Seitenlos

GeschichteAllgemein / P12
18.01.2020
18.01.2020
1
1650
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Er fühlte einen Schlag auf seinen Hinterkopf. Schon wieder.

„Ey, Loser, ich rede mit dir!", rief eine Stimme von hinter ihm.

Patrick nahm nur sein Fahrrad und schob es in Richtung Schultor, als er den Jungen plötzlich direkt hinter sich hörte: „Ich sagte, antworte mir, Loser."

Patricks Herz schlug schnell vor Angst. Nicht umdrehen, bloß nicht umdrehen. Alles, aber nicht-

Er hört das Geräusch eines Schlages. Die Schallwellen flogen auf ihn zu. Er wollte grade zu Boden gehen und seinen Schmerz beleiden, als er realisierte, dass gar nicht er getroffen worden war.

Erschrocken drehte er sich nun doch um und erschrak noch mehr, als er sah, wer dort auf dem Boden lag. Sein blondes Haar war durcheinander, seine Hände lagen neben seinem Körper und er selbst auf seinem Rücken. Hasserfüllte grüne Augen durchstachen Patricks braune und es schien Patrick als brannten sie einen Schwur der Rache auf seine Seele.

Der blonde Junge, dessen Namen Patrick nicht einmal kannte, den selbst Patrick nur von seinen täglichen Schikanen kannte, setzte grade seine Hände zum Aufstehen an, da drückte ein Fuß, gepackt in einen weißen, glänzenden Turnschuh, leicht gegen seine Brust und der blonde Junge verharrte widerwillig in seiner Bewegung.

Patricks Schultern sackten leicht nach vorne, seine Muskeln entspannten sich wieder etwas, als er seinen Retter lächelnd betrachtete.

Dieser gab ihm nur einzufriedenes Grinsen und klopfte ihm dann brüderlich auf die Schulter, bevor er ihm das Fahrrad abnahm und sagte: „Sagte doch, der soll meinem Bruder nicht zu nahe kommen."

Patrick lachte leichten Herzens und fing an zu laufen, um seinen besten Freund, der bereits mit seinem Fahrrad losgefahren war, noch einzuholen.

Seine Schritte wurden immer größer und schneller. Er spürte die kühl-warme Sommerluft an seiner Haut vorbeiziehen. Sein Herz schwoll immer mehr an und er konnte sich selbst wieder lachen hören, als er immer schneller wurde und Hinjo schon fast eingeholt hatte.

Als er schließlich an der Ampel angekommen war, liefen ihm bereits Schweißtropfen an der Schläfe hinunter.





Schweiß rann seine Stirn herab, als Patrick den Gong hörte. Er wünschte, die Stunde hätte nie geendet und er hätte immer weiter in seinen Erinnerungen schwelgen können, von seinen Träumen träumen und seine Wünsche erfüllen, doch bereits wenige Sekunden nach dem Gong hörte er sie wieder.

Sie verfolgten ihn wie Dämonen, folgten ihm in seinen Schlaf, saugten ihm sein Glück aus dem Leib, wie Rowlings Dementoren. Sie waren die Geister, die man ihm gerufen hatte und die er nun nie wieder loswurde. Sie waren Geister, wohl seiner Vergangenheit, vielleicht auch eines anderen Lebens. Rachsüchtige Vampire. Hirnlose Trolle.

Ja wohl alles was man so an bösen Wesen finden konnte. Und Patrick? Patrick war der ahnungslose Mensch.

„Loser", sagte das Mädchen das Patrick grade die Bücher aus der Hand geschlagen hatte.

Ja, dachte Patrick leise zu sich selbst, Vampire sind sie ganz sicher. Er betrachtete das blonde Mädchen, als sie aus dem Raum verschwand, wollte einfach nur sehen, wer es war, der ihn diesmal niedergemacht hatte, in der großen Hoffnung, nie die schönen blauen Augen zu sehen, in denen er sich in seiner Kindheit einmal und auch danach noch zu oft verloren hatte, oder das aschschwarze Haar mit diesem himmlischen Duft nach Rosenblättern und Kakaobutter, oder die filigrane Hand, die er so gerne einmal in seinen eigenen, klobigen, spüren würde, doch bald darauf folgte auch schon die Strafe für seine Neugier.

Ein Junge, einen Kopf größer als Patrick, schubste ihn mit voller Kraft von seinem schwarzen Plastikstuhl. Patrick spürte die Luft an seinem Gesicht vorbeiziehen bevor er den Schmerz in seiner linken Schulter spürte, denn mit dieser hatte er sich abgefangen. Offensichtlich ein Fehler.

„Sieh meine Freundin nicht so ekelhaft an, du Ekel", raunte dieser mit tiefer Stimme, bevor er Patrick ins Gesicht spuckte.

Die ganze Klasse um ihn herum lachte. Tausende von Augen sahen auf ihn herab, tausende von Fingern waren auf ihn gerichtet, tausende von Mündern öffneten und schlossen sich, entließen Geräusche des Lachens, die für Patrick wie quietschende Kreide an einer Tafel klangen.

Patrick war angeeckelt. Nicht nur von dem Speichel, der seine Wange hinunter ronn, sondern auch von sich selbst. Wie musste er doch so ekelhaft sein. Wie musst er doch so hässlich sein. Was musste er für einen schlechten Charakter haben, dass ihn alle so hassten. Was war er doch für einschlechter Mensch.

„Falsch", raunte er zu sich selbst, „ich bin falsch. Ekelhaft."

Es war, als wäre er in einen Strudel geraten. Die ganzen Worte, das Verhalten der Menschen um ihn herum machte ihn fertig, drückte ihn unter Wasser, doch nun kam er nicht mehr raus, er sank immer tiefer, es zog ihn immer weiter unter Wasser, als wäre es ein schneller, starker Strudel.

Der sympathische Junge hielt es nicht mehr aus. Er sprang auf und rannte aus dem Zimmer,hatte in seinem Wahn vollkommen vergessen, dass sein Schultag noch nicht vorbei war. Das ganze Lachen, die ganzen Worte, sie prallten gegen seinen Kopf, drückten ihn ein, bezwangen seinen Willen. Sein Kopf schmerzte, er hielt es einfach nicht mehr aus, er hing an einem einzigen dünnen Faden: Hinjo.



Patrick rannte so schneller konnte zum Schultor. Er ergriff sein Fahrrad und wollte grade davon fahren, da sah er einen Umzugswagen vor dem Schultor parken und einen karamellfarbighäutigen Jungen einsteigen.

„Hinjo", rief Patrick laut. Sofort drehte der Junge sich um und sah ihn aus tränenerfüllten Augen an, bevor er Patricks Faden mit seinen Worten durchschnitt: „Indien".

Der graue, große Wagen fuhr weg, mitsamt Patricks letzter Hoffnung auf Rettung.

Nun wollte er doch wenigstens endlich nach Hause fahren, da sah er dass sein Reifen kaputt war. Der Reifen, den sein Vater ihm geschenkt hatte, bevor er gestorben war.

Patrick stiegen Tränen in die Augen, als er begriff, dass er alles verloren hatte, dass er hier nicht bleiben konnte. Er musste weg. Ihm war egal wohin, hauptsache weg.

Er verschloss sich seiner Umwelt, schloss das Lachen seiner Mitschüler aus, als er sein Fahrrad hochnahm und mit ihm so schnell er konnte nach Hause ging.



Es war Abend. Nun war der perfekte Zeitpunkt. Seine Mutter war bereits schlafen gegangen, seinen Reifen hatte er notdürftig geflickt und aufgepumpt, seine Tasche war gepackt. Nur die Abschiedsbriefe fehlten noch.

Er setzte sich an seinen großen Schreibtisch, nahm sich ein Blatt Papier und einen Füller und schrieb zuerst den für seine Mutter, in dem er sich entschuldigte, sie auch noch verlassen zu haben und versprach, sich bald zu melden, ihr sagte, dass sie immer eine gute Mutter gewesen sei, er sich aber nie getraut hatte, etwas zu sagen, da er fürchtete,es könne noch schlimmer werden.

Als er fertig war, schrieb er noch einen zweiten, einen an das Mädchen mit den schönen grünen Augen:



„Liebste Leira,

ich weiß, wir hatten nie etwas miteinander zu tun, du weißt bestimmt nicht einmal meinen Namen, wo mir deiner jeden Morgen auf der Zunge liegt, wenn ich aufwache.

Du bist das schönste Mädchen, das mir je begegnet ist. Nicht nur äußerlich, sondern besonders auch innerlich.

Ich kenne dich zwar nicht gut, aber ich merke, dass du anders bist, auf eine gute Weise, du -"



Patrick wurde von einem Klopfen gegen seine Fensterscheibe unterbrochen.

Panik stieg in ihm auf. Waren es wieder seine Mitschüler?

Er verkroch sich sofort unter seinem Schreibtisch und umklammerte seine Knie mit seinen dünnen Armen. Er atmete schneller, sein Herz schlug so laut, dass erfast das zweite Klopfen nicht hörte.

Es war so sanft, so anders, als, wie die anderen klopfen würden.

Ganz vorsichtig, mit blassem Gesicht und glasigen Augen, sah er zum Fenster.

Als er jedoch sah, wer dort stand, blieb ihm sein Atem für einen Moment komplett weg.

Sie klopfte erneut und lächelte ihn sanft an.

Ganz vorsichtig und langsam, wie ein wildes Reh, kroch er unter seinem Schreibtisch hervor und ging zum Fenster.

Er öffnete es mitzitternden Händen und fragte mit ganz kleiner, gebrochener Stimme:„Ja?"

Leira schüttelte entsetzt ihren Kopf und kletterte durch das niedrige Fenster in sein Zimmer,wo sie ihn sofort in den Arm nahm.

Die Wärme, die seinen Körper und besonders sein armes Herz umschloss, war unbeschreiblich schön und nach wenigen Minuten des Zweifelns umarmte der Junge seine Liebste endlich zurück.

Nach mehreren Minuten löste sie sich schließlich von ihm, sah auf den Zettel herab, auf den er grade am schreiben war.

Patrick entriss ihn sofort ihrem Sichtfeld, doch er wusste, sie hatte schon ihren Namen lesen können.

Er wusste, sie war nicht wie die Anderen, oder zumindest hatte er das immer gehofft, doch nun bekam er doch Angst.

„T- tut m- mir L- l- l-Leid -d", stotterte er aus seiner Angst hervor, doch sie sah ihn nur aus ihren sanften grünen Augen lächelnd an und umarmte ihn wieder.

„Ich will dir helfen Patrick", sagte sie sanft gegen seine Schulter, „und danach will ich den Jungen kennenlernen, den Hinjo sehen durfte, denn ich mag diesen Jungen wirklich sehr."





Sanft zerrte Leira ihn in das Zimmer des Schulleiters und druckte ihn auf den Stuhl, der demalten Mann genau gegenüber stand, dann sagte sie zu diesem: „Patrick wird gemobbt."







Es war ein frischer Wintermorgen, als Patrick das erste Mal in seinem Leben weniger beschwert das Schulgelände betrat. Er sah Leira auf ihn warten und als sie ihn sah, lächelte sie ihn warm an, bevor sie ihm ihre Hand hinhielt. Er ergriff sie lächelnd und ging mit ihr zusammen ins Schulgebäude und zum erstes Mal in seinem Leben war Patrick in der Lage, seine Mitschüler ganz auszublenden.



Ende.
Review schreiben