Somebody to love

von FallLove
GeschichteHumor, Romanze / P16
Akaashi Keiji Bokuto Koutarou OC (Own Character) Ushijima Wakatoshi
16.01.2020
02.08.2020
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02.08.2020 6.188
 
➣ We're all mad here


»Und Alice folgte dem weißen Kaninchen. Durch Geäst und Geröll, über blühende Weiden und strömende Flüsse, weit hinein in einen düsteren Wald, der mitteninne einen knorrigen, alten Baum barg; mit Ästen so dick wie Kinderarme und Wurzeln so verwoben wie durch Zauber geschaffen. Von naiver Neugierde gelenkt, folgte das Mädchen dem sonderbaren Geschöpf, dem Ticken der Uhr, bis zur Pforte des Kaninchenbaus- dunkel und tief und beängstigend wie der Schlund eines wilden Tieres. Finsternis verschluckte das schneereine Fell des aufgeregten Langohres und ob wenn Alice nur noch das Klacken der voranschreitenden Zeiger vernahm, wagte sie sich bis an den Rand des Loches heran- solange bis sich der Boden zu ihren Knien zu teilen vermochte und sie mitsamt ihres gellendes Schreies verschluckte. Und sie fiel und fiel und fiel und hielt doch nur an dem Gedanken fest, ob sie zu dem weißen Kaninchen nun viel mehr auch ihren Verstand verlieren würde…«

Akaashi ergriff aus einer nicht wegzubekommenden Angewohnheit heraus seine linke Hand und begann mit sanfter Gewalt seine Ballen sowie jedes einzelne Fingergelenk mit seinem Daumen zu massieren.
Alice im Wunderland war das Lieblingsbuch seiner zwei Jahre älteren Cousine gewesen- und mit Abstand die schlimmste Fantasie-Geschichte, die er sich hätte ausmalen können.
Chaos, vollkommen geisteskranke Gestalten und ein Überfluss an Süßkram und Tee- die europäische Kinderliteratur enthielt beinahe alles, was den dunkelhaarigen Volleyballer mit souveräner Sicherheit einen Schauer über den Rücken jagen konnte.
Nichtsdestotrotz hatte er über Jahre dem »Gesetz der Älteren« unterstanden und damit der Bürde, dass er bei der Auswahl an Gute-Nacht-Geschichten ungefähr so viel Mitspracherecht hatte, wie sein Vater bei der Frage nach neuen Einrichtungsgeständen. Dass er ausgerechnet jetzt daran denken musste, irritierte ihn insofern, dass er unangenehme Erinnerungen üblicherweise effizient ausblenden konnte- vielleicht unterlag dieser Zustand jedoch auch der Tatsache, dass er sich in diesem Moment selber wie die dumme, naive Alice fühlte;
blindlings war er dem Kaninchen hinterhergeeilt, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass er aus seinem persönlichen Wunderland nicht mehr herauskommen würde- zumindest nicht ohne eine ordentliche Gehirnwäsche.
Dabei hätte er einfach nur auf die Zeichen achten müssen.

Bokuto Kōtarō [05:00 am]:
Hallo Akaashi. Komm nachher bitte in die Klinik. Heute soll mein Knie punktiert werden- und ich wäre ruhiger, dich an meiner Seite zu wissen.

Diese Nachricht hatte ihn heute Morgen begrüßt, während ihn das letzte bisschen Melatonin in seinen Gefäßen daran erinnerte, dass sein Schlafrhythmus mehr aus den Fugen geraten war, als gedacht. Trotz der Müdigkeit hätte Akaashi bereits an den einfachen paar Worten auffallen sollen, dass diese SMS nie im Leben von Bokuto stammen konnte.
Dass sein bester Freund ab und an mal bis in alle Herrgottsfrühe wach war, war nicht weiter ungewöhnlich- insbesondere dann nicht, wenn Kuroo mal wieder zu Besuch war und sie bis spät in die Nacht mit Bier und Fast Food über irgendwelchen Videos hockten und durch ihr Gelächter mit Sicherheit alle weiteren Hausparteien wachhielten.
Da Keiji jedoch stark bezweifelte, dass der ehemalige Kapitän der Katzen für eine spontane Übernachtungsparty ins Krankenhaus eingekehrt war, war es nahezu unmöglich, dass die Eule zu dieser Stunde schon wach genug war, um eine SOS-Nachricht zu senden.
Ganz abgesehen davon, dass Kōtarō weit davon entfernt war, Formulierungen wie Knie punktieren oder dich an meiner Seite wissen zu verwenden;
insbesondere, wenn er sich per Handy bei seinem Setter meldete.
Der Chatverlauf der beiden war eine beinahe schon komödiantische Mischung aus Caps-Lock Antworten, minutenlangen Sprachmemos und Emojis, die eine harten Kontrast zu den rationalen, einsilbigen Antworten des Dunkelhaarigen bildeten.
Vermutlich war es Akaashis innerer Zerrissenheit geschuldet, dass er bei dieser Aufforderung nicht lange nachgedacht hatte, um sich auf den Weg in die Klinik zu machen. Auch wenn der Anblick seines Teamkameraden und Freundes ihn von Mal zu Mal mehr quälte und das schlechte Gewissen ihn beinahe zerfraß, würde er den grauhaarigen Chaoten niemals im Stich lassen- erst recht nicht, wenn dieser ansatzweise sowas wie Sorge zeigte.
Also hatte sich Keiji unter den petrolfarbenen Schwingen der verblassenden Nacht in sein Auto geschwungen und war losgefahren.
Durch den schmutzigen Dunst der Tokioter Innenstadt, vorbei an schneebedeckten Hügeln und Feldern, bis im fahlen Licht der Straßenlaternen die Reha-Klinik vor ihm aufgetaucht war.

Dass er den Trick mit der Nachricht nicht durchschaut hatte, konnte sich der zurückhaltende Sportler im Nachhinein sogar verzeihen. Doch spätestens als er Kaori vor der offenen Tür am Schwesternzimmer begegnet war -schwer bewaffnet mit allerlei Fresskram- hätte es ihm ein Licht aufgehen müssen.
»Guten Morgen, Akaashi-kun! Bokuto ist in seinem Zimmer.«
Sie war nicht überrascht, dass er da war.
Und er viel zu sehr damit beschäftigt, sich zu überlegen, was er tun würde, wenn Bokuto seine Volleyballkarriere durch eine lapidare Gelenksentzündung beenden musste.
Was das für ihn bedeuten würde… und für Akaashi selbst.
Dass die hübsche Dunkelhaarige schon um diese Tageszeit hier war, war ihm in diesem Moment nicht absonderlich vorgekommen. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass ihre zierliche Gestalt beinahe vollständig in einer schwarz-goldenen Trainingsjacke versunken war.
Und es erschien ihm auch zu keiner Sekunde ungewöhnlich, dass die Studentin in diesem Aufzug nicht in Richtung Kōtarōs Zimmer verschwunden war, sondern einen hastigen Abstecher zu einem der Aufenthaltsräume gemacht hatte.
Das alles ergab erst Sinn, als Akaashi Bokutos Patientenraum betreten hatte- und ihn zu seinem puren Entsetzen Jun Hitomi erwartete.
»Hallo, Akaashi-kun.«
Gekleidet in einer edlen Seidenbluse mit dazu passender Hose in der Farbe von Juwelen saß die alte Dame auf dem mit Sportklamotten und Hosen bepackten Sessel inmitten des unordentlichen Zimmers.
Jeder andere hätte lächerlich ausgesehen, doch selbst inmitten der Unordnung wirkte die weißhaarige Seniorin erhabener als eine Kaiserin.
Das kalte Licht der Energiesparlampe ließ das kühle Blau ihrer Regenbogenhaut wie Kristalle glänzen und verursachte in Keiji das dringende Bedürfnis Reißaus zu nehmen.
Doch er war gefangen, wie in dem tiefen Loch der Geschichte.
Akaashi hatte sich immer für clever gehalten- und dennoch war er auf das hinterhältige Kaori-Kaninchen reingefallen.
»Ich habe Sie schon erwartet, mein Lieber.«

Tja, das alles war vor einer Viertelstunde gewesen. Seitdem hockte der Schwarzhaarige auf einem etwas zu bequemen Sessel in der kaminwarmen Ecke des Wintergartens und beobachtete Hitomi dabei, wie sie in einer kontinuierlichen Rührbewegung Wellen in ihrem Tee erzeugte.
Das Knistern des Feuers und der aufsteigende Dampf seines eigenen Getränks versetzten Akaashi in eine beinahe weihnachtliche Stimmung- was nicht sonderlich positiv gemeint war, denn im Großen und Ganzen bedeutete das Fest der Liebe für ihn nur stundenlanges Geplauder mit Verwandten, die er das letzte Mal mit fünf Jahren gesehen hatte.
Davon abgesehen schaffte es seine Mutter jedes Jahr das Festtagsessen zu verkochen und diesen Fauxpas erfolgreich seinem Vater in die Schuhe zu schieben.
Harmonie war auf jeden Fall etwas anderes, weswegen er es üblicherweise vorzog, mit Bokutos Familie die Feiertage zu verbringen.
»Trinken Sie keinen Tee, Junge?«
Akaashi unterbrach das Herumgedrücke seiner schweißnassen Hände und warf Hitomi -oder sollte er lieber sagen Absolem?- einen unsicheren Blick zu.
Durch die feinen Nebelschwaden hatte ihre Erscheinung tatsächlich erschreckende Ähnlichkeit mit der altklugen Raupe des Wunderlands… ob er so langsam wahnsinnig wurde?
»Ich… ähm… trinke eher Wasser«, druckste Keiji ungeschickt herum und sah aus dem Fenster.
Jun verzog daraufhin amüsiert den Mund. »Durch und durch ein stilles Gewässer, hn?«
Was auch immer damit gemeint war.
Angespannt wartete er darauf, dass Kaoris Großmutter ihm erklärte, was er hier sollte, allerdings blieb sie ihm eine vernünftige Erklärung schuldig. Stattdessen deutete sie mit einer einfachen Handbewegung auf etwas in seinem Rücken. Akaashi erwartete beinahe, dass Bokuto hinter ihm aufgetaucht war und ihm verkündete mit diesem morgendlichen Schrecken nur eine Lektion für seine Abwesenheit erteilt haben zu wollen, doch anstelle des hundertneunzig Zentimeter großen Kraftkolosses, erblickten seine eisengrauen Augen nur ein altes Regal.
»Spielen Sie Schach, Akaashi-kun?«
Tat er.
Manchmal.
Nicht, dass er mit Bokuto einen ernstzunehmenden Trainingspartner gehabt hätte. Seine Geduld beschränkte sich auf einen Zeitrahmen von wenigen Minuten; dazu kam, dass er nicht weiter als einen Zug im Voraus dachte. Nachdem Keiji ihn das dritte Mal hintereinander vernichtend geschlagen hatte, wurde dem Brettspiel der Krieg erklärt und in die Untiefen ihres Schrankes verbannt.
Obwohl er sich als einen recht guten Spieler betiteln würde, machte ihn das plötzliche Spielangebot der Seniorin mit einem Mal so nervös, dass er erblasste.
»Ich… ähm…«
»Herrje, jetzt stottern Sie doch nicht so rum! Holen Sie das Spielbrett, ich habe Lust auf eine Partie.«
Dagegen vermochte er keine Widerrede anzubringen.
Das Schachfeld war aus dunklem und hellem Holze, jede Figur sorgsam geschnitzt und geölt. Akaashi platzierte jeden Spielstein auf die dafür vorgesehenen Plätze, möglichst darauf bedacht, Juns Blick auszuweichen. Als er fertig war, beugte sich die alte Dame nach vorne und drehte das Feld so herum, dass die weißen Figuren auf Keijis Seite waren.
»Weiß beginnt, Schwarz gewinnt«, eröffnete Hitomi die Runde gut gelaunt und bedeutete ihm an, den ersten Zug zu machen.
Akaashi zog die dichten Brauen zusammen, ließ sich jedoch nicht provozieren und setzte seinen Bauern zwei Felder nach vorne.
Eine ganze Weile saßen sie stillschweigend da, ihr Match nur durch das Knatschen des Polsters untermalt, wann immer sich einer von ihnen nach vorne beugte, um eine Figur zu setzen und zu schlagen. Die Seniorin war ein harter Brocken, so viel konnte Keiji bereits nach wenigen Minuten feststellen, sodass er über seine Konzentration irgendwann die Nervosität verlor. Ob es seiner Ausstrahlung oder aber der Tatsache, dass er von seinem stetigen Händekneten abgelassen hatte, geschuldet war, wusste er nicht genau. Doch egal, was es war, es erschien der Weißhaarigen endlich der richtige Augenblick zu sein, mit der Sprache rauszurücken, was die Aktion hier eigentlich sollte.
»Wie langen kennen Sie und Bokuto-kun sich schon?«
Keiji fixierte die kleinen Quadrate auf dem Spielbrett.
»Knapp acht Jahre«, murmelte er leise und übersprang mit seinem Springer Hitomis Läufer.
»Acht Jahre…« Jun drehte an dem breiten Silberring an ihrem Zeigefinger und überlegte, »Das erklärt, warum er so an Ihnen hängt.«
Sie zog mit ihrem Läufer in Richtung seiner Dame. Akaashi runzelte die Stirn.
»Bokuto-san hängt an mir?«
»Ohne jeden Zweifel. Aber das dürften Sie wissen.«
Natürlich wusste er das.
Mochten Kōtarō und er noch so unterschiedlich sein- mittlerweile verband die beiden etwas, das weit über eine einfache Schulfreundschaft hinausging.
Sie waren Partner, das Rückgrat des jeweils anderen. Seit ihrer Oberschulzeit waren sie nie voneinander getrennt gewesen.
Die Erkenntnis schnürte Akaashi die Kehle zu, sodass er nun doch nach seinem erkalteten Tee griff und gegen den Kloß in seinem Hals an schluckte. Danach rückte er mit seiner Dame nach vorne.
»Worauf wollen Sie hinaus?«
»Nun, mir ist nicht ganz klar, warum man jemandem, dem man vertrauter als sein Schatten ist, nicht von seinem Kummer erzählt.«
Schwarzer Turm schlug weißen Läufer. Keiji löste seine Augen vom Spielgeschehen und tauchte in die zwei eisblauen Meere ihm gegenüber ab.
»Wie kommen Sie darauf, dass ich Kummer habe?«
Jun beugte sich nach vorne, kam Akaashis Gesicht so nah, dass sie ihr nach Feigen und Sommer duftendes Parfüm riechen konnte.
»Erfahrung, mein Junge. Männer sind miserable Schauspieler, was das angeht.«
Mit einer fließenden Bewegung kippte Keijis Dame zur Seite und vollführte eine kreisrunde Umdrehung.
Matt.
Mit zusammengepressten Lippen fixierte der Setter die einzelnen Spielfiguren, ballte die schmalen Finger zu Fäusten, sodass sich seine Knöchel unnatürlich weiß unter der sommerbraunen Haut abzeichneten.

Nach dem Abschluss, Akaashi, kann uns niemand mehr trennen!

Ich glaube, ich könnte mir nicht vorstellen, einen anderen Zuspieler an meiner Seite zu haben. Mein bester Freund ist gleichzeitig auch mein zuverlässigster Spielpartner- wie viel Glück kann man haben?!

Wir beide- in Tokio! Wie abgefahren ist das? Freust du dich, Keiji?! Hey, hey, HEY!


Akaashi presste die Handballen auf die geschlossenen Augen und versuchte den grauhaarigen Wirbelsturm aus seinem Kopf zu verbannen. Ja, seit ihrer Schulzeit auf der Fukurōdani hatte es sie immer nur als Team gegeben.
Weil er der Einzige war, der sich auf Bokutos Launen einstellen konnte.
Weil er seinen Enthusiasmus insgeheim immer bewundernswert fand.
Weil er sein Selbstbewusstsein brauchte, um sich in Sicherheit zu wiegen…
Was sollte nur werden, wenn sie knapp 1000 km Luftlinie trennten? Würde er das überhaupt akzeptieren? Oder würde Keiji mit dieser Entscheidung einen Keil zwischen sie treiben?
Der Zweiundzwanzigjährige hatte keine Ahnung wie viel Zeit verging, während er so dasaß. Er hörte lediglich das leise Knistern der Holzscheide im Ofen, sowie das sanfte Klirren von Edelstahl auf Porzellan.
»Akaashi-kun… glauben Sie wirklich, dass Bokuto-kun kein Verständnis dafür haben wird, was in Ihnen vorgeht?«
Laut Kenma würde er es haben.
Und nach Washios Meinung auch.
Selbst Kuroo hatte ihm versichert, dass Bokuto damit klarkommen würde »auch wenn er es dir vermutlich bis zu deinem Sterbebett vorhalten wird«.
Keiji zuckte mit den Achseln. »Vielleicht… aber ich weiß nicht, ob ich das Risiko eingehen wi-«
»Stopp!«
Den jungen Setter durchfuhr es wie ein Stromstoß, als Hitomi ihre Stimme erhob. Sie hatte ihre Schultern gestrafft und fixierte ihr Gegenüber mit so einem brennenden Blick, dass der junge Mann es nicht wagte, noch einen Atemzug zu tätigen.
»Wissen Sie, was das Problem von Ihnen und meiner Enkeltochter ist?«
Kaori? Was hatte Kaori damit zu tun?
»Ihr seid beide Feiglinge!«
Ugh… das war mit Abstand der häufigste Spruch, den er von seiner Mutter zu hören bekam. Diese alte Frau bekam erschreckende Ähnlichkeit mit ihr.
»Es mag einfach erscheinen, brenzlige Situationen einfach zu umgehen. Konflikte löst man damit jedoch nicht. Und ganz nebenbei ist es eine ganz armselige Charaktereigenschaft.«
Großartig. Noch nicht mal acht Uhr und Keiji durfte sich seine erste Beleidigung abholen. Sprachlos sackte er in sich zusammen, kassierte dafür allerdings sofort einen so anmaßenden Blick, dass er sich hastig gerade hinsetzte.
»Soll ich Ihnen etwas sagen? Ich bin es leid, dabei zuzusehen, wie die Jugend zu einer verweichlichten Masse wird, die es nicht mal schafft, Auge um Auge eine Diskussion zu führen. Meinen Sie, dass man seine Ziele mit so einer Einstellung im Leben erreichen wird?«
Hitomi hob das Kinn.
»Wissen Sie, was sie jetzt tun? Sie werden aufstehen, in den Gruppenraum gehen und Bokuto-kun darüber in Kenntnis setzen, was sie bedrückt. Und Sie werden mit den Konsequenzen leben, es vor allen Dingen jedoch überleben. Und er auch. Haben Sie das verstanden, Akaashi-kun?«
Das flackernde Kaminfeuer warf glühende Flammen in ihr Gesicht und mit einem Mal war sich Keiji nicht mehr so sicher, ob er nicht doch bei der Audienz der Herz-Königin war.
Ab mit seinem Kopf!
Für einen Moment vermochte der Dunkelhaarige nichts zu sagen. Das Einzige, was er zustande brachte, war ein Kopfnicken in Richtung des Spielbrettes.
»Was ist mit unserer Schachpartie?«, raunte Akaashi heiser, entsetzt darüber, wie sehr die alte Dame ihn aus dem Konzept gebracht hatte. Jun hob überrascht die Braue, eher sie gelassen nach ihrem Läufer griff und den weißen König zur Seite schob.

Schachmatt.


Obwohl sich Akaashi gar nicht mal so sicher war, überhaupt gegen die Zimmertür geklopft zu haben, vernahm er bereits nach einem Wimpernschlag ein kräftiges: »Herein!« von der anderen Seite des Holzes. Zurückhaltend schob sich der dunkelhaarige Setter in den hell erleuchteten Raum und erblickte zu seinem Erstaunen Kaori und Bokuto, die inmitten eines Chaos aus Schrauben, Skizzen und dicken Büchern hockten, während die junge Frau an irgendeinem Messgerät herumwerkelte. Sie bemerkte Keiji zuerst, erhob sie sich eilig und verbeugte sich absolut überflüssigerweise vor ihm.
»Verzeih mir, Akaashi-kun! Ich wollte dich nicht reinlegen, aber-«
Sie unterbrach sich, während Bokuto es ihr gleichtat und sich ebenfalls in eine aufrechte Position zog.
»Irgendwie mussten wir dich ja in die Klinik bekommen!«, lachte der Riese verspielt, eher er die Krücken zur Hand nahm und auf Akaashi zu humpelte, »Hey, hey, hey! Ich freue mich, dich zu sehen, Kumpel.«
Und schon hatte er die Arme um den Jüngeren geschwungen.
Ja, fragt sich, wie lange du das noch so siehst.
Wie auf Kommando schwoll der Hals des Setters zu und er musste sich mehrere Male räuspern, bevor er überhaupt imstande war, die Begrüßung seines Freundes zu erwidern. Kōtarō löste sich mit einem stereotypischen Grinsen von ihm.
»Willst du ´nen Kaffee? Das Küken hat eine ganze Containerladung davon besorgt.«
Zeitgleich schenkten die beiden Männer der Studentin ihre Aufmerksamkeit, was sie dazu bewog, nervös auf der Stelle zu trippeln.
»Wofür braucht ihr um diese Uhrzeit so viel Koffein? Und was macht ihr überhaupt hier?«
Erst jetzt bemerkte Keiji, dass sowohl Kaori als auch Bokuto mit tiefen Augenrändern gezeichnet waren.
»Ward ihr die ganze Nacht wach?«
»Jap!«
Kōtarō stieß erneut ein Lachen aus, wild und überdreht. Wie ein verrückter Professor.
Nein, viel mehr der verrückte Hutmacher.
Tze, er hasste diesen dummen Roman wirklich.
»Wir haben die ganze Zeit an unserem Projekt geschraubt.«
»Unserem…«
»Du hast an etwas rumgeschraubt?«
Die beiden Dunkelhaarigen warfen dem Volleyballer einen skeptischen Blick zu, woraufhin dieser beleidigt den Mund verzog.
»Oi, was soll dieser Unterton? Ich war ´ne prima Hilfe! Oder Küken?«
Küken öffnete einige Male den Mund, eher sie sich zu einem entschuldigenden Lächeln hinreißen ließ und achselzuckend antwortete: »Ja… mental warst du eine super Unterstützung, Bokuto.«
»Kōtarō«, verbesserte er sie streng, woraufhin Kaori ihre dunklen Brauen zusammenzog.
»Nee.«
Akaashi beobachtete das Geplänkel der beiden stumm. Noch vor wenigen Tagen hatte er das Interesse seines Freundes an Juns Enkelin noch als Zeitvertreib abgewiegelt. Doch irgendetwas an der Art und Weise wie er das Mädchen ansah, bewog ihn dazu, seine Meinung zu revidieren. Bokuto zupfte ein wenig an dem Reißverschluss seiner MSBY Jacke herum, die schlaff um Kaoris Schulter hing, während er sie darüber belehrte, dass sie sich im Winter gefälligst wärmer anziehen sollte.
»Das kommt von der Müdigkeit…«, murrte die Brünette nur harsch und schlug seine Hand weg, was der Sportler zum Anlass nahm, um sich die ihre zu schnappen.
»Nicht, dass ich dir nicht gerne meine Sachen leihe; sie stehen dir.«
Kōtarōs Lachen trieb wie ein spielerischer Windhauch durch den Raum, trotzdem sah Akaashi mit an, wie sich die Wangen der jungen Frau in allerlei Rottönen färbten. Eilig entwand sich Kaori seinen Fängen und warf dem Setter einen entschuldigenden Blick zu.
»Möchtest du sicher nichts trinken? Die haben hier auch Kakao oder Saft, wenn es dir lieber ist.«
Da Akaashi nicht vorhatte, dem verrückten Kaffeekränzchen weiter beizuwohnen, schüttelte er nur den Kopf.
»Sollen wir dir zeigen, was wir so gemacht haben?«
Bokuto vollführte eine weitschweifige Armbewegung, die das gesamte Chaos zu seinen Füßen miteinschloss; er trug eine stolze Miene zur Schau, als wäre die Ansammlung an Kabeln und Mind Maps ein neues Wundermittel gegen Krebs. Keiji, der keine Ahnung hatte, was zum Teufel die beiden dort eigentlich fabrizierten, verschränkte lediglich seine Arme hinter dem Rücken, vermochte allerdings nicht sofort etwas zu sagen. Letztendlich war es an Kaori, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.
»Bok- Kōtarō, ich denke, Akaashi-kun ist nicht gekommen, um mit dir über elektrochemische Ionenübertragung zu reden.«
Bokutos goldene Raubvogelaugen leuchteten bei dieser Umschreibung auf wie Kerzen auf einem Geburtstagskuchen. Schien beinahe so, als hätte er plötzlich ein Faible für Fremdworte entwickelt.
»Wie wäre es, wenn ihr euch etwas unterhaltet? Ich räume nur schnell die Sachen weg und-«
»Du fährst aber nicht, oder?«
Kōtarōs gute Laune schlug in Unbehagen um und sorgte dafür, dass er reflexartig ihr Handgelenk umklammerte. Kaori zog die Stirn kraus.
»Natürlich. Wir haben die Nacht durchgemacht, ich bin todmüde.«
»Eben! Du kannst doch jetzt nicht ins Auto steigen! Was ist, wenn dir etwas passiert? Wenn du-«
Bokuto unterbrach sich und Akaashi hatte unwillkürlich das Gefühl, dass auch er an Ushijima denken musste. Juns Schultern sackten etwas in sich zusammen, zog nach einigen Sekunden ihre Unterlippe zwischen die Zähne. Für einen Moment war es, als wollte der Grauhaarige ihr ein Loch in die Stirn brennen, eher er -etwas zu hastig- ihr Kinn umfasste und das sanft geschwungene Fleisch mit der Kuppe seines Daumens zurückzog.
»´Tschuldige«, hauchte Kaori leise, doch Bokuto schüttelte nur den Kopf.
Genau wie Akaashi, den urplötzlich das dringende Verlangen überkam, seinen besten Freund darüber auszuquetschen, was um alles in der Welt zwischen ihm und Kaori vorgefallen war, dass er sie so ansah. Er hatte sich doch nicht etwa-
Aus dem Nichts schlug der Muskelprotz der Studentin auf die Schulter, mit einer Heftigkeit, die selbst ihren Mannschaftkapitän erschüttert hätte, und grinste sie breit an.
»Ich habe eine Idee! Geh doch einfach zu mir ins Zimmer und ruh´ dich aus! Dann können wir nachher weitermachen.«
Die hellen Augen der Dunkelhaarigen weiteten sich auf das dreifache.
»I-ich soll in deinem Bett schlafen?!«
»Klar, warum nicht? Keiji und ich vertreiben uns bis zur Untersuchung die Zeit, dann hast du deine Ruhe.«
Kaori, die ähnlich begeistert über diesen Vorschlag zu sein schien wie bei der Aussicht auf einen Fastenmonat, verschränkte die Arme.
»Auf keinen Fall!«
»Huh? Warum nicht, Küken?«
»Weil… weil…«
Kaoris Gesichtsfarbe wechselte von blass zu noch blässer bis sich ihre Gefäße in voller Gänze zu weiten schienen.
Weil das zu intim ist, du Idiot! Siehst du nicht, dass sie dich mag?
»Ich werde nicht im Bett eines fremden Mannes schlafen!«
Ein dröhnendes Lachen stieg aus Bokutos Kehle empor, so laut und berstend, dass Akaashi und Kaori simultan zusammenzuckten.
»Ha ha ha~! Wer ist hier fremd? Wir sind doch Freunde, Kleine!«
… Keiji nahm alles zurück.
Bokuto war immer noch der größte, zurückgebliebendste Trottel, den er kannte.
Auch wenn das weiße Kaninchen ihn in die Wunderland-Hölle gelockt hatte, überkam ihm bei der emotionalen Verkümmerung seines Freundes haltloses Mitleid für Kaori.
»Trotzdem…« Tapfer hob sie das Kinn und funkelte den Grauschopf missmutig an, »Das hier ist ein öffentliches Gebäude, da werde ich mit Sicherheit kein Nickerchen machen.«
»Wie wäre es, wenn ich dich nachher mit zurücknehme?«
Kaori warf Keiji einen überraschten Blick zu, doch Kōtarō ließ ihr keine Chance zum Protest.
»Das ist doch perfekt! Akaashi und ich quatschen und danach fährt er dich sicher nach Hause.«
Zufrieden mit dieser Lösung stopfte sich Bokuto eine Handvoll Cracker in den Mund, die Kaori vorhin mitgebracht hatte. Unsicher sah sie den Volleyballer an.
»Du musst dir wirklich keine Umstände machen.«
»Tue ich nicht. Ehrlich.«
Und damit war es besiegelt. Jun war offenkundig nicht erfreut über ihre Niederlage, dennoch verabschiedete sie sich ohne ein weiteres Wort der Wiederrede, sodass es keine Minute dauerte und die beiden Männer allein waren.

»Alsooo, Keiji.«
Quietschvergnügt ließ sich Bokuto auf dem einfachen Esstisch zu seiner Rechten sinken und verschränkte grinsend die Arme vor der Brust,
»Obaa-chans Plan hat funktioniert. Und ich werde dich nicht eher gehen lassen, bevor du mir nicht sagst, was dir auf dem Herzen liegt.«
Er straffte seine gesamte Schulter- und Nackenpartie, sodass er trotz des verletzten Beines entschlossen aussah. … er hätte damit rechnen sollen, dass Bokuto sofort in die Offensive ging. Rumgerede war nicht sein Ding- und Feingefühl auch nicht.
Die aufkommende Nervosität verleitete Akaashi wieder dazu, seine Finger zu massieren.
Wie sollte er anfangen?
Wo sollte er anfangen?
Was war, wenn er sauer wurde?
Welchen Ausgang könnte das Gespräch nehmen?
»Oya, warum bist du-«
»Ich werde wegziehen.«
Keiji sog scharf Luft ein, kniff zeitgleich reflexartig die Augen zusammen. Shit, das war ihm einfach so rausgerutscht. Er hatte nicht so forsch sein wollen. Doch sein seit Wochen bestehendes schlechtes Gewissen ließ seine Zunge schnell und seinen Kopf langsam werden.
»Was?«
Bokuto hatte auf halber Strecke innegehalten, als er dabei war, sich Snacks in den Mund zu werfen. Der Setter blinzelte durch seinen dichten Wimpernkranz hindurch, vermied es jedoch, dem Muskelberg direkt in die Augen zu sehen.
»Ich werde wegziehen…«, wiederholte Akaashi seine Worte mühsam;
seine Zunge war schwer, als hätte man sie gegen ein totes, pelziges Tier ausgetauscht. Ohne, dass er wirklich etwas dagegen tun konnte, ging er auf seinen Freund zu und lehnte sich mit dem Becken gegen den Tisch. Die Muskeln in seinen Fingern zuckten -aufgeregt, unnatürlich- wie ein Fisch auf dem Trockenen.
»Was redest du denn da?«
Er konnte Bokuto nicht ansehen. Konnte das Entsetzen in seinen Iriden nicht ertragen.
Jetzt rede schon, Feigling! harschte der Schwarzhaarige sich innerlich an, doch selbst in diesem Punkt, stand er Alice gewaltig nach.
»Willst du nicht mehr mit mir zusammenwohnen?«
»Nein, Bokuto, das ist es nicht.«
»Ich bin dir zu laut, nicht wahr? Oder liegt es daran, dass ich deinen Tofu immer wegschmeiße??«
Nun streifte er doch sein Gesicht. Wie erwartet waren die goldenen Augen panikweit, sodass er beinahe erschreckende Ähnlichkeit mit dem Wappentier ihrer ehemaligen Schule bekam. Schweigend musterten sie den jeweils anderen, eher Kōtarō die Hände in dem grauen Durcheinander auf seinem Kopf vergrub und eine Grimasse zog.
»Es ist wegen des Tofus! Argh, ich wusste es!«
»Der Tofu hat nichts damit zu tun.«
»Ich denke eben manchmal, dass es stinknormaler Käse ist, und wenn ich das Zeug dann probiere, könnte ich kotzen. Dann bin ich meistens so wütend, dass ich alles wegschmeiße.«
Akaashi zuckte zusammen, als Bokuto ihn bei den Armen packte.
»Ich verspreche dir, dass ich dein Sojafraß nicht mehr anrühre!«
»Es geht nicht um das Essen… auch wenn ich so unbedachte Lebensmittelverschwendung nicht gutheiße.«
Bokutos anfängliche Aufregung löste sich in Verwirrung auf, womit es Keiji ein Leichtes war, seine Hände von seinen Schultern zu schieben.
»Aber… was ist es denn dann?«
Zu spät, um umzukehren. Der Zweiundzwanzigjährige holte schwer Luft, die er ebenso zittrig wieder ausstieß. »Vor zwei Wochen kam ein Schreiben. Eine Zusage für einen Universitätsplatz.«
»Universität? Du hast mir gar nicht erzählt, dass du dich für ein Sportstudium beworben hast?«
»… vermutlich, weil es nichts mit Sport zu tun hat.«
Kōtarō zog die Nase kraus, doch Akaashi ließ ihn nicht zu Wort kommen.
»Ich habe mich für einen Studienplatz im Bereich Literaturwissenschaften beworben.« Seine Lider senkten sich flatternd, »Nein… nicht nur beworben. Ich-«
Warum war das so schwer? Warum fühlte er sich wie der letzte Dreck?
»Ich habe den Platz angenommen.«
Bokutos Kopf kippte nach links, so wie er es immer tat, wenn sein Hirn versuchte, Informationen zu verarbeiten.
»Literatur? Willst du Bücher schreiben?«
»Naja, ich würde später gerne als Lektor arbeiten, aber ja; Schreiben trifft es.«
»... wird ganz schön zeitaufwendig mit dem Training nebenbei.«
Akaashi konnte aus seiner Stimme heraushören, dass Kōtarō schon längst begriffen hatte, worauf er hinauswollte. Dass er dennoch den verzweifelten Versuch startete, von ihm zu hören, dass er den Profisport mit einem Vollzeitstudium verbinden konnte, schmerzte den Jüngeren so viel mehr, als er es vermutet hatte.
»Bokuto… ich werde meine Karriere bei den MSBY Jackals nach der Saison beenden. Foster-sensei weiß schon Bescheid, Meian-san auch.«
Eigentlich wissen sie es alle. Nur du nicht, Bokuto-senpai, flüsterte eine kleine, dunkle Stimme aus der tiefsten Ecke seines Kopfes bis in die verletzlichste Ecke seines Herzens hinein.
Der Volleyballer erwiderte nichts. Starrte seinen Freund an, sprachlos, verwirrt, enttäuscht.
»Du wirst gehen?«
»Ja.«
Akaashi hatte sich auf die schlimmsten Gefühlsausbrüche eingestellt. Auf Wut und Raserei, auf Überredungsversuche und kindliche Betteleien. Dass sein engster Vertrauter rein gar nichts davon bot, verunsicherte ihn zutiefst.
Bokuto ließ sich auf einem Stuhl gegenüber von ihm sinken und rieb sich das Knie. Keiji konnte diesen Anblick kaum ertragen.
Wenn der Grauhaarige nicht mehr aufs Spielfeld zurückkehren konnte, wie sollte er dann gehen?
Nie im Leben würde er Bokuto in so einem erbärmlichen Zustand zurücklassen. Womit seine Chance auf eine einmalige Chance allerdings dahin war…
»Wie weit?«
»Wie weit?«, ahmte Akaashi ihn recht stumpf nach, doch der Grauhaarige ging nicht darauf ein.
»Du hast mir nicht umsonst gesagt, dass du wegziehen wirst. Also, wo hast du deinen Studienplatz?«
Kurz und schmerzlos, als würde man ein Pflaster abziehen.
»Sapporo.«
»Wie auf Hokkaidō?!«
»Hn.«
Das letzte Zünglein an der Waage- Bokutos aufgestauten Emotionen brachen aus ihm heraus, wie aus einer Wasserflasche, die dem Gasdruck nicht mehr standhielt.
Seine Muskeln waren bis aufs Äußerste gespannt, dicke Adern zeichneten sich unter seiner gebräunten Haut ab wie die Körper winziger Schlangen. Seine Krücken kippten links und rechts zur Seite weg und als er sich so vor seinem Setter aufbaute, bekam dieser zum ersten Mal zu spüren, wie gewaltig hundertneunzig Zentimeter Körpermaß doch waren.
»Du willst mir sagen, dass du einfach so tausende Kilometer weit wegziehst?!«
»Von einfach kann keine Rede sein. Abgesehen davon sind es nur 1.100 Kilometer.«
»Und es gab in ganz Japan keine andere verdammte Universität, in der du irgendwelche beschissenen Bücher in dich reinstopfen kannst?!«
»Bokuto…«
»Wann?«
»Wie bitte?«
»Du hast mich schon verstanden, Keiji. Wann wirst du aufbrechen?«
»Anfang April.«
Kōtarōs Brustkorb hob und senkte sich rasch, während in seinen Augen Verzweiflung und Ärger um die Oberhand rangen. Für einen Moment rührte er keinen Finger, doch mit einem Mal fuhr der hochgewachsene Sportler herum und trat mit voller Wucht seine Gehstützen durch den Raum.
Keiji erblasste binnen Millisekunden.
Zwar hatte Bokuto im Affekt sein gesundes Bein genommen, konnte den Schwung seines Gewichtes jedoch nur noch mit dem linken Knie abfangen. Noch bevor die maximale Belastung sich auf sein Gelenk übertragen konnte, zeichnete sich der Schmerz in seinen Gesichtszügen ab und ließ Akaashi einen Satz nach vorne machen.
»Bokuto!«
»Nein!« Der Schwarzhaarige erstarrte in seiner Bewegung, als sein Freund harsch die Hand hob, »Fuck, diese dämliche Verletzung… tut das weh.«
Schweigend beobachtete der Setter seinen Mitspieler dabei, wie er mit verkniffener Miene seinen Oberschenkel massierte. Vermutlich war es das Beste, dass er seinen Emotionen freien Lauf ließ. Kōtarō einzureden, er solle sich beruhigen, war mit einer ähnlichen Erfolgschance gekrönt, wie ihn selbst dazu zu ermutigen, extrovertierter zu sein.
»Ich kann nicht glauben, dass du mich verlässt.«
Da war er; der einfältige, gefühlvolle Kindskopf, der in seinen eingeschnappten Phasen nicht viel reifer klang als ein Vierjähriger.
Endlich etwas, mit dem Akaashi umgehen konnte.
Behutsam hob er die im Raum verteilten Krücken auf und reichte sie seinem ehemaligen Kapitän.
»Ich verlasse dich nicht, Bokuto. Wenn du mich brauchst, werde ich immer für dich da sein. Wir sind im Grunde nur räumlich voneinander getrennt.«
»Also verlässt du mich doch!«
In altbekannter Manier setzte er sein schmollendes Gesicht auf und Keiji meinte, dass seine Frisur sogar etwas mit absackte- vermutlich bildete er sich das aber nur ein.
»Ich-«
»Und du hast noch nicht mal den Mut besessen, mir von deinen Plänen zu erzählen.«
Die Traurigkeit in seinen Augen wich eisernen Entrüstung, solange, bis sich auf Bokutos Hals rote Flecken abzeichneten. So unberechenbar wie das Wetter an der See.
»Mir, deinem besten Freund«, fügte er fauchend hinzu und ließ sich dazu verleiten, dem Dunkelhaarigen einen kräftigen Schubs gegen den Brustkorb zu verpassen.
Akaashi kämpfte kurz um sein Gleichgewicht, dann seufzte er. »Ich weiß, dass ich früher mit dir hätte reden sollen…«
»Allerdings!«
»Aber-«
Seine Stimme versagte, doch natürlich verstand der Grauhaarige ihn auch ohne ein weiteres Wort.
»Aber du hast befürchtet, dass ich es dir ausrede«, stolperten die ungeschmückte Wahrheit zittrig über seine Lippen.
Keiji bemühte sich darum, Bokutos Blick nicht auszuweichen, auch wenn die Traurigkeit dieser Erkenntnis ihm buchstäblich auf der Stirn stand.
Mehrere Sekunden wurde die Stille zwischen ihnen nur vom gedämpften Gemurmel der Krankenhausmitarbeiter gefüllt, während Akaashi das Gefühl hatte, zwischen ihnen würde sich eine metertiefe Kluft auftun. Er musste irgendetwas sagen. Irgendetwas, damit Kōtarō mit der Schwarzmalerei aufhörte.

Es sind nur drei Jahre, Bokuto und wir können uns gegenseitig besuchen.
Auf Hokkaidō gibt es ein tolles Ski-Gebiet und du liebst
doch Ski fahren!
Außerdem werden wir jeden Abend videochatten und du bekommst Postkarten und ich werde zu jedem Spiel vor Saisonabschluss kommen und dich anfeuern!


All das waren auch nur leere Versprechungen, von denen Akaashi wusste, dass er die Hälfte zeitlich niemals einhalten könnte. Warum ihn also mit noch mehr Lügen füttern, wenn er ihm schon genug verschwiegen hatte? Keiji war so in seinen Gedanken versunken, dass er Kōtarōs Abgang erst bemerkte, als dieser schon die Hand am Türgriff hatte.
»Bokuto, wo willst du hin?«
»Zu Ushiwaka!«, fauchte der Sportler genervt und riss die beinahe das Scharnier aus der Verankerung. Dem Dunkelhaarigen entglitten aus Verwirrung alle Gesichtszüge.
»Was? Wieso denn jetzt Ushiwaka? Hey! Hey, Bokuto, jetzt warte doch mal!«
Doch der Außenangreifer dachte gar nicht daran, stehenzubleiben.

Es war beeindruckend, wie schnell er auf den Krücken unterwegs war. Hastig stürmte Akaashi auf den Flur, zog sein Tempo so weit an, dass er mit seinem Freund Schritt halten konnte.
»Was soll denn das?«
»Ich habe etwas zu erledigen!«
»Und das muss jetzt sein? Was hast du denn überhaupt vor? Und was ist mit deiner Untersuchung? Bokuto!«
Mit all seiner Kraft riss er den Volleyballer zu sich herum; zu seiner Verwunderung waren die bodenlose Wut und Enttäuschung jedoch aus seinen goldenen Iriden gewichen und ein entschlossener Ausdruck hatte darin Platz gefunden.
»Ich muss ihm klar machen, dass er sich von seiner Verletzung nicht aufhalten darf, seinen Traum zu leben. Genau wie ich dich nicht aufhalten werde, das zu machen, was dich glücklich macht!«, rief er energisch aus und bleckte wütend die Zähne, »Denn du bist verdammt nochmal mein bester Freund! Und beste Freunde unterstützen sich- immer! Idiot!«
Perplex öffnete Akaashi den Mund, sagte jedoch nichts.
Moment mal… hatte ihm Bokuto gerade -wenn auch verpackt in eine feurige Beleidigung- seinen Segen gegeben?
Einfach so?
Und was zum Teufel hatte er mit dem Spitzenspieler der Sweiden Adlers zu schaffen?
Keiji war vollends verwirrt; und das -so konnte er mit Stolz behaupten- war seit seiner Oberschul-Abschlussprüfung in Physik nicht mehr vorgekommen.
Kōtarō schnaubte, während er herumfuhr und sich erneut auf den Weg machte.
»Was ist denn jetzt mit unserem Gespräch?«
»Das ist beendet! Ich bin nämlich scheiße sauer auf dich! Und beschäftigt!«
Und schon war er um die Ecke verschwunden.

Akaashi beschloss, dass es sinnlos war, ihm nachzugehen. In diesem ambivalenten Zustand würde er nicht mit sich reden lassen.  Schlapp fielen seine Arme an seinen Seiten herab, eher er sich kurz danach stöhnend in die Haare fasste. Dieser Kerl war unfassbar. In jeglicher Hinsicht.
»Na, sehen Sie! Das lief doch hervorragend!«
Einfach.
Unfassbar.
Akaashi ließ davon ab, seine Kopfhaut mit einem mechanischen Belastungstest zu reizen und blickte stattdessen zum Aufenthaltsraum. Hitomi stand aufrecht in der Tür, auf dem faltigen Gesicht ein amüsiertes Lächeln, während ihre Enkeltochter wehleidig den Mund verzogen hatte. Ihre Zähne hackten auf ihrer Unterlippe herum, als wäre sie vollkommen ausgehungert. Es war in einer paradoxen Art beruhigend mit anzusehen, dass noch jemand unter Druck fragwürdige Ticks entwickelte.
»Er ist sauer…«, kommentierte Keiji den Abgang seines besten Freundes nur tonlos, doch merkwürdigerweise fühlte sich seine Brust dabei um einiges leichter an, als die vergangenen Wochen.
»Papperlapapp! Der Junge kriegt sich schon wieder ein. Ist eben ein Sturkopf.«
Jun machte eine wedelnde Handbewegung,
»Das haben Sie gut gemacht.«
»Ich fühle mich scheiße.«
»Herrje, ein Sensibelchen. Das ist ja herzerwärmend.«
Akaashi zuckte zusammen, als sich die alte Dame auf ihn zu bewegte und ihm prüfend in die Augen schaute.
»Wissen Sie; Sie erinnern mich an all die Liebschaften, die ich als junge Frau so hatte- bevor ich meinen Mann kennengelernt hatte, versteht sich. Wenn ich ein paar Jahre jünger wäre, hätte ich keine Sekunde gezögert, um Sie auf eine Verabredung einzuladen!«
»Oma!«
»Ich- ähm…«
»Ha ha ha! Jetzt schauen Sie doch nicht so- meine Güte, Sie sind wirklich ein überaus reizender, junger Mann, Akaashi-kun.« Während die alte Dame in ein verwegenes Lachen verfiel, spürte der Dunkelhaarige die Hitze bis in seine Ohren aufsteigen.
Kaori verdrehte die Augen. »Du bist unmöglich.«
»Nun, aber gewiss nicht langweilig«, konterte die Seniorin lediglich und warf der Studentin einen strengen Blick zu.
Diese versenkte ihre Hände in Bokutos Trainingsjacke. »Ich werde meine Sachen holen. Dann können wir los.«
»Hm, ist gut.«
Kaori verschwand in Richtung des Freizeitraumes.
»Und? Schlechtes Gewissen bereinigt?«
Akaashi zuckte mit den Achseln, nickte letztendlich jedoch.
»Sehr gut. Dann scheinen ja alle Sorgenkinder wieder auf dem Damm zu sein.«
Jun warf ein, zwei aufmerksame Blicke über den Flur, eher sie dem jungen Mann andeutete, näher zu kommen. Von der vorausgegangenen Avance der Rentnerin abgeschreckt, kam Keiji nur zögerlich näher, allerdings überbrückte Hitomi die letzten Zentimeter mit einem kräftigen Ruck an seiner Schulter.
»Sie schulden mir etwas, Akaashi-kun«, raunte sie ihm bestimmend ins Ohr
»Was?? Wieso das denn? Sie haben-«
»Ich werde Ihre Hilfe benötigen.«
»Wofür?«
Die alte Dame antwortete nicht, woraufhin der Setter sich zurücklehnte und die Luft anhielt, als er das eiserne Funkeln in ihren klaren Augen erkannte. Jun faltete gemächlich die Hände vor dem Oberkörper zusammen.
»Verstehen Sie etwas von Motoren?«



➣ »You got a fast car, I want a ticket to anywhere
maybe we can make a deal, maybe together we can get somewhere«






Eine wunderbare Nacht euch allen! ☾
Ja, ich lebe tatsächlich noch.
Und ja, die Geschichte geht endlich mal weiter.
Momentan wiederhole ich mich womöglich tausend mal, trotzdem auch nochmal hier:
es tut mir so leid, dass derzeit alles so schleppend voran geht.
Sowohl das Hochladen, als auch das Antworten auf die wunderbaren Reviews. Ganz zu schweigen vom selber kommentieren.
Tja, momentan läuft alles auf Hochtouren- Uni, Lernen usw.
Ich hoffe trotzdem, dass ich euch mit dem Akaashi gewidmeten Kapitel ein bisschen erheitern konnte :-)
Die Story ist tatsächlich in den Endzügen- auch wenn es noch nicht so scheint.
Immerhin fehlt da ja noch einiges an dem Genre 'Romanze' ;-)
Wie auch immer- ich wollte euch mit dem Nachwort nur wissen lassen, dass ich mich tierisch über all eure lieben Kommentare, Favoriteneinträge und alles was dazu gehört freue!
Und sie definitiv zu würdigen weiß- immerhin versüßen sie mir während der Lernphase den ein oder anderen Tag!

Wir lesen uns hoffentlich! Danke an alle, die dabei sind oder auch nur zufällig vorbeischauen oder wie auch immer ♡

Schlaft gut,

eure FallLove

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