein glücklicher Mann gewesen. Ich hatte nie Schlafstörungen gehabt. Ich war ein Träumer, ein Romantiker. Ich war der Prinz, der seine Prinzessin küsste und fast hätte ich für immer glücklich leben können, da machte man mir das Angebot einer Forschungsreise.

Seit ich jung war, hatte ich mich immer für fremde Völker interessiert. Hatte Biologie studiert. Die Psychologie gelernt. Ich war auf dem Wege einmal Professor zu werden. Ich forschte gerne, doch ich hatte nie meine Heimat verlassen gehabt. Zu sehr hielt mich meine Liebe an diesem Ort.

Doch dann bot man mir zu meiner Hochzeit an, meine Liebste und mich eine neue Insel erforschen zu lassen.

Es war eine Insel, klein und tief versteckt im großen Meer.

Dort lebte ein Volk – es lebt dort auch immer noch.

Diese Menschen sprechen keine unserer Sprachen. Diese Menschen essen keine unserer Speisen.

Das können sie auch nicht, denn dort wachsen keine Früchte. Der Boden ist unfruchtbar. Oder zumindest sah ich nie den fruchtbaren Boden.

Mein Biologe sagt mir, dass dies nicht stimmen kann. Ihre Insel ist ein Vulkan, seine Lava müsste den Boden fruchtbar machen. Doch diese Menschen haben Angewohnheiten. Es mögen wohl diese sein, die den Boden vergiften.

Und nicht nur der Boden leidet an diesem Ort.





Es war ein äußerst sonniger Morgen, als wir losfuhren. Man hatte uns auf ein kleines Schiff gesetzt. Ich konnte in den Augen des Kapitäns sehen, wie ungern er uns zu dieser Insel fuhr. Seine Gestik schien uns warnen zu wollen, doch wir waren blind dafür. Grade ich als Psychologe hätte sehen können müssen, was er versuchte uns zu sagen, doch mein Biologe war zu fasziniert von den Gedanken, diese Menschen erforschen zu dürfen.

Er fuhr recht langsam zu der Insel, sagte das Schiff könne nicht schneller fahren, doch sobald wir sein Boot verlassen hatten, war er schneller wieder weg, als wir uns hätten verabschieden können.

Wir fuhren bei Sonnenschein los und ich bin mir sicher, dass auch noch immer die Sonne schien, als wir ankamen, doch die Insel war in Nebel gehüllt. Alles an ihr, alles an dieser Reise schien uns sagen zu wollen, was ich jetzt nur wünschte hätten wir auch gedacht: Geh. Du bist hier unsicher.

Man lud uns aus dem Schiff und die Insel selbst war schön. Ihr Boden war bewachsen. Das Gras war grün und die Blumen bunt.

Doch es pfiff kein einziger Vogel. Es flog nicht eine Biene.

Kein Mensch war dort, um uns zu empfangen.

Gut, warum auch? Sie wussten wohl nicht, dass wir kommen sollten. Wir waren da, um sie zu beobachten und zu studieren. Wir waren da, um über sie zu lernen und mit ihnen zu kommunizieren.

Hatte man uns gesagt.



Wir stiegen von Bord und streiften durch das hohe Gras. Ich fürchtete mich vor Schlangen. Sie könnten giftig sein und meine Frau verletzen. Doch uns begegnete kein Tier.

Das Gras strich ganz sanft und weich gegen unsere Haut. Doch je tiefer wir uns in die Insel vorwagten, desto schärfer und bissiger wurde selbst das Gras.

Seine Sanftheit war verloren. Seine weichen Kanten waren plötzlich scharf. Es schien Zähne zu haben, mit denen es nach uns biss. Ich erinnere mich noch heute an die Schnitte die wir an unseren Beinen erlebten. Ja die Narben trage ich noch heute.

Wir waren verwundert, doch wir fürchteten uns nicht. Wir gingen weiter durch das Gras bis wir bei einzelnen Bäumen ankamen.

In den Bäumen waren Striche. Jeder einzelne Baum war von Strichen ganz umhüllt.





Wissen Sie, wohin Sie uns schickten? Kennen Sie die Geschichte dieser Insel?

Ich nehme an, dass Sie das taten, hoffe aber, um meines Menschenbildes wegen, dass es nicht der Fall ist und so werde ich Ihnen nun einmal erzählen, was für Wesen auf dieser Insel hausen und wieso es sie gibt.

Und ich hoffe, sollten Sie wissen, wohin Sie mich schickten, dass es Ihnen nicht anders ergeht,wie mir. Sie beraubten mich meiner Seele. Sie nahmen drei Menschen das Leben, um das duzender Monster zu sichern.



Die Bewohner gaben mir zu verstehen, wer sie sind.

Ich weiß, ich sagte, sie sprechen keine unserer Sprachen, doch sie können in Zeichen kommunizieren.

Sie glauben an die Gottheit Gaia – das war das Geräusch, das sie machten, als sie sie zeichneten.

Gaia erschuf die Insel und die Welt. Doch die Menschen verhielten sich falsch. Sie waren nicht die Schöpfung, die Gaia erschaffen wollte und so stellte sie den Vulkan auf diese Insel.

Sie erschuf eine neue Spezies. Eine höhere Spezies.

Die Bewohner dieser Insel.

Sie ähneln uns optisch sehr und wir mögen denken, sie seien eine alte Evolutionsstufe, eine vor unserer, denn sie haben keine unserer Sprachen – denn die brauchen sie nicht, sie können ihre Gedanken teilen, sie brauchen nicht reden, sie verstehen Emotionen, ohne mit ihren Augen sehen zu müssen, sie reden ohne Zunge – doch sie sind weiter entwickelt als wir. Überhaupt auch sind sie keine Menschen. Sie sind Gaias Lakaien. Sie sind ihre Helfer.

Und wobei helfen sie ihr?

Sie helfen ihr, ihren Fehler zu beheben. Sie helfen ihr, ihre alte Schöpfung zu beseitigen, um für sich selbst Platz zu machen. Sie nehmen unseren Platz als Gaias Lieblinge ein.

Sie sagten mir, woher sie kommen.

Sie sind uns voraus, Carter. Sie reproduzieren sich ganz ohne Partner. Sie gehen in den Vulkan, lassen sich von der Lava schmelzen und zwei neue Lakaien kommen heraus.

Sie sind selbstlos, Carter. Sie sterben und stehen wie der Phönix aus der Asche wieder auf.

Doch das ist nicht, was mich so verstörte und es ist auch nicht das, von dem ich hoffe, dass es auch Sie verstört: Sie beseitigen die Menschen für Gaia durch Mord.



Vor einigen Jahren legte ein Piratenschiff an der Insel an. Die Gaianer – so nenne ich sie von nun an – wollten die Piraten zu Gaia führen, doch ihr Oberhaupt beschloss anders.

Sie griffen die Piraten und seperierten sie. Sie flösten ihnen Mittel ein. Sie sprachen in fremden Zungen zu ihnen. Sie machten sie sich gefügig. Sie machten sie zu ihren Lakaien.

Was tun die Piraten nun für sie?

Sie fangen Menschen ein und bringen sie auf die Insel, wenn grade keine Wissenschaftler von Ihnen dort hingeschickt werden.



Meine Frau und ich stiegen grade in eine Höhle hinab, wollten sie genauer betrachten, da sahen wir die Gaianer ihr Werk vollrichten.

Das Blut tropfte vom steinernen Tisch in die Erde. In die Wände und in die Decke warenStriche geritzt. Striche zum Zählen. So viele Striche, dass man sie nicht mit Strichen mehr zählen konnte.

Mein ganzer Magen schien sich umzudrehen. Mir wurde übel.

Überall roch es nach Verwesung und Tod. Der eisige Geruch des Blutes stieg in meine feine Nase, das platschende Geräusch des Messers, das sie dem Menschen in die Brust rammten, dröhnte in meinen Ohren, schien mein Trommelfell zu zerreißen.

Die Füße der Ureinwohner waren in das Blut getränkt und aus ihren großen Mündern drangen Geräusche, die einem befriedigten Lachen ähnelten.

"Gaia taaa", drang aus den Mündern und die Gaianer senkten ihre Häupter.

Meine Frau neben mir ergriff meine Hand und begann zu zittern.

Sanft und selbst voller Schock zog ich sie in meine Arme und fing an sie zu trösten. Ich versuchte ihre Seele zu berühren und zu beruhigen, da drehten sich die Wesen nach uns um. Sie mussten uns gehört haben.

Der größte von ihnen ging auf uns zu. Er grinste mich an. Seine Zähne waren rot, voll Blut und spitz, wie die eines Fleischfressers.

Er ergriff meine Frau und versuchte sie mir zu entreißen.

Wut kochte in mir auf. Ich schlug ihn und schubste ihn den Abhang hinunter. Doch seine Kameraden kamen bereits auf uns zu.

"Tschakumpwaaa", murmelten sie.

In ihren Augen lag die rohe Blutrünstigkeit. Sie wollten töten.

Wieder griffen sie nach meiner Frau. Wieder schlug ich zurück. Ich nahm Steine und Felsbrocken. Alles was ich greifen konnte.

Ich ließ die Hand meiner Frau los und schickte sie nach draußen. Sie rannte los. Ich warf noch einzelne Steine bevor ich ihr folgte.

Doch draußen waren noch mehr der Monster. Sie griffen nach ihren Kleidern. Rochen an ihren Haaren. Einer der Männer lachte zufrieden, als er ihr Ohr sah.

... Und es ihr gradewegs abbiss.

Das Blut strömte nur so ihre Wange hinunter und sie schrie vor Schmerzen, als der Mann das Fleisch zufrieden kaute.

Mein Mageninhalt stieg meine Speiseröhre hinauf. Sofort rannte ich zu meiner Frau. Ich wollte, ich musste sie beschützen. Doch etwas hielt mich von hinten fest. Etwas schnupperte an meinem Haar.

Etwas biss in mein Ohr. Doch ich spürte nichts, denn vor mir sah ich, wie man meiner Frau ein Messer in den Bauch rammte... bevor man ihre Kehle heraus biss.



**



Nachbarn riefen die Polizei,als sie einen modrigen Geruch aus Franks Wohnung vernahmen.

Als die Beamten sein Schlafzimmer betraten, fanden sie diesen Brief, gerichtet an Franks Professor, den Mann, der Frank und seine Frau auf die Insel schickte, sauber gefaltet auf Franks Schreibtisch.

Der Biologe selbst lag in seinem Bett.

Die Mediziner diagnostizierten einen Herzstillstand durch Schock.

Frank hatte von jener Nacht geträumt.



Und sein Engel entriss ihn schließlich endlich den Klauen der teuflischen Erinnerung.
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