Look at me

GeschichteRomanze, Freundschaft / P6
18.01.2020
18.01.2020
1
2024
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Aber Jazzy, ich weiß nicht mehr was ich tun soll!", stieß Faye verweifelt aus. Sie ging unruhig in dem Zimmer ihrer besten Freundin auf und ab, rannte ihre rechte Hand durch ihre langen, braunen Haare.

Jazzy, Fayes beste Freundin, hingegen saß ganz ruhig auf ihrem Bett und beobachtete die Brünette in ihrem Auf-und-ab-gehen. Sie verstand Fayes Aufregung und Sorge zwar, doch sie fand sie unnötig und das wusste das andere Mädchen auch, doch sie konnte nicht anders, als sich Sorgen zu machen, egal wie oft Jazzy ihr sagte, das das unnötig sei.

"Jazzy du musst mir helfen", wimmerte Faye verzweifelt und sah schließlich ihre Freundin an.

Jazzy schüttelte den Kopf und lachte etwas, doch nicht, weil sie Faye nicht helfen wollte, sondern, weil sie ihr nur wieder das Gleiche erzählen würde und Faye würde sich einen Tag dran halten und morgen nach der Schule würde sie dann wieder hier in ihrem Zimmer auf und ab laufen und sich wieder die gleichen Gedanken und Sorgen um das selbe gelöste Problem machen. Doch sie wusste, wie sehr sie grade gebraucht wurde, deshalb beschloss sie, auch heute Rat und Tat zu stehen.

"Komm her", sagte sie sanft, als sie ihre Freundin erreicht hatte und breitete ihre Arme aus.

Sofort ging Faye näher auf das ältere Mädchen zu und warf sich ihr in die Arme. Tränen quollen aus ihren Augen. Ihr Herz schlug schwach vor Trauer und schnell vor Angst. Sie zitterte am ganzen Körper. Und das alles nur schon beim Gedanken daran, über ihr Geheimnis zu reden.

"Ich kann das nicht, J. Ich kann einfach nicht", krächzte sie unter Tränen hervor.

Jazzy umarmte sie fester und rieb ihr sanft über den Rücken. Sie wusste, ihre Worte, so wahr sie sein würden, würden Faye nun nicht mehr helfen können. Sie halfen die letzten 4 Jahre, doch die Zeit des Wartens war nun vorbei. Faye konnte nicht länger warten. Es fraß sie innerlich auf, sich zu verstellen, ihre Familie anzulügen, sich in der Schule zu verstellen, sich vor Pauli zu verstellen, Pauli zu belügen. Das wusste Jazzy. Sie konnte es Faye ansehen, sie merkte es ja darin, wie ihre Freundin sich grade in ihren Armen die Augen ausweinte. Und das alles wegen einem anderen Mädchen.





"Faye!", schrie Pauli und fiel ihrer besten Freundin um den Hals, als sie sie am nächsten Morgen vor der großen Schule stehen sah. Dort, wo sie immer stand und auf sie wartete. Jeden Morgen. Seit sie sich in der 5. Klasse angefreundet hatten.

Fayes Herz schlug schneller, als sie Pauli so nahe an sich gedrückt spürte. Sie nahm ihre Hände aus den Taschen ihrer Lederjacke und schlang ihre beiden Arme um die Blondine, drückte sie fester an sich. Am Liebsten wollte sie sie nie wieder gehen lassen, doch sie wusste, dass das nicht ging, also löste sie sich nach wenigen Sekunden wieder und schob das Mädchen sanft ein kleines Stückchen von sich, den Schmerz ignorierend, der sich in ihrem Herzen ausbreitete.

"Wie war dein Wochenende?", fragte Pauli aufgeregt, als sie mit ihrer besten Freundin durch das große eiserne Schultor, auf den unteren Schulhof ging. Er war umgeben von großen Mauern und durch mehrere Birken in kleinere Teile geteilt, was die Cliquenbildung der einzelnen Stufen natürlich noch bestärkte.

"Gut, deins?", log Faye, hoffend, dass Pauli es nicht gemerkt hatte. Doch auch wenn diese und andere Hoffnungen schon so oft enttäuscht worden waren, erfüllte sie sich diesmal. Pauli fragte nicht weiter nach, sondern erzählte stattdessen von ihrem Wochendende, welches natürlich mal wieder aus Jungs und Feiern bestand: "Super, ich hab mich mit Till getroffen. Naja, also eigentlich bin ich in ihn gelaufen. Naja eigentlich ja er in mich... nein, warte... doch... ne, ich glaub Sophy hatte ihn mit zur Feier gebracht, oder? Also naja auf jeden Fall waren wir auf der Party, also Sophy und ich und Till war auch da und wir haben getanzt – also Till und ich – und dann hat er mich geküsst! Kannst du das glauben, Faye?"

Faye zwang sich mit aller Kraft ein akzeptables Lächeln aufzusetzen, um der Frage, warum sie sich nicht für Pauli freue, zu entgehen. Erfolgreicherweise. Pauli erzählte weiter von ihrem Wochenende und dem Date mit Till, das auf den Tag der Feier folgte, während Faye versuchte, den Inhalt ihrer Worte auszublenden und sich nur auf den Klang ihrer Stimme zu konzentrieren.

Bei dem Gedanken daran, dass jemand anderes Pauli küsste. Dass jemand anderes sie seine feste Freundin nennen durfte und nicht Faye. Der Gedanke, dass sie wohl nie haben könnte, wonach sie sich seit 5 Jahren schon sehnte, stach Messer in ihr Herz. Tausende kleiner Messer, scharf wie die Zähne eines Haifisches, tödlich wie eine Natter. Inzwischen kannte Faye schon das Gefühl dieser endlosen Leere. Sie hatte sich darangewöhnt. Das Gefühl sterbender Schmetterlinge war ihr nur zu vertraut. Die Hoffnungslosigkeit und Ausweglosigkeit, Angst und Sorge ihre ständigen Begleiter.

"Faye?"

Sofort hob Faye wieder ihren Kopf und sah ihrer anderen besten Freundin in die Augen. Sie war zu vertieft in ihre Gedanken gewesen, hatte zu sehr auf ihre Stimme gelauscht, um zu hören, was Pauli tatsächlich am erzählen war. Doch ihr in die Augen zu sehen war ebenfalls ein Fehler. Sie hielten sie gefangen, umarmten sie sanft, wie es Pauli tat – bei ihren festen Freunden. Sie waren ein perfektes warmes blau, durchsetzt von wenigen, kleinen weißen Tropfen. Blond, blauäugig, schlank, 1,70.Das war Pauli. Einfach traumhaft – leider. Jeder mochte sie. Jeder Junge wollte sie. Und Pauli liebte es zu spielen.

"Faye?", hörte Faye erneut und errötete, als sie erkannte, dass sie Pauli schon zum zweiten Mal nicht zugehört hatte.

"Was ist los mit dir?", fragte Pauli erneut und ging einen Schritt auf Faye zu, da sie das Gefühl hatte, zu weit von ihrer besten Freundin entfernt zu sein.

"Nichts", versuchte Faye ihr weiß zu machen, doch dieses Mal klappte es nicht." Faye, ich kenne dich seit der 5. Wir haben die letzten 6 Jahrelang fast jede freie Minute mit einander verbracht. Du kannst mir nichts vormachen", konnterte Pauli.

In Faye stieg eine endlose Panik hoch. Sie konnte Pauli nichts vormachen? Wusste sie etwa Bescheid? Erzählte sie ihr etwa deshalb immer von den Jungs? Um klar zu machen, dass sie hetero war und Faye keine Chance hatte?

"Du bist verliebt", fügte Pauli zu Fayes Entsetzen noch an.

Nein nein nein. Das durfte nicht sein. Bitte, oh Himmel, bitte nicht. Faye wurde rot. Am liebsten hätte sie sich dafür geschlagen. Das war doch mehr als eineindeutiges Eingeständnis. Und jetzt müsste sie Pauli alles erzählen und dann würde sie sie verlieren und ihr Leben wäre vorbei und sie-

Ihre Gedanken wurden wieder von Pauli unterbrochen: "Faye. Ich denke wir müssen reden."

Entsetzt starrte Faye Pauli an, ihre Augen wurden groß, ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Doch sie konnte nicht Nein sagen. Sie hatte keine Ausrede, der Unterricht began erst in 10 Minuten und es war... nun es war Pauli. Wie könnte sie zu Pauli je nein sagen? Also nickte sie verängstigt und Pauli zog sie mit sich durch den schmalen, grauen Gang in einen noch leeren weißen Klassenraum.

Er war ausgestattet mit einer großen grünen Tafel an der vorderen Wand und vielen Tischen und Stühlen im Raum, angeordnet in Reihen.

Pauli setzte sich auf einender Stühle und wies Faye mit einer Handbewegung an, den Stuhl ihr gegenüber zu nehmen.

Langsam ging Faye auf den Platz zu. Ihre Knie fingen an zu zittern, gaben fast nach. In ihren Augen stiegen bereits Tränen auf, als sie in ihrem Kopf die ganzen Szenarien durchging, wie es enden könnte.

Sie könnte Pauli anlügen, erzählen, dass es einen Jungen gäbe, den sie möge, doch dann würde der Schmerz nie aufhören. Die Qualen würden nie enden.

Sie könnte Pauli ihre Gefühle gestehen und sie verlieren. Oder gewinnen. Doch letzteres war zu unwahrscheinlich. Pauli traf sich nur mit Jungs, sie war mehr als hetero, da war keine Chance für Faye.

Nichts desto trotz beschloss sie nach mehreren langen tiefen Atemzügen Paulis bereits vor Minuten gestellte Frage "Wer ist es?" wahrhaftsgemäß zu beantworten.

Sie starrte auf den Boden. Ihr Herz hämmerte wild gegen ihr Brustbein. Ihre Gedanken rasten. Sie hatte Angst, endlose Angst. Doch sie musste sich zusammenreißen. Sie musste es ihr sagen.

Langsam hob sie ihre Augen und begegnete dem warmen Meer aus blauen Federn in Paulis.

Nach einem letzten tiefen Atemzug sprach sie endlich aus, was sie seit 5 Jahren für sich behalten hatte: "Ich habe mich in dich verliebt, Pauli."





Faye war wieder in Jazzys Zimmer. Diesmal saß sie auf ihrem Bett. Diesmal lief Jazzy auf und ab, verstand die ganze Situation vorne und hinten nicht mehr. Doch Faye hatte sie nur zu gut verstanden, hatte die Abweisung nur zu gut wahrgenommen. Und nun war ihr Leben so sinnlos, wie es hätte sein können.

Nachdem sie endlich die Wahrheit ausgesprochen hatte, fielen unglaubliche Lasten von ihren Schultern und für den Funken einer Sekunde sah sie ein winziges Lächeln an Paulis Lippen spielen und sie konnte ihr eigenes nicht zurückhalten, doch dann verschwand diese letzte freundliche Geste von Paulis Gesicht. Sie stand auf und verlies den Klassenraum in schnellem Schritt. Lies eine verletzte, zerbrochene Faye zurück.

"Nein nein nein. Das kann doch nicht sein. Ich war mir so sicher... ich dachte... aber die Art, wie sie dich ansieht... das...", Jazzy rannte ihre Finger durch ihre Haare, zog an diesen, fluchte leise vor sich hin.

Doch Faye merkte davon nicht viel. Sie starrte auf den Boden vor sich. Sie fühlte sich taub, als habe sie jede Emotion verloren. Jeden Sinn. Jede Hoffnung.

Langsam schlich sich ein Gedanke in ihren Kopf. Ein Gedanke an Paulis wunderschönes Gesicht,an ihr Lachen, an das kleine Lächeln, dass sie zu sehen geglaubt hatte.

Tränen stiegen ihr in die Augen und sie schüttelte stur den Kopf. Tote Schmetterlinge lagen in ihrem Bauch, ihr Herz schlug schwach und langsam. Alles war vorbei.





Am nächsten Morgen in die Schule zu kommen, ohne dass Faye auf sie wartete, war eine Qual für Pauli. Sie ging zum Gebäude und als sie sah, dass Faye nicht da war, stiegen Tränen in ihre Augen und sie fing an sich innerlich zu beschimpfen, sich innerlich Vorwürfe zu machen. Zu Recht. Sie hatte falsch reagiert. Sie hätte nicht gehen dürfen. Natürlich dachte Faye nun Pauli sei angewidert und erwiedere ihre Gefühle nicht und das hatte Pauli selbst auch gedacht gehabt, doch als sie zuhause angekommen war, noch immer geschockt von dem Geständnis ihrer besten Freundin, denn sie hatte mit dem Namen eines Jungen gerechnet gehabt und erst Recht nicht mit diesem Geständnis, war ihr das erste Mal bewusst geworden, dass sie der Idee, mit Faye zusammen zu sein, gar nicht so abgeneigt war. Und nun, als sie das Fehlen von Faye bemerkte, erkannte sie, dass sie doch mehr als eine Freundin für sie war, auch wenn sie das schwer akzeptieren konnte. Und das musste sie ihr sagen, sie musste Faye wissen lassen, dass ihre Gefühle auf keinen Fall einseitig waren und dass Pauli gerne eine Beziehung versuchen würde, sobald sie vertrauter mit diesen neuen Gefühlen, mit der neuen Erkenntnis über sich selbst war.

Sie musste zu Faye und es ihr sagen. Also ging sie in schnellem Schritt los, zum Klassenraum, in dem Faye in 15 Minuten Unterricht haben würde.



Faye saß in ihrem Stuhl, malte mit einem Bleistift auf ihren Tisch und hoffte, dass er Tag einfach nur schnell vorbeiziehen würde, wie auch der Rest ihres Lebens. Doch vor allem hoffte sie, Pauli nicht zu begegnen, doch genau in dem Moment, in dem sie diesen Gedanken dachte hörte sie die Stimme, die sie bis in ihre Träume verfolgte und beschützte: "Faye,es tut mir Leid."

Faye starrte weiter auf ihren Pult. Sie konnte es nicht wagen aufzusehen. Sie durfte nicht. Sie musste-

"Bitte sieh mich an."Gegen Paulis Worte war sie machtlos und langsam hob sie ihren Kopf, sah ihre große Liebe voller Angst an.



Paulis Herz zog sich zusammen, als sie den Schmerz in den Augen des Mädchens sah, alsotat sie das einzige von dem sie hoffte, es würde Faye noch retten: Sie ging in großen Schritten auf sie zu und küsste sie sanft.  



Ende.
Review schreiben