Five times Henry spotted Poins in the crowd

KurzgeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12 Slash
14.01.2020
16.01.2020
2
2481
1
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
Ihr Lieben,

Heureka, es gibt endlich eine allgemeine Shakespeare-Kategorie und damit einen Platz für diese Geschichte <3
Die BBC-Serie "The Hollow Crown" hat es mir schon vor Jahren angetan. Es ist eine Verfilmung der vier Historien "Richard II", "Henry IV" Teil 1 und 2 und "Henry V" mit Jeremy Irons als Henry IV und Tom Hiddleston als Prinz Hal/Henry V. Wenn ihr die Gelegenheit habt, die Filme anzuschauen - tut es, sie sind großartig!
In den Stücken hat Prinz Hal, der später König Henry V wird, einen besten Freund - Ned Poins (genannt "Poins"). Nach der Krönung taucht er, wie so viele andere Figuren (z.B. Falstaff), die zur "wilden Jugend" des Prinzen gehörten, nicht mehr auf. Das hat mir ein bisschen das Herz gebrochen. Deshalb hab ich diese Geschichte geschrieben... die es größtenteils überhaupt nicht besser macht (sorry dafür!), aber man darf auf ein versöhnliches (wenn auch bittersüßes) Ende hoffen, so viel sei schon einmal verraten...
Ich hoffe, ihr habt Spaß beim Lesen und lernt die beiden genauso zu lieben, wie ich es tue! :)
viele grüße, Jule

---------------------------------------------------------

~
"I know thee not, old man. Fall to thy prayers.
How ill white hairs become a fool and jester.
I have long dreamt of such a kind of man,
So surfeit-swelled, so old, and so profane;
But being awaked, I do despise my dream."
[Henry IV, part II, act 5, scene 5]
~


Es fiel Henry schwer, die unbewegte Miene aufrecht zu erhalten, als er sich von Falstaff abwendete und weiter vorwärts schritt. Hinter sich hörte er den alten Mann ungläubig vor sich hin murmeln und er konzentrierte sich auf die Robe des Bischofs, der vor ihm ging, um nicht die Fassung zu verlieren. Er wollte sich umdrehen und den Mann, der so lange Zeit sein Mentor und väterlicher Freund gewesen war, in seine Arme ziehen, auch wenn er dies nie zuvor getan hatte. In diesem Moment schien es ihm nur die gebührende Entschuldigung für die Worte, die er ihm an den Kopf geworfen hatte. Doch es ging nicht. Er war jetzt der König.
Henry biss die Zähne zusammen und richtete den Blick stur gerade aus, darauf bedacht, nicht in die Menge zu sehen, aus Angst, dort noch mehr der Menschen zu entdecken, mit denen er einst seine Tage und auch viele Nächte verbracht hatte. Und doch wandte sein Kopf sich wie automatisch der Stimme zu, die er aus jeder Ansammlung herausgehört hätte. Sie flüsterte nur, ihre Worte waren nicht an ihn gerichtet, das Gesicht leicht abgewandt, doch er kannte dieses Flüstern zu gut, um nicht darauf zu reagieren.
Nur für Sekundenbruchteile erspähten seine Augen Poins in der Menge, einen Arm tröstend um die Wirtin Mistress Quickly gelegt, den Mund an ihrem Ohr, leise tröstende Worte auf seinen Lippen, die die Tränen auf ihren Wangen doch nicht zu trocknen vermochten. Als hätte er gespürt, dass Henrys Aufmerksamkeit auf ihm lag, sah er auf und ihre Blicke kreuzten sich für einen kurzen Moment, bevor Henrys Schritte ihn vorbeigetragen hatten und andere Gesichter sich in sein Blickfeld schoben. Doch es war auch so schon genug. Henry hatte alles in diesem Blick gesehen, was er erwartet hatte. Und doch schmerzte es wie heiße Nadelstiche. Trauer, Enttäuschung, Resignation. Wie viel weniger schlimm waren die Gefühle selbst zu ertragen im Vergleich dazu, sie in der Miene eines Freundes zu sehen. Und nicht nur irgendeines Freundes. Poins war mehr gewesen. Sein Gefährte, sein Begleiter. Und nun würde der, der so lange Zeit an seiner Seite gewesen war, es nie wieder sein. Henry schloss die Augen, während seine Füße ihn weiter trugen und erinnerte sich an den vergangenen Abend. Den Abend, an dem er sich aus dem Schloss geschlichen hatte, ohne dass ihn jemand bemerkte. So wie er es in den Jahre zuvor schon so häufig getan hatte. Zu wissen, dass es das letzte Mal sein würde, hatte ihn bedrückt. Doch der Gedanke an die Begegnung, die ihm bevorgestanden hatte, war noch tausendmal schwerer zu ertragen gewesen. Er hasste Abschiede. Und dieser würde besonders schmerzvoll sein.

~
„Ich hab die Fanfaren gehört“, sagte Poins, als Henry zu ihm trat, ohne Worte an eine Begrüßung zu verschwenden. Sein Gesicht war sorgenvoll und voller Mitleid, doch vor allem von tiefer Trauer umwölkt. Und Henry war bewusst, dass sich diese nicht auf den Tod seines Vaters, des Königs, bezog. Poins wusste, was geschehen würde. Er hatte diesen Tag all die Jahre gefürchtet und verdrängt, dass er kommen würde – genau wie Henry es getan hatte. Doch sie mussten erwachsen werden.
„Mein Beileid“, fügte Poins noch hinzu, denn senkte er den Kopf und lehnte sich an die lehmverputzte Hauswand der Boar's Head Taverne. Sie hatten sich, ohne es abzusprechen, hier draußen getroffen und sie wussten beide, dass Henry die Taverne, die für lange Zeit so etwas wie sein zweites Zuhause gewesen war, nicht mehr betreten würde. Poins würde später alleine hinein gehen, einen Krug Wein bestellen, wie sie es sonst immer gemeinsam getan hatten, und an einem der wackligen Tische sitzen, bis die Sonne aufging und der Krug geleert war. Der Gedanke schnürte Henry die Kehle zu.
„Und herzlichen Glückwunsch zur Königskrone“, fuhr Poins fort, als Henry immer noch nichts sagte und seine Stimme klang beinahe gehässig vor unterdrückter Hilflosigkeit. Henry biss sich auf die Lippen, um die Tränen zurückzudrängen, die sich in seine Augen stahlen. Er durfte nicht weinen, das würde alles nur noch schwerer machen.
„Was gäbe ich jetzt alles für einen passenden Scherz“, versuchte er, seine Stimme belanglos klingen zu lassen, doch in ihr war der Schmerz genauso zu hören wie in der seines Gegenüber, der jetzt gequält auflachte.
„Ja, was gäbst du denn? Vielleicht dein Königreich?“, erwiderte Poins und sein grimassenhaftes Grinsen war kaum mit anzusehen. „Bitte, Hal, mach es nicht schwerer, als es ist. Wir wissen beide, wohin das heute führt und es wird nicht besser, wenn wir es vor uns herschieben.“
„Du weißt, dass ich ein Meister darin bin, Dinge vor mir herzuschieben“, sagte Henry entschuldigend und Poins nickte, doch er sah ihn nicht an. Starrte stattdessen auf seine Finger und schüttelte dann zaghaft den Kopf, ohne den Blick zu heben.
„Ich weiß, dass für mich kein Platz mehr in deinem Leben ist, jetzt, wo du ein König bist“, flüsterte er und Henry war sicher, dass er den Blick gesenkt hielt, weil er weinte. Es brach ihm das Herz. Noch nie hatte er jemanden so leiden sehen. Und es war ein Spiegel dessen, was er selbst verspürte. Dieser Abschied war so ungerecht.
„Es liegt nicht in meiner Hand“, gab er zurück und schalt sich in Gedanken für seine Lüge. Natürlich lag es in seiner Hand. Doch er wollte es nicht. Wollte nicht, dass Poins und Falstaff und all die anderen seine Gefährten blieben. Weil er Angst hatte. Angst vor so vielen Dingen. In erster Linie aber, dass er nicht er selbst und ein König sein konnte. Nicht im gleichen Leben. Und Poins brachte ihn nunmal dazu, er selbst zu sein. Das konnte er sich als König nicht erlauben. Er brauchte diesen klaren Schnitt. Die Abkehr von allem, was gewesen war und die Hinwendung zu dem, was ihn erwartete. Und vor dem es ihm graute, weil er es ohne seinen Begleiter angehen musste. Obwohl er ohne Poins schon seit langer Zeit kaum mehr einen Schritt getan hatte. Keinen, der von Bedeutung war.
Poins schwieg noch immer und Henry wusste ebenfalls nicht, was er sagen sollte. Alle Worte schienen ihm plump und inhaltsleer und im Grunde änderten sie nichts.
„Lebe wohl“, murmelte er schließlich nur und hielt sich mit all seiner Kraft selbst zurück, als ein Ruck durch seinen Körper fuhr, der sich anschickte, den Freund zu umarmen. Er würde nur vollkommen die Fassung verlieren.
„Adieu“, erwiderte Poins, hob nun doch den Blick und für einige Sekunden sahen sie sich einfach nur an, teilten ihren eigenen Schmerz mit dem des anderen und nahmen dafür einen Teil des seinen an. Ein Gefühl der tiefen Verbundenheit durchströmte Henry, bis Poins sich abwendete, ohne ein weiteres Wort, und beinahe fluchtartig die Tür aufstieß und ins Innere der Taverne verschwand.
Henry sah ihm für einige Augenblicke nach, dann wandte auch er sich zum Gehen. Wie in Trance schlenderte er durch die nachtverlassenen Straßen zurück zum Schloss und schlich ebenso ungesehen wie er es verlassen hatte zurück hinter die Mauern, die mit einem mal so viel dicker und undurchdringlicher geworden waren. Vollständig bekleidet legte er sich auf sein Bett und starrte die Decke an. Bange auf den Morgen wartend, der ihm die Königsbürde auferlegen sollte, die er nie hatte haben wollen.
~

Henry öffnete die brennenden Augen wieder und zwang die Tränen mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, zurück. Er musste dieses Kapitel abschließen, so schwer es ihm fiel. Prinz Hal hatte er in der letzten Nacht vor der Boar's Head Taverne zurückgelassen. Von nun an war er König von England. Nicht mehr und nicht weniger als das.
Review schreiben