Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Das tragische Leben des Sir Pentious

von -TeaTime-
GeschichteTragödie / P16 / MaleSlash
Sir Pentious
16.01.2020
23.01.2020
3
4.493
 
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
23.01.2020 1.746
 
Der durchdringende, penetrante Geruch von Alkohol, altem modrigem Holz und Papier stich ihm noch lange in der Nase und ließ sich selbst von den Abgasen der Fabriken, dem beißend süßlichen Gestank von billigem Parfum der Passanten nicht übertünchen. Mit fortschreitendem Tag begann sich auch der Nebel langsam von den Straßen zu lösen und offenbarte der wachsenden Metropole einen wolkenverhangenen Tag. Gelegentlich wagte auch ein Sonnenstrahl die Wolkendecke zu durchbrechen und die Straßen in ein angenehm sanftes, laues Licht zu tauchen. Es war ein Tag wie jeder andere. Eile stand auf den Köpfen der Menschen geschrieben. War regelrecht wie ein Sigel in diese gebrannt. Man konnte es rauchen sehen. Der Drang nicht stehen zu bleiben aus Furcht man könne in dieser einen Sekunde etwas Weltbewegendes verpassen schien ebenso mit scheinbar jedem weiteren Schritt zu wachsen. Unachtsam, schier blind drängten sie sich durch die Mengen an Menschen. Zuweilen wagte es der ein oder andere ein Wort zu wechseln, wenn auch nur flüchtig und meist unbedeutsam. Eine Stimmung die der beflissene Sir Pentriss zu respektieren, zu lieben und paradoxerweise zeitgleich zu verachten gelernt hatte. Er kannte die eigentümliche Art ihres Verhaltens, die Gleichheit. Wie ein Schwarm seelenloser Fische. Sie alle standen als eigene Individuen für sich und gehörten doch einer Gruppe an, die sich alle in ein und dieselbe Richtung bewegten. Es machte sie berechenbar. Und dies galt es zu verändern.

Sein Weg führte ihn nicht unweit jener Straße, in der er den alten Mann aufgesucht hatte. Nichtsdestotrotz war das Viertel, in das er sich begab in weitaus weniger Verruf geraten, konnten sich hier nur die Wenigsten ihres Ansehens ergötzen. Sir Pentriss Ansehen hatte sich dieser jedoch nicht im Eigenen verdient, war sein Ehrgeiz bisher doch äußerst begrenzt. Ihm wiederfuhr lediglich das Glück von Sympathie und einem nahezu fesselnden Charme.

Der Himmel brach weiter auf. Ein Mann nur wenige Jahre älter kam ihm entgegen. Seine Schritte waren weitaus ruhiger und folgten einem trabenden Rhythmus. Er zog seinen Hut vor ihm und grüßte den Jüngeren mit einem freundlichen „Guten Tag, Sir“. Sir Pentriss antwortete mit einem Nicken und einem höflichen Lächeln, ehe er die erste Stufe hinauf zur Tür seines Heims betrat. Eines wie viele in dieser Gegend. Ein Gebäude in einem gar stilpluralistischen Baustil, der sich sehr an Stilelemente aus der Romantik und des Klassizismus orientierte. Darunter symmetrische Fensterreihen, wie man sie bereits aus der Renaissance kannte. Dieser linearen Form entgegenwirkend war das Gebäude im Gesamten mit einer ausgeschmückte Außenfassade, mit Rundbogenfenstern in den weiteren Etagen, und, mit Halbsäulen abgetrennten Bauschmuck, verkleidet.

Auf der dritten Stufe des Türaufgangs blickte er sich ein letztes Mal um, als fürchte er jemand könnte das Gespräch zwischen Albeit und ihm gehört und ihn schließlich verfolgt haben und trat schlussendlich mit einem langen, entschlossenen Schnaufen ein. Seinen Zylinder platzierte er wie immer kunstvoll auf dem Garderobenständer, sodass es von einem gewissen Winkel den Eindruck machte als würde ihm eine mysteriöse Schattenfigur mit einem kurzen Griff zum Hut grüßen. Sein maßgeschneidertes Jackett, grau mit weißen dünnen Längsstreifen, hängte er darunter an einen der Arme. „Liebling, bist du das?“, eine warme, sanfte Stimme, nahezu engelsgleich schwang aus dem Nebenzimmer in den weiträumigen Flur und die Eingangshalle. „Ja. Ich bin es“ Kurz darauf lugte ein blonder Schopf aus der Tür. Margareth, eine junge zierliche Dame mit einem herzförmigen Gesicht, geschmückt von vollen roten Lippen, rosa Wangen, umspielt von einer welligen, blonden Haarpracht, hatte ihr Buch aus der Hand gelegt und den ersten Schritt in den Flur gewagt. Ein eleganter Gang, der mit jedem Schritt etwas schneller wurde, als sie ihren Mann erblickte. „Wie war es in- „, „Monoton. Äußerst monoton, Liebes“, schnitt er sie ab, als sie ihm um den Hals fiel und kurz küsste. „Du bist spät“, merkte sie daraufhin an. „Er fragt schon nach dir. Du wolltest doch früher da sein. Hattest du ihm das nicht versprochen? Zumindest dieses Mal hättest du dich daran halten können“, in ihrer Stimme lag etwas vorwurfsvolles, doch genügte es nicht um ihre Stimme den melodischen Ton zu nehmen. „Ich habe noch einem alten Freund einen Besuch abgestattet“, antwortete er ohne auf den Rest ihres Satzes weiteren Bezug zu nehmen.
„Aber doch nicht etwa diesem Verrückten am Ende der- „
„Er ist nicht verrückt, nur alt. Und ich bin ihm etwas schuldig. So, wie er mir“
„Oh Edward, du weißt ich kann es nicht leiden, wenn du bei ihm bist. Er hat so einen schlechten Einfluss auf dich“
Er schwieg, räusperte sich schließlich, als hätte er die Aussage seiner Frau überhört und einen neuen Gedanken gefasst.
„Wo ist er?“
„Er ist oben und übt“, Margareth warf einen Blick in Richtung Wendeltreppe, welche sich schwungvoll um einen schmuckvollen Pfeiler wand. „Du solltest ihm wirklich nicht zu viel zumuten. Der Junge nimmt sich so vieles zu Herzen. Vor allem die Worte seines Vaters. Gönn ihm auch mal etwas Ruhe, hörst du?“
„Ich mute ihm nicht zu, was ihm nicht auch zutraue, Maggie. Ich finde nur ein Talent, wie er es hat, sollte man zu schätzen wissen, findest du nicht?“ Margareth nickte mit nachdenklichem Blick aber innerer Zuversicht in die Worte ihres Ehemannes. Er küsste ihre Schläfe und trat die Wendeltreppe hinauf. Erst jetzt vernahm der den kräftigen Schall von Klaviertasten und den ein oder anderen schiefen Ton dazwischen. Die Klaviersonate Nr. 14 op. 27 Nr. 2 in cis-Moll, Beethovens Mondscheinsonate.
„Edward“
„Ja, Maggie?“
„Er braucht seinen Vater“
„Ich weiß“, „Vielleicht sagst du deinen nächsten Termin lieber ab?“
„Wir werden sehen, Maggie“

Vor dem Raum, aus dem die harmonischen Klänge des Instruments drangen verblieb er für einige Sekunden, atmete tief durch und klopfte genau zwei Mal mit den Knöcheln seines Zeigefingers an die schwere, dunkle Holztür. Die Melodie stoppte abrupt mit einem letzten falschen Ton.

Knarrend öffnete sich die Tür einen Spalt weit, der immer größer wurde. Zunächst erblickte er nur zwei schmächtige, schmale Füße, eine grau-braune Hose, in der ein weißes Hemd gesteckt war und schließlich ein junges, rundes, kindliches Gesicht mit großen blauen Augen und einem dunkelbraunen, wuscheligem Schopf. Der Junge überragte kaum das dritte Fach des gewaltigen Wandregals. Seine Statur war eher zierlich, sodass es ihn fast schon zerbrechlich wirken ließ.  „Du bist zurück!“, seine Augen weiteten sich, offenbarten ein helles Blau, dass wie der Himmel selbst in einem unendlichen Horizont fluchtete. Sir Pentriss konnte deutlich einen übermächtigen Schwung von Euphorie in ihnen und in der hellen, klangvollen Stimme seines Sohnes vernehmen. Weich und melodisch, anders als die, von den meisten als etwas skurril empfundene Stimmlage seines Vaters. Es war dem Jungen deutlich anzusehen wie sehr er seine Freude über das Wiedersehen zu beherrschen versuchte. Doch war auch er nur ein Kind, ein kleiner Körper voller Emotionen, die nach außen zu brechen drängten.

„Ich habe extra viel geübt solange du weg warst. Ich wollte unbedingt- „, „Das habe ich gehört“, liebevoll strich er dem kleinen Mann durch das wirre Haar, trat an ihm vorbei in das gedrungene Arbeitszimmer mit erstaunlich guter Akustik, nahm sich einen Hocker und setzte sich. „Würdest du deinem Vater wohl etwas vorspielen? Mir kam lange keine gute Musik mehr zu Ohren“. Der Junge strahlte, stand stramm, sich seiner Aufgabe bewusst und salutierte. „Jawohl!“ Genauso schnell wie er zur Tür getreten und diese geöffnet hatte, so saß er wieder vor dem Instrument, atmete tief durch, korrigierte seine Haltung und legte seine kleinen zierlichen Finger auf die Tasten. Diese waren unter der häufigen Benutzung und in Anbetracht des Alters des Instruments bereits etwas vergilbt. Unter den geschulten Augen seines Vaters stimmte er die erste Strophe an.

Für einen Moment blieb die Zeit stehen.

Melodische Harmonie erfüllte den Raum. Der ein oder andere schiefe Ton interessierte dabei nicht. So oft hatte Sir Pentriss dieses Stück bereits gehört und so oft vernahm er es mit einer anderen Stimmung, einem anderen Gefühl. Dieses Mal schenkte es ihm seltsamerweise einen Anflug von gesunder Zuversicht. Die letzten Töne verklangen schließlich und ehe er etwas sagen konnte erhob sein Sohn das Wort, etwas leiser als zuvor: „Es war nicht perfekt… Es tut mir leid. Ich wollte das es perfekt wird, wenn du kommst...“, Frustration drängte sich in die zuvor so beschwingte Stimme des Kleinen. Er wagte es nicht seinen Vater anzusehen. In solchen Momenten war dieser sein Lehrer, sein Idol, dem er sein Können beweisen und die nötige Anerkennung erlangen wollte. Dieser, jedoch, schwieg noch eine Weile, erhob sich schließlich und räusperte sich.
„Deine Aufgabe ist es nicht perfekt zu sein. Du bist noch jung.“ Er trat hinter das Klavier, blickte ebenfalls kurz auf die Tasten und dann in das trübe Gesicht seines Sohnes, der seine Worte noch nicht ganz zu verarbeitet haben schien. Sir Pentriss aber wusste, wie er den anfänglichen Enthusiasmus seines Sohnes, den er auf seiner Reise so sehr gemisst hatte, wiederherstellen konnte.

„Bevor ich es vergesse, Ich habe dir etwas mitgebracht“ Der Junge erhob den Blick, seine Augen wurden groß vor Neugier, aber wagte er nicht zu fragen. „Mit besten Wünschen von Miss Abigail“, fügte jener hinzu und schien damit einen Schalter in dem Kind umgelegt zu haben. „Spielzeug!“, brach es aus ihm heraus und auch der Hocker, auf dem er gesessen hatte war nach hinten umgestürzt als er aufsprang. „Es ist lange her, aber wie mir scheint bist du ihr im Gedächtnis geblieben. Beeindruckend für eine Dame ihres Alters“, zum ersten Mal an diesem Tag lag ein ehrliches Lächeln auf den Lippen des Mannes und es wurde von Sekunde zu Sekunde breiter. Der Junge verschluckte sich vor Freude an seiner eigenen Luft. „Aber kein Wort zu deiner Mutter.“ Das Kind nickte hastig, formte mit seinen Fingern einen metaphorischen Reißverschluss vor seinen Lippen und zwang sich zur Beherrschung.
„Zeig es mir! Ich will es sehen! Ich meine, wenn du möchtest und … Zeit hast?“
„Wie wäre es, wenn du erstmal runter gehst und in meinem Koffer nachsiehst, ja? Ich muss noch etwas erledigen“
Der Junge nickte stumm, seine Augen glänzten noch immer, nur seine Mundwinkel sanken etwas nach unten. Schließlich verschwand er und ließ die Tür zurück ins Schloss fallen.

Ein langes Seufzen entglitt den Lippen des Mannes und er setzte sich nun selbst hinter das schwere Instrument. Der Raum wirkte mit einem Mal viel eisiger und beengender als noch vor wenigen Sekunden. Langsam glitt er mit den Fingerspitzen über die kühlen Tasten und spielte nur kurz einzelne Töne einer unbekannten Melodie an.
Die Musik. Ein Grundstein der Unterhaltung. Ihre Melodie. Ein Element um menschliche Emotionen Ausdruck zu verleihen und ihnen ein ganz eigenes Leben zu geben. Aber welchen Ausdruck haben schon scheinbar leblose Emotionen, die sich nicht zuordnen lassen?
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast