UTOPIA

von Nelle X
GeschichteDrama, Freundschaft / P16 Slash
17.01.2020
30.06.2020
11
35.055
3
Alle Kapitel
13 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
30.06.2020 3.044
 

Jorek hat den Jubiläumstag im Karibischen Traum verbracht, mit stetem Blick auf den Fernseher. Viele neue Infos kamen aber nicht. Die Stadt ist in Aufruhr, in Panik, in Abriegelung. Eine Straßensperre wurde verhängt, niemand kommt rein, kommt raus, kommt irgendwohin. Sie haben das Regierungsgebäude vollständig gelöscht. Neunzehn Tote, verkündet Präsidentin Wolschek höchstpersönlich, und die Stadt trauere um jeden einzelnen. Es wird eine Gedenkfeier geben, wenn die Täter gefunden wurden und ihre gerechte Strafe erhalten haben.
Winnie und Erdem haben die Bar abgeschlossen, sobald die Sperre verhängt wurde. Erdem hat mit Bennet, dem attraktiven Barkeeper telefoniert und mit etwa hundert anderen Leuten, die wissen wollten, ob irgendwer was weiß. Die LGBT-Szene der Stadt ist gut vernetzt, aber sie haben nichts in die Luft gesprengt, das ist alles, was die endlosen Gespräche ergeben.
Die Nacht hat Jorek dann auf der Gästematratze verbracht, die ihm so zuvorkommend angeboten wurde. Sie ist um Längen bequemer als die in Rogers Versteck. Gut geschlafen hat er trotzdem nicht, das Essen, das Erdem gekocht hat, irgendwas mit vielen Kräutern, die er selbst auf der Fensterbank zieht, und Joghurt, rumorte ihm im Bauch herum, seine Gedanken ließen ihn keine zwei Sekunden zur Ruhe kommen.
Jetzt ist es morgen, hellgrau und noch immer hier und da von Sirenen unterbrochen. Winnie röstet Brot über dem Herd, Erdem kocht Kaffee. Jorek haben sie das Helfen verboten, er sei doch zu Gast hier. Also sitzt er jetzt am Küchentisch und starrt wie gestern auf den Fernseher. Die Bilder sind ihm mittlerweile bekannt, rauchende Trümmer, Presse- und Polizeisprecher, Präsidentin Wolschek und ihre betont ruhige Stimme in Dauerschleife.
Dann, von einer Sekunde auf die andere, wird eine Sendung unterbrochen. Eine aufgeregte Nachrichtensprecherin erscheint, die Augen so groß, dass sie es unmöglich spielen kann.
„Es gibt neue Entwicklungen!“, ruft sie förmlich in die Kamera. „Gerade reingekommen.“
Sie stockt, liest ab, was auch immer ihr angezeigt wird.
„Die städtische Polizei hat soeben das Geheimversteck der Tatverdächtigen gestürmt“, verkündet sie dann. „Jetzt in diesem Moment geschehen die ersten Festnahmen. Unser Reporter Jorge Illheim ist vor Ort.“
Das Bild springt zu Herrn Illheim, der ähnlich aufgeregt wirkt, wie die Sprecherin. Er steht vor einem Wohnblock, der aussieht, wie jeder andere und umringt ist von Polizeiwagen und uniformierten Menschen.
„Es ist beeindruckend, was unsere Patrouillen hier heute leisten“, sagt er. „Sie sind gerade drinnen, es kann sich nur noch um Momente handeln, bis sie mit den Tätern – den Tatverdächtigen wieder herauskommen.“
Wenn man über seine Schulter sieht, fällt einem die eingetretene Eingangstür auf, die Polizisten, die sich auf beiden Seiten von ihr positioniert haben. Sie tragen Schutzkleidung über der Uniform und haben die Waffen griffbereit.
Sobald Bewegung in die wartenden Patrouillen kommt, fokussiert sich die Kamera nicht mehr auf Jorge Illheim, sondern auf das wahre Geschehen. Die Polizisten rücken angespannt in Position, dann erscheinen Menschen in der Türöffnung, gekleidet in zivil und mit aufgeschreckten Gesichtern.
Drei, vier, fünf Gestalten stolpern hintereinander ins gedämpfte Tageslicht, werden von den wartenden Polizisten ergriffen, zu Boden gezwungen, in Handschellen gelegt.
Sicher strahlt der Fernseher auch den dazugehörigen Ton aus, die Befehle, das Rascheln von Leuten in Bewegung, vielleicht eine Stimme aus dem Off. Jorek hört nichts davon, so laut rauscht das Blut in seinen Ohren.
Die Tatverdächtigen sind jung. Den ersten sieht man nur mit gesenktem Kopf und umschlossen von uniformierten Armen und Händen. Die zweite starrt mit gebleckten Zähnen in die Kamera, während man ihr die Handschellen anlegt. Und die dritte.
Die Dritte hat blondes Haar und trägt einen langen, bunten Rock. Die Dritte hat Feuer in den Augen.
Alle drei haben sie Familie und Freunde und eine lange, verworrene Geschichte, die zu diesem Moment geführt hat. Aber nur bei ihr ist Jorek Teil dieses Hintergrundes.
Er starrt in Finjas Gesicht und bildet sich ein, sie würde zurück starren.
Wann immer Jorek an sie denkt, hat er diese eine Szene im Kopf, deren Ursprung er schon fast vergessen hat. Irgendwann als sie sich gerade erst kennengelernt hatten, muss es gewesen sein, in den ersten Wochen, als sie gerade begannen, einander ganz vorsichtig über den Weg zu trauen.
Sie waren was trinken, vielleicht nur zu zweit, vielleicht mit ein paar anderen, Jorek weiß es nicht mehr. Sie sah ihn kämpferisch über ihr Bierglas hinweg an und sagte: „Ich sterbe niemals kniend.“ Der Satz hat sich eingebrannt in Joreks Kopf, hat ihn über Monate verfolgt. Weil er so deutlich gemacht hat, was ihm wichtig ist, auf eine morbide, beängstigende Art.
Ich sterbe niemals kniend.
Finja wird aber kniend festgenommen.
Auf den Stufen des Hauses wird sie umzingelt, werden Waffen auf sie gerichtet, die Kamera des Journalisten zoomt heran. Sie hebt die Arme und fällt auf die Knie. Den Kopf aber hat sie erhoben. Jorek fragt sich, ob es Stolz ist oder Trotz.
Neben ihm sieht Winnie wie gebannt auf den Bildschirm des Fernsehers. Er und Erdem haben beide ihr Lächeln verloren, sind ernster als Jorek sie bisher erlebt hat.
„Das arme Mädchen“, sagt Winnie, als einer der Polizisten ihr unsanft ein Knie in den Rücken drückt. „Das arme Mädchen.“
„Sie heißt Finja“, erwidert Jorek mit leiser Stimme, weil es eh nichts mehr ausmacht. Überhaupt kommt er sich gar nicht vor, als würde er wirklich anwesend, alles ist ein fiebriger Albtraum, der ihn in seinen Klauen hält.
„Du kennst sie?“, fragt Erdem und klingt nicht mal überrascht dabei.
Jorek nickt, weiß was das bedeuten könnte, fühlt sich so so hilflos.
„Sie heißt Finja“, wiederholt er und kann sich kaum noch erinnern, wie das mit dem Atmen funktioniert.


Jorek hört auf fernzusehen, als die Nachricht kommt, dass die Täter – denn so werden sie mittlerweile genannt, Täter, ohne Anklage, ohne Verhandlung – ins städtische Hochsicherheitsgefängnis überführt werden.
Er verkriecht sich in Erdems Zimmer, den bequemsten Raum in der Wohnung, dekoriert mit großen Kunstdrucken und gefüllt mit weichen Kissen und einem überdimensionalen Bett, und versucht irgendwie Ordnung ins Chaos zu bringen.
Eine Stunde liegt er auf der Seite, starrt die alte, knall-pinke Uhr an, die an der Wand hängt. Ihr Ticken ist metallisch und unendlich, der Sekundenzeiger vollführt seinen kleinen Tanz Runde um Runde, als wolle er Jorek hypnotisieren. Das Innere seines Mundes fühlt sich an wie Gummi und er weiß nicht, ob es daran liegt, dass er zu wenig getrunken hat oder an der Gesamtsituation. Irgendwas pocht hinter seiner Stirn, ein bleibender Schmerz, gerade so stark, dass er ihn ignorieren könnte.
Die Frage ist nicht, warum Finja verhaftet wurde. Er kann sich vorstellen, dass sie tatsächlich in die Sache verwickelt war. Niemand wollte mit ihm über das Geheimtreffen reden. Aber er weiß, dass es stattgefunden hat und er weiß, dass Pläne gemacht wurden. Er weiß auch, dass Finja sich von ihrer Wut am Leben halten lässt und er kann sich nur zu gut an ihre Verzweiflung angesichts der Welt erinnern. Für diese Rechnung braucht man keinen guten Schulabschluss und keine mathematische Ausbildung.
Doch was ist mit den anderen? Beim Treffen waren sie alle. Haben sie auch alle mitgemischt bei diesem Anschlag? Wurden sie schon verhaftet oder sind sie versteckt oder hatten sie Glück? Wie wird es weitergehen? Wie wird es bloß weitergehen?
Er hat sich noch nie mehr nach jemandem zum reden gesehnt, nach Mama oder Callie, nach Santos Ruhe und Elsas Freundlichkeit, Himmel, selbst nach Finjas pointierten Sprüchen und Rogers schiefen Grinsen.
Sie sind doch alles was er hat.
Er reißt sich zusammen und wischt sich verstohlen über die Augen, obwohl doch eh keiner da ist, der es sehen könnte.
Es klopft an der Tür, sanft und nur ein einziges Mal. Dann erklingt Erdems Stimme: „Wie geht‘s dir, Jorek? Willst du was essen? Wir müssen dringend darüber reden, was die nächsten Schritte sind.“
Er hat diesen freundlichen Ton drauf, wie Mama, wenn sie mit der alten, gebrechlichen Nachbarin aus dem dritten Stock spricht. Sehr geduldig, sehr ruhig, ein bisschen auf der Hut vor dem, was kommen könnte. Es passt zu den Schwierigkeiten, die es Jorek bereitet, aus dem Bett zu kriechen.
„Sorry, dass ich dein Zimmer blockiert habe“, murmelt er, aber Erdem schüttelt nur den Kopf und streicht ihm über die Schulter.
„Was immer du brauchst, Junge“, sagt er. „Ich habe Chili gekocht. Und Winnie ist rüber in seine eigene Wohnung und hat uns ne schöne Flasche Weißwein geholt. Du wirkst, als könntest du es brauchen.“
Er plaudert unbeschwert weiter, auch als sie die Küche erreicht haben, wo Winnie gerade Teller füllt und Gläser auf dem Tisch verteilt.
Sogar Servietten liegen auf jedem Platz, aus hellgrünem Stoff und mit einer Stickerei in der Ecke, die mit viel Fantasie Karibik buchstabieren könnte. Alles ist geradezu albern in seiner schicken Schönheit, eine hundertachtzig Grad Wendung zu Joreks Gesichtsausdruck. Er versucht die Mundwinkel nach oben zu zwingen, als Winnie ihm seinen Teller reicht, aber vermutlich ist es kaum mehr als eine Grimasse.
„Klartext, Liebling“, sagt dieser, sobald sie alle sitzen und ihre hohen Gläser mit Weinschorle gefüllt sind, als wäre es Sommer und kein verregneter Spätherbst. „Du musst uns erzählen, was du und diese Finja gemacht haben, dass ihr in diese Situation gekommen seid. Sonst können wir euch unmöglich helfen.“
Das wollen sie anscheinend wirklich. Helfen. Einem fremden Typen, der nur mit Schreckensnachrichten bepackt bei ihnen hereingeschneit ist. Verdammt, Callie würde die beiden wirklich lieben.
„Wir haben nichts getan“, sagt er müde. Weil es die Wahrheit ist.
Winnie guckt zweifelnd. „Das kann ich dir jetzt nicht unbedingt glauben. Du musst uns vertrauen, Liebling, sonst kommen wir hier nicht weiter.“
Jorek schafft es kaum zu schlucken, was er an Essen in seinen Mund befördert hat. Es wäre köstlich in jeder anderen Situation. Es schmeckt nach Pappe, jetzt gerade. Irgendwo in ihm pocht sein Herz. Irgendwo in ihm hat jemand ein Loch gerissen, dessen Ränder verschorft und ausgefranst sind und nicht wieder zusammen wachsen können.
„Aber es ist die Wahrheit!“, gibt er zurück. „Wir haben nichts gemacht, Winnie! Das ist es doch, wir haben rein gar nichts verbrochen, außer feiern und reden! Wir sind keine verdammten Staatsfeinde oder Revolutionäre oder… oder Helden, was auch immer!“ Er stockt, erschreckt von der eigenen Heftigkeit. Neunzehn ist er und das ist jung, viel zu jung für all das hier. Callie ist nur einige Monate älter. Finja und Santos und Elsa… Keiner von ihnen überschreitet die zweiundzwanzig. Sie sind verdammte Kinder.
„Wir sind unschuldig“, flüstert er. Dann, lauter: „Ich bin unschuldig. Und sie wollen mich verhaften und wegsperren, haben das Gleiche schon gemacht mit meinen Freunden. Für was?“
Winnie seufzt und Erdem schließt einen kurzen Moment die Augen.
„Du hast Ideen, Jorek“, sagt er dann. „Und nichts macht ihnen mehr Angst als das.“


Es ist nicht Joreks Verdienst, dass sie tatsächlich einen Plan machen, wie es denn nun weitergehen soll mit dieser ganzen, schrecklich vertrackten Situation. Erdem und Winnie sind bewundernswert in der Rationalität ihrer Gedanken und Jorek erinnert sich an eine Zeit, in der auch er stolz auf diese Fähigkeit war, auf Logik und einen kühlen Kopf. Hat ja keiner ahnen können, wie falsch er sich damals eingeschätzt hatte. Ein bisschen Stress, ein Anschlag, der als Terrorismus geahndet wird, Freunde im Gefängnis, schon ist er nicht mehr derselbe.
Er muss scheiße aussehen, wie er den anderen beiden am Küchentisch gegenüber sitzt und stumpf ihre Fragen beantwortet, das dritte Glas Weißweinschorle in der Hand und das hinzugefügte Mineralwasser kaum mehr als ein Alibi, während sein Kopf langsam aber sicher zu schwimmen beginnt.
"Du musst Kontakt mit deinen Leuten aufnehmen", sagt Erdem, der sich seine mitleidigen Blicke nur halbwegs verkneifen kann. "Sehen, was sie wissen, wie es ihnen geht."
Winnie führt allen Ernstes eine Liste, Edding und die Rückseite irgendeiner Rechnung, wie Finja es hundert Mal zuvor getan hat, als sie noch Pläne geschmiedet haben.
"Außerdem müssen wir die Nachrichten im Auge behalten, schauen wie es weitergeht. Bisher haben sie panisch reagiert, aber das wird bald in berechnete Wut umschlagen, so viel ist klar."
"Und wir müssen gucken, dass sie dich nicht erwischen, das ist das wichtigste."
"Die Öffentlichkeit darf sich nicht gegen jede oppositionelle Stimme richten. Wie auch immer wir das bei diesem Medientrubel erreichen wollen."
Und Jorek sitzt da und nickt und nickt und antwortet und beschreibt Erdem den Weg zum Versteck, damit der dort eine Nachricht hinterlassen kann, unauffällig natürlich, einen Flyer des Karibischen Traums. Hoffentlich reicht das den anderen als Hinweis, hoffentlich sind sie überhaupt noch in der Lage ihn zu finden.
Während Erdem in seine Jacke schlüpft, ein unförmiges, graues Teil, das so gar nicht zu seinem bunten Seidenhemd passen will, nimmt Winnie ihm freundlich, aber bestimmt die Weinflasche weg.
"Zieh nicht so ein Gesicht, Liebling", sagt er. "Das gibt nur Falten und dafür bist du zu jung und hübsch." Er zwinkert Jorek zu, bis der nicht anders kann als zurück zu grinsen.
Er fängt sich ein wenig, als sie beginnen, Teller und Töpfe abzuwaschen und nach einem System in die Schränke zu verfrachten, dass sich ihm nicht wirklich erschließen will.
Denkt zum ersten Mal über die bewundernswerte Zielstrebigkeit der beiden nach.
"Ihr macht sowas nicht zum ersten Mal, oder?", fragt er, während Winnie den nicht sehr langen Körper streckt, um die Gläser ins oberste Regalfach zu verfrachten.
Der andere dreht sich um, das gleiche Halblächeln auf dem Gesicht, wie schon damals in der Bar, als sie sich das erste Mal trafen. Nur Tage ist das her, so viel länger fühlt es sich an.
"Schwul zu sein in dieser Stadt - und dann auch noch ne Dragqueen, um das ganze noch zu toppen - das bedeutet ein gewisses Maß an Reibungspotential mit den Behörden, Liebling. Du hast das doch selbst erlebt mit deiner Freundin... Callie, richtig? Entsprichst du nicht der Norm, ist ihnen nicht viel daran gelegen, dich in Frieden leben zu lassen. Wir mussten schon so einige verlorene Seelen aufsammeln und wieder zusammen flicken."
Jorek nickt dem Schrank zu, in dem er Teller anordnet, weil er Winnie nicht direkt in die Augen sehen will. "Und wie oft wurdet ihr dabei erwischt?"
Jetzt lacht der andere, als wäre die Frage ein bloßer Scherz.
"Nicht ein einziges Mal, Liebling. Wir sind Calypso und motherfucking Winnie V, wir sind quasi unbesiegbar!"
Er rudert zurück, als er Joreks zweifelnden Blick bemerkt.
"Nein, um ehrlich zu sein, hatten wir bisher immer eine gehörige Portion Glück. Und so krass wie diese ganze Sache war es auch nie, wie du dir wahrscheinlich denken kannst. Die Zeiten, in der wir wirklich von Revolution geträumt haben, sind lange vorbei."
Sie tasten sich langsam zu der Frage, die Jorek eigentlich stellen will und sie wissen es beide. Winnie erspart ihm die Mühe: "Du willst wissen, warum wir dir helfen, richtig? Ob du uns überhaupt trauen kannst oder ob das hier ein Trick ist, um dich und deine Freunde gleich in Gänze loszuwerden."
Um ganz ehrlich zu sein hat Jorek den zweiten Teil noch gar nicht in Erwägung gezogen. Er ist wirklich ein lausiger Revolutionär, so viel steht fest, denkt er, fühlt die Müdigkeit, die ihm schon so lange in den Gliedern steckt mit noch größerer Wucht.
Wartend schaut er Winnie an, bis dieser fortfährt: "Du bist einer von den Guten, Jorek. Was auch immer das heißt in dieser Scheißwelt. Und ganz im ernst, es bricht mir ein bisschen das Herz, dich so zu sehen, wie du hier sitzt. Du bist so fucking jung. Das ist doch einfach nicht gerecht."
Jorek sieht zu Boden, verunsichert angesichts er Ehrlichkeit in Winnies Blick. Falls sie ihn hier wirklich verarschen, wie er gerade noch gesagt hat, dann wird ihm das den Rest geben. Mit noch mehr Problemen kommt er nicht klar, das hier ist seine Obergrenze, mehr geht nicht, mehr schafft er nicht.
"Danke", murmelt er schließlich und könnte eigentlich auch losheulen, wenn er so drüber nachdenkt.


Erdem braucht keine zwanzig Minuten, der Weg ist ja schließlich auch nicht sonderlich lang. "Nettes Versteck habt ihr da", merkt er an, als er Jorek Santos Sporttasche überreicht, die dieser seit der ersten Nacht, der einzigen, die sie zusammen verbracht haben, nicht mitgenommen hat. "Ich hab dir mal ein paar Sachen eingepackt, die aussahen, als könnten sie dir gehören. Die Zeitschriften und Plakate kommen aber hoffentlich von wem anders. Jemanden, der das Patriarchat mit solchen Käufen unterstützt, können wir hier nämlich nicht wohnen lassen." Er zwinkert ihm zu, um ihn wissen zu lassen, dass er nur scherzt.
"Die gehören einem Fünfzehnjährigen, der sich sein Zimmer mit drei anderen Typen teilt", erwidert Jorek.
Erdem schüttelt grinsend den Kopf. "Dann sei ihm verziehen, nicht?"
Und dann sitzen sie mal wieder da und schauen den Figuren im Fernsehen beim Herumlaufen und aufgeregt Reden zu.


Eaglesun lachte, wenn man ihn darauf ansprach, dass er einer der Hoffnungsträger für die ganze Region, vielleicht fürs ganze Land – was auch immer „Land“ in dieser Zeit bedeutete – sei. Er lachte auch, wenn man ihm mit Ehrfurcht begegnete oder mit Bewunderung. Weil er sich selbst nicht so sah. Er war nicht wie die Helden in den Comics, die er schon immer gerne gelesen hatte. Er war ein ganz normaler Typ.
Doch auch während er lachte und all das Lob abwehrte, war er sich des Umstandes bewusst, dass er eine gewisse Macht hatte, innerhalb PLANDs und teilweise auch außerhalb. Seit das erste Mal Ratsmitglieder gewählt worden waren, hatte er einen Sitz inne, wurde in schöner Regelmäßigkeit mit einer hohen Anzahl an Stimmen daran erinnert, dass man Wert auf seine Meinung legte.
Also saß er jedes Treffen auf seinem Stammplatz, links neben Star, mit einem Haufen Zetteln vor sich, auf dem er in seiner wirren Schrift Notizen machte. Meist waren sie sich recht einig in ihren Ansichten, wenn es anders war, dann diskutierten sie ruhig und sachlich, bis man mit der Unterstützung aller eine Lösung gefunden hatte. In vielerlei Hinsicht achteten sie darauf, dass sie stets ein Musterbeispiel für Diskussionskultur waren. Doch manchmal warfen sie all ihre Ruhe über Bord und dann keiften sie sich ohne Rücksicht auf Verluste an, dann beharrten sie beide auf ihre Standpunkte, dann musste jemand anderes die Situation lösen, weil sie zu sehr überzeugt waren von der eigenen Sichtweise.
Oft passierte es nicht. Aber wenn, dann bedeutete es meist große Veränderungen oder Krisen für PLAND, dann waren ihre unruhigen Gemüter ein Vorbote für kommende Stürme und Katastrophen.
Review schreiben