Drei Meter

von Cath-
GeschichteRomanze / P16 Slash
16.01.2020
14.02.2020
5
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„Würden Sie mit mir … einen Tee trinken gehen?“, brachte Finn steif über die Lippen. Er kam sich unendlich dumm vor, diese Worte vor seiner Therapeutin tatsächlich auszusprechen.

Frau Hepp stand ihm gegenüber und lächelte. „Oh, warum das denn?“

Er schluckte. „Um zu … plaudern.“

„Gerne! Wollen wir den Tee hier trinken oder uns zu den anderen in den Aufenthaltsraum setzen?“

„Lieber hier …“

„In Ordnung. Worüber wollen Sie denn mit mir sprechen?“

„Über Ihr … Wochenende?“ Finn bemerkte nur am Rande, dass das wie eine Frage geklungen hatte. Sein Herz pumpte das Blut zu schnell durch seine Blutbahnen und er konnte sich nicht richtig konzentrieren.

Sie legte den Kopf schief. „Was ist denn mit meinem Wochenende?“

Unbewusst krallte Finn seine Finger in seine Oberschenkel. „Nichts, nur … Wie ist es – Ach, ich kann das nicht!“

Frustriert starrte er zu Boden auf den fusseligen Teppich. Das hier war so peinlich! Rollenspiel nannte Frau Hepp die Übung. Ein blödes Rollenspiel, um seine soziale Kompetenz zu trainieren. So was Dummes …

„Geben Sie nicht gleich auf“, sagte Frau Hepp und fiel damit ebenfalls aus ihrer Rolle. „Sie haben das schon sehr gut gemacht!“

„Sehr gut?“ Finn stieß einen ungläubigen Laut aus, wagte es immer noch nicht, ihr in die Augen zu sehen. „Ich konnte Sie nicht einmal fragen, was Sie am Wochenende gemacht haben!“

„Es war ja auch die allererste Übung. Das kommt mit der Zeit, deswegen machen wir das doch“, versicherte sie ihm mit einer solch ruhigen und geduldigen Stimmlage, dass Finns Herz tatsächlich einen Gang zurückschaltete und er sich nur noch halb so sehr schämte.

Vorsichtig hob er seinen Blick und musterte Frau Hepp, die ihm aufmunternd zulächelte.

„Das war für den Anfang wirklich nicht schlecht“, versicherte sie erneut. „Was mir aber aufgefallen ist, ist Ihre Körperhaltung. Sie wirken total verspannt, haben sich nicht einmal bewegt beim Sprechen. Ihre Arme sehen aus, als würden sie an Ihrem Körper festkleben.“

Perplex sah Finn an sich herunter, überprüfte die Behauptung. Seine Arme lagen eng an seinen Seiten, die Finger immer noch in den Stoff seiner Anzughose gekrallt.

Oh.

Erst jetzt schaffte er es, seine angespannten Muskeln zu lösen, bis seine Arme nutzlos neben seinem Körper baumelten. Was sollte er auch großartig mit denen anstellen?

„Damit vermitteln Sie Ihrem Gesprächspartner, dass Sie sich unwohl fühlen“, erklärte Frau Hepp.

„Ich fühle mich ja auch unwohl!“, gab Finn lautstark zurück. Und wie er sich unwohl fühlte! Er hätte sich niemals darauf einlassen sollen, auch an seiner Sozialphobie zu arbeiten! Mit der Angststörung hatte er doch schon genug zu kämpfen gehabt …

Frau Hepp lachte leise. „Ja, aber das wollen Sie Ihrem Gegenüber doch nicht direkt zeigen. Wenn Sie sich unwohl fühlen, wird sich das auf Ihren Gesprächspartner übertragen. Also versuchen Sie, locker zu bleiben. Verbal haben Sie sich aber gut geschlagen. Sie haben laut und deutlich gesprochen und direkt gesagt, was Sie möchten. Aber vielleicht könnten Sie noch öfter Blickkontakt halten.“

Auch das noch … Blickkontakt machte Finn nur noch nervöser. Er hatte dabei immer das Gefühl, dass seine Augen alles preisgaben. Dass sein Gegenüber ganz genau beobachten konnte, wie ihm innerlich die Kontrolle entglitt und er hilflos seinen rasenden Panikgedanken ausgeliefert war. Das sollte doch keiner wissen …

„Okay, nochmal von vorne?“

Ergeben nickte Finn, obwohl er eigentlich Nein schreien wollte.


***


Finn wischte seine schwitzigen Finger unauffällig an seinem Hemd ab, während er mit wild bollerndem Herzen Sabines gläserne Bürotür anstarrte. Wann war er zuletzt hier gewesen? Als er seinen Arbeitsvertrag am Ende seiner Ausbildung unterschrieben hatte? Das waren ja nur schlappe sechs Jahre … Natürlich hatte er in der Zwischenzeit häufiger mit Sabine kommuniziert. Doch jedes Mal suchte sie Finn entweder in seinem Büro auf oder er schrieb ihr eine E-Mail. Selbst Telefonate gab es zwischen ihnen nur einmal im Jahr. Maximal.

Wieso hatte er sich überhaupt darauf eingelassen? Frau Hepp machte ihn noch wahnsinnig mit ihren Überredungskünsten! Aber er konnte es nicht länger hinauszögern, schließlich war die Woche schon fast wieder vorbei und er wollte in der nächsten Therapiestunde nicht mit Nichts vor Frau Hepp sitzen.

Es ist nur Sabine, nur Sabine!, redete Finn sich ein. Doch der Gedanke beruhigte ihn kaum. Sein Brustkorb fühlte sich trotzdem merkwürdig eng an.

Finn biss sich auf die Zunge, verzog das Gesicht bei dem stechenden Schmerz und schloss die Augen, um sich zu sammeln. Er würde das jetzt durchziehen. Es war nur ein Gespräch, nur ein harmloses Gespräch mit einer Frau, die er bereits sein ganzes Leben lang kannte. Es bestand keine Gefahr. Immerhin hatte er geübt. Wie er zu gestikulieren hatte, wie er zu reden hatte, was er sagen würde.

Finn musste schlucken, als er daran dachte, dass Frau Hepp ihm sogar angeboten hatte, ihn bei dieser Exposition zu begleiten. Aber wie hätte das bloß ausgesehen? Wie hätte er Sabine das erklären sollen?

Hallo Sabine. Das ist meine Therapeutin, die mir jetzt dabei hilft, mit dir über das Wetter zu reden, weil ich das alleine nämlich nicht gebacken kriege!

Oh Nein! Das wäre sein sozialer Tod gewesen und den wollte er gerne vermeiden.

Es reichte schon, dass Sabine die Spitze des Eisbergs kannte, dass sie wusste, dass er überhaupt in Therapie war. Da brauchte er ihr nicht auch noch Einzelheiten zu unterbreiten. Sie würde ja doch nur den Kopf schieflegen, die Lippen vorschieben und ihn mitleidig ansehen, bis Finn freiwillig die Flucht ergriff. Darauf konnte er nun wirklich verzichten.

Finn unterdrückte ein Seufzen.

Leider bedeutete das auch, dass er sich dieser Exposition nun alleine stellen musste. Womit hatte er das gleich verdient?

Bevor sein Gehirn es sich anders überlegen konnte, legte Finn seine immer noch schwitzige Hand an die silberne Klinke und öffnete die Glastür im Schneckentempo und so lautlos, dass Sabine ihn nicht einmal hörte. Sie starrte konzentriert auf ihren Computerbildschirm, den Kopf auf einer Hand abgestützt, während ihre Finger mit ihrer Unterlippe spielten.

Verdammt, er hatte vergessen zu klopfen. Mit einem flauen Gefühl im Magen holte Finn das zögerlich nach, wodurch Sabine aufsah. Kaum hatte sie ihn erblickt, weiteten sich ihre Augen für einen Moment voller Unglauben, bevor sie ihre Hand sinken ließ und sich in ihrem Sessel aufrichtete.

„Finn, was machst du denn hier? Ist was passiert?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich wollte nur plaudern.“

Hatte er das gerade geflüstert?

„Was?“, hakte Sabine sofort an und beugte sich zu ihm vor, obwohl das kaum einen Unterschied machte, weil Finn immer noch wie angewurzelt in der Tür stand.

Konzentrier dich! Deine Stimme muss laut und deutlich sein, deine Haltung entspannt und du musst den Blickkontakt aufrechterhalten! Na los!

Finn zwang seine verkrampften Arme dazu, nicht wie zwei bewegungsunfähige Eisenstäbe an seinem Körper zu haften, räusperte sich und wiederholte sein Anliegen.

Sabine war darüber so erstaunt, dass Finn es zweifelsfrei an ihrem Gesicht ablesen konnte.

„Ach so, klar, gerne. Möchtest du dich setzen?“ Sie klang verwirrt, deutete trotzdem auf den schwarzen Ledersessel vor ihrem Schreibtisch.

Mit steifen Bewegungen ging Finn auf den Sessel zu, setzte sich, ohne sich anzulehnen und legte seine Hände so locker wie möglich auf den Armlehnen ab. Tief durchatmen.

„Wie war dein Wochenende?“

Verwirrt blinzelte Sabine ihn an. „Ähm, gut, unspektakulär. Kennst du meinen Mann noch, Heiner?“

Finn nickte.

„Wir sind für eine Nacht spontan an die Nordsee gefahren, wie früher. Ein ganz ruhiger Trip. War ganz nett, wenn man davon absieht, dass es den kompletten Samstag über geregnet hat“, erzählte Sabine lächelnd.

Finn wollte das Lächeln erwidern, doch seine Mundwinkel bewegten sich nicht. Frau Hepp hatte ihn davor gewarnt, dass man Gespräche nicht auf den Wortlaut genau durchplanen konnte, dass gerade der Verlauf einer Unterhaltung nicht vorhersehbar war.

Und genau diese Tatsache brachte Finns Eingeweide dazu, sich gegenseitig erwürgen zu wollen. Sein Gehirn erschien ihm so gähnend leer, dass ihm keine einzige gescheite Erwiderung einfiel.

Sag doch was! Du schweigst schon viel zu lange! Gleich wird auch Sabine dich komisch finden, so merkwürdig, dass sie nie wieder mit dir redet, dass sie froh ist, wenn du den Raum wieder verlässt, dass sie dich vielleicht sogar rausschmeißt …

Stopp!

Mit aller Macht zwang Finn sich dazu, seine eigenen Panikgedanken zu unterbrechen. Dabei biss er die Zähne so fest zusammen, dass er seinen Kiefer überdeutlich spüren konnte.

Seine Befürchtungen waren irrational. Er musste diesen Gedanken mit Logik begegnen, ihnen die Grundlage rauben. Er sprach hier mit Sabine, mit der Frau, die seine Eigenarten tolerierte. Die ihm einen Ausbildungsplatz angeboten und ihn übernommen hatte. Die ihm die Chance gab, sich zu ändern, ohne ihn direkt zu feuern. Deswegen würde sie das auch jetzt nicht tun, nicht aufgrund eines einzigen Gesprächs. Die Wahrscheinlichkeit dafür war so gering, dass Finn nichts zu befürchten hatte.

Er krallte seine Finger in das kalte Leder, versuchte den Kloß im Hals herunterzuschlucken. Er würde jetzt antworten.

Nur was?

Denk an Frau Hepps Worte …

Interesse zeigen. Man sollte Interesse an seinem Gegenüber zeigen, weiterführende Fragen stellen, die zum Thema passten. Das erschien nicht nur höflich, sondern erzeugte auch Sympathie.

Was fiel Finn zum Thema Nordsee ein? Wasser, Sand, Dünen und-

„Habt ihr Möwen gesehen?“, schoss es aus Finn heraus. Vögel mochte er und Möwen hatte er schon immer einmal sehen wollen! Sie waren ausgezeichnete Jäger und Räuber und Finn stellte es sich faszinierend vor, sie bei der Jagd zu beobachten.

Sabines Mund bewegte sich sekundenlang, ohne einen Laut zu veräußern, bevor sie mit den Schultern zuckte und nickte. „Äh, ja, haben wir.“

„Wie schön …“, sagte Finn ehrlich begeistert. Das musste eine tolle Erfahrung gewesen sein. Wäre er nicht so schrecklich eingeschränkt, wäre er schon vor langer Zeit mal an die Nordsee gefahren …

„Ja, schon … Bisschen viele auf einmal vielleicht“, murmelte Sabine erstaunt. „Wie war denn dein Wochenende?“

„Nicht so toll wie deins. Ich musste Enten füttern.“ Allein beim Gedanken an die Viecher lief es Finn eiskalt den Rücken hinunter. Er schüttelte das Gefühl ab. Lieber wollte er seine Gedanken mit Möwen füllen.

Sabine musterte ihn einen Moment lang eindringlicher als sonst, bevor sie fragte: „Und wie geht es dir?“

Entgegen Frau Hepps Rat senkte Finn seinen Blick, musterte den roten Locher auf dem Schreibtisch. Er wusste, wie Sabine das meinte. Worauf sie sich bezog.

„Besser …“ Auch seine Stimme war weit davon entfernt, laut und deutlich zu sein. Doch seine Chefin verstand ihn trotzdem.

„Das freut mich wirklich, Finn. Ich finde auch, man sieht richtig, dass du Fortschritte gemacht hast“, sagte Sabine sanft.

„Danke.“ Er sah sie nicht an, meinte es nicht einmal richtig ernst, weil er die Fortschritte selbst für nicht erstrebenswert hielt. Doch es war höflich, sich in solchen Situationen zu bedanken. Finn warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Ich muss jetzt weiterarbeiten, hab hierfür nur drei Minuten eingeplant.“

„Eingeplant?“ Sabine klang verwirrt.

Finn hob seinen Blick wieder und nickte, während er aufstand. „Ja, für das Gespräch. Ich möchte es nicht überziehen. Vielen Dank und noch einen schönen Tag.“

Er sah gerade noch, wie Sabine vor Verblüffung die Kinnlade herunterklappte, als er sich auch schon umdrehte und das Büro wieder verließ.


***


„Es war … okay“, berichtete Finn seiner Therapeutin zögerlich von der Exposition mit Sabine. „Sie hat mich nicht ausgelacht und mir auf meine Fragen geantwortet. Und ich hab Interesse an ihrem Leben gezeigt.“

„Das ist ja wunderbar“, sagte Frau Hepp deutlich begeisterter, als Finn sich fühlte. „Und wo waren Sie auf der Skala?“

Finn wägte ab. „Anfangs bei einer vier und am Ende … ich weiß nicht, am Ende war es eigentlich gar nicht mehr so schlimm.“

„Was heißt nicht mehr so schlimm? Welche Symptome haben Sie da noch festgestellt?“

„Na ja.“ Finn zögerte, weil er es selbst kaum glauben konnte. „Gar keine. Ich hab mich gar nicht mehr auf meinen Körper konzentriert. Wir haben einfach nur geredet.“

Frau Hepp machte so große Augen, dass Finn ihrem Blick verlegen auswich.

„Das ist ja noch besser! Wow, damit habe ich so früh noch gar nicht gerechnet!“

„Vielleicht lag das nur an Sabine. Ich kenne sie schon ewig und wir haben uns schon oft unterhalten“, warf Finn ein, weil er nicht wollte, dass seine Therapeutin dachte, er sei geheilt. Denn das war er ganz sicher nicht.

Sie nickte. „Das hat bestimmt eine Rolle gespielt, da gebe ich Ihnen recht. Aber Sie dürfen trotzdem nicht vergessen, dass Sie zum ersten Mal ein Gespräch von sich aus initiiert haben. Und deswegen ist das keine normale Situation gewesen und Sie sollten Ihre Fortschritte anerkennen.“

Da war es schon wieder. Fortschritte. Wieso nannte das jeder so? Seit wann war es ein Fortschritt, etwas gänzlich Banales zu tun, wozu selbst die kleinsten Kinder in der Lage waren? Das war nicht fortschrittlich, es war peinlich, dass Finn überhaupt von solchen Problemen geplagt wurde. So sah er das zumindest.

„Fühlen Sie sich denn bereit, es im nächsten Schritt bei jemandem zu versuchen, den Sie nicht so gut kennen wie Ihre Chefin?“, fragte Frau Hepp.

„Ich weiß nicht …“

„Wie wäre es zum Beispiel mit Ihrem Nachbarn?“

Finns Kopf ruckte hoch, er starrte Frau Hepp entgeistert an, während seine Fingernägel sich so fest in seine Oberschenkel krallten, dass er befürchtete, er würde den Stoff seiner Hose ruinieren.

„Auf keinen Fall!“, stieß er in einer panisch hohen Tonlage aus.

Doch Frau Hepp blieb vollkommen ruhig. „Ich verstehe Ihre Bedenken. Aber wir könnten es doch zumindest einmal üben.“

Nicht eine Sekunde lockerte er den Griff um seine Beine, verzog bloß gequält das Gesicht. „Ich will ihm nicht begegnen …“

„Ich will Sie ja auch gar nicht dazu zwingen. Es ist ganz allein Ihre Entscheidung, ob Sie mit ihm sprechen oder nicht. Aber nur für den Fall, dass er Ihnen mal über den Weg läuft, wäre es da nicht schön, wenn Sie gelassen reagieren könnten?“

Finn wollte automatisch widersprechen, aber er kam sich dabei albern vor. Natürlich wäre es schön, gelassen zu bleiben. Natürlich wäre es toll, wenn er nicht jedes Mal mit Herzrasen und Hyperventilation zu kämpfen hätte. Und es wäre auch ganz klasse, wenn er allein auf einer einsamen Insel leben würde.

Aber all diese Gegebenheiten waren pures Wunschdenken. Er konnte sich das nun mal nicht aussuchen. Und was, wenn er bei dem Vorhaben, gelassen zu reagieren, scheiterte und letztendlich ein weiteres Mal eine Panikattacke durchleben musste? Hatte Frau Hepp auch nur die geringste Ahnung, was für eine Qual das war? Wie sehr es einen auslaugte und zerstörte, ständig befürchten zu müssen, keine Luft mehr zu bekommen?

War es nicht ganz verständlich, dass Finn das um jeden Preis verhindern wollte?

„Versuchen wir es doch wenigstens einmal hier. Ob Sie es in Ihrem Alltag nutzen, ist ja Ihre freie Entscheidung“, machte Frau Hepp einfach weiter, als Finn nicht antwortete. „Also, wenn ich Ihren Nachbarn spielen würde, was müsste ich dann über ihn wissen? Wie sieht er aus, wie kommt er rüber?“

Ein Seufzen entfloh Finns Kehle, als er spürte, dass er innerlich nachgab. Er konnte sich einfach nicht durchsetzen, auch hier in diesem geschützten Rahmen bei seiner Therapeutin nicht. Sie konnte ihn zu fast allem überreden.

Ob ihr das bewusst war?

„Er … ist jünger als ich. Anfang zwanzig oder so. Und er geht so unregelmäßig aus dem Haus, dass er unmöglich einem Vollzeitjob nachgehen kann. Vielleicht studiert er? Das wäre eine Erklärung“, sagte Finn, während er zeitgleich all seine Erinnerungen an Louie durchwanderte. Allein das sorgte dafür, dass sein Magen sich ekelhaft zusammenzog. „Und … er erinnert mich an eine Sonnenblume. Also, sein Gesicht. Ich weiß auch nicht, wieso. Wegen seiner blonden Haare irgendwie und die Sommersprossen und er trägt eine Brille und … Das klingt so bescheuert.“

Frau Hepp verzog keine Miene, obwohl Finn sich zu zweiundneunzig Prozent sicher gewesen war, dass sie ihn für dieses Geständnis auslachen würde.

„Nein, ich finde den Vergleich schön“, meinte sie stattdessen. Auch wenn sie ehrlich klang, glaubte Finn ihr kein Wort. „Blumen, sagen Sie … Mir kommt gerade ein Gedanke, der gar nichts mit diesem Thema zu tun hat. Was halten Sie davon, wenn Sie etwas ausprobieren, etwas Hobbymäßiges?“

Völlig verdutzt von diesem Themenwechsel antwortete Finn ohne nachzudenken. „Ich habe doch Hobbys.“

„Ich weiß, Sie lesen und schauen viel, aber ich habe mir immer gedacht, dass das so passive Hobbys sind. Wie wäre es, wenn Sie mal gärtnern würden? Sich über Pflanzen informieren, welche auswählen, die Ihnen gefallen und sie selbst einpflanzen? Vielleicht bereitet Ihnen diese Arbeit Freude?“

Finn stutzte, als er nicht sofort eine Ablehnung mit der Kraft einer Tsunamiwelle verspürte. Stattdessen entspannten sich sogar seine Finger, als er sich vorstellte, Pflanzen einzutopfen.

Das war neu.


***


Keuchend umklammerte Finn den Sack Blumenerde in seinen Armen. Verdammt, war der schwer! Zum ersten Mal in seinem Leben wünschte er sich ein Auto herbei, wohl wissend, dass ihm das gar nichts bringen würde, weil er keinen Führerschein besaß. Aber in einem winzigen Eckchen seines erschöpften Geistes zog er es in Erwägung, sich auch ohne Kenntnisse hinters Steuer zu setzen, nur um sich diese auslaugende Anstrengung zu ersparen, die gerade seine Muskeln quälte.

Wenigstens war es sein letzter Weg zum Baumarkt gewesen. Er hatte zigmal hin- und herlaufen und alle Sachen für das Gärtnern einzeln kaufen müssen, weil er nicht alles gleichzeitig hatte tragen können. Das galt auf jeden Fall als die erste der zwei Chaosstunden diese Woche, auch wenn es noch nicht Samstag war!

Im vierten Stock brauchte Finn eine Verschnaufpause, bevor er sich imstande sah, seinen Schlüssel aus seiner Hosentasche zu ziehen. Erschöpft ließ er den Sack vor seiner Türschwelle auf den Boden plumpsen. Sein ganzer Anzug war verdreckt. So ein Mist!

Ein Blick auf die Tür seines Nachbarn gab Finn die Kraft zurück, seine Wohnung aufzuschließen. Er wollte schließlich nicht Gefahr laufen, ihm zu begegnen, nur weil er peinlich lange im Hausflur nach Luft schnappte.

Doch selbst dieser eine Blick auf die geschlossene Tür verursachte das Gefühl einer eisernen Hand, die sich um seine Lungen herum verkrampfte. Denn auch ohne Louies unmittelbare Gegenwart konnte Finn nicht ignorieren, dass er existierte, hier in seiner Nähe, dass er Frau Hausen einfach ersetzt hatte. Nicht, wenn ihre verschlissene Fußmatte verschwunden war. Nicht, wenn der Name am Klingelschild neuerdings „Lehnert“ lautete. Nicht, wenn sich diese Tür ohne jeden Rhythmus öffnete.

Frau Hausen hatte ihre Wohnung ausschließlich zu denselben Zeiten verlassen. Sie war ein Gewohnheitstier gewesen, genauso wie Finn.

Aber Louie? Der Kerl schien überhaupt keine Gewohnheiten zu haben. Sein Leben ließ sich nicht logisch zurückverfolgen. Finn hatte nicht die leiseste Ahnung, wann Louie das nächste Mal einen Fuß vor die Tür setzen würde. Es war verdammt nochmal nicht nachvollziehbar, weil der Typ rausging, wann immer er wollte, und das machte Finn wahnsinnig!

Dienstag, Mittwoch und Donnerstag war Louie um halb acht aus dem Haus verschwunden. Montags hingegen schien er seine Wohnung gar nicht zu verlassen und Freitag hatte Finn bereits vor sieben Uhr polternden Lärm vernommen. Und auch die Wochenenden schien der junge Mann völlig willkürlich hinter sich zu bringen, mal verließ er das Haus gar nicht, mal ging er mehrmals am Tag ein und aus. Und falls man denken wollte, dass sich zumindest eine wöchentliche Routine finden ließe, wurde man enttäuscht:

Denn in seiner zweiten Woche änderte Louie seinen Rhythmus erneut und das ließ Finn maßlos verwirrt zurück.

Wie sollte er sich daran anpassen? Er konnte doch nicht hellsehen!

„He, ihr rücksichtslosen Greise!“

Heftig zuckte Finn zusammen, als die zornige Stimme durch das gesamte Treppenhaus dröhnte. Er erkannte den Mann sofort.

„Wer von euch Nichtsnutzen hat den Pizzakarton in den Plastikmüll geschmissen?!“

Genervt verdrehte Finn die Augen, bevor er zügig in seiner Wohnung verschwand und die Tür endlich hinter sich schloss. Dem Theater wollte er nicht beiwohnen. Denn der Mann, der dort so wutentbrannt durchs Treppenhaus brüllte, war mit Abstand sein verhasstester Nachbar:

Rudi, die Rentnerpolizei.
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