Vögel und Monster

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18
Albus Dumbledore Daphne Greengrass Dobby Fawkes Harry Potter
17.01.2020
12.10.2020
28
222.004
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29.08.2020 6.902
 
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Vielen Dank an Bros, Slytherdor, Zwergfan, Naqsh-i-Rustam und CrimsonEye für eure Kommentare zum letzten Kapitel!

Musiktipp zu diesem Kapitel: Lilium aus Elfen Lied





Kapitel 25 – Vereinte Seelen



„Daphne, willst du deine Seele mit meiner verbinden?“





Die Welt um Daphne erstarrte, als wäre das Leben selbst zum Stillstand gekommen. Die Flammen im Kamin vereisten, die Schneeflocken vor dem Fenster verharrten in der Luft, während ihr langsam die Bedeutung von Harrys Worten klar wurde.

Sie musste sich verhört haben. Das war die einzig mögliche Erklärung. Das konnte doch nicht wirklich geschehen. Das musste ein Traum sein, nicht wahr?

Ihr Herz klopfte in der Brust, als wollte es ausbrechen aus dem Gefängnis ihres Leibes und frei sein wie ein Vogel am grenzenlosen Nachthimmel. Doch Daphne fühlte sich wie gelähmt, nur ihre Hände zitterten leicht, Ausdruck ihres glückerfüllten Schmerzes.

Harry blickte sie mit seinen durchdringenden grünen Augen an, so wunderschön, dass sie es sich niemals hätte erträumen können. Voller Hoffnung waren sie, aber auch erfüllt von einer hässlichen Furcht. Als wüsste er nicht, dass er mit seinen Worten ihr innigstes Verlangen offengelegt hatte.

Er wollte seine Seele mit ihrer verbinden! Ihren langersehnten Wunsch erfüllen!

Harry, dieses Kind der Liebe, wählte sie als seine Partnerin für die Ewigkeit. Sie, ein Geschöpf des Hasses, ungeliebt und verabscheut; sie, die ihn, den einstigen Hoffnungsträger der Welt, von seinem Sockel gestoßen und zu sich in den Schmutz gezogen hatte.

Er hätte jeden Grund, sich von ihr abzuwenden, sie zu hassen, aber er blieb an ihrer Seite. Er hatte die tiefsten Abgründe ihrer Seele erblickt, die kalte Dunkelheit, vor der selbst sie sich fürchtete, doch er gestand ihr seine Liebe. Sie hatte ihm ein Leben voller Bewunderung und Wärme genommen, aber von all den Menschen, die ihn hätten lieben und akzeptieren können, wählte er sie.

Sie! Dieses herzlose, erbärmliche Mädchen.

Er konnte nicht ahnen, wie er sie damit am Leben hielt, bewahrt vor der süßen Verlockung des Todes.

Harrys Liebe war das einzige, was das Loch in ihrem Herzen, geschlagen von den Schmerzen der Vergangenheit, zu füllen vermochte. Durch ihn konnte sie die Person in sich spüren, die sie vielleicht hätte sein können; in einem anderen Leben, in einer weniger grausamen Welt, in der Kinder geliebt wurden und kleine Mädchen nicht ihr eigenes Blut schmeckten.  

Daphne spürte, wie heiße Tränen ihre Wangen hinabrannen, aber sie machte keine Anstalten, sie wegzuwischen. Stattdessen schloss sie ihre Augen, als die Erinnerungen sie überwältigten. Voller Liebe und Geborgenheit waren die Bilder, die vor ihrem inneren Auge vorbeizogen. Harry, wie er sie in seinen Armen hielt, wie er sie küsste, wie er ihr zuflüsterte, sie niemals allein zu lassen. Seine Worte hatten die hässliche Stimme in ihrem Kopf verstummen lassen, die ihr sagte, sie sei wertlos und verdiene keine Liebe. Denn Harry liebte sie und sie liebte Harry.

Willst du deine Seele mit meiner verbinden?

Harrys Worte hallten in Daphnes Geist wider. Ihr Körper erbebte.

Indem Harry seine Seele mit ihrer verbinden wollte, entschied er sich, ein Teil ihrer selbst zu werden, ihr Leid und ihre Sünden mit ihr zu tragen.

Zusammen.

Für immer.

Ein warmes Gefühl breitete sich in ihrem Körper aus.

Als Daphne wieder ihre Augen öffnete, war sie von einer tiefen Glückseligkeit ergriffen. Sie versuchte all ihre Emotionen in ihr Lächeln zu stecken, Spiegelbild ihrer eigenen Seele, die sie Harry in diesem Moment mit all ihrer Aufrichtigkeit und Dankbarkeit darreichte. Von diesem Moment an wäre sie für immer die seine.

Bei dem Gedanken ging ein Ruck durch Daphnes Körper. Sie fühlte sich, als würde sie bersten vor Glück. Wenn sie jetzt ihren Phönix-Patronus beschwören würde, würden dessen silberne Flügel vermutlich die gesamte Erdkugel umhüllen.

Sich daran erinnernd, dass Harry immer noch auf ihre Antwort wartete, warf sie sich nach vorne, direkt um Harrys Hals, und schrie ihr Glück hinaus in die Welt. „Ja, Harry! Ja! Eintausendmal ja!“





Harry spürte, wie ein Gefühl überwältigender Erleichterung seinen gesamten Körper erfasste. Seine Glieder bebten, sein Herz vollführte Luftsprünge in seiner Brust und er hatte das Gefühl, als könnte er die Welt selbst aus den Angeln heben.

Sie hatte Ja gesagt!

Er wollte jubeln und durch den Raum springen, doch war gefangen in der Umarmung seiner Geliebten. Nein, bald wären sie nicht mehr nur Geliebte; sie wären eins. Eine Seele, ein Leben, ein Schicksal.

Er drückte Daphne so fest, dass er beinahe fürchtete, ihre zierliche Gestalt könnte unter seinem Griff zerbrechen, aber sie protestierte nicht. Sanft strich seine Hand durch Daphnes Haare, die immer noch von dem goldenen Diadem gekrönt wurden.

„Daphne, du machst mich zum glücklichsten Menschen auf der Welt!“

Bei seinen Worten löste sich Daphne leicht aus ihrer Umarmung und blickte ihn mit ihrem tränenüberströmten Gesicht an. Ihre Schminke war inzwischen völlig verlaufen und die Augen gerötet, dennoch war sie so schön wie die ersten Sonnenstrahlen an einem kühlen Wintermorgen.

Daphne wischte sich mit der Hand die Tränenspuren aus dem Gesicht, während sie ihn liebevoll anlächelte. „Nein, Harry, du machst mich zum glücklichsten Menschen auf der Welt. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mir das gewünscht habe.“

Harry erstarrte. „Heißt das, dass du…?“

Daphne nickte, ihr Kopf zur Seite gedreht, rot wie eine Tomate. „Seit wir Fawkes Erinnerungen gesehen haben, denke ich darüber nach“, antwortete sie leise. „Und dann haben wir in Alexandria all diese Informationen gefunden … Es ist also wirklich möglich … Und dann mein Albtraum…“ Harry wusste genau, welchen Albtraum Daphne meinte. „… und der Kampf gegen den Drachen. Da wusste ich es. Danach habe ich mir jeden Abend unsere Übersetzungen angesehen, um zu –“

„Du hast dir auch die Abschriften angesehen?“, fragte Harry überrascht.  

Für einen kurzen Moment spiegelte sich Verwirrung in Daphnes blauen Augen, bevor sich Verständnis auf ihren Gesichtszügen abzeichnete. „Oh…“

Nach einem Augenblick der Stille brachen sie beide plötzlich in Gelächter aus. Harry musste sogar so laut lachen, dass sein Bauch wehtat und er beinahe auf dem Boden zusammengebrochen wäre. Glücklicherweise erschuf der Raum der Wünsche neben ihnen ein großes grünes Sofa, nicht so unähnlich zu den Möbelstücken im Slytherin-Gemeinschaftsraum. Erschöpft ließen sie sich auf das Sofa fallen.

„Ich glaub es nicht“, rief Harry zwischen zwei Lachanfällen. „Willst du mir sagen, dass wir die letzten Wochen beide heimlich die gleichen Texte studiert haben?“

„Sieht ganz so aus“, kicherte Daphne. „Hast du dir die Schriften ebenfalls von Dobby bringen lassen?“

Harrys Augen weiteten sich vor Überraschung. „Der Mistkerl!“ rief er, bevor er ein weiteres Mal laut auflachte. „Er hätte uns auch mal davon erzählen können. Wozu bezahle ich ihn eigentlich?“

„Ruhig, Schatz“, lachte Daphne, während sie sich an seine Schulter anlehnte. „So wie es heute gekommen ist, ist es perfekt.“ Wohlig seufzte sie auf.

Lächelnd legte Harry seinen Arm um seine Partnerin. „Du hast recht, Daph. Es ist perfekt.“

Eine angenehme Stille legte sich zwischen das Paar, das einfach nur den Moment und ihr Beisammensein genoss.

Irgendwann, als Harry schon beinahe glaubte, Daphne sei eingeschlafen, richtete sie sich wieder auf. Ihre eisblauen Augen, in denen sich das Feuer des Kamins spiegelte, schienen tief in ihn hinein zu schauen. „Meinst du das wirklich ernst, Harry?“

Er verstand. Sie musste es noch einmal hören, sichergehen, dass es sich nicht nur um eine Narretei oder flüchtige Träumerei handelte.

„Ja“, antwortete er daher mit all seiner Aufrichtigkeit. „Nie habe ich mir etwas sehnlicher gewünscht. Und du?“

Daphne berührte sein Gesicht; ihr Daumen glitt über seine Haut, während ihre tiefen Augen dabei direkt in die seinen blickten. „Ja, Harry. Du bist mein Leben. Und ich bin bereit, diesen Weg mit dir bis ans Ende zu gehen.“

Ende.

Meinte sie ihr Ende oder seins? Oder machte dies keinen Unterschied?

Er musste es wissen.

„Ich konnte nicht herausfinden, ob es bei uns wie bei Valeydor und Valeydis wäre“, flüsterte er. „Ob wir –“

Daphne legte ihren Finger auf seinen Mund. „Sprechen wir nicht darüber. Wir werden es irgendwann erfahren, aber jetzt noch nicht. Lieber möchte ich über das Ritual sprechen. Weißt du, was wir brauchen?“

Harry entsprach Daphnes Wunsch und verbannte ihren Tod aus seinen Gedanken. Stattdessen nickte er bei ihrer Frage. „Ich denke schon.“ Im Kopf ging er die Liste durch, Ergebnis seiner Arbeit der letzten Wochen. „Es wäre anders als bei Valeydor und Valeydis, aber das meiste sollte kein Problem sein. Das Blut stammt von uns selbst, willentlich gegeben. Das Gold können wir aus unseren Verliesen in Gringotts bekommen. Damit ist das einzige, was problematisch werden könnte, das Opfer.“

Im hintersten Teil seines Geistes fragte eine leise Stimme, wann er sich so sehr verändert hatte, dass er so beiläufig über ein derartiges Thema sprechen konnte. Aber um zwei Leben miteinander zu verbinden, musste nun mal ein anderes Leben geopfert werden. Sie hatten keine andere Wahl.

„Mir würden da gewisse Verwandte von dir einfallen“, zischte Daphne hasserfüllt. Harry hatte das Gefühl, als wäre es im Raum spürbar kälter geworden.

„Nein“, erwiderte er kopfschüttelnd. „Sie sind niederträchtige Bastarde, aber ich möchte nicht…“ Er stockte.

„Zu einem Mörder werden“, vervollständigte Daphne seinen Satz, während sich ihr Körper in seinen Armen verkrampfte. „So wie ich.“

„Du bist keine Mörderin!“, redete Harry sofort auf sie ein. „Deine Eltern waren die bösartigsten, schändlichsten Menschen, die man sich nur vorstellen kann. Nein, eigentlich waren sie gar keine Menschen, sondern Ungeziefer. Und sie wären für immer eine Gefahr geblieben. Für dich, für uns. Aber … aber die Dursleys, sie sind anders. Ich habe das hinter mir gelassen. Sie haben keine Macht mehr über mich. Irgendwann werden sie für ihre Sünden bezahlen, aber ich möchte nicht ihr Richter sein. Verstehst du, was ich meine?“

„Ja, Harry“, seufzte Daphne auf und legte ihren Kopf zurück an seine Schulter. „Du bist ein so guter Mensch. Viel besser als ich.“ Harry wusste nicht, was er daraufhin erwidern sollte, jedoch war dies auch gar nicht nötig, denn kurz darauf fuhr Daphne fort. „Dann jemand anderes?“

Harry nickte, während sein Blick zur Uhr an der Wand wanderte. Es war bereits weit nach Mitternacht. „Ich kenne jemanden, der es verdient hat“, murmelte er. „Er wird das perfekte Opfer sein.“

„Gut“, erwiderte Daphne schläfrig. „Ich bin müde, Harry. Und meine Füße tun weh. Trägst du mich zum Bett?“

„Natürlich, Prinzessin.“

Damit legte Harry seinen linken Arm hinter Daphnes Rücken und den rechten in ihre Kniekehlen, sodass er sie hochheben konnte. Sie war so leicht wie eine Feder, dachte er mit einer gewissen Bekümmerung. Mit vorsichtigen Schritten trug er sie zu einem großen Himmelbett, das mitten im Raum erschienen war. Es handelte sich um das gleiche Bett, in dem sie nach dem Kampf in der Kammer des Schreckens geschlafen hatten. Damals, vor so langer Zeit. Es kam Harry vor wie eine halbe Ewigkeit, dabei waren seitdem keine zwei Jahre vergangen. Aber so viel hatte sich seither verändert…

Nachdem er einen gemütlichen Pyjama angezogen und sich auch Daphne von ihrem Kleid befreit hatte, lagen die beiden nun einander zugewandt im Bett, ihre Gesichter nur Zentimeter voneinander entfernt, ihr Atem die Lippen des anderen berührend.

„Das ist kein Traum, oder?“, flüsterte Daphne.

„Nein, mein Schatz“, erwiderte Harry lächelnd. „Das ist die Wirklichkeit.“

„Wir werden es wirklich machen?“

„Ja.“

„Wirklich? Ich bilde mir das nicht nur ein?“

„Wirklich, Daph. Wir werden eins sein.“

„Eins … Oh Harry, ich liebe dich!“

„Und ich liebe dich, meine Daphne. Von ganzem Herzen.“





Vergnügt schritt Dobby durch die prächtigen Bronzepforten von Gringotts, die grimmigen Blicke der Koboldwachen ignorierend. Vermutlich waren sie eh nur neidisch auf seinen neuen Mantel aus Acromantula-Seide, den ihn Mr. Harry und Miss Daphne zu Weihnachten geschenkt hatten. Zusammen mit seinen Drachenleder-Stiefeln und seiner pinken Bommelmütze machte er bestimmt einen sehr schicken Eindruck.

Mit federnden Schritten durchquerte er das Atrium, geschmückt mit marmornen Steinplatten und goldenen Säulen, vorbei an eifrig arbeitenden Bankangestellten und wartenden Zauberern, bis er schließlich direkt vor einem hohen, hölzernen Pult zu Stehen kam. Hinter dem Pult saß ein runzliger Kobold, der mit einer Feder über ein Stück Pergament kratzte, sodass Dobby beinahe die Ohrenhaare zu Berge standen. Vor allem aber würdigte der Kobold Dobby keines Blickes. Arrogante Langnase.

Dobby stellte sich auf seine Zehenspitzen, war aber trotzdem nicht groß genug, um über den Rand des Pultes zu schauen. Daher begnügte er sich damit, mit seiner Faust gegen das dunkle Holz zu hauen, sodass es im gesamten Atrium widerhallte.

„Dobby der Hauself möchte mit Mr. Kobold sprechen“, rief er dabei laut.

Nun blickte der Kobold von dem Stück Pergament auf, sein Gesicht eine Mischung aus Genervtheit und abfälliger Missachtung. „Was willst du, Hauself?“, blaffte er.

Dobby war aus seinem früheren Leben viel unfreundlichere Bemerkungen gewohnt und daher völlig unbeeindruckt, während er in seine Manteltasche griff und ein zusammengefaltetes Dokument hervorholte. Selbst auf Zehenspitzen musste er seinen Arm voll durchstrecken, um das Papier auf das Pult legen zu können.

„Dobby möchte Gold abheben“, antwortete er laut und selbstbewusst. „Für den großen Harry Potter und die freundliche Daphne Greengrass. Aber ein bisschen Dalli Dalli bitte, Dobby muss noch Zaubertränke kaufen und Schokopudding kochen.“

Ach ja, Dobby mochte sein neues Leben.





Ron ging ein Stich durchs Herz, als er das überschüssige Besteck erblickte. Immer noch deckte seine Mutter bei jedem Essen für Ginny mit, als würde sie jeden Moment die Treppe herunterkommen, um mit ihnen zu frühstücken, als wären die letzten zwei Jahre lediglich ein Albtraum gewesen, ein Schrecken der Nacht, vergangen mit den ersten Strahlen der Sonne.

Doch mit Ginnys Tod war die Sonne über dem Fuchsbau untergangen und seitdem nicht wieder aufgegangen. Die glückliche Familie aus Rons Kindheit existierte nicht mehr. Wo früher helles Lachen erklungen war, herrschte nunmehr Schweigen und, wenn man nachts ganz genau hinhörte, das Weinen einer verzweifelten Mutter.

Leider hatte Ron schon immer sehr gute Ohren gehabt.





Harry zuckte zusammen, als sich die Nadel in seine Armbeuge bohrte. Nachdem Dobby ihm die letzten Tage immer wieder Blut abgenommen hatte, hatte er sich jedoch bereits an diesen kurzen Moment des Schmerzes gewöhnt, und wie vorher war nach wenigen Minuten alles vorbei.

„Danke, Dobby“, sagte Harry aufrichtig, als ihm der Hauself nach der Prozedur einen Blut-Auffrischungstrank reichte. Ha

Er schluckte den eisern schmeckenden Trank in einem Zug herunter, bevor er sich zu Daphne drehte, die auf der Couch neben ihm lag, deutlich bleicher als er selbst. Aufgrund ihres geringeren Gewichts setzte ihr der Blutverlust deutlich stärker zu, weshalb Dobby ihr die doppelte Menge Zaubertrank reichte.

Die letzten Tage hatten sie beinahe ununterbrochen an den Vorbereitungen für das Ritual gearbeitet. Dennoch rannte ihnen die Zeit davon. Übermorgen würde es schon wieder zurück nach Hogwarts gehen, nachdem sie nach dem Ball für den Rest der Weihnachtsferien ins Greengrass-Anwesen zurückgekehrt waren. Wenn sie das Ritual zur Verbindung ihrer Seelen nicht erst im Sommer durchführen wollten, musste es heute Abend oder allerspätestens morgen geschehen.

„Geht es?“, wandte sich Harry besorgt an seine Partnerin.

Daphne schenkte ihm ein schwaches Lächeln.  „Gib mir nur ein paar Minuten, dann bin ich wieder topfit. Aber haben wir jetzt genug Blut?“

„Ja, wir haben genug“, erwiderte Harry, was Dobby mit einem eifrigen Nicken bestätigte. „Dann fehlen nur noch die Kelche und der Speer“, fuhr er fort. „Wie schaut es damit aus?“

„Ich setzt mich gleich wieder dran“, antwortete Daphne, deren Gesicht wieder etwas an Farbe gewonnen hatte.

„Ruh dich erstmal noch etwas aus“, bestand Harry, als er sich zu Daphne auf die Couch setzte. Augenblicklich legte Daphne ihren Kopf auf seinen Schoß und seufzte zufrieden auf. Lächelnd strich Harry ihr über den Kopf.

„Heute?“, flüsterte Daphne leise.

Gänsehaut breitete sich über Harrys gesamten Körper aus. Wäre heute wirklich der große Tag?

„Schaffst du das denn?“, fragte er, wobei er direkt in Daphnes blaue Augen blickte.

„Ja, wenn ich mich den ganzen Nachmittag daransetze“, antwortete Daphne, seinen Blick erwidernd. „Ich will es, Harry. Ich will es so sehr.“

„Ich auch, Daph, ich auch. Also heute Abend.“

Harry schaute zu Dobby, der essentiell für das letzte Mosaikstück ihres magischen Rituals war. Zwar hätten sie für das Opfer jeden Menschen wählen können, auch irgendeinen Muggel von der Straße, was vermutlich sogar die klügste Wahl gewesen wäre, aber er bevorzugte jemanden, der es auch verdient hatte. Wenn man schon Blut an den Händen hatte, dann doch wenigstens das richtige.

„Dobby“, sprach Harry seinen Freund und Bediensteten an. „Hat sich die letzten Tage irgendwas geändert oder kommst du immer noch ins Anwesen rein?“

Dobby schloss seine tennisballförmigen Augen, während er auf seinen Füßen nach vorne und hinten wippte. Nach wenigen Sekunden öffnete er seine Augen wieder und bedachte Harry mit einem breiten Grinsen. „Dobby kommt noch rein. Direkt ins Schlafzimmer. Die anderen werden nichts mitbekommen.“

„Die Arroganz dieser Familie“, bemerkte Daphne abfällig.

Harry musste ihr zustimmen. Anscheinend stimmte das alte Sprichwort. Hochmut kam tatsächlich vor dem Fall. Schon bald würden alte Sünden bezahlt werden, und zwar mit Blut.





Harry bebte vor Aufregung, als er zusammen mit Daphne im Keller von Greengrass Manor stand. Es war inzwischen kurz vor Mitternacht, ihre letzten Vorbereitungen hatten mehr Zeit in Anspruch genommen als ursprünglich gedacht. Durch ein kleines Fenster unter der Decke leuchtete das Licht des Mondes hinein, tränkte ihre beiden nackten Leiber in einen silbernen Glanz, als würde das Himmelsgestirn selbst ihre verruchte Tat segnen.

Mit jedem Pochen seines Herzens erzitterte Harrys Körper, stetig wie ein Uhrwerk, während er mit dem Pinsel die letzten der antiken Symbole auf dem Boden vollendete.

„Bist du fertig?“, fragte Daphne leise, als hätte sie Angst vor ihrer eigenen Stimme.

Harry erhob sich von dem Boden und bedachte sein Werk, zwei große siebenzackige Sterne, verbunden durch eine Kette aus Hieroglyphen und Runen, gemalt mit ihrem eigenen Blut. Das vermischte Blut zweier Menschen als Sinnbild für die bevorstehende Vereinigung zweier Seelen; bisweilen entbehrte Magie nicht einer gewissen Faszination.

„Ja“, bestätigte Harry und drehte sich zu Daphne, die eine Porzellanschüssel mit weiterem Blut hielt. „Möchtest du anfangen?“

Daphne nickte kurz. „Danach mache ich es bei dir.“

Lächelnd trat Harry zu seiner Partnerin und nahm ihr die Schüssel ab, bevor er sie neben sich schweben ließ.  „Bist du dir wirklich sicher, dass du das Blut nicht verwechselst hast?“, fragte Harry glucksend, in einem Versuch, seine eigene Nervosität zu überdecken.

„Bitte keine Witze“, entgegnete Daphne mit zittriger Stimme. „Nicht heute…“

Harry nickte knapp und tauchte seine Finger in sein eigenes Blut, kalt und doch voller Leben. Daphnes Haut schien vor Magie zu knistern, als er begann, Symbole auf ihren Körper zu zeichnen, nicht unähnlich zu denen am Boden. Er fing mit ihrem Hals an, arbeitete sich über den Rücken und das Gesäß bis zu ihren Beinen. Es folgten Bauch, Brüste – Harry spürte, wie das Blut in seine Leistengegend schoss – und schließlich das Gesicht. Als er fertig war, war beinahe Daphnes gesamte Haut mit roten Symbolen aus seinem eigenen Blut bedeckt.

„Geschafft“, murmelte Harry, auch wenn er das Gefühl hatte, als müsste sein wilder Herzschlag jedes andere Geräusch übertönen.

„Danke“, flüsterte Daphne, nach ihrem Zauberstab greifend und eine weitere Schüssel zu sich rufend, diesmal mit ihrem Blut. „Bitte drehe dich um, Harry.“

Die vorherige Prozedur wiederholte sich, nur dass es diesmal Daphne war, die seinen Körper mit ihrem Blut bedeckte. Ihre Finger hinterließen brennende Spuren auf seiner Haut, die das Blut begierig aufzusaugen schien.

Daphne hatte sich gerade vor ihm hingekniet, um seine Oberschenkel mit den antiken Zeichen zu versehen, als es einen wohlbekannten Knall gab und Fawkes über ihren Köpfen erschien. Lächelnd blickte Harry zu ihrem Vertrauen, ohne den sie heute nicht hier stehen würden. Daphne hingegen setzte ihre Arbeit konzentriert fort.

„Hallo, Fawkes“, begrüßte Harry den Phönix, der sich auf einen verrosteten Fackelständer niederließ. Zwischen seinen Federn schienen kleine Flammen zu lodern, deren orangenes Licht sich mit den silbernen Strahlen des Mondes vermischten. „Woher wusste ich nur, dass du uns in diesem Moment nicht allein lassen würdest? Danke, mein Freund. Für alles.“

Harry hoffte, dass Fawkes wusste, was er alles damit meinte, und wenn er die gurrende Antwort des Phönix richtig deutete, tat er es tatsächlich.

Nach ein paar weiteren Minuten war auch Daphne fertig, woraufhin sie die Schüssel, die immer noch recht gut gefüllt war, zurück auf den Steinboden stellte, direkt neben eine lange goldene Lanze und zwei goldene Kelche. Sowohl die Lanze als auch die Kelche waren über und über mit eingravierten Hieroglyphen bedeckt, Ergebnis von Daphnes unermüdlicher Arbeit in den letzten Tagen.

„Wir sind fertig“, sagte Daphne leise, ihre blauen Augen von einer tiefen Sehnsucht erfüllt. „Bist du dir wirklich sicher, dass das hier das ist, was du willst?“

Sie gab ihm eine letzte Chance, wusste Harry. Eine letzte Möglichkeit, umzukehren auf diesem Weg, auf dem es durchaus möglich war, dass sie ihre eigene Menschlichkeit verspielten, geopfert einem närrischen Traum von Morgen.

Harry versuchte nicht einmal, eine Wahl zu haben.

„Ja, Daph“, antwortete er. „Ich bin mir sicher. Und du?“

Es war nur fair, die Chance zu erwidern.

„Denkst du wirklich, dass du mich das fragen musst?“

„Nein, vermutlich nicht.“

Daphne trat direkt vor ihn, ihr Atem strich über seine Lippen, als sie sich nach vorne beugte, ja darauf bedacht, nicht die Symbole aus Blut zu verschmieren. Nur ihre Lippen trafen sich, zaghaft, und dennoch voller Leidenschaft, keinen Zweifel an Daphnes Antwort zurücklassend.

„Ich liebe dich, Harry“, flüsterte Daphne, als sie sich voneinander lösten. „Und ich hoffe, dass du es gleich selbst fühlen kannst, denn ich kann es mit Worten gar nicht ausdrücken, wie viel du mir bedeutest. Wie sehr du mich gerettet hast.“

„Ich kann es gar nicht mehr abwarten“, erwiderte Harry, ebenfalls flüsternd, sein Herz immer noch nervös schlagend. Hatten sich Valeydor und Valeydis einst genauso gefühlt? Sein Blick wanderte zu Fawkes, der sie beide mit seinen unergründlichen goldenen Augen betrachtete, bevor er wieder zu Daphne schaute. „Ich habe das Gefühl, als wäre mein gesamtes Leben, alles was ich jemals getan habe, auf diesen Moment zugelaufen“, fuhr er fort. „Macht das irgendeinen Sinn?“

„Ja, für mich schon“, antwortete Daphne zärtlich. „Ich … Ich glaube, wenn wir noch länger warten, kann ich meinen Mageninhalt nicht viel länger in mir drin behalten … Bitte lass uns anfangen, Harry…“

Harry lachte kurz auf. Er hatte zwar keine Ahnung, von welchem Mageninhalt Daphne sprach – immerhin hatten sie beide heute so gut wie nichts runterkriegen können – aber auch er hatte Angst, dass ihn seine Nervosität überwältigen würde, wenn sie nicht bald anfingen.

Er legte seinen Zauberstab auf den Boden, bevor er nach Dobby rief. Es gab einen lauten Knall und der Hauself erschien in dem Kellergeschoss, gekleidet in einen schwarzen Frack mit Zylinder und blutroter Fliege, entsprechend des heutigen Anlasses.

„Mr. Harry hat gerufen“, sagte Dobby mit quieksender Stimme. „Soll Dobby seinen alten Meister holen?“

„Bitte, Dobby“, erwiderte Harry. „Aber pass auf dich auf, ja?“

„Der große Harry Potter sorgt sich um Dobbys Wohlergehen!“, schluchzte Dobby laut. „Harry Potter ist wirklich der tollste und netteste Meister der Welt. Dobby wird Harry Potter Sir stolz machen!“

Und mit einem weiteren lauten Knall verschwand Dobby. Die Stille, die er zurücklies, war noch viel erdrückender als vorher, da sie nichts mehr anderes tun konnten als zu warten. Ein Teil von Harry wünschte sich, dass Dobby sich beeilen würde, der andere Teil wusste, dass Dobby vorsichtig sein musste, um nicht gehört zu werden. Sollte Dobby geschnappt werden, wäre alles vorbei.

Aber wenn Dobby Erfolg hätte, wären sie nur noch wenige Minuten von ihrem vollkommenen Glück entfernt. Nur noch ein paar Minuten. Nur noch ein wenig Geduld.

Das war so viel leichter gesagt als getan, dachte Harry. Er fühlte sich speiübel und euphorisch zur gleichen Zeit, während das Beben seines Körpers immer schlimmer wurde. Er spürte, wie Daphne nach seiner Hand griff, sie beinahe zerquetschte, doch er erwiderte ihren Griff gleichermaßen. Er musste sie einfach spüren, merken, dass das hier kein Traum war.

Eine Wolke schob sich vor den Mond, hüllte das Kellergeschoss in beinahe absolute Dunkelheit. Ein schlechtes Omen? Harry schüttelte den Kopf und zählte die Sekunden in dem Versuch, sich abzulenken.

Vergeblich.

War etwas schiefgelaufen? War Dobby erwischt worden und wurde gerade in diesem Moment von den Auroren verhört? Würden sie gleich das Anwesen stürmen, um Daphne und ihn nach Askaban zu bringen? Würden sie ihren Weg freikämpfen müssen? Würden –

Ein plötzlicher Knall wie ein Peitschenhieb schreckte Harry aus seinen verhängnisvollen Gedanken. Sein Herzschlag setzte für einen Augenblick aus, als er vor sich die Konturen des grinsenden Dobby erblickte, die Hände ausgestreckt, um den bewusstlosen Lucius Malfoy, gekleidet in einen weißen Pyjama, in der Luft schweben zu lassen.  

„Dobby!“, jubelte Harry. „Du hast es geschafft!“ Er hörte, wie neben ihm Daphne erleichtert aufatmete.

„Es war leicht“, erwiderte Dobby, glücklich mit seinen langen Ohren wackelnd. „Der alte Meister schlief allein, die alte Meisterin war in einem anderen Schlafzimmer. Niemand hat irgendwas gemerkt.“

„Gut gemacht, Dobby“, ergriff nun auch Daphne das Wort, ihre Stimme vor Aufregung zitternd. „Ab hier übernehmen wir.“

Damit hob sie ihren Zauberstab und beschwor einen massigen hölzernen Lehnstuhl in der Mitte des gegenüberliegenden siebenzackigen Sternes. Anschließend richtete sie ihren Zauberstab auf Malfoy und ließ ihn in den Stuhl hinabsinken, bevor sie ihn mit eisernen Ketten an den Stuhl fesselte.

„Wie Miss Daphne wünscht“, erwiderte Dobby, während er sich kurz vor ihnen verbeugte, und mit einem weiteren Knall war er verschwunden. Zurückblieben Harry, Daphne und der bewusstlose Lucius Malfoy, mit dem Harry noch eine Rechnung zu begleichen hatte.

Vor zwei Jahren hatte dieser Bastard ganz Hogwarts in Gefahr gebracht. Und noch schlimmer: Daphne!

Oh ja, er würde das hier genießen, dachte Harry finster, während sein Blut zu kochen schien. Eine entsetzliche Hitze breitete sich in seinem gesamten Körper aus.

„Daph, weck diesen Bastard auf“, zischte Harry, seinen Zorn angestrengt unterdrückend. „Ich will, dass er es weiß.“

Daphne bedachte ihn mit einem verständnisvollen Blick, bevor sie ihren Zauberstab wieder auf den gefesselten Malfoy richtete, die Inkanationsformel flüsternd. Wie vom Blitz getroffen schreckte Malfoy empor, nur um augenblicklich von den Eisenketten festgehalten zu werden.

„Ahh!“, schrie er, heftig blinzelnd und gegen die Ketten aufbäumend. „W-Was? Wo bin ich?“

Harry flohlockte, als er Malfoy so hilflos erblickte, völlig ihrer Gnade ausgeliefert. Nicht dass er sich darauf Hoffnung machen dürfte. Sein Schicksal war mit Blut besiegelt.

„Hallo, Lucius“, zischte Harry. „Lange nicht gesehen, nicht wahr?“

„W-Wer ist da?“, kreischte Malfoy angsterfüllt, Musik in Harrys Ohren. „Wo bin ich?“

Malfoy schien in der Halbfinsternis immer noch nichts sehen zu können, stellte Harry fest. Ihr Gefangener bewegte panisch seinen Kopf umher und schien schließlich Fawkes glühendes Gefieder zu erblicken, wenn auch nicht zu erkennen. „Wer bist du?“

Harry nickte Daphne zu, die daraufhin eine magische Lichtsphäre erschuf. Sogar Harry musste bei dem abrupten Lichtwechsel seine Augen zusammenkneifen, während er überselig dem Wimmern Malfoys lauschte.

Nach einigen Momenten schien sich Malfoy an die neue Helligkeit gewöhnt zu haben, denn mit einem Mal wurde sein Gesicht noch bleicher. Totenbleich gar.

Malfoys Augen weiteten sich vor Schrecken, als sie Harry und Daphnes nackte, mit blutigen Zeichen bemalte Körper betrachten. „P-Potter?“, stammelte er. „W-Was –“

„Schweig, Bastard“, unterbrach ihn Harry wütend. „Heute wirst du dich nicht herausreden können. Oder herauskaufen. Heute wirst du sterben, wie du es schon vor vielen Jahren hättest tun sollen. Ich will nur, dass du weißt, dass wir, Daphne und ich, es sind, die dich töten werden. Du wirst für deine Verbrechen bezahlen. Du und all der andere Todesser-Abschaum.“

„Nein!“, schrie Malfoy panisch. Er keuchte und schnappte nach Atem, während sich sein Körper immer noch vergeblich gegen die Ketten aufbäumte. In seinem Schritt verdunkelte sich die Pyjamahose, während sich unter dem Stuhl eine gelbliche Lache ausbreitete.

„Du widerst mich an“, zischte Harry. Wie konnte es dieser Bastard wagen, ihr heiliges Ritual derartig zu entweihen?

„Bitte!“, bettelte Malfoy. „T-Tötet mich nicht. Bitte! I-Ich kann euch helfen, ich kann –“

„Wir brauchen von dir nichts als deinen Tod“, winkte Harry ab. Er wollte sich gerade zu Daphne drehen, als Malfoy kreischend weiterflehte.

„Ich kann euch Sachen erzählen!“ Er stockte kurz und schaute nun direkt in Daphnes Gesicht, die bisher nur stoisch dagestanden hatte. „Ich weiß, wer dein wirklicher Vater ist, Mädchen. Es ist nicht Morpheus Greengrass. Es ist –“

„Voldemort“, unterbrach diesmal Daphne ihn mit ruhiger Stimme, auch wenn für einen kurzen Moment ein dunkler Schatten über ihr Gesicht flimmerte. „Das wissen wir schon längst. Es ist egal.“

Harry drückte ihre Hand, bevor er sich wieder Malfoy zuwandte, der sichtlich geschockt ob Daphnes Enthüllung war. Panisch blickte er zwischen ihmund Daphne hin und her und beinahe konnte man die Zahnräder in seinem Kopf rattern hören, so angestrengt schien er nach Auswegen zu suchen.

„Ich weiß mehr!“, schrie er. „Noch viel mehr. Der Dunkle –“ Schlagartig schloss Malfoy seinen Mund und es sah fast so aus, als würde er seine Zunge verschlucken. Er würgte und röchelte, während er sich schmerzhaft auf dem Stuhl wandte, nur weitersprechen konnte er anscheinend nicht.

Neugierig beugte sich Harry nach vorne. Das war unerwartet. Was war nur mit Malfoy los?

Auf einmal ging ein Ruck durch Malfoys Körper und er schnappte nach Luft. „Arm“, keuchte er, schweißüberströmt. „Guckt euch meinen Arm an.“

Harry und Daphne tauschten einen fragenden Blick, bevor Daphne schließlich ihren Zauberstab auf Malfoys rechten Arm richtete. Es gab ein schneidendes Geräusch und Stoff fiel zu Boden, die Ausläufer eines Art Tattoos entblößend. Nur dass es sich natürlich nicht um ein Tattoo handelte, wie Harry wusste, sondern um das Dunkle Mal, mit dem die Todesser-Bastarde gekennzeichnet waren.

„Und?“, fragte Harry ungeduldig.

„Es … Es war mal heller“, keuchte Malfoy angestrengt, als könnte er seine Kiefer kaum auseinanderdrücken.

Das dunkle Mal war mal heller gewesen? Was wollte ihnen Malfoy damit sagen?

„Meinst du etwa, Voldemort wird wieder stärker?“, zerschnitt Daphnes Stimme die Luft. „Sprich!“

Für einen kurzen Moment öffnete Malfoy seinen Mund, ganz so als wollte er antworten, doch plötzlich drückte er seine Kiefer wieder zusammen, heftig würgend. War er etwa mit einem Zauber belegt, der ihn daran hinderte, über bestimmte Themen zu reden? Aber das hieße auch, dass sich die Antwort auf Daphnes Frage irgendwo in Malfoys Geist befand, nur darauf wartend, offengelegt zu werden…

„Daphne, wie sieht es mit deinen Legilimentik-Fähigkeiten aus?“, wandte er sich an seine Freundin, die ihn mit einem überraschten Gesichtsausdruck bedachte, doch in ihren Pupillen schimmerte Verständnis.

„Genauso wie mit deinen“, erwiderte sie mit einem gewissen Bedauern. „Das weißt du doch. Und sowieso würde ich mir vorher die Geistesmagie aus den Büchern angucken. Scheint mir wirkungsvoller zu sein.“ Sie zuckte mit den Schultern.

„Schade, schade“, murmelte Harry, bevor er sich wieder zu Malfoy drehte. „Schade für dich, Malfoy. Nun ist es an der Zeit zu sterben.“

„Nein!“, schrie Malfoy in einem Akt letzten Aufbegehrens. „Ich kann euch helfen! Wirklich! Ich … Ich weiß noch was!“

Harry schwieg, noch für einen Moment sein brennendes Verlangen unterdrückend.

„Es … Es gibt nicht nur das Tagebuch“, stammelte Malfoy angestrengt, gegen seinen Würgereiz ankämpfend. „Er … Er hat … meiner Schwägerin … Bella–Arrrh“ Plötzlich fing Malfoy an, laut zu schreien, schmerzerfüllt, die Gemäuer selbst erschütternd. Seine Schmerzensschreie mussten noch Meilen entfernt zu hören sein. Wie gut, dass das ganze Anwesen mit Schutzzaubern belegt war.

„Das reicht“, zischte Daphne und mit einem Schwenk ihres Zauberstabs verstummten Malfoys Schreie. Endlich war es wieder ruhig.

Hasserfüllt betrachtete Harry den nun stumm wimmernden Malfoy, angsterfüllt, flehend und mit seinem eigenen Urin benässt. Ein wahrhaft erbärmlicher Anblick.

Er spürte, wie Daphne seine Hand drückte und wandte sich von dem Stück Dreck vor ihnen ab. Stattdessen blickte er nun in Daphnes blaue Augen, in denen sich das silberne Licht des Mondes spiegelte.

„Es ist so weit“, flüstere Daphne, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch in der Luft.

Harry nickte, auf einmal unfähig zu sprechen. Sein Hals kratzte und seine Kehle schnürte sich zusammen. Es war an der Zeit.

Daphne legte ihren Zauberstab zu Boden und ergriff einen der goldenen Kelche. Sie tauchte ihn in die Schüssel ihres Blutes, bis der Kelch bis zum Rand voll war. Als sie sich wieder erhob, erkannte Harry in ihrem Blick eine Mischung auf Angst und Nervosität, die gleichen Gefühle, die auch ihn erfassten.

Tief Luft holend, schaute Harry seiner Partnerin direkt in die Augen, sah nichts anderes mehr als ihre blauen Iriden, wunderschön und erhaben. „Es wird alles gut werden“, flüsterte er mit so fester Stimme wie möglich. „Bald sind wir eins. Für immer.“

Daphne schenkte ihm ein zaghaftes Lächeln, während ihre Hände so sehr zitterten, dass Harry fürchtete, sie könnte das Blut verschütten. „D-Dann fange ich jetzt an, okay?“, fragte sie leise.

„Ja“, erwiderte Harry und mit diesem kurzen Wort fiel seine gesamte Anspannung von ihm ab. Für sie beide gab es nun kein Verzagen, kein Zurückblicken, kein Gestern mehr, nur noch die Verheißung eines neuen Morgen, ihr Licht am Firmament.

Daphne holte tief Luft – und mit ihr die gesamte Welt, so schien es – bevor sie anfing, in Parsel die uralten Worte zu rezitieren, ersonnen von den Weisen der Vorzeit.

O Licht der Finsternis, vor dir tritt Daphne Evastochter, Kind von Roxanne und Tom – an dieser Stelle schien Daphne kurz würgen zu müssen – segne mein Blut, Elixier meines Seins, um Getrenntes zu vereinen.

Die in den Kelch eingravierten Hieroglyphen begannen, hell zu glühen, als die Magie ihre Wirkung entfaltete. Vorsichtig nahm Harry den Kelch aus Daphnes zitternden Händen.

„O Finsternis des Lichts“, sprach er nun ebenfalls in Parsel. „vor dir tritt Harry Adamssohn, Kind von Lily und James. Weihe mein Fleisch, Hülle meines Seins, um zusammenzuführen, was zusammengehört.“

Damit führte er den Kelch an seine Lippen und begann zu trinken. Auch wenn Daphnes Blut viel süßer schmeckte als er es erwartet hatte, musste er dennoch heftig gegen seinen Würgereiz ankämpfen. Aber er hatte schon so viel Schlimmeres überstanden, dachte er entschlossen, dann konnte er es doch wohl auch ertragen, etwas Blut zu trinken, um sich ihre Erlösung zu erkaufen.

Die letzten Schlucke waren die schlimmsten. Harry spürte, wie sein Magen rumorte. Sobald jedoch der letzte Blutstropfen in seinem Rachen verschwunden war, breitete sich ein wohliges Gefühl in seinem gesamten Körper aus. Die Symbole auf seinem Körper strahlten in einem goldenen Schein. Noch niemals zuvor in seinem Leben hatte sich Harry so unbeschwert gefühlt, so sorgenlos und frei. Er blickte zu Daphne, die ihn die ganze Zeit wie gefesselt angestarrt hatte, und schenkte ihr ein glückliches Lächeln.

Ruhig kniete er sich zu Boden und tauchte nun den anderen Kelch in die Schüssel seines Blutes, bis auch dieser bis zum Rand gefüllt war. Danach erhob er sich wieder, sodass sie mit dem Ritual fortfahren konnten.

„O Licht der Finsternis, segne mein Blut, Elixier meines Seins, um Getrenntes zu vereinen.“

Harry reichte Daphne den glühenden Kelch.

„O Finsternis des Lichts, weihe mein Fleisch, Hülle meines Seins, um zusammenzuführen, was zusammengehört.“

Nachdem Daphne zu Ende gesprochen hatte, führte sie den Kelch, ohne zu zögern, an ihre Lippen und begann eilig das Blut zu trinken, als wäre sie kurz vorm Verdursten. Staunend betrachtete Harry seine ungezügelte Partnerin. Nach nur wenigen Sekunden, viel schneller als dies bei Harry der Fall gewesen war, setzte Daphne den, nun völlig leeren Kelch wieder ab und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, wunderschön wie eh und je. Fast war es Harry, als könnte er den spöttischen Gedanken hören, den Daphne auf der Zunge hatte, aber nicht auszusprechen wagte, denn das Ritual folgte einem festen Prozedere, von dem nicht abgewichen werden durfte.

Wie vorher bei ihm, strahlten nun auch die Symbole auf Daphnes Körper in einem goldenen Glanz, vermischte sich mit dem seinen, ihr Leuchtfeuer der Hoffnung in der Finsternis. Wie im Bann betrachteten sie sich, ihre Augen das goldene Licht ihrer Seelen reflektierend, wunderschön, doch so verletzlich.  

Nicht mehr lang.

Sie würden eins sein. Und zusammen könnten sie einfach alles schaffen. Zusammen würden sie jedes Leid ertragen können. Zusammen wären sie frei.

Gleichzeitig gingen Harry und Daphne in die Knie und ergriffen die metallene Lanze, Werkzeug ihres nahen Triumphs. Gleich wäre es soweit, dachte Harry euphorisch. Ihr neues Leben, ihr neuer Anfang. Gleich!

Wie aus einem Mund, sprachen sie die heiligen, infamen Worte.

„O Göttliches Feuer, erlöse uns. Zwei Leben, getrennt, ein Versehen. O Göttliches Feuer, führe zusammen, was zusammengehört. Zwei Leben, eine Seele. O Göttliches Feuer, wir flehen dich an, vereinige uns, ERLÖSE UNS!“

Ihr Verlangen hinaus in die Welt schreiend, stießen sie die Lanze in das Herz ihres Opfers, für dessen schreckenserfülltes Gesicht Harry schon längst keine Augen mehr hatte. Seine Todesschreie vergingen in der Stille.

Die Symbole auf dem Boden erstrahlten.

Daphne schrie auf.

Und Harry…

Harry wurde von einem entsetzlichen Schmerz gepackt, als würden sich abertausende heiße Nadeln in seinen Körper bohren, als würden sein Blut kochen und sich sein Innerstes nach außen kehren. Niemals zuvor hatte Harry einen solchen Schmerz verspürt.  Er brach zusammen, wälzte sich in einer Lache aus Blut, vergeblich versuchend, die Flammen in ihm zu löschen.  

Der Schmerz erfasste Harrys gesamtes Bewusstsein; er fühlte sich, als würde er den Verstand verlieren. Alles wurde schwarz um ihn herum.

Es gab keinen Ausweg, keine Möglichkeit, dem Schmerz zu entkommen. Er war überall, verdrängte sein gesamtes Sein.

Der Junge, der er einst gewesen war, seine Hoffnungen und Träume, sie hörten auf zu existieren, verschlungen vom Schmerz.

Bitte!

Der Junge wollte sterben, sofort, wenn er damit nur diesem Schmerz entkommen konnte. Der Tod war der einzige Ausweg.

Bitte, bitte tötet mich.

Ich halte es nicht mehr aus.

Bitte!

Bitte tötet mich!

Er spürte, wie ihn seine Lebensgeister verließen. Grüne Augen lächelten auf ihn herab. Gleich wäre alles vorbei…





Eine wunderschöne Melodie drang an den Jungen heran. Die Musik kam ihm irgendwie vertraut vor, wie eine Erinnerung an einen längst vergessenen Traum.

Und da war ein sinnlicher Duft in seiner Nase. Auch dieser kam dem Jungen irgendwie bekannt vor, aber woher?

In seinem Bewusstsein formten sich Bilder. Ein weiter blauer Horizont, Wasser, heißer Boden unter seinen Füßen.

Meer.

Der Junge wusste nicht, woher er plötzlich dieses Wort kannte, aber es fühlte sich richtig an. Aber was bedeutete es?

Wellen. Strand. Dünen.

Ihm fielen immer mehr Begriffe ein. Hatte er sie irgendwann einmal gelernt? Aber wo?

Ein warmes Gefühl auf seinen Lippen. Feuchte Spuren auf seinem Gesicht und unter seinen Fingern.

Hatte er das irgendwann einmal erlebt? Aber wann? Er konnte sich nicht erinnern…

Die Melodie, diese wunderschöne, erhabene Musik, die ihn von seinen Schmerzen erlöst hatte, wurde immer lauter, erfüllte sein gesamtes Sein. Und dahinter ein Rauschen…

Meeresrauschen.

Der Begriff klang richtig in seinem Kopf. Er hatte dieses Geräusch, den Klang der Wellen, gemocht, erinnerte sich der Junge. Wellen, die auf Strände aus hellem Sand stießen.  Blaues Wasser, so weit das Auge reichte.

Er hatte diesen Anblick geliebt. Aber wo, wo hatte er ihn gesehen? Angestrengt versuchte er sich zu erinnern.

Doch immer wieder sah er nur das tiefe Blau des Meeres. Es glitzerte in der Sonne, völlig ruhig, ungestört von den Bewegungen der Wellen.

Aber er hörte doch das Rauschen noch? Wie war das möglich?

Das war nicht das Meer, wurde dem Jungen klar. Das Blau passte nicht. Es war reiner, heller als das Wasser des Meeres, und sogar noch viel, viel schöner.

Er hatte dieses Blau schon oft gesehen in der Vergangenheit, erinnerte er sich, hatte sich in seinem Glanz verloren. Doch wo? Wo verdammt noch mal?

Eine heiße Unruhe ergriff den Jungen. Er musste sich erinnern! So viel hing davon ab…

Moment, was hing davon ab? Was war so wichtig, dass er sich an dieses Blau erinnerte?

Der Junge konnte es sich nicht erklären; er wusste einfach, dass es wichtig war, Schlüssel zu seiner Erlösung.

Erlösung?

Ja, genau, sie hatten sich erlösen wollen. Zusammen…

Er war nicht allein gewesen, wurde ihm klar! Am Strand, auf den Dünen, beim Lauschen der Wellen. Da war jemand bei ihm gewesen…

Daphne!





„Daphne!“, schrie Harry, als er seine Augen aufriss.

Harry spürte, wie der entsetzliche Schmerz zurückkehrte, tief in ihn hineinschnitt, doch er hob seinen Kopf. Er musste Daphne finden; das war das einzige, was zählte.

Er musste nicht lange nach Daphne suchen. Sie lag beinahe direkt neben ihm, auf dem Boden umherwälzend, vor Schmerzen wimmernd. Bei dem Geräusch zerbrach Harrys Herz. Wie, wie hatte er nur zulassen können, dass das hier passierte?

Neben Daphne saß Fawkes, leise singend und weinend. Die Tränen des Phönix fielen auf Daphnes Wunden, die sie sich mit ihren eigenen Fingernägeln schlug. Es sah aus, als wollte sie sich ihr Gesicht herausreißen.

Nein!

Er musste zu ihr!

Harry nahm all seine Kraft zusammen, ignorierte den Schmerz und streckte seinen Arm aus, um Daphne zu berühren.

Vergeblich.

Es fehlten immer noch einige Zentimeter.

„Daphne, bitte“, flehte Harry verzweifelt. „Bitte. Bitte sehe mich an.“

Daphne bäumte sich vor Schmerzen auf, doch schleuderte dabei ihren Kopf zur Seite, direkt vor Harrys Gesicht. Ihre Augen hatten beinahe alle blaue Farbe verloren, ersetzt durch ein dunkles Rot.

„Bitte, Daph. Ich bin hier. Ich bin hier!“

Harry versuchte, sich nach vorne zu ziehen, langsam, viel zu langsam. Fast konnten seine Fingerspitzen Daphnes Haut berühren. Es fehlten nur noch Millimeter.

„H-Harry“, hörte er ein schwaches Krächzen. Daphne schaute ihn an, aber er wusste nicht, ob sie ihn tatsächlich sehen konnte.

„Ich bin hier, Schatz“, rief er so laut er konnte, aber auch seine Stimme war kaum mehr als ein Krächzen. „Ich bin gleich bei dir. Bitte gib nicht auf. Bitte gib nicht auf…“

Er machte sich so lang wie möglich, kämpfte um ihre beiden Leben. Auch er durfte nicht aufgeben, er durfte es nicht!

Noch ein bisschen. Nur noch ein ganz kleines bisschen.

Eine letzte Anstrengung.

Geschafft!

Seine Fingerspitzen berührten Daphnes kalte Haut.

Schlagartig verebbte der Schmerz in seinem Körper, Daphnes Wimmern verstummte. Eine wundersame Wärme erfasste seinen Körper, nein, seine Seele, bevor ihn die Dunkelheit überwältigte.





Nächstes Kapitel: Fehlendes Spektakel

Vorschau:

„Ja … ähm … das war mal unspektakulär“, erklang Bagmans konsternierte Stimme.





AN:

Ich habe einen neuen, kurzen Oneshot („Wahlabend“) veröffentlicht, den ihr euch auch gerne angucken könnt :) Bis dahin freue ich mich auf eure Kommentare zu diesem Kapitel!
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