Hey Jude

von LiaLight
GeschichteRomanze, Freundschaft / P12
14.01.2020
19.01.2020
4
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Es war einer dieser frühsommerlichen Tage, an denen die Sonne alles in ein prächtiges Licht hüllt und die Welt um uns herum zum Leuchten bringt. Trotzdem hatte ich in etwa die düsterste Laune, die man an einem solchen Tag nur haben kann. Mies gelaunt stapfte ich durch Bittlingen, die Stadt, in der ich ab sofort wohnen würde, ein Eis in der Geschmacksrichtung Erdbeere in der Hand, auf dessen besänftigende Wirkung ich bisher vergeblich wartete.

Doch soweit sollte es gar nicht kommen, denn plötzlich, wie aus dem Nichts, rempelte mich jemand so ungeschickt und heftig an, dass ich vor lauter Schreck mein Eis fallen ließ. Unsanft prallte ich mit diesem Jemand zusammen. Er war ein ganzes Stück größer als ich, deshalb musste ich zu ihm aufsehen, als ich fauchte: „Verdammt! Pass doch auf, du…“

Die Beleidigung machte auf halbem Wege in mir kehrt, als ich in zwei kakaobraune Augen blickte, die mich überrascht musterten.

„Pass lieber selber ein bisschen auf, wo du hinläufst“, antwortete der Junge, zu dem die braunen Augen gehörten, mit einem frechen Grinsen, das Funken zu sprühen schien. Goldbraune Funken.

Ich zwang eine hoheitsvolle Miene auf mein Gesicht und bemühte mich, ihn so unerschrocken wie möglich anzusehen. „Na, mein Eis kann ich ja jetzt vergessen“, hörte ich jemanden sagen und musste entsetzt feststellen, dass dieser Jemand ich selbst war – konnte ich etwas noch Dümmeres und Unkreativeres von mir geben?

Gedanklich schlug ich mir vor die Stirn, nach außen hin ließ ich mir jedoch nichts anmerken.

Mein Gegenüber sah zum Boden, wo mein Eis kläglich dahinschmolz. „Tut mir echt leid“, meinte er dann mit einem Schulterzucken. „Trotzdem, du musst zugeben, dass das nicht nur meine Schuld war…“

Ich zog eine Augenbraue hoch. „Wer hat hier noch mal wen angerempelt?“.

Der Typ verzog das Gesicht. „Themawechsel“, schlug er vor. Zögernd nickte ich. Was hieß hier Themawechsel? Wir standen hier inmitten des allgemeinen Treibens und kannten uns seit etwa zwei Minuten… War es jetzt nicht Zeit für ein „Ja, Entschuldigung noch mal und auf Nimmerwiedersehen“? Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich verhalten sollte.

„Mhh… Was hältst du davon, wenn ich dir erst mal dein Eis ersetze?“, unterbrach er meine Gedanken. Ein wenig unsicher, auch wenn ich mir das natürlich nicht anmerken ließ, nickte ich. „Das ist ja wohl das Mindeste“, erwiderte ich und musste lächeln. Es ging erstaunlich leicht.



Als wir zur nächsten Eisdiele gegangen waren und uns angestellt hatten, stellten sich mir ein paar Fragen. Was machte ich hier eigentlich? Wer war dieser Kerl überhaupt? War das irgendeine seltsame Masche, Mädchen kennenzulernen, die er tagtäglich anwandte? Wer wusste schon, was er für fragliche Absichten haben konnte? Aber nein. Meine Menschenkenntnis war vielleicht nicht die beste, aber dieser Junge war nett. Wirklich nett. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass er irgendetwas Böses wollen könnte. Ich würde ganz einfach das Eis genießen und nicht weiter nachdenken.

Wir hatten die ganze Zeit schweigend gewartet. Erst als wir an der Reihe waren, brach er das Schweigen. „Welche Sorte willst du haben?“ Ich hatte mein Erdbeereis noch nicht aufgegeben.  Als ich meinen Wunsch verkündete, sah er zunächst etwas skeptisch aus, meinte dann aber „okay“, bestellte zwei Mal Erdbeere und lud mich, all meine Proteste und mein gezücktes Geld ignorierend,  auch noch ein.

Schließlich standen wir wieder draußen, mit der rot leuchtenden Eiscreme in den Händen, und zumindest ich fühlte mich ein wenig betreten.

Der Typ, dessen Namen ich, wie mir jetzt auffiel, noch gar nicht kannte, ließ den Blick umherschweifen und meinte dann unvermittelt: „Wahnsinn, da drüben ist doch wahrhaftig eine Bank frei. Hast du das schon mal erlebt? Bei mir sind die sonst immer alle besetzt. Los, schnell, nichts wie hin!“ Ich musste über seinen Enthusiasmus lachen, während wir eiligen Schrittes auf die freie Bank zusteuerten.

„So“, meinte er, als wir saßen, „Jetzt, wo wir unsere Bekanntschaft mit einem Eis… wie sagt man… nun ja, quasi besiegelt haben, sollten wir uns vielleicht erstmal vorstellen.“ Bei diesen Worten blitzten seine Augen schelmisch. Übertrieben galant hielt er mir die Hand hin und stellte sich vor. „Daniel Herzog, sehr erfreut. Und mit was für einer jungen Lady habe ich es hier zu tun?“ Mit von Erdbeereis klebrigen Fingern ergriff ich seine Hand. „Mein Name ist Judith. Judith Stappner.“

Die Sonne schien auf sein Gesicht und brachte seinen Ausdruck noch mehr zum Strahlen. „Freut mich, dich kennenzulernen.“