Vögel und Monster

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18
Albus Dumbledore Daphne Greengrass Dobby Fawkes Harry Potter
17.01.2020
26.10.2020
29
230.852
57
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Dieses Kapitel
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01.08.2020 10.529
 
AN:

Vielen Dank an Nessi00, Thor256, Naqsh-i-Rustam, Zwergfan, Wizardleo12 und Kaori für eure Kommentare zum letzten Kapitel! Ich freue mich über jeden einzelnen Kommentar!

Ich bin vor kurzem auf Youtube auf die englischen Lieder des Death Note-Musicals gestoßen und habe gemerkt, dass Daphne in einigen Aspekten durchaus nicht so unähnlich zu Misa ist, also in ihrer Liebe zu Harry. Natürlich unterscheidet sie sich auch in vielen Punkten von Misa (sie ist nicht so dumm und naiv) und Harry ist natürlich ein ganz anderer Mensch als Light, aber ich fand das trotzdem recht interessant. Vor allem die beiden Lieder „I’m Ready“ und „I’ll Only Love You More“ könnten – mit ein paar Änderungen – von Daphne stammen. So viel zu meinen heutigen Musik-Tipps :D

Kleine Anmerkung: In diesem Kapitel kommt auch ein Zauber aus dem dritten Harry Potter-Videospiel vor, meinem Lieblingsteil der Videospiele. Das habe ich wirklich schon mehrere Male durchgespielt. Ach ja, die Nostalgie :D





Kapitel 23 – Hogwarts‘ Übelkeit

„Fabelhaft, Harry. Wirklich hervorragend“, lobte Lupin, nachdem Harry in Sekundenschnelle die drei umherschwirrenden Tennisbälle getroffen hatte.

Harry und Daphne hatten schnell eingesehen, dass es vermutlich etwas überambitioniert wäre, den Drachen in der ersten Aufgabe zu töten. Immerhin sollten die Champions nur an den Drachen vorbeikommen. Und es würde wahrscheinlich für einige Verstimmung in der internationalen Zauberergemeinschaft sorgen, wenn für eine Spaßveranstaltung vier dieser so einzigartigen Geschöpfe sterben sollten. Schließlich waren Zauberer keine Barbaren, jedenfalls dachten sie das von sich.  

Daher hatten sie nach Wegen gesucht, um Drachen abzulenken oder außer Gefecht setzen zu können. Das Problem war nur, dass Drachen äußert immun gegen Zauber aller Art waren, wenn man denn überhaupt ihr Schuppenkleid und ihre dicke Haut durchdringen konnte. Aber wie es der Zufall so wollte, hatten sie einen kompetenten Verteidigungslehrer, bei dem sich Harry sowieso vorgenommen hatte, ihn besser kennenzulernen. Und er hatte ihnen ja auch mal gesagt, dass er alles tun würde, um Harry zu beschützen. Vermutlich, um seine Schuldgefühle für sein früheres Versagen zu lindern. Aber das war Harry nur Recht. Er konnte jede Hilfe gebrauchen, aus welchen Motiven auch immer.

Sie hätten sich natürlich auch an Hagrid wenden können, aber dieser hatte wahrscheinlich bereits gegen so einige Regeln verstoßen, als er Harry die Drachen gezeigt hatte. Außerdem wäre sein Vorschlag vermutlich gewesen, dem Drachen den Bauch zu kraulen…

So kam es, dass sich Harry mit Daphne und Lupin zwei Tage vor der ersten Aufgabe im Verteidigungsklassenzimmer aufhielt, um den sogenannten Konjunktivitis-Fluch zu üben. Lupin hatte ihnen diesen Zauber ans Herz gelegt, da er zu einer schmerzhaften Bindehautentzündung führen würde, einhergehend mit stark tränenden Augen und einer Beeinträchtigung des Sehens. Genau das, was man brauchte, um an einem Drachen vorbeizukommen, denn die Augen waren so ziemlich die einzige Stelle, an der ein Drache verwundbar war.

Jedoch musste man dafür überhaupt erstmal das Auge eines, sich vermutlich bewegenden Drachens treffen. Genau das wollten sie mit den umherschwirrenden Tennisbällen trainieren. Zunächst einmal hatte Harry den Zauber lernen müssen, was sehr schnell gegangen war, inzwischen beherrschte er ihn sogar stumm. Seitdem trainierte er den Zauber mit immer mehr und immer schneller fliegenden Bällen, um sich bestmöglich auf die Aufgabe vorzubereiten.

Mit einer gewissen Selbstzufriedenheit wandte sich Harry seinem Lehrer zu, der ihm anerkennend zunickte.

„Ein sehr schnelles Handgelenk hast du da“, sagte Lupin. „Dazu die Fähigkeit, den Zauber stumm zu verwenden. Ich würde dir ja ins Gewissen reden, damit keinen Schabernack zu treiben, wenn es nicht so scheinheilig von mir sein würde.“ Bei seinen letzten Worten gluckste Lupin auf.

Harry wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Was meinen Sie damit, Professor?“

„Der Zauber war zu meiner Schulzeit sehr beliebt“, antwortete Lupin kopfschüttelnd, aber sein Grinsen verriet seine Belustigung. „Vor allem dein Vater hat ihn sehr gerne verwendet, um ein paar Slytherins einen Streich zu spielen. Ich fürchte, damit hat er Madam Pomfrey sehr viel zusätzliche Arbeit beschert.“

Harry schaute neugierig auf, wie jedes Mal, wenn von seinem Vater die Rede war. „Er hat diesen Zauber auch benutzt?“, fragte er. „Und gegen Slytherins eingesetzt?“

„Nicht nur er“, lachte Lupin. „Das war eine Zeit lang eine Art Volkssport, bis die Leute irgendwann nur noch mit Gesichtsvisieren und Brillen rumgelaufen sind. Aber dein Vater war eindeutig der Beste darin, auch wenn er nicht so gut war wie du, jedenfalls wenn ich deine Leistung hier sehe.“ Er deutete auf die in der Luft erstarrten Tennisbälle.

Ein warmes Gefühl erfüllte Harrys Körper. Er hoffte, dass er seine Eltern in zwei Tagen stolz machen würde.

„Tolle Geschichte, wirklich“, unterbrach Daphnes Stimme ihre Unterhaltung. „Mich freut es auch immer, zu hören, wie dumme Slytherins leiden, aber wir sollten weiterüben.“ Damit beschwor sie fünf weitere Tennisbälle und ließ sie so schnell im Raum herumschwirren, dass ihre Konturen verschwammen. So mussten sich vermutlich Sucher im Quidditch fühlen, die versuchten, den Schnatz im Auge zu behalten, dachte Harry.

Er zückte seinen Zauberstab und richtete ihn auf den ersten Tennisball.

„Wenn du mich triffst, bringe ich dich um“, hörte er Daphnes, nicht ganz ernstgemeinte Stimme.



„Ich denke, du bist gut vorbereitet“, sagte Lupin, während er ihnen Tee einschenkte. „Es wird natürlich nicht leicht werden, aber ich unterrichte ja auch ältere Schüler, unter anderem Mr. Diggory, und denke, dass ich daher ganz gut einschätzen kann, zu was sie imstande sind. Professor Dumbledore hat mir auch versichert, dass keine Lebensgefahr besteht.“

Harry merkte, wie Daphne bei Lupins Worten zusammenzuckte, aber sie sagte nichts. Er drückte zärtlich ihre Hand und wurde dafür mit einem liebenden Lächeln belohnt, welches ihm das Herz aufgehen ließ.

Anschließend unterhielten sich die drei noch über alle möglichen weiteren Themen. Lupin schien sich insbesondere für ihren Aufenthalt in Alexandria zu interessieren. Harry fragte lieber erst gar nicht, wie er davon erfahren hatte. Die Antwort auf diese Frage fing vermutlich mit „Dumble“ an und hörte mit „Dore“ auf.

Irgendwann – draußen war schon längst die Sonne untergegangen, auch wenn Harry das in ihrer aufregenden Unterhaltung gar nicht gemerkt hatte – musste Daphne laut gähnen. „Ich gehe schon mal zurück in den Kerker“, sagte sie und drückte Harry zurück in den Stuhl, als dieser auch aufstehen wollte. „Ihr könnt euch ruhig noch weiterunterhalten, wenn ihr wollt.“

„Bist du sicher?“, fragte Harry seine Freundin. „Ich kann dich begleiten, wenn du willst.“

Daphne warf ihm einen zärtlichen Blick zu. „Danke, Harry. Aber ich sehe doch, wie viel Spaß ihr gerade habt. Damit musst du nicht meinetwegen aufhören. Wir sehen uns morgen früh wieder. Und den gesamten morgigen Tag, an dem wir noch härter trainieren werden als heute.“ Sie schaute ihn energisch an, bevor sich schließlich ein leichtes Lächeln auf ihre Lippen schlich. „Gute Nacht, mein Schatz“, flüsterte sie ihm ins Ohr, sodass Harry eine Gänsehaut bekam. Mit einem letzten weichen Abschiedskuss ließ sie Harry und Lupin im Büro zurück.

“James wäre stolz auf dich“, sagte Lupin, während er Harry angrinste.

„Was meinen Sie?“

„Dass du dir so früh schon ein so liebendes Mädchen geschnappt hast. Er hat ewig gebraucht, um Lily davon zu überzeugen, überhaupt nur auf ein Date mit ihm zu gehen. Und jetzt sieh dich an. Man könnte dich und Daphne fast schon für ein altes Ehepaar halten.“

Harry fühlte, wie er rot wurde, was Lupin allerdings nur noch lauter auflachen ließ.

„Und so wie du sie behandelst“, fuhr Lupin fort. „Ein richtiger Gentleman. Das würde deine Mutter mehr als nur Stolz machen.“

Harrys Augen leuchteten auf. „Können Sie mir mehr von meinen Eltern erzählen“, fragte er erregt. „Und vielleicht auch von ihren Eltern? Ich würde gerne so viel wie möglich von meiner Familie erfahren.“

„Natürlich, Harry“, erwiderte Lupin lächelnd, bevor er plötzlich aufstand. „Allerdings werden wir dafür mehr Tee brauchen.“





Bartemius Crouch schloss mit seinem Leben ab, als er mit gefesselten Händen den dunklen Gang entlangstolperte. Er würde diesen Abend nicht überleben, das wusste er. Insgesamt war er zufrieden mit dem, was er erreicht hatte. Immerhin war es für ihn die meiste Zeit nur aufwärts gegangen. Er bescheinigte sich selbst auch einen großen Anteil daran, dass sein Land den Krieg überstanden hatte. Er hatte sogar kurz davorgestanden, Zaubereiminister zu werden.

Jedoch hatte sein entsetzlichster Fehler alles zerstört. Niemals hätte er seinen missratenen Sohn zeugen dürfen, der so gar nichts von ihm und seiner geliebten Martha hatte. Sein Sohn, der sich einem geisteskranken Irren angeschlossen hatte. Sein Sohn, der mit dem Todesser-Abschaum die Longbottoms gefoltert hatte, bis sie den Verstand verloren hatten. Sein Sohn, dessen Zauberstab sich just in diesem Moment in seinen Rücken bohrte.

Er hatte damit gerechnet, seitdem sein Sohn aus der Gefangenschaft entkommen war. Er hätte niemals auf seine dumme Hauselfin hören sollen, doch das war nun nicht mehr wichtig.

Bartemius war nie jemand gewesen, der sich vor seiner Verantwortung gedrückt hatte. Wie die Helden in den antiken Tragödien würde er heute für seine Sünden bezahlen. Immerhin würde er dann seine Martha wiedersehen, die er seit dreizehn Jahren schrecklich vermisste. Seine Liebe zu ihr hatte ihn weich gemacht; er hätte seinen Sohn in Askaban verrotten lassen sollen. Aber auch das war nun nicht mehr wichtig. Er würde heute nicht betteln. Auch wenn die Welt vermutlich niemals davon erfahren würde, nahm er sich vor, aufrecht zu sterben.

Sie erreichten das Ende des langen Ganges. Bartemius wurde von seinem Sohn in einen Raum gestoßen, der von einem lodernden Kaminfeuer an der gegenüberliegenden Wand erleuchtet wurde. Von den Wänden pellte sich die Tapete ab, ansonsten machte der Raum aber beinahe einen gemütlichen Eindruck. Auf dem Boden lagen dicke Teppiche und vor ihm stand ein hoher Sessel, dem Kamin zugewandt. Er hatte keine Ahnung, warum sein Sohn ihn an diesen Ort gebracht hatte, aber er war zum Sterben so gut wie jeder andere.  

Sein Sohn zwang ihn auf die Knie und beugte sich selbst zu ihm herab. In seinen Augen glänzte der Wahnsinn. Nein, er hatte wirklich nichts mit ihm oder Martha gemeinsam.

„Und wie machst du es jetzt?“, fragte er verächtlich seinen Sohn. „Schlitzt du mir die Kehle auf? Oder der Todesfluch? Oder folterst du mich erstmal, so wie du es bei Frank und Alice Longbottom gemacht hast?“

Sein Sohn grinste ihn mit dreckigen gelben Zähnen an, als plötzlich ein Lachen erklang. Es war ein kaltes, freudloses Lachen, das Bartemius die Haare zu Berge stehen ließ. Das Lachen stammte jedoch nicht von seinem Sohn, sondern von dem Sessel vor dem Kaminfeuer. Sie waren also nicht alleine.

„Wen hast du noch hierhergebracht?“, zischte Bartemius seinen Sohn an. „Weitere von deinen Todesser-Freunden?“

„Aber, aber, mein lieber Bartemius!“, sagte eine grässliche, männliche Stimme, von der auch das Lachen gekommen sein musste. „Kein Grund gleich beleidigend zu werden. Dabei sind wir doch alles große Männer hier, denn für einen solchen hälst du dich doch, oder, Bartemius? Ein großer, angesehener Mann, dem sein Ruf und seine Ehre über alles geht, sogar im Sterben.“

„Wer bist du?“, rief Bartemius in Richtung des Sessels. „Zeig dich, du Feigling!“

Der fremde Mann lachte wieder auf, während sein Sohn Bartemius den Zauberstab an die Kehle drückte.

„Beherrsch dich, Barty“, sagte der Fremde kalt. „Es ist noch nicht die richtige Zeit. Vorher möchte ich mich noch mit deinem Vater unterhalten.“

„Ja, mein Lord.“

Lord? Hatte sein Sohn den fremden Mann als Lord bezeichnet? Hieße das –

Bevor Bartemius seinen Gedankengang vollenden konnte, ergriff wieder der Mann im Sessel das Wort. „Bartemius Crouch, Ich muss sagen, einst hattest du meinen Respekt, und das können nicht viele von sich behaupten. Wie du damals gegen meine Diener gekämpft hast. Unnachgiebig, brutal, gnadenlos. Natürlich war es völlig hoffnungslos, aber dennoch, du kannst stolz auf dich sein.“

Eine eisige Kälte breitete sich in Bartemius‘ Körper aus. Nein, alles, nur bitte das nicht! Nicht dieses Monstrum!

„Du warst sicherlich ein nicht völlig unbedeutendes Ärgernis“, fuhr der Mann fort. „Vielleicht hätte ich dir sogar die Ehre zuteilwerden lassen, dich selbst zu töten. Aber niemals hätte ich gedacht, dass ich dir eines Tages sogar danken würden.“

Bartemius‘ Kehle schnürte sich zu. Er fühlte sich wie in einem seiner schlimmsten Albträume.

„Ja, du hast richtig gehört, Bartemius. Ich muss dir danken. Danken dafür, dass du so pfleglich mit dem Eigentum von Lord Voldemort umgegangen bist.“

Bartemius hatte das Gefühl, das Bewusst sein zu verlieren. Nur der unbarmherzige Griff seines Sohnes verhinderte, dass er auf dem Boden zusammensackte.

„Du hast keinen meiner getreuen Diener getötet“, fuhr der Mann – Voldemort – fort. „Die Feiglinge hast du laufen lassen. Und die Mutigen, die mich niemals verleugnen würden, hast du nach Askaban gebracht. Damit hast du Lord Voldemort einen großen Dienst erwiesen. Jetzt kann ich sie alle auf einmal wiederbekommen, wenn die Zeit gekommen ist. Dann können sie mir wieder dienen. Und bis dahin wirst du mir dienen, mein lieber Bartemius.“

Bartemius wusste, dass er sich nicht auf seinen, sowieso nur kläglich vorhandenen Mut verlassen konnte. Vielmehr bediente er sich all seines Hasses und seiner Abscheu, um seine Kiefer auseinanderzudrücken. „Ich werde dir niemals dienen, du Wahnsinniger“, rief er. „Ich spucke auf dich. Du wirst niemals gewinnen.“

Der Schlag traf ihn hart ins Gesicht, sodass Bartemius zur Seite kippte. Über sich erblickte er das hasserfüllte Gesicht seines Sohnes.

„Ruhig, Barty“, sagte Voldemort. „Noch erlaube ich dir nicht, deinen Vater zu töten. Vorher muss er mir noch nützlich sein. Du darfst fortfahren.“

Das letzte, was Bartemius sah, bevor ihn endlose Dunkelheit umhüllte, war die Spitze des Zauberstabs seines widerlich grinsenden Sohnes.





Das Stadion grölte, während Daphne das Gefühl hatte, ihr Herz wäre von einem Speer aus Eis durchbohrt worden.

Nein! Das konnte einfach nicht wahr sein! Nein!

NEIN!

NEIN! NEIN!

Bitte!

Doch es gab keinen Zweifel. In der Mitte der Arena lag Harrys verkohlter Körper. Ihr Harry war tot, vergangen im Flammenstrahl des Drachen.

Ihr Harry war tot!

Daphne schrie, laut und entsetzlich. Alle Blicke richteten sich auf sie. Sie grinsten sie an, voller Häme und Genugtuung.

Die Gryffindors lagen sich vor Freude in den Armen, Malfoy riss die Faust in die Luft. Alle freuten sich, während Harrys Körper zu Asche zerfiel.

Daphne zitterte; heiß, schmerzhaft, hasserfüllt. Sie umklammerte ihren Zauberstab. Lupin neben ihr redete auf sie ein, aber sie hörte ihn nicht.

Sie sollen alle sterben! Sterben, leiden, büßen! Die gesamte beschissene Welt.

Daphne hob ihren Zauberstab, richtete ihn auf die Menschenmasse. Brennen sollten sie, brennen im ewigen Feuer der Verdammnis.

Sie schrie die Inkantation, aber nichts passierte. Die Schüler lachten sie aus. Sie schrie ein weiteres Mal, aber die Dämonen erhörten sie nicht.

Hagrid packte sie, aber Daphne schlug seine Hand weg. Sie war nicht mehr imstande, klar zu denken. Sie fühlte sich, als würde sie den Verstand verlieren. Alles drehte sich um sie herum.

Harry war tot! Ihr Harry war nicht mehr bei ihr! Vergangen, verbrannt, verhöhnt.

Er hatte sein Versprechen gebrochen. Daphne war allein, völlig allein.  

Die Tränen strömten über Daphnes Gesicht, als sie weglief, die Rufe von Lupin und Hagrid ignorierend. Nichts hatte irgendeinen Sinn mehr.

Sie lief so schnell sie ihre Beine trugen. Sie rannte die Tribüne hinab. Sie rannte aus dem Stadion. Sie rannte immer weiter.

Sie wollte einfach nur weg. Weg von anderen Menschen, weg von dieser Welt, weg vor einfach allem.

Daphne hatte keine Ahnung, für wie lange sie rannte. Sie rannt über Gras, sie rannte über Stein, sie rannte Treppen herab und Treppen hinauf.

Irgendwann merkte sie, dass sie auf der Spitze des Astronomieturms angelangt war. Hatte das Schicksal gewollt, dass sie hierherkam? Hier hatten sie und Harry einst die Sterne beobachtet, hier waren sie einst glücklich gewesen.

Hier war ein guter Ort zum Sterben.

Daphne kletterte über das Geländer, sodass sie jetzt direkt am Abgrund stand. Mit einem letzten Gedanken an wunderschöne grüne Augen stürzte sie sich in die Tiefe.

Der Fall dauerte nur wenige Sekunden.

***

Mit einem heftigen Ruck schoss Daphne empor, nur um sofort von kräftigen Armen gepackt zu werden.

„Alles gut“, hörte sie eine vertraue Stimme. „Alles gut. Ich bin es, Harry.“

Harry!

Sie blickte in das ihr nur allzu vertraute Gesicht. Die weichen Gesichtszüge, die sich so tief in ihr Gedächtnis gebrannt hatten. Die strahlenden grünen Augen, die für sie das Wunderschönste auf der Welt waren. Die Lippen, die so schon so oft geküsst hatte.

Ihr Harry lebte!

„Harry“, schrie Daphne und fiel ihrem Geliebten um den Hals. Sie würde ihn niemals mehr loslassen. Ihr wurde klar, dass das alles nur ein Albtraum gewesen war, der schrecklichste von allen. Viel entsetzlicher als die bisherigen Gräuel der Nacht.

„Ja, ich bin es“, lachte Harry, aber es war offensichtlich, dass sein Lachen erzwungen war. „Ich konnte nicht schlafen. Zu viel Aufregung wegen morgen, weißt du. Da wollte ich mal bei dir vorbeischauen, gucken, wie es dir so geht. Sorry, wenn ich dich erschreckt habe.“

Daphne wusste, dass Harry log. Und Harry musste es auch wissen. Dennoch war sie ihm unendlich dankbar, dass er zu ihr gekommen war, wie immer er es auch angestellt hatte.

Sie drückte sich ganz eng an ihn, vergrub ihr Gesicht in seiner Brust, roch seinen Duft. Sie wusste, dass sie nicht normal war. All die Folter, tagein und tagaus, all der Hass, all die Abscheu, sie hatten etwas in ihr zerstört. Es war ein Wunder, dass Harry sie lieben konnte. Ohne ihn war nur Leere, Schmerz und Verzweiflung. Ohne ihn war nur der Tod.

„Bitte stirb morgen nicht“, schluchzte sie.

Harrys Griff um sie verstärkte sich. „Niemals, Daphne“, flüsterte er. „Niemals.“

Gerne würde Daphne seinen Worten glauben, aber es blieb dieses kalte Gefühl in ihrem Herzen. Die Zweifel, die Angst.

„Ich werde dich niemals allein lassen. Das verspreche ich dir.“

Daphne fing an zu weinen, ließ ihren Gefühlen freien Lauf. Was für eine erbärmliche Kreatur sie doch war. Aber Harry war bei ihr, und das war das einzige, was zählte. Daphne wusste, dass sie eine gebrochene Seele war, aber mit Harry fühlte sie sich ganz. Mit Harry hatte ihr Leben einen Sinn.





Am nächsten Morgen erwachte Harry mit einem schweren, honigblonden Kopf auf seiner Brust. Blonde Haare, die er nur allzu gut kannte und liebte. Blonde Haare, die zu seiner Daphne gehörten. Daphne schnarchte leise, was Harry unglaublich niedlich fand, auch wenn er ihr das natürlich niemals sagen würde.

Plötzlich erinnerte er sich daran, warum er überhaupt hier in Daphnes Bett im Mädchen-Schlafsaal lag. Bei dem Gedanken verfinsterte sich sein Gesicht. Es war mitten in der Nacht gewesen, als er gespürt hatte, wie Daphne von ihm fortgezogen wurde, wie ein kleines Boot in stürmischer See.  Die Wärme ihres Beisammenseins war verschwunden, abgelöst durch ein Gefühl entsetzlicher Kälte. Und Angst. Eine schreckliche, alles zersetzende Angst.

Harry hatte sofort gewusst, dass das Daphnes Gefühle sein mussten. Ohne zu zögern, war er aufgesprungen und zum Mädchen-Schlafsaal gerannt. Gerade rechtzeitig war er bei Daphne angekommen, als sie – so vermutete er – aus ihrem Albtraum aufgewacht war. Ihre Bitte danach hatte ihm endgültig offenbart, was sie geträumt haben musste.

Es schmerzte ihn, Daphne so leiden zu sehen. Sie machte sich solche entsetzlichen Sorgen um ihn. Sie hatte recht gehabt; sie hätten niemals nach England zurückkehren sollen.

Liebevoll betrachtete er Daphnes schlafendes Gesicht. Sie sah so friedlich aus, so gütig und sorgenlos. Ganz anders als in der Nacht, als sie lange Zeit, eine so lange Zeit in seiner Umarmung geweint hatte. Irgendwann waren sie beide aber schließlich engumschlungen eingeschlafen.

Auf einmal fingen ihre beiden Mägen an laut zu knurren. Der Gleichklang ihrer Hungerlaute musste Daphne geweckt haben, denn plötzlich blickte Harry in ihre tiefen blauen Augen, Segen und Hoffnung seines Daseins. Ein wunderschönes Lächeln legte sich um ihre Lippen.

„Guten Morgen“, begrüßte sie ihn schläfrig.

„Guten Morgen, Prinzessin“, entgegnete Harry, ebenfalls übers gesamte Gesicht lächelnd. „Frühstück?“

„Ja! Ich habe Hunger!“

Harry lachte auf. Wenn es eine Sache auf der Welt gab, auf die er sich verlassen konnte, dann war es der Hunger seiner Freundin am Morgen.

„Dann lass mich nur aufstehen und in meinen Schlafsaal zurückkehren“, sagte er grinsend. „Ich sollte ja lieber nicht in Pyjama in die große Halle gehen, oder? Will ja nicht, dass die anderen jeglichen Respekt vor mir verlieren.“

„Nein, das wollen wir natürlich nicht“, antwortete Daphne mit einem Funkeln in den Augen. „Vor allem die Beule da in deiner Hose sollte außer mir besser keiner sehen.“

Harry schaute an sich herunter und Daphne brach in schallendes Gelächter aus, bevor sie sein Gesicht umfasste, um ihn heftig auf die Lippen zu küssen.

Ihre Küsserei dauerte mehrere Minuten und wurde erst von wiederholtem Magenknurren unterbrochen. Daher löste sich Daphne von Harry und riss den Vorhang ihres Bettes auf.

Augenblicklich drangen die Stimmen von Daphnes Zimmergenossinnen an sie heran, die vorher von den Zaubern um das Bett abgehalten worden waren.  

„Geh“, drängte ihn Daphne. „Wir treffen uns dann gleich im Gemeinschaftsraum.“

Als Harry aufstand, richteten sich drei überraschte Augenpaare auf ihn. Davis fing sogar an, laut zu kreischen, und bedeckte sich schnell mit einem weißen Laken. Augenrollend wandte sich Harry der Tür zu. Als ob er Daphnes leichtbekleideten Zimmergenossinnen irgendwas wegschauen würde. Sie sollten mal nicht so eingebildet sein.



Während des Frühstücks in der großen Halle herrschte eine gespannte und aufgeregte Atmosphäre; alle Gespräche schienen sich ausschließlich um die heute stattfindende erste Aufgabe des Trimagischen Turnieres zu drehen. Harry merkte auch, dass Daphne immer noch sehr nervös war, weshalb er ihre Hand gedrückt hielt. Er selbst hingegen fühlte sich völlig ruhig. Er hatte ein Ziel und würde alles tun, was notwendig war, um dieses Ziel zu erreichen. Dafür hatte er sich so gut wie möglich vorbereitet und unnötige Sorgen würden jetzt auch nicht mehr helfen.

Der Unterricht sollte um die Mittagszeit enden, sodass alle Schüler die Möglichkeit haben würden, der erste Aufgabe beim Drachengehege beizuwohnen, auch wenn sie natürlich noch keine Ahnung hatten, dass die vier Champions Drachen gegenübertreten mussten.

Daphne entschied sich kurzerhand, den Vormittagsunterricht zu schwänzen. Zusammen begaben sie sich daher zu einem großen Felsen am See, auf dem sie die Strahlen der kalten Herbstsonne genossen. Der Wind strich Harry über das Gesicht, während sie nichts weiter hörten als das Quaken einiger Enten auf dem Wasser.

Ein, zwei, drei Stunden vergingen, ohne dass einer von ihnen auch nur ein Wort sagte. Sie genossen einfach ihr Beisammensein, während jeder seinen eigenen Gedanken nachhing.

Irgendwann jedoch hob Daphne ihren Kopf von Harrys Schulter und schaute ihn mit einem schelmischen Gesichtsausdruck an. „Sag mal, wie bist du in der Nacht eigentlich in den Mädchen-Schlafsaal gekommen?“, fragte sie ihn mit erhobener Augenbraue.

Harry strich sich verschmitzt durch die Haare, bevor er antwortete. „Ach, weißt du, die Treppen halten einen nur auf, wenn man sie auch berührt. Und vielleicht ist es dir ja schon mal aufgefallen, aber ich bin ein Zauberer. Ich hatte also meine Wege.“

Plötzlich erklang hinter den beiden Teenagern ein vergnügtes Lachen. Sie schnellten herum, nur um in das belustigte Gesicht von Lupin zu blicken. Sie hatten gar nicht bemerkt, dass er sich ihnen genähert hatte.

„Ich glaube, ich überhöre mal lieber, dass du dich nachts im Mädchen-Schlafsaal herumtreibst“, sagte Lupin grinsend. „Das fällt sowieso in Severus‘ Aufgabenbereich.“

„Was wollen Sie, Professor?“, fragte Harry.

„Ich wollte dich holen, Harry. Die Champions müssen jetzt zum Gehege, sich vorbereiten für die Aufgabe. Ich bringe dich hin.“

Harry nickte und ergriff Daphnes Hand, die sich sichtbar verkrampft hatte. Beinahe konnte er das Knirschen ihrer Kiefer hören. Zärtlich umschloss er ihre Finger.

Mit Daphne an seiner Seite folgte er Lupin den Waldrand entlang auf das Drachengehege zu, bis sie vor einem großen Zelt standen, das zu ihrer Seite hin geöffnet war.

„Dort drin musst du mit den anderen Champions warten“, wandte sich Lupin Harry zu. „Mr. Bagman wird das weitere Verfahren erklären. Ich … Ich wünsche dir schonmal viel Erfolg. Du wirst das packen, da bin ich mir sicher.“ Lupins Blick glitt zu Daphne, die zu zittern angefangen hatte. „Ich warte dort drüben, Daphne. Ich kann dich dann in die Arena begleiten, wenn du willst.“

Daphne sagte nichts, aber Harry nickte Lupin dankbar zu, der nach seinen Worten wegging und sich mit den Rücken zu ihnen gewandt gegen einen Baum lehnte.

Daphne warf sich um Harrys Schultern, dass er beinahe umgefallen wäre. „Harry, ich…“, sie stockte, als wüsste sie nicht, wie sie fortfahren sollte.

„Ich weiß, Daph“, sagte er, während er ihren betörenden Duft einatmete. „Ich auch.“

Sie hielten sich so lange gegenseitig in den Armen, überließen es ihren Körper, all ihre Gefühle auszudrücken, die für den anderen ohnehin offensichtlich waren, bis sie hörten, wie jemand aus dem Zelt trat.

„Harry, Harry“, erklang die amüsierte Stimme von Ludo Bagman. „Ich will junge Liebe ja nur ungern stören, aber alle warten auf dich. Wir müssen jetzt anfangen.“

Widerwillig löste sich Harry von Daphne und starrte nun in ihre hypnotisierend wirkenden Augen. „Daphne, ich –“

„Ich weiß. Ich auch.“

Damit beugte sich Daphne nach vorne und drückte ihre Lippen auf die seinen. Nach nur wenigen Sekunden, viel schneller als es Harry lieb gewesen wäre, löste sie sich jedoch wieder von ihm. Sie schenkte ihm einen letzten liebevollen Blick, bevor sie sich umdrehte und schnell auf den wartenden Lupin zuging, die Arme um ihren Oberkörper geschlungen.

Seufzend drehte sich Harry ebenfalls um und folgte Bagman in das Zelt, wo ihn bereits die anderen drei Champions sowie vier Miniaturdrachen erwarteten.





Lupin führte sie in eine Arena, die wohl nur mit Magie so schnell hatte errichtet werden können und bereits voller Zuschauer war. Neben den Schülern der drei Schulen und ihren Lehrern erblickte Daphne auch Ministeriumsvertreter wie Crouch, Bones und Fudge, Journalisten (wenn man diese Schmierfinken denn als solche bezeichnen wollte) und Drachenbändiger, die einen blau-silbernen Drachen mit langen Hörnern im Zaum hielten. Es handelte sich um einen Schwedischen Kurzschnäuzler, wie Daphne dank ihrer Studien der vorangegangenen Tage feststellte.

Bei dem Anblick der Kreatur fühlte Daphne, wie ihre Beine ganz schwach wurden. Sie zwang sich, ruhig zu atmen. Sie folgte Lupin bis zum obersten Rang der Tribüne, wo bereits Hagrid saß und sie zu sich herwinkte. Ihr Innerstes verkrampfte sich bei dem Anblick des Halbriesen. Es war genauso wie in ihrem Traum; sie zwischen Lupin und Hagrid.

Das war bestimmt nur ein dummer Zufall, versuchte sie sich zu beruhigen, als sie sich auf dem Sitz niederließ, den Hagrid für sie freigehalten hatte. Daphne merkte, dass Hagrid anscheinend versuchte, sie in ein Gespräch zu verwickeln, aber sie konnte weder zuhören noch antworten. Allgemein war sie nicht mehr imstande, einen klaren Gedanken zu fassen. Ihr Herz fühlte sich wie ein Eisklumpen an, während die anderen Zuschauer um sie herum scherzten und lachten.





„Ich hoffe, er kratzt heute ab“, murmelte Ron, während er zu den Drachen blickte. Zu gern würde er sehen, wie sie Potter zerfetzten.

„Ronald! Das ist schrecklich, so etwas zu sagen!“, kreischte Hermine fassungslos.

Ron warf seiner Freundin einen abschätzigen Blick zu. Sie machte sich doch selbst etwas vor. „Du kannst mir nicht erzählen, dass du dich nicht auch freuen würdest, wenn er endlich weg wäre“, zischte er ihr zu.

„Aber deshalb soll er doch nicht gleich sterben“, murmelte Hermine leise.





Bagman erklärte den Zuschauern, dass die Champions jeweils einem der Drachenweibchen ein Goldenes Ei stehlen müssten, das unter die anderen Eier geschmuggelt worden war. Daphne fluchte innerlich. Das sollte eine Aufgabe ohne Lebensgefahr sein? Jeder wusste doch, dass Drachenmütter jeden töten würden, der ihren Eiern zu nah kam.

Ihre Fingernägel krallten sich in ihre Handflächen, sodass sie beinahe zu bluten anfingen, aber das war Daphne egal. Genauso wie die Beruhigungsversuche von Lupin und Hagrid, die ununterbrochen auf sie einredeten und abzulenken versuchten.

Als ob sie irgendetwas von ihrer Angst um Harry ablenkten könnte!

Oh bitte, Harry. Bitte komm zu mir zurück.

Plötzlich erklang über ihrem Kopf ein ihr nur allzu vertrauter Schrei. Daphne blickte auf und erkannte Fawkes, der langsam nach unten kreiste.

Daphne fühlte die Blicke der gesamten Arena auf sich, als der Phönix auf ihrem Schoß landete, wo er sich sofort zusammenrollte, den Kopf unter einem seinem Flügel. Eine wohlige Wärme ging von dem Flammenvogel aus, die Daphne zumindest etwas entspannen ließ.

„Danke, Fawkes“, flüsterte sie, während ihre Finger über seine rot-goldenen Federn strichen.





McGonagall betrachtete neugierig ihren Freund und Kollegen, der wiederum nachdenklich zu Miss Greengrass schaute.

„Ich wusste gar nicht, dass Fawkes ein so enges Verhältnis zu Miss Greengrass hat“, sagte sie zu ihm.

Albus Dumbledore wandte seinen Blick ab und drehte sich zu McGonagall um. „Das hat mich zu Anfang in der Tat auch überrascht“, antwortete er. „Ich weiß, dass er sie häufiger besucht, sowohl in Hogwarts als auch bei ihr zuhause über den Sommer. Und er hat Harry und Daphne aus der Kammer gerettet, woran du dich bestimmt erinnerst.“

McGonagall nickte. „Das stimmt, aber ich frage mich dennoch, was es damit auf sich hat.“

„Fawkes ist eine gute Seele“, erwiderte Dumbledore rätselhaft. „Ich bin mir sicher, dass du auch erkannt hast, dass Daphne nicht gerade eine angenehme Kindheit gehabt haben dürfte. Ich glaube, Fawkes will ihr einfach helfen, so wie jetzt. Phönixe sind Geschöpfe der Liebe und der Hoffnung. Und des Trostes. Sie macht sich bestimmt Sorgen um Harry.“

McGonagall spielte nervös mit ihren Fingern. Auch sie war nicht glücklich, dass die Champions so gefährlichen Wesen wie Drachen gegenübertreten mussten. So viel konnte heute schief gehen, trotz all ihrer Vorsichtsmaßnahmen.

Harry Potter war ihr ans Herz gewachsen, so wie zuvor bereits seine Eltern. Es war ihr sogar egal, dass er in Slytherin war. Indem er Miss Greengrass aus der Kammer gerettet hatte und sich tagein tagaus der Verachtung der anderen Schüler stellte, hatte er bereits mehr Mut bewiesen als die meisten Zauberer und Hexen während ihres gesamten Lebens. Das, und die Tatsache, dass er, mit gerade einmal vierzehn Jahren, zusammen mit Miss Greengrass der beste Schüler war, den sie jemals unterrichtet hatte, gaben ihr Zuversicht, dass er die heutige Aufgabe überstehen würde.

Solange er nicht den Ungarischen Hornschwanz zog, ergänzte sie in Gedanken. Sie hatte nicht den blassesten Schimmer, was sich das Organisationskomitee dabei gedacht hatte. Dieser Drache war gefährlicher als all die anderen Drachen zusammen. Es war Wahnsinn, einen Schüler, so talentiert er auch war, allein gegen diese Bestie antreten zu lassen.

McGonagall wurde aus ihren Gedanken gerissen, als ein lauter Pfiff und die dröhnende Stimme Bagmans den ersten Champion ankündigten.





Ein Gefühl der Enttäuschung erfasste Daphne, als Cedric Diggory als erster Champion in die Arena trat. Sie hatte gehofft, dass Harry anfangen könnte und somit alles schnell vorbei wäre. Das Schicksal schien jedoch ihre Hoffnung nicht zu erhören.

Diggory war totenbleich, als er sich dem Schwedischen Kurzschnäuzler näherte.  Es war offensichtlich, dass er vorher keine Ahnung gehabt hatte, was ihn erwarten würde. Typisch Hufflepuff. Viel zu ehrbar für diese unbarmherzige Welt.

Letztlich ließ Diggory bunte Blitze um den Kopf des Drachens herumschwirren, sodass er an der Kreatur vorbeischleichen könnte, während sie abgelenkt war. Das hätte vielleicht sogar geklappt, hätte sich Diggory beim Schleichen nur nicht so dumm angestellt. Selbst hier oben auf der Tribüne konnte Daphne seine Schritte und seinen rasselnden Atem hören.

Es kam, wie es kommen musste. Der Drache richtete seinen Blick auf Diggory und mit einem wohlgezielten Schlag seines Schwanzes schleuderte er ihn gegen die Wand der Arena. Die Zuschauer stöhnten auf. Das musste wehgetan haben.

Nachdem Diggory kurz von Medi-Hexen behandelt worden war, unternahm er viele weitere Anläufe, um an dem Drachen vorbeizukommen. Ein Zauber erzeugte den Geruch köstlichen, gebratenen Fleisches. Ein anderer Zauber ließ den Paarungsruf eines rotmäuligen Rauchbrüllers erklingen; leider die völlig falsche Drachenspezies. Außerdem bezweifelte Daphne, dass der Schwedische Kurzschnäuzler lesbisch war.  

Irgendwann schließlich schaffte es Diggory, an dem Drachen vorbeizukommen und das Goldene Ei zu erreichen, indem er einen Felsbrocken in einen Hund verwandelte, der den Drachen ablenkte. Jedoch erlitt er dabei auch eine schwere Gesichtsverbrennung und wurde unter Schmerzen in ein angrenzendes Lazarett-Zelt getragen.

Daphne fühlte sich elendig. Auch ihr Wissen, dass Harry ein viel besserer Zauberer als Diggory war, beruhigte sie nicht. Verdammte Drachen und verdammtes Zaubereiministerium.

Danach trat Fleur Delacour einem Walisischen Grünling entgegen. Sie versuchte, den Drachen in eine Art Trance zu versetzten und war dabei sogar recht erfolgreich. Nur einmal atmete der Drache Flammen aus, die kurzzeitig ihren Rock in Brand steckten, bevor sie das Feuer löschen konnte. Der männlichen Zuschauerschaft troff dennoch der Sabber aus den Mundwinkeln beim Anblick des nackten Gesäßes der attraktiven Blondine. Angewidert wandte Daphne den Blick ab.  

Auch der vorletzte Champion war nicht Harry, sondern Viktor Krum, der es mit einem Chinesischen Feuerball zu tun bekam. Es handelte sich um den kleinsten der bisherigen Drachen und Krum hatte relativ wenig Probleme zum Goldenen Ei zu gelangen, nachdem sein Fluch dem Drachen direkt ins Auge getroffen hatte. Es handelte sich um den gleichen Fluch, den auch Harry benutzten wollte. Daphne konnte nur hoffen, dass es bei ihm genauso reibungslos laufen würde, auch wenn Krum ein paar Punkte Abzug erhielt, weil der schmerzgeplagte Drache einen Teil seiner Eier zertrampelte. Aber was interessierten Daphne schon die Eier. Das einzig Wichtige war, dass Harry heil zu ihr zurückkam. Hagrid neben ihr schluchzte jedoch laut auf.

Als der letzte Drache in die Arena gebracht wurde, fühlte sich Daphne, als wäre eine riesige Wanne eiskalten Wassers über ihr ausgekippt worden. Es war die grässlichste und grausamste Kreatur, die sie jemals gesehen hatte, schlimmer gar als der Basilisk. Es handelte sich um die größte und gefährlichste Drachenspezies der Welt. Ein Ungarischer Hornschwanz!

Voller Furcht in ihrem Herzen betrachtete Daphne den Drachen, dem ihr Harry entgegentreten musste. Seine Schuppen waren so dunkel, dass sie alles Sonnenlicht zu absorbieren schienen. Die Krallen und Zähne so scharf wie Rasierklingen. Der Schwanz vollgepackt mit riesigen Stacheln, so lang wie ihre Unterarme, die sich mühelos durch jegliches Fleisch bohren könnten.  Und das Feuer dieser Bestie wurde nur von Dämonsfeuer selbst übertroffen.

„Und hier kommt unser jüngster Champion, Harry Potter!“, dröhnte die Stimme Bagmans.

Als Harry die Arena betrat und kurz zu ihr heraufblickte, wäre Daphne am liebsten aufgesprungen und zu ihm gelaufen. Warum, warum mussten sie sich in dieser Situation befinden? Warum nicht irgendjemand anderes? Egal wer!

Sogar Fawkes richtete sich auf und betrachtete den Drachen, bei dem sich Daphne nicht wundern würde, wenn es sich ebenfalls um eine Ausgeburt der Hölle handelte. Ihre Finger krallten sich in das Gefieder des Phönix, während sich Harry unter den Buhrufen der Zuschauer dem Drachen näherte.





Harrys Herz pochte vor Aufregung, als er die Arena betrat. Viele hundert Gesichter starrten von den Tribünen auf ihn herab. Er hörte Buhrufe und Lacher, aber das war ihm egal. Er wusste, dass ihm viele der heute Anwesenden vermutlich den Tod wünschten.

Seine Augen suchten Daphne und fanden sie schließlich ganz oben in der letzten Reihe sitzend, zwischen Hagrid und Lupin und mit Fawkes auf ihrem Schoß. Mögen sie auf Daphne aufpassen, dachte er, als er sich seinem Drachen zuwandte, den er vorher nur in Büchern und als Miniaturfigur gesehen hatte.

Das Hornschwanz-Weibchen war wirklich eine furchteinflößende Kreatur, eine monströse, schuppige schwarze Echse, geschaffen, um zu töten.

Aber nicht heute!

Mit flammender Entschlossenheit erwiderte Harry den bösartigen Blick des Drachen, der mit seinem stachelbesetzten Schwanz auf den Boden peitschte und tiefe Furchen in die Erde schlug. Hinter ihr schimmerte das Goldene Ei, an das er kommen musste. Und das würde er, oh ja! Und wenn einer dabei sterben würde, dann wäre das ganz bestimmt nicht er! Er hatte es mit nicht dem König der Schlangen und dem selbsternannten mächtigsten Zauberer aller Zeiten aufgenommen, um sich dann von einer übergroßen Eidechse töten zu lassen.

Vorsichtig näherte sich Harry dem Drachen, der jede seiner Bewegungen mit seinen furchterregenden gelben Augen verfolgte. Dennoch, es war offensichtlich, dass der Drache sich nicht von seinen Eiern entfernen wollte, denn immer wieder beäugte der Hornschwanz die nahen Drachenbändiger und Zuschauer.

Harry jedoch hatte keine andere Wahl. Irgendwie musste er an dem Drachen vorbei und zum Gelege kommen. Dafür musste er das Viech ausschalten.

Ganz langsam schritt Harry auf den Drachen zu, jeden Schritt einzeln setzend. Er wusste nicht genau, wann er in Reichweite von dessen Flammenstrahlen gelangen würde, rechnete aber jede Sekunde damit. Er müsste diesen einen Angriff überstehen und anschließend selbst den Drachen erwischen, dann hätte er es geschafft. So hatten sie es in den letzten Tagen immer wieder geübt und besprochen, auch wenn sie nicht damit gerechnet hatten, dass er einer solchen Bestie gegenübertreten würde.

Die ganze Zeit hielt Harry seinen Blick auf das Maul des Drachen gerichtet. Daher merkte er sofort, als er die Grenzmarke überschritten hatte und der Hals des Drachen anschwellte.

Als das Hornschwanz-Weibchen ihr leuchtendes Feuer auf ihn spie, war Harry vorbereitet. Blitzschnell riss er seinen Zauberstab empor und erschuf vor sich einen Schild aus wirbelnder Luft. Die Flammen trafen auf seinen Luftschild und es erklang ein Geräusch, dass Harry an eine pfeifende Teekanne erinnerte.

Gleichzeitig jedoch erwärmte sich die Luft um ihn herum merklich, während die Flammen an dem Schild abprallten und sein gesamtes Blickfeld in rote Farbe tauchte.  Eine entsetzliche Hitze drang an Harry heran. Er hatte das Gefühl, als würden seine Augenbrauen versengen. Es war beinahe unausstehlich und hätte er nicht schnell die Augen geschlossen, würde er sich ernsthaft Sorgen um sein Augenlicht machen. Das nächste Mal also lieber keinen Luftschild.

Harry zählte die Sekunden, währen der Drache ihn ununterbrochen mit seinen Flammen eindeckte. Irgendwann musste das Mistviech doch außer Atem sein, aber wann denn endlich? Er spie schon länger Feuer, als er es jemals in einem der Bücher in der Bibliothek gelesen hatte.

Nach fast zwei Minuten verebbten die Flammen schließlich. Gerade rechtzeitig, bevor Harry drastischere Maßnahmen hätte ergreifen müssen, um sich vor der Hitze in Sicherheit zu bringen.

Sobald der Drache stoppte, hob Harry den Zauber auf und stürmte nach vorne. Es waren noch gut dreißig Meter zu dem Drachen, aber er richtete bereits seinen Zauberstab auf dessen gelbliche Augäpfel. Fünfundzwanzig Meter. Harry sammelte die Magie in seinem Inneren, spürte, wie sie durch seinen Körper floss.

Zwanzig Meter. Jetzt!

Harry schleudert den Zauber, den er in den letzten Tagen bestimmt hunderte Male trainiert hatte, direkt auf die Augen der Bestie. Die Welt um ihn erstarrte, als er beobachtete, wie sein Zauber auf den Drachenkopf zu sauste. Gleich wäre es soweit, gleich wäre der Drache blind!

Doch Fortuna war eine tückische Geliebte. Just in den Moment, als Harrys Fluch auf das Auge des Drachen treffen sollte, blinzelte er! Er blinzelte! Die Chance dafür lag bei eins zu einer Million und der verdammte Drache blinzelte!

Harry fluchte innerlich, als plötzlich wieder alle Geräusche um ihn herum auf ihn eindrangen. Geräusche, die er vorher ausgeblendet hatte. Die Menge bebte und johlte. Bagman schrie in sein Mikrofon.

„Unglaublich! Potters Fluch prallt ab! Jetzt muss er sich aber auf was gefasst machen!“

Und tatsächlich. Harry sah, wie der Drache fuchsteufelswild aufschrie und mit seinem dornenbesetzten Schwanz ausholte. Harry wusste, dass ein Treffer seinen Tod bedeuten würde.

Er hechtete zur Seite, genau im richtigen Moment. Mit dem Gesicht voran landete er in einer nassen Erdmulde, während nur einen halben Meter neben ihm der gewaltige Schwanz des Drachen zu Boden krachte. Wenn er ihn getroffen hätte, wäre er jetzt nur noch Erdbeermus, die Dobby so gern aß.

Der Schwanz der Drachen zuckte schon wieder, bereit zum nächsten Angriff. Harry wusste, dass er schleunigst aus der Reichweite des Drachen verschwinden musste, bevor er es ein weiteres Mal versuchte.

Schlammbespritzt richtete er seinen Zauberstab auf den Eingang zur Arena, durch den er nur vor wenigen Minuten getreten war.

Carpe Retractum!

Harry spürte, wie er von dem magischen Seil, das die Spitze seines Zauberstabs und seinen Zielort verband, schlagartig nach vorne gezogen wurde, hin zur anderen Seite der Arena. Gerade rechtzeitig, bevor der Drachenschwanz die Stelle, an der Harry gerade noch gelegen hatte, in einen Mondkrater verwandelte.

So elegant wie möglich landete er am Arenaeingang, außer Reichweite der tödlichen Kreatur.

„Na das war wohl nichts“, erklang die Stimme von Bagman. „Mr. Potter, das geht doch bestimmt besser.“

Dummer Wichser, dachte Harry. Sollte er doch versuchen, an diesem Geschöpf vorbeizukommen. Das würde er gerne sehen.

Harry drehte sich wieder zu dem Drachen um, der ihn aus seinen senkrechten Pupillen hasserfüllt anstarrte, die Fangzähne gebleckt. Aber er befand sich zu weit entfernt, als dass der Drache ihn angreifen würde. Sein Feueratem reichte nicht so weit und er würde es nicht riskieren, seine Eier unbeaufsichtigt zu lassen. Zum ersten Mal überhaupt war Harry seinen Mitschülern dankbar, die als wahrgenommene latente Gefahr immerhin ein einziges Mal nützlich waren. Nicht, dass Harry ein Problem damit gehabt hätte, sie alle vom Drachen grillen zu lassen, damit er in Ruhe das Goldene Ei erreichen konnte.

Harry wusste, dass er sich vor allem vor dem Feuer in Acht nehmen musste. Das wäre die erste und entsetzlichste Angriffswaffe des Drachen. Wenn er diese überstanden hätte, hätte er eine Chance.

Ein weiteres Mal näherte er sich langsam dem Hornschwanz-Weibchen, das bereits seine Nüstern blähte. Harrys Herz hämmerte in der Brust, als er seine Schritte abzählte. Noch drei Schritte. Noch zwei. Noch einer.

Und jetzt!

Genau in dem Moment, als der Drache seine zerstörerischen Flammen auf ihn spie, beschwor Harry eine massive Steinmauer vor sich, steckte all seine Kraft in das Gestein.

Die Flammen trafen auf die Mauer und Harry merkte, wie er beinahe zurückgestoßen wurde.

Nein, du Bastard. Ich gebe nicht klein bei!

Harrys Füße suchten einen festen Stand, während er sich gegen die Druckwelle stemmte. Er würde es diesem verdammten Drachen zeigen!

Er sah, wie die Steinblöcke vor ihm rot wurden vor Hitze, aber es war dennoch viel angenehmer als beim vorigen Flammenstoß. Steinschild besser als Luftschild, vermerkte er in Gedanken. Allerdings war das Beschwören von Gestein auch deutlich aufwändiger als die Verformung von Luft. Er war gut in Verwandlung, da hatte er keinerlei Zweifel, aber er wusste auch, dass Daphne ein Stückchen besser war. Er dankte seiner Freundin, dass sie in den letzten Jahren darauf bestanden hatte, so viele Verwandlungszauber zu üben. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er ausschließlich Flüche geübt, die ihm in diesem Moment nicht wirklich weitergeholfen hätten.

Innerlich zählte er die Sekunden, bis der Drache wieder außer Atem sein würde und die Flammen stoppen müsste. Das wäre sein Moment!

Drei. Zwei. Eins.

Es war wie beim vorigen Flammenstoß. Der Drache stoppte genau in dem Moment, den Harry erwartet hatte.  Er ließ die glühende Steinmauer zusammenkrachen und sprang dahinter hervor. Gepuscht von dem Dröhnen der Zuschauer hechtete er nach vorne, direkt auf den Drachen zu, der schon wieder gefährlich mit seinen Klauen und seinem Schwanz ausholte.

Gleich geschafft. Noch zwei Meter. Jetzt!

Harry hob seinen Zauberstab und richtete ihn auf den Drachenkopf. Mit einer kurzen Gedankenanstrengung und einer unmerklichen Bewegung seines Handgelenks raste ein violettfarbiger Blitz auf die Augen des Drachen zu.

Harry konnte nicht abwarten, um zu beobachten, ob sein Fluch dieses Mal sein Ziel traf. Sofort, nachdem er seinen Fluch abgefeuert hatte, drehte er sich um, und ließ sich wie zuvor von einem magischen Seil zum anderen Ende der Arena ziehen. Gerade rechtzeitig, bevor die tödlichen Klauen in die Erde schlugen.

Er fühlte sich wie Tarzan, während er durch die Luft schnellte. Um ihn herum hörte er das Grölen der Zuschauer und den plötzlichen, schmerzerfüllten Schrei des Drachen. Dieses Mal hatte die Kreatur also nicht geblinzelt und sein Fluch hatte die Pupillen des Drachen getroffen.

Harry landete und drehte sich sofort zu der immer noch fauchenden Kreatur um. Sie schleuderte ihren Kopf von der einen Seite zur anderen, während sie immer wieder blinzelte. Sogar aus dieser Entfernung konnte Harry erkennen, wie eine gelbe, schleimige Flüssigkeit die Augen des Drachen verklebte. Anscheinend war eine Bindehautentzündung wirklich unangenehm. Sein Mitleid hielt sich jedoch in Grenzen.

Ehrfurchtsvoll betrachtete Harry, wie der Drache außer sich vor Schmerzen und Zorn tobte. Wie verrückt geworden, trampelte das Geschöpf herum und zerschlug mit seinem stachelbesetzten Schwanz ein Ei nach dem anderen, was den Drachen nur umso wütender machte. Die Liebe einer Mutter, wohl war.

Auch das goldene Ei wurde von dem Drachenschwanz erfasst und an die gegenüberliegende Seite der Arena geschleudert. Die anderen Eier waren inzwischen alle zerstört.

Zwar konnte der Hornschwanz jetzt nicht mehr so gut sehen wie zuvor, dafür hatte Harry es jetzt aber mit einem gemeingefährlichen Drachen außer Rand und Band zu tun, der sich zudem nicht mehr um seine eigenen Eier sorgte. In ihrer Verzweiflung und Trauer, wollte die Drachenmutter nur noch blutige Rache nehmen.

Schöne Scheiße.





Daphne fühlte sich, als würde sie jeden Moment zusammenbrechen, während sie das Geschehen in der Arena verfolgte. Mit schmerzhaft pochendem Herzen und zitternden Händen hatte sie mitangesehen, wie Harry zweimal von tödlichen Flammen umhüllt worden war, am Ende war er jedoch unversehrt geblieben. Dennoch, Daphne war in dieser Zeit eintausend Tod gestorben. Sie konnte die Bilder ihres Albtraumes einfach nicht vergessen. Harry, wie er von den Flammen erfasst wurde. Wie er aufschrie vor Schmerzen, bevor seine Stimme für immer verstummte. Sein verkohlter, lebloser Körper…

Hilflos hatte sie mit angesehen, wie Harrys Fluch an den Lidern des Drachen abgeprallt war, wie er es gerade so geschafft hatte, sich vor dessen tödlichen Schwanzhieb in Sicherheit zu bringen.

Sie hatte gejubelt, als sein zweiter Fluch sein Ziel gefunden hatte. Der Drache hatte endlich sein Sehvermögen verloren!

Fassungslos hatte sie mit angesehen, wie der Drache vor Schmerz und Zorn seine eigenen Eier zertrümmert hatte, seine eigenen Kinder! Die Schreie des Drachen, als er seine Tat erkannt hatte, waren entsetzlich gewesen, und zu einer anderen Zeit hätte sie bestimmt Mitleid mit der Drachenmutter gehabt. So aber wünschte sie sich einfach nur, dass das Geschöpf verrecken würde. Langsam oder schnell, mit oder ohne Schmerzen, es war ihr einerlei.

Der Drache tobte und raste, während er versuchte, Harry zu zermalmen. Bei jedem Brüllen, bei jedem Hieb mit den Klauen, bei jedem Flammenstoß zuckte Daphne zusammen, als wäre sie es, die gegen den Drachen kämpfte. Und in einem gewissen Sinn war sie es auch. Sie wusste, dass ihr Albtraum ein Abbild der unverfälschten, hässlichen Wahrheit war, die ihr gesamtes Sein erfasste.

Ohne Harry, würde sie sich das Leben nehmen, gab es dann doch nichts mehr für sie, für das es sich zu leben lohnte. Lieber würde sie eine Ewigkeit in der Hölle mit Harry verbringen, als auch nur einen Tag getrennt von ihm zu leben. Sie hatte schon vor einiger Zeit erkannt, was sie sich im Tiefsten Inneren ihrer Seele wünschte, hatte aber noch zu viel Angst, es zu offenbaren.

Es schien beinahe, als würden Harry und der Drache miteinander tanzen. Ein Tanz um Leben und Tod. Der Drache spie Feuer, Harry beschwor ein Hindernis. Der Drache hieb mit seinen Klauen, Harry wich aus. Der Drache peitschte mit seinem dornenbesetzten Schwanz, Harry sprang zur Seite.

So ging es für eine gefühlte Ewigkeit, in der Daphnes Herz immer klammer wurde.

Irgendwann bemerkte sie, wie Harry langsamer wurde! Seine Reaktionen brauchten länger und seine Bewegungen wurden träger.

„Sieht aus als würde Potter müde werden“, rief auch Bagmann. „Wenn er nicht aufpasst, erwischt ihn der Drache gleich.“

Das Stadion grölte. Es war genauso wie in ihrem Traum. Die Bastarde feuerten den Drachen an! Sie wollten, dass ihr Harry vom Drachen getötet wurde!

Eine entsetzliche, heiße Wut erfasste Daphne, wurde aber augenblicklich wieder von der Kälte ihrer Angst abgelöst.

Sie schrie, als sie sah, wie die Flammen des Drachen auf Harry zuschossen, der sich gerade erst wieder aufgerappelt hatte. Er schaute nicht auf, sah das Feuer nicht. Er hob nicht seinen Zauberstab, beschwor keinen Schild!

Die Flammen würden ihn erfassen!

Voller Panik öffnete sie ihren Geist.





Innerlich fluchend rappelte Harry sich wieder auf, nachdem er dem Schwanzhieb des Drachen ausgewichen war. Ihr Katz-und-Maus-Spiel ging seiner Meinung nach schon viel zu lange.

Sein gesamter Körper schmerzte und er merkte auch, dass es ihm immer schwerer fiel, sich zu konzentrieren. Bei diesem Kampf kam es auf jede Hundertstelsekunde an. Jedes Zögern konnte den Tod bedeuten. Er wusste daher, dass er es bald zu Ende bringen müsste.

In den letzten Minuten hatte er die Bewegungsmuster des Drachen studiert, von denen das Viech vermutlich gar nicht wusste, dass es sie hatte. Er glaubte jetzt zu wissen, wie sich der Drache bewegen würde. Jetzt müsste wieder ein Flammenstoß kommen. Den musste er noch überstehen. Dann wieder ein Schwanzhieb. Nachdem er diesem ausgewichen wäre, hätte er einige wenige Sekunden Zeit. Dann würde er seinen Patronus beschwören, um den Drachen kurz abzulenken. Er bräuchte nur wenige Sekunden, um an den Drachen vorbeizukommen. Er war sich sicher, dass er es schaffen würde. Sobald er beim Ei wäre, wäre es vorbei. Er musste nur den nächsten Flammenstrahl überstehen.

Er brauchte gar nicht aufzublicken; er wusste, dass das Feuer auf ihn zugeschossen kam. Aber sein Arm fühlte sich so träge an, während er versuchte, seinen Zauberstab zu heben. Ihm wurde klar, dass er keine Zeit haben würde für eine materielle Beschwörung. Dann musste es eben wieder sein Luftschild tun.

Gerade rechtzeitig verfestigte sich sein Schild vor ihm. Heiße Luft strömte über sein Gesicht, während er mit seinen Füßen gegen die Druckwelle ankämpfte. Noch 115 Sekunden, zählte er in seinen Gedanken. 114

Auf einmal spürte er noch etwas anderes als die versengende Hitze. Es war angenehm, kühl und einfach nur berauschend. Das Gefühl versprach Linderung für seine geplagte Seele.

Harry kannte dieses Gefühl nur zu gut, stammte es doch von der wichtigsten Person in seinem Leben.

Daphne!

Er spürte, wie Daphnes Geist gegen seine mentalen Barrieren drückte. Ein Gefühl der Liebe überwältigte ihn.

Er spürte aber auch eine schreckliche, alles zersetzende Angst.

Genauso wie in Daphnes Albtraum.

Es schmerzte ihn, dass er seine Geliebte in solche Furcht versetzte. Hatte er ihr nicht versprochen, immer für sie da zu sein?

Er wollte loslaufen, sie in die Arme nehmen, sie küssen. Er wollte, dass sie lachte und glücklich war. Er wollte zusammen mit ihr glücklich sein.

Aber da war kein Glück. Kein erfülltes Leben. Nur Schmerz und Verzweiflung. Und Daphnes Angst, Daphnes entsetzliche Angst, alles andere überlagernd. Es erfasste sein gesamtes Sein.

Er musste zu Daphne!

Harry musste all seine Gedankenkraft aufbringen, um seinen Zauber aufrechtzuerhalten, während er seine geistigen Barrieren niederriss.

Es war wie bei ihren vorigen Vereinigungen. Ihre Geister verschmolzen miteinander wie Tag und Nacht im goldenen Licht der Morgenröte. Ihre Geister wurden eins wie ein nie enden wollender Kuss. Harry war Daphne und Daphne war Harry.

Es war berauschend. Harry fühlte sich, als könnte er Berge versetzen, als könnte er die Welt selbst aus den Angeln heben. Seine Hände umklammerten seinen Zauberstab. Zusammen könnten sie einfach alles erreichen.

Zusammen, meine Dämonin

Es war ihm, als würde aus weiter Ferne Daphnes Stimme an ihn herandringen, was natürlich völlig unmöglich war.

Zusammen, mein Dämon

Harry schrie, ließ seinen Gefühlen freien Lauf. Es war ein herrliches Gefühl. So musste sich grenzenlose Freiheit anfühlen. Sie waren die Herren der Welt!

Er spürte, wie das Gefühl der Macht durch seinen Körper schoss, durch seinen ausgestreckten Arm in seinen Zauberstab. Sein Arm und sein gesamter Körper erzitterten.

Plötzlich brach eine gewaltige Schockwelle aus der Spitze seines Zauberstabs und schleuderte die Flammenstrahlen zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Der getroffene Drache brüllte schmerzerfüllt auf.

Aber es war noch nicht genug! Der Drache musste büßen für das, was sie ihrem Harry angetan hatte!

Warte – Waren das Daphnes Gedanken gewesen? Oder seine eigenen?

Es war egal. Sie waren eins.

Harry richtete seinen Zauberstab auf den fauchenden Drachen. Wie in Trance öffnete er seinen Mund. Scheußliche, aber dennoch wohlklingende Zischlaute erklangen, setzten uralte Magie in Gang.

Harry spürte, wie die Kraft für den Zauber seine und Daphnes Seelen verließ. Es war viel, viel intensiver als bei ihren vorigen Übungen, aber sie hatten es auch noch nie an einem so großen Geschöpf ausprobiert.

Der bekannte Geruch der Verwesung legte sich über den Tanzplatz von Leben und Tod. Und der Tod suchte sich seinen Tribut.

Ein dunkler, undurchdringlicher Nebel legte sich um den Drachen, der mit seinem Schwanz um sich schlug, als könnte er damit irgendwas bewirken. Aber sein Schicksal war besiegelt und sein Leben verwirkt. So würde es jedem ergehen, der sich ihnen entgegenstellte.

Schon bald war von dem Drachen nichts mehr zu sehen. Dafür drangen die entsetzlichen Schmerzensschreie des Geschöpfes, das bei lebendigem Leibe verweste, aus dem Nebel an ihre Ohren. Es war ein Geräusch, dass ihr Blut in den Adern gefrieren ließ. Es war aber auch der Laut ihres Triumphes.

Sie hatten es geschafft, jubilierte Harry. Gleich wäre die Bestie tot und er könnte sich das Goldene Ei schnappen. Dann wäre alles vorbei. Er würde Daphne in die Arme schließen und sie lang und hemmungslos küssen. Sie würden –

Ein stechender Schmerz schoss durch Harrys Körper. Ihm wurde schwarz vor Augen. Er fühlte sich schwach, einfach nur schwach, als hätten ihn all seine Lebensgeister verlassen.

Die Verbindung zu Daphne erlosch, auch wenn Harry panisch versuchte, ihren Geist zu fassen zu bekommen. Aber es war hoffnungslos; als würde man versuchen, Luft mit den bloßen Händen zu fangen.

Alles wurde matt um ihm herum und er fühlte sich müde. So müde.

Nein!

So durfte er nicht sterben, schrie Harry in Gedanken, als sich Dunkelheit um ihn legte.





Blankes Entsetzen packte Dumbledore, als er den schwarzen Nebel betrachtete. Was war das nur für eine verabscheuungswürdige, teuflische Magie?





Hermine konnte sich nicht mehr zurückhalten. Sie beugte sich nach vorne und übergab sich, während der widerlichste Geruch, den sie jemals erlebt hatte, in ihre Nase drang. Es war, als wären sie von abertausenden verwesenden Kadavern umgeben.

Von überall drangen die Würggeräusche ihrer Mitschüler an sie heran. Ihr eigenes Erbrochenes vermischte sich mit dem von Ron und Neville neben ihr.

Plötzlich spürte sie, wie etwas Warmes in ihren Nacken tropfte. Sie blickte auf, nur um von Lavenders Mageninhalt direkt ins Gesicht getroffen zu werden.





Remus‘ spärliche Haare standen ihm zu Berge. Die Schmerzensschreie des Drachen waren das Entsetzlichste, was er jemals gehört hatte. Und er hatte viele grässliche Dinge gehört.

Erst, als die Schreie verstummten, der Nebel sich lichtete und den Blick auf einen völlig blanken Drachenschädel freigaben, war er wieder imstande, einen klaren Gedanken zu fassen.

Harry!

Seine Augen suchten Harry und fanden ihn schließlich mitten in der Arena, auf dem Rücken liegend, völlig regungslos.

Nein! Er durfte nicht tot sein!

Remus sprang auf und wollte hinabrennen, als er sah, dass Daphne neben ihm ebenfalls zusammengesackt war. Ihr Gesicht war totenbleich und die Augen geschlossen. Dumbledores Phönix pikste ihr immer wieder in die Hand, aber sie regte sich nicht.

Remus wurde von einer panischen Angst ergriffen.





Das erste, was Harry hörte, als er wieder zu sich kam, war aufgeregtes Stimmengewirr. Wo befand er sich? Er konnte spüren, dass er auf einer harten Matte zu liegen schien.

Er versuchte, seine Augen zu öffnen, schloss sie aber sofort wieder, als ihn grelles Licht blendete.

„Ruhig, Potter“, erklang eine Stimme, die Harry irgendwie vertraut vorkam, auch wenn er sie noch keiner Person zuordnen konnte. Er fühlte sich völlig ausgelaugt und matt; nur zu liegen strengte ihn bereits an. Es fühlte sich wie damals an, als er in Daphnes Schlafzimmer aufgewacht war, nachdem er zum ersten Mal dämonische Magie angewandt hatte.

Daphne!

Mit einem Ruck setzte sich Harry auf und riss die Augen auf. Plötzlich erinnerte er sich wieder an alles, was passiert war, bevor er das Bewusstsein verloren hatte. Seine Verbindung zu Daphne war erloschen. Hieße das –

„Wo ist Daphne?“, schrie er, wie wild blinzelnd, während er das Gesicht von Madam Pomfrey erkannte, die über ihn gebeugt stand.

„Ruhig, Potter“, erwiderte sie und versuchte, ihn zurück auf die Matte zu drücken. „Ihr geht es gut. Sie ist gleich da drüben. Du aber solltest –“

Harry befreite sich von ihrem Griff und sprang auf. So schnell er konnte rannte er zu der Leinenwand, auf die Madam Pomfrey gezeigt hatte. Dahinter sah er Daphne auf einem Feldbett liegen. Ihre Haut war so weiß wie der Schnee und ihre Haare glanzlos, aber ihr Brustkorb hob und senkte sich langsam. Sie lebte!

Harry war sofort an ihrer Seite und ergriff ihre Hand. Er fühlte das Blut durch ihre Adern fließen.

„Mr. Potter!“, baute sich eine wütende Madam Pomfrey neben ihm auf. „Ich habe gesagt –“

„Geht es ihr gut?“, unterbrach Harry die Heilerin. „Wird sie aufwachen?“

Madam Pomfrey hielt inne und Harry war es, als würde ein Hauch von Sympathie über ihr Gesicht huschen.

„Miss Greengrass ist ohnmächtig“, sagte sie. „Aber ansonsten geht es ihr gut. Das war vermutlich alles zu viel Aufregung für sie. Wie bei den Dementoren letztes Jahr. Aber Potter, du solltest wirklich – “

„Nein“, wiegelte Harry ab. „Ich werde Daphne nicht allein lassen. Mir geht es gut.“

Eine unangenehme Stille legte sich zwischen ihn und die Heilerin, während das aufgeregte Stimmengewirr von außerhalb des Lazarettzelts an sie herandrang.

„Na schön“, murmelte Madam Pomfrey schließlich. „Wie du willst, Potter. Aber du solltest dich dennoch ausruhen, du hast heute schon mehr als genug angestellt.“ Sie riss die Arme nach oben. „Nicht nur hast du einen Drachen getötet, sondern anscheinend auch noch auf eine Weise, die zu einer noch nie dagewesenen, plötzlichen Übelkeit hunderter Schüler geführt hat. Es mussten extra noch Heiler aus St. Mungo kommen, um alle zu versorgen. In meinem Leben habe ich noch niemals so viel Erbrochenes gesehen. Einfach nur unglaublich.“

Damit schob sie Harry einen Hocker heran, auf den er sich dankbar setzte. Er fühlte sich immer noch wahnsinnig erschöpft, aber niemals würde er Daphne allein lassen.

Sorgenvoll betrachtete er ihr bleiches Gesicht, während er zärtlich ihre Hand drückte. Unangenehme Erinnerungen kamen in ihm hoch. Erinnerungen daran, wie Daphne nach ihrem Kampf in der Kammer des Schreckens im Krankenflügel gelegen hatte. Ein schöner Partner war er. Damals hatte er sie nicht vor Voldemorts Fluch schützen können, und auch heute hatte er sie nicht davor schützen können, sich so sehr für ihn zu verausgaben.

Und dass nur, weil sie solche Angst um ihn gehabt hatte. Er durfte es nicht zulassen, dass sie sich so sehr um ihn sorgte und selbst gefährdete wie heute.

Er wusste aber auch, dass Daphne niemals aufhören würde, ihm zur Hilfe zu eilen, wenn sie es als notwendig erachtete. Sie würde sich seinetwegen immer wieder in Gefahr begeben. So wie vorhin, als sie ihren Geist mit dem seinen verbunden hatte, um die mächtigste Magie zu wirken, die sie beide jemals erlebt hatten.

Sie würde immer an seiner Seite sein. Und dafür liebte er sie. Dennoch, wenn sie auch in Zukunft diese Magie benutzen würden, musste er dafür sorgen, dass sich ihre Verbindung verfestigte, dass sie die Oberhand über die dämonische Magie behielten, anstatt sich von ihr überwältigen zu lassen.

Er konnte Daphne nicht verlieren! Sie war sein ganzes Leben! Ohne sie wäre wieder alles wie bei den Dursleys. Er wäre allein, völlig allein in dieser Welt.

Nein, er musste einen Weg finden, wie sie für immer zusammenbleiben könnten.

Harry wurde aus seinen Gedanken gerissen, als sich auf einmal ein langer Schatten über ihn legte. Er schaute auf, nur um direkt in das stoische Gesicht seines Schulleiters zu blicken. Was hatte Dumbledore immer nur mit diesem heimlichen Heranschleichen?

„Professor“, begrüßte Harry den Schulleiter.

Doch Dumbledore reagierte nicht. Vielmehr schien er Harry von Kopf bis Fuß zu mustern, als wäre er sich nicht sicher, ob er nicht in Wirklichkeit ein Außerirdischer war.

Harry hatte keine Nerven für diesen Schwachsinn. „Was wollen Sie?“, fragte er ungeduldig.

Dumbledore zuckte zusammen, als hätte ihn Harry in den Bauch geschlagen. Er richtete seine Brille und schaute Harry direkt in die Augen.

„Ich komme aus mehreren Gründen“, sprach er ruhig, aber ohne die Wärme in der Stimme, die ihn sonst auszeichnete. Harry konnte bereits ahnen, warum dies der Fall war. „Zunächst möchte ich dir deine Punktzahl für die Aufgabe sagen. Du hast fünf Punkte bekommen.“

Das überraschte Harry ein wenig. Seine Punktzahl war ihm zwar ziemlich egal, aber er hätte dennoch mit mehr gerechnet.

Als hätte Dumbledore seine Gedanken erraten, fuhr er fort, diesmal mit hörbarer Enttäuschung. „Es sind so wenige Punkte, weil du den Drachen getötet hast, zugelassen hast, dass die Eier zerstört wurden und das goldene Ei nicht einmal berührt hast. Ich selbst habe dir null Punkte gegeben.“

Harry zuckte mit den Achseln. Er hatte schon vorher gewusst, dass er von Dumbledore keine Unterstützung in diesem Turnier erwarten durfte, auch wenn die anderen Schulleiter nach Strich und Faden betrogen und Regeln brachen. Dumbledore hatte ihm noch nie helfen können, warum also sollte es dieses Mal anders sein?

Er blickte zu Daphne und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht. Ihr hatte Dumbledore auch nicht helfen können. Am Ende waren sie auf sich allein gestellt, so wie immer schon.

„Gibt es sonst noch was?“, wandte er sich wieder zu Dumbledore, der ihn immer noch mit einem unergründlichen Blick betrachtete.

„Ja“, erwiderte der Schulleiter. „Was war das für eine Magie, die du benutzt hast?“

Die Frage klang harmlos, aber Harry erkannte die dahinterstehende Bedeutung. Die Zauber, die sie in den Büchern von Valeydor und Valeydis gefunden hatten, war wahrscheinlich keine Magie, die an Hogwarts unterrichtet oder gutgeheißen werden würde. Er war sich nicht sicher, ob sie als dunkel anzusehen war – immerhin waren er und Daphne nicht wie Voldemort – aber hell war sie ganz bestimmt auch nicht.

Ein Lächeln schlich sich um seine Lippen. Es hieß ja, man sollte stets auch ein Stück Wahrheit in seine Lügen miteinbauen.

„Ach wissen Sie, Professor“, antwortete Harry mit einem Schulterzucken. „Es hat schon gewisse Vorteile, wenn man seinen Tarnumhang mit in die Bibliothek von Alexandria nimmt. So viel Wissen, das es dort gibt. So viel faszinierendes Wissen über mächtige Magie.“

„Da gibt es keine Magie wie die, die du angewandt hast!“, entgegnete Dumbledore aufgebracht. Auch seine Stimme war lauter geworden. Interessant.

„Woher wollen Sie das denn wissen?“, fragte Harry. „Sie haben doch Hausverbot dort. Aus gutem Grund, wie ich hörte. Und wer war ihr Gefährte, den –“

„Das tut nichts zur Sache!“, unterbrach Dumbledore ihn. Von seiner gewöhnlichen Ruhe war inzwischen nichts mehr zu sehen. Er keuchte und sein Gesicht hatte einen Rotstich bekommen. Plötzlich schnellte seine Hand nach oben und packte Harry am Arm mit einer Kraft, die er dem alten Zaubermeister gar nicht zugetraut hätte.

„Ich habe keine Lust mehr auf deine ständigen Unwahrheiten!“, zischte Dumbledore. „Seitdem du in Hogwarts bist, bist du nur am Lügen. Dir ist es egal, wie es deinen Mitmenschen geht. Du tötest, als wäre nichts dabei. Mich schauderts, wenn ich dich sehe. Ich will mir gar nicht vorstellen, was James und Lily von dir denken müssen. Du bist nicht –“ Dumbledore stoppte, bevor er den Satz beendete.

Ein heißes Gefühl ergriff Harrys Körper. „Was bin ich nicht?“, schrie er und schlug Dumbledores Hand weg. „Was wollten Sie sagen?“

Zornig blickte er Dumbledore an, der schockiert dreinschaute, anscheinend erschrocken von seinen eigenen Worten. Harrys Faust bebte. Oh, wie gerne würde er Dumbledore ins Jenseits hexen.

„Harry…“, erklang plötzlich eine schwache Stimme neben ihm.

Sofort schnellte Harry herum und blickte wieder in Daphnes bleiches Gesicht, doch ihre wunderschönen blauen Augen waren nun geöffnet. Sie versuchte sich aufzurichten, es war jedoch offensichtlich, dass sie sehr schwach war.

„Daphne“, rief Harry und berührte sie an den Schultern. „Ruhig, mein Schatz. Es ist alles gut. Der Drache ist tot. Ich bin bei dir. Für immer.“ Sanft drückte er Daphne zurück auf die Liege, während er ihr liebevoll zuflüsterte. Als er kurz aufblickte, war Dumbledore verschwunden.





Nächstes Kapitel: König und Königin

Vorschau:

„Du bist ein schrecklicher Tänzer“, grinste Daphne ihn an.

„Na zum Glück tanzt du genauso schlecht wie ich“, erwiderte Harry, während er angestrengt aufpasste, seiner Partnerin nicht auf die Füße zu treten. Er bemerkte, dass Daphne ihn immer noch breit angrinste. „Was ist?“

Daphne schüttelte leicht den Kopf, aber ihre Augen strahlten. „Ich kann mir nicht anders helfen. Ich bin einfach glücklich.“





AN:

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