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Schuld & Sühne

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12 Slash
Harry Potter Minerva McGonagall Severus Snape
14.01.2020
23.03.2020
22
83.152
224
Alle Kapitel
614 Reviews
Dieses Kapitel
25 Reviews
 
17.01.2020 5.014
 
Anmerkung: Ihr seid großartig!!! Ich kann es gar nicht fassen, wie viele Leser das erste Kapitel zu den Favoriten hinzugefügt und/oder mir einen Kommentar geschrieben haben. Ich danke euch vielmals. :-D Das ist unglaublich motivierend.

Neue Kapitel wird es immer Freitags- und Dienstagabends (meist zwischen 22-23 Uhr) geben.

Und nun beste Unterhaltung!


Kapitel 2: Schrecken und Schlangen

Harry schlug die Augen auf. Wärme, Geborgenheit und das unbeschreibliche Gefühl nach einem erholsamen Schlaf wach zu werden durchströmten ihn. Er streckte sich und setzte sich auf, während er nach seiner Brille auf dem Nachttisch tastete. Ohne darüber nachzudenken, setzte er sie auf und zog sich an. Harry öffnete das Fenster. Er blickte auf eine leichte Hügelkette in der unscheinbaren, aber doch so schönen Landschaft.

Es war früher Morgen, die Sonne kam gerade erst hinter dem Horizont hervor, sodass es noch recht dunkel war. Tief sog Harry die Luft in seine Lungen ein. Ein neuer Morgen. Harry fuhr sich durchs strubbelig Haar. Er konnte nicht glauben, dass er wirklich in der Vergangenheit war. Er hatte es wirklich gemacht und er hatte Snape all das sagen können, was er ihm schon immer mal hatte sagen wollen. Ein kleines Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Er war so froh und erleichtert darüber, dem anderen endlich begegnen zu können.

Seine Gedanke wurden unterbrochen, als er seine Blase deutlich spürte. Und eine Dusche könnte ihm auch nicht schaden. Er trat aus seiner Tür und sah den kleinen Flur entlang. Es gab noch sechs weitere Türen. Eine führte ins Wohnzimmer und eine war die Haustür. Er versuchte sein Glück bei der ihm unbekannten Tür gegenüber und war erfreut, das Badezimmer gefunden zu haben. Es war klein, aber ausreichend. Eine Dusche, eine Badewanne, ein Waschbecken und eine Toilette. Alles, was er brauchte.

Und als er endlich das heiße Wasser auf seiner Haut spürte, sich gründlich wusch, fühlte er sich das erste Mal seit Monaten wie ein lebendiger Mensch. Er hatte so lange vor Schmerzen dahin vegetiert. Doch diese Zeit war nun vorbei. Er hatte eine Mission. Und er würde alles dafür tun, dass sich die Geschichte nicht wiederholte. Entschlossen verließ er die Dusche und trocknete sich ab.

Plötzlich öffnete sich die Tür und McGonagall trat ein. "O je", rief sie erschrocken aus und drehte sich um. Harry hielt sich entsetzt das Handtuch vor den Schritt. "Entschuldigen Sie, Mister Potter", sprach sie zur Tür. "Ich muss mich an meinen Hausgast erst gewöhnen."

Harry schlang das Handtuch fest um seine Hüften. "Schon gut, Professor", erwiderte er, als er sich vom ersten Schock erholt hatte. McGonagall verließ das Bad. Harry schloss kurz die Augen und atmete tief ein und aus. Dann schmunzelte er, bis er schließlich laut lachte. Das war absurd. Und er war mit einem Mal sehr froh, dass McGonagall nicht mehr seine Lehrerin war. Das wäre äußerst peinlich.

Als er fertig war und ins Wohnzimmer trat, saß auf dem Sessel seine ehemalige Lehrerin in ihrem Morgenmantel und las die Zeitung. Es war ein so ungewohntes Bild, das aber eine unglaubliche Ruhe ausstrahlte, dass Harry erneut lächeln musste. So einen Frieden hatte er in seinem Innern schon lang nicht mehr gefühlt.

McGonagall sah auf, als er eintrat und legte die Zeitung weg. "Ich möchte mich noch einmal entschuldigen." Harry winkte ab. Dann blieb ihr Blick seltsamerweise an Harrys Brust hängen, während ihre Lippen sich zusammenpressten. Für einen Moment war Harry verwirrt, dann sagte McGonagall: "Ich konnte Narben auf Ihrem Oberkörper sehen." Ihre Stimme zitterte ein wenig, aber ihre Augen waren entschlossen. Sie erinnerte Harry für einen Moment an Hermine. Klar und gefühlvoll. Er riss sich zwanghaft aus seinen Gedanken.

"Sie haben richtig gesehen, Professor." Er schluckte. "Sie haben die Brandnarbe gesehen?", fragte er weiter. McGonagall nickte. "Ich trug einen der Horkruxe als Kette um den Hals, bis wir etwas gefunden haben, das ihn vernichten konnte. Kurz bevor es soweit war, hat er versucht mich zu erwürgen und ist dabei heiß geworden. Daher das Brandmal." Harry rieb sich unbewusst über die Brust und die Schlüsselbeine, für einen Moment versunken in dem schrecklichen Moment, als er dachte zu ertrinken.

"Haben Sie Schmerzen? Brauchen Sie eine Heilsalbe?", fragte McGonagall weiter und holte Harry aus seinen Erinnerungen. Er sah die Besorgnis in ihrem Blick. Er schüttelte den Kopf. "Nicht nötig. Ich habe keine Schmerzen. Es sieht nur fies aus", versuchte er zu scherzen, doch keiner der beiden lachte.

McGonagalls Blick ruhte noch einige Momente auf ihm, ganz so als ob sie sich noch nicht entschieden hatte, ob sie das Thema ruhen lassen sollte. Dann sage sie: "Ich habe ein kleines Frühstück in der Küche vorbereitet, Mister Potter. Ich bin im Bad." Harry nickte und ging dann zu der Tür auf die seine Lehrerin gedeutet hatte. Kurz darauf stand er in einer kleinen Küche aus hellem Holz. Es war rustikal und gemütlich. Auf einem kleinen runden Tisch mit zwei Stühlen am Fenster stand das Frühstück und Harry gönnte sich eine Tasse von dem starken schwarzen Tee und ein Brötchen.

Es tat gut, etwas zu essen. In den letzten Monaten hatte er es nur getan, damit sein Körper am Leben blieb. Jetzt konnte er zum ersten Mal den Geschmack des Essen wieder würdigen. Großzügig bestrich er sich seine zweite Brötchenhälfte mit dem köstlichen Holunderbeerengelee. Genussvoll schloss er die Augen.

"Ein Rezept meines Vaters", sagte McGonagall mit einem Lächeln, als sie wenige Minuten später in der Tür erschien. Sie setzte sich zu Harry an den Tisch und nahm sich ebenfalls eine Tasse Tee. "Hatte Ihr Vater Spaß am Kochen?", fragte Harry, den einen seltsamen Freudenstoß durchfuhr, weil er das erste Mal seit Monaten wahrhaftes Interesse an der Antwort einer solch trivialen Frage hatte.

McGonagall lachte. "Nein, mein Vater war Pfarrer und liebte seinen Garten über alles. Es war für ihn nur natürlich aus allem, was dort wuchs, etwas herzustellen. Das Herstellen überließ er aber lieber meiner Mutter."

"Ihr Vater war Muggel?", entkam es Harry überrascht. "Warum überrascht Sie das?", fragte McGonagall zurück.

Harry zuckte etwas verlegen mit den Schultern. "Irgendwie habe ich immer im Kopf, dass es ungewöhnlich ist, Halbblut zu sein. Zumal die Reinblüter so tatkräftig versucht haben, ihre Interessen durchzusetzen", murmelte er.

Minerva sah ihn überlegend an. "Es spielte in Ihrer Zeit wieder eine Rolle?", fragte sie. Harry nickte. "Ja, der ganze Unsinn über Reinheit des Blutes" Er schluckte. Noch immer war ihm lebhaft in Erinnerung, wie er im Ministerium die grausamen "Verhandlungen" von Muggelgeborenen erleben musste.

"Um Ihre Frage zu beantworten. Ich bin wie die meisten Hexen und Zauberer ein Halbblut. Meine Mutter war eine Hexe, mein Vater ein Muggel."

"Kann so etwas funktionieren?", äußerte Harry seinen Gedanken laut. Erst dann fiel ihm auf, dass es eine ziemlich intime Frage war. "Entschuldigen Sie, Professor."

"Kein Grund sich zu entschuldigen, Mister Potter. Es war schwierig, das kann ich Ihnen gerne sagen. Aber es hängt wohl auch von den Voraussetzungen ab." Da McGonagall es nicht weiter ausführte, fragte Harry auch nicht weiter nach, stattdessen äußerte er: "Glaube ich. Zu Beginn würde man es wahrscheinlich nicht sagen und irgendwann ist es ein Vertrauensbruch, dass man es nicht erzählt hat. Zumal es ein so wichtiger Teil von einem Selbst ist. Und vermutlich ist es für einen Muggel schwer zu akzeptieren, dass es Zauberer und Hexen gibt, und was sie alles können. Es sind zwei vollkommen verschiedene Welten", überlegte Harry und nahm noch einen Schluck Tee.

Als er aufsah, sah er in ungewohnt emotionsgeladene blaue Augen. "Professor?", fragte Harry besorgt. Diese schüttelte sich. "Alles gut, Mister Potter. Sie haben nur eine sehr treffende Analyse vorgenommen."

"Entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin". "Keineswegs. Sie können nichts für meine Erinnerungen." Schweigend tranken sie ihren Tee.

Erst als das Aufflammen des Kamins im Wohnzimmer zu hören war, wurde die Zweisamkeit unterbrochen. Kurz danach trat Snape in die Küche. Harrys Herz machte einen Aussetzer, als er die dunklen Augen sah, die suchend durch den Raum glitten und an seinen hängen blieben. Er lebte.

"Welch heimelige Szene", ätzte er, doch Harry konnte nichts anders als zu schmunzeln, er war froh, diese Stimme erneut zu hören.

"Lassen Sie uns ins Wohnzimmer gehen. Da ist mehr Platz", schlug McGonagall vor und ging mit ihrer Tasse voran, wo sie sich auf ihrem Sessel niederließ. Harry folgte ihr und setzte sich auf das Sofa. Snape nahm auf dem anderen Sessel Platz.

"Wir sollten unseres weiteres Vorgehen planen", sagte dann Minerva und Harry stimmte ihr zu. Daher fragte er: "Ich nehme an, Sie haben viel zu tun?"

"Wie rücksichtsvoll von Ihnen", ätzte Snape dazwischen, was ihm einen dunklen Blick von McGonagall einbrachte, bevor sie Harry zugewandt, antwortete: "Das ist richtig. Das Schuljahr geht bald wieder los. Und die Vorbereitungen für das Trimagische Turnier laufen auf Hochtouren."

Harry nickte und strich sich über die Lippen. Sie mussten einen Plan entwickeln. "Wir müssen unbedingt gut strukturiert und planmäßig vorgehen", begann er. Snape schnaubte abfällig, doch Harry überging es. Er war einfach nur froh, dass der andere noch lebte. "Die Zerstörung eines Horkruxes erfordert sehr viel Kraft und ist unglaublich zehrend. Als erstes brauchen wir etwas, das den Horkrux zerstören kann. Danach erarbeiten wir, welchen wir wann zerstören."

Für einen Moment fühlte er sich jäh an seine Zeiten als "Lehrer" in Dumbledores Armee erinnert. Die beiden hörten ihm trotz des Altersunterschied aufmerksam zu, schienen seine Kompetenz und sein größeres Wissen auf diesem Gebiet ohne Zweifel anzuerkennen. Sogar Snape schien, wenn es um die Sache ging, beinahe neutral ihm gegenüber zu sein.

"Aber vorher muss ich einige Möglichkeit finden, mich im Zweifelsfall zu tarnen. Ich werde so wenig Kontakt wie möglich nach außen haben, um die Zeitlinie nicht zu gefährden, aber im Notfall brauche ich etwas, das mich schnell tarnt."

Er sah nun Snape direkt an. "Wäre Vielsafttrank eine Möglichkeit? Haben Sie den auf Vorrat? Oder vielleicht haben Sie eine andere Idee, wie ich mich tarnen könnte?" Snape schien irritiert von der direkten Ansprache zu sein, denn er zögerte einen Moment, bevor er antwortete: "Eine Verwandlung wäre effektiver." Er blickte McGonagall an, die nickte.

"Können Sie es mir beibringen?", fragte Harry die Verwandlungslehrerin. Snape schnaubte abfällig. McGonagall sah ihn wieder böse an, erwiderte zu Harry aber freundlich: "Sie müssen sich genau vorstellen, welche Veränderung Sie vornehmen möchten. Kleine Veränderungen im Gesicht reichen bereits aus. Dann sagen Sie den folgenden Zauber und bewegen den Zauberstab wie folgt." McGonagall demonstrierte es, schwang ihren Zauberstab in einigen kurzen Bewegungen.

Harry zückte seinen Zauberstab und wollte schon mit der Bewegung anfangen, als er McGonagalls schockierten Blick bemerkte. Er sah sie an. Sie blinzelte einige Male. "Der sieht verblüffend ähnlich aus wie-" Sie starrte ihn an. "Wieso haben Sie Albus' Zauberstab?"

Nun war auch Snapes stechender Blick auf ihn gerichtet. Harry stützte den Kopf in seine Hände, rieb sich kurz darüber. Wie sollte er das bloß erklären? Zumal es nicht mehr exakt der Elderstab war, den Dumbledore hatte. Harry hatte ihn um die Phönixfeder seines alten Stabes erweitert, was dazu geführt hatte, dass die opportunistische, machthungrige Natur des Stabes gewichen war. Er war nun so loyal und vertraut wie sein alter Stab; nur eben viel mächtiger. Er schüttelte seine Gedanken ab. All das war nicht zu erklären, denn über die Heiligtümer wollte er nun wirklich nicht sprechen und auch nicht, wie er in Besitz dieses Stabes gekommen war. "Ich kann es Ihnen nicht sagen", äußerte er daher zerknirscht.

Plötzlich blickte er direkt in Snapes Zauberstab. "Potter, Sie sagen uns sofort, wie Sie in Besitz des Zauberstabes des Schulleiters kommen." Unbeeindruckt sah Harry zurück. Er wusste, dass Snape gut war, aber er hatte den Elderstab. Snape konnte nicht gewinnen.

"Der Zauberstab hat mich als seinen rechtmäßigen Herren anerkannt. Das sollte Ihnen reichen", sagte Harry so ruhig wie möglich.

Die schwarzen Augen sahen ihn weiterhin aus kalkulierenden Schlitzen an. "Das wäre aber nur möglich, wenn Sie Professor Dumbledore in einem Duell besiegt hätten."

Harry ließ den Kopf erneut hängen. Er atmete tief ein und aus. Nein, er wollte nicht an die Szene auf dem Astronomieturm denken. Und es war auch viel zu kompliziert, um es zu erklären, so beschränkte er sich darauf zu sagen: "Nichts wird mehr sein, wie Sie es kennen. Bitte Professor, lassen Sie es einfach ruhen, dieses Thema. Sie ahnen nicht wie schmerzhaft die Ereignisse dahinter sind."

"Wir alle müssen Schmerzen ertragen", kam es geringschätzig von Snape. "Ich weiß", zischte Harry zurück.

"Severus!" McGonagalls Hand an seinem Zauberstabarm ließ ihn sich umwenden. "Lass es gut sein. Mister Potter hat eindrücklich vermittelt, dass wir es nicht wissen dürfen." Snape schnaubte und wollte schon zum Sprechen ansetzen, als McGonagall den Kopf schüttelte - Warnung und Drohung zugleich. Jäh wurde Harry an den Moment erinnert, als McGonagall sich in der Großen Halle auf seine Seite geschlagen und gegen den Schulleiter Snape den Zauberstab gezogen hatte. Die Szene bereitete ihm unerwartete Schmerzen, denn jetzt erst wurde ihm bewusst, dass Snape McGonagall damals nie angegriffen, sondern sich immer nur verteidigt hatte - er hatte seiner alten Kollegin und vielleicht auch Freundin nicht schaden wollen. Harry biss sich auf die Lippe.

"Mister Potter?" Ihre Stimme beförderte ihn in die Gegenwart. Beide Lehrer sahen ihn nun irritiert an. "Entschuldigen Sie", murmelte Harry und besann sich dann auf den Grund seines Zauberstabziehens. Hoffentlich war damit das andere Thema erledigt.

Er vollführte die Bewegung, die er eben bei McGonagall gesehen hatte. Doch richtig flüssig gelang es ihm nicht. Er versuchte es erneut." Sie müssen zweimal nach links, dann nach rechts", warf McGonagall ein. Harry nickte und führte die Zauberstabbewegungen abermals aus. Seine Lehrerin nickte.

Dann konzentrierte sich Harry auf die Veränderung, die er anstrebte, sprach die Zauberformel und führte die Bewegungen aus. Als er in das Gesicht einer lächelnden McGonagall und eines mies gelaunten Snapes blickte, wusste er, dass er es geschafft hatte. "Ausgezeichnet!", rief McGonagall und klatschte in die Hände. Das Lob seiner ehemaligen Hauslehrerin ließ ihn eine Spur erröten. Es war so lange her, dass ihm jemand ein ehrliches Lob ausgesprochen hatte. Voldemorts Vernichtung war für ihn kein Grund zum Loben oder Feiern gewesen - es war das so lang ersehnte Ende eines unnützen Krieges gewesen, der zu viele Opfer gefordert hatte. Er lächelte McGonagall schüchtern an und sagte mit leiser Stimme: "Vielen Dank."

Kurzerhand verwandelte McGonagall ihre Teetasse in einen Spiegel und reichte ihn Harry. Er sah sich an. Seine Augen in ihrer Form und Farbe hatte er behalten, doch war sein Gesicht ein wenig fülliger, seine nun glatten Haare von einem Nussbraun und etwas länger, die Narbe von seiner Stirn war gewichen. Er sah vollkommen anders aus und doch konnte man ihn noch erkennen, aber nur wenn man wusste, wer er war. Das sollte funktionieren. Er sah zu seinen beiden Lehrern, die doch nie seine Lehrer gewesen waren. Er verwandelte sich zurück.

"Könnten Sie, Sir", sprach er nun Snape direkt an, dessen Augen übellaunig auf ihm ruhten. "eine Grundausstattung an Tränken brauen? Wir sollten nicht auf die Jagd nach Horkruxen ohne Absicherung gehen."

"Kann der große Retter der Zaubererwelt das nicht selbst?", säuselte Snape mit einem fiesen Lächeln.

Harry wollte sich nicht provozieren lassen und doch rutschte ihm raus: "In meinem sechsten Schuljahr war ich sehr gut in Zaubertränke, was vielleicht daran lag, dass ich einen anderen Lehrer hatte." Sofort bereute er seine Worte, als er sah, wie Snapes Blick mörderisch wurde. Verdammt! Er hatte sich tatsächlich hinreißen lassen, so zu reagieren, wie er es in seine Schulzeit getan hätte. Mist!

"Entschuldigen Sie, Professor. Das war unangebracht", sagte er sofort. "Es tut mir leid."

Nun starrte Snape ihn an als hätte er einen Geist gesehen. Harry senkte den Blick, schluckte, atmete tief durch und sah wieder auf. "Ich bin nie wirklich gut in Zaubertränken gewesen und auch wenn ich die notwendigen Tränke brauen könnte, sind Sie doch um Welten besser und schneller als ich es je sein werde. Daher bitte ich Sie, die benötigten Tränen zu brauen." Beide Erwachsenen schienen beeindruckt von seiner Eloquenz und seinem erwachsenen Auftreten zu sein.

"Welche Tränke brauchen Sie?", fragte Snape, und dass seine Stimme weder beleidigend noch wütend klang, wertete Harry als kleinen Sieg für sich selbst. "Murtlapessenz war bei der letzten Horkruxjagd unerlässlich. Dann noch Heiltränke der Klasse Drei, Stärkungstrank, Skelewachs und Blutbildungstrank war auch immer hilfreich, solange wir ihn hatten. Haben Sie noch weitere Vorschläge? Sie haben genug Wissen um die Dunklen Künste und deren Auswirkungen, das Sie vielleicht noch einen ergänzenden Vorschlag hätten, Sir."

Snape sah ihn für etliche Momente stillschweigend an. Harry hatte keine Ahnung, was in diesem vorging. Er kannte es nicht, dass sie sich lediglich musterten und nicht gleich wütend aufeinander losgingen. "Ich würde noch einen Trank gegen die meisten Gifte empfehlen. Außerdem Weinrauten-Essenz, die auch unvorhergesehen Spätfolgen von Giften eliminiert. Darüberhinaus wäre wohl ein Trank gegen magische Verbrennungen angebracht. Eine eigene Mischung. Wenn man es in Kombination mit einem Stärkungstrank nimmt, schützt es vor etlichen schwarzmagischen Flüchen und hält warm."

Harry war einfach nur verblüfft. "Das ist genial", raunte er. "Wenn wir das mal damals gehabt hätten." Er dachte an die kalten Nächte im Zelt zurück und an die dunklen Flüchen, denen er in so manchem Duell ausgesetzt gewesen war. Als er aufsah, sah er die gleiche Fragen in beiden Gesichtern. Warum hatte Snape es ihm "damals" nicht gegeben? "Es ergab sich nicht die Möglichkeit", erklärte er wage. "Sie haben uns auf anderem Wege geholfen." Er dachte zurück an die Hirschkuh und lächelte still. Sie war der wunderschönste Patronus, den er je gesehen hatte.

McGonagall räusperte sich und Harry sah auf. "Dann treffen wir uns in vier Tagen wieder. Passt dir das, Severus?" Dieser nickte stumm und verließ das Haus. McGonagalls Blick ruhte noch für etliche Momente auf Harry, dann wandte sie sich ab und informierte ihn: "Sie finden mich in meiner Arbeitszimmer." Dann war Harry allein.

***

Sie trafen sich wie besprochen einige Tage später erneut im Wohnzimmer von McGonagalls Haus. Während sich Harry und McGonagall zwangsläufig täglich sahen, begegnete Harry Snape gar nicht, da dieser nicht in dem Haus erschien. Der Alltag mit seiner ehemaligen Lehrerin war überraschend angenehm. Sie frühstückten morgens zusammen und sahen sich abends für ein Abendessen wieder. Die Zeit dazwischen verbrachte Harry mit Lesen einiger Muggelliteratur, die in dem Gästezimmer zu finden war und mit Überlegungen, wie sie bei der Vernichtung der Horkruxe am besten vorgehen konnten. So war auch recht schnell klar, dass sie erst einmal etwas zum Vernichten brauchten.

Es war Vormittag, als sich die drei wieder zusammenfanden. Harry hatte einen Entschluss gefasst. "Ich muss in die Kammer des Schreckens, um Basiliskenzähne zu holen." "So einen Satz hört man auch nicht jeden Tag", warf McGonagall ein.

"Irgendjemand muss Dumbledore ablenken", fuhr Harry unbeirrt fort. "Professor Dumbledore", zischte Snape missgelaunt. Harry überging es. "Er wusste schon immer, was in der Schule vor sich geht. Und selbst mit Tarnumhang weiß er, wo ich bin."

"Das werde ich übernehmen", meinte Minerva. "Ich wollte mit ihm eh die neuste Ausgabe von Verwandlung heute besprechen." Harry schmunzelte leicht, beließ es aber dabei.

"Dann habe ich wohl die glorreiche Aufgabe Sie zu begleiten", ätzte Snape.

"Ich brauche keinen Babysitter, Sir", sagte Harry zwar freundlich, aber bestimmt.

"O doch, Mister Potter. Ich mag Sie bisher nur drei Jahre lang in der Schule erlebt haben, aber ich weiß, dass da, wo Sie sind, auch Ärger lauert."

Harry konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. "Da haben Sie recht", sagte er mit amüsiertem, selbstironischen Blick. Es war interessant zu beobachten, dass Snape ihn für einen Moment verwirrt in die Augen sah und dann den Blick senkte. Seltsam.

Und so schritt Harry ein wenig später neben Severus Snape unter dem Tarnumhang verborgen ins Schloss hinein. Harry konnte seine Augen von dem Anblick nicht abwenden. Es war so majestätisch und wunderschön, wie er es seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Es war unbeschreiblich, und obwohl es nur ein normaler Tag im August war, spürte Harry ein sehnsuchtsvolles Ziehen beim dem Anblick des unversehrten Schlosses.

Noch nie war er in den Sommerferien im Schloss gewesen, umso überraschter war er von der Ruhe, die herrschte. Niemand begegnete ihnen. Er wollte Snape schon fragen, ob das immer so war, besann sich dann aber eines besseren. Snape würde es nicht zu schätzen wissen, wenn er unter dem Tarnumhang mit ihm sprach und so seine Entdeckung riskierte. Harry hat ihm zuvor gesagt, wo sie hin mussten und so wurde es ein schweigsamer Marsch, den Harry insgesamt recht bedrückend fand. Es wurde deutlich, was Snape von ihm hielt, strahlte er doch in jedem Augenblick eine tiefe Abneigung aus.

Schließlich standen sie im Mädchenklo im zweiten Stock. "Ich hoffe für Sie, dass Sie sich nicht gerade einen Scherz erlauben."

Harry rollte mit den Augen und zog sich den Umhang vom Kopf, verstaute ihn in seiner Tasche. "Zeit für Scherze hatte ich noch nie", erwiderte er nüchtern und trat zum Waschbecken mit der Schlange. Ihn überkam ein jähes Gefühl von Nostalgie. //Öffne//, zischte er und das Waschbecken wich, gab den Eingang zur Kammer des Schreckens frei.

Snape starrte auf die dunkle Öffnung. Harry holte aus seiner Tasche seinen Besen. "Kommen Sie, Sir."

"Ich werde nicht mit Ihnen fliegen."

"Sie können gerne rutschen, aber es ist steil und nicht besonders angenehm. Ich will nicht wissen, wie es nun nach Jahren der Verwesung einer Schlange ist. Damals war es jedenfalls schon unangenehm."

"Sie sind damals einfach in ein dunkles Loch gestiegen ohne zu wissen, was am Ende wartet?", fragte Snape entsetzt. Harry musste grinsen. Snape schüttelte den Kopf. "Törichter Gryffindor."

Snape stieg hinter ihm auf den Besen. "Sie müssen Ihre Arme schon um mich legen, Sir, wenn Sie nicht gleich wieder zu Boden fallen wollen." Snape grummelte etwas Unverständliches und legte dann seine Hände auf Harrys Schulter. Es war offensichtlich, dass er so wenig Körperkontakt wie nötig haben wollte. Innerlich schüttelte Harry den Kopf. So von außen betrachtet, verhielt sich Snape manchmal richtig kindisch.

Er schüttelte den Gedanken ab und stieß sich ab, sofort schlossen sich Snapes Arme um seine Körpermitte. Interessant. Konnte es sein, dass Snape fliegen nicht mochte?

Harry flog so sachte es ihm nur möglich war durch das unterirdische Labyrinth. Der Geruch nach modrigem Wasser und Verwesung wurde immer stechender. Die Luft war ausgesprochen schlecht und Harry bereute es, sich keinen Mundschutz gezaubert zu haben.

Dann ließ er sie beide auf den Boden zurück sinken. Sofort war Snape abgestiegen und Harry verstaute den Besen wieder in seiner Tasche. Er schritt zur runden Öffnung und murmelte //Öffne.//

Und dann lag die Kammer des Schreckens mit ihren hohen Statuen, ihrer Weitläufigkeit und dem Geruch nach Verwesung vor ihnen. Harry kletterte durch die Öffnung. Er hörte, dass Snape ihm folgte. Ein kurzer Seitenblick bestätigte, dass dieser von der Architektur fasziniert war. Harry konnte sich nur ansatzweise vorstellen, wie es sein musste als Slytherin diesen Ort zu betreten.

Harry beachtete Snape nicht weiter und ging zielstrebig zu den Überresten des Basilisken. Die Feuchtigkeit in der Kammer hatte einen üblen Einfluss auf die Verwesung gehabt. Es stank widerlich und alles sah noch überraschend feucht frisch aus. Das Skelett war noch übrig, aber auch einige Hautreste. Harry riss großzügig Zähne aus dem Kiefer.

"Das ist also der Basilisk", murmelte Snape, seine Augen huschten von den Zähnen bis zur Schwanzspitze. Es schien beinahe so als hätte er bisher den Erzählungen über diese Begebenheit keinen Glauben geschenkt.

Harry verstaute die Zähne in seiner Tasche. Er wollte unbedingt sichergehen, dass er genug hatte. Harry war so vertieft in seine Arbeit und dem Nachrechnen, ob er genug Zähne für alle Horkruxe hatte und auch genug als Ersatz, falls welche verloren gehen sollten, dass er das Zischen erst bemerkte, als unfassbar viele Stimmen murmelten: //Eindringlinge!//

Harry sah auf, blickte zu Snape, der einige Proben von dem toten Tier nahm. Für einen Zaubertrankbrauer war dies wohl ein unglaublicher Schatz. Harry sah sich um. "Haben Sie etwas gesagt, Sir?" Snape blickte auf und sah sich suchend um. Sie horchten. Da war es wieder, ein fernes Zischen. Snape verstaute die letzten Proben, beide zückten ihre Zauberstäbe und stellten sich neben das Skelett, die Sinne noch immer geschärft. Harry überlief ein Schauer.

//Angriff//, schallte es plötzlich und Harry handelte instinktiv. Er schickte eine Stichflamme in die Richtung der Stimme, packte Snapes Handgelenk und zog ihn weg von dem toten Tier. Sie rannten den Weg zurück zum Eingang, doch Schlangen krochen mit einem Mal von überall her. Es waren tausende.

Aus der Statue neben ihnen schoss eine hervor, genau auf Snape zu. Nein! Das durfte nicht schon wieder passieren.

Harry handelte ohne nachzudenken. Er warf sich zwischen die attackierende Schlange und Snape, riss diesen mit seinem Gewicht nieder und bedeckte ihn mit seinem Körper. Die Schlange erwischte Harry am Bein und er schrie vor Schmerzen auf. Das hielt ihn dennoch nicht davon ab, seinen Zauberstab zu schwingen und die Schlange mit Wucht von sich wegzuschleudern. Er rappelte sich in eine kniende Position auf, der Schmerz in seiner Wade vergessen.

Er sprach einen lautlosen Sonorus und mit donnernder Stimme rief er: //Hört auf! Ich spreche eure Sprache!//

Es war erstaunlich zu sehen, wie sämtliches Geschlängel erstarb, das Zischen verstummte und die Schlagen ihn anstarrten.

Eine riesige Kobra schlängelte sich aus der Mitte der Tiere hervor, glitt auf Harry zu, der heftig zu keuchen begonnen hatte. Das Gift tat seine Wirkung. Schweißperlen bildeten sich auf seine Stirn. Die Kobra erhob ihren Oberkörper und sah Harry aus dunklen Augen an. //Du sprichst unsere Sprache, Zweibeiner?//, rief sie und sah ihn aufmerksam an. //Das tue ich.//

//Dann verlasst diesen für uns heiligen Ort.// Harry nickte, während ihm gepresst entwich: //Das werden wir.// Er stand auf, ihm wurde augenblicklich schwarz vor Augen, er schwankte.

"Narr", murmelte Snape, als Harrys Knie auch schon wegsackten. Starke Arme fingen ihn, glitten zusammen erneut auf den Boden. "Törichte, unbedachte Gryffindors. Immer nur Ärger", Snape murmelte unentwegt, schien sich richtig in seine Schimpftirade reinzusteigern.

Währenddessen flößte er Harry einen Trank ein, riss sein Hosenbein auf und tropfte irgendwas in Harrys Wunde. Dieser schrie auf. Es brannte wie Feuer. "Sich einfach vor eine angreifende Schlange zu werfen. Ungestüme, dumme…"

Langsam kam Harry wieder zu sich, sah auf und merkte, dass Snape ihn in einem Arm hielt, ihn hochgestützt gegen eines seiner Knie gelehnt hatte. Er saß somit zwischen seinen Beinen und starrte vollkommen verwirrt hoch in schwarze Augen. So nah er war dem anderen noch nie gewesen.

Dann konzentrierte er sich wieder auf Snapes letzte Äußerung. "So sind wir", entgegnete er mit einem Schmunzeln. "Unbedacht, impulsiv." Etliche Momente sahen sie sich an. Da war etwas in Snapes Augen, das er nicht zu entschlüsseln vermochte.

Dann trennten sich ihre Blicke und Harry sah sich in der Kammer um. Die Schlangen hatten sich zurückgezogen. Er hörte nur noch das entfernte Schlängeln. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und rappelte sich dann auf.

Snapes Hand war immer noch an seinem Ellenbogen. Er wandte sich um und sah den anderen an. Schon wieder hatte Snape ihn gerettet. "Danke", sagte er aufrichtig.

"Nicht der Rede wert", wischte Snape seinen Dank weg. "Gegengifte für die gängigsten Schlangen dabei zu haben, ist selbstverständlich für einen Meister der Zaubertränke."

Und aus heiterem Himmel wurde Harry von seinen Erinnerungen eingeholt. "Sieh mich an." Er sah in schwarze Augen, die starben. Naginis Biss. Überall Blut. An Snapes Kehle seine verkrampfte Hand, die irgendwie versuchte ihn zu retten.

"Potter!" Die dunkle Stimme riss ihn aus seinen Erinnerungen, er sah in schwarze Augen, die beinahe besorgt aussahen. Erst jetzt bemerkte er, dass er zitterte. Snape fing schon wieder an in seiner Robe zu kramen. "Nicht nötig, Sir", murmelte Harry und begann sich aufzurappeln. "Erinnerungen", sagte er dann, blickte weg und stand vollends auf. Er fühlte sich noch etwas wackelig auf den Beinen, aber ansonsten ging es ihm gut. "Danke, Sir", sagte er dann und blickte wieder zu Snape. Doch dieser ignorierte ihn, ohne Harrys Blick zu erwidern.

Sie verließen die Kammer, während sie kein einziges Wort mehr wechselten. Der Flug auf dem Besen, der Rückweg nach Hogsmeade, alles geschah in vollkommener Schweigsamkeit.

Harry wusste nicht, was er davon halten sollte. Jetzt, wo er Snapes Vergangenheit und seine Motive kannte, kam ihm sein ganzes Verhalten ambivalent vor. Er hasste Harry und doch beschützte er ihn. Noch nie war ihm so deutlich geworden, wie widersprüchlich das war und noch nie schmerzte es ihn so sehr, zu wissen, dass Snape dies für seine eine große Liebe tat: Lily.  

Wie schwer musste Snape all dies fallen? Immer wieder den Sohn des Mannes zu beschützen, der auch noch so aussah wie sein Peiniger, nur weil er auch das Kind der Frau war, die er geliebt hatte. Snape musste angefüllt sein mit Qualen und Widersprüchlichkeiten. Es war kein Wunder, dass er ihm gegenüber so kalt war und ihn doch immer wieder rettete.

Als Harry schließlich erschöpft in sein Bett fiel, konnte er nicht leugnen, dass er sich wünschte, Snape würde ihm eine Chance geben - wenn er ihn schon nicht um seiner selbst Willen retten konnte.

***

Fortsetzung folgt…

Ich bin ja so gespannt, wie es euch gefallen hat. :-D

Wir lesen uns.
Eure Krissy
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