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Stockholm-Syndrome (Triggerwarning)

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18
13.01.2020
20.08.2020
88
215.276
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15.05.2020 3.086
 
Kapitel 3


„Oh, trinken Sie ruhig, keine falsche Scheu.“

„Danke.“ Ich schmunzelte und kramte aus meinem Rucksack eine Flasche Wasser. Diese Frau bemerkte stets, was ich brauchte. Ihre Scheinwerferaugen beobachteten alles, wie mein Gesicht sich verformte, wie meine Finger nach Gegenständen griffen und wie lange meine Pausen zwischen den Sätzen waren, wenn sie mich etwas fragte.

„Sie sollten wissen, dass Sie sehr stark sind, überhaupt hier aufzukreuzen.“, sagte sie und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Ihr dünnes Lächeln hatte etwas freundliches. „Viele denken, es ist schlecht einen Arzt aufzusuchen. Vor allem, wenn es einem psychisch schlecht geht. Sie denken es ist schwach, allerdings bin ich der Meinung, dass gerade das stark ist. Sich einzugestehen, dass es einem schlecht geht und sich helfen zu lassen.“

„Wissen Sie, ich habe einen Freund mit dissoziativer Persönlichkeitsstörung und eine andere Freundin mit Schizophrenie.“ Ich schwenkte die Flasche ausgiebig und wich ihrem Blick aus. „Ich weiß, wie schlimm es werden kann. Ich habe es schon oft gesehen und miterlebt, und ich will nicht, dass ich vollkommen meinen Verstand verliere.“ Ich lachte zwar, doch meinte das so ehrlich, wie ich es sagte. Sie nickte verstehend und schrieb Notizen auf ihren Block.

„Fühlen Sie sich in der Lage über ihre Entführung zu reden?“

„Ja. Natürlich.“ Ich stellte die Flasche weg und verschränkte die Finger ineinander.

„Okay ...“ Sie machte eine ausgiebige Pause und schob ihre Brille höher. „Wie Sie entführt wurden, haben Sie mir ja bereits erzählt. Mich interessiert jetzt eher, wie sind Sie mit ihren Entführern umgegangen? Wie waren ihre Reaktionen? Wie haben Sie interagiert?“ Ich nickte und biss mir die Lippe blutig. Ich spürte ihren prüfenden Blick und linste zu ihr, als sie bereits Notizen machte.

„Anfangs habe ich diese ganze Sache nicht wirklich ernst genommen. Ich wollte es nicht ganz wahr haben. Ich und entführt ...“ Ich schnaubte. Meine Finger begannen aneinander zu reiben. „Zuerst habe ich Witze gemacht und meine Entführer haben sogar ab und an geschmunzelt oder gelacht. Ich habe nicht einmal wirklich darüber nachgedacht abzuhauen oder, ach, keine Ahnung … Ich habe einfach gehofft, dass jemand aus einer Torte gesprungen kommt und ruft: 'Hey, alles nur ein Späßchen, Ai! Willkommen in Deutschland, du verrückte Nudel!'“. Bei der Vorstellung konnte ich mir kein Grinsen verkneifen, allerdings räusperte ich mich folgend und meinte dann mit leicht zusammengezogenen Augenbrauen. „Aber es kam niemand aus einer Torte gesprungen … Um genau zu sein, hatte ich mir so sehr eingeredet, dass es nur ein Spaß ist … oder mein Vater mir etwas rein würgen wollte … dass das Realisieren noch viel schmerzhafter war als es hätte sein müssen.“

„Ist es für Sie okay mir die Namen ihrer Entführer zu nennen?“ Sonnenstrahlen spiegelten sich in ihrer Brille, als sie kurz zu mir aufsah. Ich verzog die Lippen.

„Nein.“

„Okay. Und, wieso nicht?“

„Ich habe nicht vor diese Leute zu verraten oder ihnen etwas böses zu tun, oder so.“

Sie feixte etwas und legte den Kopf schief. Ich wusste, wie verrückt das klang. „Wieso nicht? Es sind und bleiben ihre Entführer. Es ist eine Straftat, Miss Momoko. Und vermutlich nicht nur eine. Man hat Sie aus ihrem Umfeld gezogen, gegen ihren Willen festgehalten und - ...“

„Ich weiß.“, fiel ich ihr ins Wort und atmete tief aus. „Aber ich habe mit mir selbst ausgemacht, dass ich weder ihren Namen noch einmal in den Mund nehmen werde noch diese Typen vors Gericht ziehen werde. Es wäre so viel Stress und ich will einfach nur Frieden.“ Außerdem hoffte ich, dass ich ihre Gesichter so nicht noch einmal sehen musste.

„Das verstehe ich natürlich. Aber stellen Sie sich vor, wenn Sie sich dazu äußern und diese Männer ins Gefängnis gehen, wären sie nicht mehr in der Lage andere Frauen wie sie zu behandeln.“

„Würden sie nicht.“, sagte ich und presste die Lippen aufeinander. „Da bin ich mir hundertprozentig sicher.“

Wir sahen uns an und schwiegen. Sie war nicht zufrieden mit meinen Aussagen, aber schlussendlich musste sie meine Entscheidungen akzeptieren. „Okay. Dann erzählen Sie doch einmal weiter. Sie sagten, dass die Realität sie härter getroffen hat als nötig, wie genau meinen Sie das.“ Ihre schmalen Lippen schlossen sich und die tiefen Falten ließen sie alt aussehen. Ich musterte sie, bevor ich den Blick abwandte und mit halben Lächeln weitererzählte.

„Na ja … Der … sagen wir Anführer hatte mir Sammlungen von Bildern von Kindern gezeigt. Ab da an hat es bei mir klick gemacht. Ich habe geweint und so beschissen noch einmal Angst gehabt. Dann musste ich auch noch mit bei ihm im Bett schlafen. Ich durfte gar nicht in ein anderes Bett.“ Ich rieb mir mit den Händen übers Gesicht. „Ich sollte mit ihnen zusammen frühstücken und den Tag verleben als wäre es schon immer so gewesen.“

„Sie mussten mit ihm in einem Bett schlafen?“, fragte sie entsetzt.

„Ja.“ Ich lachte verlegen und kratzte mich am Hinterkopf. „Ich habe mich am ersten Tag so sehr dagegen gewehrt. Ich habe gewartet, bis er eingeschlafen ist und bin dann versucht zu fliehen. Weil ich die Schlüssel für den Ausgang nicht gefunden habe, bin ich ausgerastet. Habe gegen eine Tür getreten. Hätte sie damit beinahe geschrottet.“

„Und ihr Entführer?“

„Oh, er ist wach geworden und hat mich natürlich sofort gefunden. Ich weiß noch ganz genau, wie genervt er war und einfach nur sagte: 'Könntest du bitte meine Tür heil lassen?'“. Ich schnaubte amüsiert.

„Er ist nicht ausgerastet?“

„Er hat mich einfach nur wieder ins Bett gebeten. Das war alles.“

„Okay … Wie sind Sie emotional mit diesem Zustand umgegangen? Waren Sie einfach mit denen in einer Wohnung oder, wo waren Sie?“

„Also, erst einmal, wir waren zu viert in einer … Villa. Mit riesigem Garten und gefühlt tausenden Räumen. Sie leben dort normal und eigentlich zu dritt und haben wie gesagt halt immer darauf geachtet, dass alle Türen abgeschlossen waren und die Fenster konnte man nur ankippen und ich wurde nie allein gelassen“ Sie nickte und schrieb. „Und emotional? Puh … Ich bin ehrlich, meine Gefühle haben mich überrannt. Wie gesagt, anfangs war ich sarkastisch und habe alles weg gelacht. Dann begann ich Angst zu haben. Ich habe oft geweint und hatte auch … auffällig viele Nervenzusammenbrüche … aber meist habe ich mich dabei im Bad eingesperrt, oder ging duschen, damit sie es nicht mitbekommen. Innerlich war es immer wieder ein hin und her zwischen froh, nicht bei meinem Vater zu sein, gut gelaunt, weil wir uns irgendwie schon alle verstanden haben, ängstlich, wütend. Und so weiter. Mein Gehirn konnte sich gar nicht entscheiden, was ich zuerst fühlen soll. In ihrer Nähe hatte ich aber meistens ein breites Grinsen auf den Lippen und - ...“

„Sie haben eine panische Angst davor ihren Mitmenschen ihre Gefühle zu zeigen, richtig?“ Ich stockte. Ich fühlte mich ertappt. „Mir ist es schon aufgefallen, dass Sie meist mit einem breiten Lächeln durch die Tür laufen. Wüsste ich es nicht besser, würde ich niemals denken, dass Sie jemals entführt worden sind. Oder ihr Vater sie schlägt. Selbst, wenn sie über traurige Erinnerungen oder ihre Ängste sprechen, lächeln Sie.“

„Ja.“, sagte ich zögerlich und zuckte schief lächelnd mit den Achseln. „Ich hasse es Menschen zu zeigen, dass es mir schlecht geht. Oder nein, eher nicht gut geht.“

„Hassen Sie es oder haben Sie Angst davor?“

Ich ließ die Mundwinkel sinken. Sie war besser als ich dachte.


*****



(Tag 4)


Die Tage in dieser Villa fühlten sich unendlich an. Ich hörte, wie der Zeiger der Uhr tickte und Vögel an dem Fenster des Schlafzimmers vorbeiflogen. Das einzige, womit ich mich etwas aufmuntern konnte, waren die Bücher, die man mir auf den Nachtschrank legte. Aber fehlte mir ein guter Wein und meine Katze, die sich schnurrend auf meinem Schoß einrollte. Es war nicht das selbe, ohne Maleficent. Ich konnte mich kaum auf die Seiten des Buchs konzentrieren, als ich auf dem Bett lag. In meinem Kopf stellten sich tausende Fragen. Ich hatte Angst, dass niemand meine Katze fütterte, oder noch schlimmer, dass es niemanden auffiel, dass ich gar nicht zu Hause war. Außer meinem Vater, der mein Handy von früh bis spät durchklingelte. Oder Max, der mich die Woche noch einmal besuchen wollte. Außerdem wusste ich nicht, wie ich mit meinen Entführern umgehen sollte. Sie blieben stets nett zu mir, baten mir Essen und Trinken an und versuchten meinen Aufenthalt hier so erträglich, wie nur möglich zu machen. Ich schwankte dazwischen, ob ich ihnen einfach freundlich gegenübertreten sollte, damit die Tage hier so normal wie nur möglich auf mich wirkten und ich nicht vollkommen den Verstand verlieren würde, oder ihnen aus dem Weg zu gehen. Auch dieses friedliche Miteinandersein konnte mich meinen Verstand kosten.

Ich gab es auf zu versuchen zu fliehen. Ich hatte es nicht einmal richtig versucht. Ab und an die Fenster abzuchecken und die Türen zu testen, konnte man eindeutig nicht Fluchtplan nennen. Seit der ersten Nacht, in der ich Reese mit einem Tritt gegen die Bürotür weckte, achtete man noch eher darauf, dass alle Räume verschlossen blieben. Ich durfte nicht einmal alleine in den Garten. Ich könnte über die Mauern klettern und abhauen. Und auch, wenn ich soeben allein im Schlafzimmer war, wusste ich, dass irgendwer nicht weit entfernt von mir saß und vermutlich gemütlich einen Kaffee schlürfte. Bereit mir hinterherzurennen, wenn es nötig erschien. Also gab ich es lieber auf, in der Hoffnung, dass ich vielleicht einen Tag später wieder zu Hause sitzen durfte.

Die Schlafzimmertür öffnete sich. Ich linste über die Kante des Buchs und beobachtete schweigend, wie Reese und John in den Raum liefen. Sie trugen volle Reisetaschen in ihren Händen und ließen diese laut auf den Boden fallen.

John arbeitete für Reese und schlief in dem Zimmer gegenüber von unserem. Ich lernte ihn in den ersten Tagen kennen, als er mir am Morgen Essen und Kleidung anbot. Ich verstand nicht ganz, wie er für Reese arbeiten konnte. John war schüchtern. Zurückhalten. Verlegen. Und hüpfte er vor jeder Fliege weg, die ihm auf der Schulter landete. Er wirkte mit mir genauso überfordert, wie ich mit ihm. Wenn er sprach, blieb seine Stimme leise und sein Gesicht lief dabei schnell rot an.
     
John erinnerte mich an ein Model. Er war nicht viel älter als ich. Sein Körper ragte weit in den Himmel und seine Arme und Beine sahen schlaksig aus. Er hatte ein wirklich schönes Gesicht. Symmetrisch, leicht geschminkt und seine Haare klebten hart vom Haargel hinter seinen Ohren. Sein weiß gefärbtes Haar erinnerte mich an Max. Johns natürliches Haar war rot. Ich bemerkte es, als ich ihm einmal während eines kurzen Gesprächs in die Augen sah und seine Wimpern fast schon aufleuchteten.

„Hier sind Klamotten für dich. Tut mir Leid, dass du bis jetzt meine Sachen tragen musstest.“, sagte Reese und richtete sich den Anzug.

„So viele Sachen?“ Ich ging anfangs davon aus, dass ich drei, vielleicht vier Tage bei ihnen bleiben muss. Vier Tage waren bereits verstrichen und mit den Sachen, die man mir schenkte, hätte ich ein ganzes Jahr bei ihnen wohnen können. „Also … ich meine, danke. Aber ist das nicht ein bisschen viel?“

„John hat dir die Sachen herausgesucht.“, sagte Reese und wich damit meiner Frage aus.

„Wie viel hat es gekostet? Ich gebe dir das Geld wieder.“

John feixte und sah hinter Reese's Schulter hervor. Sein weißes Haar baumelte dabei. „Du musst Reese das Geld doch nicht zurückgeben.“ Egal, ob Geisel oder nicht, ich hasste es jemanden auf der Tasche zu liegen. Ich griff in eine Reisetasche und wollte nach den Preisschildern schauen, allerdings waren alle entfernt. Schlussendlich wollten sie mir vielleicht noch einreden, dass ich ihnen etwas schuldig war. Ich rümpfte die Nase.

“Gibt es schon neues von Ryan? Sucht man schon nach mir?”, fragte ich etwas zu spät und lief den beiden hinterher, als sie den Raum verließen. Ich bekam keine Antwort. Bedeutete das, dass man sich noch nicht nach mir sorgte?; oder wollten die beiden keine Informationen zu mir durchsickern lassen? Beim Laufen wandte ich meinen Blick nochmals in Richtung der neuen Klamotten. Wahrscheinlich suchte noch niemand nach mir. Sonst gäbe es keinen Grund, mir einen Jahresvorrat an Kleidung zu besorgen. Ich lief zwischen die beiden. Ihre fragenden Blicke hefteten sich an mir.

“Hättet ihr Lust Kekse zu backen?” Zögerlich formte sich ein Lächeln auf meinen Lippen. Reese blieb stehen und musterte mich. Seine Augenbrauen zuckten leicht. John stolperte beinahe und blieb unsicher hinter Reese stehen. Ich entschied mich für die freundliche Variante. Ihr Vertrauen konnte mir irgendwann noch von Nutzen sein. Wenn ich schon in einer prunkvollen Villa saß, in der ich nichts zahlen musste, wieso sollte ich es dann nicht nutzen? Irgendwie musste ich meine Zeit totschlagen. Und das endlich mit etwas anderem als Büchern.

“Ich ... werde mich erst einmal wieder an meine Arbeit setzen. Vielleicht komme ich später dazu.”, sagte Reese. Er starrte weiter. Ich zog einen Mundwinkel höher und strich mir Strähnen aus dem Gesicht.

“Okay, Ausrede akzeptiert.”, sagte ich und legte meinen Kopf schief, um John zu sehen. “Und du? Machst du mit?”

John nickte leicht. Etwas zu langsam bewegte Reese sich in sein Büro, konnte es sich allerdings nicht verkneifen noch einmal zu uns zu sehen.

Ich packte die Materialien aus und biss mir überlegend die Innenseite meiner Wange wund. Ein Gesprächsthema. Irgendwie musste ich mit den beiden warm werden. “Hast du dir deine Haare eigentlich selbst gefärbt? Die Farbe steht dir.” Mir fiel am Ansatz seines Haars etwas rote Farbe auf. Wenige Sommersprossen linsten unter dem rosigen Make-up hervor. So nah stand ich ihm noch nie.

John murmelte verlegen eine Bestätigung und bedankte sich leise. Eine schüchterne Person zu einem Gespräch drängen, ich gab mir schon einfachere Aufgaben.

“Bist du Friseur??”

“Ja und Designer ... Ich arbeite aber nur für Reese.”, sagte er und wusch sich die Hände.

“Oh, wirklich? Cool. Wie lange schon?” Ich löste meinen Blick von ihm. “Und willst du mal deinen eigenen Salon haben?”

“Schon länger. Ich wohne bei ihm seit meinem 13. Lebensjahr.” John schnaubte leise und räumte die Küchentheke frei. “Ich bin eher weniger der soziale Mensch. Aber ich würde gern irgendwann meine Kollektion rausbekommen.”

Ein zurückhaltender Typ, mit großen Träumen. Ich musste leicht lächeln. “Fühlst du dich eigentlich manchmal ... einsam? Ich meine, Reese arbeitet von früh bis spät. Gesprächig wirkt er auch nicht und der andere Typ ... der ist fast nie zu sehen. Deswegen ... fühlst du dich eigentlich einsam?”  

Johns Mund stand leicht offen, als er mich mit großen Augen ansah. Ich hatte einen wunden Punkt getroffen. “Manchmal ...” Verlegen sah er weg und sagte: “Manchmal, ja.” John erinnerte mich an ein Kind. Ein kleines, einsames Kind, das sich nicht traute zu sagen, wie es sich fühlte, aus Angst, er könnte Menschen zu viel werden. Seine vorsichtigen Bewegungen, seine leise Stimme, die Pausen zwischen seinen Wörtern, selbst die Schminke und die Haarfarbe, die ihn versteckten – sie verrieten ihn. Und ich wiederum konnte Menschen nicht einsam oder traurig sehen. Ich fühlte mich schlecht, fast schon schuldig, wenn ich verletzten Menschen nicht die Hand reichte. Es ist einer meiner größten Schwächen. Denn soeben stand nicht irgendein verletzter Mensch vor mir. Es war einer meiner Entführer. Aber fühlte es sich nicht so an, nicht, wenn er mir so deutlich zeigt, dass er jemanden an seiner Seite braucht. Ich zog nicht einmal in Erwägung, dass er mich manipulierte.

Ich schmunzelte nach kurzer Stille. “Jetzt bin ich ja da, da brauchst du dich nicht mehr einsam fühlen.”  

Wir hielten inne, sahen uns an und lächelten mit warmen Wangen. Mich räuspernd begann ich den Teig zu mischen. “Ich habe
auch eine Zeitlang in England gelebt. Es war wirklich schön dort.”

Er stimmte mir zu. So breit grinsend wie Kinder begannen wir über ein paar Erinnerungen an England zu schwärmen. Wie er als Kind Schlittschuhlaufen geliebt hat, und hätte er gekonnt, wäre er jeden Tag auf das Eis gegangen. Wie er und Reese erste Versuche mit Haarfarben gestartet haben und einmal Reese’s Haare so schlimm zerstörten, dass er sie abrasieren musste. Ich lachte lauthals über diese Vorstellung. Dabei wirkten meine Geschichten nahezu langweilig.

Ich schnaubte amüsiert und drückte eine Form in den Teig.“Verrückt, oder? Mein Vater versuchte mich von Klein auf an zu fördern. Tanzen, Singen, Sport. Das volle Programm.”

“Wurde dir das nie zu viel?” Blinzelnd sah er zu mir und packte ein paar gestochene Kekse auf ein Blech.

Ich feixte leicht und zuckte mit den Achseln. “Ich glaube, es kommt einen nicht so viel vor, wenn man es nicht anders kennt. Außerdem habe ich den Unterricht geliebt.”

“Und dann gibt es mich. Ich gehe ja nicht einmal joggen.” Er begann leicht zu grinsen, als ich lachte.

“Ein Leben ohne Sport. Unvorstellbar.”

“Ich glaube, über so etwas kannst du dich besser mit Reese unterhalten.”, scherzte er und zuckte leicht zusammen, als Reese tatsächlich an ihm vorbeilief, um sich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank zu holen. Fragend sah er uns beide an, als wir etwas lachen mussten. “Wenn man vom Teufel spricht.”

“Hey, John. Kann ich dich eigentlich um einen Auftrag bitten?” Dieser sah fragend zu Reese, der es mit einem Schulterzucken abtat. “Könntest du ein Kleid für meine kleine Schwester designen? Sie ist zuckersüß und liebt Kleider. Traut sich selbst nie welche zu kaufen und meine passen ihr nicht.” Ich spürte Reese's Blick im Nacken, weswegen ich zu diesem linste. Er wich meinen Augen aus.

“Dafür bräuchte ich aber noch mehr Infos.” Er lächelte leicht schief, während ich das Tablett in den Ofen schob.

“Sie ist auf jeden Fall größer als ich.” Ich hob eine Augenbraue, als Reese sich sichtlich Lachen unterdrücken musste.

“Das ist auch nicht schwer, ich meine wie alt bist du?” Er strich sich gespielt überlegend über sein Kinn und schmunzelte dann: “Achtzehn? Da kommt nichts mehr.”

John und ich schauten mit offenstehenden Mund zu ihm. Ich, weil ich beinahe vergaß, dass diese beiden Typen ernsthaft meine Entführer sein sollten und John, weil er nicht mit einem Witz von Reese gerechnet hatte. Ich deutete lachend an etwas nach ihm zu werfen, bevor ich die Arme verschränkte und einen Schmollmund zog. “Ey ...! Ich bin fast neunzehn, okay?” Als Reese erneut feixen musste, fügte ich amüsiert hinzu: “Sorry, dass hier nicht jeder so alt ist wie du.”

Ich musste Träumen. Es konnte nicht wahr sein, dass ich und meine Entführer backten und uns über uns lustig machten. So funktioniert keine Entführung. Die Geisel musste Angst vor den Tätern haben, weinen, versuchen zu fliehen und nicht Mehl in ihre Gesichter pusten. Die Geisel durfte kein Mitgefühl für die Täter haben. Erst recht nicht Empathie.Und doch saß ich zwischen den beiden, mit einem heißen Keks zwischen den Fingern und einem fetten Grinsen auf den Lippen.
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