Ein Tag in Mahoutokoro

KurzgeschichteAllgemein / P12
OC (Own Character)
15.01.2020
30.09.2020
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15.01.2020 1.555
 
Bückeburg. Einmal im Leben nach Japan reisen und dort die Kultur hautnah erleben können – das ist für viele Junge Menschen der Lebenstraum schlechthin. Für den Schüler Max Burgwart der Bückeburger Zauberschule wurde dieser Traum wahr. In seinem Bericht erzählt er uns, wie er sich seinen Traum erfüllte und was Interessenten beachten sollten.

Wenn ihr unbedingt wie ich die japanische Kultur erleben wollt, dann solltet ihr euch über das Schüleraustauschprojekt «Foreign Mahoutokoro» informieren. Es beinhaltet einen kompletten Schüleraustausch, der ein Jahr dauert und worin man Japan hautnah erleben kann. Die Voraussetzungen zur Teilnahme an dem Projekt sind ausreichende Kenntnisse der japanischen Sprache (laut europäischen Referenzrahmen muss es mindestens B1 sein), gute Noten in den Hauptfächern (der Schulleiter sagte mir, dass man gute Leistungen in Geschichte, Zaubertränke und Mythologie erbringen sollte, da diese Fächer in Japan eine große Rolle spielen) und ein Motivationsschreiben, wieso man gerade der richtige für dieses Projekt ist. Es reicht aus, wenn man dieses auf Englisch verfasst.
Wenn ihr euch bereit fühlt, dann muss lediglich ein Briefumschlag an die Schule geschickt werden, damit euer Antrag auf das Stipendium bearbeitet werden kann. Ich wünsche dabei allen vorab viel Glück und Erfolg!

So, nun kommen wir zu meinen Erfahrungen inMahoutokoro. Mein Abenteuer begann an einem frühen Montagmorgen, als ich in den Flieger von Düsseldorf nach Tokyo stieg, der direkt nonstop zum Flughafen Tokio-Narita flog. Von dort aus ging es dann weiter mit dem Shinkansen in Richtung Hokkaido, wo ich bereits von der Schulsprecherin Sakura Yamamura erwartet wurde. In der Nähe der Stadt Sapporo hat die Familie Yamamura ihren Sitz – wie ihr alle wisst, ist das die älteste Zauberstabmanufaktur und zugleich der älteste Familienbetrieb der Welt. In dem Haus aus der Edo-Zeit, dass sehr einem Palast ähnelte, verbrachte ich eine Woche, bis ich schließlich mit einem der großen Sturmschwalben nach Mahoutokoro flog. Abends bietet die Schule ein spektakuläres Bild, denn wie das Haus der Yamamuras ähnelt die Schule einem typisch japanischen Palast, der mit grünen Dächern aus Jade verziert ist. Der Park der Schule beinhaltet Kirschblüten und verschiedene Teiche mitsamt Brücken, von wo die unterschiedlichsten Fischarten bewundert werden können.
Nach meiner Ankunftszeremonie wurde mir auch schon gleich die Schuluniform übergeben. Ein seidener Kimono, der sich der Größe des Schülers anpasst und seine Farbe nach der Leistung ändert. Die goldenen Kimonos tragen die besten Schüler der Schule – apropos: Ich durfte gleich die beste Schülerin kennenlernen, denn sie ist die Cousine von Sakura. Mit ihrer albernen und lustigen Art stellte sie sich vor:
«Willkommen in Mahoutokoro! Mein Name ist Samara Cheung und du wirst hier lernen, was lernen eigentlich bedeutet und wieso du schnellstmöglich wieder zurück nach Deutschland möchtest!»
Zugegeben, diese Art der Vorstellung hätte ich nicht von ihr erwartet. Die darin enthaltene Warnung sollte sich aber bald bewahrheiten, denn direkt am ersten Schultag begann der Religionsunterricht, nachdem der wöchentliche Gottesdienst, der jeden Montagmorgen stattfindet, vorüber war. Direkt danach fuhren wir mit den Lehren aus Kyoto fort, denn anders als hierzulande glauben japanische Zauberer, dass sie ihre Kräfte von der Göttin Amaterasu erhielten.
Fünf Stunden die Woche Religionslehre und Japanisch, das ist definitiv nichts für schwache Nerven oder Leute, die nicht gerne lernen. Auch wenn ich persönlich Atheist bin und nicht viel von Religionen halte, ist es dennoch höflich, den Maho-Shinto (so lautet der Name ihrer Religion) zu achten und zu respektieren. Als ich im Klassenraum sagte, dass ich Atheist bin, machten sie mir keine Vorwürfe und versuchten nicht, mich zu bekehren. Bei den Muggeln ist dies anders, denn wer sich bei ihnen als Atheist bekennt, wird entweder bekehrt oder sogar gesteinigt.
Allerdings soll das hier kein philosophischer Artikel über den Sinn von Religionen werden. Japanisch in Mahoutokoro ist durchaus anspruchsvoll und muss täglich nachbereitet werden. Direkt vorab: Wer nur Animes schaut und glaubt, dadurch den Unterricht in Mahoutokoro zu meistern oder die Sitten zu kennen, ist einfach nur naiv. Die japanische Sprache verfügt über viele Feinheiten und Stolpersteine, mit denen selbst eingefleischte Muttersprachler zu kämpfen haben. Sogar Sakura erklärte mir, dass sie in einigen Zeitformen und Kanji noch ihre Probleme hatte. Das liegt daran, dass in Mahoutokoro eben die Feinheiten gelehrt und abgefragt werden.
«Animes mit Untertitel erklären zwar, worum es geht, doch wenn es sich um mehrdeutige Metaphern oder Wortspiele handelt, gehen diese in der Übersetzung unter», erklärte mir Shojun Cheung. Er unterrichtet Japanisch an der Schule, bekannte sich aber in der ersten Stunde als begeisterter Fan von Dragonball und Yu-Gi-Oh.
«Wenn ihr glaubt, dass ihr die japanische Sprache genauso gut wie euren Zauberstab kennt, dann wählt Alt-Japanisch und schreibt dort sehr gute Noten», fügte er noch hinzu. Sakura nahm ihren Mut zusammen und wählte das Fach, weil sie sich sehr für Mythologie interessiert.
«Jeden Tag lerne ich dafür viel und es ist wirklich sehr hart, aber mir gefällt eben die Mythologie und die Geschichte unseres Landes, die wir in diesem Fach unter die Lupe nehmen», sagte sie, als ich sie in der Mittagspause nach einem ersten Fazit ansprach. Für mich ist Japanisch als Nicht-Muttersprachler ohnehin schwer, da würde es mit Alt-Japanisch nur zur Quälerei werden.
Die Klassenräume in Mahoutokoro sind wie das ganze Schulgelände selbst sehr traditionell gehalten und je nach Fach unterschiedlich ausgestattet. Die wichtigste Gemeinsamkeit ist, dass jeder Schüler kniend oder im Schneidersitz auf dem Tatamiboden sitzt und dem Unterricht folgt. Kleine Tischchen erleichtert das Abschreiben der Tafelbilder, die manchmal sehr lang und komplex werden können. Nicht umsonst hängen in den Klassenzimmern für den Japanischunterricht die Schriftzeichen vom Hiragana, dem Katakana und den wichtigsten Kanji. Religiöse Klassenräume sind mit vielen verschiedenen Gemälden und Merksätzen der Lehren aus Kyoto geziert. Der schönste Raum ist jedoch der Meditationsraum: Brunnen mit Wasserfällen sorgen für eine ruhige Atmosphäre. Die verschiedenen Pflanzen in allen Formen und Farben betonen die Wichtigkeit der Natur und die bunten Fenster geben dem Raum ein magisches Etwas. Viele Schüler und auch einige Lehrer kommen in den Raum, um zu meditieren oder zu beten. Dabei sollte tunlichst darauf geachtet werden, dass man sich ruhig verhält, denn sonst erntet man böse Blicke. Auch ein Onsen (ein traditionelles japanisches Bad aus heißem Quellwasser) gibt es und das Wasser wird direkt vom Zentrum der Insel erhitzt. Es liegt am Rand der Schule und bietet einen atemberaubenden Ausblick auf das Meer, während man im heißen Wasser entspannt und den Unterricht Revue passieren lässt. Gerade nach den schwierigen Klausuren wird das Onsen sehr oft aufgesucht, um sich vom Stress zu erholen. Nachts ist die Atmosphäre noch entspannter und kaum mit Worten zu beschreiben.
Die Klausuren – für uns Schüler sind sie leider unvermeidbar und bereiten uns manchmal schlaflose Nächte. Hier in Mahoutokoro sind die Fächer Japanisch und Religionslehre besonders wichtig, weil sie zu den standardmäßigen Prüffächern gehören! Wie ich bereits am Anfang erwähnte, sollte man sich sehr gut im Japanischen zurechtfinden, damit man auch dem anspruchsvollen Unterricht folgen kann. Zudem es die Lehren aus Kyoto nur auf Japanisch gibt und die meisten Kapitel sehr metapherlastig sind, d.h. sie besitzen Mehrdeutigkeiten, die selbst eingefleischte Muttersprachler nicht sofort auf Anhieb verstehen. Die Klausuren selbst als auch der dazugehörige Lernaufwand sind daher nicht zu unterschätzen! Sakura erklärte mir, dass sie drei Monate für die Japanischklausur lernte und es danach ‹nur› auf eine knappe 1- brachte. In den anderen Fächern sieht es ähnlich aus – wer in Mahoutokoro Bestnoten erzielen möchte, ist entweder sehr fleißig oder hochbegabt, wie es bei Samara der Fall ist. Dennoch solltet ihr euch nicht von einem Austausch abschrecken lassen, denn wer Japanisch auf B1-Niveau beherrscht, kann die Lehren aus Kyoto zwar nicht sofort auf Anhieb verstehen, sich aber dennoch darin zurechtfinden. Zumal die Mitschüler sehr freundlich und hilfsbereit sind, wenn man etwas nicht versteht.

Und welchen Abschluss erwirbt man in Mahoutokoro? Es kommt darauf an, wie lange man diese Schule besucht. Ab sieben Jahren sind die jungen Hexen und Zauberer schulpflichtig und müssen mindestens zehn Jahre die Schule besuchen, damit sie ihren ersten Abschluss bekommen. Anders als an europäischen Schulen tragen die Abschlüsse hier keine Namen, sondern Grade. Wer zehn Jahre lang die Schule besucht hat, bekommt den Ersten Grad verliehen. Das ist quasi ein Abschlusszeugnis, worauf die Noten und einige Vermerke stehen. Danach kann man sich entscheiden, weitere fünf Jahre in Mahoutokoro zu bleiben, um den Zweiten Grad zu erwerben. Er ist mit dem UTZ in Hogwarts vergleichbar, doch deutlich wert- und anspruchsvoller als dieser. Hier hat man nur die Fächer, die man zwei Jahre nach Abschluss des Ersten Grades gewählt hat. Wer danach immer noch nicht genug gelernt hat und sein Wissen vertiefen möchte, kann noch drei weitere Jahre in Mahoutokoro verbringen, um den Dritten Grad zu erwerben. Er ist in der Muggelwelt mit einem Universitätsabschluss vergleichbar und auf dem Arbeitsmarkt sehr wertvoll. Doch er ist alles andere als einfach, zumal man erst einmal eine schwierige Eignungsprüfung bestehen muss, um überhaupt in den Unterricht aufgenommen zu werden! Ach ja, falls man mit dem Lernen immer noch nicht genug hat, kann nach Kyoto gehen, um den Vierten Grad zu erwerben. Für diesen Abschluss muss man jedoch eine mindestens 300-seitige Abhandlung verfassen, die sich mit einer komplexen Problematik beschäftigt. Wer den Vierten Grad jedoch erworben hat, dem stehen alle Türen, aber auch wirklich alle Türen offen, weil Mahoutokoro auf Platz 1 der besten Zauberschulen weltweit steht.

Wer gerne weiteres erfahren möchte, kann gerne eine Eule an mich schicken. Ich werde versuchen, euch möglichst viele Fragen zu beantworten.
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