Ein Tag in Mahoutokoro

KurzgeschichteAllgemein / P12
OC (Own Character)
15.01.2020
01.08.2020
6
8.233
1
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
17.07.2020 1.275
 
Bückeburg. Lange ist’s her, dass ich wieder etwas über meinen Schüleraustausch veröffentlichte. Das liegt einfach daran, dass es derzeitig viel zu tun und zu lernen gibt. Meine Gastschwester Sakura Yamamura lernte beispielsweise so lange für ihre Klausur in Alt-Japanisch, dass sie glatt dabei in ihrem Zimmer über ihre Unterlagen einschlief und erst sanft von ihrer Zimmergenossin geweckt werden musste. Wer’s wissen will: Sie bestand die Klausur mit einer knappen 1-, was in Alt-Japanisch schon als Prestigenote gilt. Das schaffen nämlich nur die allerwenigsten.

Einige haben gefragt, was es genau mit dem Maho-Shinto auf sich hat. Wenn ihr bereits aus meinen vorherigen Artikeln wisst, glauben japanische Zauberer und Hexen, dass sie ihre magischen Kräfte von der Göttin Amaterasu verliehen bekomme haben. Dadurch bildete sich eine äußerst interessante Religion, die sogar mich als bekennenden Atheisten beeindruckt.
Der wichtigste Punkt vorab: Der Maho-Shinto unterscheidet sich sehr von den uns bekannten Religionen aus der Welt der Muggel, weil er zum einen keine missionierende Religion ist, d.h. es werden aktiv keine neuen Mitglieder angeworben, wie es beispielsweise im Christentum oder Islam der Fall ist. Gleichzeitig bestimmen die Sitten des Maho-Shinto einen großen Teil des Alltags. Gebete am Morgen und am Abend gehören genauso dazu wie der Respekt vor älteren und ranghöheren Mitmenschen. Auch in Familienzeremonien spielt diese Religion eine wichtige Rolle.
Dabei ist jedem Gläubigen freigestellt, ob er an den Zeremonien und Sitten der Religion teilnehmen möchte oder nicht. Auch in Mahoutokoro gibt es einige Schüler, die nicht so streng gläubig sind und trotzdem einige Werte und Tugenden in ihren Alltag integrieren.
Aufmerksame Leser meiner älteren Artikel werden wissen, dass es wie in den großen Religionen der Muggel auch im Maho-Shinto eine heilige Schrift gibt. Diese Schrift wurde einst im Jahre 942 n. Chr. von dem Zauberer Masao Akimoto verfasst, welcher als Wanderprediger 30 Jahre durch Japan reiste und sich die unterschiedlichsten Versionen der Religion anhörte. Dadurch entstanden viele Notizen, die er in mühseliger Arbeit ordnete und später dadurch die erste heilige Schrift verfasste. Da dies in der Kulturstadt Kyoto geschah und die Schrift überwiegend viele Weisheiten und Lehren enthielt, wurden sie Lehren aus Kyoto genannt. Da die Schrift alle vier Jahre erneuert bzw. ergänzt wird (das immer in Kyoto stattfindende Treffen nennt sich Fukkoku, wo sich alle namenhaften Mönche und Gelehrte über das weitere Vorgehen beraten), existieren heute über 1.000 Versionen dieses Buches. Sie werden im japanischen Zaubereiministerium im Kaiserpalast von Kyoto aufbewahrt; das erste Buch hat einen unschätzbaren Wert, weil es noch vollständig erhalten ist.

Der Aufbau der modernen Lehren aus Kyoto unterscheidet sich stark von den ersten Schriften. In der Schule lernen die Schüler, die unterschiedlichen Kapitel zu lesen und die darin beschriebenen Metaphern richtig zu deuten, um sie ggf. in ihren Alltag einzubauen. So fangen die Erstklässler beispielsweise mit der Schöpfungsgeschichte der Welt an, während die Oberstufe sich mit der komplexen Geschichte ihres Landes auseinandersetzen müssen. Sakura beschrieb mir das Buch wie folgt:
«Im Grunde genommen handelt es sich um ein Geschichtsbuch, welches zugleich auch unsere Heilige Schrift ist. Denn dort sind nicht nur Geschichten und Mythen beschrieben, sondern auch Gedichte und Lieder, Rituale und Wesen – sowohl gut als auch böse – sowie Zukunftsvorhersagen und Gedankenexperimente, denn darüber handelt das vorletzte Kapitel Die ewige Nacht. In Alt-Japanisch lernten wir noch Texte aus den ersten Versionen kennen und sie waren eine große Mischung aus einigen der oben genannten Punkte.»

Die heutige Version des Buches gliedert sich dabei wie folgt:

Kapitel I: Das Vorwort der Gelehrten
Das Vorwort der Gelehrten enthält die Geschichte der Lehren aus Kyoto und erklärt direkt zu Beginn, dass es sich hierbei um ein Geschichtsbuch handelt, welches nicht direkt von den Göttern offenbart wurde. Somit bezeichnen sich die Lehren aus Kyoto selbst nicht als heilige Schrift.

Kapitel II: Die Schöpfungsgeschichten
In den Schöpfungsgeschichten wird die Entstehung der Welt durch die beiden Götter Izanagi und Izanami beschrieben. Der eigentliche Hauptteil der Schöpfungsgeschichte thematisiert die Rolle der Sonnengöttin Amaterasu, des Sturmgottes Susanoo und des Mondgottes Tsukuyomi.

Kapitel III: Der Bushido-Kodex
Der Bushido-Kodex ist der Verhaltenskodex des japanischen Militäradels (Samurai). Die Regeln wurden aus dem Buddhismus, dem klassischen Shinto sowie dem Konfuzianismus entnommen und bestimmen den Alltag japanischer Hexen und Zauberer wie kaum eine andere Religion.

Kapitel IV: Geister und Seelen
Dieses Kapitel beschäftigt sich mit diversen Arten von Geistern und deren Verbleib. Es werden darüber hinaus auch Hinweise zum Umgang mit ihnen gegeben.
Kapitel V: Monster und Dämonen
Wie in jeder anderen Religion auch gibt es im Mahō-Shintō Monster und Dämonen, welche hier ausführlich beschrieben werden. Allerdings werden dem Gläubigen hier auch Abwehrtechniken aufgezeigt, welche bei einer entsprechenden Begegnung anzuwenden sind.

Kapitel VI: Die alten Weisheiten
Die alten Weisheiten enthalten sittliche Anweisungen für das alltägliche Leben, besonders für junge Menschen. Alte nützliche Zaubersprüche und deren Anwendung wird hier ebenfalls beschrieben.

Kapitel VII: Die Gebete
Dieses Kapitel enthält Gebetsanweisungen für verschiedene Anlässe und Feiertage. Besonders wichtig ist hier die Ahnenverehrung. Auch sind hier viele Liedtexte enthalten, wie es beispielsweise in der Bibel im Psalmenbuch der Fall ist.

Kapitel VIII: Die Lieder vom Fujiyama-Gipfel
Das wohl für junge Menschen interessanteste Kapitel enthält alles zum Thema Liebe wie Liebeslieder, Liebesgedichte, Liebessymbole, Liebesgeschenke usw.

Kapitel IX: Die Drei Lehren
Unter den Drei Lehren werden die drei großen Lehren Chinas, die sich gegenseitig ergänzen, verstanden. Die Lehren sind der Konfuzianismus, der Daoismus und der Buddhismus. Dieses Kapitel gehört zu den komplexesten in den gesamten Lehren aus Kyoto.
Kapitel X: Das Land der aufgehenden Sonne
Das längste Kapitel in dieser Schrift erzählt ausführlich die Geschichte Japans bis zum Jahr 2016. Ältere Ausgaben beinhalten selbstverständlich ältere Jahre, bis zu denen dieses Kapitel reicht. Der Grund dafür ist, dass alle vier Jahre eine neue Ausgabe der Lehren aus Kyoto erscheint und dieses Kapitel immer ergänzt wird.

Kapitel XI: Die Unwissenden
Muggel werden in diesem Kapitel ausführlich beschrieben, worin auch gleichzeitig Ratschläge und Anweisungen zum Umgang mit ihnen gegeben werden. Auch dieses Kapitel wird in jeder neuen Ausgabe immer ergänzt.

Kapitel XII: Die Offenbarung
Wie kamen japanische Hexen und Zauberer zu ihren Kräften? Diese Frage wird in diesem Kapitel beantwortet. Die Götter offenbarten sich den Gläubigsten und verliehen ihnen zum Dank magische Kräfte.

Kapitel XIII: Die ewige Nacht
Ein möglicher Weltuntergang ist auch im Mahō-Shintō ein zentrales Thema. Egal ob Apokalypse, Asteroideneinschlag, eine außerirdische Invasion, Neutronensterne, Naturkatastrophen oder Krieg: Es werden alle möglichen Szenarien beschrieben und diskutiert. Allerdings werden auch Methoden zum Überleben jener Ereignisse erklärt.  

Kapitel XIV: Das Schlusswort der Gelehrten
In dem Schlosswort erklären die einzelnen Gelehrten, wie sie diese Schrift deuten und interpretieren. Am Ende sind die Namen aller Gelehrten aufgelistet, welche das Buch verfasst haben.

Die wohl wichtigste Frage lautet wohl:
«Muss ich alle Kapitel während meines Austausches in Mahoutokoro lesen oder gelesen haben, um dort teilnehmen zu können?»
Glücklicherweise kann ich euch beruhigen, denn in den Bedingungen des Austausches werden Kenntnisse über diese Heilige Schrift nicht gefordert, zumal es so oder so keine deutsche Übersetzung jener gibt. Anfänger der japanischen Sprache sollten sich jedoch ebenfalls gut überlegen, ob sie sich dieses Werk bestellen, denn die Texte sind durchaus zäh und anspruchsvoll, wie ich bereits oben erwähnte. Ein dennoch interessanter Punkt ist, dass es zu dem zweiten Kapitel einen Manga gibt, der mit einer stolzen Länge von 320 Seiten auch einer der bekanntesten ist. Er wurde von ehemaligen Schülern gezeichnet und erfreut sich in der Unterstufe einer großen Beliebtheit, weil er die jungen Zauberer und Hexen langsam an das anspruchsvolle Japanisch heranführt, welches in den späteren Kapiteln der Lehren aus Kyoto beherrscht werden muss, um die Texte einigermaßen zu verstehen. Aus diesem Grund ist auch das Sprachniveau für den Austausch so hoch angesetzt.
Review schreiben