Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Drei Meter

von Cath-
GeschichteLiebesgeschichte / P16 / MaleSlash
16.01.2020
03.11.2020
29
116.031
167
Alle Kapitel
346 Reviews
Dieses Kapitel
10 Reviews
 
 
16.01.2020 2.936
 
Bitte tragen Sie Ihren Namen und Ihr Alter ein.

Finn, 28 Jahre

War es Ihr eigener Wunsch, eine Therapie zu beginnen?

Nein.

Falls Nein, wer hat Sie dazu motiviert und weshalb?

Meine Chefin. Ich reagiere zu nervös auf Veränderungen und das behindert meine Arbeit (sagt sie).

Bitte formulieren Sie mindestens ein Ziel für diese Therapie. Was soll sich an Ihrer Situation verändern?

Am liebsten nichts. Ich muss nur meine Chefin davon überzeugen, dass ich gelassener auf Veränderungen reagiere, damit sie mich nicht feuert.

Nichts verändern. Hah.

Heute, fünf Monate später, musste Finn über seine Naivität beinahe lachen. Seine Therapeutin hatte ihm bereits in der allerersten Stunde eingebläut, dass es keine Therapie ohne Veränderung gab. Und dass sie ihn auch nicht als Patienten aufnehmen würde, sollte er es nicht zumindest versuchen.

„Wie ist Ihre Woche gewesen, Finn?“

Seine Therapeutin, Frau Eva Hepp, lächelte ihn an. Finn hielt es für ein ehrlich freundliches Lächeln, doch da war er sich bloß zu dreiundsiebzig Prozent sicher. Sie lächelte stets auf die gleiche Weise in seiner Gegenwart, mit wenigen Lachfältchen um die Augen und die Mundwinkel genügend weit verzogen, sodass die geraden Zähne sichtbar wurden. Das machte es schwierig, Abstufungen zu erkennen.

Frau Hepp war Mitte vierzig, trug wie so häufig eine helle Bluse, ihre knallrote Brille und saß Finn mit übereinandergeschlagenen Beinen auf der pastellgrünen Couch gegenüber. Auf ihrem Schoß lag ein Klemmbrett mit leeren Blättern, damit sie sich seine Aussagen notieren konnte. Immer wieder fanden seine Blicke dorthin, auch wenn er die Notizen jederzeit einsehen durfte. Das hatte anfangs geholfen, Vertrauen zu fassen.

Auch die Umgebung half, denn Frau Hepps Praxis befand sich in einem Backhaus – zumindest war es das früher gewesen. Die dicken, unebenen Steinwände und hohen Decken, die in warmen Farben gestrichen worden waren, trugen dazu bei, dass Finn jedes Mal merkwürdig entspannt in den Baststuhl sank, als handle es sich um seine Couch.

Und das kam sicherlich nicht oft vor.

„Angenehm, bis zum Montag“, antwortete Finn mit rauer Stimme. Den kratzigen Klang hatte er garantiert dem jahrzehntelangen Passivrauchen zu verdanken, ohne jemals selbst eine Zigarette angefasst zu haben. Es wäre wohl zu ironisch gewesen, wenn man bedachte, dass er seiner eigenen Mutter dabei zugesehen hatte, wie sie elendig gegen den Lungenkrebs gekämpft und vor fünf Jahren auch verloren hatte.

„Was ist am Montag passiert?“

Der Baststuhl unter ihm knarzte, als Finn unruhig seine Oberschenkel entlangrieb. „Montag war ich einkaufen, um halb sieben, wie immer. Normalerweise haben sie montags alles vorrätig, aber diesmal – vielleicht gab es ein Problem mit dem Lieferanten, aber sie hatten so viele Lebensmittel nicht, die ich sonst immer kaufe!“

Finns Stimme überschlug sich und er brauchte drei tiefe Atemzüge, bevor er sich wieder im Griff hatte. Am liebsten würde er das Thema umgehen, doch Frau Hepp betonte stets, dass es besonders wichtig war, an den unangenehmen Themen zu arbeiten. Leider.

„Und wie sind Sie damit umgegangen?“ Sie legte den Kopf zur Seite und musterte ihn geduldig.

Finn schaffte es nicht, seine Finger stillzuhalten, die immer noch über den weichen Stoff seiner grauen Anzughose fuhren.

„Ich war nervös, konnte nicht weitermachen und habe lange einfach nur dumm herumgestanden. Aber ich habe Ihre Atemübungen gemacht, um nicht panisch zu werden. Es hat geholfen – zumindest ein bisschen. Dann ist mir eingefallen, was Sie gesagt haben. Dass ich mir selbst helfen muss, auch wenn es schwierig wird“, sprudelte es aus ihm heraus.

Allein die Fülle seiner Worte wäre zu Anfang der Therapie noch undenkbar gewesen. Die ersten Sitzungen hatte er kaum ein Wort herausgekriegt, hatte bloß mit rasendem Herzen und schwitzigen Fingern dagesessen und versucht, sich nicht zu blamieren.

Ob das für andere albern klang? Vermutlich. Die verständnislosen Blicke, mit denen man ihn bedachte, wann immer jemand Zeuge seiner Schwierigkeiten wurde, sprachen jedenfalls Bände. Aber was sollte er dagegen tun? Ihm blieb nichts anderes übrig, als die bitteren Tatsachen zu akzeptieren: Dass er anders war. Speziell. So eigenartig, dass man in der Vergangenheit viel zu oft über ihn gelacht hatte.

Umso dankbarer war er, dass Frau Hepp nicht zu diesen Menschen zählte. Auch jetzt war in ihrem Gesicht kein Spott auszumachen. Sie lächelte lediglich so freundlich, wie sie es immer tat.

„Gut, Finn, das ist sehr gut. Wie hat sich das für Sie angefühlt?“

Finn kniff sich selbst. Ins Bein, immer ins Bein. „Nicht gut, es war schwer.“

„Aber Sie haben sich überwunden. Sie können stolz auf sich sein.“ Ihr Lächeln wurde breiter, die Lachfalten um die Augen vermehrten sich. „Wie haben Sie Ihren Einkauf dann fortgeführt?“

Finn brauchte einen tiefen Atemzug. Ganz langsam ein … und wieder aus.

„Ich habe mich für andere Produkte entschieden. Irgendwann zumindest. Ich musste anderes Brot kaufen und andere Butter und sogar anderen Käse. Und ich schmecke den Unterschied zwischen den verschiedenen Goudasorten!“

Obwohl das überhaupt keine guten Neuigkeiten waren, legte Frau Hepp ihren Kuli nieder und strahlte ihn an. „Das ist wunderbar. Sehen Sie, was Sie da geschafft haben?“

„Ich habe fast eine Stunde regungslos im Supermarkt gestanden und war schrecklich überfordert bei etwas so Banalem wie Einkaufen?“

„Trotzdem haben Sie nicht aufgegeben. Sie haben Ihren Einkauf zu Ende gebracht, obwohl es Ihnen schwergefallen ist. Das ist ein riesiger Fortschritt. Vor drei Monaten wäre Ihnen das noch nicht möglich gewesen.“

Finn nickte. Sie hatte nicht unrecht. Nur wäre es ihm lieber gewesen, wenn man ihn gar nicht zu diesem Fortschritt gezwungen hätte. Er wollte nichts verändern an seinem Leben. Gar nichts. Es sollte alles so bleiben, wie es war.

Doch unter Frau Hepps Anleitung waren trotzdem etliche Veränderungen in Gang getreten worden. Er hatte gelernt, nicht gleich panisch die Flucht zu ergreifen, sondern Veränderungen als neue Variable in einer bestehenden Gleichung zu betrachten. Dann musste er nur noch nach einem neuen Lösungsweg suchen.

Diese Taktik funktionierte überraschend gut. Immer dann, wenn die Veränderung temporär und nicht zu gravierend war. Und das, obwohl Finn seinen Lieblingskrimi darauf verwettet hätte, dass genau das nicht geschehen würde. Weil er das eigentlich nicht konnte. Sich verändern. Sich anpassen. Nicht völlig die Kontrolle zu verlieren, wenn etwas Unvorhersehbares passierte. Seine Chefin hatte ihn nicht ohne Grund zu dieser Therapie … ermutigt. Ein Dutzend Panikattacken am Arbeitsplatz als Reaktion auf kleine Veränderungen hatten ihr wohl gereicht.

Noch immer lächelte Frau Hepp ihn zuversichtlich an.

Vielleicht gab es noch einen zweiten Grund, warum er zu seiner Therapeutin ging: Weil er sie mochte. Sie respektierte ihn und seine Wünsche, nannte ihn nie bei seinem Nachnamen, weil Finn das nicht leiden konnte. Sie gab ihm außerdem nie das Gefühl, komisch zu sein. Nicht so, wie alle anderen. Und das machte sie vielleicht zur einzigen Freundin, die Finn besaß.

Auch wenn seine Krankenkasse sie dafür bezahlte.

„Und wie erging es Ihnen am Samstag in Ihrer Chaosstunde?“

Seine Schultern sackten tiefer. Die Chaosstunde. Etwas, was Frau Hepp in sein Leben integriert hatte, um ihn gegen Veränderungen zu desensibilisieren und seiner Angst entgegenzuwirken. Eine Stunde wöchentlich war frei von jeglicher Planung – eine (unfreiwillige) Exposition. In dieser Stunde war Finn gezwungen, etwas Spontanes zu tun, was nicht gänzlich von ihm kontrollierbar war. Ein Café besuchen, in dem er noch nie zuvor gewesen war. Einen Nachbarn grüßen und Gefahr laufen, in ein Gespräch verwickelt zu werden. Ins Kino gehen, ohne alle Plätze um sich herum ebenfalls zu reservieren, damit auch ja keiner neben ihm saß.

Das machte die Chaosstunde zu den schlimmsten sechzig Minuten seiner Woche. Jeder Woche.

„Schwierig. Ich bin in der Innenstadt gewesen und habe mir in einer fremden Eisdiele eine Kugel bestellt, die ich noch nie zuvor hatte – Amarena-Kirsch. Der Verkäufer war unfreundlich und die Kugel viel zu teuer. Aber …“ Er wurde leiser. „… sie hat geschmeckt.“

Mit einem erfreuten Lächeln – diesmal war Finn sich zu fünfundneunzig Prozent sicher – faltete sie die Hände in ihrem Schoß. „Das ist klasse. Und wie ist das für Sie gewesen? Wie anstrengend war es, die Chaosstunde diesmal auszuhalten?“

Auf einer Skala von Eins bis Zehn, meinte sie. Das war jedes Mal der Maßstab und einer der wenigen Teile der Therapie, die Finn als sinnvoll und erfreulich erachtete: Dass er Situationen anhand einer Skala bewerten durfte.

„Eine … Vier, denke ich. Ich hatte nur ein wenig Herzrasen, aber keine Atemnot. Vielleicht etwas schwitzige Hände, hab das Kleingeld fast fallenlassen.“

So extrem wie sie grinste, mussten ihr die Wangen wehtun. „Wow. Ihre Fortschritte sind wirklich toll. Vor wenigen Wochen, als wir mit der Chaosstunde angefangen haben, lagen Sie noch bei einer Acht oder Neun, wenn Zehn unaushaltbar ist. Aber jetzt? Ich bin beeindruckt!“

Schulterzuckend wich er ihrem Blick aus. Vielleicht hatte sie recht. Es war wirklich … weniger schwierig geworden, die Chaosstunde auszuhalten.

„Wie wäre es“, fuhr sie fort, „wenn wir die Chaosstunde erweitern und Stunden daraus machen? Vielleicht zwei für den Anfang?“

Finn stockte er der Atem und seine Finger krallten sich in seine Oberschenkel. Die Chaosstunde erweitern, sie verlängern? Zwei quälende Stunden wöchentlich, anstatt einer? Dann … dann wäre er gezwungen, die Zeit mit noch mehr ungeplanten Aktivitäten zu füllen.

„Halten Sie das wirklich für eine gute Idee?“, wendete er sorgenvoll ein. Frau Hepp verlor ihr Lächeln immer noch nicht. Stattdessen nickte sie energisch. Kein Zweifel erkennbar. Verdammt.

„Ja! Bei den Fortschritten, die Sie machen. Sie haben mich heute wirklich überrascht. Ich dachte, Sie gehen vielleicht ins Kino oder füttern die Enten im Park“, Enten waren Finn suspekt, „aber dass Sie diesmal gleich mit so vielen Veränderungen umgegangen sind – Innenstadt, fremde Eisdiele, neue Sorte –, das zeigt doch, dass wir den nächsten Schritt wagen sollten. Sie schaffen das, Finn. Da bin ich mir ganz sicher!“

Finn nicht. Doch er willigte trotzdem ein, um Frau Hepp von seiner Veränderungsmotivation zu überzeugen.

Hätte er doch nur die Enten gefüttert.


***


„Finn?“

Seine Hände ließen von der Tastatur ab und kamen auf der kühlen Glasplatte des Schreibtischs zum Liegen, bevor er seinen Blick auf Sabine richtete, seine Chefin, die ihren Kopf vorsichtig zur Tür hereinstreckte. Ihre teilweise grauen Strähnen liefen in einem engen Dutt zusammen, der oben auf ihrem Kopf thronte und das strenge Business-Kostüm umrundete ihre füllige Figur, als wäre es für sie maßgeschneidert worden.

„Ja?“ Er drehte sich in seinem Lederstuhl zu ihr um. Was kam jetzt? Unplanmäßige Aufgaben? Nachfragen eines Kollegen? Neue Verpflichtungen? Seine Finger klammerten sich an die Armlehnen.

Bitte nicht, bitte nicht, bitte nicht, rauschte es durch seinen Kopf und er musste sich auf die Zunge beißen, um es nicht laut auszusprechen.

„Möchtest du dich nicht zu uns gesellen? Herr Sanders hat Geburtstag. Er hat Kuchen mitgebracht.“

Seine Finger lockerten sich. Sie wussten beide, wie seine Antwort lauten würde. Warum fragte Sabine überhaupt?

Obwohl es glasklar war, dass er Nein sagen würde, war ihr Lächeln weiterhin geduldig, auch wenn es nicht ihre überschminkten Augen erreichte. Bei ihr konnte Finn Abstufungen erkennen, einfach, weil sie sich schon so lange kannten. Sabine war die beste Freundin seiner Mutter gewesen, sie hatte Finn aufwachsen sehen und ihn in ihrer Firma aufgenommen, als er alt genug gewesen war, um in die Ausbildung zu starten. Das mittelständische Unternehmen stellte Drucker her; nichts, was Finn brennend interessierte, doch seine Arbeit als Buchhalter erledigte er gerne.

Hoffentlich würde er für immer hier arbeiten können. Wer sonst würde sich so bereitwillig mit seinen Eigenarten arrangieren? Finn wusste nicht, ob Sabine es nur seiner verstorbenen Mutter zuliebe tat, aber er verschwendete auch nicht zu viele Gedanken daran.

„Nein, Danke. Ich sortiere die Abrechnungen noch und dann mache ich Feierabend.“ Finn bemühte sich, freundlich zu klingen.

Sabines Lächeln wackelte gefährlich. Ihre ganze Haltung schien in sich zusammen zu schrumpfen und sie wirkte mit einem Mal viel älter als zuvor. „Ist gut. Dann mach dir ein schönes Wochenende. Wir sehen uns Montag.“

„Bis Montag“, erwiderte Finn tonlos. Sobald Sabine sein Büro verlassen hatte, richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Zahlen, die ihm auf dem Bildschirm entgegenleuchteten.

Finns Arbeitsplatz war klein, ein Schuhkarton, wenn man so wollte. Doch es war sein Platz, den er mit niemandem sonst teilen musste und nach seinen Vorstellungen ordnen konnte.

Seine Arbeit erledigte Finn zügig und gewissenhaft, bevor er in den Feierabend ging. Mit gesenktem Kopf wollte er am Aufenthaltsraum vorbeihuschen, doch das amüsierte Gelächter ließ ihn aufschauen. Der Raum war zum Gang hin mit Glaswänden versehen, die den Blick auf den langen Tisch freigaben, an dem sich all seine Kollegen tummelten, in der Mitte die Überreste des Bienenstichs. Sabine saß mit dem Rücken zu ihm, doch die rundliche Sekretärin und auch der jugendliche Herr Jansen bemerkten ihn. Aus beiden Gesichtern sackte das Lächeln, ein, zwei Sekunden lang, bevor sie ihre Blicke wieder abwandten.

Als würde er nicht länger existieren. Finn lenkte seinen Blick auf den dunklen Teppich und hastete aus dem Gebäude. Niemand hielt ihn auf. Es war besser so. Hätte er sich dazu gesetzt, würde er sich nur wieder vorkommen wie ein Sonderling, den man bloß gezwungenermaßen duldete und bei dem jeder erleichtert aufatmete, wenn er den Raum wieder verließ.

Und so ersparte er allen Beteiligten die Peinlichkeit seiner Gesellschaft.

Finn eilte die belebten Straßen Düsseldorfs zu Fuß nach Hause und freute sich auf ein ruhiges Wochenende. Wenn er die Chaosstunde ausklammerte, würde es friedlich und unspektakulär sein. Doch mit dieser beschäftigte er sich sowieso erst, wenn sie unmittelbar bevorstand. Alles andere würde ihn unnötig in Panik versetzen.

Als Finn das fünfstöckige Mehrfamilienhaus betrat, schallten ihm aus den oberen Stockwerken bereits Stimmen entgegen. Er zögerte in seiner Bewegung. Wenn er Pech hatte, würde er jetzt Nachbarn begegnen.

Wie jeden Abend leerte er zunächst seinen Briefkasten – heute waren es bloß zwei Umschläge –, bevor er seinen Weg in den vierten Stock antrat. Als ihm im dritten Stock immer noch niemand über den Weg lief und die Stimmen zunehmend lauter wurden, verlangsamten sich seine Schritte automatisch.

Am liebsten würde er hier warten, bis die Leute wieder verschwunden waren, aber selbst dann würde er ihnen begegnen. Immerhin mussten sie an ihm vorbei, um das Haus zu verlassen. Seine Hand krampfte sich bei jedem Schritt um das kalte Geländer. Wieso waren alle Optionen so grausam?

„Ja! Da kann man nix machen! Irgendwann trifft’s jeden, was? Ich hoff‘ nur, dass man se da jut behandeln wird!“, quäkte die Stimme seines Vermieters. Weshalb war Herr Lange im Haus?

Auf leisen Sohlen bog Finn um die Ecke und brachte die letzten Stufen des grauen Treppenhauses hinter sich. Herr Lange – ein stämmiger, kleiner Mann, häufig ungepflegt und stets mit Schnurrbart anzutreffen – stand neben einer leger gekleideten Frau vor der Wohnung, die Finns direkt gegenüberlag.

Finn erkannte die Frau als die Tochter seiner Nachbarin, Frau Hausen, eine uralte Rentnerin, die bereits in diesem Haus gewohnt hatte, als er noch in der Ausbildung gewesen war.

„Aber sicher doch. Wir haben ihr ein schönes Heim ausgesucht. Ganz bei uns in der Nähe, dann müssen wir nicht immer so weit fahren“, antwortete Frau Hausens Tochter – Finn kannte ihren Namen nicht – im Plauderton.

Die beiden drehten sich zu Finn um, als er stumm an ihnen vorbeischlich. Seine Finger spielten mit dem klimpernden Schlüsselbund in seinen Händen und er betete, dass sie ihn einfach ignorieren würden. Auf der Arbeit klappte das schließlich auch … Doch der Vermieter war zu seinem Pech ein sehr kommunikativer Mann.

„Ach, Finn“, rief Herr Lange. „Haste schon jehört? ‘N neuen Nachbarn kriegste!“

Der Schlüsselbund glitt aus Finns Händen, landete klirrend auf den marmorierten Fliesen, die Briefumschläge segelten lautlos hinterher. Er folgte ihnen mit seinem Blick, fixierte die Gegenstände auf dem bräunlichen Grund und hatte ebenfalls das Gefühl, als würde er fallen. Schnell. Tief. Unaufhaltsam.

Nein. Kein Nachbar. Finn wollte keinen neuen Nachbarn. Er wollte Frau Hausen, die ihm gegenüber mit ihren zwei Katzen lebte und nur sechsmal im Jahr von ihrer Familie besucht wurde. Frau Hausen, die niemals an Gesprächen interessiert war und jeden Nachbarn zurechtwies, der ihn belästigen wollte. Frau Hausen, die einfach normal neben ihm her lebte.

Und Finn wollte Normalität. Keine Veränderung. Schon gar keine so große.

Sein Brustkorb schnürte sich eng zusammen, machte es ihm unmöglich, einen einzigen vernünftigen Atemzug zu tun, während sein Herz gleichzeitig wild zu rasen begann und jedes seiner Glieder im unregelmäßigen Takt erzittern ließ.

„Finn?“ Herr Lange klang verunsichert.

Doch Finn hörte ihn gar nicht. Er hörte nur das Blut in seinen Ohren rauschen, wie tosende Wellen, die an steilen Felsen brandeten.

Ein neuer Nachbar.

Ein neuer Nachbar!

Das konnte alles bedeuten. Vom schweigsamen Einsiedler bis zum extrovertierten Partygänger. Alles.

Doch vor allem bedeutete es: Chaos. Kontrollverlust. Gefahr.

Finns Knie wackelten gefährlich, als er sich nach den Schlüsseln und Umschlägen bückte. Er brauchte zig Versuche, bevor er es schaffte, seine Tür aufzuschließen. Er stolperte in seine Wohnung, knallte die Tür hinter sich zu. Nach Luft ringend stützte er sich mit Händen und Stirn an dem dunklen Holz ab. Seine Augen waren zusammengekniffen, das Gesicht schmerzverzerrt verzogen, während er verzweifelt versuchte, sich auf seine Atmung zu konzentrieren.

Ein neuer Nachbar.

Nein.

Atme …

Ein neuer Nachbar!

Verdammt!

Atme einfach nur, atme …

Am liebsten wollte er fliehen, dem entfliehen, was ihn hier in naher Zukunft erwartete, doch jede Alternative war mit noch gewaltigeren Veränderungen verbunden. Er konnte absolut nichts tun, war hier eingesperrt, auf unbestimmte Zeit.

Ein und aus … Ein und aus …

Finn war gefangen. Gefangen in seiner Wohnung. Gefangen in sich selbst.

Einfach nur atmen …

Und wie sollte er jemals dort ausbrechen?



_______________________



Hey ihr Lieben :)

Ich bin so aufgeregt … Hab schon seit Ewigkeiten keine neue Geschichte mehr gepostet und völlig vergessen, wie nervös mich das macht. Finns Charakter und die ganze Thematik fordern mich ziemlich heraus, aber ich bemühe mich, ihn möglichst authentisch darzustellen. Außerdem hab ich bereits – ich kann's selbst kaum glauben – 11 Kapitel geschrieben, die ich im wöchentlichen Rhythmus hochladen werde.
Ich bin gespannt, was ihr von Finn haltet und würde mich wahnsinnig über eure Meinungen freuen!

Im nächsten Kapitel lernt ihr Louie kennen :)

Liebe Grüße
Cathi
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast