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Horse Life

Kurzbeschreibung
GeschichteTragödie, Liebesgeschichte / P6 / Gen
Pferd
17.01.2020
17.01.2020
1
4.215
 
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17.01.2020 4.215
 
Blau. Hellblau. Ein schönes hellblau. Ein warmes Hellblau. Ein wenig Weiß. Ganz wenig weiß. Eine Wolke hier, eine Wolke dort. Weiße Wolken. Flauschige Wolken. Wolken, sanft wie reinste Watte, zogen über mir am Himmel entlang. Verdeckten vereinzelnd das warme, rauschende und berauschende Blau des Himmels, das Abbild des unendlichen Universums über mir.
Die Sonne stach scharf und heiß auf mich herab. Ich spürte meine Haut brennen, wo immer die Sonnenstrahlen auf sie fielen. Die Helligkeit blendete meine Augen und ich sah weiße Punkte, wenn ich meine Augen von dem hellen Leuchtkörper abwendete und meinen Blick über meine Umgebung schweifen lief. Um mich herum war nichts als weite, grade Fläche, überfüllt von Sand.
Das Gelb des Sandes und das Blau des Himmels stachen sich in meinen Augen. Sie fingen an zu tränen. Schmerzten.
Ein ganz sanfter Luftzug zog an mir vorbei. Kühlte meinen Körper. Ließ die Härchen an meinen Armen aufstehen. Besänftigte meine Augen. Stillte ihren Schmerz. Doch so schnell dieser himmlische, göttliche Luftzug gekommen war, war er auch schon wieder verschwunden und die Hitze der Luft erschlug mich. Machte es mir unmöglich zu denken. Mein Kopf fühlte sich an, als würde er platzen. Als habe man Gewichte auf meine Schädeldecke gestapelt.
Unter mir spürte ich Abertausende, ja Milliarden kleiner Körnchen. Mein Körper versank leicht in ihnen. Sie kitzelten meine Zehen, als ich mein Bein anhob und meinen Fuß durch den Sand gleiten ließ. Er war weich, fein, allumfassend und zugleich körnig, bereitete mir Unwohlsein, denn ich kannte dieses Gefühl nicht. Dies war nicht die Welt, in der ich aufgewachsen war. Die Welt, die ich meine Heimat nannte. Zwischen den winzigen Körnchen versteckten sich kleine harte Objekte. Steine. Sie stachen in meine Haut, wo immer ich auf ihnen lag, rissen sie an ihren spitzen Kanten auf, bereiteten mir Schmerzen, doch ich blieb liegen. Ließ den Schmerz und die brennende Hitze der Sonnenstrahlen über mich ergehen.
Denn ich konnte nicht anders. Ich konnte nicht aufstehen.
Es war mir unerklärlich, doch dies war nicht mein Zuhause. Dies war nicht meine Prärie. Dies war nicht mein Körper. Ich wusste nicht, woher ich das wusste, doch ich wusste es. Ich versuchte mich zu erinnern, doch um so mehr ich das versuchte, desto schwerer wurden die Gewichte auf meiner Schädeldecke und Tränen quollen aus meinen Augen hervor. Sie rollten heiß, brennend meine Wangen herunter und verdampften, als sie den Sand neben meinem Körper berührten. Den heißen Sand. Aufgewärmt, erhitzt durch die Strahlen der Sonne oben am Himmel. Ich streckte meine rechte Hand zu der Stelle aus, an der grade meine Tränen verdampft waren, und ließ meine Finger durch den gelben Sand gleiten. Plötzlich spürte ich ein entsetzlich brennendes, schmerzendes Gefühl an meiner Hand und ich zog sie sofort zurück. Starrte sie entsetzt und erschrocken an. Sie war rot und schmerzte. Leicht zeichneten sich kleinste Blasen auf ihrer Haut ab und wenn ich diese mit meiner anderen Hand berührte, durchzog es meinen Körper mit einem entsetzlichen Schmerz.
Ich spürte ein bitteres Gefühl in meiner Speiseröhre und mein Magen zog sich beim Anblick meiner roten Hand zusammen. Ich stützte mich instinktiv auf, sodass ich nun im Sand saß und beugte mich zu meiner linken Seite, doch mein Magen war leer und es blieb nur das bittere Gefühl in meiner Speiseröhre.

Mein Hals war trocken. Er brannte. Mein ganzes Sein sehnte sich nach Flüssigkeit. Nach Wasser.
Ganz langsam stemmte ich mich hoch, bis ich schließlich hockte und nur noch meine Beine strecken musste, um zu stehen. Dann nur wenige Schritte tun, um zu gehen. Schnellere Schritte, um zu laufen. Die schnellsten Schritte, um zu rennen.
Ich versuchte meine Beine zu strecken und aufrecht zu stehen, doch ich verlor sofort das Gleichgewicht und fiel auf meine Knie. Diese fingen an zu brennen, als sie den heißen Sand berührten. Er wurde immer heißer, ich hatte nicht viel Zeit übrig, dann würde ich es nicht mehr ertragen können. Nur die Stelle auf der ich gelegen hatte war noch erträglich, denn auf diese schien keine Sonne, doch auch sie heizte sich langsam auf.
Als ich den Sand genauer betrachte konnte ich die Luft flimmern sehen.
Grade als ich mich mehr auf das Flimmern konzentrierte, sah ich einen Baum in der Ferne. Einen Baum und Wasser.
Ich musste dort hin.
Ich stemmte mich erneut hoch, streckte meine Beine aus.
Ich spürte, wie mich die Kraft nach vorne zog und breitete meine Arme aus, um nicht wieder zu fallen, doch die Kraft war zu stark und ich fiel erneut nach vorne. Ich fing mich mit meinen Händen ab und sofort fingen sie an zu brennen, als sie den Sand berührten.
Ich wand alle meine Kraft auf, um mich erneut hoch zu stützen. Ich hatte ein saures Gefühl in meinen Muskeln. Sie brannten, wie Alles um mich herum.

Ich stand. Die Kraft wirkte immer noch auf mich, doch ich konnte mich genug gegen sie wehren, um zu stehen.
Mein Herz raste, als ich meinen rechten Fuß ganz langsam hob und vor mich setzte. Die Kraft zog wieder an mir. Ich drohte nach vorne zu fallen, doch ich lehnte meinen Oberkörper leicht nach hinten. Kämpfte gegen die Kraft an. Und ich gewann.
Ich hob langsam meinen linken Fuß und setzte ihn ebenfalls vor mich.
Wieder zog die Kraft. Der Sand brannte unter meinen Fußsohlen. Meine Beine schmerzten. Doch ich musste weiter. Ich musste zum Wasser.
Ich setzte meinen rechten Fuß wieder vor mich, dann meinen linken.
Diesmal schneller und sicherer.
Meine Füße schmerzten entsetzlich, doch  ich blieb nicht stehen. Ich ging weiter. Immer schneller, immer weiter.
Die Sonne knallte immer stärker auf mich, doch ich ging weiter.
Die Hitze und die Luft erdrückten mich, doch ich ging weiter.
Mein Hals brannte vor Durst und mir wurde schwindelig, doch ich ging weiter.
Weiter. Immer weiter. Immer schneller. Schneller. Noch schneller. Bis ich schließlich rannte.
Ich machte kleine Sprünge während des Rennens und spürte ein warmes, wohlig warmes, herzliches Gefühl sich in meinem Körper ausbreitete, mich erfüllte. Meine Mundwinkel hoben sich und ich rannte schneller, trieb meine Muskeln an ihre Grenzen. Sie schrien und brannten. Waren kurz vorm Reißen, doch ich rannte weiter.
Ich spürte den starken Luftzug gegen meine Haut, als ich rannte. Spürte ihn in meinen Haaren. Meine Füße brannten nicht. Meine Lungen waren erfüllt mit Sauerstoff.
Mein ganzes Leid war vergessen, als ich rannte, mit meinen Füßen galoppierte wie ein Pferd.

Ich setzte meine Hufe voreinander, machte riesige Sätze, Sprünge und wieherte begeistert, als sich meine Muskulatur anspannte und Mika mir hinterher setzte.
Mein Herz schlug schnell als ich sie schließlich neben mir entdeckte. Das trieb mich noch mehr an. Ich rannte schneller. Immer schneller. Hörte nie auf.
Der Wind strich durch mein Fell, als ich rannte. Floss über meine Ohren wie Seide.
Meine Hufe klapperten, als sie mit der vollen Wucht meiner Geschwindigkeit auf der Erde auftrafen.


Die Kraft zog mich nach unten und ich krachte mit voller Wucht mit meiner rechten Schulter auf den Sand. Sofort fing meine Haut an zu brennen und ich schrie vor Schmerzen. Meine Lungen fühlten sich an, als wollten sie kollabieren. Mein Herz schlug zu schnell. Ich sah nichts mehr.
Alles was ich spürte waren die heißen Tränen, die aus meinen Augen hervorquollen, der beißende Schmerz meiner Haut und die brüllende, schreiende Sehnsucht nach Wasser.

Mika hatte mich eingeholt. Sie rannte vor mir, machte Freudensprünge. Mein Herz weitete und erwärmte sich, als ich sah, wie glücklich sie war.
Sie drehte ihren Kopf zu mir und wieherte mich freudig an. Ich wieherte zurück und wurde langsamer. Sie tat es mir nach, bis wir schließlich an einer Wasserstelle standen.
Ganz langsam kam sie auf mich zu getrottet und knabberte an meiner Mähne. Ich wieherte Freudig und knabberte sanft an ihrer Schulter.


Mein Kiefer schmerzte vom Zusammenbeißen meiner Zähne. Auf ihm lag ein ungeheurer Druck. Es fühlte sich an, als presste jemand von Außen meine Kiefer auf Einander. Sie waren wie ein indisches Ehepaar: Aus Zwang zusammen und nicht mehr trennbar.
Mein Körper verfügte nicht länger über genug Flüssigkeit, um weitere Tränen aus meinen Augen quillen zu lassen.
Meine Sicht war übersät von weißen Pünktchen.
Meine Muskeln waren angespannt und brannten.
Ich konnte die Haut meines rechten Armes nicht mehr spüren, sie war taub.
Ende des Schmerzes. Schmerz und Ende. Ende. Tod.
Es war vorbei. Ich würde hier an dieser Stelle sterben. Mitten in der Wüste, direkt neben der Wasserquelle.
Moment... Wasser! Ich hatte es geschafft!
Ich drehte mich auf meine linke Seite und robbte näher zum Wasser, den Schmerz meines Körpers ignorierend.
Endlich hatte ich das Wasser erreicht. Ich tauchte mein Gesicht ins Wasser und trank große Schlücke.

Wir trotteten Seite an Seite zum Wasser. Ich beugte meinen Kopf herunter und trank große Schlücke vom kühlen Nass, das alle meine Wunden heilte, als ich plötzlich die Erde beben spürte.

Mein ganzer Körper wurde herunter gekühlt. Meine Muskeln entspannten sich. Mein Kiefer öffnete sich ganz, was mir ermöglichte noch mehr zu trinken.
Aus meinen Augen flossen Tränen der Erleichterung und Freude. Ich würde noch weiter leben. Ich war gerettet.

Das Wasser kostete himmlisch. Es erinnerte mich an das Gefühl, das ich verspürte, wenn … Ich konnte nicht benennen, an was es mich erinnerte, aber es erinnerte mich an etwas. Etwas tolles. Das einzige das mir einfiel war der Name Silver.

Nachdem ich fertig getrunken hatte richtete ich mich wieder auf. Meine Wunden waren geheilt und meine Sicht wieder klar. Mein Kopf war leicht und mein Herz schlug stark.
Ich kannte diesen Ort. Ich kannte diese Quelle. Ich kannte den süßlichen Geschmack dieses Wassers.
Ich sah ein feines kleines Teil im Sand vor mir. Ich bückte mich und hob es auf. Es war ein Haar. Das Haar eines Pferdes.
Ich kannte dieses Haar, als wäre es mein eigenes.
Plötzlich fiel mein Blick auch auf die Glasscherben vor mir. An ihnen klebten Reste einer Flüssigkeit.
Mein Kopf schmerzte, als ich versuchte mich zu erinnern, woher ich all diese Dinge kannte und was ich hier sollte. Die Gewichte drückten wieder auf meine Schädeldecke und ich sank auf meine Knie, griff meinen Kopf und schrie vor Schmerzen.

Die Erde bebte entsetzlich. Ich verlor fast meinen Halt auf dem Boden und hörte Mika ängstlich wiehern. Ich hob meinen Kopf und sah zu ihr. Sie stellte sich auf ihre Hinterbeine und sah mich mit dem angsterfülltesten Blick an, den ich je sah. Er ließ mich erschaudern. Ich schnaubte und trat einen Schritt vorwärts, wollte zu ihr, wollte sie beruhigen, wollte sie beschützen, meine Gefährtin, doch sie ging einen Schritt zurück.
Mein Herz zog sich zusammen und ich schnaubte erneut, machte noch einen Schritt vorwärts.
Sie ging wieder einen zurück.
„Mika, ich bin es, Silver“, ließ ich mein Herz zu ihr sprechen, doch sie schüttelte nur ihren schönen großen Kopf und wieherte laut.


„Was ist los mit mir?“, schrie ich hinaus in die seelenleere Wüste.
Ich kauerte mich auf dem Boden zusammen und schlug mit der Faust in den brennenden Sand. Die Schmerzen waren mir egal, ich wollte mich nur erinnern können.
„Wer bin ich?“, schrie ich, „Was mache ich hier?“ Ich weinte inzwischen so stark, dass mein Bauch verkrampfte und meine Augen schmerzten.
„Bitte, eine Antwort! Irgendwer?“, wimmerte ich und schlug wieder verzweifelt in den Sand. Immer wieder. Immer fester. Immer stärker, bis meine Knöchel schließlich nicht nur von Brandblasen, sondern auch von Wunden übersät waren. Der Schmerz war beißend, doch das interessierte mich nicht mehr.
Erinner dich! Erinner dich, verdammt noch mal! Erinner dich endlich! Ich schlug mit meiner Faust gegen meinen Kopf, drückte meine Fingernägel in meine Handflächen, doch nichts brachte etwas.
Der Schmerz war beißend, ich riss meine Haut entzwei, doch mein Körper war wie betäubt, ich spürte nur den unerträglichen Schmerz meines Herzens.
Ich weinte stärker bis ich schließlich zu erschöpft war.
Ich hob meinen Kopf, da fiel mein Blick auf eine Schlucht hinter der Wasserquelle. Endlich etwas anderes, als Sand und Sonne.
Ich rappelte mich auf und ging zu der Schlucht.
Sie war tief. Schier unendlich tief.
Tief. Schwarz. Nacht. Sterne. Weiß und leuchtend. Weiß. Fell. Ihr Fell. Ihr weißes Fell. Angst. Donner. Hölle. Die Hölle. Es war die Hölle, oder ist das die Hölle? Bin ich tot? Ist das hier wahr? Wahr. Wahre Liebe. Meine wahre Liebe. Meine Liebe. Meine Liebste. Meine -

„Mika“, schrie mein Herz voller Entsetzen und meine Augen füllten sich mit einer Menge an Angst, die die Seelen aller Pferde der Welt zerfressen könnte.
Vor mir teilte sich die Erde. Es entstand ein rießiger, schier unendlicher Spalt und Mika, meine Mika fiel. Direkt. Hinein.


Meine Augen weiteten sich, als ich es endlich erkannte, als ich mich endlich erinnerte.
Ich war kein Mensch. Ich bin kein Mensch. Ich bin nur gefangen im Körper eines Menschen, aber meine große Liebe, meine Mika, sie muss noch dort unten sein.
Ich starrte direkt in den Abgrund, in die Hölle, den Nether. Ein Schauern fuhr meinen Rücken hinab und mein Magen drehte sich mir um.
Will ich dort hinunter? Kann ich dort hinunter? Aber dort ist Mika. Ich muss dort hinunter. Meine Mika ist da.
Ich fasste meinen ganzen Mut zusammen und setzte meinen ersten Fuß an die Wand des Abgrundes.
Sie war erstaunlich trocken und sicher, also setzt ich einen Fuß nach dem anderen an der Wand nach unten. Ich stieg hinab in den Nether.

Unten war es dunkel. Nur die Lava erhellte den riesigen Raum. Es lief mir wieder ein Schauer den Rücken hinunter, als ich die ganzen Zombiepigmen sah. Mein Herz schlug schneller. Zu schnell. Ich bekam entsetzliche Angst, als ich die Zombiepigmen grunzen hörte.
Das war es. Mein Leben ist nun vorbei. Überall sind Lava und Monster. Es ist -
„Silver!“, hörte mein Herz eine wunderschöne Stimme sagen.

Ich wollte Mika hinterher, doch ich wusste nicht wie. Ich wusste nicht, wie ich sie retten sollte. Ich war nutzlos. Ich konnte meiner Gefährtin nicht helfen. Ich wieherte laut, wollte zu ihr rennen. Plötzlich hörte ich Glas zerbersten. Sofort wand ich meinen Kopf in die Richtung, aus der dieses Geräusch kam. Dort stand eine Hexe, sie schmiss einen Trank nach mir.
Plötzlich wurde alles schwarz vor meinen Augen.


Mein Herz schlug schnell vor Freude und ich spürte ein Grinsen sich einen Weg auf mein Gesicht bahnen, denn ich erkannte sofort, wer es war und drehte mich um, sie suchend.
„Du wirst mich nicht sehen wollen“, sagte ihr Herz zu meinem, doch ich rief nur: „Zeig dich mir, Mika, bitte.“
Sie war still. Ihr Herz sprach nicht mehr zu mir. Mein Herz zog sich wieder zusammen und weitere Tränen stiegen mir in die Augen.
Plötzlich spürte ich einen Stups gegen meine linke Schulter und das Lächeln bahnte sich seinen Weg zurück auf mein Gesicht.
Ich drehte mich sofort um, doch als ich erfasste, was sich dort vor mir befand, erstarrte ich.
Vor mir stand ein Pferd, ohne Fell, ohne Haut, ohne Ohren, Augen und Nüstern, ohne Fleisch und Blut. Ohne Herz.
Das Pferd vor mir war nur sein Skelett.
Als das Pferd meinen erschrockenen Blick sah, drehte es sich um und wollte davon trotten doch ich umfasste seinen Hals und flüsterte: „Mika?“
Das Skelettpferd schnaubte und ich umfasste seinen Hals fester.
„Meine Mika“, murmelte ich gegen ihren knochigen Hals. Sie schnaubte begeistert und legte ihren Kopf auf meine Schulter.
Ich umklammerte sie fester. Sie war hier. Ich hatte sie zurück, auch wenn ich im falschen Körper gefangen war. Ich hatte meine Mika zurück.
Sie knabberte so sanft sie es mit ihren harten Knochen konnte, an meinem Haar und schnaubte.

Wir zogen uns in eine Höhle zurück und verbrachten jede Sekunde miteinander. Ich ritt auf ihrem Rücken und streichelte sie jeden Abend, wenn wir schlafen ginge. Sie knabberte an meinem Haar und schnaubte mir entgegen, was mich jedes Mal zum Lachen brachte und gute Erinnerungen von meinem vorherigen Leben mit ihr hervorrief.

„Mika, wieso bist du ein Skelettpferd?“, fragte ich sie sanft. Sie senkte ihren Kopf und ihr Herz flüsterte zurück: „Ich starb bei meinem Fall. Das hier ist mein Ruheort.“
Ich hatte das Gefühl jemand stoße mir tausende kleiner Nadeln durch mein Herz, als sie mir von ihrem Tod erzählte, denn ich wusste, dass es meine Schuld war. Wäre ich nicht auf sie zugegangen, hätte ich sie nicht auf die Stelle des kommenden Abgrundes getrieben.
„Es ist nicht deine Schuld“, flüsterte ihr Herz.
„Doch ist es. Ich habe dich geängstigt. Ich war dein Gefährte, ich hätte dich beschützen müssen und jetzt sind wir getrennt!“, schrie mein Herz zurück, gequält vom Schmerz den unsere Trennung über mich brachte.
Sie schnaubte sanft und knabberte an meinem Haar.
„Ich mag dein Haar. Blond. Es steht dir, wie das silberne Fell das du hattest, Silver.“ Ich lächelte ein wenig und streichelte ihren Knochenhals.
„Vermisst du nicht das Pferd, das ich mal war?“, flüsterte ich mit brechender Stimme zurück.
Sie senkte ihren Kopf und wieherte sanft. Ich erkannte den Schmerz in ihrem Wiehern und umfasste ihren Hals wieder fest und ließ mein Herz zu ihr flüstern: „Wenn ich sterbe oder du wiedergeboren wirst, sind wir wieder zusammen. Ich werde auf dich warten, versprochen.“
Sie nickte und knabberte wieder an meinem Haar.
In mir breitete sich wieder dieses Gefühl unendlicher Wärme aus, als ich meiner Gefährtin so nah war. Endlich wieder bei ihr war.
Plötzlich knallte es. Feuer drang in unsere Höhle ein und ich begann panisch zu werden. Mein Herz schlug schneller, mein Blut kochte. Ich bekam wieder Kopfschmerzen.
Mika schob mich sanft hinter sich und trat in die Flammen.
„Nein, Mika!“, schrie ich laut.
„Shhh, sei still Silver, sonst hören sie dich!“, schnaubte mich ihr Herz an. Ich nickte bloß, mich wundernd, wen sie mit „sie“ meinte.
Dann hörte ich ein Grunzen. Das Grunzen der Zombiepigmen. Mehr Panik stieg in mir auf. Ich atmete schneller, meine Sicht wurde von weißen Flecken verdeckt und meine Beine gaben nach.
Vor mir trat Mika die Flammen aus. Die Zungen des Feuers schlängelten sich an ihrem Bein entlang, doch das störte sie nicht, sie konnte nicht brennen.

„Silver, du musst gehen. Es ist hier viel zu gefährlich für dich“, flüsterte Mikas Herz traurig.
Ich schüttelte sofort meinen Kopf und sagte bestimmt: „Ich bleibe!“
„Silver, du wirst hier sterben. Ich werde dich nicht beschützen können.“
„Dann bin ich wenigstens bei dir.“
„Nein. Stirbst du hier, landest du im End. Du musst leben Silver, erst dann kann ich ruhen. Ich kann nur ruhen, wenn du sicher bist.“
Mein Herz zog sich zusammen. Ich wollte Mika glücklich machen, ich wollte ihr helfen zu ruhen, doch ich konnte sie nicht einfach verlassen. Ich konnte nicht gehen.
Sie schob mich zu der Schlucht und ihr Herz flüsterte ein letztes schwaches „Bitte“, doch meine Füße waren wie festgewurzelt. Ich konnte einfach nicht gehen.
Plötzlich knallte es wieder und Mika schob mich zurück in unsere Höhle.
„Lass mich bleiben“, flüsterte ich gegen ihre Schulter und rieb ihren Rücken.
Sie schnaubte und ihr Herz murmelte: „So lange ich an deiner Seite bin, darfst du hier bleiben.“
Ich lächelte und fiel in einen traumlosen, kalten Schlaf.

Als ich wieder aufwachte, war ich ganz alleine. Mika war weg.
Ich sah mich panisch um, wusste nicht, was ich tun sollte, da hörte ich ihre Stimme in meinem Kopf: „Lauf“.
Es knallte. Noch ein Knall. Hitze breitete sich aus. Die Höhle stand in Flammen.
Ich rannte aus ihr heraus, hin zur Schlucht. Hecktisch sah ich mich um, suchte Mika, wollte bei ihr sein.
Wieso lässt sie mich alleine? Liebt sie mich nicht mehr? Ich bin doch ihr Gefährte! Was soll ich ohne sie machen? So alleine? Ganz alleine?
„Lauf“, rief ihre Stimme in meinem Kopf erneut, dann sah ich, wie die Flammen in rasendem Tempo auf mich zu kamen. Brennende Zombiepigmen. Sie waren sauer, wütend, entflammt vor Wut. Ich musste hier weg.
Ich drehte mich um und setzte meine Hände an die Wand der Schlucht. Meine Füße folgten. Schnell kletterte ich die Wand hoch, bis ich schließlich oben ankam.
„Ich liebe dich, Silver“, sprach ihr Herz zu mir.
Ich nahm einen starken Atemzug und entspannte mich etwas. Ich würde einfach ein kleines Weilchen hier oben warten und dann könnte ich wieder runter zu meiner Mika.
Plötzlich bebte die Erde. Ich versuchte aufzustehen, doch sie bebte so stark, dass ich wieder hinfiel und ein starker Schmerz durch meinen Arm zog.
Ich lag am Boden, schrie vor Schmerzen. Meine Augen waren verschlossen und als ich sie wieder öffnete, sah ich, was das für ein Beben war: Die Schlucht schloss sich.
Mein Herz arbeitete auf Hochtouren. Ich krallte mich mit meinen Händen am Boden fest und krabbelte zur der sich schließenden Schlucht.
Ich wollte grade meine Hand an den Spalt ansetzen, schnell noch hinunter, da schloss sie sich komplett.
Ich war hier oben gefangen, meine Mika war da unten.
Ich war alleine an der heilenden Quelle, doch selbst die konnte den Schmerz in meinem Herzen nicht löschen.
Ich brach zusammen.
Ich konnte bei ihr sein, doch ich bin gegangen! Ich Feigling! Ich hätte kämpfen müssen, ich hätte bei ihr bleiben müssen! Wenn ich mich doch bloß nicht ausgeruht hätte, wenn ich einfach wieder runtergegangen wäre, dann -
„Ich liebe dich, Silver“, hörte ich ihr Herz wieder sagen.
Mein Herz tat einen großen Sprung.
Ich klopfte auf den Boden, hämmerte auf ihn ein und schrie: „Mika, hörst du mich?“, doch es kam keine Antwort. Es war totenstill.
Die Sonne stach auf meine Haut ein, ließ sie brennen.
Mein Leben war vorbei. Meine Seele war tot.


Mein Name ist Silver, doch heute nennt ihr mich Andy Freeze. Woher ihr das Andy habt, war mir immer unerklärlich, doch ein Kind erzählte mir einst, dass ihr mir das Freeze gabt, da ich wie festgefroren an diesem Ort verweile und die Quelle nicht weit zu verlassen wage.
Ich war in dieser Zeit ein Teil eurer Gesellschaft, ein Teil eurer Familie, - wenngleich ich mir jeden Tag mein altes Ich zurück wünsche, es mich quält nicht mehr galoppieren zu können, nicht mehr Pferd zu sein - warte jeden einzelnen Tag darauf, meine Mika wieder zu treffen; ob durch meinen Tod oder ein Wunder. Mein Herz wird nie einer anderen Frau gehören können als meiner Mika, egal in welcher Form wir wieder zusammen finden.
Aber ich habe das Gefühl, dass sie nicht mehr lange auf mich warten müssen wird.

Dies schreibe ich euch, um euch wissen zu lassen, wer ich wirklich bin. Ihr wart mir gute Freunde, eine gute Unterstützung, meine zweite Familie, gabt mir das Gefühl der Zugehörigkeit und des Geliebtseins. Ich danke euch aus vollstem Herzen dafür.
Bitte vergesst meiner nicht.

In Liebe,
Euer Andy



Der alte Mann schließt das Buch und legt es zusammen mit dem Stift auf den eben-hölzernen Wohnzimmertisch.
Er sieht sich ein letztes Mal im Zimmer um, nimmt alles auf. Die grüne große Pflanze neben der Tür, den großen hellen Kronenleuchter an der Decke, der das Zimmer mit einem goldenen, warmen Licht erfüllt, die vier Stühle, die um den Tisch herum stehen: Einer für den Vater der Familie, einer für seine Frau, einer für ihr Kind und einer für ihn.
Diese Familie hatte ihn so herzlich aufgenommen. Als sie hier herzogen, lebte Andy an der Quelle, ernährte sich nur von den Blättern des Baumes, der all die Zeit neben der Quelle stand und wartete auf seinen Tod, doch der Vater der Familie sah in ihm den Vater, den er in frühen Kindestagen so grausam durch ein Raubtier verloren hatte und er bat ihn, mit ihm und seiner kleinen Familie zu wohnen. Andy wollte nicht, doch der Sohn des jungen Mannes besuchte ihn jeden Tag an der Quelle und schließlich hatte Andy ihn so gern gewonnen, dass er der Bitte nachkam.
Er zog bei ihnen ein, half der Muttern beim Kochen, stellte sich vor, wie schön es gewesen wäre, Mika an seiner Seite zu haben. Oft weinte er sich in den Schlaf, erfüllt von der Angst, die er ohne seine Mika spürte, und des Schmerzes, der sich in ihm ausbreitete, wenn er an den Tag dachte, an dem er sie verlor. Doch dann hörte er die Stimme ihres Herzens zu ihr sprechen. Sie beruhigte ihn, machte ihm Hoffnung, bat ihn zu leben.  
Er öffnet die Tür leise und verlässt das Haus ein letztes Mal, geht ein letztes Mal zu seiner Quelle.
Er nimmt einen tiefen Atemzug, lässt die reine, warme Luft durch seine Lungen strömen, ihn erfüllen.
Er trinkt etwas aus der Quelle, an der er seit einem halben Jahrzehnt lebt, lässt das kühle Nass seinen Körper erquicken, seinen Schmerz kühlen und linden.
Die Sonne war bereits vor Stunden untergegangen und der Mond steht nun groß und hell am Himmel.
Der alte Mann sieht auf zum Himmel, zu einem der Sterne und flüstert etwas in fremden Zungen, etwas, von dem sein menschlicher Körper nicht verstehen kann, was es bedeutet, doch seine Seele versteht es, sein Herz versteht es. Mika hört es in den Tiefen des Nethers, versteht es und wiehert aus vollstem Herzen, aus vollster Freude.
Der Mann lächelt, als sein Herz die stummen Geräusche seiner Angebeteten vernimmt, und schließt seine Augen.
Schließlich sinkt er in einen tiefen Schlaf hinab. In einen himmlischen Traum. Einen Traum von Mika und Silver. Er träumt von alten, guten Zeiten, direkt neben dem Abgrund in dem seine Mika vor 50 Jahren verschwunden war.

Letztendlich breitet sich das Lächeln auf seinem Gesicht aus, als sein Herz seinen letzten Schlag tut, denn er weiß, er wird Mika schon bald wieder sehen, denn er wird aus diesem Schlaf nie wieder erwachen.
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