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Das tragische Leben des Sir Pentious

von -TeaTime-
GeschichteTragödie / P16 / MaleSlash
Sir Pentious
16.01.2020
23.01.2020
3
4.493
1
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
22.01.2020 999
 
Dies ist nur ein kleines "Zwischenkapitel" um die Herkunft und den Charakter des einsamen Sammlers zu erklären.
Dieses Kapitel ist nicht relevant um den weiteren Verlauf der Geschichte verstehen zu können.
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Theodorus Craig Albeit. Ein Name der in so manch einem Erinnerung und Verruf weckte. In seinen frühen Zwanzigern ließ der Mann seine Heimat hinter sich, pilgerte nach London, England auf der Suche nach einer Aufgabe. Etwas, dass sein Leben erfüllen und verändern würde. Ein ziemlich gewöhnlicher Gedanke für die damalige Zeit. Die Neue Welt, all die wunderbaren lukrativen Kolonien, die sich England bis zu jener Zeit erfolgreich sein Eigentum gemacht hatte, jedoch konnte seinen Vorstellungen von einem Leben nichts abverlangen. Was sie vor allem jungen Männern versprachen empfand er als Schwindelei. Als einfache Möglichkeit jener, die mit der neuen jüngeren Generation nichts mehr anzufangen wussten, ihre Naivität auszunutzen und sie wortwörtlich aus ihrer Welt mit ihren ganz eigenen Problemen zu schaffen. Eine Verlockung ohne Garantie. „Geht nur und baut euch ein neues Leben, eine neue Identität in einer Welt, in der es noch keine Fehler gibt. Eine Welt, die auf eine zweite Chance hoffen lässt.“ Wie der Werbeslogan eines drittklassigen Geschäfts in einer versifften Gasse irgendwo am Rande Londons.

Die Neuerfindung seines eigenen „Ichs“, der Person, die man sein wollte, nach deren Idealen man strebte. Keiner würde es wagen seinesgleichen zu verurteilen, waren sie doch alle gestrandet an einem Ort der strenggenommen nicht mehr und weniger als eine illusionistische Falle für das einfache, verzweifelte Volk darstellte. Diese Welt war nicht Teil des Ziels, das der junge Theodorus verfolgte. Angetrieben vom Drang nach Erfahrungen innerhalb dessen was er als „Welt“ erachtete wollte er gekannt sein in Kreisen, die er für intelligent genug begriff sich seiner anzunehmen. Auf Plantagenarbeit und monatelange Schiffsfahrten konnte der verzichten. Seine Neigung zur berüchtigten Seekrankheit vereinfachte ihm diese Entscheidung.
So erreichte er eines Mittwochs Nachmittag endlich das lang ersehnte Ziel. Die Wolken hangen tief, die Sonne drohte bereits hinter dem Horizont zu versinken und die Stadt zu verdunkeln.

Die Welt war in Aufschwung industrieller Revolution. Die Lebensqualität begann sich von Jahr zu Jahr zu steigern. Vor kurzem hatte man den Freihandel erweitert. Vor allem in London waren die Auswirkungen dessen nahezu erstklassig demonstriert. Ein Paradebeispiel für alle, die diesem Vorbild folgen wollten. Das kleine Glöckchen oberhalb der Tür, das auch in Zeiten wie dieser noch immer ihre Aufgabe erfüllte, schellte beim Eintreten des jungen Mannes.
„Theodor Albeit, Sir“, stotterte der Junge.
„Ahh, der junge Mann aus Schottland. Haben Sie mein Telegramm erhalten?“
„Ja Sir. Jawohl Sir. Habe nie etwas anderes in meinem Leben getan“, ein Lächeln geprägt von gesundem Übermut und Stolz zierte seine dünnen Lippen, hinterließ jedoch nur wenig Eindruck.
„Sehr gut. Wissen Sie, seit Jahren schon kommen sie immer mit neuartigem Firlefanz daher. Lebensverändernd nennen sie es. Revolutionär. Unsinn, sage ich. Es verleitet die Menschen zu Faulheit, Selbstüberschätzung, setzt ihnen Ideen in den Kopf. Wir haben auch so schon genug Probleme. Nur daran denken sie nicht! Ihnen geht es nur ums- Wo war ich?“, er kippte sich ein Glas unbestimmter Flüssigkeit hinunter um seine trockenen Lippen zu befeuchten.
„Ach ja. Wie Sie vielleicht bemerken“, fuhr er fort, „halte ich nicht viel von diesen neumodischen Apparaturen und schon gar nicht weiß ich damit umzugehen“, der Alte hatte sich beruhigt, schnaufte nur gelegentlich noch etwas und stellte das Glas beiseite.
„Wie dem auch sei. Sie sagten sie wissen damit umzugehen?“, überwältigt vom Eindruck seiner eigenen Worte hatte er das stetige aufmerksame Nicken seines Arbeiters übersehen. So resignierte er die Gestik schlussendlich doch mit seinen trüben Augen und vollendete den mündlichen Vertrag.
Ganze sieben Jahre arbeite Theodorus für den alten, etwas wunderlichen Mann, der in seiner vorrangegangenen Einsamkeit die merkwürdige Angewohnheit entwickelt hatte auch bei Anwesenheit seines Kollegen laute Selbstgespräche zu führen.
Am 11. November 1853 schloss er sein Geschäft aufgrund gesundheitlicher Probleme. Zwei Wochen später war er tot. Seinem zuverlässigen Arbeiter und treuem Freund hatte er eine beachtliche Summe an Geld hinterlassen, von der Theodorus einen Teil seinem Elternhaus zukommen ließ. Den Rest verwahrte er auf einer Bank wo es für die weiteren knapp zwanzig Jahre unberührt blieb.

In jener Zeit hatte sich der von Neugier erfüllte Schotte mit mehreren kleineren Aufträgen über Wasser gehalten, eine hübsche kleine Wohnung am Rande der Stadt bezahlt und Teile Europas bereist. Während einer seiner wiederholten Reisen nach Italien hatte er die Liebe seines Lebens gefunden und nur wenige Jahre später genauso schnell wieder verloren. Schlussendlich hatte er genug. Genug vom Leben und der Welt. Er hatte all die Erfahrungen gesammelt nach die er immer gestrebt hatte und jene, die er nie wieder vergessen konnte. Für ihn gab es nichts mehr was sich zu erfahren lohnte. Hatte es ihn die letzten Jahrzehnte gekostet um zu erkennen, dass die Zeit und alles sich darin Befindende nur ein klitzekleiner Teil eines großen Ganzen war, vergänglich und lediglich für den Augenblick bestimmt. Ein einfaches Konstrukt von Illusionen und Wünschen.

Sich dieser Erkenntnis bewusst bemächtigte er sich des Geldes, welches er stets im Hinterkopf, zugleich aber jedem verschwiegen hatte und suchte sich eine dauerhafte Bleibe im Zentrum der Stadt. Arbeitslos, aber mit genug Geld um auf Weiteres einen angemessenen Lebensstil führen zu können und genug Zeit um das Erfahrene zu verarbeiten, begann er sich einer bisher unentdeckten Leidenschaft hinzugeben. Theodorus wusste er würde irgendwann sterben. Seine Zeit war begrenzt. Auch er wäre so vergänglich wie seine Reisen, seine Liebe. Ein Grund dafür diese Zeit und ihre Schönheit auf eine ganz besondere Art und Weise zu würdigen und festzuhalten. All die Jahre hatten ihm vermittelt was es wirklich wert war zu schätzen. Er begann zu sammeln, Dinge zu bewundern, die nicht nur für den Augenblick, sondern für die Ewigkeit geschaffen waren.

Innerhalb von wenigen Monaten hatte sich sein Heim zu einer privaten Bibliothek entwickelt, einem Sammelsurium an Kuriositäten und Antiquarien. Ein Ort wo Zeit keine Rolle mehr spielte, wo es keinen Unterschied zwischen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft gab. Es war seine eigene Welt. Seine eigene Art von Illusion.
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