Vögel und Monster

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18
Albus Dumbledore Daphne Greengrass Dobby Fawkes Harry Potter
17.01.2020
25.09.2020
27
212.598
54
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Dieses Kapitel
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21.07.2020 9.652
 
AN:

Vielen Dank an Nessi00, CrimsonEye, Zwergfan, Shadowheart und Winterpelz für eure Kommentare zum vorigen Kapitel! Es waren zwar wieder etwas weniger Kommentare, aber mich freut es, dass die Geschichte anscheinend immer noch auf positives Feedback stößt. Harry/Daphne (Haphne) ist vermutlich nicht das allerbekannteste und beliebteste Pairing, deshalb kann ich wirklich nicht meckern.

Ich hoffe, euch wird auch dieses Kapitel gefallen. In diesem Kapitel starten wir ins viertes Schuljahr, was mein Lieblingsbuch der Reihe ist.

Read and review!





Kapitel 22 – Dunkle Bedrohung

Mit einem heftigen Schmerz in seiner Stirn riss Harry die Augen auf. Seine Hand fuhr sofort zu seiner Narbe, die immer noch schmerzhaft pulsierte. Was war nur los, fragte er sich. Seine Narbe hatte doch schon so lange nicht mehr wehgetan. Warum dann ausgerechnet jetzt?

„Harry, was ist los?“, hörte er Daphnes schläfrige Stimme neben sich.

Harry musste lächeln. Ihr entging auch einfach gar nichts. Seine Freundin schien stets zu wissen, wenn es ihm nicht gut ging. Ihre Traumverbindung spielte dabei bestimmt auch eine Rolle, auch wenn diese nicht so stark ausgeprägt war, wenn sie im gleichen Bett schliefen und sich somit direkt halten und trösten konnten.

Er spürte, wie sich Daphne neben ihm aufrichtete, nur sehen konnte er sie nicht. Denn sie befanden sich noch in ihrer Schlafkammer in der Bibliothek von Alexandria und es war stockduster. Es musste mitten in der Nacht sein. Er wusste, dass Daphne die Dunkelheit nicht mochte, aber Harry war sie nur allzu vertraut, nachdem er so viele Stunden und manchmal sogar Tage in seiner Besenkammer verbracht hatte. Mögen die Dursleys in der Hölle schmoren, wenn einst ihre Zeit gekommen war.    

„Nichts, Daph“, murmelte er. Er wollte nicht, dass sie sich Sorgen machte. Anlügen wollte er sie aber auch nicht, weshalb er leise fortfuhr, „Ich bin nur aufgewacht, weil meine Narbe wehtat. Es ist bestimmt nur –“

Er kam nicht dazu, den Satz zu beenden. Sobald er seine schmerzende Narbe erwähnte, beugte sich Daphne nach vorne und legte ihre Hand auf seine Stirn. Ihre Handfläche fühlte sich so kühl an, dachte Harry. Kühl und angenehm. So wie Daphne. Langsam verebbte der Schmerz.  

„Deine Narbe tut weh?“, fragte Daphne, und die Besorgnis war ihr deutlich anzuhören.

Harry seufzte auf. Er konnte sich Daphnes sorgenvollen Blick, mit dem sie ihn jetzt gerade vermutlich bedachte, nur allzu gut vorstellen. Zu oft hatte er ihn bereits gesehen. Bilder kamen vor seinem inneren Auge hoch. Erinnerungen an Tränen auf seinem Gesicht und Schlägen auf seiner Brust…

„Jetzt nicht mehr“, antwortete er so ruhig wie möglich, um Daphne zu beruhigen, während es wiederum ihre kühle Handfläche war, die ihm selbst Linderung verschaffte.  Er richtete sich auf, sodass sich ihre Gesichter beinahe berührten, und drückte zärtlich ihre freie Hand. „Es ist wirklich alles gut“, fuhr er fort. „Es tut gar nicht mehr weh. Bestimmt hatte ich nur wieder einen Albtraum.“

„Hattest du denn einen Albtraum?“, fragte Daphne weiter. Anscheinend waren seine Beruhigungsversuche erfolgslos geblieben.

„Ich … Ich weiß nicht“, antwortete Harry zögerlich. „Ich kann mich an nichts erinnern.“

So war es häufig, wenn er vor dem Schlafengehen seine Okklumentikübungen durchführte und seinen gesamten Geist leerte, denn Daphne und er hatten ihre geistigen Anstrengungen nach ihren zahlreichen Albträumen im vergangenen Jahr intensiviert. Aus unterschiedlichen Gründen waren sie beide von den hasserfüllten Visagen und den giftspeienden Zungen ihrer Eltern heimgesucht worden. Und immer wieder hatte er den blutigen Kopf Blacks gesehen…

Harry schüttelte den Kopf. Das war Vergangenheit und spielte keine Rolle mehr. Mögen auch Daphnes Eltern und Black in der Hölle schmoren.

„Du kannst dich nicht erinnern?“, wiederholte Daphne seine Worte.

„Nein. Es war bestimmt nichts Besonderes“, erwiderte er. „Wir haben es doch gelesen, Fluchnarben können auch nach vielen Jahren noch weh tun. Es ist alles gut, Daph. Legen wir uns wieder hin. Morgen wird ein langer Tag.“

Mit gefühlvoller Vehemenz drückte er Daphne zurück auf die Matratze und legte sich neben sie hin. Gerne hätte er in diesem Moment ihr Gesicht gesehen, jedoch durften sie nicht zaubern und er hatte auch keine Lust, aufzustehen und eine Lampe anzuzünden. Daher begnügte er sich damit, Daphne in die Arme zu nehmen und ihr besänftigend durch die Haare zu streichen. „Ich liebe dich, Daphne“, flüsterte er, während er sanft ihre Stirn küsste.

„Ich … Ich liebe dich auch“, antwortete Daphne zweifelnd.

Harry wusste, dass ihre Zweifel nicht ihrer Liebe, sondern seinen Beschwichtigungen galten. „Es ist alles gut“, murmelte er ein weiteres Mal, auch wenn es ihm war, als würde aus weiter Ferne ein angsterfüllter Schrei an ihn herandringen. Aber vermutlich bildete er sich das alles nur ein. Er las in letzter Zeit einfach zu viele Dämonengeschichten. Es gab keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Alles war gut.





Gähnend schritten Harry und Daphne an den marmornen Säulen vorbei, während sie ihre beiden Koffer hinter sich herzogen. Keiner von ihnen hatte letzte Nacht noch richtig schlafen können, weshalb sie nun völlig übermüdet und mit dunklen Augenringen auf dem Weg aus der Bibliothek waren, die in den vergangenen zwei Monaten ihr Zuhause gewesen war.

Jedoch kam alles irgendwann einmal zu einem Ende, und dies traf auch auf ihren Urlaub respektive Forschungsaufenthalt in Alexandria zu. Bereits in zwei Tagen würden sie schon wieder im Zug Richtung Hogwarts sitzen, um ein weiteres Schuljahr an jenem Ort zu verbringen, den Harry einerseits liebte und andererseits verdammen musste.  

Gleiches konnte er vermutlich auch über Alexandria sagen. Er liebte es, dass er so viel Zeit mit Daphne verbringen konnte. Er liebte auch ihre Ausflüge in die Katzengasse und die Muggelstadt. Es freute ihn ebenfalls, mit Ganda und Klak zwei Leute kennengelernt zu haben, die er fast als so etwas wie Freunde bezeichnen würde. Womit sich seine gesamte Freundeszahl auf fünf erhöhte, neben Daphne, Hagrid und Dobby. Mit Abstrichen vielleicht noch McGonagall, Flitwick und Lupin. Er lachte innerlich auf. Die Tochter Voldemorts, ein Halbriese, ein Werwolf und mehrere nichtmenschliche Wesen – welch ein erlesender Freundeskreis er doch hatte.

Nein, es hatte wirklich vieles gegeben, was er während ihres Aufenthalts genossen hatte und wofür er diesen Sommer stets in angenehmer Erinnerung behalten würde. Es waren seine nächtlichen Ausflüge, das stundenlange Abschreiben antiker Texte und vor allem das endlose Brüten über Wörterbüchern, um ebendiese antiken Texte zu übersetzen, was Harry diesen Ort teilweise verdammen ließ. Und wofür das ganze? Sie waren keinen Schritt vorangekommen auf ihrer Quest, Valeydis‘ Seele zu retten. Sie hatten zwar Unmengen an interessanten, oft aber auch einfach nur abscheulichen Schriften gelesen, nur die eine Information, für die sie überhaupt nach Alexandria gekommen waren, hatten sie nicht finden können.

Beim Gedanken an manche der Rituale, über die sie gelesen hatten, musste er immer noch schaudern. Widerliche, abstoßende Gräuel. Es interessierte ihn nicht, wie man seine Seele zersplittern konnte – wer käme überhaupt auf eine solch dumme Idee, etwas so Reines und Kostbares wie die eigene Seele zu zerstören? Nein, die Seele war etwas zutiefst Heiliges und nur ein Narr würde sie absichtlich verstümmeln. Hatten Valeydor und Valeydis nicht sogar gezeigt, welch Harmonie und Erhabenheit in der Verbindung zweier Seelen – also dem kompletten Gegenteil eines solchen Frevels – stecken konnte?

Bei dem Gedanken an das Liebespaar musste Harry lächeln. Wie es Fawkes wohl ergangen war die letzten Wochen? Seit ihres Paktes im vergangenen Sommer war kein so langer Zeitraum vergangen, ohne dass sie ihn wenigstens ab und zu gesehen hatten. Zunächst im Mausoleum auf dem Greengrass-Anwesen und dann in Hogwarts, wenn er manchmal im Raum der Wünsche erschienen war, um sie bei ihren Übungen zu beobachten. Harry nahm sich vor, später Dobby zu fragen, wie häufig der Phönix die beiden, in einen Stasiszauber gehüllten Körper besucht hatte.

„Hey, ihr wollt doch wohl nicht einfach abhauen, ohne euch von uns zu verabschieden, oder?“, erklang plötzlich eine Stimme, die Harry nur allzu sehr vertraut geworden war.

Lächelnd drehte er sich um und blickte hinab, direkt in Gandas vorwurfsvoll funkelnden Fuchsaugen. Neben ihr stand Klak und unterdrückte ebenfalls ein Gähnen; vermutlich hatte er wieder Nachtschicht schieben müssen.

„Was hast du nur für eine schlechte Meinung von uns, Ganda“, entgegnete er amüsiert. „Natürlich hätten wir euch gleich noch gesucht, um uns richtig zu verabschieden.“

Ganda zog ihre Lefzen zu einem Lächeln nach oben. „Natürlich hättet ihr das. Ihr seid ja gut erzogene Menschlinge, nicht wahr?“

„Wir würden gerne noch länger bleiben“, warf Daphne ein. „Aber leider fängt in zwei Tagen wieder unsere Schule an. Und da müssen wir anwesend sein.“ Sie drehte sich zu Klak. „Hey Klak, was müssen wir eigentlich noch bezahlen?“

„Moment, Moment“, rief Klak und eilte zum Schalter. Er holte ein dickes Buch hervor und schlug es auf. „Ja, genau“, sagte er, während er die Zeilen überflog. „2 Monate Suchkugel, dazu Kost und Logis … hmm, das macht dann genau 250 Galleonen.“

Harry und Daphne tauschten einen Blick. Sie hatten bereits mit einer solchen Summe gerechnet, hielten es aber immer noch für ausgemachten Wucher. Ihre Unterkunft und das Essen waren diesen Preis auf jeden Fall nicht wert gewesen. Vielleicht sollten sie sich das nächste Mal ein Zimmer in der Katzengasse nehmen, auch wenn das die nächtlichen Schleichaktionen erheblich erschwert hätte, da das Eingangsportal in der Nacht geschlossen war. Und die Suchkugel war zwar eindeutig eine hervorragende magische Errungenschaft, allerdings fühlte es sich irgendwie nicht gerecht an, dass der Zugang zu diesem einzigartigen Wissensschatz eine solch teure Angelegenheit war.

Harry seufzte auf und holte ein Säckchen aus seiner Tasche, in dem die Goldmünzen laut klimperten. Nachdem er ihre offene Rechnung bezahlt hatte, guckten sich die vier Freunde erwartungsvoll an. Sie alle wussten, dass jetzt der Zeitpunkt des Abschieds gekommen war, für mindestens ein Jahr.

„Also, Harry, Daphne“, ergriff schließlich Klak als erster das Wort. „Kommt gut heim und passt auf euch auf. Vor allem du, Harry. Mir gefällt gar nicht, was bei der Weltmeisterschaft passiert ist.“

Sofort musste Harry an die Zeitungsberichte über die randalierenden Todesser und das schreckliche Bild des Dunklen Males zurückdenken. Auch ihm gefiel das ganz und gar nicht.

„Die Todesser sind immer noch da draußen, Harry“, fuhr Klak ernst fort. „Und sie würden dich bestimmt nur allzu gern in die Hände bekommen. Also –“

„Hä? Was meinst du denn damit?“, fragte Ganda verwirrt. „Was sollen denn diese bösen Zauberer mit Harry zu tun haben?“

Harry spürte, wie Daphne seine Hand ergriff, während Klak Ganda fassungslos anstarrte. „Soll das ein Witz sein?“, sagte er. „Harry – Harry Potter! Klingelt da nicht irgendwas bei dir?“

Aber Ganda schaute ihn weiterhin verwirrt an. Harry war das währenddessen alles ziemlich unangenehm. Seine Berühmtheit war nichts, über das er sich freute. Daphne drückte seine Hand und Harry lächelte ihr leicht zu.

Klak seufzte auf. „Ich fass es nicht“, murmelte er. „Harry ist berühmt. Als Baby hat er deren dunklen Lord dort drüben besiegt. Natürlich sind dessen Anhänger nicht gut auf ihn zu sprechen.“

Verständnis zeichnete sich auf Gandas tierischen Gesichtszügen ab, bevor sie auf einmal verlegen zu Boden schaute. „Jüngere Geschichte war noch nie mein bestes Fach“, gab sie leise zu. Einige unangenehme Sekunden der Stille vergingen, bevor Ganda plötzlich wieder ihren Kopf hob und Harry energisch anguckte. „Jetzt macht das sogar noch mehr Sinn!“, rief sie.

„Was macht Sinn?“, fragte Harry.

„Meine Ahnungen. Klak hat recht. Seid vorsichtig. Es braut sich etwas zusammen in der Welt, ich spüre es in meiner Rute.“

Harry hatte Ganda bisher selten so ernst erlebt und auch Daphne neben ihm spannte sich an. Um die Stimmung wieder etwas aufzulockern, fragte er lachend, „Seit wann verfügst du denn über hellseherische Fähigkeiten, Ganda? Oder wohl eher deine Rute?“

Ganda schnaubte beleidigt und ballte ihre Hände zu Fäusten. „Wir Lutin waren immer schon mehr mit der Magie verbunden als ihr ignoranten Menschlinge“, erwiderte sie. „Nur wegen eurer Holzstöckchen denkt ihr immer, ihr seid ja ach so viel besser und toller als –“

„Ist ja gut“, versuchte Harry sie zu beruhigen. „Ist ja gut. Ich verstehe schon. Wir Menschen sind dumm und ignorant.“ Einer Einschätzung, der er sich in großen Teilen sogar anschließen würde. „Wir werden deine Sorgen ernst nehmen, Ganda. Und deine auch, Klak.“ Er schaute zu dem Minotaur, der ihm zunickte. „Wir werden auf uns aufpassen.“

Ganda atmete mehrmals ein und aus, bevor sie in ruhigerer Stimme fortfuhr, „Ja, passt auf euch auf. Ansonsten komme ich nach England und trete euch gehörig in den Arsch.“

„Ich werde schon dafür sorgen, dass Harry auf sich aufpasst“, warf Daphne lächelnd ein. „Und Harry passt auf mich auf. So machen wir das immer.“

Ganda nickte zufrieden. „Das ist gut. Dann ist es jetzt wohl Zeit, Lebewohl zu sagen. Es hat mich gefreut, euch beide kennenzulernen. Und ich hoffe, wir werden uns nächsten Sommer wiedersehen.“

„Das wäre schön“, antwortete Harry. „Wir werden euch informieren, wenn wir –“ Er bemerkte Daphnes warnenden Blick. „Ähm, ja wir werden euch informieren, wenn wir wissen, ob wir wieder ein Schulprojekt haben für den nächsten Sommer.“

Ganda und Klak tauschten einen Blick, bevor sie beide den Kopf schüttelten.

„Wir wissen, dass ihr beide nicht wegen eines Schulprojektes hier wart“, sagte Klak.

„Genau“, fuhr Ganda fort. „Aber weil ihr den wahren Grund anscheinend nicht erzählen wolltet, wollten wir nicht weiter nachfragen. Werden wir auch jetzt nicht machen. Aber…“ Sie zögerte kurz. „Aber vielleicht werdet ihr uns ja eines Tages genug vertrauen und könnt uns erzählen, warum ihr wirklich hier wart.“

Harry versteinerte. Sie hatten die ganze Zeit gewusst, dass sie gelogen hatten? Was wussten sie dann noch? Würden sie irgendjemandem davon erzählen?

„Es war ein Rechercheprojekt“, zerschnitt Daphnes kalte Stimme die Luft. „Und wenn du uns nicht danach fragst, müssen wir dich auch nicht anlügen.“

Harry runzelte die Stirn. Daphne verhielt sich, als wären sie wieder in Hogwarts. Ihre schöne Auszeit war also wirklich vorbei.

Eine unangenehme Stille setzte ein, während sich die vier Freunde aufmerksam musterten. Schließlich nickte Ganda langsam. „Ich verstehe. Dann macht’s gut, ja?“

„Mach’s gut, Ganda“, antwortete Harry und versuchte zu lächeln. „Du auch, Klak.“

„Passt auf euch auf, Harry, Daphne.“

Sie winkten sich zum Abschied zu, bevor Harry und Daphne wieder ihre Koffer nahmen und hinaus in das grelle Sonnenlicht traten.





Der Hogwarts-Express funkelte majestätisch in der Sonne, als sie auf Gleis Neundreiviertel erschienen. Außer Harry, Daphne und Dobby befand sich jedoch noch fast niemand auf dem Bahnsteig.

„Dobby holt noch das Gepäck von Mr. Harry und Miss Daphne“, quickte Dobby und verschwand mit einem lauten Knall.

Harry war dem kleinen Hauselfen wirklich zutiefst dankbar für all seine Mühen. Nicht nur hatte er sich den gesamten Sommer um Daphnes Haus gekümmert, er hatte zudem all ihre Schulsachen in der Winkelgasse gekauft. Zwar sollten sie in diesem Schuljahr eigentlich auch Festumhänge mitbringen, aber das hatten sie verschoben, bis sie den genauen Anlass erfuhren – und ob die Teilnahme daran verpflichtend wäre.

Es gab einen lauten Knall und Dobby erschien wieder auf dem Bahnsteig, neben ihm zwei große, schwere Koffer.

„Danke, Dobby“, sagte Harry lächelnd. „Du bist wirklich super.“

Dobbys fledermausartige Ohren richteten sich vor Freude auf. „Natürlich, Harry Potter Sir. Viel Spaß in Hogwarts.“

Harry und Daphne verabschiedeten sich von Dobby und kurz darauf waren sie beide allein mit ihrem Gepäck, während ihnen die wenigen anderen Personen auf dem Bahnsteig misstrauische Blicke zuwarfen.

„Ah, weißt du, auf was ich mich aber tatsächlich freue?“, fragte Harry seine Freundin, während sie in Richtung des roten Zuges schritten.

Ein leichtes Lächeln umspielte Daphnes Lippen. „Ich kann es mir vorstellen. Lass mich raten: Magie?“

„Genau!“, erwiderte Harry. „Endlich können wir wieder richtig zaubern!“

Das war wirklich etwas gewesen, was er sehr vermisst hatte über den Sommer. In der Bibliothek hatte ein absolutes Magieverbot gegolten, das sie lieber nicht hatten brechen wollen. Und extensive Zauberei wäre in der Katzengasse voller Menschen und magischer Wesen vermutlich auch keine kluge Idee gewesen. Schon den gesamten Sommer fühlte Harry ein seltsames Zwicken in der Hand, fast wie Entzugserscheinungen bei einer Sucht. Immerhin hatten sie den gestrigen Tag mit Training und Duellen verbringen können, auch wenn Harrys Hintern immer noch etwas weh tat von einem üblen Fluch, mit dem Daphne ihn einmal erwischt hatte. Nicht, dass er es ihr später nicht heimgezahlt hätte…

Bei diesen Erinnerungen musste Harry wieder lachen.  Das Leben schien wirklich nicht so schlimm zu sein, wie er in der Vergangenheit manchmal gedacht hatte. Und auch ein weiteres Schuljahr in Hogwarts mit ihren dummen Mitschülern würden sie schon irgendwie überstehen. Immerhin konnten sie wieder völlig unbeschwert und grenzenlos Magie anwenden, jedenfalls verborgen im Raum der Wünsche. Die Lehrer sollten nämlich lieber nicht herausfinden, was für eine Magie sie dort praktizierten…

„Jetzt erinnerst du mich daran, wie du warst, als wir das erste Mal auf diesem Bahnsteig waren“, lachte Daphne. „Du warst so voller Vorfreude. Irgendwie war das ja schon niedlich.“

„Einer musste es ja sein. Du warst ja zu sehr damit beschäftigt, abweisend und kalt zu sein.“

Die Bemerkung brachte ihm einen Schlag gegen den Arm ein. „Idiot. Ich kannte dich damals doch noch gar nicht richtig.“

„Nun, kennst du mich denn nun richtig?“, fragte Harry mit hochgezogener Augenbraue.

Daphne grinste ihn an. „Ich glaube, ich kenne dich inzwischen besser als du dich selbst kennst, Mr. Potter.“

„Das freut mich“, erwiderte Harry ebenfalls grinsend. Sie hatten inzwischen den hintersten Wagon erreicht. „Würde mir die zukünftige Mrs. Potter dann die Ehre erweisen, mich auf eine weitere Zugfahrt nach Hogwarts zu begleiten?“

Daphnes Gesicht strahlte vor Freude bei seinen Worten. „Natürlich, Mr. Potter. Wie heißt es so schön? Ride or die.

Harry erwiderte ihr Lächeln und zusammen wuchteten sie ihre schweren Koffer in den Zug. Wie gewohnt setzten sie sich in eines der hintersten Abteile und beobachten über den Verlauf der nächsten Stunde, wie immer mehr Schülerinnen und Schüler mit ihren Eltern auf dem Bahnsteig eintrafen. Sie beobachteten herzzerreißende Abschiedsszenen und freudejauchzende Wiedersehen. Harry ertappte sich, wie er Tagträumen nachhing von sich und Daphne, wie sie eines Tages ebenfalls ihre Kinder verabschieden würden. Jedoch vermutlich nicht in England. Gab es eine Zauberschule in Ägypten?

Irgendwann schließlich setzte sich der Hogwarts-Express in Bewegung, dem Norden und den schottischen Bergen entgegen.

Daphne hatte sich auf der Sitzbank ausgestreckt – ihr Kopf lag in Harrys Schoß – während sie beide in verschiedenen Büchern lasen. Daphnes Romane waren oft einfach viel zu kitschig für Harrys Geschmack. Da las er lieber in dem Buch über Flüche und Gegenflüche, das ihm Lupin zum Geburtstag geschenkt hatte, denn anscheinend würde vor allem das der Unterrichtsstoff in diesem Schuljahr sein. Zwar beherrschte Harry bereits so gut wie alle Zauber in dem Buch, aber es konnte nicht schaden zu wissen, was ihre Mitschüler dieses Jahr so in petto haben würden.

Ihr ruhiges Lesen wurde jedoch auf einmal unterbrochen, als die Abteiltür aufgerissen wurde. Harry blickte von seinem Buch auf, nur um in die versteinerten Gesichter des berüchtigten goldenen Gryffindor-Trios zu blicken, das von ihrem Anblick genauso überrascht zu sein schien wie Harry. Daphne richtete sich auf, ihren Zauberstab in der Hand. Die Luft schien vor Anspannung zu knistern.

„Lasst uns gehen“, flüsterte Granger und versuchte Weasley hinter sich herzuziehen.

Dieser bewegte sich aber kein Stück, während er Harry finstere Blicke zuwarf. Harry erwiderte seine Blicke gleichermaßen, seine Hand inzwischen auch um seinen Zauberstab gelegt. Hatte Weasley seine Lektion vom letzten Schuljahr nicht gelernt? Wenn der Bastard Daphne auch nur jemals wieder ein Haar krümmen würde…

Letztlich gab Weasley dem Drängen von Granger und Longbottom nach und die Gryffindors verließen ihr Abteil, natürlich ohne die Tür hinter sich zu schließen. Harry stand auf und schloss die Abteiltür.

„Das war … merkwürdig“, sagte Daphne.

Harry nickte. „Das war es. Aber so lange sie uns in Ruhe lassen, lasse ich sie auch in Ruhe.“

„Aber wir müssen aufpassen“, antwortete Daphne nachdenklich. „Sein Blick war voller Hass. Ich habe diesen Blick selbst oft genug gesehen.“

Harry setzte sich neben seine Freundin und legte seine Arme um sie.

Es verging mehr als eine Stunde, bevor sie ein weiteres Mal gestört wurden. Als die Abteiltür diesmal aufgerissen wurde, blickten sie in die versammelten Gesichter ihrer männlichen Slytherin-Mitschüler und vielleicht befanden sich die weiblichen auch noch dahinter. Crabbe und Goyles Körper waren inzwischen so fett, dass das schwer zu sagen war.

Neben den Gorillas mit den schweren Knochen blickten ebenfalls Malfoy, Nott und Zabini in ihr Abteil.

Harry ertappte sich dabei, wie er kurz wehmütig wurde, als er Blaise sah. Wenn sie beide nicht in Slytherin wären, hätten sie vermutlich Freunde werden können, wenn er an seinen ersten, schönen Abend in Hogwarts zurückdachte. Gleich am nächsten Morgen hatte sich dieser Traum jedoch ausgeträumt gehabt und Blaise hatte sich für die Gegenseite entschieden.

Daphne aber hätte auch in jedem anderen Haus zu leiden habt und niemals hätte er sie allein gelassen. Schon damals nicht, und jetzt erst recht nicht. Nein, sein Leben war nicht perfekt, aber rückblickend würde er nichts anders machen.

Harry musterte neugierig ihre Mit-Slytherins. Malfoy stand wie gewohnt in der Mitte seiner Lakaien. Was hingegen neu war, war der verächtliche Blick, mit dem Malfoy ihn und Daphne bedachte. Was war denn mit dem passiert, fragte sich Harry. Hatte Malfoy bereits vergessen, wie sehr er ihm untergelegen gewesen war bei seinem letzten Versuch des Aufbegehrens? Und damals hatte er bereits die Unterstützung all der anderen Jungs gehabt. Seitdem waren er und Daphne aber nur noch stärker geworden, was er bei Malfoy und den anderen stark bezweifelte.

Nicht ohne einen gewissen Stolz dachte Harry, dass er und Daphne die vor ihnen versammelten Slytherins wohl problemlos ins Jenseits befördern könnten, wenn sie es denn wollten. Er zumindest wollte es aber nicht, es sei denn, sie würden angegriffen werden. Bei Daphne war er sich jedoch nicht so sicher, wenn er ihren genervten Gesichtsausdruck sah.

„Ist was?“, fragte Harry daher die Eindringlinge, während er sich auf seinem Sitz aufrichtete. Seine Finger umgriffen seinen Zauberstab, bereit zum Angriff. Oder zur Verteidigung, je nach dem was gleich passieren würde.

Malfoy schnaubte verächtlich. Auch das war neu. „Du fühlst dich ganz toll, Potter, oder?“ zischte er. „Aber warte nur ab. Bald wird die Zeit deiner Überheblichkeit vorbei sein.  Bald wird wieder jeder wissen, wo er hingehört.“

Damit drehte sich Malfoy um und verschwand den Gang runter, die anderen Slytherins im Schlepptau.

Harry und Daphne tauschten einen fragenden Blick.  

„Was sollte das denn?“, murmelte Harry kopfschüttelnd.

„Ich habe nicht den blassesten Schimmer“, erwiderte Daphne. „Pass heute Abend auf dich auf! Und verstärke deine Schutzzauber. Wenn irgendwas ist, kann ich in Sekundenschnelle an deiner Seite sein.“

„Ich weiß, Daph“, entgegnete Harry lächelnd, während er die Abteiltür schloss. Diesmal belegte er sie außerdem mit Zaubern, sodass sie nicht ein weiteres Mal gestört werden konnten.

Er setzte sich neben Daphne und küsste sie auf ihre weichen, berauschenden Lippen, während weite Felder an den Fenstern vorbeirauschten.



Als sie schließlich in pechschwarzer Dunkelheit in Hogsmeade ankamen, war jedes schöne Wetter schon längst vergangen. Es regnete und stürmte so heftig, wie es Harry selten zuvor erlebt hatte. Welch eine schöne Begrüßung. Harry und Daphne belegten sich mit regenabweisenden Zaubern und eilten Hand in Hand zu den Kutschen, die sich mit einem kräftigen Ruck in Bewegung setzten.  

Unter lautem Donnergrollen durchfuhren die das von geflügelten Steinerbern bewachte Schlosstor und erreichten die Treppe, die zu dem großen Eichenportal hinaufführte. Deutlich gelassener als ihre Mitschüler, die sich panisch vor dem Sturm in Sicherheit bringen wollten, betraten Harry und Daphne die fackelbeleuchtete Eingangshalle von Hogwarts.

Ohne Mitleid betrachtete Harry ihre Mitschüler, die völlig durchnässt versuchten, ihre Haare und Kleider auszuwringen. Sie hätten ausnahmsweise ja auch mal nützliche Zauber lernen können, anstatt üble Gerüchte und Lügengeschichten über ihn zu verbreiten.

Er sah, wie Daphne spöttisch lächelte. „Keine Schadenfreude“, murmelte er ihr amüsiert zu, während er ihre Hand ergriff und die Große Halle anpeilte. Er hatte während der langen Zugfahrt Hunger bekommen und es roch schon nach allerlei Köstlichkeiten.

„Schadenfreude? Ich? Da musst du eine andere Daphne kennen.“

Harry lachte auf, stoppte jedoch jäh, als all seine Alarmglocken zu schrillen anfingen – genau im richtigen Moment.

Mehre runde, rote Objekte fielen von der Decke auf die Köpfe der nichts ahnenden Schüler herab. Harry und Daphne jedoch reagierten blitzschnell. Mit einem Schwenk seines Zauberstabes schleuderte Harry die Objekte zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Daphne beschwor einen großen Regenschirm, der sie beide vor den Wassermassen schützte, die sich auf die Schüler ergossen, als die Wasserbomben – Harry hatte inzwischen erkannt, um was es sich bei den runden Objekten handelte – an der Decke zerplatzten.

Die anderen Schüler waren jedoch nicht so reaktionsschnell und wurden nach dem vorigen Wolkenbruch ein weiteres Mal von Kopf bis Fuß durchnässt, während hoch über ihnen das hämische Lachen des Poltergeistes Peeves erschallte.

Amüsiert wandten sich Harry und Daphne von der Szenerie ab und schritten weiter zur Großen Halle, aus der eine fuchsteufelswilde Professor McGonagall stürmte. Kurz darauf hörten sie, wie die Lehrerin Peeves anschrie und ihm Einhalt zu gebieten versuchte. Anscheinend jedoch vergeblich, angesichts der Geräusche weiterer zerplatzender Wasserbomben und kreischender Schüler.

In der wie zu jedem Schuljahresbeginn prächtig geschmückten Halle erwartete sie Professor Lupin, der vergnügt dreinschaute. Zunächst war Harry verwundert darüber, da ihr Verteidigungslehrer sonst immer ein ziemlich ernster Mensch war, dann erinnerte er sich jedoch daran, dass Lupin früher mit seinen Freunden – darunter auch sein Vater – selbst ein ziemlicher Witzbold gewesen war. Black klammerte er bei dem Gedankengang lieber bewusst aus.

„Harry, Daphne“, grüßte sie der Professor. „Wie war euer Sommer? Auf jeden Fall schon mal 10 Punkte für Slytherin, für gedankenschnelle und beeindruckende Magie.“

„Danke, Professor“, antwortete Harry. „Unser Sommer war schön, nur leider viel zu schnell vorbei. Glückwunsch übrigens, dass Sie der erste Verteidigungslehrer seit Ewigkeiten sind, der länger als ein Jahr hier ist. Das freut mich sehr.“ Das meinte Harry sogar ernst. Lupin war ein viel besserer Lehrer als es Quirrel oder Lockhart gewesen waren.

Ein stolzes Lächeln legte sich auf Lupins Gesicht. „Danke, Harry. Das bedeutet mir viel.“

Sie verabschiedeten sich von Lupin und gingen zu ihren gewohnten Plätzen ganz am Ende des Slytherin-Tisches. Ebenfalls wie gewohnt hielten die anderen Slytherins deutlichen Abstand zu ihnen. In Hogwarts nichts Neues, dachte Harry in Erinnerung an ein Buch, das er vor einiger Zeit gelesen hatte. Über ihnen erhellten immer wieder grelle Blitze die Halle.

Schon bald wandte sich Harrys Aufmerksamkeit anderen Dingen zu. Wie immer genoss er das Lied des sprechenden Hutes. Irgendwie hatte der Hut einen besonderen Platz in seinem Herzen, stand er doch für sein neues Leben in der Zaubererwelt, das vor drei Jahren seinen Anfang genommen hatte.

Er klatsche höflich bei jedem der einsortierten Erstklässler, immerhin war er auch einmal ein nervöser Elfjähriger gewesen. Und er konnte sich noch bestens daran erinnern, wie unwohl er sich gefühlt hatte, als so gut wie niemand geklatscht hatte, nachdem er nach Slytherin gekommen war. Jedoch wollte sich keiner der neuen Erstklässler neben ihn oder Daphne setzten. Dann halt nicht.

Nach der Zuordnungszeremonie und dem wie immer köstlichen Festessen begann der Abend allerdings eine ungewöhnliche Wendung zu nehmen. Zunächst gab es heftigen Protest seitens der Schülerschaft, als Dumbledore verkündete, dass der Quidditch-Wettbewerb zwischen den Häusern dieses Schuljahr nicht stattfinden würde. Harry jedoch berührte das nur wenig. Er liebte es zu fliegen, aus Quidditch hatte er sich bisher allerdings nicht viel gemacht. Er wüsste eh nicht, welches Team er anfeuern sollte.

Der Protest wurde von heller Aufregung abgelöst, als Dumbledore anschließend erklärte, dass Hogwarts dieses Jahr Gastgeber des Trimagischen Turniers sein würde. Harry hatte zwar mal davon gelesen und konnte ungefähr nachvollziehen, warum dies die anderen Schüler so sehr erregte, ansonsten war ihm diese Ankündigung allerdings auch ziemlich egal. Aber vielleicht würde damit anders als die letzten beiden Jahre die Aufmerksamkeit auf etwas anders als ihn gerichtet sein. Das wäre immerhin eine angenehme Abwechslung.  

Nach dem Willkommensfest schien Daphne seine Hand gar nicht mehr loslassen zu wollen, so heftig umklammerte sie seine Finger. Harry beschwerte sich jedoch nicht. Auch er war bekümmert, dass sie nach zwei Monaten wieder in verschiedenen Schlafsälen schlafen mussten.

Ihr Gute-Nacht-Kuss dauerte daher auch so lange, dass seine Zimmergenossen bereits tief und fest schliefen, als Harry den Schlafsaal betrat. Damit konnte er leben, dachte Harry, als er sich in sein viel zu einsames Bett legte. Er leerte seinen Geist und schloss die Augen, auch wenn ihn das Gefühl drohenden Unheils einfach nicht verlassen wollte. Bei dem Duft von Sonnenblumen und dem Anblick tiefer, blauer Augen, legte sich allerdings ein glückliches Lächeln auf die Gesichtszüge des schlafenden Harry.





„Die Mädchen haben auch schon geschlafen“, sagte Daphne, als sie früh am nächsten Morgen am See spazieren gingen. Es war ein herrlicher, etwas kühler Spätsommermorgen. „Und gerade eben haben sie auch noch geschlafen. Also gleich zwei Momente, in denen ich sie nicht verhexen musste.“

„Wohl besser so“, lachte Harry. „Nicht dass Snape Wind davon bekommt. Ich möchte dem Bastard so lange wie möglich aus dem Weg gehen.“

Daphne bedachte ihn mit einer Mischung aus Amüsement und Mitleid. „Dann tut es mir leid, dir mitteilen zu müssen, dass unser erstes Fach heute Zaubertränke ist.“

„Ach verdammt“, fluchte Harry.

Daphne lachte hell auf, stoppte jedoch, als es über ihren Köpfen plötzlich einen grellen Blitz gab. Hätte Harry das nicht schon mehrere Male erlebt, wäre er bestimmt zusammengezuckt und hätte nach seinem Zauberstab ergriffen.

So jedoch blickte er nur zu Fawkes, der von Rauch umhüllt in der kühlen Morgenluft erschienen war.

„Fawkes“, rief Daphne freudestrahlend und auch Harry begrüßte den Phönix lächelnd.

Fawkes ließ sich sofort auf Daphnes Schultern nieder, von wo aus er sie erwartungsvoll betrachtete. Harry fühlte sich, als hätte er einen Stein im Magen.

„Oh Fawkes!“, sagte Daphne traurig. „Es tut uns so leid. Wir haben nichts finden können in Alexandria.“

Der Phönix ließ seinen Kopf hängen.

„Aber wir werden es weiter versuchen“, bekräftige Harry daher. „Wir werden weiter recherchieren. Wir werden alles versuchen und auch nach Alexandria zurück gehen. Wir werden nicht aufgeben, bis wir eine Lösung gefunden haben. Das verspreche ich dir!“

Daphnes Blick war voller Liebe und Dankbarkeit, als sie ihn daraufhin anstrahlte.

Und Fawkes? Der Phönix erhob sich mit einem kräftigen Flügelschlag von Daphnes Schulter und flog zu Harry. Er fühlte sich, als würden Fawkes‘ goldene Augen bis zum Grunde seiner Seele blicken. Anscheinend musste Fawkes gefallen, was er sah, denn nach einigen Sekunden gab er ein wohlwollend klingendes Gurren von sich und rieb seinen Kopf an Harrys Wange. Harry fühlte, wie ihn eine wohlige Wärme erfüllte, um ihren erneuten Pakt zu besiegeln





In den nachfolgenden Wochen verfielen Harry und Daphne schnell wieder in ihre alten Muster. Neben ihrem normalen Unterricht hatten sie wieder ihre privaten Förderstunden bei McGonagall und Flitwick aufgenommen, auch wenn die beiden Professoren manchmal scherzhaft bemerkten, dass, wenn sie beide weiterhin so schnell lernen würden, sie ihnen bald nichts mehr beizubringen hätten.

Harry war den Lehrern, die ihn freundlich behandelten – neben McGonagall und Flitwick fielen auch Lupin und Hagrid darunter – sehr dankbar, denn alle anderen behandelten ihn entweder mit völliger Gleichgültigkeit (die meisten der anderen Professoren), blankem Hass (Snape) oder einer Mischung aus Angst und Misstrauen (die anderen Schüler). Auch dahingehend hatte sich über den Sommer also nichts geändert. Auch Malfoy und Co. Verhielten sich wieder unauffällig, auch wenn Harry nach der Szene im Zug weiterhin auf der Hut blieb.

Ansonsten war Harry froh, sein Training mit Daphne wieder aufnehmen zu können. Ihre Übungskämpfe wurden immer heftiger und bei jedem anderen Gegner hätte Harry ernsthaft Angst gehabt, ihn zu verletzten, aber bisher war nichts passiert. Sowieso verbrachten sie auch zunehmend mehr Zeit damit, gemeinsam die dämonischen Zauber zu üben, die sie nach und nach ihren geheimen Büchern abringen konnten, auch wenn ihre geistige Verbindung weiterhin unstetig blieb. Bisher war eine halbe Minute der längste Zeitraum gewesen, in dem sie zusammen hatten zaubern können; und das auch nur nach ausgiebigem Küssen, als Harry das Gefühl hatte, auf Wolke Sieben zu schweben.

Manchmal erschien auch Fawkes in ihrem Versteck im Raum der Wünsche und schaute ihnen bei ihren Übungen zu. In diesen Momenten wünschte sich Harry zutiefst, es gebe irgendwie eine Möglichkeit, richtig mit ihm oder am besten mit Valeydis zu kommunizieren. Dann könnten sie direkt von ihr lernen, anstatt aus diesen alten Büchern in fremden Sprachen. Jedoch war das leider nicht möglich und irgendwelche Erinnerungen halfen ihnen auch nicht weiter.

So gingen die ersten Schulwochen alles in allem ziemlich ereignislos vorüber. Es war der 30. Oktober, als schließlich die Delegationen von Beauxbatons und Durmstrang in Hogwarts eintrafen. Insbesondere eine schöne blonde Beauxbatons-Schülerin mit Veela-Blut wurde von der männlichen Schülerschaft Hogwarts‘ angegafft, was Harry nicht ganz nachvollziehen konnte. Er fand Daphne schöner.

Und ein gewisser Viktor Krum wurde wiederum von Hogwarts weiblicher Schülerschaft angeschmachtet. Anscheinend war er ein gefeierter Quidditch-Star oder so. Auch von seinem Schulleiter, einem grimmigen Typen mit gelben Zähnen, wurde Krum merkwürdig bemuttert.

Harry und Daphne wandten sich gerade von der versammelten Menge ab, die zuvor die Ankunft der fliegenden Pferdekutsche und des magischen Segelschiffes beobachtet hatte, als sie sahen, wie Lupin sie zu sich herwinkte.

„Harry, Daphne, wie geht’s euch?“, fragte Lupin, als sie zu ihm heran getreten waren. „Habt ihr schon euren Aufsatz zur Theorie von Gegenflüchen fertig?“

„Natürlich“, sagten sie beide gleichzeitig und grinsten sich daraufhin an.

Lupin schien ihre Antwort jedoch gar nicht richtig gehört zu haben, denn er schaute inzwischen nervös zu Boden. „Ähm, Harry, ich, ähm, ich wollte dich noch etwas fragen“, fuhr er fort. Harry zog eine Augenbraue hoch. Was mochte Lupin nur wollen?

„Was wollen sie mich fragen, Professor?“

Lupin schaute auf und atmete tief ein. „Ich weiß, dass ihr letztes Jahr am 31. Oktober mit Dumbledore das Grab deiner Eltern besucht habt. Ich weiß auch, dass ihr Professor McGonagall und Professor Flitwick gefragt habt, ob sie euch dieses Jahr begleiten würden. Da ihr ja auch nicht allein gehen könnt…“

„Und?“

„Ich … Ich würde gerne ebenfalls mitkommen. Einerseits, um dich ebenfalls beschützen zu können, für den Fall der Fälle. Andererseits möchte ich auch selbst ihr Grab besuchen, sie ehren. Natürlich … natürlich nur, wenn das für dich in Ordnung ist, Harry.“

Lupin guckte ihn bittend an, während Harry intensiv nachdachte. Lupin war ein Freund seiner Eltern gewesen. Es würde sie bestimmt freuen, ihn zu sehen. Er konnte einem Mann doch nicht verbieten, seine verstorbenen Freunde zu besuchen, oder? Lily und James Potters Leben hatte immerhin nicht nur daraus bestanden, dass sie seine Eltern waren…

Und so kam es, dass Harry zusammen mit Daphne, Lupin, McGonagall und Flitwick am nächsten Tag zum dritten Mal in seinem Leben den Friedhof in Godric’s Hollow betrat. Glücklicherweise schien sonst niemand mehr da zu sein, auch wenn Harry bereits frische Blumen auf dem Grab seiner Eltern sehen konnte.

„Danke, dass ihr mich heute begleitet“, wandte sich Harry den drei Professoren zu, die traurig dreinschauten, besonders Lupin. „Aber bitte lasst mich und Daphne erstmal allein zum Grab treten.“

Daraufhin näherten sich Harry und Daphne Hand in Hand dem marmornen Grabstein.

Lächelnd blickten sie auf die Blumen auf dem Grab hinab. „Es wird ihnen noch gedacht“, sagte Daphne leise.

„Ja“, erwiderte Harry. „Aber vor allem, weil sie von Voldemort ermordet wurden. Nur das interessiert die meisten. Aber für mich … für mich sind sie so viel mehr. Sie sind meine Eltern.“

Daphne umarmte ihn von der Seite und war einfach nur für ihn da. Als schließlich die Tränen kamen, weinte sie mit ihm. In diesem Augenblick waren sie wahrhaftig zwei junge Seelen, verbunden durch ihre Liebe und Trauer.



Harry hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war, als sie irgendwann zurück zu den wartenden Lehrern traten. Die Sonne am Himmel war auf jeden Fall schon weit in den Westen gewandert. McGonagall schnaubte sich mit einem bunten Taschentuch die Nase, anscheinend hatte sie ebenfalls geweint. Lupin hingegen war beinahe totenbleich und Flitwick schenkte ihm einen mitfühlenden Blick.

„Danke, dass Sie gewartet haben“, sagte Harry aufrichtig. „Wenn Sie möchten, können Sie auch noch zum Grab gehen.“

McGonagall und Flitwick schüttelten leicht den Kopf, Lupin aber trat zum Grab und kniete sich davor nieder. Als sein Körper zu beben anfing, war es offensichtlich, dass er heftig weinte. In diesem Moment erkannte Harry, dass Lupin seine Eltern wirklich geliebt hatte und wie er zutiefst vermisste. Vielleicht sollte er doch versuchen, den letzten verbliebenden Freund seiner Eltern kennenzulernen…





„Der Hogwarts-Champion ist Cedric Diggory”, rief Dumbledore laut, nachdem die züngelnden Flammen des Feuerkelches zum dritten Mal ein Stück Pergament ausgespuckt hatten. Vorher waren bereits Krum und das Veela-Mädchen, die von allen so angeschmachtet wurden, ausgewählt worden.

Harry und Daphne klatschten höflich für den Hufflepuff-Schüler, während der Rest der Halle, die diesen Abend nur durch die flackernden Kerzen in den aufgeschnitzten Kürbissen erleuchtet wurde, in tosenden Beifall ausbrach. Harry hingegen langweilte sich ziemlich. Viel lieber hätte er den Abend allein mit Daphne verbracht, allerdings war die Teilnahme an dieser Auswahlzeremonie verpflichtend, daher mussten sie hier unter ihren Mitschülern sitzen.

Der Beifall für Diggory hielt so lange an, dass Dumbledore mehrere Versuche benötigte, um sich wieder Gehör zu verschaffen. „Hervorragend“, rief der Schulleiter glücklich, als es endlich wieder ruhiger geworden war. „Damit haben wir nun unsere drei Champions. Ich bin sicher, ich kann mich darauf verlassen, dass ihr alle euren jeweiligen Champion mit all eurer Kraft unterstützt. Indem ihr euren Champion anfeuert, könnt ihr durchaus dazu beitragen –“

Dumbledore verstummte, als sich das Feuer des Kelches abermals rot verfärbte. Alle Blicke waren auf den Feuerkelch gerichtet, der sich eigentlich ganz und gar nicht so verhalten sollte. Ein kalter Schauer lief Harrys Rücken herunter.

Plötzlich schoss eine lange Flamme empor und schleudere ein weiteres Stück Pergament in den Raum. Harry bekam ein ganz mieses Gefühl. Konnte nicht einmal etwas normal verlaufen? Nur ein einziges Mal?

Wie in Trance hob Dumbledore seinen Arm und griff nach dem Pergamentstück. Leicht zitternd las Dumbledore stumm den Namen, der darauf geschrieben stand, während die gesamte Große Halle den Schulleiter anstarrte. Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der Harry nur seinen eigenen Herzschlag hatte hören können, so leise war es in der Halle, räusperte sich Dumbledore schließlich. Mit regungslosem Gesicht las er laut – „Harry Potter.“

Harry fühlte sich, als hätte man eine große Wanne eisigen Wassers über ihn ausgeschüttet. Eine schreckliche Kälte breitete sich in seinem gesamten Körper aus, während er versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Das konnte nicht wahr sein. Er musste sich verhört haben.

Doch die Reaktionen der anderen Schüler ließen keine Zweifel aufkommen. Alle Augen waren auf ihn gerichtet, überall brach Getuschel aus. Leute standen auf, um ihn besser sehen zu können. Nein, er hatte sich eindeutig nicht verhört. Der Feuerkelch hatte tatsächlich seinen Namen ausgespuckt.

Plötzlich spürte Harry einen heftigen Schmerz in seiner rechten Hand. Er drehte leicht den Kopf und erkannte Daphne, die heftig zu zittern angefangen hatte.  Ihre Fingernägel krallten sich in seine Hand. Und in ihren normalerweise wunderschönen, blauen Augen las er jetzt panische Angst. Sie so zu sehen, brach ihm das Herz. Am liebsten wollte er sie in die Arme nehmen, ihr sagen, dass alles gut werden würde, oder einfach nur mit ihr weglaufen.

Doch bevor er auch nur irgendwas davon machen konnte, erklang ein weiters Mal Dumbledores laute Stimme in der Halle. „Harry Potter. Hier nach oben.“

Das Getuschel wurde noch lauter, als die Schüler anfingen, wild mit ihren Nachbarn zu reden. Harry sah eine einsame Träne Daphnes Wange hinablaufen und hob gerade seine Hand, um sie wegzuwischen, als ihn plötzlich jemand rabiat am Oberarm packte.

„Hörst du nicht, Potter“, zischte ihn Snape an. „Mitkommen. Sofort.“

„Hey“, protestierte Harry, als Snape ihn hinter sich herzog.

„Ich warte hier auf dich“, rief Daphne, und auch wenn ihre Stimme nur leicht zitterte, so wusste Harry doch, dass es in ihrem Inneren ganz anders aussehen musste.

Das Verlangen, Snape zu verfluchen und zu Daphne zu laufen, um sie nie wieder loszulassen, wurde für Harry beinahe unerträglich. Er wusste aber auch, dass – wer immer hinter diesem Verhängnis steckte – ihn nicht bereits heute Abend zu töten versuchen würde.

Dennoch fühlte er sich, als befände er sich auf dem Weg zu seiner eigenen Hinrichtung, bei der Snape, der ihn weiter rücksichtslos gepackt hielt, wohl die Rolle des Henkers einnahm. Aber Harry protestierte nicht. Er versuchte auch, die fassungslosen und geschockten Gesichter auszublenden, als sie am Lehrertisch vorbeiliefen. So lange wie möglich hielt er den Blickkontakt mit Daphne.

Ich liebe dich, Daphne. Ich werde zu dir zurückkommen. Immer.

Er hoffte, dass Daphne die Bedeutung seiner Blicke erkannte, während ihn die Dunkelheit der Nebenkammer umhüllte.





Daphne raufte sich die Haare, als sie vor der kleinen Kammer auf und ab lief. Ihr Herz pochte so heftig in ihrer Brust, dass es schmerzte. Aber das war ihr egal. Ihre Gedanken kreisten einzig und allein um ihren Harry, der sich just in diesem Moment auf der anderen Seite der Tür aufhielt.

Warum? Warum hatte der Kelch Harrys Namen ausgespuckt? Das konnte doch nur einen Grund haben – Jemand wollte Harry tot sehen!

Bei dem Gedanken raufte sich Daphne ein weiteres Mal die Haare. Sie sank an der steinernen Wand zu Boden.

Wer? Wer wollte Harry in Gefahr bringen und töten? Vermutlich viel zu viele. Aber wie?

Daphne spürte, wie sie wieder heftig zu zittern anfing. Sie hasste sich dafür. Sie hasste diesen Zustand, in dem sie sich befand. Sie fühlte sich so schwach und hilflos. Die letzten Male war wenigstens Harry bei ihr gewesen, hatte sie in den Armen gehalten. Aber jetzt war sie ganz allein.

So schlimm hatte sie sich das letzte Mal während ihres zweiten Schuljahres gefühlt, als sie gedacht hatte, dass Harry sie hassen würde, dass sie Harry für immer verloren hatte.

Nein, verdammt! Sie würde Harry nicht verlieren. Sie würde zusammen mit ihm kämpfen und jeden einzelnen Bastard töten, der versuchen würde, ihr Harry wegzunehmen! Alle anderen konnten ihr gestohlen bleiben. Sie beide waren die einzigen, die zählten. Die einzigen, in dieser gesamten beschissenen Welt.

Plötzlich öffnete sich die Tür zu der Kammer und mehrere Leute kamen heraus. Sofort sprang Daphne auf. Die fremden Schulleiter und Champions eilten hinfort, anscheinend ziemlich verärgert. Sie warfen Daphne einen abschätzigen Blick zu, aber sie hielt nur Ausschau nach Harry. Wo war er? Warum kam er nicht auch raus?

Dann, ein paar Minuten später, schritt er endlich ebenfalls durch die Tür, einen nachdenklichen Ausdruck auf dem Gesicht.

Ohne zu zögern sprang sie nach vorne, direkt in Harrys Arme. Endlich spürte sie wieder seinen Körper, roch seinen Duft, fühlte sich sicher und geborgen.

„Alles ist gut, Daph“, flüsterte Harry ihr ins Ohr. „Ich werde dich nie verlassen. Alles ist gut.“

Daphne schluchzte einfach nur auf und konnte endlich ihren Tränen freien Lauf lassen.



Harry strich Daphne langsam über den Rücken, während sie an seiner Brust gedrückt hemmungslos weinte. Nur beilläufig bemerkte er, wie Dumbledore, McGonagall und Lupin an ihnen vorbeiliefen und ihnen mitfühlende Blicke zuwarfen.

Irgendwann versiegten Daphnes Tränen, die Harry jedes Mal im Herzen weh taten. Ihr Brustkorb hob und senkte sich leicht, während Harry ihr liebevoll durchs Haar strich.

„Gehen wir“, flüsterte er. „Wohin, wo wir uns unterhalten können.“

Daphne nickte langsam, während sie sich Tränen aus dem Gesicht wischte. Harry nahm ihre Hand und zusammen liefen sie bis in den siebten Stock, zu ihrem geheimen Rückzugsort, den sie jetzt nur allzu gut gebrauchen konnten.

Dort angekommen nahm Harry seine Freundin ein weiteres Mal in die Arme. Sie drückten sich gegenseitig und gaben sich dadurch Halt. Die Minuten vergingen, ohne dass einer von ihnen etwas sagte.

Harry ging im Kopf noch einmal alles durch und wieder kam er zum gleichen Ergebnis. Daphne musste es ähnlich ergehen, denn irgendwann löste sie sich leicht von Harry und schaute ihn mit geröteten Augen an.

„In diesem Turnier sind schon Menschen gestorben“, sagte sie leise.  

„Ja“, erwiderte Harry.

„Und du hast deinen Namen nicht in den Kelch geworfen“, fuhr Daphne fort. Harry nickte. „Dann kann das nur heißen, dass…“ Daphne stoppte. Anscheinend brachte sie es nicht über sich, die verhängnisvolle Wahrheit auszusprechen.

„Ich bin zur selben Schlussfolgerung gelangt“, sprach daher Harry weiter. Er wundere sich selbst, warum er so gelassen war. Auch schon in der kleinen Kammer nach der Auswahlzeremonie. Alle hatten sie auf ihn eingeredet – Dumbledore, McGonagall, Lupin, Crouch, Bagman, Karkaroff, Maxime, die anderen Champions. Immer wieder hatte er wiederholt, dass er seinen Namen nicht in den Kelch getan hatte, doch es gab keinen Ausweg. Er musste an dem Turnier teilnehmen. Daher hatte er all seine Gedanken nur noch auf ein einziges Ziel gerichtet, und zwar wie er dieses Turnier überstehen würde. Dafür konnte er es sich nicht leisten, die Nerven zu verlieren. Er musste stark sein. Er musste stark sein für Daphne und für ihn selbst. Und für ihre gemeinsame Zukunft.

Bei seinen Worten krallten sich Daphnes Finger in seinen Umhang.

Nachdenklich fuhr Harry fort. „Ganda hatte es doch auch gesagt, oder? Es braut sich etwas zusammen in der Welt, hatte sie gemeint. Vermutlich hätten wir ihre Warnung doch ernster nehmen sollen.“ Daphne schaute ihn mit großen Augen an. „Da draußen gibt es irgendeine Bedrohung. Vielleicht ist es Voldemort, vielleicht auch ein Todesser oder jemand, der mir aus irgendwelchen Gründen feindlich gesonnen ist. Vielleicht ist es eine Verschwörung. Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass es nur einen Grund geben kann, aus dem ich an diesem Turnier teilnehme. Jemand möchte, dass ich dabei sterbe.“

Das war es. Harry hatte die ungeheuren Worte ausgesprochen, die doch die einzige logische Schlussfolgerung waren. Irgendjemand wollte ihn tot sehen.

Daphnes gesamter Körper verkrampfte sich in Harrys Armen, aber er war sich sicher, dass Daphne ebenfalls zu diesem Ergebnis gelangt war, als sie auf ihn gewartet hatte. Beruhigend strich er ihr über den Rücken. Er merkte, dass sie sich zwang, ruhig ein- und auszuatmen, bevor sie wieder ihren Kopf hob.

Ihre eisblauen Augen blitzten, als sie antwortete. „Jeder, der an dich heranwill, muss erstmal an mir vorbei. Wer immer es ist, der dir das antun will, ich … ich werde nicht zögern, ihnen alle Gliedmaßen einzeln herauszureißen! Ich werde sie bluten und leiden lassen! Niemand wird dich mir wegnehmen! Niemand wird dich töten!“

Daphne hatte immer schneller gesprochen und keuchte jetzt heftig. Harry spürte ein warmes Gefühl in seinem Herzen. Er wusste, dass er genau das gleiche sagen würde, wenn ihre Rollen vertauscht wären.

Mit einer entsetzlichen Verletzbarkeit in ihrer Stimme fuhr Daphne fort. „Ich meine es ernst, Harry. Dass ich ohne dich nicht mehr leben kann, meine ich. Wenn … wenn dir etwas zustieße –“

„Das wird es nicht“, unterbrach Harry sie und verstärkte seine Umarmung. „Ich werde kämpfen. Wir werden zusammen kämpfen. Und wir werden leben. Gemeinsam. Ich verspreche es dir.“

Auch Harry merkte, wie sein Herz vor Aufregung raste. Er wollte nicht sterben. Er durfte nicht sterben. Er hatte viel zu viel zu verlieren.

Daphne vergrub ihr Gesicht in seiner Brust. „Ja, wir werden leben“, schluchzte sie. „Oh, Harry, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich dich liebe!“

„Und ich liebe dich, Daph.“

Die beiden Teenager hielten sich so lange gegenseitig in den Armen, um sich Trost und Kraft zu spenden, dass es schon mitten in der Nacht war, als sie sich schließlich voneinander lösten. Da sie beide auch nicht voneinander getrennt sein wollten, entschieden sie kurzerhand, die Nacht im Raum der Wünsche zu verbringen.

Sie zogen sich bis auf ihre Unterwäsche aus und legten sich zusammen in ein großes Himmelbett, welches der Raum erschaffen hatte. Daphne drückte sich eng an Harry, sodass ihre Brüste gegen seinen Oberkörper drückten. Entweder bemerkte sie Harrys körperliche Reaktion nicht oder sie entschied sich dazu, sie zu ignorieren.

Sie richtete sich leicht auf und schaute ihn mit unergründlichen Augen an. „Was machen wir jetzt?“, flüsterte sie.

Harry strich Daphne ein paar Strähnen aus dem Gesicht. Er hatte ihre honigblonden Haare schon immer geliebt, aber über die letzten Monate hatte Daphne sie noch länger wachsen lassen. Das war Harry aber nur recht. Er fand, je länger, desto besser. Daphne aber meinte, ihre langen Haare behinderten sie im Kampf, und überlegte, sie sich wieder auf Schulterlänge zu schneiden. Harry glaubte jedoch, das war nur eine Ausrede, wenn sie im Duell gegen ihn verlor.

„Harry!“, riss ihn Daphnes Stimme aus den Gedanken.

Harry blinzelte mehrmals. „Sorry“, murmelte er. „Ich war in Gedanken versunken.“ Ein schelmisches Lächeln schlich sich auf sein Gesicht. „Ich musste daran denken, wie unglaublich schön du bist.“

Dass Daphne nicht auf sein Kompliment einging, zeigte ihm nur ein weiteres Mal, dass nichts mehr normal war. Es wäre auch zu schön gewesen…

„Bitte, Harry“, sagte Daphne flehentlich. „Was machen wir jetzt?“

Harry seufzte auf. Was sollten sie jetzt machen? Es gab nur eines, das sie jetzt machen konnten…

„Ich werde noch mehr trainieren als sonst“, sagte er entschlossen. Auch zu diesem Entschluss war er bereits kurz nach seiner Auswahl gekommen. „Ich werde versuchen, so schnell wie möglich herauszufinden, was die Aufgaben sind. Dann werde ich nach Wegen suchen, um die Aufgaben zu bestehen. Und dann werde ich üben, üben, üben. Ich werde –“

„Nicht Ich“, unterbrach ihn Daphne. „Wir. Wir werden all das machen. Wir werden das alles gemeinsam durchstehen. Schon vergessen?“

Voller Liebe betrachtete Harry seine Partnerin, die für ihn in diesem Moment tatsächlich wie ein Engel ausschaute. Das Licht des Mondes, das durch die Fenster hereinschien, umspielte sogar ihren Haarschopf wie es ein Heiligenschein tun würde. Harry wusste aber auch, dass das Herz seiner Geliebten nicht das eines Engels, sondern das einer Dämonin war. Und er war ihr Dämon.

Er dankte der Vorsehung, die sie beide zusammengebracht hatte, während er sich vorbeugte, um Daphne zu küssen. Denn wer könnte sie beide schon lieben, so zerbrochen wie sie waren, wenn nicht sie selbst? Sie waren Komplizen in dieser irdischen Tragödie. Und die Welt hatte keine Ahnung, mit wem sie sich angelegt hatte!





Es war ein ungewöhnlicher Tag im Leben des Zaubertrankmeisters Severus Snape. Halloween war ihm sowieso schon verhasst, da es der Jahrestag des Todes seiner Kindheitsfreundin und großen Liebe Lily war. Wie jedes Jahr war er daher früh am Morgen zum Friedhof in Godric‘s Hallow appariert und hatte Blumen auf ihr Grab gelegt.

Wie immer, waren irgendwann die Tränen gekommen. Und die entsetzlichen Vorwürfe. Nur seinetwegen war Lily tot…

Wie immer war irgendwann auch der Hass gekommen. Dieser verfluchte Name auf dem Grabstein. Potter. Hätte er ihm Lily nicht weggenommen, würde sie heute noch leben…

Verfluchter Potter. Und sein Sohn war genauso wie er, genauso arrogant und eingebildet. Kein Wunder, dass keines der anderen Kinder ihn ausstehen konnte, nur das Greengrass-Mädchen. Aber wenn es stimmte, was ihm seine Bekannten über ihre Eltern erzählt hatten, dann war ihr Hirn vermutlich sowieso schon seit frühsten Kindheitstagen nur noch Brei; man musste sich ja nur die Longbottoms angucken.

Zu einem dieser Bekannten war Severus nun auf dem Weg. Es hatte ihn außerordentlich gewundert, als er am Abend – nachdem der Potter-Bursche seinen Namen in den Feuerkelch geworfen hatte und ausgewählt worden war – plötzlich eine Nachricht von Lucius mit einer Bitte um ein Treffen erhalten hatte. Es hatte allerdings mehrere Stunden gedauert, bis sich Severus hatte zurückziehen können. Das Zaubereiministerium, die Lehrerschaft und allen voran Dumbledore waren in hellster Aufregung wegen Potter. Ihm hingegen war das Schicksal des Jungen egal. Sollte er ruhig sterben, er erinnerte sowieso in keinster Weise an seine Lily.

Aber was mochte Lucius so plötzlich wollen? Konnte es um sein Dunkles Mal gehen? Das von Severus war in den vergangenen Wochen wieder dunkler geworden, nachdem es zuvor dreizehn Jahre lang verblassen war.

Diese Gedanken kreisten in Severus‘ Kopf umher, als ihn die grünen Flammen in einem viel zu prächtigen Atrium ausspuckten. Marmorsäulen, Seidenbezüge, Goldene Verzierungen. Severus war so viel Protz schon immer zuwider gewesen. Zuwider war ihm auch sein Gastgeber, der Herr als dieses Protzes, der ihn auf der anderen Seite des Kamins erwartete.

„Warum kommst du erst jetzt?“, keifte ihn Lucius an, sichtlich ungeduldig. „Ich hab‘ dir schon vor Stunden gesagt, du sollst herkommen.“

„Ich hatte zu tun“, erwiderte Severus. „Potter. Weißt du was davon?“

Lucius erbleichte. Er schaute Severus mit einem unergründlichen Blick an, bevor er wieder das Wort ergriff. „Später. Wir müssen gehen. Nimm meinen Arm.“

Severus zog die Augenbraue nach oben. „Was soll das, Lucius? Wohin willst du? Ich habe weder die Zeit noch die Lust für deine dummen Versammlungen, die –“

„Das ist es nicht. Glaub mir, wir müssen uns beeilen. Ansonsten werden wir es beide bereuen.“

Lucius hielt ihm weiter den Arm hin, während Severus ihn aufmerksam musterte. Er sah auf jeden Fall, dass Lucius nervös war, sogar geradezu von Angst erfüllt. Aber Angst wovor? Bisher hatte er Lucius nur gegenüber einem einzigen Mann so ängstlich erlebt. Severus verkrampfte sich. Das würde immerhin sein Dunkles Mal erklären…

Wenn seine Vermutung stimmte, dann hatte er wirklich keine andere Wahl, als mit Lucius zu kommen. Dennoch hatte er das Gefühl, als würde er zu seiner eigenen Hinrichtung reisen, als er Lucius‘ Arm ergriff und den vertrauten Sog des Apparierens verspürte.



Severus‘ gesamter Körper tat weh, als er wieder in seinem Büro in Hogwarts erschien. Dort richteten sich augenblicklich die blauen, durch halbmondförmige Brillengläser schimmernden Augen des Schulleiters auf ihn.

„Und was wollte er?“, fragte ihn Dumbledore ungeduldig.

Wie gerne würde Severus die Wahrheit sagen, ihm den gesamten verruchten Plan erzählen, aber er konnte es nicht. So sehr er auch wollte.

Von einem inneren Zwang gesteuert, erwiderte er lediglich, „Er hat Angst. Auch sein Dunkles Mal wird wieder dunkler. Aber er weiß sonst von nichts.“

Dumbledore seufzte auf und sank auf einem Stuhl zusammen. Seine 113 Jahre waren ihn in diesem Moment nur allzu deutlich anzusehen. „Das … Das ist eine Enttäuschung. Ich hatte gehofft…“ Dumbledore schüttelte den Kopf.

Lese meine Gedanken, dachte Severus verzweifelt. Durchbrich meine Barrieren, du alter Narr. Das könntest du doch mühelos.

Aber der edle, der gutmütige, der weise Albus Percival Wulfric Brian Dumbledore war dazu natürlich viel zu vertrauensselig. Er verfügte nicht über die Qualitäten, die es brauchte, um diesen Krieg zu gewinnen. Und daher war er blind für Severus‘ stummes Flehen.

„Wir wissen viel zu wenig“, sagte Dumbledore bedrückt. „Die Bedrohung liegt im Schatten, verborgen. Wir müssen wachsam sein. Erzähl mir sofort, wenn deine Quellen irgendwas erfahren.“

„Ja, Schulleiter.“ Du seniler, alter Ziegenkopf. Vertrau mir nicht so einfach. Bitte!

„Und wir müssen auf Harry aufpassen“, sprach Dumbledore mit der gleichen Trübsinnigkeit weiter, die ihn jedes Mal zu plagen schien, wenn sie auf den Jungen zu sprechen kamen.

„Ja.“ Bring den Jungen fort! Verdammte Scheiße, guck mir in die Augen. Erkenne die Wahrheit! Lese meine Gedanken!

Severus‘ Bitten wurden nicht erhört. Mit hängenden Schultern wünschte ihm Dumbledore eine Gute Nacht und verließ das Büro. Somit konnte die Verschwörung weiter gedeihen.





Harry eilte zurück in den Kerker, so schnell er nur konnte unter seinem Tarnumhang, während sich all seine Gedanken um das drehten, was er soeben gelernt hatte.  

Das sollte die erste Aufgabe sein? Wollten sie ihn eigentlich verarschen? Kein Wunder, dass ständig jemand in diesem Turnier gestorben war.

Beim Gedanken an das Turnier fluchte Harry innerlich. Drei Wochen waren vergangen, seit er als vierter Champion ausgewählt worden war. Natürlich glaubten ihm die anderen Schüler nicht, dass er seinen Namen nicht selbst in den Feuerkelch geworfen hatte. So kam es, dass er schon wieder im Zentrum der gesamten Aufmerksamkeit und Gerüchteküche stand. Die Hoffnung auf freundschaftliche Beziehungen zu seinen Mitschülern hatte er sowieso schon vor langer Zeit begraben, aber er hatte wenigstens auf ein ruhiges Schuljahr gehofft. Tja, diese Hoffnung hatte er auch aufgeben müssen.

Die Zeitungen sprangen natürlich auch gleich wieder auf den Zug auf und druckten eine Lügengeschichte nach der anderen über ihn. Kimmkorn hatte bei der Eichung der Zauberstäbe sogar versucht, ein weiteres Interview mit ihm zu führen, was Harry natürlich sofort abgelehnt hatte. Später war Kimmkorn vom Erdboden verschwunden und erst nach dreißig Stunden gefesselt und eingenässt in einer abgelegenen Besenkammer wiedergefunden worden, über und über mit Warzen bedeckt. Zufälle gab‘s…

Harry und Daphne jedoch hatten fast die gesamten letzten drei Wochen im Raum der Wünsche verbracht. Harry durfte, wann immer er wollte, vom Unterricht fernbleiben und musste auch keine Hausaufgaben mehr anfertigen. Er sollte sich ganz und gar auf das Turnier vorbereiten können. Für Daphne galt das zwar eigentlich nicht, aber manche ihrer Lehrer drückten ein Auge zu. In den anderen Fächern machte sie nur noch das allernötigste, wenn sie nicht gleich schwänzte. Als Konsequenz waren ihre Noten abgestürzt. Naja, das würde immerhin Granger freuen…

Sie beide hatten jede einzelne freie Minute trainiert. Jeden Kampfzauber, den sie irgendwann mal gelernt hatten, hatten sie bis zum Erbrechen wiederholt; dazu noch neue Flüche, die sie in Büchern im Raum der Wünsche gefunden hatten. Am liebsten hätte Harry auch die Dämonenmagie weiter trainiert, aber er musste die Aufgaben des Trimagischen Turnieren allein bewältigen, Hilfe von anderen war verboten. Und vor allem würde er niemals zulassen, dass Daphne sich in eine solche Gefahr brachte.

Nein, er fühlte sich für jeden Kampf gut gewappnet und er bezweifelte, dass die anderen drei Champions so hart und unnachgiebig trainierten wie er selbst. Dennoch, was Hagrid ihm gerade gezeigt hatte, schockierte ihn zutiefst.

Harry war inzwischen am Eingang zum Slytherin-Gemeinschaftsraum angekommen. In Parsel befahl er der Mauer, sich zu öffnen, und rannte in den Raum. Dort erblickte er bereits Daphne an ihrem gewohnten Platz am Fenster. Das grünliche Wasser des Sees spiegelte sich auf ihrem Gesicht, als sie bei seinen Schritten aufschaute.

Harry riss sich den Tarnumhang vom Körper und war mit wenigen Schritten bei seiner Freundin. Er belegte ihren Platz am Fenster mit Zaubern, sodass niemand ihr Gespräch mitanhören konnte.

„Und?“, fragte Daphne ungeduldig. „Was wollte Hagrid?“

„Drachen“, antwortete Harry schlicht, während er seiner Freundin fest in die Augen blickte. Sie wussten jetzt, was die erste Aufgabe sein würde. Jetzt mussten sie in den nächsten drei Tagen nur noch eine Lösung dafür finden. Nichts leichter als das, oder?

Daphne zuckte bei seinen Worten heftig zusammen. Anstatt einen weiteren Panikanfall zu bekommen, schloss sie dieses Mal aber einfach nur die Augen. Sie atmete mehrmals ruhig ein und aus, bevor sie ihn wieder anschaute. In ihrem Blick loderten dieselben Flammen der Entschlossenheit, die auch Harry erfüllten.

„Dann sieht es wohl so aus, als müssten wir herausfinden, wie man einen Drachen tötet.“





Nächstes Kapitel: Hogwarts‘ Übelkeit

Vorschau:

Die Tränen strömten über Daphnes Gesicht, als sie weglief, die Rufe von Lupin und Hagrid ignorierend. Nichts hatte irgendeinen Sinn mehr.





AN:

Dass Lupin weiterhin Lehrer in Hogwarts ist, liegt daran, dass Snape am Ende des dritten Schuljahres keinen so großen Groll hegte wie im Kanon. Er hat also nie ausgeplaudert, dass Lupin ein Werwolf ist. Dass der Posten des Verteidigungslehrers verflucht ist, glaube ich nicht.
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