Vögel und Monster

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18
Albus Dumbledore Daphne Greengrass Dobby Fawkes Harry Potter
17.01.2020
12.10.2020
28
222.004
57
Alle Kapitel
104 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
19.08.2020 9.739
 
AN:

Vielen Dank an Zwergfan, Nessi00, PrivateRyan, CrimsonEye, harminefan, Bros und Kaori für eure Kommentare zum vorigen Kapitel! Ich freue mich über jeden einzelnen Kommentar und lese gerne eure Meinungen und Vermutungen. Außerdem beantworte ich gerne alle eure Fragen, die ihr zur Geschichte habt, sei es in den Kommentaren oder in einer privaten Nachricht.

Inzwischen sind wir also schon bei Kapitel 24 angelangt. Wäre diese Geschichte ein Adventskalender, wäre heute also Heiligabend. Wie passend, dass in diesem Kapitel unter anderem der Weihnachtsball stattfinden wird :)

Es wird wieder sehr viel Kitsch mit Harry und Daphne geben – und damit meine ich: 100% Haphne-Kitsch! Seid gewarnt! – aber ihr wisst ja inzwischen, wie der Hase läuft.

Übrigens: Die Alternativtitel für dieses Kapitel waren „Maskerade“ und „Schwanensee“ ;)





Kapitel 24 – König und Königin

„Ich bringe Dumbledore um“, tobte Harry, sobald er wieder an der Wasseroberfläche war. Seine zitternden Hände ließen das goldene Ei los, das ihnen gerade die nächste Aufgabe des Turnieres offenbart hatte. Ihm würde dasjenige, was er sehnlichst vermissen würde, genommen werden. Und wenn er es nicht innerhalb einer Stunde zurückerlangte, bliebe es für immer verschwunden.

Diese kryptischen Wörter konnten nur eines bedeuten. Sie würden Daphne verschleppen, denn nichts anderes würde er so sehnlich vermissen wie sie. Sie würden Daphne tief in den Schwarzen See voller Gefahren bringen. Und wenn er Daphne nicht innerhalb einer Stunde retten könnte, würde er sie für immer verlieren.

Ein Bild drängte sich vor Harrys inneres Auge. Eine blasse, auf dem Wasser treibende, tote Daphne, ihre Augen leer, aber dennoch voller Anklage. Warum, Harry? Warum hast du mich nicht gerettet?

Nein! Niemals würde er das zulassen! Er würde sie alle umbringen, er würde –

Harry zuckte zusammen, als sich plötzlich eine kalte Hand auf seine nackte Brust legte. Daphne schaute ihn mit ihren funkelnden und vor allem lebendigen Augen an. Ihre nassen Haare klebten ihr im Gesicht.

„Dein Herz rast.“

Erst jetzt bemerkte Harry, dass sein Herz in seiner Brust so schnell schlug, dass er das Gefühl hatte, gleich explodieren zu müssen. Eine entsetzliche Hitze hatte seinen Körper ergriffen, die ausnahmsweise nicht von der Nähe ihrer beiden nackten Leiber herrührte.  

Daphne rückte noch näher an ihn heran, während ihre Hände über seinen Oberkörper strichen. Plötzlich senkte sie ihren Kopf und ihre weiche Lippen küssten seine Brust, genau an der Stelle, an der sich sein Herz befand.

Harry erschauderte, jedoch verebbte auch der Schmerz.

„Besser?“

„Daphne…“, begann Harry, bevor er stockte. Mit welchem Zauber hatte die Hexe vor ihm ihn nur belegt? Er fühlte sich, als befände er sich in einer Traumwelt, weit entfernt von der Profanität irdischer Gefilde.

„Ich bin hier, mein Schatz. Niemand wird mich jemals von dir fortreißen können.“

Ihr warmer Atem strich über seine Lippen, verheißungsvoll, verführerisch. Harry fühlte sich, als würde er sich im Strudel ihrer eisblauen Augen verlieren. Ein Zauber. Anders konnte er sich diesen Moment wahrlich nicht erklären.

Er spürte, wie Daphne seine Hand nahm und an ihre Wange legte. Seine Finger strichen über ihre weiche Haut, so warm und doch so kühl.

„Hast du gar keine Angst?“, flüsterte er.

„Ich habe eine riesige Angst“, antwortete Daphne leise. „Jeden einzelnen Tag. Ich fürchte mich, dass ich dich eines Tages verlieren könnte. Du bist das letzte, an das ich denke, bevor ich einschlafe. Und das erste beim Aufwachen. Vor dir war mir Liebe fremd, und jetzt kann ich nicht mehr ohne leben. Also ja, Harry James Potter, ich habe Angst. Aber ich weiß auch, dass du nichts, absolut gar nichts unversucht lassen würdest, um mich zu retten. Und du bist viel, viel besser als die anderen, erbärmlichen Champions.“

„Aber der See –“

„Ist auch nur eine Pfütze. Bitte, Harry. Bitte sei zuversichtlich und stark. Ich … Ich weiß nicht, wie lange ich diese Maskerade noch aufrechterhalten kann…“

Daphne stockte und Harry bemerkte, dass sie tatsächlich angefangen hatte, zu zittern. In diesem Augenblick wurde ihm alles klar.

„Daphne … Ich liebe dich, von ganzem Herzen“, fasste er seine Gefühle in Worte und führte ihre Lippen zu den seinen.

Es war ein wunderschöner, zärtlicher Kuss, der dennoch voller Leidenschaft war. Er zeugte von Hoffnung und dem Versprechen, für immer füreinander da zu sein.

Harry musste all seine Selbstbeherrschung aufbringen, um Daphne nicht gleich hier und jetzt zu fragen. Seit ihrem Kampf gegen den Drachen stand sein Entschluss fest, aber es war noch nicht der richtige Zeitpunkt. Vorher musste er sichergehen, dass seine Idee nicht völlig aberwitzig war.

Aber würde Daphne überhaupt zustimmen? Was, wenn sie nur ihm zuliebe zustimmte, es eigentlich aber gar nicht wollte?

Nein, darum konnte er sich auch noch später Gedanken machen. Zunächst musste er herausfinden, wie er Daphne aus dem See würde retten können.



Hand in Hand gingen Harry und Daphne zurück in den Kerker. Es war bereits kurz vor der Nachtruhe und außer ihnen bewegten sich nur die flackernden Schatten der Fackeln in den verlassenen Korridoren.

Plötzlich fiel Harry etwas ein, an das er vorher noch gar nicht gedacht hatte. „Äh, Daph“, wandte er sich an seine Partnerin. „Kannst du eigentlich schwimmen?“

Daphne stoppte und schenkte ihm einen ungläubigen Blick. „Meinst du die Frage ernst? Kannst du dir etwa vorstellen, dass mir meine Eltern beigebracht haben, zu schwimmen? Das hätte doch nur meine Überlebenschancen erhöht.“

Wieder einmal bereute es Harry, zugestimmt zu haben, dass sich Daphne allein um ihre Eltern kümmerte. Wenn es nach ihm gegangen wäre, wäre ihr Tod ganz sicherlich nicht so schmerzlos verlaufen…

Vergangenheit war Vergangenheit, ermahnte er sich und schob den Gedanken beiseite. Er musste sich auf die Zukunft konzentrieren.

„Dann bringe ich es dir bei“, erwiderte er. „Ich habe es zumindest mal in der Grundschule gelernt, aber es seitdem nicht mehr gemacht. Wir werden also jeden Tag üben.“

Ein verschmitztes Lächeln legte sich auf Daphnes Gesicht. „Du willst mich doch nur wieder nackt sehen, oder? Du Perversling.“

„Wenn hier einer pervers bist, dann bist du es, Daph“, lachte Harry auf, und bevor Daphne protestieren konnte, fuhr er eilig fort. „Aber nein, mir wäre es lieber, wenn wir Badesachen anziehen würden. Denn wir werden diesmal nicht im Versteck, sondern im See schwimmen gehen.“

„Du scherzt, oder? Schwimmen im See? Bei der Eiseskälte?“

„Klar, wozu gibt’s wohl Wärmezauber?“





Und wie er sich freute, dass es so etwas wie Wärmezauber gab, dachte Harry, als er sich einige Tage später im eisigen Wasser des Sees aufrichtete und sein Atem vor seinem Mund gefror. Er wollte lieber nicht wissen, wie er sich ansonsten den Arsch abfrieren würde in der morgendlichen Kälte, die in Hogwarts Ende November herrschte.

Hinter sich hörte Harry das Wasser plätschern, als seine Partnerin langsam zu ihm aufschloss. Mit einem amüsierten Lächeln drehte er sich um und blickte über den See, der zu dieser Uhrzeit immer noch größtenteils in der Dunkelheit verborgen lag. Die Sekunden vergingen, in denen Harry nichts weiter spürte als das Wasser, das seine Füße umspülte und an seinem Körper herabrann, und nichts weiter hörte als Daphnes Schwimmbewegungen in der Finsternis.

Der frühe Morgen, an dem Hogwarts und die ganze Welt noch zu schlafen schienen, war wahrlich Harrys Lieblingszeit des Tages. In diesen wunderschönen, wenngleich viel zu kurzen Momenten konnte er all seine Sorgen – die zerbrochenen Freundschaften, das offene Misstrauen, die Angst um Daphnes Leben – vergessen. In diesen Momenten fühlte er sich lebendig und frei.

Irgendwann tauchte schließlich Daphnes roter Kopf aus der Dunkelheit empor, während sie langsam auf ihn zu schwamm. Ob ihr Kopf jedoch vor Anstrengung oder Zorn gerötet war, vermochte Harry nicht zu erkennen.

„Ich habe gewonnen“, rief er ihr zu, ein Lachen unterdrückend.

„Weil du ein verdammter Betrüger bist“, zischte Daphne ihn an, so gut es eben ging, wenn man angestrengt versuchte, seinen Kopf über Wasser zu halten. „Du hattest einen Vorsprung. Das war nicht fair!“

„Wer sagt mir denn immer, dass das Leben nicht fair ist?“, erwiderte Harry grinsend.

Daphne war inzwischen bei ihm angekommen und marschierte schnurstracks auf ihre zusammengelegten Sachen am Steinstrand zu. „Ich sehe, der Schüler übertrumpft den Meister“, murmelte sie, während sie nach ihrem Zauberstab griff, um sich zu trocknen.

Harry tat es ihr gleich und kurz darauf waren sie beide getrocknet und angezogen. Hand in Hand gingen sie wieder zurück zum Schloss, in dessen Fenster noch so gut wie keine Lichter brannten. Bis zum Sonnenaufgang würde es noch mindestens eine Stunde dauern, aber für die Frühaufsteher – wie Harry und Daphne es waren – wurde auch schon zu dieser Uhrzeit Frühstück serviert.

Auch bei Hagrid musste es sich wohl um einen solchen Frühaufsteher handeln, denn nachdem sie eine kleine Baumgruppe umrundet hatten, sahen sie den Halbriesen plötzlich vor sich auf dem Weg entlangschreiten, Fang an seiner Seite. Beim Anblick von Hagrid verkrampfte sich Harrys Inneres. Aber vielleicht hatte sich Hagrid ja inzwischen wieder beruhigt.

Das würde er nur herausfinden, wenn er es versuchte.

„Hey, Hagrid“, rief er so laut wie er konnte.

Hagrid stoppte und drehte sich zu ihnen um, machte jedoch keinerlei Anstalten, Harrys Gruß zu erwidern. Fang jedoch wedelte vor Freude mit dem Schwanz und wäre vermutlich zu ihnen gelaufen, wenn Hagrid den Hund nicht auf einmal am Halsband gepackt und schnell hinter sich hergezogen hätte. Schon bald waren Hagrid und Fang wieder aus Harrys Sichtfeld verschwunden.

Das war eindeutig gewesen. Eine tiefe Traurigkeit breitete sich in Harry aus. Hagrid war sein erster Freund gewesen auf dieser Welt und nun hatte auch er sich von ihm abgewandt, wie schon so viele andere.

Verdammt, er hatte den Drachen doch auch nicht töten wollen, es war einfach … passiert. Oder wäre es Hagrid lieber, wenn er anstelle des Mistviechs gestorben wäre?

Er wurde aus seinen trüben Gedanken gerissen, als er spürte, wie Daphne seine Hand drückte. Sie stand jetzt direkt vor ihm, sodass sich ihre Gesichter beinahe berührten.

„Irgendwann wird er sich wieder einkriegen, Harry“, sagte sie zärtlich. „Er braucht nur noch Zeit, um verarbeiten zu können, was geschehen ist. Er hat einen Teil von dir gesehen, von dem er vorher nicht wusste, dass er existierte. Und er lässt sich im Moment viel zu sehr von der Maxime beeinflussen, der dumme, verliebte Narr.“

Sie hatte vermutlich recht, dachte Harry. In den Augen der Welt hatte er bei der ersten Aufgabe unmissverständlich seine eigene moralische Verdorbenheit offenbart. Inzwischen wurde nicht nur mehr gemunkelt, dass er ein angehender Dunkler Lord war, sondern als erwiesene Tatsache angesehen. Dennoch, Hagrids Verrat schmerzte. Mit dem Hass seiner Feind konnte er leben, aber er brauchte die Unterstützung der Menschen, die er liebte, sonst…

Harry schüttelte den Kopf. Diese Gedanken führten doch zu nichts.

Er bemerkte Daphnes besorgtes Gesicht und zwang sich, zu lächeln. „Ja, du hast vermutlich recht“, erwiderte er.

Daphne runzelte ihre Stirn. „Harry, wenn du traurig bist, versuche ich natürlich, dich zu trösten, aber ich will nicht, dass du mir etwas vorspielst. Bitte. Ich will, dass wir immer ehrlich zueinander sind.“

Harry nickte und lächelte nicht mehr. „Ja, ich bin traurig“, gab er zu. „Ich weiß aber auch, dass ich niemanden dazu zwingen kann, mich zu mögen. Vielleicht … vielleicht sind Hagrid und ich nicht mehr länger Freunde…“

„Dann ist er selbst schuld, den besten Freund verloren zu haben, den man sich nur wünschen kann“, sagte Daphne und beugte ihren Kopf nach vorne. Aber anstatt ihn zu küssen, was Harry erwartet hatte, stupste sie mit ihrer Nase gegen seine. „Du wirst immer mein erster und bester Freund bleiben.“

„Freund, hmm?“, gluckste Harry.

Daphne rollte mit den Augen und winkte ab. „Freund, Partner, Geliebter, Lebensretter, Kopfkissen. Du weißt ja, wie es läuft.“

„Kopfkissen, ich fühle mich geschmeichelt.“

„Spiele jetzt nicht die beleidigte Leberwurst. Du bist das gemütlichste Kopfkissen der Welt.“

„Das wird ja immer besser!“

Lachend machten sich die beiden Teenager zurück auf dem Weg zum Schloss, während langsam die Sterne der Nacht am Horizont verblassten.



Sie lachten und witzelten immer noch, als sie durch das große Eichenportal in die Eingangshalle von Hogwarts traten, die von mehreren Fackeln in ein orangenes Licht getaucht wurde. Als Harry leise Schritte hörte, blickte er zu der marmornen Treppe auf der anderen Seite der Halle.

Dort stand seine Lieblingslehrerin Professor McGonagall, regungslos, innehaltend in ihrer Bewegung. Es war nicht ungewöhnlich, dass sie die stellvertretende Schulleiterin so früh morgens antrafen, schien sie doch genauso ein Morgenmensch zu sein wie sie. Jedoch war seit der ersten Aufgabe vor sechs Tagen nichts mehr normal in Harrys Leben.

Immerhin hatte McGonagall ihn – anders als Hagrid – nicht angeschrien. Stattdessen sprach sie jedoch gar kein Wort mehr mit ihm. Keine Nachfragen, wie es ihm ging, keine Einladung zu privaten Förderstunden, keine freundlichen Plaudereien.

War sie enttäuscht von ihm? Hatte sie Angst? Oder war sie angewidert, wie so viele andere?

Er versuchte, Blickkontakt mit McGonagall herzustellen, aber sie wandte den Kopf ab und eilte schnell den Rest der Treppe hinunter, bevor sie in der Großen Halle verschwand.

Traurig seufzte Harry auf. Wie es aussah, hatte er mit einem Schlag all seine Freundschaften zerstört, als er diesen, bisher verborgenen Teil seiner selbst offenbart hatte. Dabei hatte es sich doch so gut, so berauschend angefühlt. Aber jedes Glück hatte seinen Preis…

„Du bist nicht allein“, flüsterte Daphne ihm ins Ohr, sodass ihre Haare in seinem Nacken kitzelten. „Vergiss das niemals.“

Dankbar lächelte er seiner Freundin zu und zusammen schritten sie in die Große Halle, in der lediglich einige wenige Schüler und Lehrer saßen. Der Slytherin-Tisch war sogar noch komplett leer, was Harry zwar etwas überraschte, aber nicht weiter kümmerte.

Die Schüler an den anderen drei Tischen warfen ihnen teils misstrauische, teils verängstigte Blicke zu, aber das war er schon gewohnt. Er wusste, wie ihn die Leute hinter seinem Rücken nannten. Und auch Daphne wurde bereits seit dem letzten Jahr als „Elternmörderin“ oder „Erbschleicherin“ verunglimpft.  

Idioten, allesamt. Wenn sie auch nur einen einzigen Tag so gelebt hätten wie Daphne, würden sie auf den Knien angekrochen kommen und um Vergebung flehen. Die Vorstellung zauberte ein Lächeln auf Harrys Gesicht.

Sein Blick wanderte zum Lehrertisch, in dessen Mitte Professor Dumbledore saß, bereits in ein Gespräch mit Professor McGonagall vertieft. Seit ihrem Aufeinandertreffen im Lazarettzelt hatte Dumbledore ihn nicht mehr aufgesucht oder mit ihm gesprochen. Harry wusste nicht, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war. Sie mussten auf jeden Fall vorsichtig sein.

Sie ließen sich nebeneinander an ihrem gewohnten Platz am Ende des Slytherin-Tisches nieder. Sofort schaufelte sich Harry große Portionen Speck, Toast und Eier auf den Teller, immerhin machte morgendliches Schwimmtraining außerordentlich hungrig. Auch Daphne langte zu, sodass für einige Zeit nur lautes Schmatzen zu vernehmen war.

Die morgendliche Ruhe wurde jäh unterbrochen, als plötzlich Snape eintrat, hinter ihm mehrere schnatternde Slytherin-Schüler. Augenblicklich richteten sich seine wütend funkelnden Augen auf Harry, der sich bereits auf das Schlimmste gefasst machte, auch wenn er keine Ahnung hatte, um was es diesmal gehen könnte.

Snape eilte zu ihrem Platz am Slytherin-Tisch, wie eine jähzornige Fledermaus mit fettigen Haaren. „Potter“, zischte er, wobei er so sehr spuckte, dass Harry fürchtete, etwas von seinen Körperflüssigkeiten könnte auf sein Essen spritzen. Bei dem Gedanken verging ihm jeglicher Appetit. „Wo bist du gewesen?“

Unbeeindruckt erwiderte Harry Snapes Blick. Nachdem man einem Basilisken, einem Massenmörder und erst vor kurzem einem furchterregenden Drachen gegenübergestanden hatte, war ein Zaubertrankmeister mit Aggressionsproblemen wirklich nicht mehr sonderlich beängstigend.

„Schwimmen“, antwortete Harry achselzuckend. „Warum? Ist das verboten?“

„Noch einmal so eine freche Bemerkung und du sitzt nach, Potter“, zischte Snape. „Heute früh war die bereits seit langem angekündigte Hausversammlung. Aber in deiner Arroganz hast du vermutlich gedacht, dass eine so ordinäre Veranstaltung natürlich unter deiner Würde liegt.“

Harry tauschte einen fragenden Blick mit Daphne. Solche Hausversammlungen gab es immer mal wieder, aber bisher hatte es niemanden interessiert, dass er und Daphne nie dorthin gingen. Daher hatte er gar nicht gewusst, dass heute anscheinend wieder eine angesetzt gewesen war.

„Und?“, fragte Harry mit hochgezogener Augenbraue.

„Und, Potter, wärst du da gewesen, müsste ich nun nicht dieses Gespräch führen. Ich habe keine Ahnung, wie du nach Slytherin gekommen bist, aber als dein Hauslehrer“ – hier hatte Harry das Gefühl, als müsste sich Snape beinahe übergeben – „als Hauslehrer ist es, wie mir unser verehrter Schulleiter mitgeteilt hat, meine Pflicht, den Slytherins mitzuteilen, dass an Weihnachten ein Ball stattfinden wird. Wegen des Turnieres. Und die Champions müssen mit ihren Partnern den Ball eröffnen. Wage es also ja nicht, Schande über Slytherin zu bringen, also mehr, als du es schon sowieso tust.“

Und damit drehte sich Snape um und eilte mit wehendem Umhang hinfort.

Harry brauchte nicht lange, um die Bedeutung von Snapes Worten zu erfassen. Vermutlich hätte er damit rechnen müssen, hatte er doch in seinen Recherchen zum Trimagischen Turnieren bereits gelesen, dass dazu auch ein Weihnachtsball gehörte, um die Bande zwischen den Schulen zu stärken. Daher wusste er auch, was eine bestimmte Person jetzt von ihm erwartete.

Er schielte zu Daphne, die so tat, als würde sie ganz genau ihre Fingernägel betrachten. Sie wollte also ein Spiel daraus machen, dachte Harry mit einem imaginären Augenrollen. Verwöhnte Prinzessin.

„Ähm, Daphne“, sprach er sie an.

„Hmm.“ Daphne schaute ihn immer noch nicht an.

Harry seufzte auf. Dann also die volle Show.

„Milady“, sprach er und ergriff Daphnes Hand. „Würdet Ihr mir die Ehre erweisen, mich auf den Ball zu begleiten?“

Daphne blickte ihn an, ein schelmisches Glitzern in den Augen. „Oh, Milord, womit habe ich diese Ehre nur verdient?“, antwortete sie mit gespielter Überraschung. „Natürlich begleite ich Euch gerne zum Ball.“

„Vorzüglich“, erwiderte Harry, bevor er sich nicht mehr zusammenreißen konnte und lauthals loslachen musste, was ihm viele verwirrte Blicke einbrachte.

„Natürlich gehe ich mit dir zum Ball“, flüsterte Daphne, ebenfalls grinsend, während sie ihre Arme um seinen Nacken legte. „Die dunkle Lady kann ihren Dunklen Lord doch nicht allein lassen.“ Und damit drückte sie ihre Lippen auf die seinen.

Zärtlich erwiderte Harry den Kuss und drückte Daphne noch näher an sich heran, sodass sie schließlich auf seinem Schoß saß. Völlig blind und taub für ihre Umgebung, wurde ihr Kuss immer leidenschaftlicher. Innig erforschten sie die Mundhöhle des anderen mit ihren Zungen. Daphne schmeckte so köstlich, dachte Harry wie berauscht. Wie nur konnte jemand so süß schmecken, der gerade eben noch Speck und Eier gegessen hatte?

Er hatte bereits völlig sein Zeitgefühl verloren, als ihn plötzlich ein lautes Räuspern direkt neben ihm aus seiner Glückseligkeit riss. Widerwillig versuchte er, sich von Daphne zu lösen, aber sie krallte ihre Hände in sein Hemd und presste ihren Mund noch härter auf den seinen.

Es gab ein weiteres Räuspern. Aus den Augenwinkeln konnte Harry eine vertraute Silhouette neben ihrem Tisch erkennen. Kraftvoll drückte er seine Freundin von sich weg. „Daph“, lachte er, „wir müssen aufhören.“

Daphne machte einen Schmollmund, bevor sie sich an Lupin wandte, der – wie Harry nun feststellte – leicht lächelte. „Professor, Ich glaube, mein Freund mag Sie mehr als mich.“

„Nun, solange er sich nicht auch auf mich so stürzt, ist alles in Ordnung“, erwiderte Lupin kopfschüttelnd. „Die gesamte Halle hat euch zugeguckt, wisst ihr.“

Harry, der immer noch viele Blicke in seinem Rücken spüren konnte, zuckte nur mit den Schultern. „Es redet ja sowieso keiner mehr mit uns, also müssen wir auch keine Rücksicht mehr auf andere nehmen.“

Ein Schatten huschte über Lupins Gesicht, als er langsam nickte. Anders als Hagrid und McGonagall hatte er nicht den Kontakt zu Harry abgebrochen, auch wenn es offensichtlich war, dass ihm die Magie, mit der er den Drachen getötet hatte, nicht geheuer war. Allerdings hatte er nicht weiter nachgebohrt und Harrys Ausreden, er habe den Zauberspruch in Alexandria gefunden, erstmal akzeptiert. Anscheinend nahm er seinen Schwur, den Sohn seiner besten Freunde zu beschützen, tatsächlich ernst, wofür Harry ihm äußerst dankbar war. Manchmal brauchte er einfach mal einen Gesprächspartner ohne betörende Lippen, weiche blonde Haare und wunderschön schimmernde Augen…

Harry schüttelte den Kopf. Was war in letzter Zeit nur mit ihm los? Das konnten doch nicht nur seine Teenagerhormone sein.

Daphne, die immer noch auf seinem Schoß saß, warf ihm einen vielsagenden Blick zu, bevor sie ihren Kopf auf seine Schulter legte.

„Also wollten Sie die Schicklichkeit in dieser elitären Bildungseinrichtung wahren?“, fragte Harry Lupin. „Oder geht es um heute Abend?“

Seit ein paar Tagen trafen sie Lupin abends zu privaten Unterrichtsstunden, in denen er ihnen beibrachte, wie man sich gegen diverse Wasserwesen verteidigen konnte. Lupin hatte nämlich – nachdem er sich ihres Wohlbefindens versichert hatte – das goldene Ei geborgen, dass Harry nicht mehr hatte holen können, bevor er das Bewusstsein verloren hatte. Dem ausgewiesenen Experten für magische Geschöpfe aller Art war es nicht lange verborgen geblieben, dass es sich bei dem kreischenden Lärmen, das erklang, wenn man das Ei öffnete, um Meerisch handelte. Das war überhaupt erst der Grund gewesen, aus dem Harry es unter Wasser geöffnet hatte.

„Genau“, antwortete Lupin. „Kommt heute bereits eine Stunde früher als sonst. Dann haben wir noch Zeit, die Zauber von gestern zu wiederholen.“

„Ich komme heute Abend nicht“, warf Daphne ein. „Ich hab Nachsitzen bei Sprout. Anscheinend zu viel Unterricht geschwänzt.“

Harry lachte auf. Wenn es nach ihnen ginge, würden sie Hogwarts so schnell wie möglich den Rücken kehren. Warum sollten sie noch irgendwas für die Schule machen, wenn ihre Noten sowieso völlig egal waren. Als ob sie irgendwo in der Zaubererwelt einen Job finden würden nach ihrem Abschluss.

„Okay, dann sehen nur wir uns, Harry“, erwiderte Lupin und verabschiedete sich von ihnen.

Die Große Halle war inzwischen gut gefüllt und es war auch an der Zeit für die Morgenpost. Hunderte Eulen flogen durch die Öffnungen unter der Decke und brachten Briefe, Päckchen und Zeitungen zu ihren jeweiligen Empfängern. Es überraschte Harry inzwischen nicht mehr, dass mehrere der Tiere direkt vor ihm und Daphne landeten. Mit einem Schwenk seines Zauberstabs lösten sich mehrere dutzend Briefe von den Beinen der Eulen, die daraufhin wieder abhoben.

Daphne bewegte ihren Zauberstab über die Briefe, die danach in unterschiedlichen Farben schimmerten.

„Ach, wie nett, heute nur sieben Briefe mit kleinen Überraschungen“, kommentierte Harry, während er sich neuen Kürbissaft eingoss. Daphne hatte währenddessen mehrere Briefe geöffnet und angefangen, sie zu lesen. „Warum liest du die überhaupt noch?“, fragte Harry seine Freundin.

„Weil ich neugierig bin, ob sie sich mal was Neues ausdenken. Schaut aber nicht so aus. Du niederträchtige Schlampe, hör auf, unseren Harry zu verderben mit deiner Abartigkeit. Oh, der hier scheint von einem Kind zu sein. Du pist eine böhse Hekse. Wie niedlich.“

Harry war hin- und hergerissen. Einerseits wollte er laut loslachen, andererseits die Absender ins Jenseits hexen. Niemand durfte seine Daphne beleidigen.

„Du liest deine nicht mehr?“, fragte Daphne, als sie nach der aktuellen Ausgabe des Tagespropheten griff.

„Ne. Ist ja eh immer das gleiche. Du bist eine Schande. Deine Eltern wären enttäuscht von dir. Bla, bla, bla.“ Mit einem weiteren Schwenk seines Zauberstabs fingen die verbliebenden Briefe Feuer. „Was schreiben die Zeitungen heute?“

„Kimmkorn und Parkinson haben heute keinen Artikel, vermutlich müssen sie sich erst wieder was Neues ausdenken. Schade eigentlich, ich mochte die letzten Artikel. Der Titel Dunkle Lady steht mir, denkst du nicht? Hat was Unanständiges, finde ich.“

Harry verschluckte sich beinahe an seinem Kürbissaft.

„Ruhig, ruhig, mein Dunkler Lord. Nicht gleich übermütig werden“, lachte Daphne und schlug ihm auf den Rücken. „Aber hier ist tatsächlich mal ein mehr oder weniger sachlicher Artikel. Anscheinend hat Madam Bones Forderungen nach deiner Verhaftung abgewiesen, da die Tötung des Drachen im Rahmen des Turnieres kein Verbrechen darstellt. Das gleiche gilt für den Einsatz unbekannter Magie.“

„Merlin sei Dank“, murmelte Harry. „Gerichtsverhandlung und Gefängnisstrafe hätte ich nur sehr schwer in meinen Terminkalender unterbringen können.“

Nachdem sie aufgegessen und sich um ihre Post gekümmert hatten, verließen Harry und Daphne die Große Halle. Sie wussten, dass sie die gesamte Zeit beobachtet worden waren und sich deshalb deutlich gelassener gegeben, als sie sich eigentlich fühlten. Harry war die feindselige Atmosphäre, die sich um sie herum immer weiter zuspitzte, gar nicht geheuer. Zu viele Bedrohungen, verborgen im Schatten. Zu viele potenzielle Feinde. Zumal sie immer noch nicht den blassesten Schimmer hatten, wer überhaupt dafür gesorgt hatte, dass er am Turnier teilnehmen musste.

Überall konnte ihr Verhängnis lauern. Im Moment waren es nur Briefe mit ätzender Säure, aber wer wusste schon, wann jemand mal – aufgewiegelt von der Hetze der Medien – zu drastischeren Mitteln greifen würde. Sie mussten noch viel, viel mächtiger werden, um irgendwann in Sicherheit leben zu können. Mächtiger gar als Dumbledore und Voldemort. Aber bis dahin war es noch ein unendlich langer, steiniger Weg, wenn es überhaupt möglich war, dieses Ziel zu erreichen.

Auf jeden Fall mussten sie jeden Vorteil nutzen, der ihnen in die Finger geriet. Das war auch der Grund, warum Harry jede Nacht noch in seinem Bett über ihren Abschriften aus Alexandria brütete, die Dobby ihm brachte. Das und sein eigenes, egoistisches Verlangen.

Sie betraten eine Treppe, die sich daraufhin in Bewegung setzte und zum nächsten Stockwerk flog.

„Was machst du dann heute Abend, nach dem Nachsitzen?“, fragte Harry.

Daphne holte tief Luft, bevor sie antwortete. „Ich hab mich entschieden, Astoria einen Brief zu schreiben.“ Auf Harrys fragenden Blick hin, fuhr sie fort. „Ich denke immer noch, dass es richtig war, sie wegzuschicken. Ich meine, schau uns doch nur mal an.“ Harry musste nicken. Sie waren kaputt. „Aber sie ist doch trotzdem meine Schwester, nicht wahr?“

Harry drückte ihre Hand, aber ansonsten verfielen sie in ein nachdenkliches Schweigen, bis sie den siebten Stock erreichten. Dort angekommen, fragte Daphne,  „Welchen Kurs hätten wir eigentlich jetzt gleich?“

„Ich glaube Zauberkunst“, überlegte Harry. „Schade eigentlich, ich hab die Klasse immer gemocht. Und Flitwick hat mich auch immer unterstützt. Ich weiß gar nicht, was er über all das denkt.“

„Er hält seine Schüler auf jeden Fall nicht davon ab, dich zu beleidigen und über dich zu lästern“, warf Daphne mit kalter Stimme ein. „Chang und Co. Natürlich wussten sie nicht, dass ich in der Toilettenkabine war. Den Fehler werden sie vermutlich kein zweites Mal begehen.“

Harry lachte auf. Er wollte die Details gar nicht wissen, aber er wusste, dass seine Freundin zur Furie werden konnte, wenn sie wütend war.

Am Wandteppich von Barnabas dem Bekloppten angekommen, ging Harry dreimal vor der Steinwand auf und ab, während er an ihr Versteck dachte, das nur sie beide betreten konnten. Voller Vorfreude auf einen Tag voller Magie trat das Paar anschließend durch die im Gemäuer erschienene Tür.  

Kurz bevor sich die Tür hinter ihnen schloss, versuchte auch ein kleiner Käfer in den Raum zu gelangen, prallte jedoch an einer Art unsichtbaren Kraftfeld ab und trudelte benommen zu Boden, ohne dass Harry und Daphne irgendetwas davon mitbekommen hätten.





Greengrass-Erbin terrorisiert Mitschülerinnen – Wie lange schaut Dumbledore noch tatenlos zu?

Von Rita Kimmkorn

Seufzend legte Harry den Tagespropheten vor sich auf den Tisch. Anscheinend hatte die alte Heuschrecke ihre Lektion immer noch nicht gelernt.





„Wie findest du den hier?“, fragte Harry, während er Daphne den Prospekt herüberreichte.

Daphnes Augen überflogen die Bilder, bevor sie schließlich zustimmend nickte. „Passt zu deinen Augen. Sehr schön.“

„Brauchst du nicht auch noch ein Kleid?“

„Da hab ich mich schon drum gekümmert.“

„Aber du hast mir gar nichts gezeigt –“

„Lass dich einfach überraschen“, unterbrach Daphne ihn und küsste ihn auf die Nase, ein verschmitztes Lächeln im Gesicht.





„Aua! Harry, du bist mir schon wieder auf die Füße getreten.“

„Warum waren deine Füße auch dort?“

„Weil du mich nicht richtig führst!“

Harry stöhnte innerlich auf. Sie waren so abgelenkt gewesen mit ihrem magischen Training und der Verachtung der gesamten Welt, dass ihnen erst heute Morgen, drei Tage vor dem Ball, aufgefallen war, dass sie beide nie gelernt hatten, wie man eigentlich tanzte.

Tanzen! Wer hätte gedacht, dass zu einem Ball auch Tanzen gehörte?!





Die Mutter lachte hell auf, als sie eilig ihrer kleinen Tochter auswich, die aufgeregt einer schwarzen Katze hinterherlief. „Ariana, ich habe dir doch schon tausendmal gesagt, dass du Mona in Ruhe lassen sollst.“

Doch Ariana machte keinerlei Anstalten, in ihrer Verfolgungsjagd innezuhalten. Amüsiert schüttelte Kendra den Kopf und wandte sich ihrem ältesten Sohn zu, der tief in ein Buch versunken auf der Couch saß.

„Albus“, rief sie ihm zu. „Nimm deine Schwester und füttere mit ihr die Hühner. Bevor sie noch irgendwas umwirft.“

Albus stöhnte entnervt auf, während er widerwillig von seinem Buch aufguckte. „Muss ich? Kann das nicht Aberforth machen?“

„Der baut mit eurem Vater den Weihnachtsbaum auf. Und ich muss mich ums Essen kümmern. Nun mach schon!“ Ihr energischer Blick machte klar, dass sie keine weiteren Widerworte akzeptieren würde.

Grummelnd stand Albus auf und nahm die Hand seiner kleinen Schwester, die sich schon sichtlich auf die Hühner freute.

„Ja, Hühner!“, rief sie fröhlich und klatschte in die Hände.



Tränen strömten über Dumbledores Gesicht, als er sich vom Denkarium erhob, in dem er die das letzte gemeinsame Weihnachtsfest seiner, damals noch glücklichen Familie verfolgt hatte.

Dumbledore ließ sich an der Wand zu Boden gleiten, heftig weinend, während die Portraits der früheren Schulleiter berührt wegschauten. Mit zittrigen Händen nahm er ein kleines Medaillon aus einer der zahlreichen Taschen seiner Robe. Als er es öffnete, blickte er in das Gesicht eines kleinen Mädchens mit blonden Haaren und blauen Augen, das glücklich lachte. Dumbledore schluchzte auf.

Oh, Ariana. Es tut mir so leid. So schrecklich leid.

In Momenten wie diesen fühlte sich Dumbledore einfach nur einsam. Was nützten ihm all sein Ansehen und all seine Macht, wonach er früher so sehr gestrebt hatte, wenn er am Ende dennoch der hilfloseste Mensch auf Erden war? Allein und verlassen, seinem Schmerz und Schuldgefühlen ausgeliefert, seit inzwischen 95 Jahren.

Plötzlich erklang ein ihm nur allzu vertrauter Schrei und kurz darauf landete Fawkes im Schoß des Schulleiters, seine goldenen Augen eine Quelle des Mitgefühls. Eine wohlige Wärme ging von dem Flammenvogel aus, die Dumbledore an gemütliche Abende vor einem lodernden Kaminfeuer denken ließ.

„Danke, Fawkes“, flüsterte er, während er sich mit dem Handrücken Tränen aus dem Gesicht wischte. „Du bist ein wahrer Freund und Gefährte.“

Der Phönix gurrte leise und rieb seinen Kopf an Dumbledores Wange. Dieser seufzte auf und lehnte seinen Kopf gegen die Steinwand hinter ihm, seine Augen auf den leise rieselnden Schnee außerhalb des Turmfensters gerichtet.

„Gibt es etwas, das du zutiefst bereust, Fawkes?“, flüsterte Dumbledore, während er über das weiche Gefieder des Phönix strich. „Etwas, was du so sehr bereust, dass du dir wünschst, du könntest die Zeit zurückdrehen, um alles ungeschehen zu machen?“

Fawkes schenkte ihm einen unergründlichen Blick seiner goldenen Augen, die im Licht der Kerzen geheimnisvoll schimmerten. Dumbledore hoffte, dass sein Freund ihm irgendwann genug vertrauen würde, um ihm seine Vergangenheit zu offenbaren.

Im Moment hatte Dumbledore jedoch vor allem mit seinen eigenen Schuldgefühlen zu kämpfen. Dabei hatte zwar jeder seine eigene Reue zu schultern, aber nur wenige so sehr wie er. Er hatte in seinem Leben so viele Fehler gemacht, dass es eigentlich für zehn Leben reichen würde. Man müsste eigentlich denken, dass er mit 113 Lebensjahren über eine gewisse Weisheit verfügte, jedoch fühlte er sich, je älter er wurde, nur umso hilfloser.

Wie viel Leid und Schmerz hatte er durch seine vergangenen Entscheidungen ausgelöst? Wie viele Leben hatten seine Fehler gekostet?

Würden abertausende Hexen, Zauberer und Muggel heute noch leben, wenn er Gellert damals nicht in seinem Wahn bestärkt hätte? Und ihre Nachkommen, die nie das Licht der Welt erblickt hatten?

Würden unzählige seiner Freunde noch bei ihm sein, wenn er Tom mehr Liebe und Zuneigung gezeigt hätte? Aber er war doch nur sein Lehrer gewesen … Dennoch, er hätte ihm aus dem Waisenhaus holen können, er hätte ihm sogar erlauben können, in Hogwarts zu bleiben.

Das gleiche, was er dem jungen Harry dann gestattet hatte, vor drei Jahren. So lange war es schon her, dass er ihn und Daphne vor dem Spiegel Nerhegeb beobachtet hatte.

Hatte seine Entscheidung irgendwas geändert? Hatte er Harry von diesem dunklen Pfad, der letztlich doch nur zu seinem eigenen Verhängnis führe konnte, abbringen können?

Was war mit Daphne? Wie hatte er es zulassen können, dass Eltern ihre eigene Tochter folterten? Nichtwissen konnte für ihn doch keine Ausrede sein. Wenn er wollte, konnte er einfach alles wissen.

Aber er hatte sich doch absichtlich von dieser Macht abgewandt…

War das ein weiterer seiner Fehler, unter dem die Menschen leiden würden? Konnte er überhaupt irgendwas richtig machen?

Harry … Er hatte nicht gelogen, als er Harry angeschrien hatte. Er schauderte tatsächlich, wenn er ihn betrachtete. Seine Kälte, seine Empathielosigkeit, seine Apathie gegenüber dem Leid anderer. Und die dunkle Magie, über die er schon jetzt – mit gerade einmal vierzehn Jahren – gebot.

Würde er wie Tom werden? Würde sich die Geschichte wiederholen? War die Menschheit dazu verdammt, die immergleichen Fehler zu begehen?

Jedoch gab es eine Sache, die Harry von Tom unterschied – Daphne. War sie sein letzter Halt vor dem Fall oder diejenige, die ihn in die Tiefe stürzte? War sie die Hoffnung oder das Verderben der Welt?

Dumbledore seufzte auf. Fragen, so viele Fragen, aber so wenige Antworten.

Er schaute zu Fawkes, dessen uralte, goldene Augen immer noch auf ihn gerichtet waren. „Du vertraust ihnen, oder?“, stellte er leise die Frage, die er den Phönix schon häufiger gefragt hatte. „Harry und Daphne.“

Die Augen des Phönix blitzten kurz auf, was aber vermutlich nur eine erneute Spiegelung des Kerzenlichts darstelle. Dann jedoch bewegte Fawkes seinen Kopf, sodass es beinahe so ausschaute, als würde er nicken, während Dumbledore erneuet eine wohlige Wärme verspürte, Linderung für seine geplagte Seele.

„Sie sind nicht wie Tom?“ War das Hoffnung in seiner Stimme?

Eine weitere bejahende Kopfbewegung des Phönix.

„Du weißt viel mehr, als du mir erzählst, oder?“

Diesmal schwieg Fawkes und Dumbledore wollte gerade eine weitere Frage stellen, als es plötzlich laut an der Holztür zu seinem Büro klopfte. Hastig rappelte er sich vom Boden auf und entfernte mit einem Schwenk seines Zauberstabs alle Tränenspuren aus seinem Gesicht, sodass er wieder wie der altehrwürdige Schulleiter aussah, für den ihn die meisten Menschen hielten. Fawkes war inzwischen wieder zum Metallständer neben dem Schreibtisch geflogen.

„Herein“, rief Dumbledore.

Die Tür öffnete sich knarrend und hindurch trat Minerva McGonagall, seine Stellvertreterin und Freundin.

„Albus“, begrüßte sie ihn ruhig. „Wir müssen runtergehen. Bald geht es los. Die Hauselfen sind gerade mit den Dekorationen fertig geworden.“

„Ich komme“, erwiderte Dumbledore und zusammen ließen sich die beiden Lehrer von der steinernen Wendeltreppe heruntertragen.





Zufrieden betrachtete Harry sich im Spiegel. Zwar hatte er es nicht hinbekommen, seine widerspenstigen Haare zu zähmen, aber ansonsten fand er, dass er in seinem grünlich schimmernden Festumhang einen mehr als annehmbaren Eindruck machte. Wie Daphne wohl ausschauen würde? Sie befand sich inzwischen seit über einer Stunde in dem angrenzenden Badezimmer, um sich auf heute Abend vorzubereiten. Ihr großer Tag, in mehrfacher Hinsicht.

Bei dem Gedanken, was er Daphne nachher fragen würde, raste sein Herz. Verdammt, warum ängstigte ihn das nur mehr als der Kampf gegen den Drachen? Es war doch nur Daphne. Seine Daphne.

Harry zwang sich, ruhig einzuatmen, und blickte zu der Uhr an der Wand. Sie hatten noch ein paar Minuten, bevor sie in die Eingangshalle runtergehen mussten. Da er nichts Besseres zu tun hatte und ganz gewiss nicht Daphne in ihren letzten Vorbereitungen stören wollte, schlenderte er zum Fenster, von wo aus er auf die Ländereien Hogwarts‘ blicken konnte, die aussahen, als wären sie mit Puderzucker bestaubt worden. Alles schimmerte weiß im frisch gefallenen Schnee. Hagrids Hütte und die danebenstehende große Kutsche sahen aus, als wären sie einem Märchenbuch entsprungen. Harry hätte es in diesem Moment nicht gewundert, wenn auf einmal der Schlitten der Schneekönigin durch die Winterlandschaft gleiten würde, um verfluchte Kinder in ihren Eispalast zu entführen. Letztlich war doch das gesamte Leben nur ein Märchen; die Frage war nur, ob man der Held oder der Bösewicht war.

„Harry“, riss ihn eine sanfte, ihm nur allzu vertraute Stimme aus den Gedanken.

Er schnellte herum und der Anblick, der sich ihm daraufhin bot, verschlug ihm den Atem. Vor ihm stand Daphne in einem eleganten, blauen Kleid, das anscheinend der griechisch-ägyptischen Mode aus Alexandria nachempfunden war. Sie hatte gerade genug Schminke aufgetragen, dass es ihre natürliche Schönheit betonte, anstatt sie zu überdecken. Und ihre langen Haare umrahmten ihr lächelndes Gesicht, bevor sie ihr über Schultern und Rücken fielen.

Wunderschön. Das war das einzige Wort, mit dem Harry seine Partnerin beschreiben konnte. Jetzt war er sich endgültig sicher, dass das hier alles ein Märchen war. Das konnte doch niemals die Wirklichkeit sein, dass er, der kleine, unbedeutende Junge aus Ligusterweg Nr. 4, von dieser Prinzessin geliebt wurde.

Daphnes Lächeln wurde noch weiter, ganz so, als könnte sie seine Gedanken lesen. „Gefalle ich dir? Ich habe Ganda gebeten, mir dieses Kleid zu besorgen.“

„Wow, Daphne“, versuchte Harry seine Gefühle in Worte zu fassen. „Du siehst wirklich unglaublich aus. Also gut unglaublich. Du bist wunderschön.“

Daphnes Augen strahlten vor Freude, als sie zu ihm trat und ihre Arme um seinen Nacken legte. „Du sieht auch gut aus, mein Märchenprinz“, lachte sie, bevor sie ihm sanft auf die Lippen küsste.

Harry wurde von einem Gefühl der Liebe zu seiner Partnerin überwältigt. Sollte er vielleicht jetzt schon – Nein, ermahnte er sich, gegen sein inneres Verlangen ankämpfend. Noch nicht. Jetzt war noch nicht die richtige Zeit. Nach dem Ball!

Als sie sich wieder voneinander lösten und einfach nur glücklich anlächelten, fiel Harry ein, dass er ja noch eine weitere Überraschung für Daphne hatte, die jetzt, da er ihr Kleid gesehen hatte, sogar noch besser passte.

Er ließ seine Partnerin los und eilte zu seiner Tasche, die immer noch neben dem Spiegel an der Wand lag. Aus dieser holte er einen in ein rotes Tuch gewickelten Gegenstand hervor.

„Ich habe noch ein kleines Geschenk für dich“, sprach er und wandte sich wieder seiner Freundin zu, die ihn neugierig anschaute.

Damit schlug er das Tuch weg und enthüllte ein rundes, metallenes Objekt, das im Licht der magischen Lampen golden glitzerte.

„H-Harry, was ist das?“, fragte Daphne ungläubig, auch wenn sie bestimmt erkannt hatte, um was es sich bei seinem Geschenk handelte.

„Das, mein Schatz, ist ein Diadem“, erwiderte Harry. „Ich habe es mir ebenfalls aus Alexandria schicken lassen. Es ist sehr alt. Wer weiß, vielleicht war es sogar einst die Krone einer antiken Pharaonin, vielleicht gar von Kleopatra selbst.“

Daphne schien gar nicht den Blick von dem Diadem in Harrys Händen abwenden zu können. Mit funkelnden Augen streckte sie ihre leicht zitternde Hand aus und strich über das geschichtsträchtige Metall.

„Aber Harry“, flüsterte sie. „Das ist doch viel zu protzig. Das –“

„Papperlapapp“, unterbrach Harry sie, indem er einen Finger auf ihre Lippen legte. „Es ist gerade richtig, damit die ganze Welt sehen kann, dass du meine Königin bist.“

Damit nahm er das Diadem wieder in beide Hände und setzte es Daphne auf dem Kopf. Es war etwas zu groß, aber plötzlich glühte das Schmuckstück kurz auf und passte sich an Daphnes Kopfform an.

„Perfekt“, verkündete Harry stolz.

Daphnes Hand fuhr zu ihrem Kopf, während sie sich gebannt im Spiegel betrachtete. Plötzlich drehte sie sich wieder zu ihm um, ihre Augen blitzend wie Edelsteine. „Oh, Harry, danke. Danke! Nicht für das Diadem an sich. Nein, danke dafür, für deine Absicht dahinter. Wenn ich deine Königin bin, dann bist du mein König. Und noch so viel mehr.“

„Dann, meine Königin, wollen wir unsere Untertanen mal nicht länger warten lassen“, erwiderte Harry überglücklich und bot Daphne seinen Arm an. Bisher verlief der Abend einfach perfekt.

„Untertanen?“, lachte Daphne auf, als sie sich bei Harry unterhakte. „Dann hoffe ich nur, dass es uns nicht wie einigen früheren Herrschern ergehen wird. Ich hab meinen Kopf lieber auf meinem Hals.“

Harry stimmte in ihr Lachen ein und zusammen verließen sie den Raum der Wünsche und machten sich auf den Weg hinab in die Eingangshalle.

In dieser wimmelte es bereits von Leuten, die auf der Suche nach ihren Verabredungen waren oder sich gegenseitig auf die Füße traten in dem Versuch, möglichst nah an das noch verschlossene Tor zur Großen Halle zu gelangen. Sobald jedoch Harry und Daphne die Marmortreppe hinunterschritten, richteten sich alle Blicke auf sie. Harry erkannte sogar, wie einige der Schüler auf sie deuteten, während sie aufgeregt mit ihren Freunden flüsterten.

„Sie sind alle von deiner Erhabenheit überwältigt, meine Königin“, murmelte Harry.

Daphne schenkte ihm ein amüsiertes Lächeln. „Mindestens genauso sehr von deiner. Du siehst heute wirklich zum Anbeißen aus.“

Das Paar stellte sich an die Wand und wartete zusammen mit den anderen Schülern, dass es acht Uhr wurde und die Flügeltüren zur Großen Halle aufgingen. Auch wenn Harry immer wieder die Blicke ihrer Mitschüler spüren konnte, so hielten sie doch wie gewohnt Abstand, als ob sie Angst hätten, dass Harry ihnen das gleiche wie dem Drachen antun würde.

Um kurz vor acht Uhr öffnete sich das gewaltige Eichenportal und die Schüler aus Durmstrang strömten in die Halle, wodurch es für alle außer Harry und Daphne noch enger wurde. Überrascht stellte er fest, dass es sich bei dem Mädchen an Krums Seite um ihren allseits bekannten Bücherwurm Granger handelte. Damit hätte er tatsächlich nicht gerechnet. Sie sah viel schöner aus als sonst und strahle übers gesamte Gesicht. Harry gönnte es ihr. Wer sich jeden Tag mit Hohlköpfen wie Weasley herumschlagen musste, hatte sich auch mal einen angenehmen Abend verdient.

Durch das nun geöffnete Eingangsportal erkannte Harry, dass der gesamte Bereich vor dem Schloss verzaubert worden war. Statt kaltem Schnee befand sich dort nun eine Art Grotte mit Rosenbüschen, kleinen Skulpturen, Sitzbänken und hunderten herumfliegender Lichterfeen. Er hätte sich nicht gewundert, wenn das die Idee von Gilderoy Lockhart gewesen wäre; zuzutrauen wäre ihm so viel Kitsch auf jeden Fall.

Auf einmal ertönte Professor McGonagalls magisch verstärkte Stimme. „Die Champions hierher, bitte!“

Daphne hakte sich wieder bei Harry unter und zusammen schritten sie beide in die Richtung, aus der McGonagalls Stimme gekommen war, rechts neben der Großen Halle. Die Menge teilte sich vor ihnen und ein Mädchen aus Harrys Jahrgangsstufe (Abboot? Abbit? Er war sich nicht sicher) stürzte sogar zu Boden, als sie überhastet zurückwich. Wie gut, dass ihr Longbottom –  anscheinend ihre Verabredung für den heutigen Abend – eilig wieder aufhalf, nicht jedoch, ohne Harry einen bösen Blick zuzuwerfen, als ob das alles seine Schuld gewesen wäre!

Sie waren das erste Champions-Paar bei McGonagall, die einen mit einem schottischen Muster verzierten Festumhang trug und zudem einen Distelkranz auf die Krempe ihres Hutes gelegt hatte.

Als McGonagall sie erblickte, schienen widersprüchliche Gefühle über ihr Gesicht zu huschen. Angst, Trauer, Sorge. Schließlich holte sie tief Luft und warf ihnen ein leichtes Lächeln zu, auch wenn es etwas gezwungen wirkte.

„Miss Greengrass, sie sehen wirklich hinreißend aus“, sagte sie. „Sie sehen auch schick aus, Mr. Potter.“

„Vielen Dank, Professor“, antwortete Daphne höflich, während Harry nur dankbar nickte.

Ihm war es, als wollte McGonagall noch etwas anderes sagen, jedenfalls öffnete sie ihren Mund, zögerte dann jedoch für einige Sekunden, bevor sie ihn letztlich wieder schloss, ohne ihre Gefühle offenbart zu haben. Inzwischen waren auch die anderen drei Champions mit ihren Partnern eingetroffen, sodass sich McGonagall nun diesen zuwandte. Sie wies sie an, hier zu warten, während die anderen Schüler schon in die nun geöffnete Große Halle strömten und sich auf ihre Plätze setzten. Sie selbst sollten erst danach in einem feierlichen Zug die Halle durchqueren.

Interessiert betrachtete Harry die anderen Champions. Fleur Delacour zog in ihrem silbergrauen Satinkleid die Blicke der meisten männlichen Schüler auf sich. Ihr Begleiter konnte auf jeden Fall seine Augen gar nicht abwenden von der Französin.

Krum und Granger standen etwas abseits und schienen sich leise miteinander zu unterhalten. Diggory und seine Partnerin, eine asiatisch-stämmige Ravenclaw-Schülerin, schließlich lächelten sich nervös an (auch wenn Harry das Gefühl hatte, dass die Ravenclaw-Schülerin ab und zu nervöse Blicke in ihre Richtung warf) und schienen tatsächlich Gefühle füreinander zu hegen, wenn Harry das richtig erkennen konnte. Immerhin waren er und Daphne alles andere als typische Beispiele für das Dating-Verhalten von Teenagern. Ganz im Gegenteil.

Sobald alle Schüler drinnen einen Platz gefunden hatten, wies McGonagall die vier Champions und Partner an, sich hintereinander aufzustellen und ihr der Reihe nach zu folgen. Ganz vorne gingen die ausländischen Gäste, dann kam Diggory und den Abschluss bildete Harry mit Daphne an seiner Seite.

In diesem Moment nahm sich Harry vor, all seine Sorgen für die nächsten paar Stunden beiseitezuschieben. Er wollte einen unbeschwerten, wunderschönen Abend mit Daphne verbringen, als seien sie zwei ganz normale, verliebte Teenager und nicht die Parias der gesamten Zaubererwelt.

Sie lächelten sich zu und unter allgemeinem Beifall betraten sie hinter den anderen die Große Halle, die mit funkelnden Eiskristallen, Girlanden und Mistelzweigen geschmückt war. Anstelle der Haustische befanden sich nun dutzende kleinere, runde Tische in der Halle, an denen sich die Schüler niedergelassen hatten und den Champions applaudierten.

Seinem guten Vorsatz für den heutigen Abend folgend ignorierte Harry die finsteren Blicke, mit denen er und Daphne bedacht wurden. Er machte sich sogar einen Spaß daraus, es den anderen Champions gleichzutun, indem er den Schülerinnen und Schülern vergnügt zuwinkte, ganz besonders Malfoy, der in seinem Festumhang aus schwarzem Satin aussah wie ein Pinguin. Immerhin passte Parkinson, seine Begleiterin, zu diesem illustren, kleinen Zoo, denn in ihrem berüschten blassrosa Kleid sah sie aus wie ein Schwein.

Auf ihrem Weg zum großen runden Tisch auf dem Podium, an dem bereits die Richter saßen, kamen sie auch an Harrys Lieblings-Gryffindor Weasley vorbei, der wie immer mürrisch dreinblickte. Kannte der Junge überhaupt so etwas wie Freude in seinem Leben?

Jedoch verschwand der Möchtegernlöwe wieder schnell aus Harrys Gedanken, als sie die Treppenstufen zum Podium erreichten. Er half Daphne beim Hinaufsteigen, bevor sie sich schließlich auf die letzten freien Plätze setzten. Harry saß nun neben Krum und Granger und Daphne neben Diggory und seiner Begleiterin. Gegenüber von ihnen saßen Dumbledore, der sie mit einem unergründlichen Blick bedachte, sowie die anderen Richter. Karkaroff sah wie gewohnt blass und müde aus, mit tiefen Augenringen im Gesicht. Auch Crouch sah kränklich aus, während er sichtlich gelangweilt dem Geplapper von Bagman lauschte. Madam Maxime unterhielt sich bereits auf Französisch mit Delacour, ganz so, als würde sie die schmachtenden Blicke Hagrids von einem der anderen Lehrertische gar nicht bemerken.

Alles in allem befand sich Harry nun in einer ihm völlig unbekannten Situation, umgeben von Menschen, die er nicht einschätzen konnte. Aber vermutlich dachten sie das gleiche über ihn, was er wiederum amüsant fand.

Er blickte zu Daphne, die bereits die Speisekarte vor sich studierte. Harry unterdrückte ein Lachen. Es war inzwischen nach 8 Uhr abends, natürlich hatte seine Freundin Hunger. Jedoch sah er nirgendwo Bedienungen. Wie sollten sie dann ihr Essen bestellen?

Anscheinend war er nicht der einzige, der sich das fragte, denn auch die anderen guckten rätselnd auf die Speisekarten. Alle außer Dumbledore jedenfalls, der, nachdem er die Speisekarte wieder auf den Tisch gelegt hatte, klar und deutlich zu seinem Teller sagte: „Schweinekoteletts!“

Und tatsächlich erschienen darauf Schweinekoteletts auf dem goldenen Teller. Jetzt begriffen auch die anderen am Tisch das Prozedere und bestellten ebenfalls bei ihren Tellern. Harry überflog die Speisekarte und brauchte nicht lange, um sich zu entscheiden.

Daphne war anscheinend zu der gleichen Entscheidung gekommen, denn just in dem Moment, als Harry seinen Teller fixierte und laut Tauben und Wachteln bestellte, tat sie das gleiche mit ihrem Teller. Sie tauschten einen Blick, bevor sie anfingen zu lachen, während vor ihnen zwei identische Essensportionen erschienen.

„Möchtet ihr mich in den Grund für eure Belustigung einweihen?“, fragte plötzlich Dumbledore von der anderen Tischseite in betont freundlicher Stimme. Seine hellblauen Augen waren fest auf Harrys Gesicht gerichtet.

Harry schaute ihn überrascht an. Das waren also die ersten Worte, die Dumbledore an ihn richtete, seitdem er ihn beschuldigt hatte, ein empathieloser Mörder zu sein? Eine Frage nach einem ihrem Lachen?

Er spürte, wie Daphne unter dem Tisch sanft seine Hand drückte, bevor sie in ebenfalls betont freundlichem Tonfall antwortete. „Natürlich, Professor. Harry und ich fanden es nur amüsant, dass wir beide gleichzeitig das gleiche Essen bestellt haben, Tauben und Wachteln. Wie Sie sicherlich wissen, ist das eine ägyptische Delikatesse und auch wir fanden das Gericht in Alexandria äußerst delikat.“

Dumbledore nickte zustimmend. „Ich kann mich noch an das leckere Essen dort erinnern, auf jeden Fall eine Abwechslung zur britischen Küche. Welchen Eindruck hattet ihr sonst von Alexandria, also außer dem nachlässigen Sicherheitskonzept?“ Bei seinen letzten Worten funkelten seine Augen durch die halbmondförmigen Brillengläser.

Harry runzelte die Stirn, als er angestrengt versuchte, die Absichten ihres Schulleiters zu durchschauen. Wollte er nur ein harmloses Gespräch führen oder verfolgte er einen Plan? Sie mussten vorsichtig sein.

„Es ist eine faszinierende Stadt“, erwiderte er achselzuckend. „Man merkt ihr ihr Alter an. Jahrtausende magischer Geschichte haben ihre Spuren hinterlassen, vor allem in der Bibliothek. Ich habe ihnen ja schon erzählt, was für unglaubliche Magie man dort finden kann, wenn man nur richtig sucht.“ Dumbledores Gesicht verriet keinerlei Emotionen außer wohlgemeinter Neugierde. Einer inneren Eingebung folgend fuhr Harry fort. „Ich glaube, selbst wenn man dort sein gesamtes Leben verbringt, wird man es nicht schaffen, alles zu lernen, was man lernen kann, und alle Geheimnisse zu lüften, die die Bibliothek zu bieten hat. Etwa weil man nicht über die Möglichkeiten, oder wohl eher Fähigkeiten verfügt, bestimmte Orte zu erreichen, was die Bibliothek gewissermaßen mit Hogwarts gemeinsam hat. Jaja, die Zauberer, geheimniskrämerisches Völkchen.“

Verständnis blitzte in Dumbledores Augen auf. Aufmerksam beugte er sich etwas nach vorne, während um sie herum andere, belanglose Gespräche geführt wurden. „Orte?“, fragte er. „Meinst du zufällig Orte wie die Kammer? Und mit Fähigkeiten meinst du –“

„Ich denke, Sie verstehen, was ich meine“, erwiderte Harry schlicht, während er anfing zu essen. Innerlich jedoch jubilierte er. Dumbledore war auf seine Lüge hereingefallen. Sollte er ruhig denken, dass er auf irgendein Versteck eines antiken Parselmunds gestoßen war, wenn es ihn dazu brachte, endlich zu glauben, dass er den Zauberspruch für den zersetzenden Nebel in Alexandria gelernt hatte.

Dumbledore lehnte sich zurück in seinen Stuhl, anscheinend tief in Gedanken versunken. Daphne verzehrte völlig entspannt ihr Essen und ließ es sich nicht anmerken, dass Harry gerade dem vermeintlich weisesten Zauberer der Welt einen Bären aufgebunden hatte, auch wenn er ein leichtes Lächeln um ihre Mundwinkel bemerkte. Er selbst musste sich ebenfalls zusammenreißen, um nicht zu grinsen. Daher konzentrierte er sich auf seine Okklumentik-Übungen und wandte sich seinem Essen zu, das wirklich ausgezeichnet schmeckte. Die Hauselfen von Hogwarts hatten sich wieder einmal selbst übertroffen.

Als alle aufgegessen hatten, erhob sich Dumbledore von seinem Platz und bat die Schüler, ebenfalls aufzustehen. Harry reichte Daphne seinen Arm und zusammen schauten sie zu, wie Dumbledore mit einem Schlenker seines Zauberstabs die Tische an den Rand der Halle bewegte, sodass in der Mitte nun viel Platz war. Anschließend beschwor er eine Bühne mit mehreren Instrumenten – unter anderem Schlagzeug, Gitarren, Cellos, Lauten und Dudelsäcken. Harry konnte sich nicht anders helfen, als beeindruckt zu sein von Dumbledores Zurschaustellung seiner Macht, denn er erweckte den Eindruck, als würde ihm das alles nicht mehr Mühe bereiten als kurz seine Brille zu richten. Sie mussten wirklich noch viel üben, um es eines Tages mit Dumbledore aufnehmen zu können.

Anscheinend war die Band, die danach auf die Bühne stürmte, sehr beliebt, denn die Schüler fingen bei ihrem Anblick an zu kreischen und zu klatschen. Harry jedoch hoffte nur, dass sie gute Musiker waren, denn es viel ihm schon schwer genug, überhaupt im richtigen Takt zu tanzen, selbst bei perfekt gespielten Liedern.

Er zwang sich, ruhig zu atmen, als er mit Daphne an seiner Seite den anderen Champions in die Mitte der Halle folgte. Es war ihm zwar egal, ob er sich gleich vor den anderen Schülern zum Affen machen würde, aber er wollte gut tanzen, um Daphne eine Freude zu machen.

Daphne.

Harry spürte, wie sich sein Magen zusammenzog, als er wieder einmal daran dachte, was er ihr nach dem Ball vorschlagen würde. Er betete zu Gott – an den er nicht glaubte – dass sie ja sagen würde.

„Harry!“, riss ihn Daphne Stimme aus seinen Gedanken.

Die Musik hatte bereits angefangen, eine langsame, traurige Melodie. Na klasse, den Anfang hatte er schon mal direkt vermasselt.  

Hastig legte er seine rechte Hand um Daphnes Hüfte und ergriff mit seiner anderen Hand die ihrige, bevor er in den langsamen Walzer einstieg. Nach ein paar Tanzschritten glaubte er, dass er den Dreh einigermaßen raushatte, jedoch fiel ihm auf, dass er nur auf seine und Daphnes Füße starrte. Er blickte auf und wurde von schelmisch glänzenden, eisblauen Augen begrüßt.

„Du bist ein schrecklicher Tänzer“, grinste Daphne ihn an.

„Na zum Glück tanzt du genauso schlecht wie ich“, erwiderte Harry, während er angestrengt aufpasste, seiner Partnerin nicht auf die Füße zu treten. Er bemerkte, dass Daphne ihn immer noch breit angrinste. „Was ist?“

Daphne schüttelte leicht den Kopf, aber ihre Augen strahlten. „Ich kann mir nicht anders helfen. Ich bin einfach glücklich.“

Bei ihren Worten ging Harry das Herz auf. Was für einen langen Weg sie beide doch zurückgelegt hatten, von den kleinen Kindern in der Winkelgasse, die es verinnerlicht hatten, ihre Freude zu unterdrücken, zu den beiden Liebenden, die sie jetzt waren, engumschlungen, Walzer tanzend und vor allem glückselig grinsend.

Von da an verbrachte Harry den Abend wie im Rausch. Weder verließen sie die Tanzfläche nach dem ersten Lied noch nach dem zweiten oder einem der anderen Lieder, die noch folgten. Zusammen tanzten sie. Wie der schwarze Schwan und der Prinz tanzten sie in einem Meer aus Farben, für das Harry schon längst keine Augen mehr hatte, verloren in den blauen Iriden seiner Träume und Sehnsüchte. Sie tanzten, als wären sie die einzigen Menschen auf der Welt, zwei ruhelose Seelen, die Frieden ineinander gefunden hatten.  

Als nach mehreren Stunden der letzte Ton erlosch und tosender Beifall entbrannte, betrachtete Harry nach Atem ringend seine Partnerin. Jetzt war der Moment gekommen, auf den er die letzten Wochen hin gefiebert hatte, der Moment, der sein gesamtes Leben verändern würde.

„Daphne“, keuchte er. „Ich muss dir noch etwas sagen.“

Und damit nahm er ihre Hand und lief los, vorbei an überraschten Gesichtern, glücklichen Paaren und lachenden Schülern. Auch Daphne lachte laut auf, während ihre langen Haare hinter ihr her wehten. Sie kamen an Crouch und Bagman vorbei, die beide ausschauten, als hätten sie zu tief ins Glas geguckt; und an Lupin, der seinen Arm auffällig tief um die Taille von Professor Sinistra gelegt hatte.

Sie liefen Treppen hinauf und durch verlassene Korridore, bis sie schließlich in ihrem Versteck im siebten Stock angelangt waren. Eilig schlug Harry die schwere Eichentür hinter sich zu, bevor er sich der wartenden Daphne zuwandte.

Seine Partnerin bedachte ihn mit einem verschmitzten Lächeln und hochgezogener Augenbraue. „Was ist los, Harry?“, neckte sie ihn. „Ich hoffe, du hast jetzt nichts Unanständiges vor?“

Harry schüttelte nur stumm den Kopf, denn er hatte auf einmal das Gefühl, als hätte er alles vergessen, was er je übers Sprechen gelernt hatte. Sein Herz pochte wie verrückt, seine Handflächen schwitzten, er fühlte sich so nervös wie noch niemals zuvor in seinem Leben.

Verdammt, er hatte seine Worte so oft geübt in den letzten Tagen, war so oft kurz davor gewesen, alle Vernunft über Bord zu werfen und Daphne einfach zu fragen, und jetzt bekam er seinen Mund nicht auf?

„Harry?“, fragte Daphne leise, während sie sich ihm langsam nährte. Die Besorgnis war ihr deutlich anzuhören. „Ist alles in Ordnung? Ist –“

Harry nahm all seinen Mut zusammen, ergriff Daphnes Hände, die erschrocken aufschrie, und schaute ihr tief in die Augen.

„Daphne, ich muss dir etwas sagen“, sprach er so schnell, dass er fürchtete, seine Zunge würde sich verknoten. „Ich … Ich hab eigentlich etwas auswendig gelernt, aber … aber ich erinnere mich nicht mehr.“ Daphne schaute ihn nur mit großen Augen an, ihr Gesicht eine Miene der Überraschung. Hastig fuhr Harry fort. „Das heute war einer der schönsten Abende meines Lebens, Daphne. Ich … Ich kann dich nicht verlieren, ich kann nicht –“

„Du wirst mich niemals verlieren, ich werde –“

„Nein, nein, nein, du verstehst nicht. Ich dachte, wir würden sterben … Als wir den Drachen getötet haben … Ich dachte, du würdest sterben, und ich auch. Weil du deinen Geist mit meinem verbunden hast, weil wir diese Magie angewandt haben. Die Magie ist zu viel für uns, Daph. Ich werde nicht zulassen, dass du stirbst bei dem Versuch, mich zu retten! Ich kann es nicht, also zulassen, dass du dich für mich in Gefahr begibst.“

Erschrecken spiegelte sich in Daphnes blauen Augen. Erschrecken und Furcht. Harry fühlte sich, als sei sein Herz von einem Speer aus Eis durchbohrt worden.

„Nein, nicht das, was du vermutest“, schob er eilig hinterher. Verdammt, warum fiel es ihm nur so schwer, seine Gefühle auszudrücken? „Daphne, ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr, dass ich es gar nicht in Worte fassen kann. Ohne dich wäre mein Leben leer. Und sinnlos. Du bist das einzige, was meinem Leben einen Sinn verleiht.“ Er stockte. Jetzt war der Moment der Entscheidung gekommen. „Ich bin egoistisch, Daph. So unglaublich egoistisch. Ich will, dass wir für immer zusammen sind. Ich will mein Leben mit dir verbringen. Sogar mehr. Daher … daher habe ich noch mal all unsere Abschriften angesehen. Ich … ich denke, dass ich einen Weg gefunden habe, wie wir für immer zusammenbleiben können, wie wir auch die Magie in den Büchern benutzen können. Daher möchte ich dich fragen … ich möchte dich fragen…“ Seine Stimme versagte.

„Was möchtest du mich fragen?“, flüsterte Daphne so leise, dass es beinahe nicht zu vernehmen war.

Harry holte tief Luft und verstärkte den Griff um Daphnes Hände. Jetzt oder nie.

„Daphne, willst du deine Seele mit meiner verbinden?“

Es fühlte sich an, als sei die Zeit stehen geblieben. Er hatte es getan! Er hatte die schicksalsträchtige Frage gestellt, von der sein gesamtes zukünftiges Leben abhängte, die Frage, die er in den letzten Tagen unzählige Male im Kopf durchgegangen war. Und jetzt hing alles an Daphne. Sie konnte alles nehmen – sein Herz, sein Seele, sein Leben. Wenn sie es wollte, könnte sie ihn in ihrer Faust zerquetschen, denn von diesem Moment an würde er für immer ihr gehören.

Alle Geräusche um ihn herum verstummten, außer dem wilden Pochen seines eigenen Herzens, als er die Reaktion seiner Geliebten verfolgte.

Daphnes Hände zitterten, nur unmerklich, für Harry aber dennoch offensichtlich wie der Mond am Sternenhimmel. Eine Vielzahl verschiedener Emotionen glitt über ihr Gesicht – Überraschung, Schmerz, Verlangen – während Tränen aus ihren Augen über ihre geschminkten Wangen strömten. Sie schloss ihre Augen und es schien, als würde ihr Körper von einem heftigen Heulkrampf gepackt werden. Doch als sie ihre Augen wieder öffnete, strahlten sie mit einer Freude, die Harry noch niemals zuvor erlebt hatte.

Plötzlich sprang Daphne nach vorne und warf ihre Arme um Harrys Hals, sodass er beinahe zu Boden gefallen wäre. „Ja, Harry! Ja!“, rief sie laut. „Eintausendmal ja!“





Nächstes Kapitel: Vereinte Seelen

Vorschau:

Um zwei Leben miteinander zu verbinden, muss ein anderes Leben geopfert werden.





AN:

Wie hat euch das Kapitel gefallen? Mein Problem mit vielen Seelenpartner-Geschichten ist die fehlende Freiwilligkeit. Das wollte ich hier anders machen. Hier haben sich Harry und Daphne bewusst dazu entschieden, in einem Ritual ihre Seelen miteinander zu verbinden und somit aus Sicht der Welt und Magie eins zu werden. Wie seht ihr das? Und was denkt ihr, wie das Ritual im nächsten Kapitel ablaufen wird?
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