Somebody to love

von FallLove
GeschichteHumor, Romanze / P16
Akaashi Keiji Bokuto Koutarou Kuroo Tetsurou OC (Own Character)
16.01.2020
26.03.2020
7
24140
15
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➣ Lion vs. Owl



Kaori war heiß.

In diesem Fall nicht im übertragenen Sinne.
Ihr gesamter Körper schien, von innen heraus zu glühen wie ein Kernkraftwerk. Mit einer prickelnden Hitze schickte der blutpumpender Muskel in ihrer Brust sengend-heiße Sauerstoffträger durch jeden Zentimeter ihres Körpers- und ließ ihre Zellen buchstäblich kochen.
Kurz nachdem die Studentin das Zimmer des grauhaarigen Riesen verlassen und sich ihr Herz dazu entschlossen hatte, endlich wieder in einem Rhythmus zu schlagen, bei dem nicht jedwedes Elektrokardiogramm einen Kurzschluss erlitten hätte, hatte sie ihre Beine in die Hand genommen; und war gerannt. Jeder Meter, den sie zwischen sich und Zimmer Nr. 104 brachte, absorbierte nach und nach die tanzenden Adrenalin-Moleküle aus ihren Gefäßen. Stattdessen tauschte ihr Körper das Hormon kurzerhand durch etwas aus, was ihr in diesem Moment eine viel größere Pein war: Scham.
Keuchend stützte Kaori die Hände auf den Knien ab. Ihr Atem ging stoßweise, bildete schafweiße, dicke Wölkchen vor ihren Lippen, als die warme Luft ihrer Lungen auf die eisigen Temperaturen des Gartens traf, in welchen sie kurzerhand gerannt war.
Verdammter Mist... sie sollte wirklich mal wieder Schwimmen gehen. Ihre Kondition war wirklich für den Arsch.
Nicht, dass Kaori irgendwann mal in Richtung Leistungssport gegangen wäre -ehrlich gesagt hatte sie sich regelmäßig von ihrer Großmutter anhören können, wie albern diese es fand, dass ihre zweiundzwanzigjährige Enkeltochter sich dazu bereit erklärt hatte, mit zum Morgenschwimmen zu kommen.
Zugegeben, der Altersdurchschnitt an solchen Tageszeiten lag bei knapp hundert Jahren... doch sie mochte die frühstündliche Ruhe und Gelassenheit, die die Senioren ausstrahlten. Warum sich der Hektik und dem Balzgehabe junger Leute am Nachmittag hingeben, die im Schwimmbad offensichtlich nichts Besseres zu tun hatten, als gegenseitig ihre Kurven abzuchecken, wenn man stattdessen auch ganz in Ruhe seine Bahnen ziehen konnte?
Mal abgesehen davon, dass Kaori selbst das die letzten Male schwer vernachlässigt und stattdessen Langstreckentauchen geübt hatte, während ihre Großmutter bei der Massage war.
Mit schmerzverzerrtem Gesichtsausdruck stemmte die Dunkelhaarige eine Hand in die Taille, welche nach wie vor nur in dem sauberen Funktionsshirt ihrer Freundin steckte. Die Miniatursonnen-Augen des Kerls (Bokuto? Himmel, Kaoris Namensgedächtnis war bisher immer ein Teil von ihr gewesen, auf den sie verdammt nochmal stolz war; was war nur los mit ihr?) tauchten vor ihr auf; das breite Lächeln in seinem sonnengebräunten Gesicht, die rauen Fingerkuppen, die heiße Spuren auf ihrer hellen Haut hinterlassen hatten, sodass sie meinte, jeder müsste sie sehen können. Die Zeitschriften auf seiner Kommode.
Scheiße nochmal, schoss es Kaori durch den Kopf, während ihren nackten Armen die klirrende Kälte nach wie vor nichts auszumachen schien, warum ausgerechnet Volleyball? War sie verflucht?

Kaori hatte ewig nicht mehr an Eita gedacht. Jahre nicht! -- nun gut, das war vielleicht etwas übertrieben, aber mit Sicherheit einige Monate nicht mehr.
Sie war darüber hinweg. Ein Komma in ihrem Leben.
Nichts, worüber sie sich noch Gedanken machen müsste.
Warum also würde ihr plötzlich kotzübel, als Bokutos Antlitzt immer mehr verblasste und stattdessen der ehemalige, äußerst attraktive Setter der Shiratorizawa vor ihrem inneren Augen auftauchte?
Sein weiches Haar, das wie Silberfäden geglänzt hatte, wann immer die Sonnenstrahlen es berührten. Der ehrgeizige Glanz in seinen dunklen Augen, der immer dann zu Tage getreten war, wenn der Trainer seinen Namen aufgerufen und er die Chance bekommen hatte, sich über seine Aufschläge zu beweisen. Und seine vollen Lippen-- die heißen Küssen, welche er ihr geschenkt hatte; bei denen sie sich immer so gefühlt hatte, als gäbe es nur ihn und sie auf der Welt. Nur sie beide...

Wenn Kaori so darüber nachdachte, musste es Niomi und Oyama all ihre Nerven gekostet haben, ihre klaffenden Seelenwunden mit direkten, ehrlichen und brutalen Worten zu flicken.
Die beiden waren Hitzköpfe; sie hatten Semi mit einer Leidenschaft beschimpft und schlecht gemacht, die der Dunkelhaarigen so manches Mal eine Gänsehaut eingebracht hatte. Wie Nadel und Faden hatten sie in dem entzündeten Fleisch ihres Herzens herumgestochert, verzweifelt darum bemüht, ihre Verletzung so herzurichten, dass am Ende nur eine feine Narbe blieb- nichts, was für die Ewigkeit war.
Doch letztendlich war es Junichiro gewesen, der sie gerettet hatte. Der mit seinen simplen, geflüsterten Worten, das Loch in ihr gestopft hatte:
»Es ist ok, traurig zu sein. Und wütend. Sei, was immer du sein musst.«
Und das war sie. Solange, bis Chiros Shirt von Tränen durchgeweicht war und das Leck in ihr kleiner. Bis es kaum mehr wehtat.
Kaori konnte nachvollziehen, warum es bei Oyama und Nio vor allen Dingen die Wut gewesen war, welche sie angetrieben hatte. Denn nachdem die Studentin zu ihrem Status als Freundin das winzigkleine Adverb Ex erhalten hatte, war ihre offene Art in sich zusammengefallen, vertrocknet wie ein einsames Kirschblütenblatt in der Sommerhitze.
Dämlich, sich wegen eines Typens so hängen zu lassen.
Er war ein Arschloch.
So eine Behandlung hast du nicht verdient.

Nur einige Sätze, die aus dem Repertoire der beiden Schadensbegrenzer stammten.
Dabei war Eitas Cut wirklich human gewesen. Er war damals nach Tokio gekommen, hatte einen ruhigen Ort in dem Park gewählt, der ganz in der Nähe von Kaoris Zuhause lag. Dann hatte er ihr gesagt, dass er keine Gefühle mehr für sie habe. Schon länger nicht mehr. Es war schnell und schmerzhaft. Als hätte man ihr ein Pflaster von der Haut gerissen. Dass Semi sie über Wochen am ausgestreckten Arm hatte verhungern lassen, das war ihr erst bewusst geworden, als sie allein war. Als ihr eine bissige Stimme in ihrem Hinterkopf zuraunte:
»Du warst nicht genug. Schon lange nicht mehr.«

Kaori vertrieb die Gedanken an ihren Exfreund mit einem energischen Kopfschütteln. Noch immer war ihr heiß und noch immer schienen ihre Muskeln und Nervenzellen es nicht verdaut zu haben, dass sie aus dem Nichts heraus mit einem männlichen Individuum konfrontiert worden waren.
Nachdenklich kaute die Studentin auf ihrer Lippe herum -eine dumme Angewohnheit, die sie auf Teufel komm raus nicht abstellen konnte- und versuchte ihre Gedanken auf irgendetwas zu lenken, das nicht als Sinnbild für Sport stand.
Da waren die kahlen Bäume mit den blinkenden Lichterketten, die liebliche Melodie des Klangspiels, das in der seichten Winterböe tanzte-- eigentlich könnte die Umgebung direkt so als Szenenbild für einen Disneyfilm dienen, doch da sie anscheinend noch nicht mal das beruhigen konnte, schloss Kaori die Augen und ließ sich schließlich rücklings in die knapp dreißig Zentimeter hohe Schneedecke fallen.
Die winzigen Eiskristalle fühlten sich an wie Nadelstiche, zwickten auf ihrer Haut und würden vermutlich einige fiese Brandbläschen hinterlassen, sollte die junge Frau nicht alsbald wieder aufstehen; doch in diesem Moment würde Kaori sogar den Kältetod in Kauf nehmen, wenn endlich diese grauhaarige Motivationsmaschine aus ihrem Gehirn verschwinden würde!
Volleyballer waren ab jetzt tabu, hatte sie sich vor zwei Jahren geschworen.
Eine Sporthalle würde sie nur noch betreten, wenn ein Leben davon abhinge, waren ihre Worte gewesen.
Auf keinen Fall würde sie nochmal einen Mann in ihr Herz lassen, für den Sport über alles stand, lautete ihr Mantra.
Nie. Wieder.
Kannst du nicht eine Ausnahme machen, Küken?
Kaori hielt die Luft an.
Selbstverständlich hatte Bokuto das nicht in diesem Kontext gesagt. Es war allein ihre prüde, gefühlsverkümmerte Fantasie, die durch dämliche Hormone in ihr ausgelöst worden ist, als hätten sie nur auf eine testosteronerge Aktivierung gewartet.
Nein. Das würde nicht passieren. Auf keinen Fall. Unter keinen Umständen. Sie würden diesem Kerl keine Chance geben, sie kennenzulernen.
»Fuck, den Scheiß mache ich nicht noch einmal mit!«, brach es aus ihrer trockenen Kehle heraus, eher sie die Fäuste auf die Augen drückte.



»Sag mir, Kind, was denkst du eigentlich, was du da tust?«
Kaori hob die Lider.
»Haben sie dir in deiner tollen Universität dein pfiffiges Hirn für Testzwecke entfernt oder kannst du mir deine Albereien erklären?«
Die Studentin stützte sich ächzend auf ihre Unterarme ab.
(Autsch... das Eis hatte definitiv Spuren hinterlassen)
Hitomi Jun stand im Türrahmen der gläsernen Terrassentür, die blütenweißen Haare wie immer sorgsam frisiert. Mit ihrer Seidenbluse, der hellen, faltenfreien Hose, der tadellos aufrechten Haltung und den zahlreichen beringten Fingern wirkte die alte Dame wie eine Königin; der fassungslose Ausdruck in ihren eisblauen Augen tat ihr Übriges.
Kaori konnte ihrer Oma ansehen, dass sie mittlerweile vollständig an dem Verstand ihrer Enkelin zweifelte- und das vermutlich nicht zum ersten Mal. Manchmal wünschte sich Kaori, dass sie ebenso viel Eleganz, Anmut und Stärke ausstrahlen könnte wie die Zweiundsiebzigjährige. Die hatte sich mit Sicherheit nie von irgendeinem Mann vorführen lassen. Doch leider hatte diese vorteilhaften Gene gänzlich ihre ältere Schwester bekommen... blöde Kuh.
Selbst die Krücke, auf welcher die gepflegten Hände der Seniorin ruhten, erschien Kaori eher wie ein Zepter- oder eine Kalaschnikow; je nachdem, in welcher Stimmung Hitomi sich befand.
»Herrgott, jetzt steh´ gefälligst auf, Kaori! Man wird dich für geisteskrank halten. Und du wirst dir den Tod holen.«
»Das ist aber eher zweitrangig, was obaa-san?« Obwohl der Studentin immer noch unwohl war, konnte sie sich eine kleine Witzelei nicht verkneifen.
Ihre Großmutter reagierte darauf mit einem anmaßenden Seufzer und warf einen Blick über die Schulter ins Innere der Klinik.
»Niomi! Komm bitte her und hilf mir, dieses Kind zur Vernunft zu bringen!«
Oh, nein... Nio hatte ihr gerade noch gefehlt. Es gehörte nicht gerade zu den Stärken der Blondine, Dinge auf sich beruhen zu lassen. Außerdem waren sie und ihre Oma in einer Kombination der Inbegriff eines Endgegners, um es in Kenmas Worten zu formulieren. Es dauerte keine drei Sekunden, da war der quirlige Lockenkopf auch schon an der Seite der erhabenen Kaiserin aufgetaucht. Zunächst weiteten sich ihre wiesengrünen Augen in Unglaube, doch kurz darauf brach sie in schallendem Gelächter aus. Hitomi, die das Ganze weitaus weniger amüsant zu finden schien als die zierliche Krankenschwester, legte ihr eine Hand auf die Schulter.
»Manchmal bin ich mit meinem Latein am Ende, Liebes.«
Niomi war bei dem Oberhaupt der Familie Jun immer Liebes oder Herzchen. Kaori und Nio kannten sich bereits seit der Grundschule. Seit sie richtig denken konnte, ging die aufgeweckte Blondine bei ihnen ein und aus (insgeheim war die Studentin sich auch ziemlich sicher, dass ihre Eltern sie sofort adoptiert hätte, wäre es eine Option gewesen)- man konnte also ruhig behaupten, dass Niomi sowas wie Familie war.
Insbesondere ihre Großmutter liebte die junge Krankenpflegerin heiß und innig; es war nur eine Vermutung, aber Kaori glaubte stark, dass es vor allen Dingen daran lag, dass diese ihr Leben in regelmäßigen Abständen gehörig aufmischte. Laut Hitomi mangelte es ihrer Enkelin vor allen Dingen an einem: Aufregung.
Ihre Oma hatte es nie direkt verlauten lassen, doch es war ziemlich offensichtlich gewesen, dass sie gegenüber Eita von Anfang Vorbehalte gehabt hatte. Ähnlich wie bei Akaashi letztens.
Niomi legte Kaoris Großmutter aufmunternd einen Arm um die Schulter.
»Vielleicht ist es mein Wunsch zu erfrieren, obaa-san.«
»Red´ nicht so einen Unsinn.«
»Ach, nicht verzagen, Jun-san.«, begann die knapp ein Meter sechzig kleine Japanerin und schenkte ihrer Freundin weniger Beachtung, als die Autobranche dem Klimawandel, »Jede Störung lässt sich therapieren. Und ich glaube, ich habe eine Idee.«
»Ach ja?«, ließen Hitomi und Kaori zeitgleich verlauten- die eine neugierig, die andere auf der Hut.

Mit einer fließenden Bewegung drehte die Blondine sich um und begann, jemanden zuzuwinken. Und schon bevor dieser jemand auch nur im Ansatz zu sehen war, sprang Kaori wie von der Tarantel gestochen auf.
»Nio, wag es ni-«
»Hey, hey, hey! Was´n das hier für eine Versammlung?«
Diese hinterhältige Schlange! Kaori konnte nicht verhindern, dass ihr Körper sich zu einer einzigen Statue verkrampfte und ihre Wangen mit der grell-roten Farbe einer Ampel konkurrierten. Bokuto nahm, ebenfalls mit einem Paar Gehstützen bewaffnet, neben den beiden Frauen Platz und ließ seinen Blick amüsiert durch die Runde wandern. Mittlerweile hatte er sich einen ockerfarbenen Kapuzenpullover übergeworfen, der aus irgendwelchen Gründen viel zu gut zu seinen Augen passte, als dass die Auswahl hätte Zufall sein können. Außerdem hatte er sich die Haare frisiert- sie standen nun fluffig und sorgsam nach oben gelegt von seinem Kopf ab. Alles in allem sah auch er, ebenso wie ihre Großmutter, so aus, als gehörten sie nicht hierher.
Nach einer Ewigkeit -doch auch die verging Kaori definitiv zu schnell- schenkte der Riese ihr seine Aufmerksamkeit; und sogleich entbrannte ein Feuerwerk an Emotionen auf seinem gebräunten Gesicht.
»Heilige Scheiße, Küken! Was tust du denn da draußen?! Es ist doch teuflisch kalt!«
»Kü-ken?« Hitomi sah aus, als hätte sie zwischen all den sorgsam selbstangebauten Tomaten in ihrem Garten ein verfaultes Exemplar gefunden und blickte Niomi fragend an. Die grinste nur zufrieden und zwinkerte ihrer Verbündeten zu.
»Hier, halt mal!«
Kaori und ihre Großmutter sahen überrascht mit an, wie der Muskelberg Niomi seine Krücken in die Hand drückte. Gleichermaßen verwirrt wie neugierig, wich die Pflegerin einen Schritt zu Seite aus, bis sie erkannte, was Bokutos Plan war. Was etwa zeitgleich zu der Erkenntnis ihrer Freundin geschah.
»Oh mein Gott, nein! Nein, nein, das ist überhaupt nicht nötig, Bokuto-kun! Ich bitte dich, lass-«
Kaori wedelte aufgeregt mit ihren Händen vor der Brust herum und stapfte eilig auf den Graukopf zu, der bereits seine Finger um den Saum des Hoodies geschlungen hatte. Dieser schien sich jedoch, ebenso wie die andere Hälfte des Vierertrupps, herzlich wenig für ihre Wünsche zu interessieren- und zog mit einem Ruck den Stoff seines Oberteils nach oben. Darunter trug er das graue T-Shirt, welches Kaori bereits unangenehm bekannt war, doch als wäre das nicht schon schlimm genug, legte der Zug seiner Arme einen Teil seines Unterbauches frei. Seines... verdammt durchtrainierten Unterbauches.
Es waren nur wenige Zentimeter nackter Haut zu sehen, kaum breit genug, als dass man mit zwei Fingern daran entlang streichen konnte, doch es löste in der dunkelhaarigen Studentin ungefähr das gleiche Gefühl aus wie eine Packung ihres Lieblingseis; es war verlockend, gleichzeitig wurde einem bei der Menge an Verführung doch auch irgendwie schlecht.
Während Kaori in etwa in das Verhaltensmuster eines Fisches auf dem Trockenem an den Tag legte, schlüpfte Bokuto aus seinem Pulli hinaus und zupfte ihn zurecht.
»Bitte!«
Es war nur ein einfaches Stück Stoff, das vor ihrer Nase herumbaumelte; trotzdem kam es der Brünetten eher vor wie eine zischende Python. Mit angstweiten Augen starrte sie ihn an, wissentlich, dass sie ihren schlechten Eindruck von vorhin nicht gerade besserte. Er hielt sie für total geistesgestört... Ganz sicher.
Niomi, die mittlerweile ihre Fassung wiedererlangt hatte, strahlte wie eine tausend Watt Glühbirne und schenkte Kaori ein kariesverursachendes Lächeln.
»Wie unwahrscheinlich aufmerksam von dir, Kōtarō~«
Oh. Sie waren schon per du. Na, großartig.
Bokuto hatte es derweil geschafft, Kaoris Blick zu erwischen und starrte sie an- schwer zu deuten, aber irgendwie sah er dabei recht streng aus.
»Jetzt Hören Sie schon auf, sie wie ein Raubvogel anzustarren! Und du, Kaori, ziehst dir jetzt den Pullover über. Wer sind Sie überhaupt?«
Mochte Hitomi Jun kämpferisch sein, wie ein Löwe... die Studentin liebte ihre Oma einfach. So sorgenfrei Bokutos Gemüt auch erscheinen mochte, erkannte auch er den drohenden Unterton in der Stimme der alten Dame und wand sich ihr zu. Jetzt, wo die goldenen Scheinwerfer nicht mehr auf ihr lagen, zog Kaori dem Berg aus Muskeln das Oberteil aus der Hand und schlüpfte widerwillig hinein.
Hm... warm. Weich. Unauffällig vergrub sie die Spitze ihrer Nase in den hellen Stoff. Und es roch gut. Nach holzigem Männerdeo. Kōtarō hatte einen angenehmen Geruch...

ok, jetzt war ihr Gehirn absolut auf Sparflamme geschaltet. Sie sollte wirklich rein gehen.



Kaori betrat den warmen Flur der Klinik und schloss die Tür hinter sich, während sich der Grauhaarige an Hitomi wandte.
»Hey, hey obaa-chan*! Sie waren es doch, die Akaashi in die Luft geschlagen hat!«
Niomi und Kaori fielen zeitgleich die Unterkiefer herunter, als sie hörten, wie der Neuzugang Hitomi ungeniert mit einem Kosenamen anredete- eine Frechheit, die sich höchstens mal der rebellische Oyama erlauben konnte. Aber auch nur, weil er ein Wolf im Schafspelz war und mit seinem Strahlelächeln jeden aus der Familie rumbekam.
Kaoris Großmutter schien über diese forsche Ansprache ebenso überrumpelte wie ihre Enkelin und deren Freundin zu sein;
doch obwohl sie ihre Augenbrauen nach unten zog und würdevoll das Kinn reckte, kam es nicht zu der befürchteten Eskalation. Stattdessen verlagerte die alte Dame ihr Gewicht auf ihre gesunde Seite, hob ihre Unterarmstütze an und- schlug Bokuto damit beherzt gegen das rechte Bein.
»Autsch!«
»Hören Sie mal, Bursche, was fällt Ihnen ein?«
»Wieso?« Mit schmerzverzerrter Miene, allerdings auch mit diesem fröhlichen Grinsen auf den Lippen, rieb sich der Sportler den Oberschenkel, »Das ist doch ein schöner Name für eine Oma. Ich habe meine auch immer so genannt.«
Die beiden Freundinnen blickten sprachlos zwischen dem Berg und der Löwin hin und her.
»Und da denken Sie, es ist legitim, jede ältere Dame so zu betiteln?«
Bokuto lachte. »Naja, wahrscheinlich nicht.« Er richtete sich zur vollen Größe auf -was gerade neben der winzigen Niomi mehr als absurd aussah- und nahm der Krankenschwester seine Krücken ab, »Meine Herren, Sie haben einen ganz schönen Schlag drauf!«
»Gut für Sie, dass ich nur die Hälfte meiner Kraft eingesetzt habe.«
»Ha-ha~ Sie gefallen mir richtig gut! Ich bin Bokuto Kōtarō.« Er streckte die Hand aus, die Kaoris Großmutter mit prüfender Miene umschloss.
»Jun Hitomi.«
»Jun?!« Mit weit aufgerissenen Mund und Augen wich Kōtarō zurück, eher sein Kopf ruckartig in Kaoris Richtung flog. Sie hielt die Luft an. »Dann bist du Kaori! Also die Kaori! Akaashi hat von dir erzählt.«
»Ach ja?«
»Wer ist denn dieser Akaashi?«, stießen die beiden jungen Frauen durcheinander hervor, doch reagieren tat der Sportler auf Hitomi, die fragte:
»Geht es ihm mittlerweile wieder gut? Er sah... nun, etwas verstört aus, als Sie hier angekommen sind.«
Kein Wunder, dachte ihre Enkelin knurrend, du hast ihn traumatisiert!
Bokuto legte den Kopf in den Nacken und stieß ein glucksendes Lachen aus. »Keine Ahnung. Heute will er jedenfalls nicht mehr kommen.«
»Nun, das ist tragisch.«
Plötzlich zuckte der Muskelprotz zusammen. »Mist! Wie viel Uhr ist es?«
»Ähm... kurz vor zehn.«
»Shit! Ich muss rüber ins Sportzentrum in die Ambulanz! Und ich habe keine Ahnung, wie ich dahin komme!«, stieß Bokuto verzweifelt aus und vergrub die Hände theatralisch im dichten Haar.
Nio, die sich mittlerweile wieder so weit gefasst hatte, dass sich ein breites Grinsen auf ihr Gesicht stahl, warf Kaori einen Blick zu. Diese schüttelte drohend den Kopf.
»Hm... ich würde dich echt gerne begleiten, Kōtarō...«, begann die Blondine ihre Maskerade und legte schwer seufzend eine Hand an die Wange. Das war doch echt nicht zu glauben!! »Aber leider bin ich gerade furchtbar beschäftigt. Es ist so viel zu tun.«
Bokutos zuvor so erwartungsvolle Miene fiel in sich zusammen wie ein schlaffer Ballon.
»Aber ich bin mir sicher, dass unsere Kaori nichts dagegen hätte, dich rüber zu bringen. Sie kennt die Klinik wie ihre Westentasche.«
Am liebsten hätte Kaori ihr die wunderbaren Locken ausgerissen. Und sowas schimpfte sich beste Freundin! Doch dieses Mal würde sie sich nicht unterbuttern lassen. Mit bedauerlicher Miene wendete sie sich dem Giganten zu, ein mitleidiges Lächeln auf den Lippen.
»Leider, leider beginnt gleich mein Gesangskurs, also-«
»Du singst?«
Kōtarō musterte Kaori interessiert, was sie prompt wieder erröten ließ. »Naja... ein bisschen...«
»Nicht nur das; sie spielt auch wunderbar Gitarre! Wie eine weibliche Jimi Hendrix!«
»Nio...«
»Das klingt spaßig! Wäre es möglich, dass ich auch bei dem Kurs mitmache?«
Unwillkürlich stellte die Studentin sich vor, dass sie Bokuto von nun an regelmäßig zu Gesicht bekommen könnte und wurde blass. Sie würde sich keine Sekunde lang auf die Lieder geschweige denn auf ihre Finger konzentrieren können. Deswegen sagte sie: »Der Kurs ist voll. Und verschieben kann man den leider auch nicht, sorry.«
»Unsinn.« Plötzlich schaltete sich ihre Großmutter ein, »Jetzt stell dich nicht so an und bring den armen Kerl ins Sportzentrum. Ich werden den anderen Bescheid geben, dass sich die Stunde etwas verschiebt. Das ist ja nun wirklich kein Beinbruch.«
»Perfekt! Und du, Kōtarō, kannst dich unterwegs bei Kaori bewerben. Ich bin sicher, wenn du dich gut anstellst, wird sie einen Platz für dich frei räumen!«, flötete Niomi und legte ihm sanft eine Hand auf den Arm.
Wer auch immer sich da draußen gegen sie verschworen hatte-- es funktionierte wunderbar. Gegen diese Mauer aus Selbstbewusstsein kam sie nicht an.
Bokuto und Kaori sahen sich an (auch wenn ihr die Scham noch immer im Nacken saß). Sein Lächeln war heller als der dämliche Christstern, den ihr Vater jedes Jahr zu Weihnachten auf dem Dach anbrachte- und das verursachte ihr Kopfschmerzen.
»Schön... bringen wir es hinter uns.«, brummte die Dunkelhaarige schließlich wenig empathisch und setzte sich in Bewegung.
Kōtarō jubelte übertrieben auf und nickte Niomi und Hitomi zu.
»Bis später, Nio. Und wir sehen uns beim Kurs, obaa-chan.*«


»Also, das ist doch wirklich nicht zu fassen...«, murmelte die alte Dame leise, während ihre wasserklaren Augen auf ihrer Enkelin und dem verrückten Neuankömmling ruhten, die sich langsam in Bewegung setzten. Niomi stellte sich grinsend neben sie, verschränkte die Arme hinter dem Rücken.
»Jun-san?«
»Hm?«
»Sie wissen, was wir zu tun haben, oder?« Obwohl die Seniorin stur nach vorne blickte, konnte sie das Grinsen aus der Stimme der jungen Frau heraushören.
»Sei nicht albern. Natürlich, weiß ich das.« Der Blondine entfuhr ein aufgeregten Quietschen.
»Und jetzt komm, mein Herz.« Die alte Frau drehte sich um und bedeutete der Krankenpflegerin mit einem entschiedenen Nicken, ihr zu folgen,

»Wir genehmigen uns erst einmal einen Tee.«





➣ »what happened to the girl I just to know?
You let your mind out somewhere down the road.«





*obaa-chan = Omi/Ömchen


Halli-hallo alle zusammen! :-)
Ein neues -etwas längeres- Kapitel! Hoffe, es ist von der Wortzahl noch ok?
Es gibt gar keine lange Rede; ich wollte mich nur für euren Support bedanken!! Ehrlich, ihr glaubt gar nicht, wie happy mich die Kommentare, Sterne und Favoriteneinträge machen! :-)) ♥︎
Schön, dass ihr dabei seid!
Liebe Grüße und bleibt gesund!
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