『Teenage Robot』 || 『Auflösung.』

von Rayllum
GeschichteDrama, Angst / P16
15.01.2020
11.10.2020
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15.01.2020 5.526
 
Sheldon Oswald Lee stand allein in seinem Badezimmer, so nackt wie am Tag seiner Geburt, und versuchte, im Spiegel seinen Hintern zu untersuchen. So wie er sich herumdrehte und versuchte, seine schmerzende Haut zu untersuchen, war es eine äußerst seltsame Position, in der er sich befand.
    Sein Hintern war eindeutig wund und gerötet, aber soweit er es beurteilen konnte, war sie nicht verletzt. Und so sehr es auch wehtat, schien es nicht schlimmer zu sein als ein fieser Sonnenbrand – woran er mit seiner hellen Haut auch gewöhnt war.
    Er griff im Medizinschrank nach der fast leeren Dose Solarcaine und sprühte den Rest des Medikaments auf seine wunden Pobacken. Erleichtert seufzte er auf, als das Spray den brennenden Schmerz abkühlte.
    Als er mit Zufriedenheit feststellte, dass die restliche Medizin aufgetragen und das Stechen abgeklungen war, atmete er tief ein... und langsam wieder aus.
    Tja..., dachte er sich verbittert. Dann ist es vorbei... es ist wirklich vorbei...
    Er dachte jedoch nicht an das Spray, das seinen Schmerz betäubte.
    Er dachte an etwas anderes, etwas, was ihm viel mehr am Herzen lag und – wie ihm nun klar wurde - zu einem Ende gekommen war.

Die Global Response Unit XJ-9 – auch „Jenny“ von ihren Freunden genannt – war der Teenage Robot, der die Erde beschützte und in der Kleinstadt Tremorton in den USA lebte. Sie schoss gerade durch den Himmel empor und machte sich nach einem besonders anstrengenden Tag auf den Weg nach Hause.
    Ihr Leben war absolut ereignisreich. Praktisch jeden Tag musste sie sich mit allem Möglichen herumschlagen – von Armeen feindlicher Alieninvasionen aus dem Weltall bis hin zu riesigen Monstern, die in der Stadt randalierten. Es erstaunte sie immer wieder, wie eine sonst so kleine, ruhige, geradezu schlafende Stadt es stets schaffte, regelmäßig solche Notlagen anzuziehen...
    Aber heute hatte sie keine Zeit, sich darüber den Kopf zerbrechen. Heute war sie wütend. Nein, sie war nicht nur wütend. Sie war zornig!
    Wie konnte er nur?!, dachte sie sich, leise vor sich hin kochend. Wie konnte er nur?! Die ganze Zeit über...! Die ganze Zeit über hat er mich angelogen... mich getäuscht... Geheimnisse vor mir bewahrt und mich ausspioniert! Und er denkt ernsthaft, er sei ein Freund! Ja, und was für einer noch dazu!
    Sie war derartig in ihre eigenen, wütenden Gedanken versunken, dass sie beinahe an ihrem eigenen Haus vorbeigeflogen wäre. Abrupt hielt sie an, neigte ihren Kopf nach unten und schoss geradewegs auf ihr Haus zu. In der letzten Sekunde zog sie sich nach oben, bevor sie auf die Eingangsschwelle knallte, nur um sanft auf ihren Füßen zu landen. Sie hielt ihren Finger vor das Schlüsselloch der Haustür, welcher einen eingebauten Hausschlüssel preisgab. Sie steckte den Schlüssel in das Loch, öffnete die Tür und trat ein. Dann knallte sie lautstark die Tür hinter sich zu.
    „Hast du es rechtzeitig geschafft, um –“, erkundigte sich Dr. Wakeman, Jennys Erzeugerin.
    „Ja!“, schrie Jenny.
    „Was ist los?“, fragte Dr. Wakeman. „Was ist passiert? Ist etwas vorgefallen?“
    „Nein! Nichts ist passiert!“, fauchte Jenny.
    „Also irgendetwas muss passiert sein! Und jetzt sage mir, was –“
    „Ich will nicht darüber reden!“, rief Jenny und stürmte die Treppe zu ihrem Zimmer hoch.
    „XJ-9–“, presste Dr. Wakeman hervor und zog dabei die „Neun“ in die Länge, so wie sie es immer tat.
    „MUTTER! Ich sagte, ich will nicht darüber reden!“, motzte Jenny und ließ die Tür ihres Schlafzimmers so krachend ins Schloss fallen, dass die Scharniere komplett durchbrachen... und auch ein großes Stück der Wand mit herausrissen.
    Dr. Wakeman seufzte lediglich. Teenager!, dachte sie sich. Wieso musste ich ausgerechnet einen Teenage Robot bauen?!
    Jennys ‚Schwestern‘ 1 bis 8 – die übriggebliebenen Einheiten der XJ-Serie – kamen wenig später zu Hause an, und als sie da waren, setzten sie Dr. Wakeman genauer über die Ereignisse in der geheimen Regierungsagentur ins Bild. Ihr Gesicht wurde so weiß wie ihre Haare, und ihre Kinnlade fiel nach unten, als sie ihr die Geschichte erzählten.
    Nachdem sie endlich fertig waren, drehte sich Dr. Wakeman um und rannte die Treppen zu Jennys Zimmer hoch.
    Ich muss ein ernstes Wörtchen mit der jungen Dame reden!, dachte sie, während sie nach oben ging.

Nachdem er dem aufgesprühten Solarcaine genug Zeit zum Trocknen gegeben hatte, fing Sheldon an, sich anzuziehen. Zuerst zog er sich seine Unterhose über, und dann warf er sich seine bequeme Alltagskleidung über: Jeans, T-Shirt und seinen rotbraunen Hoodie. Er gab sein Bestes, das Ganze von der positiven Seite zu betrachten. Er tröstete sich mit der Tatsache, dass er wenigstens wieder seine alten, gemütlichen Klamotten tragen konnte und nicht mehr mit gruseligem, schwarzem Anzug und Krawatte herumlaufen musste... Aber er wusste, dass der Versuch vergebens war; diesmal gab es keine ‚positive Seite‘. Nicht jetzt. Nicht mehr.
    Und nie wieder. Dem war er sich jetzt auch bewusst.
    Während er so auf dem Bett saß und seine Sneakers zuschnürte, dachte er gründlich nach – und wusste, was er tun musste. Es würde schwierig, sogar schmerzhaft sein. Doch er musste es tun. Er wusste es, denn er musste die Vergangenheit loslassen, ehe er nach vorne schreiten konnte. Er hatte keine Wahl. Alle Verbindungen waren abgebrochen, und dieses Mal konnte man sie nicht reparieren. Es gab kein Zurück mehr.
    Mit inzwischen fest zugeschnürten Schuhen ging er zu seinem Schrank, öffnete ihn und schaute traurig auf den kleinen Schrein,      den er Jenny Wakeman, der ‚Liebe seines Lebens‘ gewidmet hatte. Bilder, Fotos, Zeitungausschnitte... sogar eine kleine, plastische ‚Actionfigur‘, die ein Ebenbild von ihr war. Diese war nun von ihm umprogrammiert worden, damit sie sicher und nicht mehr in der Lage war, von Krakus‘ bösen Absichten ferngesteuert zu werden.
    Er warf einen letzten Blick auf die Inhalte dieses kleinen Schreins... bevor er vorsichtig anfing, die Gegenstände zu entfernen, einen nach dem anderen. Jedes Bild, jedes Foto und jeder einzelne Zeitungsausschnitt von Jenny wurden abgenommen, einer nach dem anderen, und mit bedächtiger Vorsicht in Stücke zerrissen und in den Mülleimer geworfen. Sheldons Augen füllten sich mit Tränen, während er sich dieser schmerzenden Aufgabe widmete. Er hatte sich geschworen, nicht zu weinen, aber er konnte nicht anders. Mit jedem entfernten und zerstörten Gegenstand sprach Sheldon wie ein Mantra vor sich hin: Es ist vorbei... Es ist vorbei... Dieses Mal ist es wirklich vorbei... Gelegentlich machte er eine Pause und betrachtete ein Foto oder einen Zeitungsausschnitt einen Moment länger. Es waren besonders ergreifende Merkmale, welche die Hingabe zu seinem Objekt der Begierde verdeutlichten und das Ereignis hervorriefen, als er sie zu seiner Sammlung hinzugefügt hatte. Es war eine kurze Erinnerung an eine bessere Zeit. Sie hielt jedoch nur einen Moment an... bevor er wieder feuchte Augen bekam und diesen Gegenstand mit all den anderen in den Mülleimer warf.
    Den letzten Gegenstand, den er entfernte, war die kleine ‚Action Jenny‘-Plastikfigur, die ganz oben auf seinem Schrein stand. Ein ehrenwürdiger Platz, wie er einst dachte. Seine Hände zitterten, als er vorsichtig die Figur herunternahm und sie zärtlich festhielt. Während er das tat und sie jetzt betrachtete, erinnerte er sich daran, wie glücklich er war, einer der ersten in der Schlange gewesen zu sein, um die Figur zu kaufen, als sie erstmals auf dem Markt erschienen war. Wie sehr er sich gefreut hatte, einer der ersten Glücklichen zu sein, die ein signiertes Foto von Jenny bekommen hatten, als sie an dem Tag persönlich im Laden aufgetaucht war. Obwohl sie nicht sehr viel Zeit gehabt hatte, um mit ihm zu reden – was sie andererseits auch nicht hatte –, erinnerte er sich immer noch an den Nervenkitzel und die Freude, die er gefühlt hatte, nur um ihr Bild zu kriegen, ihr Autogramm, und ihr sogar für ein paar Sekunden ganz nahe zu sein. Er schaute auf das schöne, aufgemalte Gesicht der Figur. Es sah so süß und niedlich aus, ganz wie es Jenny selbst einmal gewesen zu sein schien. Ganz am Anfang, als er sie das erste Mal gesehen hatte...
    Bevor er hinter ihre wahre Natur gekommen war, dahinter, wie sie wirklich im Inneren war. Bevor er ihm klargeworden war, dass ihre trügerisch aussehende Anmut an der Oberfläche nur eine Lüge war, ein grausamer Witz, der zum Täuschen diente.
    Jetzt dienten die kleine Actionfigur, all die Fotos und die anderen Denkwürdigkeiten in seiner Jenny gewidmeten Sammlung nur als eine harsche Erinnerung daran, wie naiv er gewesen war, und wie jämmerlich er sich vom Äußeren hatte täuschen lassen.
    Für einen kleinen Moment hielt er die Figur noch in seinen Händen, ehe er sie zu den anderen ausrangierten Gegenständen warf.
    Nachdem er den letzten entfernt und entsorgt hatte, schloss er die Schranktür, ging an seinen Schreibtisch und fuhr seinen Computer hoch. Sobald dies erledigt war und er lief, fing Sheldon an, die Ordner auf seiner Festplatte durchzugehen. Dasselbe galt für die USB-Sticks und die ZIP-Dateien, die er aufbewahrt hatte. Während er sorgfältig durch die einzelnen Ordner ging, begann Sheldon, systematisch alle Dateien mit den Plänen, Diagrammen und die Designbeschreibungen für die einzelnen Geräte, Dinge, Erfindungen und Anhänge zu löschen, die bereits seit Wochen in der Planungsphase waren – alles Geschenke, die er Jenny eines Tages geben wollte. Geschenke, die, wie er nun realisierte, nie von ihr akzeptiert oder wertgeschätzt werden würden, so wie sie niemals etwas von dem wertschätzte, was er für sie getan hatte. Schweren Herzens wählte er jede einzelne Datei aus, eine nach der anderen, und gab den Befehl ein, sie endgültig zu löschen. Es war eine schmerzende Aufgabe, da all die Arbeit, die er aus purer Liebe in sie investiert hatte, nun verkümmert war.
    Als die letzte Datei sowohl von der Festplatte, als auch von den Datensicherungen gelöscht war, fuhr Sheldon seinen Computer herunter, ging langsam zu seinem Bett, setzte sich hin...
    Und heulte sich aus.
    Er erinnerte sich daran, dass es getan werden musste. So schmerzhaft, so herzzerreißend es auch war, er musste einfach nur die Dateien löschen. Sie hatten keinen Zweck mehr, also hatte es auch keinen Sinn mehr, sie zu behalten. So wie der kleine ‚Jenny-Schrein‘ waren sie nur schmerzvolle Erinnerungen an etwas, was – wie er nun wusste – niemals passieren würde.
    Denn jetzt wusste er zweifelsohne...
    Dass Jenny Wakeman, das Robotermädchen, die Liebe seines Lebens, die er verehrt hatte...
    Ihn hasste.

Jenny lag auf ihrem Bett, die Arme hinter ihrem Kopf verschränkt, und starrte an die Decke, als wollte sie mit ihren Laserstrahlen Löcher hineinbohren.
    Ein leises Klopfen war an ihrer Schlafzimmertür zu hören. „XJ-9?“, ertönte Dr. Wakemans Stimme von der anderen Seite. Sie klang sanft, aber entschlossen. Und ernst. „XJ-9? Darf ich hereinkommen...? Ich würde gerne ein ernstes Wörtchen mit dir reden, junge Dame!“
    Jenny blieb stumm.
    Langsam und vorsichtig öffnete Dr. Wakeman die Tür und guckte ins Zimmer hinein. Sie sah ihre Robotertochter, wie sie sich auf dem Bett ausgestreckt hatte. Ihr schönes Gesicht wurde nun durch einen finsteren Blick verhärtet. Für einen kurzen Moment war Dr. Wakeman über ihre eigene Genialität erstaunt, dass sie es geschafft hatte, dem Gesicht eines Roboters eine ganze Bandbreite an menschlichen Mimiken zu konstruieren. Dann erinnerte sie sich daran, warum sie hier war.
    „XJ-9?“, fragte sie erneut.
    „Mutter, bitte!“, antwortete Jenny mit leichter Eindringlichkeit. „Ich möchte einfach alleine sein. Ich will nicht darüber reden!“
    Normalerweise schätzte Jenny es, wenn ihre Erzeugerin sich um sie sorgte, aber dann gab es Momente, in denen sie sich einfach nur wünschte, alleine zu sein. Das hier war einer von ihnen.
    „Jetzt hörst du mir mal zu, junge Dame!“, fing Dr. Wakeman an. Ihr Geduldsfaden fing schon an zu reißen. „Ich habe einige Fragen bezüglich dessen, was heute passiert ist. Und ich erwarte Antworten! Hast du mich verstanden?“
    Jenny wandte das Gesicht von ihrer Erzeugerin ab und starrte an die Wand.
    „Jetzt weiß ich doch, dass irgendetwas da draußen vorgefallen ist! Ich habe Teile von deinen Schwestern gehört und –“
    „Dann nehm ich mal an, dass sie dir alles erzählt haben, oder? Wer hat’s dir gesagt? War es XJ-6? Sie war es, oder?! Diese alte Petze!“
    „Es war nicht XJ-6 –“
    „Wer dann?! Wer ist das Plappermaul? XJ-5?“
    „Niemand hat ‚geplappert‘, wenn du es so ausdrücken willst. Das mussten sie gar nicht. Also, ich weiß nicht genau, was passiert ist oder was genau du da draußen gemacht hast, aber Fakt ist, dass jetzt gerade deine Schwestern alle Todesangst vor dir haben!“
    Diese Worte machten Jenny fassungslos. Sie drehte sich wieder, um ihre Mutter direkt in die Augen zu gucken. „Sie haben was?“, fragte sie ungläubig. „Sie haben Todesangst?! Vor mir?!“ Sie konnte gar nicht glauben, was sie da hörte.
    „Von dem Bisschen, was ich aus ihnen herausbekommen habe, dachten sie alle, dass bei dir eine Sicherung durchgebrannt ist oder so! Sie dachten, dass du völlig durchgedreht bist! Sie haben dich noch nie so wütend gesehen! Noch nie! Jetzt gerade haben sie sogar Angst davor, dir zu nahe zu kommen!“
    Jenny starrte weiterhin ihre Erzeugerin an. Sie konnte es immer noch nicht glauben. „Sogar...“, setzte sie an. „Sogar... XJ-8...?“ Jenny konnte sich nicht vorstellen, dass XJ-8 vor irgendetwas oder irgendjemandem Angst hatte.
    „Sogar XJ-8“, antwortete Dr. Wakeman und hielt einen Moment inne. „Jetzt weiß ich, dass irgendetwas auf diesem Gelände vorgefallen ist, und du bist offensichtlich aufgebracht deswegen.“ Sie machte wieder eine Pause und wartete auf eine Antwort seitens ihrer Tochter. „Von XJ-1 bis XJ-8 hat mir bis jetzt jede ihre Version der Geschichte erzählt... und jetzt würde ich gerne deine hören...“ Sie wartete ab und hoffte wieder auf irgendeine Antwort von ihrer Tochter, aber Jenny drehte sich lediglich weg und starrte wieder an die Decke. Der finstere Blick hatte sich dabei wieder in ihr Gesicht geschlichen.
    „Geht es um Sheldon?“, fragte Dr. Wakeman leise. „Hat er dir etwas angetan? Bist du sauer auf ihn geworden?“ Sie hielt inne und setzte an: „Oder hast du ihm etwas ange –“
    „MUTTER!“, blaffte Jenny und unterbrach sie hiermit. „Ich sagte doch, ich will nicht darüber reden!“ Und damit drehte sie sich endgültig weg, um die Wand anzustarren.
    Dr. Wakeman seufzte. Sie wusste aus eigener Erfahrung, dass es sinnlos war, mit XJ-9 zu reden, wenn sie so gelaunt war, doch sie wusste auch, dass Sheldon irgendwie involviert war. Von daher hatte sie eine ziemlich gute Vermutung, warum ihre Tochter so gelaunt war. Sie beschloss, dass es besser wäre, ihrer roboterhaften Tochter erst einmal Zeit zu geben, um ihre Kreisläufe herunterzufahren, sich zu beruhigen und zu einem späteren Zeitpunkt über die Geschehnisse zu sprechen, wenn sie eben bereit dazu war.
    Und somit drehte sie sich um und ging zur Tür. „Okay“, sagte sie sanft. „Na schön. Ich lasse dich fürs Erste alleine. Aber das ist noch nicht vorbei, junge Dame! Wir werden das ausdiskutieren! Wenn du bereit bist, mit mir darüber wie eine Erwachsene zu reden, dann werden wir darüber reden, und ich erwarte ein paar Antworten. Habe ich mich klar ausgedrückt?“
    „Ja, Mutter...!“, antwortete Jenny widerwillig.
    Damit ging Dr. Wakeman weg und schloss vorsichtig die zerstörten Überbleibsel ihrer Tür hinter sich.
    Sie versteht einfach nicht, wie ich mich fühle!, dachte Jenny. Sie wird es auch niemals verstehen! Wie kann sie auch? Wurde sie schon mal von jemandem betrogen? Von einem sogenannten ‚Freund‘? Von jemandem, wo ich zu blöd war, um zu denken, dass ich ihm vertrauen kann? Sie versteht es einfach nicht...!

Nach einer Weile begannen Sheldons Schluchzer abzuklingen, und er wischte die Tränen von seinen geröteten, geschwollenen Augen weg. Er grübelte darüber nach, was das alles bedeutete und welchen unangenehmen Ergebnissen er nun gegenüberstehen musste.
    Es war nicht nur Herzschmerz, den er empfand, weil Jenny ihn – wieder einmal – abgewiesen hatte. Er war daran gewöhnt; er hat sich bereits von Anfang an damit herumgeschlagen, seitdem er sie das erste Mal getroffen hatte. Also war das auch nichts Neues.
    Und es war nicht einfach nur die Tatsache, dass Jenny ihn nicht mochte; daran war er auch gewöhnt. Er wusste, dass Jenny ihn nicht mochte, dass sie ganz einfach kein Interesse daran hatte, mit ihm zusammen zu sein – denn das hatte sie bereits vor langer Zeit klargestellt! Und dennoch hatte er in seinem Hinterkopf immer die Hoffnung behalten – eine sehr kleine, sehr hartnäckige und sehr sture noch dazu –, dass, wenn sie wenigstens bereit wäre, mit ihm befreundet zu sein, er vielleicht eines Tages... eines Tages... in der Lage wäre, Jenny für sich zu gewinnen, sich vor ihr zu beweisen, zu beweisen, dass er ihr würdig war und ihr Herz zu erobern.
    Er hatte die längste Zeit über an diesem Glauben und dieser Hoffnung festgehalten. Angesichts all der Hindernisse, all der Rückschläge und all der endlosen Zurückweisungen und Demütigungen hatte er diese Hoffnung gehegt, dass er eines Tages seinen Herzenswunsch erfüllen und ihre Liebe gewinnen kann. Er hatte sich zum Narren gehalten, immer und immer wieder, in seinem Streben nach Jenny, und dabei hatte er sich zum Witzbold der Tremorton High gemacht.
    Klar, natürlich achten sie alle, dass es ‚komisch‘ oder ‚seltsam‘ war, sich so stark angezogen zu Jenny zu fühlen, dem Robotermädchen, aber wen kümmerte es, was sie dachten? Natürlich würden sie denken, dass er sich nur für sie interessierte, weil sie ein Stück Technologie war. Es zeigte nur, wie wenig sie wussten. Wie konnten sie es überhaupt verstehen? Diejenigen, die Jenny für einen ‚Freak‘ hielten; wie konnten sie überhaupt verstehen, dass er das, was sie als ‚Freak‘ ansahen, unbeschreiblich schön fand? Wie konnten sie überhaupt erstehen, dass die Liebe, die er für Jenny empfand, über ihr Äußeres hinausging? Klar, ihre roboterhafte Art – mit der Tatsache, dass sie ihn vor den Mobbern verteidigt hatte – war das Erste, was ihm an ihr auffiel.
    Aber mit der Zeit entwickelte sich dieses Gefühl in etwas anderes, in etwas komplett anderes. Es war ein Gefühl, das viel stärker war. Mit der Zeit war es das Mädchen innerhalb des Stahls und der Kreisläufe, das zu seiner Quelle der Inspiration wurde; das Mädchen hinter der stählernen Fassade, welches er lieben, verehren und schätzen lernte. Wie konnten die anderen in der Schule überhaupt solche Dinge wissen oder verstehen? Und deswegen lachten sie natürlich über ihn; so wie sie über alles lachten und alles und jeden verspotteten, was sie nicht verstanden.
    Es war auch nicht mal sexueller Natur, trotz der vulgären und geschmacklosen Witze, die er von den anderen Schülern über sich ergehen lassen musste. Nein, es war etwas viel Stärkeres, etwas viel Erhabeneres. Es war eine tief verwurzelte, geistige Art der Liebe, eine tiefe, tiefe Zuneigung und die größte Achtung, die Sheldon je für ein Mädchen empfinden konnte. Damals schien Jenny ihm wie die Darstellung seiner höchsten Ideale in einem Mädchen vorzukommen, und auf einer derartig verfeinerten Ebene konnte die Idee von irgendetwas Sexuellem gar nicht erst miteinbezogen werden. Sie war stark, wunderschön, ansprechend und – wenigstens am Anfang – freundlich, so wie damals, als sie ihn gegen die Mobber im Werkunterricht verteidigt hatte.
    Wie können diese Idioten in der Schule überhaupt solche Dinge nachvollziehen, geschweige denn verstehen?, dachte er sich. Ach, lass sie lachen. Lass sie sich doch kaputtlachen. Sie spiegeln nur ihre eigene Ignoranz wider.
    Und bis jetzt hatte sich Sheldon auch nicht sonderlich darum gekümmert. Bis jetzt hatten ihm das Gelächter und die Sticheleien seiner Schüler nicht das Geringste ausgemacht. Alles was zählte, war diese Hoffnung, diese klitzekleine Chance, dass er Jenny eines Tages zeigen konnte, dass er es wert war, und dass er sie für sich gewinnen konnte. Diese Hoffnung – so klein sie auch sein mochte – reichte ihm schon; es war ausreichend, um das Gelächter und den Spott zu ertragen.
    Aber nun war diese Hoffnung weg. Für immer. Das wusste er inzwischen. Er wusste, dass all seine Versuche sinnlos gewesen waren. Er hatte wirklich alles versucht, um Jenny zu erobern... doch es machte keinen Unterschied. Es war hoffnungslos...
    Denn jetzt wusste er etwas, was ihm vorher nicht klargewesen war: Es war nicht so, dass Jenny ihn nicht bloß hasste. Sie war nicht nur nicht an ihm interessiert oder ihm gegenüber sogar völlig gleichgültig. Nein... Jenny hasste ihn. Sie hasste ihn wirklich vom ganzen Herzen.
    Es war die einzige Erklärung; die einzige, die Sinn machte. Wie konnte er es sich denn sonst erklären? Wie konnte er sich sonst diese abscheuliche, unverzeihliche Grausamkeit erklären, die sie ihm an den Tag gelegt hatte, nachdem sie von seinem Verrat erfahren hatte? Wie konnte sie ihm so etwas nur antun? Nach all den Dingen, die er für sie getan hatte, all die Freundlichkeit und die Sorge, die er ihr stets gezeigt hatte, seit sie sich kannten, und auch nachdem er sie in dieser Regierungsagentur verteidigt hatte – nach allem, was er für sie getan hatte, nur damit sie sich gegen ihn wenden und ihn angreifen konnte! Es war abscheulich!
    Und es war schon schlimm genug, dass sie sich gegen ihn gewendet hatte; was das Ganze aber noch schlimmer machte – noch viel schlimmer und auch noch so unbeschreiblich grausam –, war die Tatsache, dass sie ihre Kräfte gegen ihn verwendet hatte! Das war der Teil, den Sheldon am unentschuldbarsten fand. Er war ihr gegenüber ganz und gar hilflos, und trotzdem hatte sie ihn ohne Gnade attackiert! Wie konnte sie nur so etwas tun?, fragte er sich.
    Mittlerweile war es so offensichtlich, dass Sheldon sich fragte, warum er es nicht vorher erkannt hatte. Er hätte es von Anfang an sehen sollen, doch er hatte es nicht getan. Oder wahrscheinlich hatte er das gar nicht sehen wollen. Nun hatte er keine Wahl mehr; die Wahrheit war so eindeutig, dass er sich nicht mehr länger davor verstecken konnte. Ohhhhhhhhh!, dachte er sich auf eine elendig bemitleidenswerte und angewiderte Art. Ich fühle mich wie ein Trottel! Nein, wie ein richtiger Vollidiot!
    Und während er so darüber nachdachte, erinnerte er sich an die verschiedenen Weisen, in denen Jenny vorher schon grausam gewesen war. Eigentlich hätten diese ihm vor ihren wahren Gefühlen für ihn warnen sollen. Wie zum Beispiel, als er damals ihre Blaupausen gestohlen hatte, und wo Jenny ihre überlegene Stärke anwandte, um ihn dafür zu pulverisieren. Sie hätte das gar nicht tun müssen. Klar, sie hatte einen guten Grund, um sauer auf das zu sein, was er getan hatte, das konnte er nicht leugnen. Trotzdem war das keine Rechtfertigung dafür, dass sie sich ihm gegenüber absichtlich so unbarmherzig aufgeführt hatte. Immerhin hatte er gewusst, dass das, was er getan hatte, falsch war; er hatte es zugegeben und sich sofort dafür entschuldigt. Also wieso musste sie deswegen so rachsüchtig sein? Und es mit solch einem Genuss tun!, rief er sich ins Gedächtnis, und ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken.
    Oder dann gab es auch noch dieses andere Mal, wo sie ihn 80 Jahre lang im Weltraum gelassen hatte, und als er dann letztendlich als alter Mann wieder auf die Erde zurückgekehrt war, hatte sie sein Alter auf das eines Babys zurückgeschraubt und ihn erneut zurückgelassen, woraufhin er dann bei diesen Weltraumpiraten gelandet war! Ohne auch nur einen Gedanken an ihn zu verschwenden oder sich um ihn zu scheren! Wie konnte sie so etwas nur tun?, fragte er sich wieder. Hat sie denn überhaupt keine Gefühle?
    Ihm wurde jetzt klar, dass allein dieser Vorfall ihn an ihr wahres Wesen erinnern sollte. Denn wie konnte sie sonst etwas so derartig Herzloses zu tun, wenn sie ihn nicht komplett hasste?
    Damals war er so sauer auf das, was sie getan hatte, dass er sich schwor, ihr niemals wieder zu vergeben. Und damals meinte er es auch vom ganzen Herzen ernst. Und er hatte es ihr sogar noch gesagt! Doch wie hatte sie reagiert? Nachdem er ihr mitgeteilt hatte, wie verletzt und wütend er war, wie hatte sie reagiert? Es war ihr egal. Sie hatte nicht einmal das kleinste Anzeichen von Reue oder Bedauern gezeigt. Stattdessen hatte sie lediglich gelächelt und gedacht, dass er scherzen würde. Scherzen! Sie hatte sein Leben zerstört, sich so wenig damit auseinandergesetzt und dann so getan, als ob das alles ein großer Witz gewesen wäre!
    Herzlos!, dachte er sich. Absolut herzlos!

    Und obwohl Sheldon damals so wütend war, obwohl er sich mit feurigem Eifer geschworen hatte, Jenny nie wieder für ihre Taten zu ergeben, merkte er mit der Zeit, dass er eigentlich dazu bereit und in der Lage war, ihr trotzdem zu vergeben und ihr eine letzte Chance zu geben. Er realisierte nun, dass es ein Fehler war, aber er hatte ihr einfach so vergeben.
    Doch nicht jetzt. Nicht dieses Mal. Und auch sonst nie wieder. Das hatte das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht. Von diesem Tag an gäbe es keine Vergebungen mehr, keine zweiten Chancen mehr. Nicht jetzt. Und auch sonst nicht mehr. Dieser abscheuliche, unaussprechlich grausame Betrugsakt ihrerseits hatte die Grenze des Erlaubten überschritten und war, soweit er es beurteilen konnte, vollkommen unverzeihlich.
    Also, damit er nicht mehr daran zweifeln musste: Jenny hasste ihn, dem war er sich mittlerweile sicher. Aber was er immer noch so rätselhaft daran fand, war wieso?! Wieso hasste sie ihn so sehr? Was hatte er ihr je getan, dass sie ihn so sehr hasste? Sicher, er machte dumme Fehler und hatte auch dumme Sachen getan; aber er hatte nichts davon aus Bosheit, Gehässigkeit, Knauserigkeit oder sonstigen bösen Absichten gemacht. Er war einzig und allein durch Liebe motiviert, das war alles. Es war eine törichte Liebe, wie ihm klar wurde, aber es war immer noch Liebe. Dennoch hatte Jenny ihn oft viel schlimmer als ihre ärgsten Feinde behandelt. Sogar den gehassten Ätzcousinen wurde selten – wenn überhaupt – eine solche Behandlung durch Jenny zuteil. Und trotzdem hatte sie ihm oftmals so behandelt; es war fast schon selbstverständlich.
    Im Nachhinein merkte Sheldon, dass ihm vor langer Zeit hätte klar werden müssen, dass Jenny ihn hasste. Es gab so viele Andeutungen, so viele Hinweise, die ihn darauf hätten hinweisen sollen, und er hatte sie allesamt ignoriert.
    Und dennoch war der am meisten schmerzende Beweis von allen der, der ihm schon lange hätte zeigen sollen, wie wenig Jenny von ihm hielt. Zudem war es auch der kleinste und feinste; eigentlich war es ein Vorfall, der nicht einmal etwas Körperliches involvierte, doch es tat ihm fast noch mehr weh. Für einen normalen Beobachter hätte es wie ein kleiner Vorfall ausgesehen. Trotzdem hatte es ihm damals so sehr zugesetzt, auf so vielen Ebenen, dass er nie wirklich darüber hinweggekommen war.
    Es war damals, als er und Dr. Wakeman Vexus‘ Raumschiff kurzgeschlossen hatten, damit sie zum Cluster Prime konnten, um Jenny vor einem Verderben zu retten, von dem sie ausgegangen waren. Sie hatten gemeinsam so hart gearbeitet und beide ihre Leben riskiert, als sie durch einen vielseitigen Wirbel gedüst waren, um dorthin zu gelangen. Dabei hatten sie sich schrecklichen Gefahren gestellt und nie ganz gewusst, was sie auf der anderen Seite erwartete.
    Und dann... als sie letzten Endes auf dem Cluster Prime angekommen waren und Sheldon auf die Knie gefallen war und Jenny anbettelte – bettelte! –, zu ihnen auf die Erde zurückzukehren...
    Hatte sie ihn kaum zur Kenntnis genommen. Sie hatte nicht einmal gelächelt. Sie war eindeutig nicht glücklich, ihn zu sehen. Sie hatte nicht einmal ein Wort mit ihm gewechselt. Sie hatte ihn bloß verwirrt angestarrt, als wäre er irgendein krabbelndes Insekt, das vor ihren Füßen aus dem Boden aufgetaucht ist.
    Oh, Jenny hatte sich natürlich gefreut, ihre Mutter zu sehen, und sie war auch glücklich, ihre Freunde Brad und Tuck zu sehen, als diese kurz darauf aus dem Nichts angekommen waren. Alle drei hatte sie mit großen, freundlichen Umarmungen empfangen. Umarmungen für jedermann. Jeder war glücklich...
    Jeder außer Sheldon.
    Sheldon wurde ausgeschlossen. Sheldon wurde ausgelassen. Sheldon wurde wie sonst ignoriert.
    Zu dem Zeitpunkt hatte er es natürlich gemerkt, aber wenig dazu gesagt. Und ganz tief drinnen schmerzte es.
    Dieselbe Situation hatte sich einige Tage später nochmal zugetragen, nachdem die Bedrohung des Clusters vorbei war und Jenny ihre besondere Ehrenmedaille für ihren Heldentum überreicht bekommen hatte. Als dies geschah, hatte Jenny ihre Mutter, Brad und Tuck mit Umarmungen geradezu überhäuft. Aber nicht Sheldon. Er wurde wieder einmal ausgeschlossen, absichtlich, wie er sogar dachte. Ausgelassen und vergessen.
    Die Tage danach hatte Sheldon kaum ein Wort mit irgendjemandem gewechselt. Natürlich waren alle froh darüber, dass das Schlimmste vorbei war, und sie waren so stolz auf alles, was Jenny getan hatte, um diese Krise zu beenden, dass niemand Sheldons Stille bemerkt hatte. Obwohl er sich selbst bei seinen Bemühungen, Jenny zu retten, sogar heldenhaft geschlagen hatte, wurde dies nie anerkannt. Niemand hatte sich je die Mühe gemacht, ihm auch nur zu danken.
    Der Vorfall beim Cluster Prime und seine Nachwirkungen war für Sheldon die erste Andeutung, wie nutzlos, wie hoffnungslos das alles war, und dass seine ganzen Bemühungen, um Jenny für sich zu gewinnen, ganz und gar verschwendet waren. Seine Meinung zu ihm hatte sich seit ihrer ersten Begegnung nicht im Geringsten geändert. Sie hielt ihn immer noch für nichts weiter als einen Geek und einen Loser, eine Pest und eine Nervensäge, die ignoriert und gemieden werden sollte, so wie sie es immer getan hatte. So wie es alle anderen taten.
    Dieser Vorfall hätte ihm schon damals etwas sagen sollen, wie er nun feststellte. Es hätte ihn auf die unvermeidlichen Dinge hinweisen sollen, die bevorstanden. Aber das tat es nicht. Vielleicht hätte er es als das sehen können, was es war, aber sich nicht erlaubt, es zu sehen; er war die ganze Zeit über aus freien Stücken blind geblieben. Und jetzt fühlte er sich wie ein purer, kompletter Vollidiot.
    Naja... das ist jetzt egal..., sagte er zu sich selbst. Es ist nun vorbei... es ist nun alles vorbei... Nie wieder würde er Jenny hinterherlaufen, sei es innerhalb oder außerhalb der Schule, hinter ihr her sein, versuchen, ihre Zuneigung zu gewinnen oder sogar ihre Freundschaft ausfindig machen. Nie wieder würde er Zeit und Energie in Geschenke für sie investieren oder ihr Gefallen tun. Nie wieder würde er sich vor ihr zum Narren machen. Denn er wusste inzwischen, dass das sinnlos war und er damit nur seine Zeit und seine Mühe verschwendete... Je mehr und mehr er zudem darüber nachdachte, desto mehr entschloss er sich, dass sie es ganz einfach nicht wert war…
    Aber es hätte so gut sein können, so wunderschön und wundervoll!, dachte er sich. Er hätte der allerbeste Freund sein können, den Jenny haben konnte; wenn sie ihm nur die Chance gegeben hätte. Er hätte alles für sie getan, alles, um sie glücklich zu machen. Doch alles was er anzubieten hatte, hätte sie nicht angenommen. Er hatte auf jegliche Art, die ihm einfiel, versucht, sie für sich zu gewinnen, und das ganz in seiner eigenen tollpatschigen Manier. Er hatte alles versucht... Doch das war egal. Es änderte eh nichts.
    Wenn sie ihm nur entgegengekommen wäre, glaubte er, dass er sich ihr gegenüber mit der Zeit beweisen hätte können – und wollen –, dem war er sich sicher. Aber sie hatte ihm ja gar nicht erst die Chance dazu gegeben. Und seine endlosen Akte der Freundlichkeit wurden mit Gleichgültigkeit bestraft. Oder mit absoluter Grausamkeit, so wie jetzt.
    Es hätte so gut sein können..., dachte er. Aber jetzt... war es zu spät. Es spielte keine Rolle mehr. Jetzt... kümmerte er sich nicht mehr länger darum...
    Von jetzt an schwor er sich, ihre Wünsche zu respektieren und für immer ganz, ganz weit von ihr entfernt zu sein. Er würde ihr nie wieder zu nahekommen, sie nie wieder ansehen und auch nie wieder mit ihr sprechen, sofern er es vermeiden konnte. Er würde ihr nie wieder die Gelegenheit geben, ihn als ‚gruseligen Stalker‘ abzustempeln; es waren genau die Worte, die er gehört hatte, als sie ihn beschrieb. Er würde ihr innerhalb von einer Million Meilen nicht zu nahekommen, wenn er sie dadurch meiden konnte. Und er würde ihr bestimmt keine Gelegenheit mehr geben, ihn zu verletzen. Nie wieder. Nie mehr... Es war vorbei...
    Es war ein sehr schmerzhafter Schwur für Sheldon, aber er wusste, dass es die einzige Chance war, die er hatte, das Einzige, was er noch für sie tun konnte: ihren Wunsch erfüllen und sie in Ruhe lassen... was genau das war, was sie von Anfang an von ihm gewollt hatte.
    Bei dem letzten Gedanken lief ihm ein Schauer über den Rücken, und er drückte sein Kissen fest an sich, während ihm weitere Tränen die Wangen hinabliefen. Er heulte bis tief in die Nacht hinein, bis er letztendlich an derselben Stelle einschlief und das Telefon von unten erst gar nicht klingeln hörte.