Somebody to love

von FallLove
GeschichteHumor, Romanze / P16
Akaashi Keiji Bokuto Koutarou OC (Own Character) Ushijima Wakatoshi
16.01.2020
20.09.2020
17
73.423
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16.07.2020 6.394
 
➣ Youth


Mittlerweile war es später Nachmittag.
Der Tag hing schwer und dunkel in der Luft, drückend wie Nebelschwaden in einer Sauna. Das Schließen der Tür hallte in Kaoris Ohren wider wie ein Schrotschuss in einer Talsenke und doch sorgte der verschlossene Raum nur dafür, dass die Stille noch erdrückender auf ihrem Brustkorb lastete.
Unter dem kurzzeitigen Durchzug tanzten die cremeweißen Vorhänge vor den breiten Fenstern im Wind, lösten winzige Staubpartikel aus ihnen heraus, welche durch das Dämmerlicht wie kleine Schneeflocken wirkten. Irgendetwas ließ sie vermuten, dass natürliches Tageslicht nicht oft Einzug erhielt.
Für einen winzigen Augenblick lauschte die Studentin in das geräumige Zimmer hinein, das kühle Holz des rettenden Ausgangs in ihrem Rücken.
Sie könnte einfach wieder verschwinden.
Raus auf den Flur, auf dem so viel Betrieb herrschte, der das beinahe greifbare Leid dieses Vakuums in einem gewöhnlichen Rausch von Arbeit und Alltag versinken ließ.
Sie könnte Bokuto sagen, dass er nicht hier gewesen sei. Dass sie es morgen nochmal versuchen würde. Oder übermorgen.
Sie könnte Dr. Satō und Dr. Hatoka die nächsten Wochen mit scheinheiligen Ausreden hinhalten- solange, bis sie dann doch absprang.
Tut mir leid. So viel zu tun. Jemand anderes wird kommen.
Typische Studentenausreden.
Es würde vermutlich sogar klappen und mit der Enttäuschung in den Augen der Erwachsenen könnte sie umgehen. Sie musste das hier nicht tun. Und doch weigerten sich ihre Hände und Füße ihrem angsterfüllten Herzen Folge zu leisten.
Kaori drehte ihren Kopf zaghaft nach links, solange, bis sie den harten Untergrund der Tür durch die Strähnen ihrer Haare spürte. Gedämpfte Stimmen drangen an ihr Ohr, das Klimpern von Besteck.
Bald war Kuchenzeit. Bis dahin wollte Bokuto sicher wieder zurück auf seiner Station sein.
Ob Wakatoshi wohl Kuchen mochte?
Oder kam ihm mittlerweile auch das Verlangen nach solch banalen Gelüsten wie ein Teil eines anderen Lebens vor?
Das Rascheln eines Bettbezugs holte Kaori aus ihrer Starre. Er war hier. Definitiv. Und jetzt gab es kein Zurück mehr. Als wollte sich die Dunkelhaarige ein letztes Mal Kraft holen, legte sie ihre Handfläche an die glatte Holztür. Dann stieß sie sich ab und bewegte sich langsam in das außergewöhnlich moderne Patientenzimmer hinein, das eher wie eine minimalistische, aber vornehme Hotelsuite aussah.
Wären da nicht die bedrohlich glänzenden Infusionsständer und Perfusor, die mit technisch ausgeklügelter Sicherheit zuverlässig betäubende Schmerzmittel durch die Venen des jungen Mannes schicken würden. Mit Pharmazeutika war Kaori nicht sonderlich versiert, doch die Mittel, die ihr vom Namen bekannt vorkamen, ließen auf schwierig eindämmende Schmerzen schließen.
Obwohl die Fenster einen Spalt geöffnet waren, lag eine schwere Süße in der Luft. Der Geruch nach Krankheit. Nach Schmerz. Gepaart mit dem Duft eines verführerischen Männerdeos, was Jun nur noch mehr die Kehle zuschnürte. Er ließ nur allzu deutlich darauf schließen, dass der Raum ein viel zu junges Leben barg. Nicht, dass jemand älteres es eher verdient hätte, hier zu liegen. Es fühlte sich einfach nur... falsch an.
Das breite Patientenbett -welches Bokutos Version äußerlich einiges an Bequemlichkeit voraus hatte- stand in der hinteren Ecke des Raumes; erst wenn man den kleinen Flur vollständig durchquert hatte, konnte man einen Blick darauf werfen. Kaori verharrte unwillkürlich in ihrer Bewegung, als sie, beinahe schon demütig, den Kopf hob.
Mit einem Mal war sie sich nicht mehr sicher, mit welcher Erwartung sie überhaupt hergekommen war.
Dass Ushijima geschwächt war? Klar, mit Sicherheit hatte sie daran gedacht.
Seiner Krankenakte zur Urteil lagen viele Operationen, unsicheren Stunden auf der Intensivstation und unzählige zermürbende Ärztegespräche hinter ihm. Das ging auch an einem Koloss wie dem Starsportler nicht vorbei. Ihre Visionen in Realität zu erleben, war hingegen ein ganz anderes Kaliber.
Ushijima hatte die Augen geschlossen- wobei sich Kaori in diesem Moment nicht mal sicher war, ob er überhaupt in der Lage war, beide zu öffnen. Ein schlimmes Hämatom zog sich von seiner linken Schläfe über seine livide geschwollenen Lider. Rot-, Lila-, Grün- und Gelbtöne färbten sein Gesicht in den Farben des Regenbogens, ein simples Zeichen dafür, dass die Verletzung langsam abheilte.
Direkt über seinem linken Ohr konnte die Zweiundzwanzigjährige einen sichelförmigen Wundsaum ausmachen, der vermutlich vom Entlastungsschnitt herrührte- offenbar hatte er sich bei dem Unfall ein schweres Schädel-Hirn-Trauma zugezogen. Damit der Hirndruck ihm nicht sein Atemzentrum abklemmte, hatte man die Schädelkalotte gespalten. So zumindest stand es im Protokoll.
Seine linke Hand ragte aus einem sauberen, weißen Sweatshirt, lag ruhig auf der schweren Bettdecke, unter der sich sein linkes Bein prominent abzeichnete. Die Oberschenkelfraktur. Vermutlich gut eingegipst und fixiert. Diesen Anblick kannte sie noch von Bokuto.
Das alles wirkte wie ein inszeniertes Schauspiel, eine Theaterstückszene, bei der das Schicksal dem Protagonisten eine volle Breitseite gegen die gesamte linke Körperhälfte gedonnert hatte. Als wäre das alles ein bescheuerter Insiderwitz, den niemand verstand.
Kaori ballte die Hände zu Fäusten, unfähig, sich bemerkbar zu machen.
Was sollte sie auch sagen?
Hallo, Ushijima-san, wie geht´s wie steht´s? Oh, anscheinend gar nicht, denn sieh´ nur: du bist ein einziges Wrack.
Stattdessen starrte sie Wakatoshi einfach nur an. Dieser junge Mann hier vor ihr hatte nichts mehr mit dem gemein, was sie einst so bewundert hatte. Die hellen Iriden der Studentin waren gerade dabei von der flauschigen Decke zurück nach oben zu wandern, als das leuchtende Olivgrün eines Augenpaars sie mit einer erschütternden Intensität gefangen nahm.

Ushijima musterte sie, lange und eingängig, versuchte offenbar ihr ziviles Auftreten mit seinem Aufenthalt und ihrem blassen Antlitz in Einklang zu bringen. Vermutlich kam sie ihm irgendwo her bekannt vor- vielleicht war er auch einfach nur misstrauisch. Mit geöffneten Augen wirkte sein fahles Gesicht mit einem Mal lebendiger; wenn auch nicht unbedingt einladend. Altbekannte Kühle und Überlegenheit war einer stummen Verzweiflung gewichen. Einer Wut, die schwer und heiß unter seiner Haut brodelte. Wobei Wut nicht der richtige Ausdruck war.
Viel mehr Frustration. Frustration und Schmerz.
Nach wie vor war er einschüchternd, doch dieses Mal auf eine andere Art und Weise. Eine defensive. Trotzdem seine Augen ähnlich hart wie ein Peridot schimmerten, gab es Kaori den Mut, endlich den Mund zu öffnen.
»Hallo, Ushijima-san.« Mit einem Räuspern vertrieb sie die verbliebenden Spuckereste aus ihrem Hals. Es vergingen einige kaugummizähe Sekunden, eher er etwas sagte.
»Ich kenne dich«, lautete seine stumpfe Antwort.
Nun ja, besser als nichts. Immerhin redete er mit ihr.
Jun öffnete den Mund, doch da sprach er schon weiter: »Du bist Semi-kuns Freundin. Kaori, oder?«
Kaori wusste nicht, worauf sie reagieren sollte; auf die Tatsache, dass der undurchschaubare Profi-Volleyballer tatsächlich noch ihren Namen wusste, oder aber, dass er dachte, sie sei immer noch mit Eita zusammen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er und Semi so wenig Kontakt hatten, dass er es ihm nicht erzählt hatte. Vielleicht hatte der Setter sie auch einfach nicht erwähnt. Zu unwichtig, als dass man dafür ein Fass aufmachen müsste.
Peinlich berührt wendete sie ihr Gesicht ab, versuchte zwischen den zaghaft flatternden Vorhängen einen Blick auf das Schneegestöber dort draußen zu erhaschen.
»Exfreundin«, spuckte die Dunkelhaarige das Wort schließlich aus, schnell und hart, damit es möglichst rasch vorbei war.
»Hn«, kam es gedämpft von Ushijima, was sie dazu bewog, ihn wieder anzusehen, »Das tut mir leid.«
Was tat ihm leid? Dass ihre Beziehung in die Brüche gegangen war?
Die Absurdität darüber, dass diese Worte ausgerechnet vom ihm kamen, der mit schwersten Verletzungen ans Bett gekettet vor ihr lag, zu dem sie jahrelang keinen Kontakt mehr hatte, ließ sie beinahe schmunzeln. Aber nur beinahe. Viel mehr überwog die Scham darüber, dass ihr dieser Einstieg nicht zuerst über die Lippen gekommen war.
»D-das muss es nicht. Ich meine-« Sie sammelte sich, »Ist schon lange her.«
»Ach so.«
Schweigen. Nein, Sprachlosigkeit.
Was sollte Kaori nur sagen, um diese strange Situation in die richtige Bahn zu bringen?
Sie bezweifelte, dass Mitleidsbekundungen ihn irgendwie aufheitern würden. Davon hatte er in der letzten Zeit sicherlich zu genüge bekommen- darauf zumindest ließ der Tisch voller Blumen und Geschenken schließen, die allesamt ungeöffnet vor sich hin staubten.
Aber war es nicht herzlos, gar kein Wort über seine... Situation zu verlieren? Sie konnte noch nicht mal ein einfaches »Wie geht es dir?« herausposaunen. Das Ganze war vertrackter als sie es befürchtet hatte.
Ushijima war nicht der Typ für Smalltalk. Dementsprechend hielt die Stille zwischen ihnen eine niederschmetternde Ewigkeit an.
»Ähm- ich...«
Diese dummen Lückenfüller. Unbeholfen, total unwillkürlich und meistens waren die darauf folgenden Sätze auch nicht gerade durch Intelligenz geprägt. Nervös huschten Kaoris Augen über das Mobiliar.
»Darf ich mich einen Moment zu dir setzen?«
Unwirsch hatte sie mit der Hand auf einen der freien Stühle gedeutet und ihn sich gepackt, bevor Ushijima etwas erwidern oder -noch schlimmer- sie jetzt schon abweisen konnte. Das Sitzen half dabei, ihre zitternden Beine etwas zu entlasten; außerdem war sie mit dem jungen Sportler so in etwa auf Augenhöhe. Das fühlte sich besser an, als auf ihn herab zu starren.
Wakatoshi wendete ihr das Gesicht zu, seine Mimik spiegelte eine Mischung aus Neugierde, Misstrauen und Erschöpfung wieder. Kaori hätte so gerne etwas empathisches oder zumindest intelligentes gesagt, doch da ihr das Schweigen ungemein unangenehm war, stieß sie letztendlich nur ein: »Hast du starke Schmerzen?«, hervor.
Seine dichten Wimpernkränze verfingen sich ineinander, als er die Augen für einen Moment schloss, eher er seinen Nacken so verbog, dass er die Infusionsständer im Blick hätte. Träge hob er die Lider an, als wäre ihm gerade erst wieder eingefallen, wofür die Teile eigentlich gut waren.
»Gerade nicht. Das Fentanyl wirkt.«
Ein starkes Analgetikum und Beruhigungsmittel, so viel wusste Kaori. Ushijima beobachtete die durchsichtige Flüssigkeit, die über den Schlauch direkt in seine Gefäße floss. Scheiße, das war ich alles so unangenehm. Fühlte sich fast so an, als sei sie ein Eindringling, mindestens jedoch als wäre sie absolut fehl am Platz.
»Mir ist nicht wirklich nach Überraschungsbesuchen.«
In ihrem Unwohlsein versunken, registrierte Kaori nicht sofort, dass er mit ihr gesprochen hatte; er sah sie nicht einmal an. Ihre Wangen wurden heiß.
»Ich weiß... a-also ich meine- das kann ich mir vorstellen«, druckste sie herum, bereit auf der Stelle aufzuspringen und den Raum zu verlassen.
Wakatoshi warf ihr einen Blick zu. »Aber nach deiner Aussage kann ich davon ausgehen, dass du immerhin nicht von Semi-kun geschickt wurdest.«
Er lehnt jede Form von Besuch ab.
Eita gehörte nicht zu der Art von Menschen, die ihre Gefühle offen zeigte. Allerdings wusste Kaori ganz genau, dass ihn Ushijimas Abweisungen mit Sicherheit verletzt hatte. Selbst wenn sie noch zusammen gewesen wären, hätte die Studentin es bezweifelt, dass er sie als Vorhut schicken würde, doch wer wusste schon, was Leute in ihrer Verzweiflung alles versuchten.
»Also, was suchst du hier?«
Stunde der Wahrheit, Kaori, echote es in dem Kopf der Zweiundzwanzigjährigen wider. Sie suchte seinen Blick, blieb allerdings stumm.
»Der Arzt hat dich geschickt.«
Natürlich wusste er davon. Es benötigte viel Aufklärung, viele vorangehenden Untersuchungen, bevor man jemandem in eine medizinische Studie einbinden konnte. Und natürlich sein Einverständnis. Außerdem war er zwar überrascht gewesen, sie zu sehen, jedoch schien ihr Auftauchen für ihn nur eines zu bedeuten: die Laborantin wollte ihr Versuchskaninchen begutachten. Leugnen hatte keinen Zweck, also nickte Kaori.
Ushijima schnaubte. »Ich wusste nicht, dass du die Studentin bist, von der er gesprochen hat.«
»Macht es einen Unterschied?« Angesteckt durch seinen ungewohnten »Redeschwall« stieg sie in das Gespräch ein.
»Nein. Ich habe dem Kerl schon oft genug verdeutlicht, dass ich kein Interesse habe. Und dir werde ich es auch nur ein einziges Mal sagen.«
»Was hat Dr. Satō dir denn-«
»Lass es. Ich will nicht darüber reden.«
Seine Stimme war kalt und schneidend wie die Klinge eines Katana. Sie bewegte sich auf dünnem Eis.
»Ushijima-san, ich weiß, dass die ganze Situation alles andere als einfach für dich ist. Und wie schwierig der Gedanke daran sein muss, sich mit den möglichen Verläufen seiner Verletzung auseinander zu setzen, aber-«
»Halt den Mund!«
Kaori zuckte heftig zusammen, als er seine rechte Faust energisch auf die Matratze hinabsausen ließ. Sein Ausruf verhallte bedrohlich im Raum und ließ eine Stille zurück, die nichts mehr mit der Anspannung von zuvor gemein hatte. Viel mehr war sie ein bodenloses Loch, welches nach und nach jegliches Geräusch zu absorbieren schien, das die Dunkelhaarige energisch versuchte hin abzureißen. Seine sattgrünen Iriden schienen um einige Nuancen dunkler geworden zu sein, das letzte bisschen Aufgeschlossenheit aus ihnen verschwunden.
Kaori spannte die Muskeln an. »Ich...«
Der Volleyballer schloss die Augen, mit einem Mal fielen der jungen Frau die tiefen Augenringe auf, die dunkle Schatten in sein hübsches Gesicht malten. Er schien müde zu sein.
Müde vom Reden.
Vom Abweisen.
Vielleicht auch vom Hoffen.
»Dieses ganze Rumexperimentieren ist sinnlos. Außerdem ist mein Interesse daran, für irgendetwas das Testobjekt zu spielen, schwindend gering. Ich will einfach nur diese Schmerzen loswerden und-«
Wakatoshi stockte einen Moment, ließ seinen Blick in Richtung seiner linken Hand zucken,
»- und nach Hause«, beendete er seinen Satz seufzend.
Kaoris Schultern sackten in sich zusammen. »Ushijima-san ich-«
»Verschwinde.«
»Ich möchte dir helfen!«
»Ich meine es ernst...«
Ihre Unterlippe zitterte ganz leicht, trotzdem bemühte sich die Dunkelhaarige tunlichst darum, seinem Blick standzuhalten.
»Ich glaube, dass es funktionieren könnte«, wisperte sie leise, hatte das Gefühl, jedes Wort würde wie ein Reibeisen über ihre Stimmlippen gleiten.
Ushijima beugte sich nach vorne, in seinen Augen lag nichts als Kälte.
»Verschwinde, Kaori«, raunte er in gewohnt ruhiger Stimmlage, die den gewünschten Effekt hatte und ihr das Blut aus dem Gesicht trieb, »Oder ich lasse dich hier raus bringen.«


»Und?«
Noch bevor die Tür ins Schloss gefallen war, trat Bokuto auf Kaori zu, während er sich hastig einige Zuckerkristalle an seiner Jeans abwischte. Offenbar hatte er dem Kuchenbuffet des Aufenthaltsraums nicht widerstehen können.
»Wie lief es?«
Jun bekam nur am Rande mit, wie der großgewachsene Sportler auf seinen Krücken auf und ab wippte, die buschigen Brauen interessiert nach oben gezogen. Tranceartig musterte sie ihre kalten Fingern, ballte die Hände zu Fäusten, damit sich ihre versteiften Muskeln etwas lockerten.
»Er hat nein gesagt«, glitten ihr die Worte zaghaft über die Lippen.
»Was?«
Zunächst hielt sie seine Nachfrage für Entsetzen, doch als sie nichts erwiderte, hob Bokuto ihr Kinn mit seinen Finger an, sodass sie seine belustigte Miene erblicken konnte.
»Du musst lauter sprechen, Küken.«
Binnen weniger Wimpernschläge wandelte sich sein Grinsen in Erstaunen und letztendlich in pure Überforderung.
»Küken? Warum weinst du?!«
Sie weinte?
Wie betäubt strich Kaori mit dem Handballen über ihre Wange. Tatsächlich. Zumindest zog sich ein feuchter Streifen von ihrem Augenwinkel bis zu ihrem Kinn hinab.
»Oh.«
»Was heißt hier »oh«? Was ist da drinnen passiert?«
Bokuto schien aufgebracht. Er bemühte sich sein Gleichgewicht zu halten, wollte zeitgleich jedoch seine Hand nicht von ihrer Schulter nehmen. Es mussten einige Sekunden vergehen, bis Kaoris Hirn langsam das verarbeitete, was gerade geschehen war.
Ja, Ushijima hatte abgelehnt. Viel mehr noch; er hatte sie rausgeschmissen. Und sollte sie auf die Idee kommen, ihn noch einmal aufzusuchen, würde das Konsequenzen für sie haben. Selbst in ihrer Vorstellung, war dieses Gespräch nur halb so schlimm verlaufen.
Die kalte Trance, in welcher sie sich nach seiner Abweisung befunden hatte, löste sich langsam aber sicher in Scham und Enttäuschung auf. Scham, weil sie sich mit einem Mal so dumm vorkam, dass sie es überhaupt in Erwägung gezogen hatte, Wakatoshi einfach so aufzusuchen und ihn für ihre Zwecke zu benutzen. Und Enttäuschung, weil sie unterschwellig tatsächlich begonnen hatte, daran zu glauben, dass das hier eine gute Idee war. Dass sie etwas bewirken könnte. Stattdessen hatte sie sich wie ein unwissendes Kind behandeln lassen.
Die Tränen, welche zuvor stumm über ihre Lider geschwappt waren, brannte inzwischen wie Salzsäure. Kaori kostete es all ihre Kraft, sich darauf zu fokussieren, ihren Augen offen zu halten. Die letzte Demütigung, die sie nun gebrauchen konnte, war vor Bokuto die Fassung zu verlieren. Sie musste hier weg. Angetrieben von diesem Gedanken schaffte sie es irgendwie, ihre Mundwinkel zu einem grimassenhaften Lächeln zu ziehen und in die goldenen Augen ihres Begleiters zu sehen.
»Tut mir leid, Bokuto«, krächzte die Kleinere mit rauer Stimme, »Ich befürchte, ich muss jetzt gehen.«
»Du kannst jetzt nicht einfach abhauen! Ich will wissen, was los war!«
Der grauhaarige Riese baute sich vor ihr auf, doch Kaori war flinker. Eilig wich sie etwas zurück und schultere ihre Tasche.
»Ich habe ja gesagt, dass das mit dem Projekt nach hinten losgeht. Naja, shit happens, oder? Ha-ha«, war ihre stumpfe Antwort, doch ihr viel zu hohes Lachen ließ nur darauf schließen, dass sie kurz davor stand, haltlos zu weinen.
Bokuto schien mit sich zu hadern, blickte immer wieder zwischen der verlorenen Gestalt vor ihm und Ushijimas Zimmertür hin und her.
»Ehrlich, mach dir keine Gedanken. Er hat nein gesagt und das muss ich akzeptieren. Und du auch.« Der Volleyballer öffnete den Mund, doch die Studentin unterbrach ihn: »Lass es gut sein. Wir sehen uns. Danke fürs Essen.« Und bevor Bokuto noch irgendetwas erwidern konnte, ließ Kaori ihn stehen- und ihren Tränen freien Lauf.


Bokuto lag rücklings auf der harten Matratze seines Patientenbettes und pritschte sich in regelmäßigen Abständen den Ball zu. Es war nicht einmal vier Woche her, dass er ihn schnell und heftig wie einen Komet über die Netzkante geschlagen hatte, und doch schien es so, als hätte sich die Kurve des Spielballs bereits etwas veränderte. Irgendwie schlingerte er in der Luft, landete mal zu weit in Richtung Bauchnabel, mal so, dass Kōtarō im letzten Moment seine Hand zwischen das weiche Leder und das öde Wandbild schieben musste, damit ihm der schwere Holzrahmen nicht auf die Stirn krachte.
Neben ihm an die Nachttischlampe gepinnt, befand sich sein Therapieplan, den er von dem Arzt im Sportzentrum erhalten hatte. Die einzigen festen Termine bestanden aus zwei Physiostunden, eine morgens um neun und die andere nachmittags gegen zwei. Dazwischen lag vor allen eines: gähnende Langeweile.
Seufzend fing der Grauhaarige den rotierenden Volleyball auf und starrte mit glasigen Augen gegen die Decke.
Seit Kaoris plötzlichen Abgang waren mittlerweile elf Tage vergangen.
Elf Tage, in denen er sie höchstens zu ihren Gesangsstunden antraf, in denen sie jedoch alles andere als glücklich erschien.
Von einem Gespräch unter vier Augen konnte er höchstens träumen- was auch immer zwischen ihr und Ushiwaka abgelaufen war, sie wollte nicht darüber reden. Und als effiziente Methode, um einer Nachfrage seinerseits zu umgehen, hatte sie es gewählt, ihn mit eiserner Ignoranz zu strafen.
Auf seine Nachrichten antwortete sie eher sporadisch und als er nach dem zweidutzendsten Anruf-Versuch innerhalb von fünf Tage schon dachte, dass das Küken endlich nachgeben würde, war nur Yoshios Stimme am anderen Ende der Leitung ertönt. Bokuto hatte sich eine geschlagene halbe Stunde mit dem Kleinen unterhalten -es hatte seine Laune auch tatsächlich gehoben, denn der Knirps war gleichermaßen süß wie auch gewieft- allerdings musste der Sportler zugeben, dass die brennende Unzufriedenheit hinter seinem Brustbein, dennoch nicht verschwunden war.
Unterbewusst hatte es ihm gefallen, Kaori um sich zu wissen, auch wenn er nicht genau sagen konnte warum. Vielleicht fühlte er sich weniger einsam, wenn sie da war, gab ihr ein merkwürdiges Gefühl von Sicherheit. Ein Gefühl davon, dass das Leben dort draußen ihm nicht durch die ausgestreckten Hände glitt wie lockere Nebelschwaden. Außerdem hatte er wirklich gedacht, dass sie sich langsam annähern würden.
Ein leises Vibrieren riss Bokuto aus seinen Gedanken. Er griff nach seinem Handy und öffnete mit einem Wisch seinen Home-Bildschirm. Eine fette eins leuchtete neben dem Nachrichtensymbol.

[04:13 pm] Akaashi:
ich schaffe es heute nicht. Sorry.


Bokuto machte seinen Unmut darüber lautstark Luft und tippte mit grimmiger Miene eine Reihe wütender Smileys in das Antwortfeld ein, doch wie erwartet reagierte sein Freund darauf mit eisernem Schweigen. Ein weiteres Problem, das ihm Kopfschmerzen bereitete.
Keiji mied ihn mittlerweile ebenso sehr, wie die Katze das Wasser- oder vielmehr die Eule die Tagesstunde. Und der Volleyballer hatte absolut keine Ahnung, woran es liegen könnte.
Nach ihrem Treffen vor knapp zwei Wochen war er noch zwei Mal zu Besuch gewesen, einmal sogar mit seinen restlichen Teamkollegen -Shugō Meian, Shion Inunaki, Adriah Thomas und Oliver Barnes- die ihr Versprechen aus vielen Sprachnachrichten und Anrufen wahrgemacht und ihm einen ganzen Umzugskarton voll seiner Lieblingsdinge zusammengepackt hatten.
Bokuto hatte es genossen, seine Teamkameraden um sich zu haben, doch auch an diesem Tag war Akaashi außergewöhnlich still gewesen. In einem unbeobachteten Moment hatte der Grauhaarige ihn dabei erwischt, wie er die kleine Truppe wehmütig gemustert hatte, doch egal wie oft der Ältere ihn auch ansprach- er erhielt nichts als Abweisung; ein »das bereden wir später, Bokuto-kun.«.
Wann auch immer dieses später sein würde.
Draußen peitschte ein eisiger Wind gegen die dünnen Scheiben seines Krankenzimmers, wehte dicke Schneeflocken an dem deckenhohen Fenster vorbei, die von dem seichten Licht seiner Bettlampe sanft angestrahlt wurden. Es schien ein richtiger Schneesturm aufgezogen zu sein, noch heftiger, als die letzten Tage. Wenn das so weiter ging, wäre morgen alles zugeschneit.
Das stetige Schneerieseln und das gedämpfte Licht ließen Bokutos Augen schwer werden. Obwohl er schon so viel gepennt hatte, forderte der Schlafmangel der letzten Tage seinen Tribut. Seine Schmerzen in der Hüfte waren wieder stärker geworden; zusätzlich dazu hatte sein Knie zu pochen begonnen.
Gestern Abend, als Niomi für ihre übliche Routinerunde auf seinem Zimmer erschienen war, um ihn seine tagtägliche Dosis Heparin zu verabreichen (ein wundersames Mittel, welches verhindern sollte, dass Bokutos Körper ihnen -wortwörtlich- »einen Strich durch die Rechnung machte und er an einer Lungenembolie verreckte«), war ihre Miene ernst geworden, als sie das Gelenk des Sportlers untersucht hatte.
»Seit wann ist die Haut so rot?«
Bokuto hatte nur mit den Achseln gezuckt und das Bein ein wenig hin und her gewendet. »Seit heute Nacht vielleicht.«
»Hast du Schmerzen?«
Ihre Hände hatten sich eiskalt angefühlt, beinahe, als hätte sie zuvor einige Stunden in der klirrenden Kälte dort draußen verbracht- oder aber, als stände sein Knie in Flammen. Die Krankenschwester hatte sein Bein behutsam abgetastet, hatte sich letzten Endes allerdings dazu entschlossen, einen Arzt anzufordern. Kurz vor ihrem Feierabend hatte sie mit ernstem Blick neben einer jungen Frau gestanden, die mit konzentrierter Miene auf das körnige Schwarz-Weiß-Bild auf den Bildschirm des Ultraschallgeräts geblickt hatte.
»Sieht nach einem Erguss aus«, hatte die, Bokuto bis dato unbekannte, Ärztin in sich hinein gemurmelt und auf der Tastatur herumgedrückt.
»Was bedeutet das?«
Die Medizinerin hatte das Gel von seinem Gelenk gewischt, woraufhin er unwillkürlich zusammengezuckt war.
»Möglich, dass sich nach Ihrer Operation ein Hämatom gebildet hat. Dieses könnte sich entzündet haben.«
Niomi war nervös auf der Stelle auf und ab getrippelt, während Bokuto nur Bahnhof verstand.
»Und... hat es das?«, war ihm die simple Frage über die Lippen gegangen, obwohl er sich mit einem Mal nicht mehr sicher war, ob er die Antwort wirklich hören wollte.
Die Ärztin hatte mit den Achseln gezuckt. »Schwierig zu sagen. Wir werden Ihnen Blut abnehmen und das beobachten müssen. Wird die Schwellung schlimmer, würde ich Ihnen eine Gelenkspunktion empfehlen. Danach eine Antibiotika-Therapie.«
Das Blinzeln seiner Lider wurde immer schwerfälliger, das Gewicht seines Kopfes so groß, dass er ihn vollends in dem weichen Bett ablegte. Die Ärztin hatte ihm alle möglichen Fachbegriffe um die Ohren gehauen, doch das Wichtigste war auch bei ihm hängengeblieben.

»Im Schlimmsten Fall könnte sich Ihre Genesung verlangsamen.«

Er hatte nicht nachgefragt, was genau sie unter verlangsamen verstand. Für die junge Frau war er ein Patient von vielen; schwierig vorstellbar, dass ihr die Härte dieser Aussage bewusst war.
Bokuto begann damit sich die Handballen auf die Augen zu pressen.
War es das?
Würde seine Karriere so enden?
Bei einem semi-wichtigen Liga-Spiel, nur durch so einen uncoolen Sturz?
Keine Chance, dass er diese Geschichte seinen Enkelkinder erzählen würde! Er musste verdammt nochmal die Zähne zusammenbeißen- und sich etwas einfallen lassen, damit sein Körper mitmachte.
Trotzdem ihm die Müdigkeit schwer in den Gliedern hing, zwang sich der Volleyballspieler dazu, sich aufzurichten. Das pochende Kniegelenk und die schmerzende Hüfte ließen seine Bewegungen ungeschmeidig werden, dennoch schaffte er es, sich die Krücken zu schnappen und auf den Flur zu humpeln.

Die Nachmittage auf der Station waren in letzter Zeit um einiges ruhiger. Der Schneesturm hatte große Teile des Straßenverkehrs lahmgelegt und viele Bahnleitungen waren durch den kräftigen Wind beschädigt worden- dementsprechend befanden sich wenig Besucher in der Klinik.
Bokuto wanderte einige Minuten auf dem Flur umher, unterhielt sich eine Weile mit einem älteren Krankenpfleger über irgendwelche Serien und half seinem achtundachtzigjährigen Zimmernachbarn dabei, eine Plastiktüte über seinen gegipsten Arm zu bekommen. Der alte Mann war Zuhause von einer Leiter gestürzt, als er dabei war, mit seinem jüngsten Sohn einen Baum in ihrem Garten zu stutzen. Zusätzlich zu der lädierten Hand hatte er sich eine ordentliche Steißbeinfraktur zugezogen- dennoch empfand Kōtarō ihn um einiges agiler, als sich selbst- nichts, was in gerade sonderlich aufbaute.
Seine Laune sank immer weiter in den Keller bis er kurz davor stand, seiner Frustration lautstark Raum zu geben. Bevor es jedoch dazu kommen konnte, wurde seine Aufmerksamkeit von einer harschen Stimme abgelenkt.
»Bokuto-kun.«
Jun Hitomi war aus dem Aufenthaltsraum getreten, aufrecht und geschmeidig. Und ganz ohne Gehhilfen.
»Wow, obaa-chan! Du kannst das Bein ja mittlerweile wieder richtig gut bewegen!«
Der Grauhaarige war mittlerweile zum »Du« übergegangen. Immerhin könnte die alte Dame seine Oma sein; und dieser Gedanke hatte was überraschend Tröstliches.
Die Seniorin quittierte seine unwirsche Ansprache mit einem einfachen Schnauben, eher sie den Sportler mit einer lockeren Handbewegung zu der Sitzecke am Erkerfenster bat. Bokuto ließ sich in den bequemen Sessel sinken, doch bevor er überhaupt etwas sagen konnte, unterbrach ihn die Weißhaarige: »Du siehst bedrückt aus, Junge.«
Überrascht legte er den Kopf schief. »Ach ja?«
»Gab es schlechte Neuigkeiten?«
Kōtarō seufzte und starrte hinaus in die Welt aus Weiß und Grau. Eine Weile beobachtete er die dicken Schneeflocken dabei, wie sie im Garten der Klinik umhertanzte und wünschte sich mit einem Mal nichts sehnlicher, als ebenso frei zu sein.
»Mein Kniegelenk hat sich entzündet- vermutlich. Es kann sein, dass sich die Heilung dadurch verzögert.«
Hitomis blauen Augen ruhten auf ihm; stumm, eindringlich. Anders, als seine Mitspieler, seine Eltern oder Freunde lag kein Mitleid in ihnen. Nein, sie war die Einzige seit langer, langer Zeit, die ihn für diesen Zustand nicht zu bedauern schien. Viel mehr noch; als wäre sie empört, dass er sich wegen so einer Lappalie überhaupt hängen ließ.
»Mich wundert das wenig, so viel, wie du hier herumläufst. Wie wäre es, wenn du dein Bein schonst, so wie es dir die Ärzte empfohlen haben, Bokuto-kun?«, tadelte Jun kurz angebunden, während sie ihre dünnen -mit Ringen bestückten- Finger ineinander legte.
Der Grauhaarige dachte darüber nach.
»Mir fällt es schwer, nichts zu tun.«
»Was du nicht sagst.«
Tatsächlich zuckten die Mundwinkel der alten Dame bei seiner Aussage etwas nach oben, ein seltener Anblick, der Kōtarō ebenfalls ein Grinsen ins Gesicht zauberte. Allerdings wich der freundliche Ausdruck binnen eines Wimpernschlages ihrem gewohnt forschen Starren.
»Und abgesehen von deinem Knie?«
»Was meinst du, obaa-chan
Hitomi griff nach der feinen Porzellankanne auf dem kleinen Beistelltisch zu ihrer rechten und goss sich etwas Kaffee ein.
»Deine Verletzung ist mit Sicherheit nicht der Grund, warum deine Augen so matt wie angelaufener Schmuck glänzen; dafür bist du schon zu lange hier. Dir muss noch etwas anderes auf der Seele liegen.«
Mit einem leisen Tropfgeräusch landete ein Würfel Zucker in der Tasse. Bokuto starrte das dunkle Gesöff an, als würde sich die Lösung seiner Probleme auf dem verbleibenden Kaffeesatz am Boden abzeichnen. Er wusste, dass er im Verbergen seiner Gefühle eine absolute Niete war. Es würde ihn auffressen, seinen Emotionen keinen Raum zu geben; allerdings hatte die Isolation der Klinik irgendwie dazu beigetragen, dass er bisher mit niemanden darüber hatte reden können- oder wollen.
Denn der einzige Mensch, dem er bedingungslos jedes noch so unbedeutende Detail seines Lebens anvertraute, schien ihm Stück für Stück zu entgleiten. Und Bokuto hatte keine Ahnung wieso.
Der Gedanke daran, dass er Akaashi verlieren könnte, schnürte dem Volleyballer mit einem Mal die Kehle zu, sodass er sich einige Mal räuspern musste, bevor er zu sprechen begann:
»Akaashi, er... verhält sich komisch. Er ist noch schweigsamer als sonst und manchmal habe ich das Gefühl, dass ihm irgendetwas auf der Seele liegt. Aber egal, was ich mache, er weicht mir aus.«
Jun Hitomi nippte an ihrem Getränk, schwieg danach jedoch. Bokuto seufzte und betrachtete seine schwieligen Finger.
»Ich komme einfach nicht mehr an ihn ran.«
Die Weißhaarige musterte den jungen Mann vor sich eindringlich, eher ihre eisblauen Augen einen sanften Ton annahmen und sie gelassen ihre Beine überschlug.
»Weißt du, Bokuto-kun... mir scheint es, dass sich meine Enkeltochter und Akaashi-kun ziemlich ähnlich sind.« Kōtarō überraschte diese Aussage, hatte er doch nie darüber nachgedacht, seinen besten Freund mit dem süßen Küken zu vergleichen, »Sie sind beide in sich gekehrt, etwas verschroben und vor allen Dingen laufen sie vor den Dingen davon, die sie bedrücken.«
Der Sportler wollte protestieren -immerhin war Keiji weitaus weniger aufbrausend als Kaori- doch als er genauer darüber nachdachte, erschien ihm die Aussage der Seniorin gar nicht mehr so weit hergeholt. Vielleicht fühlte er sich deswegen so wohl in ihrer Nähe... und vielleicht war genau das der Grund dafür, warum ihre Ablehnung ein schmerzhaftes Brennen in seiner Brust hinterließ.
Bokuto atmete aus, lang und erschöpft, bis er wie ein Ballon in sich zusammensank.
»Und was soll ich tun? Sie ignorieren mich beide.«
Hitomi stellte ihre Tasse ab, bevor sie sich nach vorne beugte und Bokuto eine faltige Hand auf die seine legte. Es war eine tröstliche, liebevolle Geste und so unerwartet, dass dem Profisportler mit einem Schlag klar wurde, wie einsam er sich in den letzten Tagen gefühlt hatte.
»Ich mache dir einen Vorschlag, Bokuto-kun«, raunte die alte Dame verschwörerisch, »Geh in mein Zimmer und kümmere dich um Kaori- das Kind hat sich lange genug in ihren sinnlosen Zweifeln gesuhlt. Und sorge dafür, dass Akaashi-kun in den nächsten Tagen zu Besuch kommt. Um den Rest werde ich mich kümmern.«
Kōtarō wusste nicht, worauf sie hinauswollte, allerdings sorgte ihr selbstbewusstes Auftreten dafür, das einen elektrischen Energiestoß durch seinen Muskeln schoss.
»Ich bezweifle, dass Keiji mit sich reden lässt...«
»Oh bitte, das lass mal meine Sorge sein. Ich habe noch jeden Mann zum Reden bekommen«, plädierte Hitomi gelassen und entlockte ihm ein fröhliches Lachen. Doch dann wurde er ernst.
»Das kann ich von mir nicht behaupten. Das Küken blockt mich ab, wo es nur geht. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie die Flucht ergreifen wird, sobald sie mich sieht«, warf Bokuto betrübt ein- und kassierte einen harten Schlag auf den Kopf.
»Au! Hey, obaa-chan, das tut weh!«
»Herrgott, jetzt hör´ auf mit diesem unsicheren Geschwafel! Was ist aus dem frechen Jungspund geworden, der herumgerannt ist, als gehöre ihm die Welt?«
Kōtarō starrte sie mit offenem Mund an, versuchte ihrem durchdringenden Blick standzuhalten.
Er straffte seine Schultermuskulatur- und grinste.
»Der ist wieder da!«
Hitomi blies einen Schwall Luft aus ihrer Nase heraus, eher sie sich zufrieden zurücklehnte.
»Das wollte ich hören. Davon abgesehen wird Kaori nirgendwo hinrennen- der Schneesturm hat den gesamten Nahverkehr lahmgelegt.«
Tatsächlich mal eine Nachricht, die Bokuto etwas Mut schenkte. Schelmisch verzog er die Mundwinkeln nach oben.
»Obaa-chan, das hört sich ja beinahe so an, als wärst du für dieses Chaos verantwortlich?«
Das sonderbare Lächeln, welches sie ihm daraufhin zuwarf, ließ Kōtarō etwas straucheln.
»Wer weiß das schon? Und jetzt geh! Ich kann dieses leidige Häufchen Elend auf meinem Zimmer nicht mehr mit angucken.«


Bokuto konnte Stille nicht ertragen.
Es war, als wäre sein gesamtes Dasein darauf programmiert, immerzu sein lautes Mundwerk zu benutzen. Als würden die Stimmbänder in seinem Kehlkopf dauerhaft unruhig vor sich hin vibrieren, bereit dafür, jederzeit gegen jedwede drohende Ruhe anzukämpfen.
Schweigen war eines seiner größten Schwächen... doch genau jetzt, in diesem Moment, betete er dafür, dass selbst seine Atmung so flach blieb, dass sie mit dem sanften Klang der Musik verschmolz, die ihn gefangen nahm.
Kōtarō stand, das breite Kreuz achtsam gegen die Wand hinter sich gelehnt, noch immer an der Eingangstür- die Augen unentwegt auf Kaoris Lippen gerichtete, die in einem perfekten Einklang zu den zarten Gitarrenklängen leise Worte formten und das Zimmer mit einer bittersüßen Melodie füllten.
Ihre Stimme war so lieblich, so rein und melancholisch, dass es Bokuto nicht möglich war, für eine einzige Sekunden den Blick abzuwenden.
Es war ein trauriger, zugleich sehnsuchtsvoller Text und mit jeder Silbe verspürte er den Schmerz, der sich hinter ihren Worten verbarg.
Noch hatte das Küken ihn nicht bemerkt.
Noch konnte er sich weiterhin in dem ungewohnt schutzlosen Anblick suhlen, in dem die junge Studentin absolut im Reinen mit sich zu sein schien.
Bokuto konnte nicht wirklich benennen, was es war, doch plötzlich wirkte Kaoris ungeschminktes, symmetrisches Gesicht, die schwungvoll gebogenen Lippen und die dunklen Haare auf ihn, als würde er sie gerade zum ersten Mal sehen. Als hätte er eine Seite von ihr kennenlernen dürfen, die sie üblicherweise gut zu verstecken wusste; eine verletzliche, aber hoffnungsvolle Seite.
Der letzte angeschlagene Akkord verhallte in dem kleinen Patientenzimmer und kaum war der Zauber des Songs erloschen, platzten die zurückgehaltenen Worte aus Kōtarō heraus: »Küken, deine Stimme ist ja der Wahnsinn!«

Kaori zuckte derartig erschrocken zusammen, dass ihr die Gitarre beinahe aus den Händen rutschte.
»Bokuto! Bist du bescheuert?!«, keifte sie kurz darauf los, als sie in ihm mehr einen ungewünschten Besuch als eine richtige Bedrohung erkannte.
Ihre Wangen färbten sich innerhalb weniger Sekunden dunkelrot, während sie ihm eilig den Rücken zudrehte und mehr als konzentriert an ihrem Instrumentenkoffer herumwerkelte, um die Gitarre darin zu verstauen. Bokuto kam auf den Krücken auf sie zu gehumpelt, musste sich doch kurze Zeit später auf einen Sessel sinken lassen, weil sein Knie unangenehm zu pochen anfing. Mit schmerzverzerrter Miene massierte er sich den Oberschenkel.
Kaori warf ihm einen flüchtigen Blick zu, eher sie sich äußerst intensiv mit einem losen Faden an ihrem Pullovers beschäftigte.
»Was suchst du hier?«
»Deine Oma hat mir erzählt, dass du hier bist. Sie meinte, ein bisschen Gesellschaft könnte dir nicht schaden«, antwortete der Volleyballer wahrheitsgetreu.
Kaori schnaubten. »Nun, bis vor zehn Minuten war Großmutter noch meine Gesellschaft. Sie wollte uns eigentlich nur einen Tee holen...«, grummelte die Dunkelhaarige leise und schien das Oberhaupt ihrer Familie insgeheim zu verfluchen.
Bokuto beobachtete ihre verbissene Miene amüsiert, eher er sie mit dem Fuß seiner Gehhilfe an stupste.
»Davon abgesehen, wollte ich dich sehen.«
Kaori hielt dabei inne, ihren Zeigefinger mit dem hochwertigen Kaschmir zu strangulieren, vermied es jedoch weiterhin, ihn anzusehen.
»Ist das so?«
»Ja. Du gehst mir aus dem Weg.«
»Stimmt doch gar nicht!«
»Stimmt wohl.«
»Tz, das bildest du dir ein. Ich bin nur schwer beschäftigt.«
»Mit deinem Projekt?«
Wie erwartet suchten Kaoris grünblauen Augen bei dieser provokanten Frage die seine.
»...Nein«, zischte sie bissig, zeitgleich leuchtete ein wahres Inferno in ihrem Gesicht auf. Das gefiel Kōtarō- mehr, als es ihm zuvor bewusst gewesen war.
»Soll ich mal mit Ushiwaka reden?«
»Das hat keinen Zweck. Er will keine Hilfe, das hat er mir deutlich zu verstehen gegeben. Das muss ich akzeptieren- und du auch«, setzte Kaori eindringlich nach.
»Manche Leute sollte man zu ihrem Glück zwingen!«
»Scheiße nochmal!« Der Grauhaarige zuckte zusammen, so energisch hatte die junge Frau ihren Gitarrenkoffer zugeschlagen und sich zu ihm herumgedreht, »Was ist dein Problem, hn? Warum zum Teufel ist dir das alles so wichtig?«
In ihren Gesichtszügen malte sich ein wahres Unwetter an Emotionen ab: Entrüstung, Enttäuschung, Wut, Verzweiflung und... Angst.
Angst vor dem, was war.
Vor dem, was sich gerade um sie herum abspielte.
Aber am meisten vor den Dingen, die noch kommen konnten.
Es brachte Bokuto aus dem Konzept ihre offensichtliche Verletzlichkeit so hautnah zu erleben. Vermutlich, weil er selbst noch nie gezwungen war, sich mit derartigen Gefühlen auseinander zu setzen.
»Na, weil ich dich mag, Küken! Weil ich es nicht ertragen kann, dich unglücklich zu sehen!«
Es schmerzte, trotzdem erhob sich der hochgewachsene Sportler aus dem Sessel,
»Und weil die Welt es verdient hat, dein Talent zu sehen.«
Für einige Sekunden starrte sie ihn nur an und er ließ den Sturm in ihren Augen wüten- bis auf das Gewitter Regen folgte.
Ihre Tränen rannen hauchzart über die Blässe ihrer Wangenknochen, solange bis sie sich zu zarten Bächen verbanden und an ihrem Kinn herabperlten.
Jede einzelne von ihnen hinterließ einen tropfenförmigen Abdruck auf dem weichen Stoff ihren Pullovers- und letztendlich auch auf Bokutos, als er ihren Kopf sanft an seine Brust drückte.
Mit einer monotonen Bewegungen zeichnete der Volleyballer ihre Schulterblätter nach, spürte, wie sich ihre spärlichen Muskeln unter seinen Fingerkuppen immer weiter entspannten, wie der Druck in ihrem Körper nachließ und sie letztendlich ihre Arme um ihn schlang.
»Es ist ok, Angst zu haben, Kleine«, begann Kōtarō leise zu wispern, »Und es ist ok, zu scheitern. Man darf sich selbst nur nicht aufgeben.«
Kaori erschauderte unter seinen Worten, schmiegte sich danach allerdings noch etwas enger an ihn. Er konnte ihren schnellen Herzschlag auf seiner Haut spüren, den Duft ihrer frischgewaschenen Haare riechen. Es vernebelte seine Sinne und als er sich beinahe dazu hinreißen ließ, seine Nase in die dunklen Strähnen zu versenken, erbebte ihr Körper. Bokuto ließ erschrocken von ihr ab, umgriff mit seinen großen Händen ihr schmales Gesicht, doch anstatt in von salzigen Tränen verquollene Augen zu blicken, erkannte er, dass sie lachte.
Zaghaft.
Abgehackt.
Aber sie lachte.
»Weißt du was? Du bist sowas von ätzend.«
Der Grauhaarige atmete erleichtert aus. »Man, Küken, hör´ auf mir immer einen Schrecken einzujagen...«
»Erst, wenn du damit aufhörst, mir auf die Nerven zu gehen.«
Die beiden musterten sich einen Moment, eher sich ihre Münder zeitgleich zu einem breiten Grinsen verzogen.
»Keine Chance!«, lautete Bokutos klare Antwort, woraufhin Kaori ein hastiges: »Das ist gut«, ausstieß.

Für einige Atemzüge verharrten sie in ihrer Position, seine Hände stark und beschützend um ihre Wangen gelegt. Kōtarōs Daumen malte ihre Konturen nach, die Erhebungen ihrer Haut, unter denen sich ihre Knochen abzeichneten, solange bis er an ihren Lippen angekommen war, die von dem stetigen darauf herumbeißen wund waren.
Die so wunderschöne Melodien formen konnten.
Die ihn mit einem Mal dazu verführten, sie-
»Willst du noch ein Lied hören?« Bokuto hielt inne, als Kaoris warmer Atem seine Fingerkuppe streifte.
Ihre Regenbogenhaut glänzte im fahlen Licht undurchschaubar und doch irgendwie neugierig.
»Klar, Kleine«, raunte er, überrascht davon, wie kratzig seine Stimme mit einem Mal klang.
Als hätte er tagelang geschwiegen. Oder als hätte er in so viel mehr eingestimmt, als nur einer einfachen Gitarrensession. Die Studentin lächelte sanft und bot ihm an, neben ihr auf dem Bett Platz zu nehmen. Und während das Unwetter dort draußen immer heftiger wurde, begann sich das Chaos in Bokutos langsam zu legen.



➣ »And if you're in love, then you are the lucky one
'Cause most of us are bitter over someone«
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