Susans Erinnerungen

GeschichteRomanze, Familie / P12
15.01.2020
29.06.2020
18
18.851
5
Alle Kapitel
22 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
05.06.2020 1.688
 
Hallo an alle!
Hier kommt das nächste Kapitel der Geschichte. Vielen Dank für die Favoriteneinträge, Empfehlungen und Reviews die ihr der Fanfiktion gebt!
Mir fehlt im Moment leider die Möglichkeit, Einzelheiten direkt nachzulesen und zu überprüfen, deswegen könnte es sein, dass ich hin und wieder Details aus den Verfilmungen rein mische. Sollte es euch auffallen und stören, sagt mir Bescheid. Ansonsten viel Spaß beim Lesen!
LG, Franzi


In der folgenden Nacht änderte sich alles endgültig.

Über einige Unterrichtsnotizen gebeugt saß ich zusammengesunken auf einer Bank am Rande des Schulgeländes und aß mein Pausenbrot. Am Nachmittag stand eine Geschichtsprüfung an: Leben und Glauben der Römer. Wenn es nach mir ginge, war das Thema war größtenteils langweilig und viel zu ausführlich gefasst, aber für meine Meinung interessierte sich hier natürlich niemand.
In Narnia war das anders gewesen. Aber wir waren nicht mehr in Narnia und in den Monaten die seither hatte ich mich schon beinahe wieder an das Leben hier gewöhnt. Tatsächlich war es mir gelungen, nicht mehr tagtäglich darüber nachzudenken was dort wohl gerade passierte.
Aber dann musste unser Lehrer ja unbedingt dieses Thema behandeln.
Meine Augen brannten jedes Mal von den zurückgehaltenen Tränen, wenn er von Faunen, Dryaden, Nymphen und Zentauren sprach.
So viele von ihnen waren unsere Freunde gewesen, hatten uns im Kampf gegen die Weiße Hexe und all die anderen Gegner Narnias geholfen.
Wie war es Herrn Tumnus wohl nach unserem plötzlichen Verschwinden ergangen? Feierten Faune und Dryaden immer noch so ausgelassene Feste wie zu unserer Zeit? Wie ging es den sprechenden Bibern?
Mein Blick blieb an der Abbildung eines Fauns hängen, die wir akkurat von der Tafel hatten abzeichnen müssen. So viel unterschied sie von den Faunen, die wir kennengelernt hatten und trotzdem erinnerte sie mich an Lucy’s eigene Zeichnung von Herrn Tumnus, die diese vor nun gut einem Jahr angefertigt hatte.
Einem Erdenjahr zumindest.
Ich spürte wie mir erneut Tränen in die Augen stiegen, als ich in die kalten, leicht verrückt glänzenden Augen der Abbildung blickte und sofort die Wärme und Freundlichkeit Herrn Tumnus vermisste.
Ich hörte Schritte und wischte mir erschrocken die Augen ab, bevor ich aufblickte und erkannte, dass Lucy auf mich zukam.
Sie setzte sich neben mich und bevor auch ihr Blick auf den Inhalt meines Heftes fallen konnte, klappte ich es schnell zu. Ich wollte sie nicht auch noch aufwühlen und beunruhigen, schließlich war ich die Ältere und musste für uns beide stark sein.
Meiner kleinen Schwester entging jedoch nichts so schnell und auch ohne die Zeichnung gesehen zu haben, erkannte sie meinen Kummer und umarmte mich fest. Auch wenn Lucy’s Vertrauen in Aslan größer als das meinige war und sie sich weigerte auch nur auszusprechen, dass wir vielleicht nicht zurückkehren würden, so verband uns doch die insgeheime Angst davor. Zumal wir nicht wussten, was wir dort vorfinden würden. Die Zeit verlief anders in Narnia, wie uns der Professor erklärt hatten.
So hielten wir einander bis sich auch Peter und Edmund zu uns auf die Bank gesellt hatten und sich zum Ersten Mal seit Tagen wieder die Möglichkeit bot, uns ungestört mit ihnen zu unterhalten.
„Ich fange an Dinge zu vergessen. Kleine, alltäglich Dinge in Narnia. Zum Beispiel das tiefe Grün des Waldes. Die Luft. Das Gefühl des Seewinds in den Haaren.“ Edmund sprach bedrückt und in abgehackten Sätzen. „Na, mit viel konnte der Wind ja bei deinen Haaren auch nicht spielen“, neckte Lucy ihn, wurde aber schnell wieder ernst. Sie wusste nur zu gut was Ed meinte. Wir alle kannten diese Form des Vergessen. Sie war nicht die eigentliche Art und bei weitem nicht so schrecklich wie diese, aber dafür tat sie nur umso mehr weh.
„Denkt ihr, wir könnten irgendwann alles vergessen haben?“
Ich hatte mich seit Wochen davor gefürchtet diese Frage zu stellen und wollte eigentlich nicht einmal die Möglichkeit in Betracht ziehen, aber ich hielt es einfach nicht länger aus.
„Das dürfen wir nicht!“, antwortete Peter etwas zu schnell. Auch er hatte sich offensichtlich darüber Gedanken gemacht. Ebenso wie Edmund und Lucy, denn auch sie sahen traurig drein. Peters nächste Worte gaben uns jedoch etwas Zuversicht wieder zurück.
„Aslan hat nie gesagt, dass wir nicht zurückkehren würden und Professor Kirkes war sich sicher, dass wir das werden. Narnia hat uns zu denen gemacht, die wir sind, wir sind nicht nur einfache Schulkinder, wir sind Könige und Königinnen von Narnia, ein Teil von uns gehört nach Narnia. Wir haben dort so viel gelernt, uns selbst besser kennengelernt, gelernt zusammenzuhalten und selbst wenn wir nie zurückkehren sollten, dürfen wir das nie aufgeben.“
Ich dachte daran wie es war im Meer zu schwimmen, mit meinem Bogen zu schießen, in ferne Länder zu reisen und Abendteuer zu erleben oder Allianzen zu schließen, die diesen höflichen und freundlichen Tonfall erforderten, der mir stets so gut gelungen war. Peter hatte Recht, wir hatten so viel in Narnia erlebt und gelernt, dass es schwer werden würde, das einfach zu vergessen, wenn nicht unmöglich. Zumal wir dazu auch keinen Grund hätten, die Erinnerungen waren viel zu schön und zu wichtig für unsere gegenwärtigen Persönlichkeiten.
An Edmunds bedachtem Nicken erkannte ich, dass er sich ähnliche Gedanken gemacht haben musste und auch Lucy blickte schon wieder so fröhlich wie eh und je. Vermutlich dachte sie gerade an einen ihrer Ausflüge mit Herrn Tumnus oder mit den Zwillingen aus Archenland.
„Lasst uns ein Versprechen machen: Wir wollen niemals vergessen was wir in Narnia erlebt haben und immer zusammenhalten“, mit einer weisen, feierlichen Mine sah Edmund uns ernst an. Ein Ausdruck, der genauso wenig zu seinem kindlichen Gesicht passte wie dazu, dass er dabei sein Sandwich in die Höhe hielt und wartete bis wir zustimmend mit ihm „anstießen“. „Wir wollen niemals vergessen was wir in Narnia erlebt haben und immer zusammenhalten.“ Die ernste Stimmung löste sich auf, als Lucy zu kichern anfing und auf ein Stück Brot zeigte, dass bei unserer Besiegelung heruntergefallen war und bereits von einem Vogel in der Nähe beäugt wurde. Gelöst fielen wir in ihr Lachen mit ein.

Ich hatte vergessen. Verdrängt. Obwohl wir uns versprochen hatten das nicht zu tun.
Jetzt verschwand auch das letzte Bisschen Skepsis, das ich noch der Realität Narnias gegenüber gehabt hatte.
Mit einem Mal ergab alles einen Sinn. Die seltsamen Blicke, die Unterhaltungen, in denen meine Geschwister erwartet hatten, dass ich auf ihre Worte reagierte, die Enttäuschung auf ihren Gesichtern, als ich sie nur auslachte oder dumme Fragen stellte.
Ich hatte sie verraten. Und nicht nur sie, ich hatte ganz Narnia verraten.
So seltsam und unmöglich mir alles was ich über dieses Land wusste auch erschien, nun glaubte ich daran.
Auf irgendeine Art und Weise waren wir tatsächlich in dieses Land gelangt, in dem sprechende Biber und Löwen unsere Freunde gewesen waren, in dem es Wesen gab, die den alten Mythologien längst vergangener Kulturen entsprungen zu sein schienen, in dem Kaspian, wer immer das auch für mich gewesen war, eine Burg besessen hatte und in dem wir Abendteuer erlebt hatten.
Wir hatten dort gelebt, ich hatte Bogenschießen gelernt und war geschwommen.
Wir hatten dort nicht nur gelebt, wir hatten es geliebt. Und als ich nicht mehr zurückkehren konnte hatte ich es gebrochenen Herzens einfach verraten.
Das war wohl das Ende Narnias für mich gewesen, aber wie hatte das alles begonnen?

Der Tag begann wie jeder andere im Haus des Professors. Lucy und ich wachten auf noch bevor uns die Macready kreischend wecken konnte.
Wir machten unsere Betten, kleideten uns an und weckten dann schnell noch Edmund und Peter, die ganz schöne Langschläfer entpuppt hatten, um auch sie vor dem Ärger der Haushälterin zu schützen. Nach dem Frühstück erkundeten wir dann Haus und Umgebung, spielten Fangen oder Verstecken. Gestern hatten wir dabei einen Baseballschläger mit Ball gefunden, den wir heute selbstverständlich ausprobieren wollten. Um im Haus nichts versehentlich zu zerstören, liefen wir also hinaus in den riesigen Garten, der das Gebäude umgab.
Die Sonne schien vom wolkenlosen Himmel und wir lachten fröhlich in Erwartung eines neuen und erlebnisreichen Tages. Ich drehte mich zu Lucy um, um sie übermütig in ein Fangspiel hineinzuziehen, aber beim Anblick ihres herabhängenden Kopfes und ihres traurig-verbissenen Gesichtsausdrucks erstarrte ich. Es war nicht das erste Mal, dass ich sie so sah, obwohl hier alles so schön war, aber ich hatte gehofft, dass die Aufregung auf einen neuen Tag vielleicht diese trüben Gedanken vertreiben würde.
Ich verstand überhaupt nicht, wieso sie immer noch darauf beharrte, dass ihre verrückte Idee, ein fremdes Land in einem Wandschrank gefunden zu haben, wahr war. Das war schließlich und endlich unmöglich. „Na komm schon Lu. Es tut uns ja leid, dass wir dich ausgelacht haben, aber schau dich doch mal um, dieser Tag ist einfach zu schön, um ihn nicht zu genießen.“
Und so zog ich sie mit mir zu Pete und Ed, die schon mit dem Schläger übten.
Wenig später am Tag rannten wir.
Die Schritte der Macready schienen von überall zu kommen und aus Angst vor ihrem Ärger landeten wir schließlich in dem leeren Zimmer mit Lucys Wandschrank.
Es war unsinnig sich dort verstecken zu wollen, er war viel zu klein für uns alle, aber er war unser letzter Ausweg. Also stiegen wir hinein und zogen die Tür so weit zu, dass nur noch ein kleiner Lichtspalt zu sehen war.
Von den Anderen zurückgedrängt, wich ich immer weiter nach hinten aus, bis ich schließlich etwas weiches unter meinem Fuß spürte. Es knirschte. Irgendetwas pikste mich. Erst da fiel mir auf, dass der Schrank gar nicht tief genug war, um so viele Schritte machen zu können. In der Erwartung, dass ich mich geirrt haben musste und sich direkt hinter mir die Rückwand befand, aus der, der mich piksende Splinter herausragte dreht ich mich um.
Vor Überraschung von dem unwirklichen Anblick, der sich mir bot, verlor ich beinahe das Gleichgewicht und machte schnell einen weiteren Schritt, um mich zu fangen. Einen Schritt, hinaus aus dem Schrank.
In diesem Moment begann es.
Mit unfassbar hoher Geschwindigkeit strömten Bilder, Stimmen und Gefühle auf mich ein, aber trotzdem konnte ich jedes einzelne genau erkennen.
Vom eingefrorenen Wald über den gebrochenen Schrein zu Prinz Rabadash und wieder zurück in den, nun farbenfrohen Wald: Ich träumte von meiner ersten Zeit in Narnia.
Review schreiben