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Mondenschein

OneshotFamilie / P12
Gerald Viego Vandalez
14.01.2020
14.01.2020
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Fahles Mondlicht fiel durch die Fenster, tanzte auf dem Teppich und wanderte über den ausgestopften Yeti mit der Laterne in der Pranke. Viego beobachtete die Reflektion in seinen Glasaugen, während er, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, außerhalb des Leuchtens im Raum stand. Seine Finsternis verwebte sich mit den Schatten, Dunkelheit umwaberte ihn und Kälte schlich aus ihm heraus um mit seiner aussickernden Nacht zu verschmelzen.
Still versanken in dem Stoff vor seinen Schuhen die Blutstropfen, welche um die Reißzähne herum aus seiner Lippe quollen. Ein Grollen entkam ihm, ehe Viego, den Mondschein meidend, auf den Sessel in der Ecke neben den Fenstern zuschritt, sich darin von Düsterkeit umhüllt niederließ und auf den gefalteten Händen seinen Kopf bettete.
Am Horizont türmten sich Wolken auf, der Halbvampir beobachtete sie beim Sterne- und schließlich auch Mondverschlucken und unter fernem Donner schwand im Trophäensaal das letzte fahle Licht.
Schritte erklangen vom Gang. Es roch nach dem Jungen.
Seufzend sammelte Viego die Dunkelheit ein und verschloss sie, bevor er seine Augen zu der knarzend geöffnet werdenden Tür schweifen ließ und erspähte, wie sich ein Kissen durch den Spalt herein zwängte. Ihm folgen tat ein Junge, der es an sich drückte, schniefend, mit bloßen Füßen auf den Teppich tapsend und sich im Raum umsehend. Sein Blick wanderte über den Vampir hinweg, während dieser ihn aus den Schatten heraus musterte.
Der Kleine zitterte, dass sogar die Zipfel seines umklammerten Kissens bebten, und zog die Schultern beim durch den Raum staksen hoch, bis er an dem Sessel ankam, wo er mit großen Augen stehen blieb und ein Wimmern an Viegos Ohren drang. Er zog eine Augenbraue hoch. Spürte das Kind, dass er hier war?
Er lehnte sich aus der Dunkelheit heraus, worauf das Kissen zu Boden fiel und der Junge erstarrte. Als sich Vandalez knochige Hand aus dem Düstern schälte und er sie ihm entgegenstreckte, zuckte der Kleine zurück, die Finger in den Ärmeln seines Schlafanzuges vergraben.
Viego seufzte leise, ehe er seine Hand versteifte und sie vor dem Jungen ausschüttelte. Zischend stoben Funken von seiner Haut auf und trudelten durch die Luft, ihnen entwuchsen Flügel, mit denen sie umeinander in den Schatten tanzend ein warmes Glühen sponnen. Ihre Lichtschweife verflochten sich und das Glimmen schimmerte auf den Tränenspuren seines Patenkindes entlang, das die Feuerfliegen bei ihrem Kreiseln und Hochschweben beobachtete.
Der Junge strahlte die um ihn durcheinander kullernden Funken an und lachte, den auf seiner Nasenspitze gelandeten anschielend, bevor der Ball weiterschwirrte. Stumm mitlächelnd lehnte Viego sich in die Schwärze seines Sessels zurück, mit den bleichen Fingern auf seinem Oberschenkel trommelnd. Beim Flirren der Käfer drehte sich das Kind auf einmal zu ihm um, ihn angrinsend, dann tapste es mit aufgehobenen Kissen zu ihm.
Der Halbvampir zog eine Augenbraue hoch, als das Kissen auf seine Beine hochgeschoben wurde, dann erstarrte er, die Funken erloschen in ihrem Flug. Sich an seinen Knien hochziehend kletterte der Junge auf den Schoß seines Onkels, von wo er zu ihm hochschaute.
Die Finsternis in der Nacht um sie und in Viegos Adern gefror. Das Kind schniefte noch einmal, legte den Kopf schief, worauf der Vampir aus seiner Verwirrung erwachte und neue Glühkäfer auffliegen ließ, die lichtsprühend zwischen ihnen hindurch tollten und die braunen Augen des Kleinen zum Leuchten brachten. Viego wandte sich von dem Glühen ab und betrachtete ihn, der sich gähnend an ihn kuschelte, und legte eine Hand um die Schultern des Jungen. „Gute Nacht, Gerald.“
Nachdem sein Patenkind mit in seinen Mantel gekrallten Fingern anfing im Traum zu murmeln, schaute Viego hoch zu den schwebenden Funken, die bei ihrem Wirbeln glimmende Wellen in die Dunkelheit zeichneten und Licht hinein tupften.
Er beschloss, die Feuerfliegen noch etwas fliegen zu lassen.
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